Wer gibt auf die Wächter acht? - Superhelden reloaded
(Jan Neidhardt)
Ok, Superhelden - hab ich mir gedacht - eigentlich nicht so ganz meine Welt..
auch der Stil hat mir anfangs nicht so richtig gefallen, das sah erst alles ein bisschen künstlich aus.
Trotzdem hab ich mir den Band mal vorgenommen, Comic und Film werden ja vielfach diskutiert… Und bin dann aus dem Lesen und Schauen gar nicht mehr herausgekommen. Alan Moore und Dave Gibbons entwerfen mit diesem Comic ein ganz eigenes Universum aus einer tollen Idee, einer gut erzählten Geschichte und unglaublich vielen Querverweisen auf die Literatur, die Philosophie, Wissenschaft und Religion und natürlich das Comicgenre selbst.
Die Idee ist einfach, einen neuen Blick auf die Superhelden zu ermöglichen. Diese werden in einer Zeit gezeigt, zu der ihr Dasein eigentlich überflüssig geworden ist. Der “Keene-Act” verbietet das Vigilantentum. Das Misstrauen der Bürger in ihre einstigen Helden ist zu groß geworden. “Who watches the watchmen?” ein Zitat hergeleitet vom altrömischen Dichter Juvenal prangt an jeder Wand. Die Superhelden müssen sich veränderten Zeiten anpassen. Die einen gehen in Pension (mehr oder weniger glücklich), andere machen im Auftrag des Staats weiter (Wissenschaft und “Dreckarbeit”) , einer scheint sich dem Kommerz zu ergeben und vermarktet sich hemmungslos und schließlich gibt es noch einen (Rorschach, den Maskierten und heimlichen Haupthelden der Story), der auf eigene Faust in der Illegalität weiterhin das Verbrechen bekämpft.
Als ein einstiger Mitstreiter (The Comedian) ermordet wird, warnt Rorschach die anderen, da er vermutet, dass es jemand auf “Maskierte” abgesehen hat. Die Geschichte wendet sich in eine Richtung weltbedrohenden Ausmaßes.
Superhelden als Menschen mit Problemen, vielleicht nicht ganz alltäglichen, aber doch mit Sinnkrisen und anderen Anfechtungen und dem Dilemma, in das einen die eigenen Macht bringen kann, sind sicher nicht der übliche Actionstoff, den man aus Comics gewöhnt ist, da hier doch Schwierigkeiten des menschlichen Lebens im Allgemeinen gezeigt werden.
Spannend ist auch, dass die Welt der Watchmen zwar eine fiktive ist, aber doch sehr viele Probleme, die in den 80ern die westliche Welt beherrschten, verarbeitet werden. Ich will nur kurz als Beispiel den Kalten Krieg, Jugendgewalt und die Medialisierung des täglichen Lebens nennen, die in diesem Comic sehr stark thematisiert werden.
Der Comic ist auch deshalb interessant, weil hier Verbindungen zu verschiedenen literarischen oder anderen künstlerischen Werken eine Rolle spielen. Das macht die Story um so reizvoller, wenn man um die Hintergründe weiß (sie lässt sich aber auch sonst sehr gut lesen, keine Sorge - aber vielleicht bekommt man nach dem Comic ja auch mal Lust z.B. einen Blick in Friedrich Nietzsches “Also sprach Zarathustra” zu werfen…)
Was mir auch sehr gut gefallen hat, ist die Symbolsprache in diesem Buch - der Smiley, der sich nachher auch auf dem Mars in einem Krater wiederfindet und ähnliche Ideen und die Verbindung von Gerichtsakten, autobiographischen Büchern etc., die jedem Kapitel vorangestellt ist.
Die Bilder sind bewusst in einem etwas unterkühlten Stil gehalten, der eben an diesen für die Superheldencomics typischen erinnert. Vieles ist hier aber grade ästhetisch sehr ansprechend. Oft wird aber auch in grausamen Darstellungen geschwelgt, wobei manches vielleicht auch nicht für Leute mit schwachen Nerven oder Kinder zu empfehlen ist.
Wenn man sich auf diesen Comic einlassen will, wird man auf jeden Fall gefesselt werden und hat mindestens für ein Wochenende genug zu lesen. Die deutsche Ausgabe kommt sogar mit einer recht interessanten Erläuterung (am Schluss) des Comics daher - was die Relevanz des genauen Hinschauens bei dieser Graphic Novel unterstreicht. Leider ist die Übersetzung ins Deutsche meiner Meinung nach nicht immer so gelungen, was aber dem Lesevergnügen eigentlich keinen Abbruch tut - trotzdem der Blick ins englische Original lohnt sich auch.
Alan Moore (Autor)
Watchmen
www.panini-verlag.de
436 Seiten für 29,95 Euro