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Archiv für August, 2009

Donaureise in die Vergangenheit - Hörbuch

28. August 2009 lweser Keine Kommentare

Eva Demski: Mama Donau

Eva Demskis Reise auf und entlang der Donau ist eine Reise in die Vergangenheit. Auch wenn sie die Gegenwart beschreibt, spiegelt sich darin immer das Vergangene. Sie vergleicht die besuchten Orte mit denen ihrer Erinnerung. Es ist ein sehr persönliches Buch. Sie reist, wenn sie am Ufer der Donau steht an die Orte ihrer Kindheit (wie in Regensburg), oder ihrer frühen Erwachsenenjahre. Als noch junge Journalistin hatte sie bereits Budapest und Bukarest besucht und beschreibt sie nun aus ihrer Erinnerung. Diese Geschichten sind interessant und voll Leben. Es scheint unwahrscheinlich, dass diese Städte heute mehr Charme und Seele besitzen als damals.

Eva Demskis Beschreibungen beginnen in Regensburg, ihrer Geburtsstadt. Dann reist sie zur Donauquelle bei Donaueschingen. Viele kurze Stopps legt sie in Donauorten nahe Regensburg ein: Donauwörth, Neuburg, Weltenburg, die Walhalla in Donaustauf und Straubing. Sogar Kallmünz, obwohl an der Naab und nicht an der Donau gelegen, erhält in dem Kapitel “Ausfüge und Nebenflüsse” eine Würdigung. Dann geht es weiter donauabwärts. In Passau besteigt sie die “Donauprinzessin”, ein Kreuzfahrtschiff. Damit geht es weiter nach Grein, Ypps, Melk, Dürnstein, Wien. Dann werden die Abstände zwischen den Stationen immer größer: es folgen Erinnerungen an Budapest 1977 und an Bukarest 1971.

Eva Demski Sprache ist facettenreich: von poetisch verklärt wenn sie im Vergangen schwelgt bis zum Teil zynisch verbittert wenn sie die Freveleien der Gegenwart beschreibt. Wer mag das nicht verstehen angesichts von Donauausbau, Betonbauten und Obi-Baumärkten in der Puszta. Die Autorin unterfüttert ihre Beschreibungen auch mit politischen, kunst- und kulturgeschichtlichen Informationen. 

Mama Donau gibt es auch als Hörbuch. Eva Demski liest hier selbst und zwar sehr überzeugend mit fester Stimme. Für die eingeflochtenen Zitate zum Beispiel von Georg Britting, Joseph Roth, Helmut Qualtinger, Tibor Déry und Günter Buchheim, erhält sie Unterstützung unter Anderem von Martin Hofer und Peter Heeg. Die Atmosphäre der Erinnerungen und der Charakter der Donau wird durch Pianobegleitung betont. Vor allem Stücke romantischer Komponisten: Schumann und Brahms, aber auch von Haydn und Beethoven, lassen die Donau plätschern, rauschen und tosen.

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Eva Damski: Mama Donau,
LOhrBär-Verlag (2007)
3 Audio-CDs; 19,90 €

Mit dem Paddelboot zum schwarzen Meer

28. August 2009 lweser Keine Kommentare

Thomas Bauer: Ostwärts. Zweitausend Kilometer Donau. Mit dem Paddelboot zum schwarzen Meer. 

Thomas Bauer hat ein Vorhaben: in dreißig Tagen mit dem Paddelboot auf der Donau von Ingolstadt zum schwarzen Meer. Es gibt alljährlich eine Donau-Kanu-Fahrt: die Tour International Danubien, die dazu fünfundsechzig Tage benötigt. Das sei die “längste und härteste Kanu-Wanderfahrt der Welt” behauptet Bauer gleich zu Anfang und macht damit eines klar: Er ist noch viel besser!

Und diese These bemüht er sich im gesamten Buch zu beweisen oder zumindest zu wiederholen.

Dass man bei einem derartigen sportlichen Gewaltakt nicht viel Zeit hat, die angrenzenden Orte und Länder kennenzulernen, ist verständlich. Dennoch lässt Bauer zu den jeweiligen Orten recherchierte Informationen einfließen und gibt ihnen damit ein Gesicht jenseits eines am Wasser vorbeirauschenden Streifen Landes. Dabei kommen dann auch ein paar skurrile Fragen zur Sprache. Ist etwa die Donau ab Passau gar nicht mehr die Donau? Sondern fließt die Donau dort vielleicht in den Inn? Und wo liegt nun wirklich die Quelle der Donau? Bei Donaueschingen, in Furtwangen oder gar in den Pyrenäen?

