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Archiv für die Kategorie ‘Jan Neidhardt’

Veranstaltungstipp: Literaturfest in Beratzhausen

27. Juli 2012 jneidh Keine Kommentare

Freitag und Samstag, den 3. und 4. August:

Literatur- und Kunstfest in Beratzhausen auf den Laberwiesen am Essenbügl.

Der Markt Beratzhausen lädt zu Lesungen, Kabarett, Liedermachern und Geschichtenerzählern.

Im Rahmen der Literaturtage im Oberpfälzer Jura findet in Beratzhausen am ersten Augustwochenende am Essenbügl an der Laber ein Literatur- und Kunstfest statt.

Los geht es am Freitag den 3. August um 20.00 Uhr im Kulturzelt am Essenbügl. Hier liest Siegfried Schüller satirische Gedichte und Kurzgeschichten, begleitet durch die Weltmusikgruppe Didge´n´Drums. Der Autor aus Mühlhausen am westlichen Rand der Oberpfalz unterhält mit Satire aber auch gesellschaftskritischen Stücken. Didge´n´Drums spielen Didgeridoo in Kombination mit afrikanischen Schlaginstrumenten. Die Stücke sind oft improvisiert und die archaischen Töne sind geeignet, den Zuhörer in die musikalische Urzeit zurückzuführen.

Samstag, den 4. August findet von 14-16.00 Uhr am Essenbügl eine Mal- und Schreibwerkstatt rund um den Skulpturenpark statt. Die Teilnehmer können sich bei einer Schnitzeljagd näher mit den einzelnen Skulpturen beschäftigen und selbst kreativ werden. Die Beiträge werden im Stadel ausgestellt und um 19.00 Uhr mit Hilfe des Publikums prämiert. Jeder Teilnehmer erhält einen Preis.

Zusätzlich gibt es von 15-16.00 Uhr ein Musik-Mitmachprogramm für Kinder von 4-10 Jahren im Kulturzelt mit dem Liedermacher und Musikpädagogen Fredman Lill.

Ab 16.30 wird es im marokkanischen Königszelt des Liedermachers spannend: “Von Tamtam auf BastScho“, eine Lesung mit Andrea Kreuz, Dieter Lohr und Rolf Stemmle mit musikalischer Begleitung, wartet auf den Zuhörer. In den Erzählungen geht es “ums Ausbüchsen aus der heimischen  Enge und gleichzeitig ums Dableiben und die verzwickte Schwerkraft des Vertrauten.”

19.00 Uhr schließlich werden Bilder und Texte des Wettbewerbs prämiert und eine Vernissage der Sommerakademie mit den Arbeiten der Meisterklasse von Professor Constantin Flondor findet statt.

Buchtipp: Nichtstun. Eine Kulturanalyse des Ereignislosen und Flüchtigen

16. Juli 2012 sgruen Keine Kommentare

Die “leeren” Zeiten des Alltags

(Jan Neidhardt)

Wenn man Oscar Wilde vertrauen darf, dann ist “Nichtstun [...] die allerschwierigste Beschäftigung und zugleich diejenige, die am meisten Geist voraussetzt”.
Das lässt sich auch leicht verifizieren. Die meisten Leute hassen es untätig z.B. auf die Reparatur des Autos warten zu müssen, oder Verspätungen in öffentlichen Verkehrsmitteln hinzunehmen, selbst wenn es sich nur um wenige Minuten von durch äußere Umstände auferlegte Untätigkeit handelt.
Bewusstes Nichts-tun oder auch Gar-nichts-tun, wie z.B. bei manchen Formen der Meditation, davon träumt man vielleicht schon öfter, wenn einem der Stress über den Kopf zu wachsen scheint, aber wer das einmal ausprobiert hat, weiß auch, wie schwierig es uns heute fällt einfach mal Stillstand zuzulassen.
Von dem was mit uns passiert, wenn vermeintlich nichts passiert, handelt das Buch der beiden schwedischen Ethnologen Billy Ehn und Orvar Löfgren “Nichtstun - Eine Kulturanalyse des Ereignislosen und Flüchtigen”.
Das gut lesbare und streckenweise sehr spannende Buch nähert sich auf kulturwissenschaftliche Weise durch Beobachtung, Befragung und Auswertung von Romanen jenen Zuständen, die hier auch als Hinterhöfe der Kultur beschrieben werden.
Das “Nichtereignis” wird nach drei Kategorien aufgeschlüsselt: Dem Warten, den Routinen und den Tagträumen. Es wird deutlich, wie wichtig z.B. Tagträume sind und wie sie, obwohl oft als unproduktive auch antisoziale Zeitverschwendung gebrandmarkt, in Wahrheit oft eine Quelle von Kreativität aber auch Erholung sind.
Routinen machen unseren Alltag zu dem was er ist, stellen aber auch, trotzdem sie als langweilig verachtet sind, eine ökonomische Stütze dar und sind auch - öfter als man meint - durchaus lustbetonte Verrichtungen, bei denen man wiederum gerne auf Tagträume zurückgreifen kann, wie z.B. beim Abwasch oder Malerarbeiten.
Das Warten stellt schließlich eine ganz essentielle Kulturerfahrung dar. Schon Kinder müssen Abwarten lernen, müssen ihre Bedürfnisse zugunsten mehr oder weniger organisierter Abläufe im Zaum halten. Wartezeiten können natürlich auch vielfach genutzt werden, man kann sie aber auch bewusst verstreichen lassen. Kulturtypisch ist auch die Erfahrung in der westlichen Welt, dass viele Menschen Teile ihres Lebens (oder auch das ganze) in einer Art Warteschleife zu verbringen scheinen.
Das Buch zeigt einfach sehr schön, dass eben “ungenutzte” Zeit, ob wir das anerkennen können oder nicht, ein sehr wichtiger Teil unseres Lebens ist. Es zeigt, dass der Umgang mit dieser Zeit immer durch kulturelle Vorstellungen geprägt ist, abhängig von Zeit und Herkunft des betroffenen Menschen. Und es ist auch ein Buch, das Hoffnung machen kann, in Hinsicht darauf, dass eben in Zeiten der Ereignislosigkeit auch Potenzial zur Veränderung und zu einem kreativen Umgang mit sich selbst steckt.
Man muss es nur zulassen…

