Eröffnung der 27. Regensburger Stummfilmwoche am 13. August 2009
Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem unlieben Nachbarn nicht gefällt. Ein alter Spruch, der anlässlich der Eröffnung der Stummfilmwoche leider wieder seine Richtigkeit bestätigte. Diese fand nämlich nicht wie angekündigt im Palmenhaus des Fürstlichen Brauhauses statt, sondern zur Überraschung aller, im über der Gastwirtschaft gelegenen Fürstlichen Kutschsaal. Fürstlich bleibt fürstlich mag manch einer spotten. Doch als Außenstehender fragt man sich zu Recht, wie es denn möglich sein kann, dass trotz Intervention von Seiten der Stadt und des Pächters, ein Nachbar das Stattfinden der Stummfilmwoche am ursprünglichen Ort verhindern kann.
Wer in Hofe des Fürstlichen Brauhauses steht fragt sich ohnehin wo da eigentlich Nachbarn sind. Egal, angesichts der Tatsache, dass stumme Filme gezeigt werden, ist zu vermuten, dass dieser Zeitgenosse lieber seinen eigenen Geräuschmüll ohne optische Beeinträchtigung durch olle Schwarz-Weiss-Filme genießen möchte. Denn gegen ein weiteres Gedeihen des feucht-fröhlichen Biergartenbetriebes in Hofe hat dieser Nachbar offensichtlich nicht einzuwenden.
Glücklicherweise ist es diesem unguten Menschen nicht gelungen die Stummfilmwoche zu verhindern. Dann findet das ganze eben im Kutschsaal statt. Und ehrlich gesagt, das ist nicht der schlechteste Platz. Ganz im Gegenteil. Zwar ist es jetzt kein Open-Air-Vergnügen mehr, denn die Luft am neuen Ort ist vom Geruch von Mottenkugeln durchtränkt, doch ist dies wiederum sehr passend, denkt man an die einst im TV gesendeten Stummfilme unter dem Titel “Aus der Klamottenkiste”.

Kutschsaal statt Palmengarten - Uns soll's Recht sein
Der Saal ist riesengroß. Die Wände sind halbhoch mit alten bunten handbemalten Fliesen bedeckt, darüber hängen antike Portraits, alte Deichseln und Pferdegeschirr. Rundherum befindet sich altes Mobiliar und an einer Seite sind die prächtigen Kutschen und Schlitten derer von Thurn & Taxis zusammengestellt. Einen stimmungsvolleren Ort für eine solche Veranstaltung lässt sich wohl kaum noch finden.
Nach der offiziellen Eröffnung durch Kuratorin Nicole Litzel, AKF-Vorstand Jürgen Wydra musste kurzfristig im Kino Wintergarten als Filmvorführer aushelfen, begann die Stummfilmwoche mit Ewald Andreas Duponts Film “Varieté” aus dem Jahre 1925. Einem eindrucksvollen Drama über den Schaubuden betreibenden, invaliden Trapezkünstler Boss Huller (Emil Jannings) aus St. Pauli, der Frau (Maly Delschaft) und Kind verlässt, um aus seiner bisherigen ärmlichen Existenz auszubrechen. Mit der Tänzerin und Artistin Bertha-Marie (Lya De Putti) beginnt er ein neues erfolgreiches Leben im Berliner Varieté-Haus “Wintergarten”. Als er herausfindet, dass Bertha-Marie ihn mit dem Impressario und Trapez-Kollegen Artinelli (der Brite Warwick Ward) betrügt, bringt er diesen in einem Messerduell um. Trotz des relativ einfachen Plots, besticht der Film vor allem durch seine realistische Darstellungsweise, sowohl des ärmlichen Hafenmilieus in Hamburg St. Pauli als auch des glamourösen Ambientes der Varietéwelt im Berlin der Goldenen Zwanzigern. Die darstellerischen Leistungen der Akteure sind famos und für Stummfilmverhältnisse recht zurückgenommen. Dabei ist Jannings Mimenspiel vom aller Feinsten und die Putti pure Erotik. Sehenswert sind aus heutiger Sicht die Kostüme der Trapezkünstler. Schwarze Capes mit einem weißen Totenkopf über hautengen weißen Ganzkörperanzügen mit schwarzem Totenkopf auf der Brust. Das ist ehrlich gesagt so hip. dass man selbst heutzutage einer solchen Truppe zu Füßen liegen würde.
Duponts Film zeigt auch mit zum ersten Male in der Filmgeschichte eine “entfesselte Kamera”, die zwar eher sporadisch Einsatz findet, dafür jedoch umso eindrucksvoller. So stürzt in einer Traumsequenz ein Artist von seinem Trapez in die Tiefe und die Kamera mit ihm ins Publikum, dramatisch und beeindruckend.
Der Film an sich ist schon sein Eintrittsgeld wert, doch bei der Stummfilmwoche gibt es ja noch die Live-Musik dazu. Diese kam von keinen geringeren als Aljoscha Zimmermann (Klavier) und seiner Tochter Sabrina Hausmann (Violine). Der gebürtige Lette gilt als einer der renommiertesten musikalischen “Filmvertoner” weltweit, und das zu Recht. Diese Musik lässt einem vollkommen vergessen, dass man einen Stummfilm sieht, macht Dialoge gar überflüssig. Beides, Musik und Film, verschmelzen zu einer Einheit und wirken, als würden sie von Anfang an zusammen gehören, egal ob als flockig-leichter Tango oder modern-dramatisches Geigensolo.
Aljoscha Zimmermann hat bereits über 400 Filmscores geschrieben, den für “Varieté” hat er jedoch nur ein bis zwei Male gespielt. Ein Pech für die, die es verpasst haben.
Raumanbiente, Film, Musik und natürlich das Rattern und Flackern des Fünfzig Jahre alten Bauer-Filmprojektors machen die Stummfilmwoche zu einen Erlebnis, dass einem kein Multiplexkino der Welt bieten kann. Darum: hingehen!