Ganz zu Beginn formuliert Bauer auch die seine “Reise” bestimmenden Hauptfragen: “Wie komme ich am besten voran”, “Woher bekomme ich genug zu essen und zu trinken” und “Wo finde ich einen sicheren Ort zum Schlafen”

Mit diesen Vorab-Informationen weiß man dann auch worauf man sich einlässt, wenn man zu Bauers Buch greift.

ostwaerts
Ostwärts hat einen festen gebunden Einband und ist mit Fotos ergänzt. Erweitert wird das Buch auch durch eine DVD, die allerdings nur wenig Zusatzinformationen bietet.
In diesem Sinne empfehle ich Bauers Ostwärts sportinteressierten, Männern und Frauen, die sich gern besonderen Herausforderungen stellen und sich informieren wollen, wie es anderen dabei ergeht.

Thomas Bauer: Ostwärts - Zweitausend Kilometer Donau. Mit dem Paddelboot zum Schwarzen Meer (Gebundene Ausgabe mit DVD)
Wiesenburg Verlag (2009)
204 Seiten; 18, 90 € 

Buchtipp: Kleine Geschichte der Ulmer Schachteln

26. August 2009 sgruen Keine Kommentare

Geschichte eines Donaukuriosums

(Sigrid Grün)

In Ulm ist sie ein wichtiges Identifikationsobjekt und beliebtes Gastgeschenk: Die Ulmer Schachtel. Doch auch weit über Ulms Grenzen hinaus, ist das schwarz-weiß bemalte, kiellose Flussschiff bekannt und beliebt. Dr. Wolf-Henning Petershagen ist der Schachtel-Experte und legt mit seiner “Kleinen Geschichte der Ulmer Schachtel” ein für jedermann verständliches und schön gestaltetes Buch vor, das ein interessantes Kapitel der Donauschifffahrt aufgreift. Der Autor räumt hier allerdings mit vielen Missverständnissen auf, die das Bild der Schachtel bislang prägten. Die Ulmer Schachtel gibt es nämlich durchaus nicht nur in Ulm, und auch die sogenannte “Schopperfuge”, die ursprünglich charakteristisch für das Donauschiff war, gehört der Vergangenheit an. Was eine Schopperfuge ist? Ganz einfach! Das ist der keilförmige “Freiraum zwischen den Brettern der Bordwände oder des Schiffbodens”, in den Moos “geschoppt” wurde, das bei Feuchtigkeit aufquoll und somit kein Wasser mehr durchgelassen hat.

Außerhalb von Ulm sind die Schachteln vor allem deshalb bekannt, weil auf ihnen im 18. Jahrhundert zahlreiche Siedler donauabwärts nach Ungarn ausgewandert sind. Diesem Kapitel in der Geschichte der “Schwabenplätte” widmet sich Petershagen ausführlich. Der Ulmer Rat war angesichts der vielen Auswanderungswilligen übrigens nicht gerade erfreut, da er befürchtete, dass seine Untertanen sich geradewegs in die “Gefahr barbarischer Sklaverei” stürzen würden. Nichtsdestoweniger war der Zustrom an der Ulmer Schiffslände enorm. Im Jahr 1786 wurden innerhalb von 3 Monaten etwa 3.000 Auswanderer gezählt.

Doch nicht nur die Situation in der neuen Heimat lag im Ungewissen, auch die Schiffsreise war riskant. Petershagen berichtet von den Gefahren, die die Donau mit sich brachte und von Havarien, denen Ulmer Schachteln zum Opfer fielen. Im Juni 1963 verkeilte sich beispielsweise die “Stadt Wien” beim Passieren einer Staustufe zwischen zwei Wehrpfeilern und zerbarst schließlich an den Stahlpfeilern einer Arbeitsbrücke. Die Passagiere konnten glücklicherweise noch rechtzeitig von Bord gehen. All dies hat der Autor in Wort und Bild dokumentiert.

