Archiv

Archiv für Januar, 2011

Rocking Trash

28. Januar 2011 lweser 1 Kommentar

Premiere: Richard O´Briens The Rocky Horror Show, Inszenierung: Axel Stöcker, Choreographie Amy Share-Kissiov im Velodrom Regensburg, 26. Februar 2011

Die Handlung der Rocky Horror Show dürfte hinreichend bekannt sein. Janet und Brad landen nach einer nächtlichen Autopanne in einem Schloss in dem transsexuelle Außerirdische unter Leitung des Frank´N Furter (in Anlehnung an Frankenstein) ihre Spiele treiben. Sie kommen gerade richtig zur Feier seiner größten Schöpfung: sein Retorten-Lustknabe Rocky ist fertig. Vorher muss er aber noch seinen alten Liebhaber Eddie beseitigen. Trash in Reinform, eben.

rockyhorrorshow

Bei der Regensburger Inszenierung wurden fast alle Rollen durch Ensemblemitglieder besetzt. Durch Mitglieder sowohl des Schauspiel-, als auch des Musiktheater-Ensembles. Die Ausnahme bilden Markus Engelstädter (ein recht blasser Eddie) und Randy Diamond (ein Frank N´Furter, wie man ihn sich nicht besser wünschen kann). Frank und Brad sind jeweils doppelt besetz – einmal mit einem Schauspieler, einmal mit einem Sänger. Bei der Premiere am Mittwoch spielten jeweils die Sänger die Rolle. Randy Diamond, dessen Name tatsächlich so klingt als wäre er extra für ein Schwulenporno oder eben für die Rock Horror Show gewählt, hat in der letzten Spielzeit Dr. Jekyll und Mister Hyde gespielt, was darauf schließen lässt, dass es sich wohl um seinen richtigen Namen handelt. Die Alternativbesetzung ist Oliver Severin. Julia Baukuss überzeugt (wie auch schon im Blauen Engel) als Janet auf ganzer Linie. Cameron Becker als Brad knödelt bei den Sprechpassagen ein bisschen. Oder liegt es an seinem amerikanischen Akzent? Aber den hat Randy ja auch. Die Zweitbesetzung für Brad ist Daniel Tille, der kurzfristig und äußerst charmant den erkrankten Michael Heuberger als Erzähler vertrat. Die Schauspielerinnen Johanna König und Gabriele Fischer geben die Dienerinnen Columbine und Magenta, der Sänger Michael Berner den Diener Riff-Raff. Der Schauspieler und ehemalige Domspatz Miko Greza ist Dr. Scott. Die Titelrolle des Rocky wird von dem seit 2008/2009 zum Ensembel gehörenden Markus Hamele verkörpert.

Zum Bühnenbild gehörte am Anfang ein echtes Auto, aus dessen Front-Kofferraum der Erzähler das Geschehen kommentierte. Sonst ist die Bühne einfach und funktional. Die zweiteilige Showtreppe ermöglicht es die Transylvanianier dekorativ und wirkungsvoll zu choreographieren und zu inszenieren. Freilich, erinnert das zuweile an Ein Kessel Buntes. Aber schließlich hat eine durchschnittliche Volksmusik-Show heute auch mehr Horror-Elemente als die von Rocky und seinen Freunden. Wer aber geglaubt hat, dass The Rock Horror Show (immerhin hat sie auch fast vierzig Jahre auf dem Buckel) mittlerweile doch nur alte Kamellen sind, hat die Rechung ohne dieses spielfreudige Ensemble und ohne die Zuschauer gemacht. Hier wird einfach alles gegeben. Die Inszenierung ist temporeich und dynamisch, bunt und schrill, hat vielleicht einige Genitalgriffe zu viel… aber was soll´s. Wer will denn hier wem den Spaß verderben. Besser kann die Original-Inszenierung auch nicht gewesen sein. Also: hin gehen und einfach Spaß haben!

Übrigens: Alle Zuschauer, die das erste Mal eine Rocky Horror Show erleben, sollten sich die Kulthandlungen auf Wikipedia durchlesen.

Richard O´Brien: The Rocky Horror Show, Inszenierung: Axel Stöcker, Choreographie Amy Share-Kissiov, musikalische Leitung der Piu Piu Band: Gelsomino Rocco

Weiter Termine: 30./31. Januar, 1./2./3./6./14./15./16./17./18./21.26. Februar, 16./17./23./24./26. März, 10./11. April, 18./25./26. Juni 2011

www.theaterregensburg.de

Liebe und Tod

28. Januar 2011 lweser Keine Kommentare

Ballett: NordNordWest-Bolero von Olaf Schmidt, Theater am Bismarckplatz, Regensburg

