DVD - Besprechung: Dominik Graf: Im Angesicht des Verbrechens
Der Regisseur Dominik Graf und der Drehbuchautor (und Cutter) Rolf Basedow waren beide im November Gast des diesjährigen Heimspiel Filmfestes in Regensburg. Im Mittelpunkt des Festivals stand die Werkschau Dominik Graf. Viele der darin gezeigten Filme basieren auf die Zusammenarbeit zwischen Graf und Basedow, die sich schon seit der Filmhochschule kennen. Gezeigt wurde auch die zehnteilige Fernsehserie Im Angesicht des Verbrechens in der zweiteiligen Berlinalefassung. Gleichzeitig liefen die letzten Folgen noch in der ARD und der offizielle Erscheinungstermin der DVD-Edition stand bevor.
Die zehn Folgen von je 49 Minuten Länge spielen im Russenmafia-Milieu Berlins. Die zwei jungen Polizisten Sven Lottner (Ronald Zehrfeld) und Marek Gorsky (Max Riemelt) erhalten beim LKA die Chance sich zu bewähren. Doch Marek, Sohn lettisch-russischer Juden, gerät in Konflikt, da der Mann (Mišel Matičević) seiner Schwester (Marie Bäumer) in die kriminellen Geschehnisse verwickelt zu sein scheint. Parallel kommen die zwei jungen Ukrainerinnen Jelena (Alina Levshin) und Swetlana (Katharina Nesytowa) nach Deutschland und landen, wie sollte es anders sein, im Bordell. Natürlich kreuzen sich beide Stränge. Bald wird klar, hier geht es nur um Geld, Macht und Sex. Jeder ist käuflich. Gut, im Verlauf der Serie verschiebt sich der Fokus vom Sex zur Liebe mit einem Touch Mystik und vielleicht gibt es ein, zwei Leute, die nicht ganz so schlimm sind, wie die Anderen.
Die Ermittlungen führen Marek und Lottner auch nach Polen bis an die Grenze zu Russland. Marek muss aus persönlichen Gründen sogar weiter nach Weißrussland und in die Ukraine. Immer schwingt in diesen unbekannten Gegenden, die Gefahr. Als Gegenpol steht Berlin, als vertrautes Terrain, das jedoch kaum weniger Gefahren birgt.
Grafs Vorliebe Handlung und Figuren mittels Tonüberfrachtungen in einen Klangteppich einzubetten, kommt hier wieder zum Einsatz. Graf verglich bei einem Gespräch in Regensburg, die Arbeit der Polizei mit der eines Filmteams. Ständig sei der der Einzelne einer multiperspekivischen Tonbestrahlung ausgesetzt. Wie auch schon in Eine Stadt wird erpresst oder Die Katze, wird in Im Angesicht des Verbrechens das Geschehen ständig vom Polizei-Funkverkehr überlagert. Doch dabei kann ein Problem auftreten, welches Graf bereits bei Die Sieger diagnostizierte: die multiplen Tonüberlagerungen in Symbiose mit einem hochproduzierten digitalen Studiosound und einer undeutlichen Aussprache der Schauspieler, des Anspruchs der Authentizität wegen, haben zur Folge, dass man mit einem normalen Abspielgerät die Dialoge nicht mehr versteht. In Im Angesicht des Verbrechens wird auch jiddisch, russisch und ukrainisch gesprochen. Oft kann man die deutschen Parts jedoch nicht von diesen unterscheiden, da sie gleich unverständlich sind. Vorteil der Rezeption von DVD ist, dass man hier deutsche Untertitel einblenden kann. Doch finde ich es eine erschreckende Entwicklung, wenn man die Filme in der eigenen Muttersprache nur noch mit Untertitel verstehen kann.
Neben dem Ton, sind auch Kamera und Schnitt äußerst unruhig. Bei einem Gespräch bleiben nicht die Gesprächpartner im Bild, sondern es werden ständig Umgebungsbilder mit schnellen Schnitten eingefügt. Ein ständiges Gehetztsein wird dadurch vermittelt. Auch wenn man sich im Verlauf der Serie daran gewöhnt, ist das für den Zuschauer anstrengend.
Im Interview, welches als Extra auf der letzten DVD enthalten ist, erfährt man von den Schwierigkeiten, denen sich diese aufwendige Produktion gegenüber sah. Bereits bei Die Sieger beklagte Graf, die Mühen, die große Projekte schon im Vorfeld kosten. Diesmal kam es in Folge des Einschreitens der Gewerbeaufsicht wegen Überschreitung der Arbeitszeit, sogar zur Insolvenz der Produktionsfirma, was die Fertigstellung des Filmes verzögerte, aber zum Glück nicht verhinderte.
Der Film bestätigt, was man vorher bereits ahnte: es gibt mehr als eine Parallelwelt in Deutschland. Und nicht die unangepassten Unterschichtenimigranten sind die Gefährlichen, sondern die Reichen und Schlauen, die in Geschäftsbeziehungen mit Wirtschaft und Politik stehen.
Trotz aller Gewöhnungsbedürftigkeit besitzt die Serie das, dem Genre eigene Suchtpotential. Erst nach dem letzten Teil kann man aufhören. Insofern hat die DVD-Edition einen weiteren entscheidenden Vorteil: man muss nicht erst eine Woche bis zur nächsten Folge warten.

Im Angesicht des Verbrechens
Regie: Domink Graf, Drehbuch: Rolf Basedow.
Darsteller: Max Riemelt, Ronald Zehrfeld, Maria Bäumer, Mišel Matičević u.a.
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ca. 488 Minuten, D/A 2010.
MFA+ / Ascot Elite
VÖ: 16.11.2010
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weitere Informationen unter: www.mfa-film.de
www.daserste.de/imangesichtdesverbrechens/