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Billy Ehn; Orvar Löfgren (Autoren)
Nichtstun. Eine Kulturanalyse des Ereignislosen und Flüchtigen
www.his-online.de
303 Seiten

Buchtipp: Das Rätsel der Donauzivilisation

3. Juni 2012 jneidh Keine Kommentare

Archäologische Entdeckungen im “alten Europa”

Die Wiege von Schrift und Zahlen wird gerne in Mesopotamien angesiedelt. Somit geht man meist davon aus, dass hier die Wiege der Zivilisation in unserem heutigen Sinne stand. Neuere archäologische Funde in Osteuropa, vor allem in Rumänien, Bulgarien und dem ehemaligen Jugoslawien, zeigen aber, dass es dort bereits zwischen dem 6. und 4. Jahrtausend vor Christus Kulturen gab, die schriftliche Aufzeichnungen hinterließen und die alle Anzeichen von sogenannten Hochkulturen mitbrachten, wie etwa ein entwickeltes Städtewesen, eine Verwaltung, ausgefeilte religiöse Kulte, Handwerkstechniken, Kunst und anderes mehr, das für eine entwickelte Gemeinschaft charakteristisch ist.

Durch den eisernen Vorhang waren diese Entdeckungen zur Zeit des Kommunismus natürlich nur sehr beschränkt zugänglich und wurden auch zum Teil aus ideologischen Gründen unter Verschluss gehalten.

Im Buch erklärt der Sprach- und Kulturwissenschaftler Harald Haarmann, gut auch für Laien verständlich, wie man sich das Leben am Ende der Jungsteinzeit in den regelrechten Städten der Menschen damals vorstellen kann und welche neuen Erkenntnisse über diese Zeit vorliegen. Spannend ist, dass besonders darauf eingegangen wird, dass nicht die Griechen die eigentlichen „Erfinder“ der Zivilisation in Europa sind, sondern die sogenannten Pelasger, also die Vorläufer noch-nicht-indogermanischen Ursprungs, die viel eher in Südosteuropa siedelten. Das wird besonders spannend auch anhand sprachwissenschaftlicher Erwägungen dargestellt, die zeigen, dass bestimmte Schlüsselwörter bei den Griechen, z.B. was Landwirtschaft oder kultische Handlungen angeht, sprachlich auf ältere Vorläufer zurückgehen müssen, als auf die Indogermanen, eben die Menschen die vorher schon im „alten Europa“ gelebt haben. Z.B. ist das Baskische als heute erhaltene Sprache wohl auf solche alten Sprachen zurückzuführen.

Auch ohne sehr viel Hintergundwissen über die verschiedenen, teils heftig umstrittenen Theorien, die im Buch angeschnitten werden, ist es doch erstaunlich, was lange vor den Griechen in Europa schon für Entdeckungen gemacht wurden, dass eben schon Schrift existierte und mehrstöckige Häuser gebaut wurden, dürfte den meisten Lesern doch neu sein. Auch die Kunst der damaligen Zeit birgt erstaunliche Überraschungen, so werden Statuetten vorgestellt, die kaum von modernen Plastiken zu unterscheiden sind.

Das Buch ist eine spannende Lektüre für alle,die sich für Archäologie interessieren und die bereit sind sich auf intellektuell herausfordernde Pfade tief ins Herz des alten Europa am Ende der Steinzeit zu begeben.

Das Rätsel der Donauzivilisation - Die Entdeckung der ältesten Hochkultur Europas

Das Rätsel der Donauzivilisation - Die Entdeckung der ältesten Hochkultur Europas

Harald Haarmann
Das Rätsel der Donauzivilisation. Die Entdeckung der ältesten Hochkultur Europas
www.chbeck.de
283 Seiten

“Ächz, Seufz, Zack, Bumm?!? Literatur und Comics?!

29. Mai 2012 jneidh Keine Kommentare

Unter diesem Motto ist noch bis 30.09.2012 eine Ausstellung im Literaturhaus Oberpfalz in Sulzbach-Rosenberg zu sehen.

