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Archiv für Oktober, 2009

Beginn der Staden Zeit

29. Oktober 2009 lweser Keine Kommentare

Freitag, 30. Oktober, 19.30 Uhr, Turmtheater, Am Watmarkt, Regensburg.
Die Zofen. Endlich mal wieder…
www.regensburgerturmtheater.de . www.diezofen.de

Samstag, 31. Oktober, 22.00 Uhr, Gloria, Regensburg
5 Minute Heroes vertonen live Murnaus Stummfilmklassiker Nosferatu

Dienstag, 03. November, 10.15 Uhr. Universität Regensburg, H3
Vortragsreihe: Aufbruch in die Moderne 1910/2010. Prof. Dr. Iwan Czeczot (St. Petersburg) Missverständnisse im Kulturdialog Deutschland / Russland: Beckmann, Barlach, Kollwitz.

Donnerstag, 05. November, 20.00 Uhr. Haus der Begegnung, Hinter der Grieb 8, Regensburg
Vortragsreihe: Aufbruch in die Moderne 1910 / 2010. Prof. Dr. Hans Dickel (Erlangen). Modern und antimodern. Zur Notwendigkeit einer Differenzierung in der deutsch-deutschen Kunstgeschichte.

Regensburg schlägt New York, musikalisch

28. Oktober 2009 ffranc Keine Kommentare

Mason Dixon Line und Polite Sleeper @ Alte Mälzerei Underground am 13.10.2009
& Beige GT @ Kino Wintergarten am 10.10.2009

Mason Dixon Line - Country-Rock aus mittelaterlichen Gemäuern?

Mason Dixon Line - Country-Rock aus mittelaterlichen Gemäuern?

Die Mason Dixon Line ist genau genommen die Grenze zwischen Pennsylvania und Maryland, und nicht so genau besehen die zwischen den Nord- und Südstaaten, zwischen Freiheit und Sklaverei. Letztere ist zum Glück schon länger abgeschafft. Schön, aber was hat das mit einer regensburger Band zu tun?

Die Band hat sich nach dieser Linie benannt - Mason Dixon Line, und wollen wohl damit andeuten, dass sie die Inspiration für ihre Musik aus der Mitte der USA beziehen. Country und Rock also. Das setzen sie auch äußerst gekonnt um. Ihre Musik klingt rauh und schnell aus dem Ärmel geschüttelt, ist aber in Wirklichkeit ganz schön vertrackt. Während Bassist Gunther Schuller (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen us-amerikanischen Komponisten und Jazzer) gemächlich dahin zupft, explodiert Schlagzeuger Andi Schuwirth (Seaside Stars) förmlich an seinem Instrument. Sänger und Gitarrist Sebastian Troll trägt seine Songs so inbrünstig und leidenschaftlich vor, dass es eine wahre Freude ist, ihm zuzusehen und zuzuhören. Und zu guter Letzt setzt Martin Haygis (Beige GT) mit seiner eleganten Steel-Guitar die gesamte Musik in den passenden leicht countryesken Rahmen.

Woher diese regensburger Country-Affinität stammt, kann ich mir nicht erklären. Dass Sebastian Troll aus Texas kommt, kann wohl nicht die einzige Erklärung hierfür sein. Andererseits kann es mir auch egal sein, so lange es so klingt wie Mason Dixon Line, und nicht nur die Musiker, sondern auch die Zuhörer offensichtlich einen Mordsspaß dabei haben. Schade ist nur, dass Mason Dixon Line so selten auftritt, und dass man ein Lied wie „Scenic Drive“ nicht erwerben kann, um es sich den ganzes Tag lang anzuhören.

Und damit keiner denkt, ich stünde mit meiner Meinung allein auf weiter Flur, sei hier noch angemerkt, dass Mason Dixon Line die ewige Bestenliste des Zündfunk-Montagsdemos anführt. Es gibt sicher höhere Ehren, aber diese dürften gerne kommen, wenn die Jungs so weiter machen.

Polite Sleeper sind definitiv nördlich der Mason Dixon Line Zuhause, egal ob sie nun aus New York City oder San Francisco kommen. Und das ist auch musikalisch zu verstehen. Hervor gegangen ist das Trio (Jason Orlovich, TimWilson und Michael Curtes) aus der Band The Yellow Press, bei der einst auch Sebastian Troll mitspielte. Ja, so klein ist die Welt und heute sogar im Mälze Underground (wie der Keller jetzt heißt) kurzeitig wiedervereinigt.

Polite Sleeper waren der eigentliche Headliner des Abends, nur gefallen haben sie mir nicht. Am teilweise miserablen Sound der PA lag es nicht. Die Band aus New York klang sehr originell, allein schon die Besetzung (Akkustik-Gitarre, Elektropiano und Percussions) ist recht ungewöhnlich, doch ihre Songs wirkten seltsam amorph. Eigentlich war’s richtige Anti-Musik. Nicht besonders schön, nicht eingängig, stets bemüht nicht in simplem 4/4-Takt zu fallen. Wohl zuviel für eine Band, die man nicht kennt. Auf der Bühne wirkten sie anfangs auch recht sympathisch, doch Sänger Jason, mit seinem ständigen, plötzlichen, hektisch-spastischen Hin-und-Her-Gehoppse, ging auch irgendwann auf den Keks.

