Archiv

Archiv für 24. Juni 2009

“Ich will nicht sein wie Alle Anderen!”

24. Juni 2009 lweser Keine Kommentare

Maren Ade: Alle Anderen, Ostentorkino Regensburg

Kaum hatten wir das Glück Lola Randls Die Besucherin sehen zu dürfen, schon gibt es wieder einen herausragenden Film einer jungen deutschen Regisseurin. Alle Anderen ist Maren Ades (Jahrgang 1976) zweiter Langfilm. Auf der Berlinale 2009 wurde er mit dem Silbernen Bären, dem Großen Preis der Jury, ausgezeichnet.

Der Inhalt ist recht schnell zusammengefasst: ein junges aber ungleiches Paar, wird im Urlaub mit sich selbst konfrontiert. Die Situation gerät aus den Fugen, als Gitte und Chris auf ein befreundetes Paar treffen. Das erinnert nicht nur ein bisschen an Martin Walsers Ein fliehendes Pferd. Der Unterschied: bei Alle Anderen geht von dem befreundeten Paar keine sexuelle Anziehung für die beiden aus. Allein die Spieglung ihrer Beziehung im Umgang mit den Anderen genügt, um das fragile Konstrukt in Frage zu stellen und schließlich zu zerbrechen.

Dass die Geschichte dennoch ganz anders und viel dynamischer wirkt, liegt nicht nur daran , dass die Protagonisten und ihre Beziehung jünger sind. Es  ist vielmehr der Hauptfigur Gitte geschuldet. Und sie wiederum, wie der gesamte Film, lebt von Birgit Minichmayrs Präsenz und schauspielerischer Kraft. Birgit Minichmayr (geboren 1977 in Linz) hat ihr Können bereits am Wiener Burgtheater und mittlerweile auch in sehr vielen Film bewiesen. Zahlreiche Preise erkennen ihre einzigartige schauspielerische Leistung an. Darunter der silberne Bär als beste Darstellerin der Berlinale 2009 für ihre Rolle in Alle Anderen.

Welche Frau wäre nicht gern wie Gitte. Sie ist schön, witzig, klug und - kompromisslos? Nicht ganz, denn für Chris versucht sie durchaus Kompromisse einzugehen. Nur warum? Was will sie eigentlich von diesem Langweiler? Die Liebe kann man sich nicht aussuchen. Genau darin liegt natürlich die Spannungskraft. Chris ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um Gittes bereichernde Einzigartigkeit zu würdigen. Da geschehen schnell gegenseitige Verletzungen. Eine Bedrohung liegt die ganze Zeit in der Luft, auch dann, wenn der Film komische Szenen hat. Damit spielt Maren Ade natürlich auch. Drei große Überraschungsmomente gibt es in Alle Anderen. Jedes Mal ist sich der Zuschauer lange nicht sicher, ob nun die Tragödie ihren vollen unaufhaltsamen Lauf genommen hat.

Alle Anderen läuft im Ostentorkino in Regensburg.

Alle Anderen, Deutschland 2009, 119 min Regie: Maren Ade Darsteller: Birgit Minichmayr, Lars Eidinger, Hans- Jochen Wagner, Nicole Marischka

Jeden Tag ein Köpfl Bier

24. Juni 2009 lweser Keine Kommentare

1. Spitalfest, St. Katharinenspital, Regensburg, 20./21. Juni 2009

Über das Spitalfest bin ich mehr oder weniger gestolpert. Zwar hatte ich in den letzen Tagen das Banner mit der Ankündigung gesehen, doch ich hatte eigentlich nicht explizit vor dieses Fest zu besuchen. Am Wochenende gab es ja in Regensburg und Stadtamhof einen Kultur-Overkill. Allein auf dem Dreieck Jahninsel-Spital-Grieser Spitz gab es drei mehrtägige Veranstaltungen: Jahninselfest, Spitalfest und Nachwuchsbandcontest. Die Geschmacklosigkeit eines überdimensionalen, aufblasbaren Bierkrugs vor dem Spital zeigte mir auch sogleich, welche der drei Veranstaltungen ich definitiv nicht besuchen würde. Aber muss man, wenn man für eine Kulturseite arbeitet nicht aufgeschlossener für breitgefächerte Kulturangebote sein? Und nun ja, das Spital: älteste Brauerei Regensburgs und einzige noch in Stadtamhof, mit wirklich gutem Bier und Teil des Weltkulturerbes. Also! Ich überwandt meine natürliche Abwehr. Und wurde zum Teil sehr positiv überrascht!

