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Archiv für die Kategorie ‘Benjamin Heinrich’

Solo für den Teufel im Regensburger Elly Maldaque Theater

5. Juli 2011 bhein Keine Kommentare

Der Teufel zu Gast an der Papstuni

(Benjamin Heinrich)

Zwischen dem 8. und dem 10. Juni konnte man im Regensburger Elly Maldaque Theater auf dem Campus der Papstuni eine Reise durch die Kirchengeschichte unternehmen, die den ganzen Wahnsinn aufzeigt, der in den Gedankengebäuden der meisten Religionen vorherrscht. Gespielt wurde Kurt Rasters Stück “Solo für den Teufel”, das der Autor mit Sigrid Grün in der Hauptrolle auch selbst inszeniert hatte. Fast eineinhalb Stunden führt uns der Teufel hier vor Augen, was wir glauben.

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Das Stück ist mal ernsthaft und nachdenklich stimmend, oft amüsant mit kabarettistischen Elementen - und manchmal gefriert einem das Lächeln auf den Lippen, etwa wenn der Teufel in die Rolle eines Priesters schlüpft, der einem kleinen Kind mit seinen Erzählungen von der Hölle Angst einjagt. Im katholischen Bayern wird man von solchen Szenen schon gehört haben, oder man hat es selbst erlebt.
Kurt Raster hat das Stück sehr gut strukturiert. Zunächst erläutert der Teufel Jenseitsvorstellungen, Vorstellungen von Gut und Böse und schließlich widmet er verschiedenen zentralen Figuren des christlichen Glaubens jeweils einen Abschnitt. Wer ist der Teufel? Ist er wirklich der Böse, der die Menschen zur Sünde verführt? Oder ist er nicht vielmehr der “Gott der Freiheit” und damit der “Todfeind jedweden Herrschers”? An dieser Stelle zeigt sich auf eindrucksvolle Weise die emotionale Tiefe, die diese Figur hat. Mit Tränen in den Augen erzählt der anarchistische Teufel von der Ungerechtigkeit, die ihm widerfährt. Nicht der zürnende, strafende Gott, sondern er, der Lichtbringer ist der wahre Held.
Und Gott? Ist er wirklich ein liebender, verzeihender Himmelvater, der es nur gut mit seinen Schäfchen meint? Was sagt die Bibel dazu? Wenn man die heilige Schrift beim Wort nimmt, wird man sich wundern über diesen Gott, den Sigrid Grün als wütendes Rumpelstilzchen verkörpert. Hier blickt kein allmächtiger und allgütiger Greis aus einer Wolke hervor - hier tobt einer, weil er um seine Macht fürchtet. Und prompt fliegen der tumbe Adam, der sich nichtsahnend am Sack kratzt, und die kluge Eva, die mit diesem Mann geschlagen wurde, aus dem Garten Eden heraus. Ist das schlimm? Nein, meint der verschmitzte Teufel, weil Christen dürfen da ohnehin nicht viel Spaß haben. Stattdessen herrscht im Paradies die Schadenfreude vor. Kirchenvater Tertullian frohlockt angesichts der ganzen Strafen, die die sündigen Mitmenschen ereilen.
Auch Jesus wird so gezeigt, wie ihn die Bibel beschreibt. Und hier ist er beileibe kein gütiger Messias, der alle lieb hat. Heute würde man dem Kerl wohl eine narzisstische Persönlichkeitsstörung diagnostizieren. Auch die Rolle seiner Mutter, der ewigen Jungfrau Maria, wird unter die Lupe genommen. Was konstruiert die Theologie hier zurecht, nur um das Hymen dieser Frau zu retten? Ist Klein-Jesulein wirklich auf einem Lichtstrahl in die Welt gerutscht und warum ist Maria bis zum Schluss Jungfrau, obwohl die Bibel mehrfach von Jesu’ Brüdern spricht?  Und dann klingt das Stück aus mit einem berührenden Appell an jeden einzelnen Menschen.

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Sigrid Grün schlüpft in unzählige Rollen, springt von einer Figur in die nächste, wenn sie Dialoge zwischen dem Pfarrer und einem Kind oder zwischen Gott und dem Kind spielt und lässt in einer herrlich komischen Beichstuhlszene zwei Charaktere aufeinanderprallen, die einfach zum Schießen sind. Adam und Eva, Gott, Papst Benedikt, ein schmieriger Vertretertyp, Tertullian, Augustinus und viele weitere Figuren werden hier in 80 Minuten lebendig. Zwischendurch tritt der Teufel auch immer wieder aus der Szene heraus um aus der Perspektive des Autors die eigenen Erfahrungen mit dem Glauben zu reflektieren. Christlich sozialisiert und in einem katholischen Internat erzogen, beginnt diese Figur sich als Jugendlicher und junger Erwachsener Fragen zu stellen. Wie kann es Gerechtigkeit auf der Welt geben, wenn es keinen Gott gibt, der den im Diesseits Leidenden einen Ausgleich im Jenseits gewährt? Diese Frage steht neben vielen anderen im Zentrum dieses teuflischen Solos. Ein Stück also, das auf alle Fälle Fragen aufwirft und dazu anregt, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Ein Stück, bei dem gelacht werden kann, angesichts der Absurdität des Glaubens - und das die Zuschauer mit dem Vorsatz entlässt, selbst all dies zu vollbringen, was man vielleicht manchmal auch ganz gerne einer höheren Instanz überlassen möchte.
Im Anschluss an jede Vorstellung boten der Autor/Regisseur und die Darstellerin noch jeweils die Möglichkeit einer Diskussion an, die vom Regensburger Publikum sehr gut angenommen wurde. Schnell wurde klar: Das Thema bewegt alle - Junge wie Alte, Gläubige wie Atheisten.