Um meinen Konzerteindruck zu überprüfen, habe ich ihre Lider auf Myspace nochmals angehört, und siehe da, die Musik vom Band ist gar nicht schlecht. Also Polite Sleeper, nicht verzagen.

www.myspace.com/masondixonline
www.myspace.com/politesleeper

Beige GT in violett bis pink

Beige GT in violett bis pink

Kein Ahnung ob sich Beige GT jemals offiziell aufgelöst haben. Seit ihrem 2004er Album “Cue” hat man von ihnen jedenfalls nichts mehr gehört. Leider. Um so größer war die Überraschung, als langsam durchsickerte, dass sie anlässlich der Wolfgang-Grimm-Buchpräsentation spielen würden. Mein lieber Wolfgang, wenn Du wüsstest, was für Wunder Du vollbringen kannst, also Tote wieder zu den Lebenden zu holen, jetzt wo Du nicht mehr unter uns weilst.

Beige GT 2009 live ist also kein Traum. Das bis zum letzten Platz, und darüber hinaus, vollbesetzte Kino Wintergarten sollte der Beweis sein. Erstaunlich auch, wie die Fünf nach so langer Bühnenabstinenz, und mutmaßlicher kurzer Zeit zum Proben, ihre Sache gemeistert haben. Einzig Hannes Teichmann wurde von seinen Bandkollegen schief angeschaut, als er mit seinem Moog ein Mal im falschen Lied war.
Es war wirklich ein sehr gutes Konzert in einer irgendwie heimeligen Atmosphäre. Man hatte schon das Gefühl, „unsere Jungs sind wieder da, und das ist schön so”. Der große Hit „Heat“ wurde nicht gespielt, dafür viele der Instrumentalstücke, die nach Soundtrack und ein Bisschen nach Chicagoer Schule à la Tortoise klingen. Und ein äußerst mitteilungsfreundlicher Wolfgang Reutter wies zu Recht darauf hin, dass das, was sie hier auf der Bühne tun, bitte gefälligst auch gewürdigt werde. Ist ja auch nicht selbstverständlich, dass sie heute hier spielen.

Recht hat er. Denn jetzt wo man sie wieder hört, merkt man was einem abgeht, echt gute Musik. Neben einigen wirklichen Gassenhauern haben Beige GT eines geschafft, so zu klingen wie Beige GT. Eine Leistung, die nicht jeder für sich in Anspruch nehmen kann. Besonders heutzutage, wo doch die meisten Bands entweder retro oder gänzlich uninteressant klingen. Und noch eines haben Beige GT geschafft, eine der besten Coverversionen der Musikgeschichte. Ihre Interpretation von Aztec Mystics „Night of the Jaguar“ ist an sich schon genial. Die Idee jedoch, einen Detroit-Techno-Klassiker in ein Gitarren-Stück zu verwandeln ist meines Wissens einzigartig.

Wie schade, dass es sie nicht mehr gibt.

www.myspace.com/beigegt

Bayerisches im türkischen Basar

28. Oktober 2009 lweser Keine Kommentare

Altstadt - Lesung - Ost, Freitag, 23. Oktober 2009

Schöne Idee, ausgefallene Locations, interessante Texte, interessiertes Publikum und als wäre das alles nicht genug: auch noch abgefahrene Musik.

Da ich (leider) nicht alle Stationen der ersten Altstadt-Lesung Ost gesehen habe, werde ich hier nur über die zwei gesehenen berichten. Doch ich bin mir sicher es gab noch mehr erwähnenswerte Stationen an diesem Abend.

Das System: einmal zahlen (schlappe 3,00 €), sieben Stationen, zwölf Autoren. Das einzige Problem: in drei Stunden (20.00 - 23.00 Uhr) war einfach nicht alles zu schaffen.

Irgendwo bei Feinkost Sarik ist Christian Muggenthaler

Irgendwo bei Feinkost Sarik ist auch noch Maggi (Autor Christian Muggenthaler)

Der ungewöhnlichste Ort der Lese-Wanderung, war unumstritten Feinkost Sarik. Zwischen Kürbissen und Kartoffeln, las Christian “Maggi” Muggenthaler. (Rafik Schami hat schließlich auch schon in einem Teppichladen in Regensburg gelesen.) Der Journalist der Landshuter Zeitung, las aus einem skurrilen Text, der wie Max Gold oder Erich Hacke auf Bairisch klang. Ein Schulmädchen sieht sich urplötzlich mit einem Problem konfrontiert: sie hat einen Heiligenschein. Doch so etwas ist in der heutigen Zeit wirklich alles Andere als alltagstauglich.

quetsch-Kommod' war's bei konstantin b. mit Hasemanns Töchter

quetsch-Kommod' war's bei konstantin b. mit Hasemanns Töchter

Zünftig, bairisch ging es auch bei Galerie konstantin b. zu. Dafür sorgten Hasemanns Töchter (Julia Loibl, Maria Hafner). Das eher halbscharige Kabarettprogramm mit ziemlich flachen Gags, wurde durch die witzigen, frechen Lieder, mit Titeln wie Isar, Edelweis oder Nackert mehr als wettgemacht. Isar-Splitter handelt übrigens von einem Badeausflug an die Isar, der zu einem Splatter-Nachmittag wird. Die zwei gebürtigen Niederbayerinnen aus München begleiteten sich mit Akkordeon und machten so komische Gesichter, dass sich das Publikum vor Lachen bog und bei Isar Da Capo! forderten.

Ein gelungener Abend, von dem es hoffentlich bald eine Wiederholung bzw. Weiterführung geben wird.

Schuss - Gegenschuss

26. Oktober 2009 lweser 2 Kommentare

Christian Petzold: Yella. in Anwesenheit des Regisseurs beim Heimspiel am Samstag, 24. Okt. 2009 im Wintergarten

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Schuss von Lysann Weser

Christian Petzolds Filme sind eiskalt. Vollständig durchkomponiert, kein Blatt, kein Wort, keine Farbe mehr als nötig. Dafür seelenlose Blicke von seelenlosen Menschen. Keine Emotionen, nur Verstörungen. Diese Filme haben etwas gewaltsames - nicht körperlich, aber seelisch. Schattenmenschen oder Phantome nannte Jemand im Publikum Petzolds Figuren.