Volksfest im Hof der Spital-Brauerei

Volksfest im Hof der Brauerei

Das Spital hatte sich wirklich Mühe gegeben und ein sehr gutes Konzept als Grundlage. Man vergisst ja oft, dass das Spital eine Stiftung mit Alten- und Pflegeheim ist und nicht nur eine Brauerei mit großem Touristenbiergarten. Beim Fest konnte man alle Abteilungen der Stiftung kennenlernen. Es gab Kaffee und Kuchen in der Cafeteria und der Terrasse des Altenheimes. Im Garten konnten die Kinder auf Pferden reiten. In der Stiftskapelle wurde am Sonntag ein Gottesdienst gehalten. Und an Führungen konnte man wahlweise durch die Brauerei, die Stiftsanlage oder das Spitalarchiv teilnehmen.

Im Bereich des Getränkedepots waren Bierbänke und -Tische, sowie eine Bühne aufgestellt. Es gab Spanferkel, Steckerlfisch und natürlich Bier und das auch noch zu wirklich fairen Preisen. Sieben junge Trachtler sangen und bliesen, ganz ohne elektrische Verstärkung Bayerische Lieder. Und das hat mich vielleicht am meisten überrascht. Keinen gruseligen Halli Galli oder Herz-Schmerz Quälerein mit völkstümlichen Anleihen, sondern tradiertes Liedgut und Eigenkompositionen, vorgetragen von jungen gutaussehenden Menschen im passenden G’wandt. Die 6 lustigen Fünf ist der Name der Band, und auf die Fahne haben sie sich wohl den Erhalt altbayerischer Blasmusik geschrieben.

Aber ein paar Vorurteile wurden dann doch noch bestätigt. Die befürchtete Horrorkombo kam nämlich im Anschluss an Die 6 lustigen Fünf und vertrieb die gute Stimmung und mich.

Bei der Brauereiführung lernte ich dann nicht nur einiges über das Bierbrauen im Allgemeinen, sondern auch über die Historie und die Umstände der Spitalbrauerei im Besondern. Die alten Räume der Brauerei haben so viel Atmosphäre, dass ich ganz ins Schwärmen geriet. Das Regensburger Reinheitsgebot ist übrigens, ebenso wie das Münchner, älter als das bayerische (1516). Damals wurde allerdings nur Hopfen, Malz und Wasser erwähnt. Man wusste zwar, dass in der Nähe von Bäckereinen besonders gutes Bier gebraut wurde, doch dass das an den in der Luft befindlichen Hefesporen lag, war noch nicht bekannt. Ein altes Märchen transportierte die Erfahrung bereits: “Heute back ich, morgen brau ich…” Das Malz erhielt man bis letztes Jahr noch vom traditonellen Familienbetrieb gegenüber: Mälzerei Hermann. Der alte Stiftungscharakter wurde damals so umgesetzt, dass jedem Bewohner am Abend ein Köpfl (0,83 Liter) Bier zustand.

Ich hoffe, dass es im nächsten Jahr wieder ein Spitalfest geben wird (vielleicht ohne aufblasbaren Bierkrug). Dann möchte ich unbedingt das Archiv mit den historischen Schriften kennenlernen.

Braukessel und alte Biertragl'n

Braukessel und alte Biertragl'n

Brauereiführungen (und weitere Führungen) gibt es übrigens das ganze Jahr hindurch. Mehr Infos unter: www.spital.de

Die 6 lustigen Fünf sind wieder in Stadtamhof beim Bürgerfest in oben genannter Mälzerei Hermann zu hören und zu sehen. www.die6lustigen5.de