Der Comic scheint sich in den letzten Jahren mehr und mehr aus der Schmuddelecke wegzubewegen, in die ihn Pädagogik und bürgerliches Kulturverständnis eingentlich von Anbeginn seines Entstehens abgeschoben hatten. Die nicht nur für Comicfans interessante Ausstellung in den Räumlichkeiten des Literaturarchivs Sulzbach-Rosenberg zeigt, wie sich in den letzten Jahren der Comic den Weg in die Feuilletons erobert hat und auch renommierte große Verlage, die Bildgeschichten gerne in Form der Graphic Novel in ihr Programm aufnehmen und sie als Literatur deklarieren.

Alois Nebel, eine tschechische Graphic Novel, die Anfang des Jahres bei Voland & Quist erschien, ist ein aktuelles Beispiel, dem in der Ausstellung sogar ein eigener Raum gewidmet ist. Alois Nebel, der Fahrdienstleiter, der auf der einsamen Bahnstation im deutsch-tschechischen Grenzgebiet von den Schatten der Vergangenheit verfolgt wird, erzählt im Holzschnitt und mit allen Attributen des klassischen Comics mitteleuropäische Geschichte des 20. Jahrhunderts. Hier überschneiden sich Genres wie Comic, Roman und Sachinformation auch in ästhetisch einmaliger Weise.

In der Ausstellung sind u.a. Originalzeichnungen der beiden Autoren Jaromir 99 und Jaroslav Rudis zu sehen, sowie weiterreichende Informationen zum Hintergrund der Geschichte.

Jaromir99 - Comicautor und Sänger der Band Priessnitz

Jaromir99 - Comicautor und Sänger der Band Priessnitz

Die beiden Autoren waren übrigens zur Eröffnung der Ausstellung am 24.05.12 anwesend und traten hier auch mit Priessnitz (einer zur Zeit in Tschechien sehr angesagten Band - file under: Rockgitarre und Gesang und natürlich auf Tschechisch) auf. Zwischen den Songs gab es Geschichten rund um Alois Nebel und Informationen über Undergroundkultur in der Tschechoslowakei (vor 1989). Man konnte u.a. erfahren, dass sich die Autoren in die Psychiatrie einweisen ließen, um dem Militärdienst zu entgehen. Aus dieser Zeit stammt auch ein wichtiger Teil der Inspiration zum Comic.

Jaroslav Rudis und Kameramann

Jaroslav Rudis und Kameramann

Die Ausstellung hat aber auch sonst einiges zu bieten: So wird hier z.B. ein neu aufgefundenes Original von Wilhelm Busch gezeigt. Die Bildgeschichte “Der Kuchenteig” wurde vor einigen Jahren im Archiv des J.E. von Seidel-Verlages entdeckt und zeigt offenbar eine Vorstufe zu Max und Moritz mit dem gewohnt martialisch-pädagogischen Anspruch eines Wilhelm Busch.

Für mich als Fan besonders interessant ist auch der Ausstellungsbereich zum österreichischen Comiczeichner Nicolas Mahler, der mit seinen “Alten Meistern”, einer Comicadaption von Thomas Bernhards Roman, es tatsächlich fertig brachte, den Suhrkamp Verlag zu “knacken” und in dazu zu bringen, ein Comic in sein Programm aufzunhemen.

Die Ausstellung ist zu sehen im:

Literaturhaus Oberpfalz

Rosenberger Str. 9

92237 Sulzbach-Rosenberg

Telefon (09661) 8159590

online erreichbar unter:

info@literaturarchiv.de

www.literaturarchiv.de

Öffnungszeiten:

Dienstag bis Freitag 9-17 Uhr

(außer an Feiertagen)

Sonntag 14-17 Uhr

Buchtipp: “Krieg oder Frieden - Die arabische Revolution und die Zukunft des Westens” von Hamed Abdel-Samad

14. Dezember 2011 jneidh Keine Kommentare

Der Tahrir-Platz in den Köpfen…

(Jan Neidhardt)

Hamed Abdel-Samad, geboren 1972, ist ein deutsch-ägyptischer Politikwissenschaftler, der die revolutionären Ereignisse in Ägypten im Frühjahr 2011 hautnah miterlebt hat.

In “Krieg oder Frieden” schildert er seine Sicht der Dinge und unterbreitet darauf aufbauend Vorschläge, wie der Westen die arabischen Staaten, die sich ihrer Diktatoren entledigt haben, unterstützen kann um nicht den Ultrareligiösen die schnell gewonnene Oberhand zu ermöglichen.

Das Buch ist eigentlich nicht bei diesen Vorschlägen am spannendsten, sondern eher in Bezug auf die Darstellung, wie stark die Vernetzung durch das Internet via Facebook und Co in den arabischen Staaten Einfluss auf die politische Entwicklung nimmt. Der “arabische Frühling” ist, wie bei Lektüre des Buchs schnell deutlich wird, eigentlich ohne das web 2.0 und gerade Facebook kaum denkbar.

Spannend sind besonders die Verhältnisse in Ägypten dargestellt, weil immer wieder auch persönlich Bezüge thematisiert werden, ohne die das Buch wahrscheinlich wesentlich trockener ausfallen würde. Abdel-Samad war schließlich am Tahrir-Platz Zeuge und Mitakteur der Demonstrationen, die letztlich zum Sturz Mubaraks führten. Der Sturz, darüber lässt das Buch auch wenig Illusion, ist aber nur ein Teilschritt in Richtung einer Verbesserung, der politischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten.