Yella (Nina Hoss) ist eine dieser Schattenmenschen. Yella ist tot. Sie lebt das Leben, das sie vor sich gehabt hätte, in einem Bruchteil der Sekunde ihres Todes. Zusammen setzt sich dieses Leben aus den letzten Stunden vor ihrem Tod. Diese Stunden dauern 12 Minuten im Film. Aus den Versatzstücken dieser 12 Minuten baut Petzold also den restlichen Film. Die rote Bluse, die Zugfahrt samt Kleidungswechsel im 1. Klasse Abteil, das rote Auto, das Geldscheinbündel ihres Vaters, das weiße Hemd und das Aussehen ihres Mannes, die Anschaffungs- und Abschreibungskosten von Hardware, das Schälen einer Orange und nicht zu vergessen: Wasser als Element des Todes. Ein ebenso genialer, wie effektiver Kunstgriff.

Eine Faszination geht von dieser makellosen Kälte aus. Diese fast sterilen Orte (Hotels, Konferenzräume), die kalten Blicke, kalten Farben, die Beobachtungssituation einer objektiven Kamera (zugespitzt in den Überwachungs-Video-Bildern, die Petzold in jedem seiner Filme einsetzt), verhindern jede Empathie.

Wenn der Film beendet ist, ist man wie nach jedem Petzold-Film erschlagen. Man fühlt sich vollständig leer. Man muss sich zurückholen. Es ist vorbei! Es war nur ein Film und das eigene Leben ist verglichen mit Petzolds Filmen so lebendig. Man muss nur versuchen zurück zu kommen in dieses eigene Leben.

freundlich und eloquent: Petzold zu Gast beim Heimspiel-Chef Keilholz

freundlich und eloquent: Christian Petzold zu Gast bei Heimspiel-Chef Sascha Keilholz

Gegenschuss von Filippo Franco

Angesichts der zahllosen Auszeichnungen, die dieser Film bekommen hat fällt es durchaus schwer ihn als mittelprächtigen Film zu denunzieren. Dennoch tue ich es, und das aus voller Überzeugung. Mag Yella bei der Rezeption durch versierte Filmkritiker als Meisterwerk klassifiziert werden, so frage ich, wie empfindet es ein “normaler” Kinogänger ohne vorher mit geballter Filmtheorie erschlagen worden zu sein? Zeigt den Menschen mehr Yella-Filme und innerhalb kürzester Zeit gibt es kein Kino mehr, denn die Säle werden leer sein. Warum? Ganz einfach, diesem Film fehlt etwas entscheidendes, Blut. Natürlich nicht im Sinne von Splatter, sondern im Sinne von etwas Lebendigem. Herzblut halt.

Alles ist durchkomponiert und durchdacht. Reißbrettfiguren in einer Reißbrettwelt. Die perfekte Analyse und Darstellung moderner Befindlichkeiten. Präzise. Auf den Punkt gebracht. Klar wie ein Würfel Eis aus destilliertem Wasser. Steril, tot, kalt, bewegungslos.

hs_corbuYella sehen ist wie ein Spaziergang in den gezeigten Stahl-Glas-Gewerbebauten oder Motel-Parkplätze und eben nicht im Wald wo es kreucht und fleucht, wo man hinter jedem Baum überrascht wird von den Launen der Natur.
Yella sehen ist wie shoppen im Designerladen, nicht wie stöbern beim Trödler.
Yella ist die filmische Entsprechung zu Le Corbusiers „Unité d’habitation”, jenem Hochhauskomplex, der u.a. in Marseille und Berlin steht. Es ist modern und dem zeitgemäßen Leben angepasst, durchdacht bis ins Detail und auf einem menschlichen Maßstab zugeschnitten. Unter Architekten gilt es als genialer Wurf. Nur wie sieht das Ding als Ganzes aus? Möchte ein Mensch freiwillig darin leben?

Als singuläre Antithese zum amerikanischen Mainstream-Action-Kino mag dieser Film noch durchgehen. Auch als theoretisches Gerüst, ähnlich einst Dogma 95, für Filmschaffende hat er noch Bestand. Als Muster für europäische Erzählkino müssen solche Filme scheitern.

Wie bezeichnete jemand bei der Diskussion mit Christian Petzold seine Filme so treffend: als “protestantischen Rigorismus”. Das Gegenteil davon ist nicht etwa gefühlsdusliger Hollywood-Kitsch sondern katholische Sinnlichkeit, auch wenn sie aussieht wie Emir Kusturicas Zigeunerwelten.

Buchtipp: Tschechisch kommunikativ

26. Oktober 2009 sgruen Keine Kommentare

Na zahrade krtek vrta

(Sigrid Grün)

Ostbayern und die tschechische Republik haben einen langen gemeinsamen Grenzverlauf. Erstaunlich, dass so wenige Ostbayern Tschechisch sprechen, handelt es sich doch um eine so klangvolle slawische Sprache.