Als erstes sei festgehalten, dass es sich bei Olaf Schmidts neuer Inszenierung um zwei (nicht miteinander verbundene) Stücke handelt.
„Ich bin nur toll bei Nordnordwest“ lässt Shakespeare Hamlet zu Güldenstern sagen. Doch weil Hamlet eben nicht verrückt war, und das für Ballettdirektor Olaf Schmidt die Quintessenz der Shakespeareschen Tragödie ist, benannte er sein „Hamlet-Ballett“ genau danach: „NordNordWest“. Das war der erste Teil - und der Rest war: Bolero. Die sieben Bilder (bzw. Tänze oder Lieder), die Tangos und Boleros also, wurden mit einer Ausnahme, alle bereits 2004 als Olaf Schmidts Einstand im Theater Regensburg, 2006 im Theater Ingolstadt unter dem Titel „Bolero“, bzw. 2007 wieder in Regensburg unter dem Titel „Vier Mal Leben-Bolero“ aufgeführt. Auch „NordNordWest“ gab es in ähnlicher Form bereits vor elf Jahren am Badischen Staatstheater Karlsruhe, wo Olaf Schmidt vor Regensburg arbeitete.

nordnordwest-bolero

Bolero
Die Mischung aus diesen beiden, so gar nicht zusammenpassenden Teilen, wirkt zunächst beliebig und auch ein wenig verstörend. Doch wenn man sich umgestellt, Tragik und Tod Hamlets beiseite gedrängt hat, vermag man sich auf die spielerischen Boleros einzulassen. Hier wird die gesamte Bandbreite der Paarbeziehung getanzt. Was eignet sich besser den Kampf der Geschlechter (auch wenn bei einzelnen Stücken nur Frauen oder nur Männer miteinander tanzen) darzustellen, als ein Tango oder ein Bolero, dieser Inbegriff an Feuer und Leidenschaft, diese Mischung aus Hingabe und Verweigerung. In Ravels Bolero, dem letzen Stück, tanzt wieder das gesamte Ensemble. Ein buntes Potpourri an Charakteren probiert, korrigiert, bis sich die unterschiedlichen Paare zusammengefunden haben. Ein rauschhafter Sog, dem sich keiner entziehen kann.

NordNordWest
„Die Tragödien meines Gottes Shakespeares sind tatsächlich vorgefertigte Ballette“ sagte Stendhal 1818. Bezüglich der Ballett-Adaption der Shakespeareschen Dramen, befindet sich Olaf Schmidt also in prominenter Gesellschaft und folgt einer längeren Tradition.
Nun ist Hamlet allerdings nicht Romeo und Julia. Das heißt Olaf Schmidt hat nicht den Luxus (oder den Zwang) auf eine fertige, durchgehende Komposition wie von Prokofieffs Romeo und Julia zurückgreifen zu können. Schmidt besteht darauf, dass sein Ballett eben nicht Hamlet sei, sondern nur davon inspiriert. Für ihn seien die traumhaften Sequenzen des Stückes am wichtigsten. Entsprechend verwendet er für NordNordWest einzelne, ganz unterschiedliche Musikstücke (alle wieder aus der Dose), z.B. Bachs Cello Suite Nr. 4, Benjamin Brittens Simple Symphony, oder Werke von Gustaf Mahler und Arnold Schoenberg. Eine abwechslungsreiche Bandbreite.
Auch nutzt Olaf Schmidt, wie bereits bei Carmina Burana, einen Kunstgriff. Er setzt die Schauspielerin Sivia von Spronsen als Erzählerin ein. Er schuf für sie eine neue Rolle: den unsichtbaren Hauptprotagonisten des Stücks: den Tod. Ihr Part passt sich ganz gut in die Inszenierung ein, wirkt nur selten störend, ist nicht zu dominant und nicht reine Erläuterung. Vielmehr handelt es sich um eine atmosphärische Zugabe und den Versuch Shakespeares Text miteinzubinden. Leider wurden dabei vor allem auf die großen, allgemein bekannten Formeln gesetzt. Eine Reduktion, die dem Anspruch wohl nicht gerecht wird, so dass die Frage erlaubt sei, ob die Rolle wirklich nötig war. Denn auch Jenen, denen Shakespeare vertraut ist, fiel es, trotz Erzählerin, nicht allzu leicht die Tänzer/innen sofort den Figuren, die Tänze den Szenen zuzuordnen. Und sollte ein Ballett was es zu sagen hat nicht durch den Tanz ausdrücken und Worte überflüssig werden lassen? Doch wollen wir nicht päpstlicher sein als der Papst.
Die Choreographien waren durchweg überzeugend. Ayumi Noblet als Ophelia hat eine eigenartig kindlich, flapsige und gleichzeitig packende Bühnenpräsenz. Hamlet wird von Brendon Feeney getanzt, der allerdings von fern Rosenkranz (Fabian Moreira) zum Verwechseln ähnlich sieht. In zwei Szenen setzte Schmidt effektvoll Wasser ein. Hauchfeine Wasserfontänen aus einem entrollten Gartenschlauch reizen die bereits wahnsinnig gewordene Ophelia zum Spiel. In der nachfolgenden Szene ergibt der nasse Boden eine optisch reizvolle Kulisse für die Tänzer.

Trotz einiger konzeptioneller Zweifel, bleibt die Choreographie und die Leistung des Ballettensembles großartig.