Überhaupt findet der Leser und Betrachter hier beeindruckende historische Aufnahmen, die die Frühzeit der Donauschifffahrt zum Leben erwecken.

Petershagen erzählt gut verständlich und fundiert von der Geschichte der “Schachtel” und bietet damit allen an Volkskunde, Geschichte und natürlich an der (Donau)Schifffahrt Interessierten eine kurzweilige und spannende Lektüre.

Regensburger können die Ulmer Schachtel übrigens an der Donaulände bewundern. Auf einem Relief ist hier eine “Schwabenplätte oder Ulmer Schachtel” zu sehen.

Kleine Geschichte der Ulmer Schachteln

Kleine Geschichte der Ulmer Schachteln

Dr. Wolf-Henning Petershagen (Autor)
Kleine Geschichte der Ulmer Schachteln
www.klemm-oelschläger.de
79 Seiten für 12,80 Euro

Wallfahrtskirche Heilbrünnl bei Roding

26. August 2009 sgruen Keine Kommentare

Kirche mit eigener Quelle

(Sigrid Grün)

Westlich von Roding befindet sich an einem Uferhang des Regens eine ganz besondere Kirche, die viele Besucher anlockt.  “Heilbrünnel”, oder früher “Hochbrünnel” genannt, heißt die hochgelegene Wallfahrtskirche, die im 17. Jahrhundert mitten im Wald errichet wurde. In der Mitte des Kirchenschiffes steht ein ovales, gebuckeltes Brunnenbecken aus rot-weiß gesprenkeltem Marmor. In dieses Becken ergießt sich das Quellwasser des Heilbrünnls, dem große Heilkraft nachgesagt wird.

Hauptaltar mit Andachtsbild

Hauptaltar mit Andachtsbild

Der Name der Wallfahrtskirche weist bereits auf die Entstehung des Kultes hin. Ein Hirte, der seine Schafe in den Abendstunden an der Quelle trinken ließ, entdeckte im Wasser ein Bild der Muttergottes. Er wollte danach greifen, doch das Bild entglitt ihm immer wieder. Noch am gleichen Tag berichtete er dem Rodinger Pfarrer von seinem Erlebnis. Dieser begab sich am nächsten Tag in feierlicher Prozession zur Quelle und nahm das Marienbild aus dem Wasser. Schnell wurde ein Bildstock errichtet. 1668 folgte eine Kapelle, die von vielen Kranken besucht wurde, die sich Heilung erhofften. Bald ist der Andrang so groß, dass die Kapelle 1684 erweitert werden muss. 1730 entstand der Rokokobau, wie wir ihn heute kennen. Die Ausstattung ist für Rokoko-Verhältnisse relativ gediegen - man wird von der Pracht nicht gleich “erschlagen”. Betritt man die Wallfahrtskirche, überkommt einen ein heimeliges Gefühl. Die Lage inmitten des Waldes und die leise murmelnde Quelle lassen den Besucher zur Ruhe kommen.

Aus einer Kreuzwallfahrt (Christuswallfahrt), auf die noch ein Kreuzbild im linken Seitenaltar hinweist, ist hier eine Marienwallfahrt entstanden.
Das Gnadenbild der Muttergottes, eine Ikone aus dem 17. Jahrhundert, bildet den Mittelpunkt des Hochaltares, der von vier Säulen verziert wird. Zwei große Engel halten es empor, darüber befinden sich zwei Putten, die einen roten Vorhang fernhalten. Das Gnadenbild ist eine Kopie des Gnadenbildes der Alten Kapelle in Regensburg. Dieses wiederum ist dem berühmten Gnadenbild “Salus populi Romani” in der Basilika S. Maria Maggiore in Rom nachempfunden.
Joachim und Anna, die Eltern Mariens, flankieren das Marienbild. Die überlebensgroßen Figuren stammen übrigens aus dem nahegelegenen Kloster Reichenbach.
Im linken Altar befinden sich der heilige Florian, der Feuerschutzpatron, der heilige Josef mit dem Zimmermannswerkzeug sowie der Apostel Petrus mit Kreuz und Schlüssel.
Am rechten Seitenaltar bildet das Bild des heiligen Sebastian den Mittelpunkt. Daneben ist die heilige Irene zu sehen, die den Märtyrer gepflegt hat. An dieser Stelle hat sich früher ein Pestbild befunden, das allerdings nach Prag verkauft wurde. Die Figuren des Apostels Paulus (mit Schwert und Buch), des heiligen Wendelin und des heiligen Leonhard schmücken ebenfalls den rechten Seitenaltar. Im 19. Jahrhundert war am Heilbrünnl noch der Leonhardiritt üblich.