Ein hervorragendes Tschechisch-Lehrwerk haben Jana Maidlova und Marek Nekula, Leiter des Bohemicums an den Universitäten Regensburg und Passau, erarbeitet: Tschechisch kommunikativ eignet sich für Anfänger ohne Vorkenntnisse, die einen motivierenden Einstieg in die Sprache erleben möchten. Die in diesem Buch erworbenen Kenntnisse lassen sich allesamt in der alltäglichen Kommunikation anwenden. Die einzelnen Kapitel des ersten Bandes sind deshalb auch ganz lebenspraktischen Themen gewidmet:
1. Name - Sprache - Land - Beruf
2. Familie - Wohnort - Wohnung
3. Zeit - Tagesablauf
4. Stadt - Land - Einkäufe
5. Interessen - Freizeit - Sport
6. Sprachen lernen
7. Essen - Trinken - Im Restaurant
8. Reisen - Datum - Wetter
9. Lebenslauf - Jahreszeiten
10. Wiederholunglektion

Die Aufmachung ist modern, das didaktische Konzept motivierend. Maidlova und Nekula haben das Buch über mehrere Jahre hinweg erarbeitet, und unzählige Erfahrungen, die sie mit ihren Studenten gesammelt haben, einfließen lassen. Das ist ein wichtiger Pluspunkt des Lehrwerks, denn hier wird an vieles gedacht, was in anderen Tschechisch-Kursen übersehen wird. Angefangen bei der farblichen Gestaltung der unterschiedlichen Geschlechter des Substantivs, über die prägnanten Grammatikabschnitte bis hin zum übersichtlichen Vokabelindex am Schluss des Buches.

Der Lernende erfährt auch einiges zum Thema Landeskunde und hat sogar öfter was zu Lachen. Ein schönes Beispiel dafür ist das Lied des populären tschechischen Dichters und Liedermachers Jaromir Nohavica “Krtec” (Der Maulwurf), in dem auf beeindruckende Art und Weise die Kunst des perfekt gerollten Zungenspitzen-r demonstriert wird.
Dank des ausführlichen Aussprache-Kapitels und der sprecherisch hervorragenden Cds, verliert man auch rasch die Furcht vor der schwierigen tschechischen Aussprache.

Das Buch ermöglicht eine rasche und unkomplizierte Erarbeitung “aktiver und passiver Kompetenzen im gesprochenen und geschriebenen Tschechisch” und verzichtet auf allzu komplexe und ausführliche Beschreibungen grammatischer Probleme. So kann man einen motivierenden Einstieg in diese schöne Sprache erleben und eine Menge über unser Nachbarland erfahren.
Sehr zu empfehlen!

Nachtrag: Wer wissen möchte, was die Überschrift bedeutet, sollte Tschechisch lernen, um näheres über den Maulwurf zu erfahren…

Tschechisch kommunikativ 1

Tschechisch kommunikativ 1

Jana Maidlova; Marek Nekula (Autoren)
Tschechisch kommunikativ 1
www.schmetterling-verlag.de
174 Seiten mit 2 Cds für 29,80 Euro

Menschen am Sonntag am Donnerstag

26. Oktober 2009 ffranc Keine Kommentare

Menschen am Sonntag mit Live-Begleitung von Martin Haygis

Die Plattenfilme bei der Kurzfilmwoche sind immer bereits vor dem Beginn der selbigen ausverkauft. Dementsprechend konnte man bei den Audio-Visionen, die dem Prinzip der Plattenfilme folgen, nur dass hier ein Lang-, statt mehrerer Kurzfilme von einem DJ live vertont wird, mit großem Andrang rechnen. Aber mit dieser Annahme ging man fehl. Leider. So konnten sich die wenigen Anwesenden um so glücklicher schätzen, dabei zu sein.

Gedreht wurde Menschen am Sonntag, der letzte deutsche Stummfilm, 1929 von fünf jungen Regisseuren, die alle später eine Hollywood-Karriere machen sollten. Kurt und Robert Siodmak, Billy Wilder, Edgar G. Ulmer und Fred Zinnemann bildeten zusammen mit dem Kameramann Eugen Schüfftan und dem Dramaturgen Moriz Seeler das Filmstudio 29, das gemeinsam im Romantischen Café in Berlin die Idee zum Film entwickelten.
Die ersten Einstellungen erinnern durchaus an Walther Ruttmanns Berlin. Die Symphonie der Großstadt. Sehr formal, mit Fokus auf Linien und Rhythmus der Bewegungen. Doch dann ändert sich der Stil. Während Symphonie der Großstadt sein Augenmerk betont auf den arbeitenden Menschen richtet, steht hier das Vergnügen fünf junger Menschen an einem Sonntag am Wannensee im Mittelpunkt. Die Laienschauspieler werden sehr nah gefilmt und ihre Mimik wird ebenso lebendig von der Kamera eingefangen wie viele kleine Alltagsdetails. Die soziologische und psychologische Ebene des Filmes scheint oberflächlich in der betont leichten und ereignislosen Handlung unterzugehen, dem genauen Beobachter kann sie jedoch nicht entgehen.
Martin Haygis (Beige GT, Mason Dixon Line) unterstützt Rhythmus und Bewegung des Filmes an den Plattentellern und lässt ihn modern wirken. Mit einem recht typischen Problem der Stummfilmvertonung sah Haygis sich im Vorfeld konfrontiert. Die DVD, mit der er sich vorbereitete, hatte nämlich eine langsamere Laufgeschwindigkeit. In Stummfilmzeiten konnte die Laufgeschwindigkeit des Filmes noch individuell geregelt werden, was heut mit normierten Projektoren eher schlecht möglich ist. Die besondere Herausforderung der Live-Vertonung meisterte Haygis jedoch bravourös.
Für das nächste Jahr wünschen wir dem Heimspiel-Team und dem DJ für diese besondere Veranstaltung, die Filmgeschichte und die aktuelle Musikszene verbindet, ein ausverkauftes Ostentor-Kino.