Es gibt nur noch zwei weitere Aufführungen: am kommenden Sonntag, den 30. Januar und am 24. Februar 2011.

Aber am 19. März 2011, 19.30 Uhr, feiert das Ballett Romeo und Julia (Musik von Sergej Prokofjew)  inszeniert von Olaf Schmidt im Theater am Bismarckplatz Premiere. Diesmal sogar mit echtem Orchester!
www.theaterregensburg.de

lauter komische Musik

27. Januar 2011 lweser Keine Kommentare

Freitag, 28. Januar 2011, 19.00 Uhr, Neuer Kunstverein, Dr.-Gessler-Str., Regensburg
Vernissage der Ausstellung Schuld sucht Unschuld mit der Künstlerin Irmingard Beirle inkl. Performance und einer Einführung durch NK-Chef Reiner R. Schmidt inkl. rotem Schal.
www.neuerkunstverein.de

Freitag, 28. Januar 2011, 20.00 Uhr, Kunstkabinett, Untere Bachgasse, Regensburg
Ausstellungeröffnung SCHWARZ-WEISS mit Messerschnitten des Bogeners Hans Lankes. Das hat mit Schwarzkogler & Co. nichts zu tun, sondern eher mit Lotte Reiniger.
www.galerie-kunstkabinett.de

Freitag, 28. Januar 2011, 21.00 Uhr, Alte Mälzerei Club, Regensburg
Rockabilly-Explosion mit BOPPIN’B aus Aschebersch, den alten schweden THE TROUBLED THREE und den hiesigen THE SATELLITES. dazu gibt’s noch Filme von Anno Dazumal und ein DJ. Tanzbein schwingen! 12/15 €
www.alte-maelzerei.de | www.boppinb.de | www.myspace.com/thetroubledthree | www.myspace.com/therockinsatellites

Samstag, 29. Januar 2011, 20.30 Uhr, Kulturspeicher, Bruderwöhrdstr., Regensburg
Nach den Fifties direkt ins Mittelalter: die münchner Faun machen einen seltsamen Mix aus Celtic, Mittelalter-Romantik und Tribalbeats. Und soll auch schön zum Anschauen sein. 19/24 €
www.alte-maelzerei.de | www.faune.de

Samstag, 29. Januar 2011, 21.00 Uhr, Alte Mälzerei Club, Regensburg
Und nun von der alten dunklen Vergangenheit zur jüngeren in schwarz-weiss: THE SENSATIONAL SKYDRUNK HEARTBEAT ORCHESTRA spielen stilistisch erweiterten Ska. Unterstützt werden sie von ORANGE-CODE (No SKA) 8/10 €
www.alte-maelzerei.de | www.skydrunk.de

Samstag, 29. Januar 2011, 22.00 Uhr, Akademiesalon, Andreasstadel, Regensburg
„Wer gerne lacht, obwohl es eigentlich richtig böse wehtut, ist mit Severance – Blutiger Betriebsausflug genau richtig bedient.” So meint filmstarts.de. Der Film von Christopher
Smiths (GB 2006) läuft im Rahmen der hard:line-Reihe. Eintritt ab 18 Jahren.
hardline.blog.de | www.kinos-im-andreasstadel.de

Sonntag, 30. Januar 2011, 20.30 Uhr, Kulturspeicher, Bruderwöhrdstr., Regensburg
Der Galizier mit keltischer Seele Carlos Núñez, Meister der Gaita (galizischer Dudelsack), 7. Chieftain (Iro-Folkies), Grammy-Preisträger und Soundtrack-Komponist für Das Meer in mir (Javier Bardem) ist auf Alborada do Brasil Tour. Da braut sich musikalisch was zusammen.
www.carlosnunez.com | www.klangfarben.org

Donnerstag, 03. Februar 2011, 19.00 Uhr, Historisches Museum, Dachaupl., Regensburg
Vortragsreihe: Spätmittelalter und Renaissance in Regensburg - Berthold Furtmeyr.
www.regensburg.de

Donnerstag, 03. Februar 2011, 20.00 Uhr, Jazzclub, Leerer Beutel, Regensburg
DiFusion Arrangements für den Kopf – Rhythmus für die Beine. So ist das neue Projekt um den Regensburger Altmeister aller Saxofonklassen Bertl Wenzl. Eintritt 15/9 €
www.diFusion.de | www.jazzclub-regensburg.de

Categories: Filippo Franco, Lysann Weser Tags:

