Mein erstes testcard
(Jan Neidhardt)
Die Testcard ist ja gewissermaßen der Ferrari unter den Fanzines. Hat man doch schon mal von gehört, wenn man sich für popkulturelle Themen interessiert. Selbst mal reingeguckt haben vielleicht die wenigsten. Kein Wunder, denn das Teil, was ja doch eher ein dicker Reader als ein “Zine” ist, hat ja auch einen stolzen Preis.
Dafür hat man aber auch was Hieb- und Stichfestes bei der Hand, denn hier schreiben z.T. namhafte Soziologen/ Journalisten / Kulturwissenschaftler (Poptheoretiker) mit Fußnoten und Quellenangabe-
Die Geschmackspolizei hat es sicher schwer, gegen eine von einem Martin Büsser, Linus Volkmann oder gar Diedrich Diedrichsen vorgebrachte Meinung anzupöbeln.
Langer Vorrede kurzer Sinn: große Erwartungen öffnen ihren geifernden Rachen: Damit kommen wir endlich auch zum Thema von Testcard No.19, den Blühenden Nischen. - Die Zeit in der die Popwelt via Subkultur und den passenden Medien offen Anhaltspunkte gab, wie man sein Leben, ob im Rahmen des “Mainstream” oder abseits davon leben kann, scheinen längst vorbei zu sein.
Superstars wie Michael Jackson sind Teil der Vergangenheit, genau wie die Zeit einer linear verlaufenden Popgeschichte.
Auch Mainstream ist längst zur Nischenkultur geworden, der Traum vom Rockstar-Dasein, ebenso wie der Traum vom großen Geld und von großen Innovationen - in weite Ferne gerückt.
Nischen, das heißt doch von wenigen für wenige produzierte Musik (u.a.) - etwas das sich im Internet verbreiten lässt, und das letztlich dem Produzenten, kein großes Risiko einer fehlgeschlagenen Investition mit auf den Weg gibt. Folge: Angebot in unglaublicher Breite, wobei aber auch gesehen werden muss, dass die Zahl der Rezipienten in den allermeisten Fällen überschaubar bleibt (noch überschaubarer erscheint dann leider die Zahl derer, die bereit sind auch dafür zu bezahlen).
Wahrscheinlich ist die Zeit vorbei, in der man sich über bestimmte Bands definieren konnte (Stehst Du auch auf THE WHO, oder was?
) So erfährt man bei Martin Büsser (S.10): “Die Kids von heute stört das kaum. Das neue ist ihnen egal geworden. Sie hören die Plattensammlungen ihrer Eltern durch, laden sich die Doors auf den iPod und tragen T-Shirts von Nirvana. Pop als realer gegenwärtiger Lebensvollzug war gestern.”
Das klingt natürlich alles recht sentimental - so als wollte man dem guten alten Rockenroll schon mal das letzte Geleit geben. Doch das Buch wäre wohl nicht so dick geraten, steckte nicht noch ein bisschen Leben drin:
33 Berichte, Essays, Interviews und Reportagen tummeln sich hier zum besagten Thema der Nische, in das man sich natürlich z.T. ein bisschen hineindefinieren muss, aber eigentlich, wir wissen es ja auch schon, ist ja heute selbst der Mainstream Nische.
- Leider lässt sich im Rahmen der Rezension nicht jeder Aufsatz im einzelnen würdigen, als kleine Vorschau, kann ich aber einiges erwähnen und somit empfehlen: u.a. sind mit dabei ein Bericht über Labels und Musikszene in Ostdeutschland, Independent-Szene in Toronto, Geschichte der House-Szene (sehr spannend und oft erheiternd, wie damals was zustande kam), Alternative Arbeitskonzepte im Technobereich,- in New Weird Finland wird der Frage auf den Grund gegangen, warum man eigentlich die Finnen oft für ein bisschen abgedreht hält (meiner Meinung nach ist da definitiv was dran
), “Die Schachtel”, ein italienisches Label mit bewegter Vergangenheit wird vorgestellt, Gudrun Gut und monika-enterprises, dann ein schöner Bericht über etwas, was alle über 30 sicher noch kennen werden: die gute alte Kassette (gibt heute schon wieder Labels, tss), Plattenladen Unrock, Silke Arp-bricht, Prog-Rock heute, 13 Osward Road, 30 Jahre The Ex… Puh- das war vielleicht zum Appetitanregen schon mal genug und ich will hier auch nicht schon alles verraten, was den potentiellen Leser im Testcard 19 erwartet.
Ich glaube, man kann lang dran hinlesen (und das ist hier eine sehr gute Eigenschaft).
Zum Schluss verfügt Testcard auch noch über einen tollen Rezensionsteil, der Anregungen in puncto Musik, Buch, Comic, Film en masse bietet,
Fazit: Testcard lohnt sich, denn man kann sich gut und anspruchsvoll unterhalten lassen und wunderbar querlesen einerseits, andererseits kann man sich mit der geballten Theorie zum Poppapst z.B. seiner Jahrgangsstufe aufschwingen. Der ein oder andere wird vielleicht seinen Blick auf die bunte Welt der Medien und der Selbstdarstellung, einem der großen Themen unserer Zeit schärfen. Ein spannendes und sicher auch ein wenig in die Zukunft weisendes Stück Zeit- und Mediengeschichte, sozusagen der Status Quo des Jahres 2010, wir werden erleben wie es weitergeht.
Martin Büsser u.a. (Herausgeber)
testcard. Beiträge zur Popgeschichte 19. blühende nischen
www.ventil-verlag.de
312 Seiten