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Archiv für Februar, 2011

Schlingensief und wir

28. Februar 2011 lweser Keine Kommentare

Schlingensief und wir - ein Abend der Kräfte bündelt; Freitag, 25. Februar 2011 im Akademiesalon, Regensburg

schlingensief-und-wir-02Welch Regensburger erinnert sich nicht an die Kulturhauptstadtbewerbung 2005, als das speziell für dieses Unterfangen eingesetzte Komitee, jenen großen Provokateur der deutschen Bühnen und Straßen engagierte. Das Ergebnis, ein Theaterstück namens Keine Chance Regensburg, das in der Volksbühne Berlin aufgeführt wurde, fiel erwartungsgemäß „grandios“ aus, insbesondere für den Mitbewerber Ruhrgebiet („Essen für alle!”).
Keine Chance Regensburg stand im Mittelpunkt der Veranstaltung. Am Vorabend entschied sich Kinobetreiber Medard Kammermeier glücklicherweise den Veranstaltungsort vom kleinen Kino im Akademiesalon mit 40 Plätzen in das deutlich größere Restaurant zu verlegen. Bis an die Grenzen seines Fassungsvermögens war der Gastraum mit Besuchern gefüllt. Um auch jene in den letzten Reihen zu erreichen, wurde die Lautstärke voll aufgedreht. Der Erfolg indes blieb gering, nur die in den ersten Reihen mussten sich nun die Ohren zuhalten. Zudem hatte auch Wirt Antonello nicht mit so vielen Besuchern gerechnet. Um 23.00 Uhr war das Fassbier aus, aber irgendwo her kam dennoch Nachschub. Ein Improvisationscharakter der Christoph Schlingensief wohl gefallen hätte.

Christine Standfest vom Theaterkombinat Wien sprach mitreißend, fundiert und sehr emotional von Schlingensiefs Leben und Werk. Sie bezog sich dabei besonders auf die zwei Theaterstücke Rocky Dutschke 68, 1996 in der Volksbühne aufgeführt und Mea Culpa, das 2009 im wiener Burgtheater lief. Fritz Ostermayer vom Radiosender FM4 hatte Schlingensief zwölf Mal in seiner Talkrunde Im Sumpf zu Gast. Aus 19 Stunden Audiomaterial wählte er einige Beiträge aus. Eine, wohl auch für den Moderator, schwierige Auslese brachte den Anwesenden den Menschen Schlingensief näher, zeigte jedoch ebenso deutlich, wie wild manche seiner Gedankengänge waren.

Initiator Thomas Muggenthaler brachte uns an Hand diverser Audio- und Video-Materialien die durchaus problematische Beziehung zwischen dem Oberhausener Apothekersohn und unserer liebreizenden Domstadt in Erinnerung. Von seiner Verhaftung am Neupfarrplatz während seiner Deutschlandsuche 1999 bis hin zum Titel gebenden Debakel im Rahmen der Kulturhauptstadtbewerbung. Die hinzu geladenen Gäste, Jürgen Huber, Eberhard Dünninger und Marianne Sperb - mit Ausnahme von Huber bei der berliner Inszenierung anwesend - wussten aus dem Nähkästchen zu plaudern und zeigten trotz der zeitlichen Distanz überraschend emotionale Nähe zum damaligen Geschehen. Diese bezog sich jedoch viel mehr um den allgemeinen Trubel um die Kulturhauptstadtbewerbung, als um das Theaterstück selbst. Und was bleibt von alle dem? Frau Sperb meint „Eine große Sehnsucht - das sieht man hier“. Eine Sehnsucht nach Größe und Anerkennung, oder eine nach einem Provozierenden und Entlarvenden wie Schlingensief? Die Antwort bleibt jedem überlassen.