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Anpfiff im Ostentor

25. Oktober 2009 ffranc Keine Kommentare

Eröffnung des Regensburger Festival des deutschen Filmes Heimspiel mit dem Eröffnungsfilm Vaterspiel von Michael Glawogger im Ostentorkino. Und Gespenster von Christian Petzold im Wintergarten.

kollektives Shoegazing - Das Heimspielteam Kammermeier, Keilholz & Scheuerer mit Gast Timoteo

kollektives Shoegazing - Das Heimspielteam Kammermeier, Keilholz & Scheuerer mit Gast Sabine Timoteo (Leadsängerin mit Mikro)

Das Erste Mal! Das ist spannend. Auch wenn die größte Arbeit nach dem Beginn des Festivals getan ist, und die Veranstalter dann nur noch wenig Einfluss auf den weiteren Verlauf nehmen können. Ob das Festival von genügend Besucher frequentiert wird, ob die Resonanz von Publikum, Gästen und Medien groß und tiefgehend genug sein wird, liegt nicht mehr direkt in der Hand der Verantwortlichen.

Entsprechend gespannt wurde am Mittwoch die Eröffnung des ersten Heimspiels, dem Regensburger Festival des deutschen Kinos, erwartet. Das Ostentor-Kino von Werner Hofbauer, der, wie zu zwei weiteren Veranstaltungen des Heimspiels, sein Kino für die Eröffnung zur Verfügung stellte, war gut gefüllt. Auffallend war der große Anteil junger Besucher.
Nach den üblichen Dankesreden bei Sponsoren und Helfern wurde der erste Gast, vorgestellt: Sabine Timoteo ist Schauspielerin des Eröffnungsfilmes Vaterspiel. Der Regisseur von Vaterspiel, Michael Glawogger, konnte leider nicht kommen, da er wie Keilholz bedauernd mitteilte, derzeit in einem Bordell in Bangkok sei. Glawogger ist vor allem Dokumentarfilmer und natürlich - er arbeitet dort an einem neuen Film.

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Vaterspiel von Michael Glawogger

Als Eröffnungsfilm für das Festival des deutschen Kinos wurde ein Film gewählt, der nicht in Deutschland, sondern in Österreich und New York spielt. Vaterspiel ist die Verfilmung des gleichnamigen Romans des österreichischen Schriftstellers Josef Haslinger aus dem Jahr 2000. Rupert Kramer (Helmut Köpping), genannt Ratz, ist Sohn eines Politikers und hasst seinen Vater (Christian Tramitz auf Wienerisch). Der Film liefert dafür nicht die Erklärung. Doch aktiviert dieser Hass eine Energie, die ihn das Vater-Vernichtungs-Computer-Spiel entwickeln lässt. Als seine Jugendliebe Mimi (Sabine Timoteo) ihn nach New York bittet, will er dies nutzen sein Computerspiel zu verkaufen. In New York sieht er sich mit einem Familien-Geheimnis Mimis konfrontiert. Mimis Großvater ist ein untergetauchter Nazi-Kriegsverbrecher, dem er helfen soll. Zwischen Mimis Großvater und Ratz, dessen Großvater das KZ Dachau überlebt, entwickelt sich eine seltsame Beziehung.
Der Film verurteilt nicht, bietet weder Entwicklung, noch Lösungen, enthält sich Verurteilungen und Entschuldigungen. Zeichnet nur auf. Eine Sammlung und Montage verschiedener Schicksale und Zeitebenen. Am intensivsten wirkt der Film, wenn Ulrich Tukur als überlebender Jude, seine Aussagen in einem spartanisch ausgestatteten Büro vor einem Grundig-Tonbandgerät macht. Diese Szenen sind konzentriert und spannend, überzeugen durch die schauspielerischen Darstellungskraft Tukurs und wirken sehr ruhig im Gegensatz zum Rest des Filmes. Auch die reduzierten Farben unterstützen die Atmosphäre.
Timoteo erklärt beim Filmgespräch im Anschluss an den Film, dass ursprünglich wesentlich mehr Szenen gedreht wurden, in denen auch der Großvater Ratzes als junger Mann zu Wort kommt. Der Film sei dann jedoch im Schnitt noch einmal neu entstanden und viele dieser Szenen seien verworfen worden. Das erklärt einiges. Man hat nämlich durchaus das Gefühl, dass der Regisseuer nicht recht weiß wohin. Vielleicht ist das ja auch Haslingers Vorlage (immerhin knapp 600 Seiten), und ihrer Bearbetitung (Drehbuch: Glawogger und Haslinger) geschuldet, welcher der Regisseur nicht Herr werden konnte. Glawogger öffnet einige Handlungsstränge, ohne sie weiter zu entwickeln, z.B. die Figur der Schwester (mit angedeutetem Inzest) oder die der Geliebten des Vaters. Vielleicht ist deren Weiterführung auch im Papierkorb gelandet. Auffallend ist durchaus, dass Mimmis Großvater (im Gegensatz zum Opfer, der Großvater Ratzes) viel Platz gegeben wird zur Entfaltung. Der Höhepunkt dieser Entfaltung ist sein Monolog vor Ratz am Weihnachtsabend. Darin schildert er, noch immer von seiner Ideologie der Herrenrasse überzeugt, seine Verbrechen während des 2. Weltkrieges. Unkommentiert steht dieser Monolog im Film. Ratz nimmt nicht das zwischen ihnen liegende Käsemesser und sticht ihn nieder, holt auch nicht die Polizei, sondern nur die Weihnachtsplatte aus der Wohnung, die sich der tausendfache Mörder wünscht. Übrigens, der Kriegsverbrecher wird als alter und jungerMann von Vater und Sohn gespielt: Itzhak und Samuel Finzi.