Die Ereignisse in Tunesien, in den Emiraten, Syrien und Libyen werden ebenfalls in diesen Kontext gestellt und analysiert. Interessant finde ich hier auch die Rolle, die Medien wie der Fernsehsender Al-Jazeera übernehmen und von wem und aus welchen Interessen heraus diese finanziert werden.

Es zeigt sich, dass hier sehr viele mitmischen und einmal mehr, dass der Islam, durchaus nicht die große Uniformität besitzt, die ihm westliche Medien gerne vereinfachend zuschreiben.

Das Buch ist mittlerweile vielleicht von der Geschichte schon wieder etwas überholt, man denke z.B. an den Sturz Gaddafis, der damals noch nicht vollzogen (wenn auch schon absehbar) war. Es ist spannend zu lesen, da die Ereignisse ein persönliches Gesicht bekommen und eine differenzierte Wahrnehmung der arabischen Welt ermöglicht wird.

Hamed Abdel-Samad (Autor)
Krieg oder Frieden - Die arabische Revolution und die Zukunft des Westens
www.droemer.de
236 Seiten

Buchtipp: Theatertexte aus dem Ghetto Theresienstadt 1941-1945

11. Juli 2011 jneidh Keine Kommentare

Aus der “Als-ob”-Stadt

(Jan Neidhardt)

Theresienstadt, auf Tschechisch und heute Terezín, gelegen in Nordböhmen, ist eine Festung, die als Konzentrationslager zu trauriger Berühmtheit gelangt ist. Das Konzentrationslager wurde durch die deutschen Besatzer hier im Juni 1940 errichtet und diente zunächst als Lager für den Tschechischen Widerstand gegen die Nationalsozialisten. 1941 entstand hier das sogenannte Ghetto Theresienstadt als Lager für die jüdische Bevölkerung von Böhmen und Mähren. Das Ghetto war vorübergehend auch eine Art Vorzeigeeinrichtung, in der die Nazis zu  Propagandazwecken der Welt beweisen wollten, dass sie die Juden gut behandeln würden.

Das vorliegende Buch (herausgegeben von Lisa Peschel) beinhaltet Theatertexte, die im Ghetto Theresienstadt in den Jahren 1941-45 von jüdischen Gefangenen verfasst wurden. Sicher sind Theatertexte eine Sache, die man nicht in einem Konzentrationslager erwarten würde, aber so unglaublich es aus heutiger Sicht klingt: In Theresienstadt wurde unter widrigsten Bedingungen getextet und es wurden dramatische und kabarettistische Stücke zur Aufführung gebracht.  Das Buch versammelt eine kleine Auswahl der hier entstandenen Stücke, die inhaltlich und genremäßig zunächst sehr unterschiedlich zu sein scheinen. Interessant an der Sammlung ist auch, dass alle Stücke und erklärenden Texte zweisprachig auf Deutsch und auf Tschechisch im Buch vorhanden sind. Die Texte haben meist, und das kann vielleicht zunächst überraschen, einen sehr humorvollen Anklang, oft handelt es sich um auch um gereimte Verse, mit zahlreichen Sprüchen und Anspielungen versehen. -Deshalb muss eine Übersetzungsarbeit hier auch besonders schwierig gewesen sein. Man kann sich oft nur dem Sinngehalt (sei es auf Deutsch oder auf Tschechisch)  annähern.  Ich denke aber, sprachlich ist das Wunder der Übersetzung doch geglückt und es sind  gut lesbare und oft auch überaus witzige Texte entstanden, wobei sich manches aber einfach nicht übersetzen lässt, hier springen die gut recherchierten Anmerkungen und Erklärungen im jeweiligen Anhang hilfreich ein.

Um noch einmal auf den besonderen Humor vieler Stücke zurückzukommen: z.B. “Ehrenbeleidigung”, ein Sketch von einem unbekannten Autor, über einen Mann, der u.a. den Auftrag hat “Knödel und Buchteln” an der Essensausgabe zu zählen, sich aber überhaupt keine Zahlen merken kann und dafür auf allerhand “mnemotechnische” Tricks zurückgreifen muss, ist teilweise rasend komisch erzählt und steht voller Verweise auf die deutsche Verwaltung und Bürokratie, die mit vielfältigen Nummerierungen auch zur Demütigung und Unterdrückung der Ghettobewohner beiträgt. Humor erscheint als eine Möglichkeit, sich ein Stück seiner Würde zu bewahren, vielleicht aber auch als Möglichkeit, das ganze Grauen überhaupt irgendwie zu verarbeiten, oder als Mittel sich selbst und die anderen wenigstens für ein paar Minuten aus der Situation heraus zu holen. Vieles was sich hier sehr lustig liest, lässt den Leser natürlich bei Bedenken des Hintergrunds mit einem sehr ambivalenten Gefühl zurück.