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Nach dieser Diskussionsrunde hatte man die schwierige Wahl zwischen 100 Jahre Adolf Hitler und Délir Noir. Ersteres ist Schlingensiefs Film über die letzten Tage im Führerbunker aus dem Jahre 1989, 15 Jahre vor Der Untergang! Wir entschieden uns für letzteres, da Darbietungen von Délir Noir eher selten sind. Und wir wurden belohnt. Das relativ kurze Konzert bestand gefühlsmäßig aus vier Stücken mit begleitender Videoprojektion. Die mit Mane Schimchen, Edmund von Bachmeier und Bertl Wenzl quasi in Originalbesetzung spielende Gruppe war besser denn je, abwechslungsreich, brachial rockend, bedrückend und berührend zugleich. Insbesondere das Stück mit einem O-Ton-Loop von Schlingensief, der offensichtlich über seinen bevorstehenden Tod winselnd etwas sagte, fuhr einem förmlich ins Mark. Ganz große Klasse, wie der gesamte Abend auch!

www.schlingensief.com | www.akademiesalon.de | fm4.orf.at | www.kunstvereingraz.de

Christoph, Pina & wir

24. Februar 2011 lweser Keine Kommentare

Noch bis 13.März, Jüdisches Museum Franken, Königstraße, Fürth
Fotoausstellung Das Mikwen-Projekt Fotos von Janice Rubin (Houston/Texas) und Texte Leah Lax, über Frauen im rituellen jüdischen Bad Mikwe.
www.juedisches-museum.org

Freitag, 25. Februar 2011, 20.00 Uhr, Buchhandlung Rupprecht, Theresienplatz, Straubing
Lesung: Daniel Goeudevert liest aus seinem Buch Das Seerosenprinzip. Der ehemalige Top-Manager stellt der reinen Marktwirtschaft ein „Ungenügend“ aus.
www.rupprecht.de

Freitag, 25. Februar 2011, 20.00 Uhr, Akademiesalon, Andreasstadel, Regensburg
Keine Chance Regensburg - Schlingensief & wir. Vorträge mit Videos, Audios: Christine Standfest (Theaterkombinat Wien), Fritz Ostermayer (FM4); Thomas Muggenthaler
22.00 Uhr Konzert: Delir Noir
22.00 Uhr Film: Schlingensief: Hundert Jahre Adolf Hitler
23.00-4.00 Uhr: Party mit Fritz Ostermayer und Tom Tiger
www.schlingensief.com | www.akademiesalon.de | fm4.orf.at | www.kunstvereingraz.de

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Samstag, 26. Februar 2011, 16.30 Uhr, Regina-Kino, Holzgartenstr., Regensburg
soeben noch auf der Berlinale, schon in Regensburg: Wim Wenders stellt persönlich seinen 3D-Tanzfilm über die im letzten Jahr an Krebs verstorbenen Tänzerin und Choreographin Pina Bausch vor. Pina Bausch hat wie keine Andere und Choreographin zusammen mit ihrem Ensemble aus Wuppertal das moderne Tanztheater nachhaltig geprägt. Sie hat die Tänze noch selbst ausgewählt. Wim Wenders wollte unbedingt die 3D-Technik verwenden um den Raum der Tänze erlebbar zu machen. Nach ihrem Tod schien das Projekt gescheitert. Dann überzeugten die Tänzer Wim Wenders davon den Film unbedingt zu drehen.
Pina läuft seit Donnerstag im Regina-Kino.
www.pina-film.de | www.reginakino.de

Samstag, 26. Februar 2011, 20.00 Uhr, Antoniushaus, Mühlweg, Regensburg
Christopf Süß und Band, weil’s sooo süüüüß ist…
www.antoniushaus.de | www.br-online.de

Samstag, 26. Februar 2011, 22.00 Uhr, Akademiesalon Kino, Andreasstadel, Regensburg
Night of the living Death (George A. Romero, USA 1968) innerhalb der Film-Reihe von Florian Scheuerer Hard Line - Kino Extrem. Zutritt: ab 18 Jahren. Weitere Infos zur Reihe:
hardline.blog.de

Sonntag, 27. Februar 2011, 15.00 Uhr, Kino im Akademiesalon, Andreasstadel, Regensburg
gezeigt wird der russische Märchenklassiker aus dem Jahr 1957 Die Schneekönigin
www.kinos-im-andreasstadel.de