Die Taube auf dem Dach

23. Januar 2011 lweser Keine Kommentare

DVD-Vorstellung: Iris Gusner: Die Taube auf dem Dach, DDR 1972/73
Bevor der DDR-Film Die Taube auf dem Dach 2010 endlich einem Publikum zugänglich wurde, hat der Film eine nebulöse Odyssee hinter sich, ist ein Kriminalfall ohne Auflösung. Der Debütfilm der Regisseurin Iris Gusner, wurde 1972 von den Zensoren nicht zur Aufführung freigegeben. Normalerweise wurden verbotene Filme in den Ländern des Ostblocks jedoch nicht vernichtet, sondern sie kamen in Archive. Anders erging es Der Taube auf dem Dach – er wurde vernichtet. Im Februar 1990 wurden auf der Berlinale sechs DDR-Verbotsfilme gezeigt. Darunter auch Spur der Steine und Das Kaninchen bin ich. Die Taube auf dem Dach war zu diesem Zeitpunkt noch verschollen. Erst 1990 entdeckte der Kameramann Roland Gräf eine schlecht gelagerte farbige Arbeitskopie des Filmes, die nur deshalb noch existierte, weil sie den Arbeitstitel „Daniel“ trug. Da der Film bereits erhebliche Schäden aufwies, lies er ein schwarz-weiß Dup-Negativ und eine Kinokopie anfertigen. Seine Uraufführung hatte der Film am 7. Oktober 1990 im Berliner Kino Babylon. Zwei Mal lief der Film 1990 mit nur mäßigem Erfolg und in schlechter Qualität im Kino bis sich seine Spuren erneut verloren. Wie und warum Die Taube auf dem Dach ein zweites Mal verschwinden konnte ist für mich ein noch größeres Rätsel, als die erste Zerstörung.
2009 fand die DEFA-Stiftung nach langer Suche das Dup-Negativ wieder und rekonstruierte es. Seit September 2010 - fast vierzig Jahre nach seiner Entstehung - ist der Film endlich in den Kinos und dürfte damit der letzte wiederentdeckte und restaurierte DDR-Verbots-Film sein.

Die Regisseurin Iris Gusner war Absolventin der berühmten Filmhochschule WGIK in Moskau bei dem ebenso berühmten Regisseur Michail Romm (Der ganz gewöhnliche Faschismus). Wieder in der DDR war sie Regieassistentin bei Konrad Wolfs Goya. Sieben Jahre musste sie in dieser Funktion tätig sein, bis sie die Chance auf eine eigene Regiearbeit erhielt. Nachdem ihr Debüt verboten und ihr zweiter Film gestoppt wurde, hatte es die Regisseurin sehr schwer. Zu ihren weiteren Filmen gehören: Das blaue Licht, Alle meine Mädchen und Kaskade rückwärts. Der TV-Film Sommerliebe aus dem Jahr 1993, ist ihre bisher einzige Regiearbeit in der Bundesrepublik, in die sie noch im Sommer 1989 ausreiste.

Linda und Franziska
Bauleiterin Linda Hinrichs arbeitet an einer Plattenbausiedlung. Sie steht zwischen dem großen Ideal möglichst schnell die Wohnungen fürs Volk fertig zu stellen und dem persönlichem Glück. Zwei Männer werben um ihre Gunst, der Baubrigadier Hans Böwe und der Studenten Daniel. Doch beide können die selbstbestimmte und selbstbewusste Frau nicht dauerhaft für sich gewinnen. Alle drei Protagonisten sind Idealisten und haben dennoch die Hoffnung auf ein kleines privates Glück. Heidemarie Wenzel als Bauleiterin Linda Hinrichs schwebt unnahbar und distanziert durch den Film. Günter Naumann als Baubrigadier Hans Böwe wirkt gleichzeitig kraftvoll und verletzlich. Er ist die große tragische Figur des Filmes, an der sich die Zensur vor allem rieb. Als Gegensatz zu ihm steht der junge Andreas Gripp als Student Daniel: ungestüm, kompromisslos.
Diese kurze Zusammenfassung erinnert sofort an den großartigen unvollendeten Roman von Brigitte Reimann Franziska Linkerhand, der 1974 posthum veröffentlicht wurde. Auch hier steht eine junge Architektin auf einer Plattenbaustelle im Mittelpunkt. Auch sie voller Ideale und von Männern umgeben. Thema und Zeitnähe beider Stoffverarbeitungen, werfen die Frage auf, ob sich Brigitte Reimann und Iris Gusner kannten oder ob das Thema damals so allgegenwärtig war, dass es verarbeitet werden musste. Franziska Linkerhand wurde übrigens erst 1981 von Lothar Warneke unter dem Titel Unser kurzes Leben verfilmt. Lothar Warneke vollendete auch den Stoff von Iris Gusners zweitem, kurz nach Beginn der Dreharbeiten gestoppten Films Einer trage des anderen Last.