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Gespenster von Christian Petzold

In Christan Petzolds Film Gespenster von 2005 spielen Sabine Timoteo und Julia Hummer zwei Freundinnen. Halt- und obdachlos streunen sie durch die Stadt, lassen sich treiben. Ein düsterer und perspektivenloser Film, nach dem man erst einmal erschlagen ist. Was bleibt Nina am Ende noch? (Für Toni besteht von Beginn an keine Hoffnung. Sie besitzt keinerlei moralisch Empfindung.) Der Weg in die Kriminalität ist nun schon eingeschlagen, der nächste Tabubruch wird Prostitution sein. Die Freundschaft mit Toni hat ihr persönlich vielleicht etwas gebracht, doch aus Sicht der Gesamtheit ihres Lebens wird es der Beginn des Abstiegs sein. Die kurze Hoffnung, von ihrer Mutter (Marianne Basler) gefunden worden zu sein, erweist sich als grausame Täuschung, die die Hoffnungslosigkeit ihrer Situation nur noch verstärkt. Auch wen Petzold vielleicht sagen mag der Schluss sei offen für einen Neuanfang, muss man konsequenter Weise sagen, dass es den für diese Mädchen nicht geben kann. Wer einmal dort ist, kommt nicht mehr heraus.
Im Film gibt es eine Vielzahl Überwachungsvideoszenen. Sie vermitteln eine bedrohliche Atmosphäre. Diese Szenen sind typisch für Petzolds Filme. Ebenso typisch sind die Szenen im öffentlichen Raum (hier: H&M, Auto, Hotel, Park, Wald, Platz, Treppenhaus, Krankenhaus). Petzolds Vorleibe für Märchen und Mythen, kommt hier ebenso zum Tragen. Der Film basiert auf dem Märchen Das Totenhemdchen der Gebrüder Grimm.
Timoteo verriet noch, dass mit Petzold zu arbeiten etwas Besonderes sei. Er füttere seine Schauspieler mit allen möglichen Material (Bücher, Filmen, etc.), um sie für Handlung und Stimmung des Filmes zu sensibilisieren. Doch das wird Christian Petzold selbst erzählen, wenn er am Samstag nach Regensburg kommt.

Konzert, Kino, Kunst

22. Oktober 2009 lweser Keine Kommentare

Donnerstag, 22. Oktober. 20.00 Uhr. Goldene Ente. Regensburg.
Erik Gruns Kneipenfilme. Kurzfilme rund um das Thema Kneipe (auch etwas weiter gefasst).

bis 28. Oktober 2009, diverse Locations, Regensburg.
HEIMSPIEL. Das Regensburger Festival des deutschen Kinos. Im Ostentor-Kino, Wintergarten und im Akademiesalon im Andreasstadel. U.a. mit einer kompletten Werkschau von Christian Petzold.
www.heimspiel-filmfest.de

Freitag, 23. Oktober,  Alte Mälzerei. Regensburg.
RAUS HIER! on3-LESEREIHE des bayerischen Rundfunks präsentiert die jungen Regensburger Autoren MARIE KETZSCHER, ELISABETH WERNER und THOMAS MAIR mit einem exklusiven Text zum Motto „raus hier!“. Im Anschluss lesen DIE TÜREN ihre eigene Interpretation zum Thema und geben ein exklusives Konzert – live & unplugged. Eintritt frei!

Freitag, 23. Oktober, 20.00 - 23.00 Uhr Östliche Altstadt. Regensburg.
AltstadtlesungOST - Musik - Essen - Literatur. 12 Autoren (u.a. Schwafi, Säm Wagner, Eberhard Dünninger, Ulrich Dombrowski) lesen an 7 Orten (Kunstverein GRAZ, Feinkost Sarik, Gloria, Suite 15, Galerie konstantin b., IHK, Buchhandlung Dombrowski). Federführend ist Eva Karl vom Kunstverein GRAZ. Dort gibt’s auch den Leseplan und weiter Infos. Eintritt 3,- Euro!
www.kunstvereingraz.de

Freitag, 23. Oktober 2009, 22.00 Uhr, Scala, Regensburg, Jeans Team.  http://www.myspace.com/jeansteam

23.-25. Oktober 2009. Brückenschlag. Tag der offenen Tür im Künstlerhaus Andreasstadel

23.- 25.Oktober 2009 Zitherklub-Festwochenende, zum 125. Geburtstag des Regensburger ZitherKlubs www.zitherklub.de

23. Okt - 1. Nov. Grafikdesignerschau Regensburg DERE.  www.grafikdesignschau.de

Samstag, 24. Oktober 2009, W1, Regensburg, Gentl Lurch und Garda und Good bye Schinderwies, Eintritt: 4,00 €

24. Okt - 28.Nov. 2009, Regensburger Tanztage

Mittwoch, 28. Oktober 2009, 20.00 Uhr, Buchhandlung Atlantis, Wahlenstraße 8, Regensburg, Lesung: Eva Menasse, Eintritt: 8,-/6,-€

Mi, 28. / Do, 29. / Fr,  30. Oktober 2009. 19.00 Uhr Regensburg. Gleich drei Tage hintereinander ist er in der Stadt. JOSEF HADER. Am Mittwoch im Kulturspeicher, Freitag und Samstag im Antoniushaus.