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Special Promo für Medis Kinos

17. Februar 2011 lweser Keine Kommentare

Freitag, 18. Februar 2011, 22.00 Uhr, Club Nirgendwo, Regensburg
kein SUBLIME, kein Pacult, kein Markus Guentner, keine Miss Shapes & Mossman im Februar. Aber zum Glück geht’s am 11. März im Leeren Beutel weiter.
www.sublime-music.de

Samstag, 19. Februar 2011, 15.00 Uhr, Kino im Akademiesalon, Andreasstadel, Regensburg
Der deutsch-iranische Regisseur Ali Samadi Ahadi stellt persönlich seinen Dokumentarfilm The Green Wave vor. darin geht es um die „grüne Revolution“ im Iran gegen „Präsident“ Ahmadineschad - top aktuelles Thema also.
www.thegreenwave-film.com | www.kinos-im-andreasstadel.de

Sonntag, 20. Februar 2011, 15.00 Uhr, Kino im Akademiesalon, Andreasstadel, Regensburg
gezeigt wird Lew Atamanows Trickfilm und russischer Märchenklassiker aus dem Jahr 1957 Die Schneekönigin. Nicht nur für Kinder.
www.kinos-im-andreasstadel.de

Sonntag, 20. Februar 2011, 19.30 Uhr, Internet, weltweit
Zwei Tage : Ohne Schnupftabak stellen auf origineller Weise ihr kommendes Album vor: bei einem “Konzert ohne Publikum” kann man sich als Live-Stream auf ihrer Homepage die neuen Lieder anhören und ansehen. Hoffentlich sind die Jungs vor 20.15 Uhr fertig…
www.zweitageohneschnupftabak.de

Mittwoch, 23. Februar 2011, 21.00 Uhr, Kino im Akademiesalon, Andreasstadel, Regensburg
Wenn es keine Porsches geben würde, wäre am 8. Februar das Idol aller Tollenträger 80 Jahre alt geworden. Darum ab ins Kino und James Dean in Nicholas Rays Rebel without a Cause (OmU) anschauen. Die Kopie wurde vor ein paar Jahren neu gezogen.
www.kinos-im-andreasstadel.de

Donnerstag, 24. Februar 2011, 18.30 Uhr, Regina Kino, Holzgartenstr., Regensburg
Pina der neue Film von Wim Wenders über die Choreografin und Tänzerin Pina Bausch läuft heute an. In 3D!
www.pina-film.de | www.reginakino.de

Donnerstag, 24. Februar 2011, 20.00 Uhr, Landgericht, Kumpfmühlerstr., Regensburg
Kriminacht - diesmal im Schwurgerichtssaal des Regensburger Landgerichtes. In die Welt des Verbrechens entführen: Hildegunde Artmeier, Carola Kupfer, Marita A. Panzer und Rolf Stemmle. Wieso ist Benno Hurt nicht dabei? Eintritt: 10/8 €;
www.vs-ostbayern.de

Donnerstag, 24. Februar 2011, 20.00 Uhr, Kino im Akademiesalon, Andreasstadel, Regensb.
Kinos im Andreasstadel, die vierte: Die Grafische Bürogemeinschaft John und Starzinger lädt herzlich ein zu einem Film über die fast ausgestorbene Kunst des Holzdrucks. Typeface. Eintritt: 6 Euro
philstarzinger.blogspot.com | www.trickfilmerei.de | www.kinos-im-andreasstadel.de

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Nicht immer ist Theater Hochkultur

14. Februar 2011 lweser Keine Kommentare

Kristof Magnusson: Männerhort. Eine Inszenierung des Theaters Regensburg aufgeführt im Turmtheater

