Buch-Tipp: “The making of…” Genie: Wittgenstein und Mozart
Geniale Geistesgrößen
(Sigrid Grün)
2006 fand im Wittgenstein-Haus in Wien eine Konferenz statt, in deren Rahmen sich WissenschaftlerInnen, BiographInnen und RegisseurInnen interdisziplinär mit dem Thema „Biographien, ihre Mythen und wem sie nützen“ auseinandersetzten. Dieser Sammelband vereint nun Beiträge zu den Themen Biographien im Allgemeinen und Wittgenstein und Mozart im Besonderen. Dabei wird insbesondere auf den Genie-Begriff Bezug genommen. Dieser spielt vor allem in der Alltagssprache eine wichtige Rolle und ist im wissenschaftlichen Diskurs eher verpönt – was ihn für die Kulturwissenschaft natürlich um so interessanter macht. Es ist spannend die Genese des Genie-Begriffes mitzuverfolgen, denn früher war ein „Genie“ durchaus keine Ausnahmeerscheinung, sondern eine Begabung, über die ein Mensch mit bestimmten, aber keineswegs überragenden Fähigkeiten verfügte.
Auch der Biographiediskurs wird ausführlich diskutiert – nicht nur anhand der Biographien von Wittgenstein und Mozart. Welche Bedeutung kommt identifikationsstiftenden Figuren zu? Welcher Erzählstrategien bedienen sich Biographen? Wie kommt es zur Mythenbildung? Und was bedeutet das konkret? Die Autoren bedienen sich verschiedener Ansätze, v.a. aus der Kulturwissenschaft, der Medienwissenschaft, der Musiksoziologie, Philosophie, Geschichte und Kunst.
Schnell wird klar, dass Biographien einen ganz besonderen Konstruktionscharakter aufweisen, der sie irgendwo zwischen Roman und Sachbuch verortet.
Wittgenstein und Mozart, diesen beiden „klassischen“ Genies wird jeweils eine ganze Sektion gewidmet. Spannend daran sind die Unterschiede, die diese österreichischen Ausnahmeerscheinungen in ihren Biographien aufweisen. Die unterschiedlichen Zeiten, in denen sie lebten selbstverständlich, aber auch ihre Berufe: Ein Musiker, also Künstler auf der einen Seite, ein Wissenschaftler (Philosoph bzw. eigentlich Ingenieur) auf der anderen. Fest steht, dass ein Künstler sehr viel eher in der Gesellschaft den Geniestatus erreicht als ein Wissenschaftler. Nur wenige Ausnahmen, wie beispielsweise Einstein und Stephen Hawking – oder eben Wittgenstein bestätigen die Regel. Warum ist das so? Was ist das besondere an Wittgenstein? Welches Bild existiert in der Öffentlichkeit von ihm? Wie wird er vermarktet? Diese und viele weitere Fragen werden hier beantwortet. Schön, dass auch Künstler, wie z.B. der Regisseur Ferry Radax oder M.A. Numminen, der Wittgenstein singt, zu Wort kommen.
Und dann Mozart Superstar, der im Jahr 2006 als die Konferenz stattfand, seinen 250. Geburtstag gefeiert hätte – Mozart, der Popstar aus dem 18. Jahrhundert. Was ist das Besondere an ihm? Wie ist es möglich, dass ein Musiker aus der Zeit der Wiener Klassik heute einen derartigen Starruhm genießt? Wie hat sich das Mozartbild im Lauf der letzten Jahre und Jahrzehnte geändert? Seit wann gilt er als „Popstar“ und warum?
Der vorliegende Sammelband sensibilisiert für ein Thema, das in unserem Alltag eine wichtige Rolle spielt, ohne dass wir uns darüber allzu viele Gedanken machen. Was steckt hinter dem Geniekult, dem Bedürfnis einen Superstar nach dem anderen zu produzieren und vor allem auch hinter Biographien?
Ein ungeheuer spannendes Thema, das in zahlreichen Facetten aufgearbeitet wird. Das Buch ist eine große Bereicherung für die Kulturwissenschaft und für alle, die genauer wissen möchten, was hinter Phänomenen wie Starkult, Stilisierungen von Einzelpersonen und hinter dem Geniebegriff steckt.
Nicole L. Immler (Herausgeberin)
“The making of…” Genie: Wittgenstein und Mozart. Biographien, ihre Mythen und wem sie nützen
www.studienverlag.at
276 Seiten

13. -23. Mai 2019, verschiedene Orte, Regensburg
Freitag, 14. Mai 2010, 23.00 Uhr, Leerer Beutel, Regensburg
Das Stück Finnischer Tango von Joseph Berlinger wurde mit gleicher Besetzung bereit 2007 im Hesperidengarten mit großem Erfolg aufgeführt. Nun ist die Aufführungssituation eine andere: eine feste, geschlossene Bühne statt wechselnde Spielstätten im Gewächshaus.
07. / 08. Mai 2010, 14.00-20.00 Uhr, Hutsalon Lilo, Schwarze-Bären-Str. 1, Regensburg