11 wenig bekannte bzw. ganz neu aufgefundene tschechische und deutschsprachige Theatertexte finden sich im Buch, die jeweils als sichtbar abgegrenzte, einzelne Texte erscheinen. Die Reihenfolge ist ohne einen inhaltlich sichtbaren Zusammenhang gewählt. Die Texte entstammen so unterschiedlichen Genres wie Sketch, Drama, Puppentheater, Liedern, Versen, Kabarett und Satire. Was vielleicht zunächst bunt gewürfelt erscheint, offenbart aber doch immer wieder eins: Wie Menschen, die oft völlig entwurzelt und von Mangel und Tod bedroht sind, versuchen eine Ausdrucksmöglichkeit ihrer Verzweiflung zu finden. Hier sieht man wiederum, dass dieses wohl oft über den Humor geschieht.
Die Texte, die hier versammelt sind, sind alle unveröffentlicht und in mühevoller Arbeit übersetzt und mit Hintergrundinformationen versehen worden. Die Zusammenarbeit mit Zeitzeugen und Nachfahren, sowie die Archivarbeit hat hier eine wichtige Rolle gespielt.

Ich fand an dem Projekt besonders spannend, die Möglichkeit den Menschen, die im Ghetto von Theresienstadt leben mussten und meist heute vergessen sind, zumindest einen Teil ihres Gesichts zurückzugeben. Auf der anderen Seite wird es auch möglich, einen Teil des Alltagslebens (so weit man unter diesen Bedingungen davon sprechen darf) zu rekonstruieren. Der künstlerische Aspekt sollte auch nicht zu kurz kommen, denn viele der Texte sind nicht nur deshalb interessant weil sie aus dem Ghetto stammen, sondern auch weil sie dem Leser darüber hinaus etwas mitteilen können. Viele Texte zeugen eben auch wie bereits angesprochen von einem herausragenden Humor und satirischen Talent.
Fotografien bieten einen Einblick in die Editionsarbeit, hier werden die Schriften gezeigt, wie sie der Herausgeberin vorlagen. Z.B. schwer leserliche Zeilen mit Schreibmaschine auf dünnes Pergamentpapier getippt. Andererseits sieht man fröhlich anmutende Plakate fürs Kabarett und Theater, die man so sicher nicht in einem Ghetto vermuten würde.

Besonders erschütternd und beeindruckend fand ich z.B. das Stück “Wir suchen ein Gespenst” von Hanuš Hachenburg. Der junge Autor dieses satirischen Puppenstücks war bei seiner Deportation erst 13 Jahre alt! Genaueres kann man über den Jungen, der wahrscheinlich 1944 in Auschwitz ermordet wurde, nicht herausfinden. Das Stück selbst zeigt eine besondere Begabung zur Satire und zu allegorischen Darstellung. Die Charakterisierung des Puppenstücks, die in dem editorischen Essay thematisiert wird, kann ich nur unterstreichen und hier wiedergeben: “Hachenburgs literarisches Experiment vibriert von Energie, schwarzem Humor und poetischer Tiefe.”, hier treten viele Figuren des traditionellen Puppentheaters auf, neben neuen Gestalten wie Polizist, Jude und Minister: “das kann man gewissermaßen als gesellschaftskritische Stichprobe auffassen.” (S.129). Hier werden die Gebeine alter Menschen als Rohstoff aufgefasst und selbst der Gevatter Tod leistet für den Diktator Sklavenarbeit. - Deutlicher kann man es wohl nicht sagen, als in diesem Puppentheaterstück aus dem Ghetto von Theresienstadt.

Lisa Peschel (Herausgeberin)
Divadelní texty z terezínského ghetta 1941-1945/ Theatertexte aus dem Ghetto Theresienstadt 1941-1945
www.akropolis.info
555 Seiten

Buchtipp: testcard 19. blühende nischen

8. Mai 2011 jneidh Keine Kommentare

Mein erstes testcard

(Jan Neidhardt)

Die Testcard ist ja gewissermaßen der Ferrari unter den Fanzines. Hat man doch schon mal von gehört, wenn man sich für popkulturelle Themen interessiert. Selbst mal reingeguckt haben vielleicht die wenigsten. Kein Wunder, denn das Teil, was ja doch eher ein dicker Reader als ein “Zine” ist, hat ja auch einen stolzen Preis.

Dafür hat man aber auch was Hieb- und Stichfestes bei der Hand, denn hier schreiben z.T. namhafte Soziologen/ Journalisten / Kulturwissenschaftler (Poptheoretiker) mit Fußnoten und Quellenangabe-

Die Geschmackspolizei hat es sicher schwer, gegen eine von einem Martin Büsser, Linus Volkmann oder gar Diedrich Diedrichsen vorgebrachte Meinung anzupöbeln.

Langer Vorrede kurzer Sinn: große Erwartungen öffnen ihren geifernden Rachen: Damit kommen wir endlich auch zum Thema von Testcard No.19, den Blühenden Nischen. - Die Zeit in der die Popwelt via Subkultur und den passenden Medien offen Anhaltspunkte gab, wie man sein Leben, ob im Rahmen des “Mainstream” oder abseits davon leben kann, scheinen längst vorbei zu sein.

Superstars wie Michael Jackson sind Teil der Vergangenheit, genau wie die Zeit einer linear verlaufenden Popgeschichte.
Auch Mainstream ist längst zur Nischenkultur geworden, der Traum vom Rockstar-Dasein, ebenso wie der Traum vom großen Geld und von großen Innovationen - in weite Ferne gerückt.