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Das Regensburger ue-Theater, das für die Inszenierung des Stückes verantwortlich zeichnet, bietet Interessierten, die das Stück verpasst haben einen Live-Mitschnitt einer Vorstellung an.

Ab Herbst geht die Gruppe mit dem Stück auf Deutschland- und Österreichtournee. Buchungen, DVD und weitere Infos unter

www.uetheater.de

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Buchtipp: Marshall McLuhan. Eine Biografie - von Douglas Coupland

29. April 2011 sgruen Keine Kommentare

Die Generation X im globalen Dorf?

(Benjamin Heinrich)

Douglas Coupland stellt die Frage selbst: Warum eine McLuhan-Biographie und warum gerade jetzt, wenn doch in den letzten zwanzig Jahren bereits zwei solcher Biographien erschienen sind? Und was kann eine solche Biographie Neues beitragen? Zum Teil scheint Couplands Motivation, dieses Buch zu schreiben persönlicher Natur zu sein; zweitens scheint es durch die immer deutlicher hervortretende Aktualität von McLuhans Theorien motiviert zu sein; und drittens scheint es durch die Lust des Schriftstellers am formalen Experiment motiviert zu sein.
Couplands persönliche Motivation ergibt sich wohl aus gewissen Parallelen, die sein eigenes Leben zu dem seines literarischen Objekts aufweist: beide wurden eine Zeitlang als eine Art Stimme des Zeitalters gehyped; beider Namen sind untrennbar mit bestimmten Schlagwörtern verknüpft (D.C.: „Generation X“; M.M.: „das globale Dorf“, „Das Medium ist die Botschaft“); beide wurden fälschlicherweise zumeist für Apologeten der von ihnen beschriebenen Zustände gehalten. Und (diese Tatsache gibt Coupland selbst als ausschlaggebend für seinen Entschluss an, dieses Buch zu verfassen): er. fühlte sich durch die durch das Ausniesen eines blutigen Batzens erzeugte Angst in eine Art von Leidensgenossenschaft mit dem Zeit seines Lebens von Schlaganfällen und anderen Hirnkrankheiten heimgesuchten McLuhan versetzt.
Die zeitgeschichtliche Relevanz, die Coupland McLuhan zuschreibt, geht weit darüber hinaus, ihn lediglich als Urvater der akademischen Beschäftigung mit der Massenkultur zu honorieren. Coupland sieht McLuhan als einen Propheten des Internetzeitalters („Die Welt, die er beschrieb, trat erst Ende des 20. Jahrhunderts mit dem Aufkommen des Internets wirklich zutage.“), dessen Schriften als eine Anleitung zum Umgang mit den durch die technologischen Veränderungen der medialen Umwelt hervorgerufenen gesellschaftlichen und psychologischen Veränderungen gelesen werden können. McLuhan scheint ihm Orientierung zu ermöglichen in einer Welt, in der durch die allgegenwärtige Vernetzung von Allem mit Allem jedes Gefühl von Zeit und Raum verschwindet und der Mensch zu einem „ewigen Nomaden“ wird, „der durch einen zerfließende Landschaft irrt und von einem Tag auf den anderen lebt, auf alles und nichts gefasst.“
Formal versucht sich Coupland sowohl an einer Übertragung von McLuhans sogenanntem „Mosaik-Stil“ auf das Biographie-Genre als auch an einer Imitation des Internet-vermittelten Informationsstroms. Das deutet bereits die Art an, in der das Buch strukturiert ist: das Inhaltsverzeichnis weist lediglich drei Kapitel aus; jedes dieser Kapitel ist unterteilt in unzählige kaum je seitenlange Sinnabschnitte. Kurz gesagt: dieses Buch bietet viele Daten, aber wenig Orientierung. Und wie das Internet bietet es Daten aller Art (medizinische, familien-, wissenschafts-, und kunstgeschichtliche, geographische usw.) und reiht diese Informationshappen, die Stiftung eines kohärenten Sinnzusammenhangs weitestgehend dem Leser überlassend, in (scheinbar) zufälliger, nur lose verknüpfter Manier aneinander. Dabei schont Coupland das Objekt seines Interesses bei aller offenkundigen Sympathie nicht und vermeidet es gerade durch das Fragmentarische seines Stils, eine allzu eindeutige Antwort auf die Frage zu geben, wer McLuhan war, und wie er zu dem werden konnte, der er war.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Coupland, indem er McLuhan eher wie einen Künstler liest und weniger wie einen Wissenschaftler, es schafft, den nur schwer erklimmbaren Berg, den dessen Werk darstellt, etwas zugänglicher zu machen. Und er schafft es, einen Anreiz zu bieten, sich mit McLuhan auseinanderzusetzen, indem er klarmacht, dass es nicht nur darum geht, eine Theorie besser zu verstehen, sondern darum, unsere alltägliche mediale Umwelt auf eine Art und Weise verstehen zu lernen, die uns dazu verhelfen kann, in dieser Umwelt zu überleben, ohne unsere geistige Gesundheit zu verlieren und im Wahnsinn unterzugehen.

Douglas Coupland (Autor)
Marshall McLuhan

www.klett-cotta.de
221 Seiten