Donnerstag, 29. Oktober 2009, Turmtheater, 20.30 Uhr, Schwafi. Lesung mit Musik von Spacko. Der Verein, der Metzger und der Tod. Eintritt: 15,-€. www.regensburgerturmtheater.de

Donnerstag, 29. Oktober 2009, 21.00 Uhr, Alte Mälzerei, Regensburg, Bambix, Pop-Indie-Punk aus Holland

Sonne im Netz

22. Oktober 2009 lweser Keine Kommentare

Štefan Uher Slnko v sieti - Die Sonne im Netz (CS, 1962) bei den Slowakischen Filmtagen

Mein Kinoerlebnis mindestens des Jahrzehnts, wenn nicht meines bisherigen Lebens ist ein tschechoslowakischer Film aus dem Jahr 1962. Er teilt sich diesen “Titel” mit einem anderen tschechoslowakischen Film aus dem Jahr 1965. Gesehen habe ich beide Filme in der Filmgalerie in Regensburg. Den zweiten Perličky na dně (Perlen auf dem Meeresgrund) sah ich 2007 als Tschechien Gastland der Kurzfilmwoche war. Den ersten Slnko v sieti (Sonne im Netz) vorgestern bei den Slowakischen Filmtagen.

Sonne im Netz des slowakischen Regisseurs Štefan Uher war ein Beitrag des Nationalen Filmarchivs des slowakischen Filminstituts. Štefan Uher legte mit diesem Film den Grundstein zur tschechoslowakischen Neuen Welle (nova vlna).

Sonnenbaden über den Dächern von Bratislava

Sonnenbaden über den Dächern von Bratislava

Fajolo und Bela leben in Bratislava, sie kommen sich näher, stoßen einander jedoch immer wieder weg. Sie stromern auf den Dächern der Wohnblocks umher und haben sich wenig zu sagen. Erst als Fajolo zur Erntebrigade nach Melenany aufs Land fahren muss, findet er zu Worten und zu tieferen Erkenntnissen. Der Gegensatz von Stadt und Land, Alter und Jugend sind grundlegende Motive des Filmes, ebenso wie die Blindheit der Mutter Belas. Ob man in diese Blindheit hinein bereits eine Regimekritik interpretieren kann, sei dahingestellt. „Gemeinsam sehen - Gemeinsam lügen“ ist jedenfalls das Motto Belas und ihres Bruders, wenn sie ihrer Mutter die Umgebung beschreiben.
Deutlich und metapherfrei tritt die Regimekritik hervor, als es um die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften und deren Misswirtschaft geht. Kein Wunder, dass dieser Film verboten wurde. Dass er dennoch, bis es dazu kam, auf einigen tschechoslowakischen und russischen Filmfestivals lief, verwundert da schon eher, weist aber darauf hin, dass es in der sozialistischen Ära der Republik eine Zeit gab, als noch freier mit politischen Äußerungen in der Kunst umgegangen wurde.

Der Film überzeugt auch durch die sehr realistischen Darstellungen des Alltags. So stellt er eine Jugendgeneration dar, die von technischen Vehikeln (Plakate, Radio, Fotoapparat, Mode und Musik) geprägt ist. Die Stadtszenen (Spiel- und Drehort ist Bratislava) wirken ungeheuer modern. Wenn z.B. Bela und Fajolo im Antennenmeer auf den Dächer sonnenbaden, dabei Radio hören, voneinander Fotos machen oder die Sonnenfinsternis beobachten. Ebenso modern wirkt die Filmmusik (Ilja Zeljenka). Sind da tatsächlich Synthesizer-Klänge zu hören? Schnitt und die Erzählstruktur wirken gleichfalls modern. Wenn Fajolo fotografiert ist ein Standbild zu sehen und man hört den Stream of Conciseness Fajolos als Off-Stimme. Im Gegensatz dazu steht das alte Fischerpaar auf dem Ponton (einem Holzsteg samt Hüttenfloß und Fischernetz auf einem Altwasser der Donau) oder die Landschaften von Melanany (gedreht in der Westslowakei nahe Nitra). Die beeindruckende Fotografie des Filmes ist dem Kameramann Stanislav Szomolányi zu verdanken. Im Netz des Fischers spiegelt sich die Sonne als Bela und Fajolo nach dessen Heimkehr gemeinsam dort sind. Am Ende ist der Donauarm ausgetrocknet, der Fischer tot, das Netz nicht mehr vorhanden, Fajolo und Bela getrennt. Bela und ihr Bruder wollen ihrer Mutter den Ponton zeigen und beschreiben ihr die Farbe der Donau und die Sonne im Netz.

Dass nur so wenige Regensburger die Gelegenheit (die sich sicher nicht so bald wieder bieten wird) diesen hervorragenden Film zu sehen, wahrgenommen haben, ist schade. Schade ist auch, dass es keine Einführung oder Filmgespräch zu dem hierzulande nahezu unbekannten Film gegeben hat. Dennoch, dass Slnko v sieti in Regensburg zu sehen war, beweist einmal mehr die immens wichtige und unermüdliche kulturelle und filmgeschichtliche Arbeit des Arbeitskreises Film. Danke!

Saharasand rinnt nicht durch die Finger

20. Oktober 2009 ffranc Keine Kommentare

Funny van Dannen: “Saharasand

Ja, das Leben heutzutage ist schon nicht einfach. Ich glaube nicht wirklich, dass es früher leichter gewesen ist, aber heute ist das Bewusstsein für die Komplexität der Dinge deutlich höher. Von Lebensvereinfachung keine Spur. Um Abhilfe zu schaffen gibt es im Wesentlichen drei Dinge: 1.) man hat einen guten Psychotherapeuten, der ist aber teuer, 2.) man kauft sich ein Ratgeber-Buch von der Spiegel-Bestsellerliste und hilft sich selbst, das ist meist wenig erfolgversprechend, oder 3.) man nimmt es gelassen, lässt das Komplexe komplex sein und hört sich die neue Funny van Dannen-Cd an.