Eine Bilderfolge an der Orgelempore erzählt von der Entstehung der Wallfahrtskirche.

Entstehungsgeschichte der Wallfahrt

Entstehungsgeschichte der Wallfahrt

Vor allem an den “Frauentagen”, d.h. an den Sonntagen um Maria Heimsuchung, Maria Magdalena, Mariä Aufnahme in den Himmel und Maria Geburt, pilgern zahlreiche Gläubige zum Heilbrünnl.

Neben der Kirche befindet sich eine Gaststätte, vor der Kirche ist der große Marienbrunnen zu sehen. Wer 10 Pfennige bereit hält, kann sogar die Forellen füttern. Außerdem gibt es noch eine sehr gut gepflegte Kneipp-Anlage, die den Besuchern eiskalte Arm- oder Fußbäder ermöglicht.
Die Wallfahrtskirche Heilbrünnl ist eine besonders beeindruckende Andachtsstätte - ein Besuch lohnt sich auf alle Fälle.

Forellenfutter nur 10 Pfennig!

Forellenfutter nur 10 Pfennig!

Buchtipp: Naturschatz Bayerischer Wald

18. August 2009 sgruen Keine Kommentare

Kreuz und quer durch eine der schönsten Regionen Europas

(Sigrid Grün)

Wilfried und Lisa Bahnmüller haben bereits mehrere Bücher über Ostbayern publiziert. Unter anderem über Regensburg, Passau und über die bayerische Donau. Nun liegt endlich auch ein Band über den Bayerischen Wald vor.
Darin geht es um Natur und Kultur, um die märchenhafte Landschaft und um Kirchen, Klöster und (ost)bayerische Bräuche.
In einer mehrseitigen Einführung widmen sich die Autoren der Geschichte des Bayerischen Waldes und erklären die Route, der sie im Bildband folgen werden.
Die Rundfahrt ist in drei Abschnitte gegliedert. Von Regensburg aus geht es donauabwärts Richtung Passau. Donaustauf, die Benediktinerabtei Frauenzell, Brennberg, Falkenstein, Straubing, das Prämonstrantenkloster Windberg, das Kloster Metten und die Abtei Niederaltaich sind nur einige Stationen, die einem auf dem Weg nach Passau begegnen.
Auf der Bundesstraße 85 geht es vom Dreiburgenland nach Rinchnach, über Regen, Viechtach, Kötzting, Cham und Roding, Nittenau und Regenstauf schließlich zurück nach Regensburg.
Die dritte Route folgt dem tschechischen und österreichischen Grenzverlauf. Von Rötz über Waldmünchen, Furth im Wald, Neukirchen, Bodenmais und den Großen Arber, Zwiesel, Frauenau und Spiegelau, Freyung und Ringelai geht es schließlich wieder nach Passau.
Der umfangreiche Bildteil zeigt eindrucksvolle Kirchenbauten, festliche Bräuche (Kötztinger Pfingstritt usw.) und natürlich die oft noch ursprüngliche Natur, für die der “Woid” bekannt ist.
Sowohl Touristen als auch Einheimische werden hier viele interessante Ausflugsziele finden, die jedem etwas zu bieten haben. Kunst, Kultur, Natur - der bayerische Wald ist immer eine Reise wert!
Eine ergänzende Karte wäre aus Gründen der Übersicht noch wünschenswert gewesen. Da es sich aber um einen Bildband und erst in zweiter Reihe um einen Reiseführer handelt, ist das auch nicht wirklich zu bemängeln.

Der deutsch-englische Paralleldruck macht aus dem Bildband auch ein tolles Gastgeschenk. Sehr zu empfehlen!