In den Spuren der Nouvelle Vague
Die Taube auf dem Dach beginnt mit schwerelos schwebenden Kosmonauten in einer engen Raumkapsel und mit einem Raketenstart. Der folgende Titel zieht von den Geräuschen unterstützt, wie ein Zug vorüber. Später kommt er aus verschiedenen Richtungen, wie Vögelschwärme über dem Himmel einer Großbaustelle. Daniel auf einer Überschlagsschaukel. „Irgendwann wird er sich natürlich den Hals brechen“ sagt sein Vater. Der Schauspieler Andreas Gripp sollte einige Jahre nach den Dreharbeiten tödlich verunglücken. Der Weltraum als Gegensatz zum profanen Alltag mit seinen banalen Problemen. Auf der Großbaustelle muss Daniel „Sand schippen“, dabei interessiert ihn doch das Jahr 2000.
Die offene Erzählstruktur wird beibehalten und in ein offenes Ende überführt. Dabei wirkt der Film von der Nouvelle Vague inspiriert. Eine Aneinanderreihung von Motiven und Szenenbildern, die nicht handlungsfördernd, aber von hohem ästhetischem und emotionalem Gehalt sind. Ein stummes junges Pärchen taucht immer wieder auf – ein ironischer Bruch oder ein billiger Running Gang? - Für mich definitiv ersteres. Während die drei Hauptprotagonisten aufgrund ihrer intellektuellen oder persönlichen Hemmungen glücksunfähig sind, wird hier die einfache Alternative gezeigt, die ohne Worte und Ansprüche auskommt. Der Besuch in der Weihnachtskugelfabrik von Daniels Vater wird plötzlich zum philosophischen Exkurs über Freiheit und Unfreiheit. Auch die Einbindung der Musik ist modern und unkonventionell. Neben arabischer Musik und Rock aus einem Kofferradio, bekommt man auch Jazz und eine eigenartige deutsche Version des Gefangenenchors aus Nabucco zu hören. Der Film wirkt trotz dieser offenen Dramaturgie, fragmentarisch. Immerhin handelt es sich um eine Arbeitskopie. Dass der Film nun statt wie ursprünglich farbig, schwarz-weiß ist, gibt dem Film eine gewisse Erhabenheit und Distanz.
Ein absolut sehenswerter Film, der sowohl inhaltlich, als auch formal besticht. Vielleicht wird er auch irgendwann innerhalb einer Reihe vom AKF in der Filmgalerie in Regensburg gezeigt. Ich wünsche dem Film jedenfalls ein möglichst großes Publikum. Das hat er sich nach dieser fast vierzigjährigen Odyssee verdient.

taubeaufdemdach_dvd
Die Taube auf dem Dach

Regie: Iris Gusner, Drehbuch: Regine Kühn,
Kamera: Roland Gräf.

Darsteller: Heidemarie Wenzel, Günter Naumann, Andreas Gripp, Christian Steyer, Monika Lennartz, Herbert Köfer, Lotte Loebinger, Heinz Scholz.

…………………………………………………………………………………….

82 min, s/w, DDR 1972.
Icestorm Distribution GmbH
VÖ: 29. November 2010

…………………………………………………………………………………….

weitere Informationen unter:
www.icestorm.de | www.defa-spektrum.de

2011 kommt langsam auf Touren

20. Januar 2011 lweser Keine Kommentare

Noch bis 23. Januar 2011, 21. Bamberger Kurzfilmtage, Bamberg
am Samstag werden Ulla und Michael Ballhaus zu Gast sein und Ihren Film „Unser Franken“ vorstellen, erstmals gibt es wie bei der Regensburger Kurzfilmwoche auch einen Regionalwettbewerb (Filme aus der Region Oberfranken) „Bamberg dreht ab“.
www.bambergerkurzfilmtage.de

bis 31. Januar 2011, Stadtmuseum, Amberg
Spielzeug, Spiele, Spielen Spielzeugausstellung,
Öffnungszeiten: Di -Fr: 11 - 16 Uhr, Sa/So: 11 - 17 Uhr
www.amberg.de

Donnerstag, 20. Januar 2011, 19.00 Uhr, Historisches Museum, Regensburg
Vortragsreihe zur Ausstellung Spätmittelalter und Renaissance in Regensburg - Bertold Furtmeyr diesmal: “Buchillustration der frühen Dürerzeit“. Eintritt: frei
www.regensburg.de

20.-22. Januar 2011, 19.30 Uhr, Turmtheater, Am Watmarkt, Regensburg
„Gretchen 89ff“ Komödie von Lutz Hübner, Gastspiel des Theaters Ingolstadt, Regie: Gisela Maria Schmitz, mit Ingrid Cannonier, Birgit Mannel-Fischer und Titus Horst, Eintritt: 16 €
www.regensburgerturmtheater.de | www.theater.ingolstadt.de

Freitag, 21. Januar 2011, 19.30 Uhr, Stadtbücherei, Haidplatz, Regensburg
Die jüdische Gemeinde und der Bayerisch-Russische Kulturverein stellen ihre „Heimatkultur“ vor. Mit Tänzen und Kulinarik. Eintritt: frei.
www.jg-regensburg.de | www.br-kulturverein.de

sublime0111Freitag, 21. Januar 2011, 23.00 Uhr, Leerer Beutel, Bertoldstraße, Regensburg
SUBLIME wird 5 Jahre alt. Wir gratulieren!
Mit den ALLSTARS: Pacult / Markus Guentner / Miss Shapes & Mossman, 23h - 4h, Eintritt schlappe 5 Euro
www.sublime-music.de

Samstag, 22.Januar 2011, 19.00 Uhr, Galerie konstantin b., Am Brixener Hof, Regensburg
Ausstellungseröffnung: Nähe, mit Arbeiten von Renate Höning und Günther Klobouk.
Die Ausstellung läuft bis 6. März 2011.