Das erste Mal hörte ich von ihm auf Franz Doblers “Wo ist zu Hause Mama”-Sampler. Das war 1995 und damals befand sich die zweite Welle deutschsprachiger Bands mit Gruppen wie Tocotronic, Blumfeld und den Lassie Singers auf ihrem Scheitelpunkt. Da fiel ein klampfender Barde, der Nana Mouskouri besang, gleich auf . Welch’ ein Anachronismus. Was für ein cooler Typ.

Auch wenn auf meinem PC die Musik von Funny van Dannen als Folk getagt wird (ganz falsch ist es nicht), so sehe ich ihn doch eher als einen Liedermacher, in einer Tradition mit Georges Brassens, oder, ja ich traue mich es zu sagen, Reinhard Mey oder gar Fredl Fesl. Assoziationen zu amerikanischem Folk, zu Bob Dylan oder Bonnie “Prince” Billy habe ich weniger, und auch die englischen Songwriter von Donovan bis Nick Drake drängen sich als Vorbilder nicht gerade auf.

Während Kollege Distelmeyer mit einer Art typisch teutonischen Schlagerverschnitts auf dem besten Wege ist der neue Peter Maffay zu werden, und damit durchschlagenden Erfolg hat, geht Funny van Dannen einen anderen, einsameren Weg.

Er ist in seiner Haltung so was von undeutsch in positivsten Sinne. Eine wahrlich nicht rosige Welt und Gesellschaft so leicht und charmant zu beschreiben, ohne jeden besserwisserischen oder Welt verbessernden Anspruch, das können nicht viele. Endgültig vorbei sind die Zeiten, als Ost-West, Rechts-Links oder Gut-Böse Schemata das Denken und Handeln prägten. Das war 1968, das war 20. Jahrhundert. Im heutigen Durcheinander helfen einfache Slogans, simple Antworten nicht wirklich weiter. Ein großes Dilemma, dass nur wenige so auf den Punkt bringen wie Funny van Dannen. Und, er hat weder eine Lösung parat, noch hat er Schuldige ausgemacht. Oder doch, er macht so viele Schuldige aus, dass es wiederum keinen Sinn macht, alle zur Verantwortung zu ziehen, ohne gleich die halbe Welt - oder viel mehr? - hinter Gittern zu schicken. Und die Lösung ist vielleicht doch die schlichte Erkenntnis, dass trotz Klimakatastrophe, Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit und Nazis, die Welt gar nicht so schlecht ist. Blanker Eskapismus wird manch einer tönen. Vielleicht. Wenn derjenige meint es besser zu wissen, soll er doch zur Gitarre greifen und Songs von ähnlicher Schönheit machen.

Denn was Funny van Dannen ausmacht ist, neben seiner Haltung, die Schönheit seiner Lieder. Auch auf seinem elften Album schafft er es immer wieder in seinen Texten überraschende, erfrischende Reime zu finden. Stets ist er dem Geist und der Seele der Wörter und Dinge auf der Spur und findet sie. Was und wofür ist eigentlich ein Konjunkturpaket? Sein Humor und Positivismus sind stets erbaulich. Trübsal und Depression seien anderen vorbehalten, eben so Aggression und flotte Sprüche. Daran mag Funny van Dannen dann und wann leiden, mag sich wünschen “saugefährlich” zu klingen. Er scheut sich nicht ein Arschloch ein solches zu heißen, wenn er eines ist, doch anstatt den Bösewichten dieser Welt an die Gurgel zu gehen, beschießt er sie mit seiner “Katzenpissepistole”. Richtig böse ist das wirklich nicht.

Wenn er seinen Hauptstadtnachbarn, den hippen jungen Neu-Berlinern, der digitalen Boheme, den Emporkömmlingen und Wichtigtuern der neuen Kapitale, das Bild entgegen hält, dass die Straße ein Fluss und Brandenburg das Meer sein könnte, sitzt die Ohrfeige allerdings perfekt.

Musikalisch ist Funny van Dannen trotz des beschränkten Instrumentariums fern von jeder Fußgängerzonen-Gitarrenklampfer-Einfältigkeit. Seine Songs sind ziemlich abwechslungsreich und von verblüffender Originalität. Mal echt flott wie bei “29 Marienkäfer”, mal catchy Mitsingen-fordernd bei “Jugendstil”, country-folkig bei “Samenstau” oder ruhig-schöne Ballade in “Würfelspiel”.

So, und anstatt von meinem kargen Hartz-IV-Einkommen mir den neuesten iPhone zu kaufen, oder bei n-tv den Stand meines Aktienpakets zu verfolgen, gehe ich jetzt mit meiner Frau an die Donau und höre mir Saharasand an, denn das rinnt nicht so schnell durch die Finger. Ich freue mich an den Farben des Herbstes und an den vorbeifahrenden Kähnen aus Bulgarien, auch wenn die Zuckerfabrik nicht mehr raucht und wenn es regnet und langsam ganz schön kalt wird. Der Winter naht, wie jedes Jahr.

Und wenn es noch eines Beweises braucht, dass die Welt nicht so scheußlich ist wie es scheint, dann ist es einfach Funny van Dannen selbst.

Ubrigens: Das Funny van Dannen-Konzert findet am Donnerstag, 22. Oktober, 20.30 Uhr, im Kulturspeicher, Regensburg statt.

fvd_saharasand

Funny van Dannen
Saharasand

Cd - digipak
Erschienen bei JKP

www.funny-van-dannen.de