Lisa und Wilfried Bahnmüller (Autoren; Fotografen)
Naturschatz Bayerischer Wald. Landschaft - Kultur - Leute. Deutsch / Englisch
Bayerland Verlag
108 Seiten für 19,90 Euro

Neuer Ort, alte Klasse

14. August 2009 ffranc Keine Kommentare

Eröffnung der 27. Regensburger Stummfilmwoche am 13. August 2009

Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem unlieben Nachbarn nicht gefällt. Ein alter Spruch, der anlässlich der Eröffnung der Stummfilmwoche leider wieder seine Richtigkeit bestätigte. Diese fand nämlich nicht wie angekündigt im Palmenhaus des Fürstlichen Brauhauses statt, sondern zur Überraschung aller, im über der Gastwirtschaft gelegenen Fürstlichen Kutschsaal. Fürstlich bleibt fürstlich mag manch einer spotten. Doch als Außenstehender fragt man sich zu Recht, wie es denn möglich sein kann, dass trotz Intervention von Seiten der Stadt und des Pächters, ein Nachbar das Stattfinden der Stummfilmwoche am ursprünglichen Ort verhindern kann.
Wer in Hofe des Fürstlichen Brauhauses steht fragt sich ohnehin wo da eigentlich Nachbarn sind. Egal, angesichts der Tatsache, dass stumme Filme gezeigt werden, ist zu vermuten, dass dieser Zeitgenosse lieber seinen eigenen Geräuschmüll ohne optische Beeinträchtigung durch olle Schwarz-Weiss-Filme genießen möchte. Denn gegen ein weiteres Gedeihen des feucht-fröhlichen Biergartenbetriebes in Hofe hat dieser Nachbar offensichtlich nicht einzuwenden.

Glücklicherweise ist es diesem unguten Menschen nicht gelungen die Stummfilmwoche zu verhindern. Dann findet das ganze eben im Kutschsaal statt. Und ehrlich gesagt, das ist nicht der schlechteste Platz. Ganz im Gegenteil. Zwar ist es jetzt kein Open-Air-Vergnügen mehr, denn die Luft am neuen Ort ist vom Geruch von Mottenkugeln durchtränkt, doch ist dies wiederum sehr passend, denkt man an die einst im TV gesendeten Stummfilme unter dem Titel “Aus der Klamottenkiste”.

Kutschsaal statt Palmengarten - Uns soll's Recht sein

Kutschsaal statt Palmengarten - Uns soll's Recht sein

Der Saal ist riesengroß. Die Wände sind halbhoch mit alten bunten handbemalten Fliesen bedeckt, darüber hängen antike Portraits, alte Deichseln und Pferdegeschirr. Rundherum befindet sich altes Mobiliar und an einer Seite sind die prächtigen Kutschen und Schlitten derer von Thurn & Taxis zusammengestellt. Einen stimmungsvolleren Ort für eine solche Veranstaltung lässt sich wohl kaum noch finden.

Nach der offiziellen Eröffnung durch Kuratorin Nicole Litzel, AKF-Vorstand Jürgen Wydra musste kurzfristig im Kino Wintergarten als Filmvorführer aushelfen, begann die Stummfilmwoche mit Ewald Andreas Duponts Film “Varieté” aus dem Jahre 1925. Einem eindrucksvollen Drama über den Schaubuden betreibenden, invaliden Trapezkünstler Boss Huller (Emil Jannings) aus St. Pauli, der Frau (Maly Delschaft) und Kind verlässt, um aus seiner bisherigen ärmlichen Existenz auszubrechen. Mit der Tänzerin und Artistin Bertha-Marie (Lya De Putti) beginnt er ein neues erfolgreiches Leben im Berliner Varieté-Haus “Wintergarten”. Als er herausfindet, dass Bertha-Marie ihn mit dem Impressario und Trapez-Kollegen Artinelli (der Brite Warwick Ward) betrügt, bringt er diesen in einem Messerduell um. Trotz des relativ einfachen Plots, besticht der Film vor allem durch seine realistische Darstellungsweise, sowohl des ärmlichen Hafenmilieus in Hamburg St. Pauli als auch des glamourösen Ambientes der Varietéwelt im Berlin der Goldenen Zwanzigern. Die darstellerischen Leistungen der Akteure sind famos und für Stummfilmverhältnisse recht zurückgenommen. Dabei ist Jannings Mimenspiel vom aller Feinsten und die Putti pure Erotik. Sehenswert sind aus heutiger Sicht die Kostüme der Trapezkünstler. Schwarze Capes mit einem weißen Totenkopf über hautengen weißen Ganzkörperanzügen mit schwarzem Totenkopf auf der Brust. Das ist ehrlich gesagt so hip. dass man selbst heutzutage einer solchen Truppe zu Füßen liegen würde.
Duponts Film zeigt auch mit zum ersten Male in der Filmgeschichte eine “entfesselte Kamera”, die zwar eher sporadisch Einsatz findet, dafür jedoch umso eindrucksvoller. So stürzt in einer Traumsequenz ein Artist von seinem Trapez in die Tiefe und die Kamera mit ihm ins Publikum, dramatisch und beeindruckend.