Sonntag, 23. Januar 2011, 20.00 Uhr, Jazzclub Leerer Beutel, Regensburg
Fanfare Ciocărlia, die rumänischen Godfathers of Gypsy Brass werden diesmal durch den Leeren Beutel fegen. Eintritt: 20 (AK) -12 € (M)
www.jazzclub-regensburg.de | www.myspace.com/fanfareciocarlia
siehe auch [hier]

Categories: Filippo Franco, Lysann Weser Tags:

Kit Armstrong spielte im Regensburger Audimax

18. Januar 2011 sgruen Keine Kommentare

Ein Wunderkind zu Gast in der Domstadt

(Sigrid Grün)

Gerade mal 18 Jahre alt ist Kit Armstrong, das “Wunderkind” mit außerordentlichen musikalischen, mathematischen, naturwissenschaftlichen und sprachlichen Fähigkeiten. Mit fünf Jahren nahm er bereits sein Kompositions- und Klavierstudium auf, mit sieben immatrikulierte er sich an der Chapman University of California, als Jugendlicher spielte er in der New Yorker Carnegie Hall - und am vergangenen Freitag im Regensburger Audimax.

Einer seiner Lehrer, der weltweit bekannte österreichische Pianist und Essayist Alfred Brendel, bezeichnete Armstrong als “die größte musikalische Begabung, der ich in meinem Leben begegnet bin.”
Im vollen Audimax der Universität Regensburg spielte das junge Ausnahmetalent Johann Sebastian Bachs Fantasie und Fuge g-Moll BWV 542 in der Bearbeitung für Klavier von Franz Liszt, Liszts Variationen über “Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen” über das Thema aus dem ersten Satz der Bach-Kantate BWV 12 sowie Bachs Chromatische Fantasie und Fuge d-Moll (BWV 903), das vermutlich ein Stück “Trauerarbeit in Tönen” war, das Bach vielleicht anlässlich des Todes seiner ersten Frau Maria Barbara im Sommer 1720 komponiert hatte.

Besonders begeistert reagierte das Publikum, als Armstrong das letzte Stück in deutscher Sprache ankündigte. Für sein sprachliches und natürlich sein musikalisches Talent wurde der Pianist und Komponist entsprechend mit anhaltendem Applaus belohnt.
Ein Konzerterlebnis, das einem eindrucksvoll vor Augen geführt hat, welche Begabungen in dem jungen Amerikaner stecken.

Veranstaltungen vom 14. bis 20. Jänner 2011

13. Januar 2011 lweser Keine Kommentare

Freitag, 14. Januar 2011, 20.00 Uhr, KunstvereinGRAZ, Schäffnerstr., Regensburg
Materie - Material : Kunst aus der Natur. Die alten Haudegen der Gartenkunst stellen im Dreierpack aus: der BBK-Chef Wigg Bäuml, der GRAZler Franz Pröbster Kunzel und der Waldler Hans Silbersbach. Die Einführung hält Jürgen Huber und die Ausstellung geht dann bis zum 5. Februar.
www.kunstvereingraz.de

14. Januar 2011, jeweils 19.00 Uhr, L.e.e.d.e.r.e.r. (Leederergasse 25), Regensburg, Vortragsreihe: Fur(o)rismus, Eintritt: frei, weiterer Termine:20,22. Januar

Ab 14.01.2011, Neuschönau, Bayerischer Wald, Besucherzentrum Hans-Eisenmann-Haus, Eröffnung der neuen Dauerausstellung “Weg in die Natur - Eine Geschichte von Wald und Menschen”- Eine etwas andere Herangehensweise mit kulturellen Berührungspunkten von Mensch und Wald, wie z.B. der Filmklassiker „Es geschah am hellichten Tag“. Ganzjährig täglich von 9.00 Uhr bis 17.00 Uhr, Zweite Novemberwoche bis einschließlich 25. Dezember geschlossen, Eintritt frei!

Samstag, 15. Januar 2011, 23.00 Uhr, Scala, Pustet-Passage, Regensburg
Disco Trash Music Release-Party : Das DJ-Doppel Felix und Christian stellen ihre neue EP Under Attack vor, erschienen auf dem ebenfalls neuen und eigenen Label Globelle.
www.discotrashmusic.com | globelle.net

geht noch mehr..?

Categories: Filippo Franco, Lysann Weser Tags:

Jahresrückblick 2010 oder wo ist Frau Madesta?

6. Januar 2011 lweser Keine Kommentare

Liebe Leser,
Nun ist es also wieder vorbei, ein recht unspannendes und durchschnittliches 2010. Aber das macht nichts. Zumindest blieben größere Katastrophen aus und immerhin haben wir ja noch den Aufschwung.
Wir danken unseren Lesern für Ihre Treue und wünschen allen ein kreativ überbordendes und produktives 2011.

