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Archiv für 3. März 2010

Von wegen Plastik-Fantastik

3. März 2010 ffranc 1 Kommentar

Werner Boote: Plastic Planet, Wintergarten, Kino im Andreasstadel, Regensburg, 2. März 2010 mit Anwesenheit des Regisseurs.

Wie ist eigentlich Österreich zur Hochburg des Dokumentarfilms geworden?
2004 Darwin’s Nightmare von Hubert Sauper, 2005 Unser täglich Brot von Nikolaus Geyrhalter und Working Man´s death von Michael Glawogger, 2006 We feed the World von Erwin Wagenhofer - Alle hochgelobt, alle dotiert, mit einer weltweiten Auswertung. Nun also wieder ein aufsehenerregender österreichischer Dokumentarfilm. Seit Donnerstag läuft Plastic Planet von Werner Boote in Deutschland.

Werner Boote im Akademiesalon

Werner Boote ist Enkel, des ehemaligen Geschäftsführers von Interplastik Deutschland. Er machte sich auf, die Welt des Plastiks zu ergründen. Die Welt seines Großvaters - unsere Welt. Was er dabei zu Tage fördert ist ebenso erstaunlich, wie beängstigend. Zehn Jahre hat Boote für Plastic Planet recherchiert. 700 unabhängige Studien hat er gesammelt, die alle gesundheitsgefährdende Eigenschaften verschiedener Plastikarten belegen. Er hat auch zehn Studien gefunden, die diese Gefahr widerlegen - alle zehn wurden von der Plastik-Industrie in Auftrag gegeben.
Ein paar Zahlen und Fakten des Filmes gefällig? Bitteschön:

  • Weltweit werden jährlich fast 240 Millionen Tonnen Kunststoffe hergestellt, 60 Millionen Tonnen davon in Europa.
  • Die Menge des Kunststoffes, die seit Beginn der Plastikproduktion erzeugt wurde, reicht um die Erde sechs Mal mit Plastik zu überziehen.
  • Die Verfallszeit von Plastik beträgt 500 Jahre.
  • Im Pazifik treibt ein Plastikstrudel, der ca. 700.000 Quadratkilometer groß ist (wachsend). Dabei sinkt der meiste Plastik auf den Meeresboden. Es ist nicht der einzige Plastikmüllteppich, der im Ozean entdeckt wurde.
  • Es gibt heute 10 mal mehr Plastik im Meer als Plankton. Fische und Seevögel halten dieses Plastik für Plankton und fressen es. Dass sie verenden ist nur eine Folge davon.
  • Jeder von uns hat Plastik im Blut z.B. Bisphenol A oder Weichmacher.
  • Bisphenol A kann schon in sehr geringen Mengen gefährlich werden, Allergien und Krebs auslösen, den Hormonhaushalt beeinflussen, eventuell sogar das Erbgut schädigen.
  • Bisphenol A war bis zum Nachweis durch PlasticPlanet zum österreichischen Kinonachstart in sehr großen Mengen in Babyschnullern vorhanden.

Eigentlich sitzt man die ganze Zeit nur mit offenen Mund da und kann es nicht fassen. Boote hat Genforscher, Zellbiologen, Pharmakologen, Endokrinologen usw. interviewt. Aber der Film besteht aus mehr als nur Fakten und ist alles andere als trocken. Es gibt eine Menge genuin groteske Szenen. Schon das erste Interview mit John Taylor, dem Präsidenten von PlasticsEurope, hat eine unfreiwillige Komik. ebenso wie der Besuch bei einer Plastikproduktionsfirma in China. Beim Versuch John Taylor ein zweites Mal auf der internationalen Plastikmesse zu sprechen, im Gepäck hatte Boote die 700 Studien, lief dieser ihm glatt davon. Als Ray Hammond, Buissness Speaker und Science-Fiction-Autor, von der Plastikindustrie zu Boote geschickt wurde, musste sich der Filmemacher wie in einem schlechten Film vorgekommen sein. Ray Hammond erscheint im Interview eher wie ein Esoteriker.
Weiterhin gibt es billige Gags, z.B. ein Interview mit einem Schönheitschirurgen, ein Spezialist für Brustimplantate, oder mit dem Gunther von Hagens, die nicht wirklich weiterbringen aber auflockern. (Was der Film aber eigentlich nicht nötig hätte.)
Seit Michael Moore (mit dem Boote nicht verglichen werden will) ist der Dokumentarfilm beim Goßen Publikum angekommen, hat aber auch seine vermeintliche Objektivität verloren. Sei´s drum! Eine größere Öffentlichkeit für politische, gesellschaftliche, ökologische Themen zu gewinnen, ist nur begrüßenswert. Wenn man dazu zu einigen dramaturgischen Kniffen greifen muss, sei das verziehen.
Boote begleitet seinen Film durch die ganze Welt und leistet so zusätzlich Aufklärungsarbeit. Am Montag war er im Wintergarten in Regenburg und stellte sich im Anschluss an die ausverkaufte Vorstellung, den Fragen der Zuschauer. Und das Publikum war interessiert. Der Film hatte viele Fragen aufgeworfen. Und Boote konnte zahlreiche Anekdoten erzählen und weiterführende Informationen geben. 10 Jahre Recherche, 710 Studien, 400 Stunden filmisches Material. Natürlich muss man da auswählen. Laut Boote hatte die erste Version seines Filmes vier Stunden gedauert. Selbsredend ist das viel zu lang für einen Dokumentarfilm fürs Kino. Wir können also auf die DVD-Ausgabe mit Zusatzszenen gespannt sein. Für alle, die nicht so lang warten wollen: es gibt auch noch ein Buch zum Film.

Plastic Planet läuft am 3. 5.-8. und 10. März im Wintergarten und Akademiesalon, Kinos im Andreasstadel, Regensburg.

Weitere Infos unter www.plastic-planet.de
und Werner Boote zu Gast beim Tagesgespräch auf Bayern2-Radio am 26.02.2010 als Podcast zum herunterladen unter www.br-online.de/podcast/