Der Film an sich ist schon sein Eintrittsgeld wert, doch bei der Stummfilmwoche gibt es ja noch die Live-Musik dazu. Diese kam von keinen geringeren als Aljoscha Zimmermann (Klavier) und seiner Tochter Sabrina Hausmann (Violine). Der gebürtige Lette gilt als einer der renommiertesten musikalischen “Filmvertoner” weltweit, und das zu Recht. Diese Musik lässt einem vollkommen vergessen, dass man einen Stummfilm sieht, macht Dialoge gar überflüssig. Beides, Musik und Film, verschmelzen zu einer Einheit und wirken, als würden sie von Anfang an zusammen gehören, egal ob als flockig-leichter Tango oder modern-dramatisches Geigensolo.
Aljoscha Zimmermann hat bereits über 400 Filmscores geschrieben, den für “Varieté” hat er jedoch nur ein bis zwei Male gespielt. Ein Pech für die, die es verpasst haben.

Raumanbiente, Film, Musik und natürlich das Rattern und Flackern des Fünfzig Jahre alten Bauer-Filmprojektors machen die Stummfilmwoche zu einen Erlebnis, dass einem kein Multiplexkino der Welt bieten kann. Darum: hingehen!

Museumscafé und Stummfilmwoche

14. August 2009 lweser Keine Kommentare

Ganz im Stillen hat sich wohl das Museumscafé (Historisches Museum, Dachauplatz, Regensburg) zum regen und erlesenen, kulturellen Veranstaltungsort gewandelt. Unbedingt zu empfehlen ist der Ort allein schon wegen seiner herrlichen Lage. Der idyllische Garten ist von den historischen Mauern des Kreuzgangs der Minoriten-Kirche bzw. des -Kloster umgeben. Unser Tipp: Nutzen Sie den Sommer und besuchen Sie unbedingt eine der Veranstaltungen dort. An diesem Wochenende gibt es gleich zwei Mal die Möglichkeit dazu:

Fr. 14.08, Fr. 04.09. Sa. 05.09. Aus dem Leben eines Taugenichts. 19.30 Uhr, Garten des Museumscafès, Regensburg
Schauspiel nach Joseph Eichendorff, mit Frizt Barth, Regie: Wolfgang Mondon, Musik: Caro Lanzendörfer, Eintritt: 14 €, ermäßigt: 12€

15. August 2009. ZACK! - GLÜCK! - nur nicht nach Berlin! 20.30 Uhr. Garten des Museumscafés, Regensburg.
Das neue musikalisches Kabarettprogramm von und mit Meike Fabian und Bettina Schönenberg. Andreas Rüsing begleitet die Schauspielerinnen live am Piano, und Reinhold Bauer spielt Perkussions. Weitere Infos unter www.schauspielcompagnia-regensburg.de

Und auf keinen Fall die 27. Regensburger Stummfimwoche vergessen!!!

Donnerstag - Sonntag/13.-16. August, 27. Regensburger Stummfilmwoche im Palmengarten des Fürstliches Brauhauses, Regensburg, Beginn jeweils 21.00 Uhr, natürlich wieder mit musikalischer Begleitung. Eintritt: 10 €, ermäßigt: 8 €

Do. 13.08 E.A. Dupont: Varieté, D 1925, 112 min; Musik: Aljoscha Zimmermann und Sabrina Hausmann, München

Fr. 14.08. Ernst Lubitsch: Die Austernprinzessin, D 1919, 61 min und H.-H. Ewers: Die ideale Gattin, D 1913; Musik: Aljoscha Zimmermann und Sabrina Hausmann, München

Sa. 15.08. Robert Wiene: Das Cabinet des Dr. Caligari, D 1919, 55 min; Musik: Rainer J. Hofmann, Regensburg