Die Kultur-Ostbayern-Redaktion.

rueckblick2010

Filippo Franco:
Konzert The Transisters im W1 (schon wieder) und Uncle Sally im Spital-Keller
Entdeckung die tschechische Ost-Prog-Combo Psí Vojáci, die den Soundtrack zu Vít Pancířs Film Sestra lieferten
filmische Entdeckung der total queere Stummfilm Salomé von Alla Nazimova
Verlust Chez Thierry und Ari Up
Highlight Zündfunk on Ice
Enttäuschung der Alzheimer - Kulturförderpreisträger
Überraschung dass die Heimat keine Berichterstattung wünscht
Tonträger Roman S. - Something To Believe In
Begegnung Markus Lüppertz und Elch-Mutter mit Elch-Kind
Das Schönste Ende vom Winter 2009/10 und der Anfang vom Winter 2010/11
verpasster Bericht das sind leider zu viele
unmöglicher Bericht die Uncle Sally-CD-Präsentation mit “Unterstützung” der Heaven-To-Hell-Heels-Line-Dancer im Spital-Keller
Sigrid Grün:
Theaterinszenierung Die Erfindung der Freiheit in Falkenstein inszeniert von Till Rickelt
Buch Theatertexte aus dem Ghetto Theresienstadt 1941-1945 (deutsch-tschechisch)
Sachbuch “Tiere essen” von Jonathan Safran Foer
Lehrbuch Tschechisch fürs Leben
Getränk Limoncello in bella Italia
filmische Entdeckung Filme der tschechischen neuen Welle - nova vlna
Bäcker Bio-Bäcker im Bioladen am Justizgebäude
Jan Neidhardt:
Theaterinszenierung Die Erfindung der Freiheit oder Kann denn Fliegen Sünde sein? von Till Rickelt
Lysann Weser:
Highlight Uncle Sally CD-Präsentation mit Maibock und Line-Dance im Spitalkeller. Einfach nur abgefahren!
Theaterinszenierung Ostbayern Diesmal gab es gleich zwei super Inszenierungen:
1. Der blaue Engel Stück von Heinrich Mann/Peter Turini, Inszenierung von Johannes Zametzer im Theater am Haidplatz Regensburg
2. Die Präsidentinnen Stück von Werner Schwab, Inszenierung von Gisela Maria Schmitz im Turmtheater Regensburg
Theaterinszenierung der Bayerischen Theatertage Die Kontrakte der Kaufmanns Stück von Elfriede Jelinek, Inszenierung von Stefan Otteni vom Staatstheater Nürnberg
Ballett Schwanensee in der Olaf Schmitt Version Theater am Bismarckplatz, Regensburg
Hörbuch Was das Gedicht alles kann: Alles Live Mitschnitt der Essner Poetikvorlesung von Robert Gernhardt
Sachbuch Basst scho! Band 2 von Ludwig Zehetner
Buch Gesichter eines Dorfes von Stefan Winkelhöfer (Fotos) und Harald Grill (Texte)
Film Im Schatten von Thomas Arslan
kurzfilmisches Entdeckung Sinmie Heg und Noitam Rofni bei der Dagie Brundert Werkschau im Wintergarten bei der Regensburger Kurzfilmwoche
schillernster Gast Markus Lüpertz
Konzert Kein so gutes Jahr was Konzerte betrifft. Der netten Atmosphäre wegen: Stanley Brinks & Freschard beim: Hemdendienst zu Gast im Wohnzimmer
Ausstellung Uni mit Kunst im Kunst- und Gewerbeverein Regensburg
Bester Veranstaltungstitel: Frank Zappa-Zitat: “Iß nicht den gelben Schnee” als Titel einer Ausstellung im Kunstverein GRAZ
Enttäuschung des Jahres Kein Konzert von Dirschl und Starzinger
höchste Besucheranzahl pro Quatratmeter Vortrag von Prof. Elsässer beim Heimspiel im Wintergarten und Eröffnung Galerie Isabelle Lesmeister
Skandal des Jahres 1. Stadt Regensburg vergibt keinen Kulturförderpreis
2. bei Kulturreferentenwahl soll Opposition übergangen werden
3. Entlassung von Frau Madesta als Leiterin des Kunstforums Ostdeutsche Galerie
Verbindung zwischen 2010 und 2011 Baltikum
2010: 3 x bei Kultur-Ostbayern [1] [2] [3] - 2011: Tallin ist Kulturhauptstadt

talin_fuer_web

Veranstaltungen

6. Januar 2011 lweser Keine Kommentare

Das neue Jahr ist noch immer nicht richtig in die Gänge gekommen.