Nischen, das heißt doch von wenigen für wenige produzierte Musik (u.a.) - etwas das sich im Internet verbreiten lässt, und das letztlich dem Produzenten, kein großes Risiko einer fehlgeschlagenen Investition mit auf den Weg gibt. Folge: Angebot in unglaublicher Breite, wobei aber auch gesehen werden muss, dass die Zahl der Rezipienten in den allermeisten Fällen überschaubar bleibt (noch überschaubarer erscheint dann leider die Zahl derer, die bereit sind auch dafür zu bezahlen).

Wahrscheinlich ist die Zeit vorbei, in der man sich über bestimmte Bands definieren konnte (Stehst Du auch auf THE WHO, oder was? :) ) So erfährt man bei Martin Büsser (S.10): “Die Kids von heute stört das kaum. Das neue ist ihnen egal geworden. Sie hören die Plattensammlungen ihrer Eltern durch, laden sich die Doors auf den iPod und tragen T-Shirts von Nirvana. Pop als realer gegenwärtiger Lebensvollzug war gestern.”

Das klingt natürlich alles recht sentimental - so als wollte man dem guten alten Rockenroll schon mal das letzte Geleit geben. Doch das Buch wäre wohl nicht so dick geraten, steckte nicht noch ein bisschen Leben drin:

33 Berichte, Essays, Interviews und Reportagen tummeln sich hier zum besagten Thema der Nische, in das man sich natürlich z.T. ein bisschen hineindefinieren muss, aber eigentlich, wir wissen es ja auch schon, ist ja heute selbst der Mainstream Nische.

- Leider lässt sich im Rahmen der Rezension nicht jeder Aufsatz im einzelnen würdigen, als kleine Vorschau, kann ich aber einiges erwähnen und somit empfehlen: u.a. sind mit dabei ein Bericht über Labels und Musikszene in Ostdeutschland, Independent-Szene in Toronto, Geschichte der House-Szene (sehr spannend und oft erheiternd, wie damals was zustande kam), Alternative Arbeitskonzepte im Technobereich,- in New Weird Finland wird der Frage auf den Grund gegangen, warum man eigentlich die Finnen oft für ein bisschen abgedreht hält (meiner Meinung nach ist da definitiv was dran ;) ), “Die Schachtel”, ein italienisches Label mit bewegter Vergangenheit wird vorgestellt, Gudrun Gut und monika-enterprises, dann ein schöner Bericht über etwas, was alle über 30 sicher noch kennen werden: die gute alte Kassette (gibt heute schon wieder Labels, tss), Plattenladen Unrock, Silke Arp-bricht, Prog-Rock heute, 13 Osward Road, 30 Jahre The Ex… Puh- das war vielleicht zum Appetitanregen schon mal genug und ich will hier auch nicht schon alles verraten, was den potentiellen Leser im Testcard 19 erwartet.

Ich glaube, man kann lang dran hinlesen (und das ist hier eine sehr gute Eigenschaft).

Zum Schluss verfügt Testcard auch noch über einen tollen Rezensionsteil, der Anregungen in puncto Musik, Buch, Comic, Film en masse bietet,

Fazit: Testcard lohnt sich, denn man kann sich gut und anspruchsvoll unterhalten lassen und wunderbar querlesen einerseits, andererseits kann man sich mit der geballten Theorie zum Poppapst z.B. seiner Jahrgangsstufe aufschwingen. Der ein oder andere wird vielleicht seinen Blick auf die bunte Welt der Medien und der Selbstdarstellung, einem der großen Themen unserer Zeit schärfen. Ein spannendes und sicher auch ein wenig in die Zukunft weisendes Stück Zeit- und Mediengeschichte, sozusagen der Status Quo des Jahres 2010, wir werden erleben wie es weitergeht.

Martin Büsser u.a. (Herausgeber)
testcard. Beiträge zur Popgeschichte 19. blühende nischen

www.ventil-verlag.de
312 Seiten

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Jahresrückblick 2010 oder wo ist Frau Madesta?

6. Januar 2011 lweser Keine Kommentare

Liebe Leser,
Nun ist es also wieder vorbei, ein recht unspannendes und durchschnittliches 2010. Aber das macht nichts. Zumindest blieben größere Katastrophen aus und immerhin haben wir ja noch den Aufschwung.
Wir danken unseren Lesern für Ihre Treue und wünschen allen ein kreativ überbordendes und produktives 2011.

Die Kultur-Ostbayern-Redaktion.