So. 16.08. Gustav Machatý: Erotikon, CS 1929, 85 min; Musik: Winfried Kraus, München

Der Further Drachenstich

13. August 2009 sgruen Keine Kommentare

Eine Stadt im Drachenfieber

(Sigrid Grün)

Alljährlich lockt der Further Drachenstich mehrere zehntausend Besucher in den pittoresken Ort an der tschechischen Grenze. Immerhin handelt es sich bei diesem Ereignis um das älteste Volksschauspiel Deutschlands, das als Teil der Fronleichnams-Prozession bereits vor über 500 Jahren erwähnt wurde. Seit 1887 findet der “Drachenstich” im August statt. 2006 wurde eine neue Bearbeitung des Stückes uraufgeführt, die Alexander Etzel-Ragusa verfasst hat. Darin nimmt der Autor nicht mehr nur auf die Hussitenkriege im 15. Jahrhundert Bezug sondern setzt sich auch mit modernen Entwicklungen, v.a. mit dem Zusammenbruch des Ostblocks, auseinander. Im Mittelpunkt steht allerdings immer noch der tapfere Ritter Udo, der in der Schlacht bei Taus kämpft. Hier ist alles enthalten, was eine gute Story braucht: Neid und Missgunst, Reichtum und Macht - und natürlich Liebe…
Die Umsetzung war auch dieses Jahr wieder ungeheuer aufwändig. Das Bühnenbild und die Schauspielführung ließen keine Wünsche offen - hier wurde das Mittelalter lebendig!

Am vergangenen Sonntag gab es gleich zwei Aufführungen zu sehen. Die Nachmittagsvorstellung war etwas kindgerechter und mit weniger pyrotechnischen Effekten - aber deshalb nicht weniger beeindruckend. Allein schon die Atmosphäre in der Stadt war eine Reise wert, tummelten sich doch bei größter Hitze überall Ritter und andere Gestalten aus dem Mittelalter.

Für den Drachen hat bei den diesjährigen Festspielen allerdings tatsächlich das letzte Stündlein geschlagen - er wird ab 2010 durch “Tradinno” (Tradition + Innovation) ersetzt, den weltgrößten Roboter auf vier Beinen.

Der Drache wartet auf seinen großen Auftritt - Ab Montag geht´s in den Ruhestand

Der Drache wartet auf seinen großen Auftritt - Ab Montag geht´s in den Ruhestand

Wer den “alten” Drachen noch erleben und in die mittelalterliche Atmosphäre eintauchen möchte, kann dies noch bis zum Sonntag, den 16. August tun. Es lohnt sich!

Weiter Informationen zum Further Drachenstich gibt es unter:
www.drachenstich.de

Gärten für die Suche nach dem Glück

12. August 2009 lweser Keine Kommentare

Eva Demski: Gartengeschichten

In zwanzig kleinen Geschichten entfaltet Eva Demski eine Philosophie und Kulturgeschichte des Gartens und Gärtnerns. Eva Demskis Gartengeschichten sind nicht nur Geschichten über Gärten, sondern auch und vor allem über Menschen, die Gärten besitzen. Anhand derer Verhältnisse zu ihren Gärten entwickelt sie eine besondere Psychologie.

Und Eva Demskis Geschichten sind auch Geschichten über Eva Demski. (Ich unterstelle hier einfach, dass das literarisches Ich und Eva Demski identisch sind) Man fühlt sich der Autorin sehr nah, wenn sie über den Garten ihrer verstorbenen Mutter schreibt, oder den Garten von Anni, der eher ein Park war, der zu einer alten Villa gehört. Bei Anni lernte sie als junges Mädchen das Gartenhandwerk. Kindheit und Garten: ein verlorenes Paradies. Angesichts lohnender Profite durch Immobilienspekulationen, ist so ein alter Park schnell zugebaut. Wer kennt nicht selbst ähnliche Beispiele.