Donnerstag, 06. Januar 2011, 19.30 Uhr, Theater am Bismarckplatz, Regensburg, Premiere: NordNordWest-Bolero, Ballett von Olaf Schmidt, frei nach Shakespeares Tragödie Hamlet, Weitere Vorstellungen: 10./13./21./25./30. Januar, 24. Februar 2011
www.theaterregensburg.de

Freitag, 07. Januar 2011, 20.00 Uhr, Hidden Wohnzimmer, Regensburg
Neujahrskonzert einen Tag nach Heilig-Drei-König: Die Chips du Grelle spielen Vivaldi, Bach und Mozart. Das ist wie Chicks On Speed im Kindergarten, Simon & Garfunkel auf der Couch oder Mross und Hertel an Geige und Cello. Don’t miss it …

Sonntag, 09. Januar 2011, 19.30 Uhr, Turmtheater, Am Watmarkt, Regensburg
Thomas Bernhard Lesung mit Adele Neuhauser und Martin Hofer, Eintritt: 25/20 € Ganz schön teuer für ‘ne Lesung.
www.regensburgerturmtheater.de

jeweils 19.00 Uhr, Historisches Museum, Vortragssaal, Regensburg, Vortragsreihe: Spätmittelalter und Renaissance in Regensburg - Bertold Furtmeyer. Eintritt: frei.
Dienstag, 11.01.2011, Franziska Meier (Göttingen): Renaissance des Mittelalters? Dante-Illustrationen am Ende des 15. Jahrhunderts
Donnerstag, 13.01.2011, Karin Zimmermann (Heidelberg): Bohrer und Fahne. Astronomie und Astrologie im Heidelberger Schicksalsbuch
www.regensburg.de

Categories: Filippo Franco, Lysann Weser Tags:

Der Hörsaal und ein großer Dichter für Wohnzimmer (Arbeitszimmer oder Küche)

6. Januar 2011 lweser Keine Kommentare

Hörbuch: Robert Gernhardt: Was das Gedicht alles kann: Alles. Eine Führung durch das Haus der Poesie. Live-Mitschnitt seiner Frankfurter/Essener Poetikvorlesung aus dem Jahr 2002.

Der 1937 in Reval/Tallin geborene Robert Gernhardt gehört zu den wichtigsten deutschsprachigen Gegenwartslyrikern. Ebenso berühmt war er für seine Zeichnungen. Zusammen mit F.W. Bernstein, F.K. Waechter, Hans Traxler, Eckard Henscheid u.A. gründete er die “Neue Frankfurter Schule“. Seine letzte für Regensburg geplante Lesung entfiel leider wegen Krankheit. Im Juni 2006 starb er an Krebs.

Wo die aufgezeichnete Poetikvorlesung im Jahr 2002 stattfand, ist anhand der Hörbuch-Publikation nicht ganz ersichtlich, gibt es doch innerhalb der Veröffentlichung zwei verschiedene Angaben. In der Einführung des Booklets von Lutz Hagestedt, ist von Frankfurt die Rede, in der Einführung auf der CD selbst, von Essen. Im Sommersemester 2001 hielt Robert Gernhardt die Poetikvorlesung „Was das Gedicht alles kann: Alles“ in Frankfurt, im Wintersemester 2001/2002 in abgewandelter Form in Essen unter dem selben Titel, 2006 dann, wiederum variiert, auch noch in Düsseldorf. Aufgezeichnet wurde sie vom 4.-8. Februar 2002 in Essen. Die unterschiedlichen Angaben basieren wohl darauf, dass die Einführung des Booklets der Buch-Publikation entnommen ist, die zeitgleich bei S. Fischer erschien.

Robert Gernhardt führt also durch das Haus der deutsprachigen Poesie. Er benutzt die Metapher des Hauses (oder besser: eines Schlosses, mindestens aber einer Villa). So folgt der geneigte Hörer dem großen Gernhardt von der Krabbelstube durch Clubraum, Chatroom, Lesesaal, Werkstatt, Änderungsdichterei usw. bis zum Sterbezimmer. Darunter kann man sich erstmal nicht so viel vorstellen. Doch Gernhardt gelingt es trotz dieser künstlichen Kategorisierung zu fesseln, Wissen zu vermitteln und gleichzeitig aufs köstlichste in alter Gernhardt-Tradition zu unterhalten. Gernhardt war ein genialer Redner und ein strenger (im positiven Sinne) Formalist. Er skelettiert die Gedichte seiner Dichterkollegen, prüft sie, zerpflückt sie und setzt sie oft neu wieder zusammen. Immer prüft er das einzelne Gedicht anhand seiner Kriterien: „wie ein gutes Gedicht beschaffen sein sollte“, nämlich: „Gut gefühlt / Gut gefügt / Gut gedacht / Gut gemacht.“ Was seiner Prüfung stand hält ist gut, was nicht, stürzt er vom Sockel. Das ganze wird auf so humorvolle und unangestrengte Art vermittelt, dass es eine Freude ist, diese Vorlesung zu hören. Und man muss dafür noch nicht einmal selbst in den Hörsaal.

gernhardt_wdgak
Was das Gedicht alles kann: Alles.
Eine Führung durch das Haus der Poesie.

von Robert Gernhardt

…………………………………………………………………………….

Live-Mitschnitt von 2002
der Hörverlag, 2010
5 Cds / 290 min; 29,95 €

…………………………………………………………………………….

www.hoerverlag.de