rueckblick2010

Filippo Franco:
Konzert The Transisters im W1 (schon wieder) und Uncle Sally im Spital-Keller
Entdeckung die tschechische Ost-Prog-Combo Psí Vojáci, die den Soundtrack zu Vít Pancířs Film Sestra lieferten
filmische Entdeckung der total queere Stummfilm Salomé von Alla Nazimova
Verlust Chez Thierry und Ari Up
Highlight Zündfunk on Ice
Enttäuschung der Alzheimer - Kulturförderpreisträger
Überraschung dass die Heimat keine Berichterstattung wünscht
Tonträger Roman S. - Something To Believe In
Begegnung Markus Lüppertz und Elch-Mutter mit Elch-Kind
Das Schönste Ende vom Winter 2009/10 und der Anfang vom Winter 2010/11
verpasster Bericht das sind leider zu viele
unmöglicher Bericht die Uncle Sally-CD-Präsentation mit “Unterstützung” der Heaven-To-Hell-Heels-Line-Dancer im Spital-Keller
Sigrid Grün:
Theaterinszenierung Die Erfindung der Freiheit in Falkenstein inszeniert von Till Rickelt
Buch Theatertexte aus dem Ghetto Theresienstadt 1941-1945 (deutsch-tschechisch)
Sachbuch “Tiere essen” von Jonathan Safran Foer
Lehrbuch Tschechisch fürs Leben
Getränk Limoncello in bella Italia
filmische Entdeckung Filme der tschechischen neuen Welle - nova vlna
Bäcker Bio-Bäcker im Bioladen am Justizgebäude
Jan Neidhardt:
Theaterinszenierung Die Erfindung der Freiheit oder Kann denn Fliegen Sünde sein? von Till Rickelt
Lysann Weser:
Highlight Uncle Sally CD-Präsentation mit Maibock und Line-Dance im Spitalkeller. Einfach nur abgefahren!
Theaterinszenierung Ostbayern Diesmal gab es gleich zwei super Inszenierungen:
1. Der blaue Engel Stück von Heinrich Mann/Peter Turini, Inszenierung von Johannes Zametzer im Theater am Haidplatz Regensburg
2. Die Präsidentinnen Stück von Werner Schwab, Inszenierung von Gisela Maria Schmitz im Turmtheater Regensburg
Theaterinszenierung der Bayerischen Theatertage Die Kontrakte der Kaufmanns Stück von Elfriede Jelinek, Inszenierung von Stefan Otteni vom Staatstheater Nürnberg
Ballett Schwanensee in der Olaf Schmitt Version Theater am Bismarckplatz, Regensburg
Hörbuch Was das Gedicht alles kann: Alles Live Mitschnitt der Essner Poetikvorlesung von Robert Gernhardt
Sachbuch Basst scho! Band 2 von Ludwig Zehetner
Buch Gesichter eines Dorfes von Stefan Winkelhöfer (Fotos) und Harald Grill (Texte)
Film Im Schatten von Thomas Arslan
kurzfilmisches Entdeckung Sinmie Heg und Noitam Rofni bei der Dagie Brundert Werkschau im Wintergarten bei der Regensburger Kurzfilmwoche
schillernster Gast Markus Lüpertz
Konzert Kein so gutes Jahr was Konzerte betrifft. Der netten Atmosphäre wegen: Stanley Brinks & Freschard beim: Hemdendienst zu Gast im Wohnzimmer
Ausstellung Uni mit Kunst im Kunst- und Gewerbeverein Regensburg
Bester Veranstaltungstitel: Frank Zappa-Zitat: “Iß nicht den gelben Schnee” als Titel einer Ausstellung im Kunstverein GRAZ
Enttäuschung des Jahres Kein Konzert von Dirschl und Starzinger
höchste Besucheranzahl pro Quatratmeter Vortrag von Prof. Elsässer beim Heimspiel im Wintergarten und Eröffnung Galerie Isabelle Lesmeister
Skandal des Jahres 1. Stadt Regensburg vergibt keinen Kulturförderpreis
2. bei Kulturreferentenwahl soll Opposition übergangen werden
3. Entlassung von Frau Madesta als Leiterin des Kunstforums Ostdeutsche Galerie
Verbindung zwischen 2010 und 2011 Baltikum
2010: 3 x bei Kultur-Ostbayern [1] [2] [3] - 2011: Tallin ist Kulturhauptstadt

talin_fuer_web

Buchtipp: Eine Kiste explodierender Mangos

21. Dezember 2010 jneidh Keine Kommentare

Im Keller des Mogul-Palasts

(Jan Neidhardt)

Ich habe wirklich selten so einen spannenden und gleichzeitig lustigen Roman gelesen. Nicht ganz ein Roman, denn der Hintergrund um den Diktator Zia-ul-Haq, der Pakistan in den 80er Jahren regierte ist ja real und hier geht es um die Umstände seines Ablebens. Diktaturen haben ja oft die Eigenart bei allem Schrecken, der sie aufrecht erhält, etwas letztlich doch auch Lächerliches zu haben, eben Real-Satire zu sein. Das zeigt sich hier auch in den tausend Ängsten des frömmelnden Zia, die ihn eigentlich doch eher als tragikomische Gestalt erscheinen lassen. Die Geschichte die in diesem Buch erzählt wird, spielt großteilig aus der Sicht des Kadetten Ali Shigri, eines überzeugten Soldaten. Hier zeigt sich auch das zweite Element dieser wirklich gelungenen Satire: Der Militarismus, der in Pakistan erkennbar eine sehr wichtige Rolle spielt. Die Pakistanis scheinen sich in diesem Buch als eine Art Preussen des Mittleren Ostens zu geben, die sehr viel auf militärisches Zeremoniell und Disziplin geben und sich als Soldaten durch besonderen Gehorsam und allerhand ernst zu nehmende Vorschriften auszeichnen. Jedenfalls hat man hier als Leser schon aus diesem Grund viel zu lachen. Was ich an diesem Buch ziemlich gelungen finde, ist einfach die Verbindung von Spannung und geistreichem Witz und Beobachtungsgabe. Es kann einen die kritische Distanz, die der Autor, der ja selbst auch Pilot in der pakistanischen Luftwaffe war, erstaunen. Sicher auch mutig, etwas Derartiges über das eigene Land zu schreiben. Jedenfalls ist ein sehr gut unterhaltendes Buch dabei herausgekommen, was mir persönlich auch Lust gemacht hat, mehr über Pakistan zu erfahren.