Aber Eva Demskis Gartengeschichten sind mehr als Erinnerungen. So entwirft sie zum Beispiel ein Bild von Epikurs Garten, welcher ganz leicht vor unserem Auge entsteht. Ja, man sieht Epikur dort wandeln und philosophieren - ein schöner Garten „mit viel Platz für Freunde [...] und der Suche nach dem Glück“. Sie teilt die Menschen ein an Hand ihrer Vorgärten und bedient sich zur Klassifikation der sieben Todsünden, die plötzlich vollkommen ihren Schrecken verloren haben. Gärten machen aus schlechten Menschen bessere und lassen aus sechs der sieben Todsünden „Gutes treiben“. Eva Demskis Einfühlungsvermögen und Beobachtungsgabe, ermöglichen ihr diese kleinen Miniaturen der Gesellschaft zu entwerfen und spielerisch zu analysieren.

gartengeschichten

Michael Sowa bereichert mit seinen weltentrückten Bildern die Geschichten nochmals. Eine schöne Kombination.

Fazit: Ein intelligentes, rührendes und amüsantes Buch.

Eva Demski: Gartengeschichten (Gebundene Ausgabe)
Insel Verlag; Auflage: 2 (2009)
233 Seiten; 19,80 €

Ferne, Heimat und Identität

11. August 2009 lweser Keine Kommentare

08. August 2009, Ferne, Heimat und Identität, Art Affair, Regensburg

dfd

der fotografischer Nachwuchs, Dr. Groschwitz & Art Affair Gallerist Krause

Herr Groschwitz hat wohl noch nicht bemerkt, dass die Semesterferien bereits gegonnen haben und verwechselte am vergangenen Freitag die Eröffnung der neuen Ausstellung in der Galerie Art Affair mit einer 90minütigen Vorlesung. Dennoch war keine Minute davon langweilig (Es waren auch nur 30 Minuten). Groschwitz blieb bei seinen Leisten und referierte über den doch etwas beliebig klingenden Titel der Ausstellung, über Ferne, Heimat und Identität als kulturwissenschaftliche Begriffe. Und was es da alles zu sagen gibt. Zum Abschluss kam er allen Kritikern zuvor, und hielt ihnen entgegen er kenne nicht jeden einzelnen der Besucher und könne so unmöglich sagen, aus welcher Identität heraus (und dies sei zwangsweise bei jedem unterschiedlich) sie die Fotos aufnehmen würden und worin sie dann ihre Heimat erkennen würden.

Die Foto-Arbeiten der neun Künstler waren recht unterschiedlich, sowohl in der Technik als auch in der Qualität. Die Arbeiten von Eva Winter (Nürnberg) boten eine Überraschung. In den Vergrößerungen alter Fotografien, die mit Schellack und Tusche bearbeitet wurden, verbergen sich Objekte der Gegenwart: z.B. eine Privileg-Waschmaschine, ein iPod oder ein Scout-Schulranzen. In den Suchbildern verbinden sich Vergangenheit und Gegenwart, ohne allzu augenscheinlich zu werden.

Zwei großformatige Foto-Montagen von Claudia Rogge (Düsseldorf) stechen ebenfalls hervor. Auf einer erklimmen nackte und bekleidete Menschen eine Leiter, auf dem Anderen betreiben sie vielleicht Gymnastik. Die Muster die durch die Vervielfältigung entstehen wirken ebenso ansprechend, wie die einzelnen Teile aus denen sie zusammengefügt sind.

Großformatig sind auch die Fotografien von Veronica Natter (Regensburg/London), die man bereits aus der leider nicht mehr existierenden Galerie Art Nobilis kennt. Großformatig, schrill und popig und mit ein paar skurrilen Elementen. Wenn man Veronika Natter sieht, wundert man sich darüber allerdings nicht mehr. Denn ihre Fotos scheinen tatsächlich ihre Heimat und Identität zu sein.

Klein und bescheiden wirken dagegen die Arbeiten der gebürtigen Lettin Ineze Kaze. Quatratische, kontrastarme Landschaftsfotografien auf gemustertem Stoff abgezogen.

Bei den drei Arbeiten von Michal Macku (Bruntal/Tschechien) wird experimentelle Fotografie zur Skulptur. Fotogellage heißt die von ihm entwickelte Technik mit der er seit den 90er Jahren arbeitet.

Bis 27. September 2009. Ferne, Heimat und Identität. Art Affair, Neue Waag Gasse 2, Regensburg. Öffnungszeiten: Di - Fr: 11 - 13 und 14 - 19 Uhr, Sa: 11 - 18 Uhr, So: 13 - 18 Uhr.

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