Schlingensief und wir
Schlingensief und wir - ein Abend der Kräfte bündelt; Freitag, 25. Februar 2011 im Akademiesalon, Regensburg
Welch Regensburger erinnert sich nicht an die Kulturhauptstadtbewerbung 2005, als das speziell für dieses Unterfangen eingesetzte Komitee, jenen großen Provokateur der deutschen Bühnen und Straßen engagierte. Das Ergebnis, ein Theaterstück namens Keine Chance Regensburg, das in der Volksbühne Berlin aufgeführt wurde, fiel erwartungsgemäß „grandios“ aus, insbesondere für den Mitbewerber Ruhrgebiet („Essen für alle!”).
Keine Chance Regensburg stand im Mittelpunkt der Veranstaltung. Am Vorabend entschied sich Kinobetreiber Medard Kammermeier glücklicherweise den Veranstaltungsort vom kleinen Kino im Akademiesalon mit 40 Plätzen in das deutlich größere Restaurant zu verlegen. Bis an die Grenzen seines Fassungsvermögens war der Gastraum mit Besuchern gefüllt. Um auch jene in den letzten Reihen zu erreichen, wurde die Lautstärke voll aufgedreht. Der Erfolg indes blieb gering, nur die in den ersten Reihen mussten sich nun die Ohren zuhalten. Zudem hatte auch Wirt Antonello nicht mit so vielen Besuchern gerechnet. Um 23.00 Uhr war das Fassbier aus, aber irgendwo her kam dennoch Nachschub. Ein Improvisationscharakter der Christoph Schlingensief wohl gefallen hätte.
Christine Standfest vom Theaterkombinat Wien sprach mitreißend, fundiert und sehr emotional von Schlingensiefs Leben und Werk. Sie bezog sich dabei besonders auf die zwei Theaterstücke Rocky Dutschke 68, 1996 in der Volksbühne aufgeführt und Mea Culpa, das 2009 im wiener Burgtheater lief. Fritz Ostermayer vom Radiosender FM4 hatte Schlingensief zwölf Mal in seiner Talkrunde Im Sumpf zu Gast. Aus 19 Stunden Audiomaterial wählte er einige Beiträge aus. Eine, wohl auch für den Moderator, schwierige Auslese brachte den Anwesenden den Menschen Schlingensief näher, zeigte jedoch ebenso deutlich, wie wild manche seiner Gedankengänge waren.
Initiator Thomas Muggenthaler brachte uns an Hand diverser Audio- und Video-Materialien die durchaus problematische Beziehung zwischen dem Oberhausener Apothekersohn und unserer liebreizenden Domstadt in Erinnerung. Von seiner Verhaftung am Neupfarrplatz während seiner Deutschlandsuche 1999 bis hin zum Titel gebenden Debakel im Rahmen der Kulturhauptstadtbewerbung. Die hinzu geladenen Gäste, Jürgen Huber, Eberhard Dünninger und Marianne Sperb - mit Ausnahme von Huber bei der berliner Inszenierung anwesend - wussten aus dem Nähkästchen zu plaudern und zeigten trotz der zeitlichen Distanz überraschend emotionale Nähe zum damaligen Geschehen. Diese bezog sich jedoch viel mehr um den allgemeinen Trubel um die Kulturhauptstadtbewerbung, als um das Theaterstück selbst. Und was bleibt von alle dem? Frau Sperb meint „Eine große Sehnsucht - das sieht man hier“. Eine Sehnsucht nach Größe und Anerkennung, oder eine nach einem Provozierenden und Entlarvenden wie Schlingensief? Die Antwort bleibt jedem überlassen.

Nach dieser Diskussionsrunde hatte man die schwierige Wahl zwischen 100 Jahre Adolf Hitler und Délir Noir. Ersteres ist Schlingensiefs Film über die letzten Tage im Führerbunker aus dem Jahre 1989, 15 Jahre vor Der Untergang! Wir entschieden uns für letzteres, da Darbietungen von Délir Noir eher selten sind. Und wir wurden belohnt. Das relativ kurze Konzert bestand gefühlsmäßig aus vier Stücken mit begleitender Videoprojektion. Die mit Mane Schimchen, Edmund von Bachmeier und Bertl Wenzl quasi in Originalbesetzung spielende Gruppe war besser denn je, abwechslungsreich, brachial rockend, bedrückend und berührend zugleich. Insbesondere das Stück mit einem O-Ton-Loop von Schlingensief, der offensichtlich über seinen bevorstehenden Tod winselnd etwas sagte, fuhr einem förmlich ins Mark. Ganz große Klasse, wie der gesamte Abend auch!
www.schlingensief.com | www.akademiesalon.de | fm4.orf.at | www.kunstvereingraz.de



Schlingensief-Fans oder solche, die es werden wollen, sollten sich unbedingt Freitag, den 25. Februar 2011 vormerken. 20.00 Uhr beginnt im Akademiesalon im Andreasstadel in Regensburg nämlich ein Abend, der anlässlich des Todes von Christoph Schlingensief im vergangen Jahr, seine Rolle in Regensburgs Kulturhauptstadtbewerbungverfahren 2005 thematisiert. Regensburg beauftragte Schlingensief und erhoffte sich eine Unterstützung der Bewerbung. Das Resultat war das Theaterstück Keine Chance Regensburg. Die Volksbühne Berlin führte es auf. Allerdings war Schlingensief vorher schon einmal in Regensburg.