Mohammed Hanif (Autor)
Eine Kiste explodierender Mangos
www.a1-verlag.de
384 Seiten

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Buchtipp: Watchmen - Alan Moore

20. Februar 2010 jneidh Keine Kommentare

Wer gibt auf die Wächter acht? - Superhelden reloaded

(Jan Neidhardt)

Ok, Superhelden - hab ich mir gedacht - eigentlich nicht so ganz meine Welt..
auch der Stil hat mir anfangs nicht so richtig gefallen, das sah erst alles ein bisschen künstlich aus.

Trotzdem hab ich mir den Band mal vorgenommen, Comic und Film werden ja vielfach diskutiert… Und bin dann aus dem Lesen und Schauen gar nicht mehr herausgekommen. Alan Moore und Dave Gibbons entwerfen mit diesem Comic ein ganz eigenes Universum aus einer tollen Idee, einer gut erzählten Geschichte und unglaublich vielen Querverweisen auf die Literatur, die Philosophie, Wissenschaft und Religion und natürlich das Comicgenre selbst.

Die Idee ist einfach, einen neuen Blick auf die Superhelden zu ermöglichen. Diese werden in einer Zeit gezeigt, zu der ihr Dasein eigentlich überflüssig geworden ist. Der “Keene-Act” verbietet das Vigilantentum. Das Misstrauen der Bürger in ihre einstigen Helden ist zu groß geworden. “Who watches the watchmen?” ein Zitat hergeleitet vom altrömischen Dichter Juvenal prangt an jeder Wand. Die Superhelden müssen sich veränderten Zeiten anpassen. Die einen gehen in Pension (mehr oder weniger glücklich), andere machen im Auftrag des Staats weiter (Wissenschaft und “Dreckarbeit”) , einer scheint sich dem Kommerz zu ergeben und vermarktet sich hemmungslos und schließlich gibt es noch einen (Rorschach, den Maskierten und heimlichen Haupthelden der Story), der auf eigene Faust in der Illegalität weiterhin das Verbrechen bekämpft.

Als ein einstiger Mitstreiter (The Comedian) ermordet wird, warnt Rorschach die anderen, da er vermutet, dass es jemand auf “Maskierte” abgesehen hat. Die Geschichte wendet sich in eine Richtung weltbedrohenden Ausmaßes.

Superhelden als Menschen mit Problemen, vielleicht nicht ganz alltäglichen, aber doch mit Sinnkrisen und anderen Anfechtungen und dem Dilemma, in das einen die eigenen Macht bringen kann, sind sicher nicht der übliche Actionstoff, den man aus Comics gewöhnt ist, da hier doch Schwierigkeiten des menschlichen Lebens im Allgemeinen gezeigt werden.

Spannend ist auch, dass die Welt der Watchmen zwar eine fiktive ist, aber doch sehr viele Probleme, die in den 80ern die westliche Welt beherrschten, verarbeitet werden. Ich will nur kurz als Beispiel den Kalten Krieg, Jugendgewalt und die Medialisierung des täglichen Lebens nennen, die in diesem Comic sehr stark thematisiert werden.

Der Comic ist auch deshalb interessant, weil hier Verbindungen zu verschiedenen literarischen oder anderen künstlerischen Werken eine Rolle spielen. Das macht die Story um so reizvoller, wenn man um die Hintergründe weiß (sie lässt sich aber auch sonst sehr gut lesen, keine Sorge - aber vielleicht bekommt man nach dem Comic ja auch mal Lust z.B. einen Blick in Friedrich Nietzsches “Also sprach Zarathustra” zu werfen…)

Was mir auch sehr gut gefallen hat, ist die Symbolsprache in diesem Buch - der Smiley, der sich nachher auch auf dem Mars in einem Krater wiederfindet und ähnliche Ideen und die Verbindung von Gerichtsakten, autobiographischen Büchern etc., die jedem Kapitel vorangestellt ist.

Die Bilder sind bewusst in einem etwas unterkühlten Stil gehalten, der eben an diesen für die Superheldencomics typischen erinnert. Vieles ist hier aber grade ästhetisch sehr ansprechend. Oft wird aber auch in grausamen Darstellungen geschwelgt, wobei manches vielleicht auch nicht für Leute mit schwachen Nerven oder Kinder zu empfehlen ist.

Wenn man sich auf diesen Comic einlassen will, wird man auf jeden Fall gefesselt werden und hat mindestens für ein Wochenende genug zu lesen. Die deutsche Ausgabe kommt sogar mit einer recht interessanten Erläuterung (am Schluss) des Comics daher - was die Relevanz des genauen Hinschauens bei dieser Graphic Novel unterstreicht. Leider ist die Übersetzung ins Deutsche meiner Meinung nach nicht immer so gelungen, was aber dem Lesevergnügen eigentlich keinen Abbruch tut - trotzdem der Blick ins englische Original lohnt sich auch.

Alan Moore (Autor)
Watchmen
www.panini-verlag.de
436 Seiten für 29,95 Euro

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