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Helmut, Eroll, Lars und Mario treffen sich jeden Samstag im Heizungskeller des Einkaufszentrums, immer dann wenn sie nach fünf Stunden „shoppen“ ihren Frauen entkommen können. Im Keller sehen sie Fußball, trinken Bier, rauchen und lästern über ihre Frauen. Wer denkt, dass wenn derlei auf die Theaterbühne kommt, es noch mindestens eine weitere Ebene geben muss, irrt. Da gibt es ist wirklich nicht mehr. Keine Feinsinnigkeit, keine Ironie, nicht mal Trash, nur plumpe und eindimensionale Gags, beruhend auf einem klischeehaften Männer- und Frauenbild.
Die Schauspieler Christoph Bangerter, Markus Boniberger, Michael Haake und Hubert Schedlbauer geben dennoch ihr Bestes, haben auch sichtlich selber Freude daran. Auch Regisseurin Susi Weber hat das Maximale aus der Vorlage gemacht. Die Inszenierung der vier Schauspieler auf der kleinen Bühne, die die Enge des Heizungskellers gut widerspiegelt, ist ausgeklügelt. Bei den kleinen Umbauphasen wird jeweils das Licht gelöscht und Frauengezetere ertönt aus dem Off. Das reicht dem Publikum. Ganz offensichtlich hat es seinen Spaß dabei, die Vorstellungen sind regelmäßig ausverkauft.

Kristof Magnusson: Männerhort. Inszeniert von Susi Weber, mit Christoph Bangerter, Markus Boniberger, Michael Haake, Hubert Schedlbauer, eine Produktion des Theaters Regensburg.
weitere Vorstellungen: 15./17./18./19./20. Februar, 3./4./5./8./9./10./15./16./17./19./20. März; Preis:16,50 - 17.10 €
www.theaterregensburg.de

Grüß Gott Chris Kraus und Tere Päevast Tambet Tuisk

12. Februar 2011 lweser Keine Kommentare

Die Kultur-Ostbayern Redakteure Filippo Franco und Lysann Weser trafen Regisseur Chris Kraus und den estnischen Schauspieler Tambet Tuisk im Münchner Asam Hotel und befragten sie über den neuen Film Poll und das deutsch-estnische Verhältnis.

Der neue Film von Chris Kraus (Vier Minuten) spielt im vom zaristischen Russland besetzten Estland vor Ausbruch des ersten Weltkrieges. Im Mittelpunkt steht eine adlige deutsche Familie. Oda (Paula Beer) reist nach dem Tod ihrer Mutter aus Berlin zu ihrem Vater (Edgar Selge) und dessen neuen Familie auf das Gut „Poll“ in Estland. Hier fühlt sie sich verloren und einsam, bis sie den verletzten estnischen Anarchisten (Tambet Tuisk) trifft. Die ausführliche Kritik zum Film Poll finden Sie ebenfalls auf Kultur-Ostbayern.

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Poll ist die erste internationale Produktion in der der estnische Schauspieler Tambet Tuisk mitwirkt. Bisher war er außerhalb Estlands nahezu unbekannt. Anlass für uns Tambet Tuisk zu bitten etwas von sich zu erzählen.
Der 1976 in Pärnu geborene Este lebt und arbeitet in Tallin. Vor circa zehn Jahren absolvierte er seine Schauspielausbildung. Er gehört zum festen Schauspiel-Ensemble des Tallinner NO 99-Theaters. Dadurch ist er auch in das Programm der diesjährigen Kulturhauptstadt eingebunden. Letzte Woche waren das Ensemble mit der Kultur-Hauptstadt-Inszenierung Wie man ein dem toten Hasen die Bilder erklärt am Thalia-Theater Hamburg zu Gast. Mit diesem Stück war die Truppe auch schon 2010 bei der Wiener Festwochen am Burgtheater. Der Titel beruht auf eine gleichnamige Kunstaktion von Josef Beuys. Doch für Estland hat dieser Titel eine weitere Bedeutungsebene. Der Name der estnischen Kultusministerin lautet übersetzt ebenfalls „Hase“. Der Name Tuisk bedeutet übrigens „Schneesturm“. Tambet Tuisk bemerkt, dass die deutsche und estnische Art der Theaterspielens und der -Inszenierung sehr ähnlich seien. In Estland habe das Theater einen sehr hohen Zuspruch in der Bevölkerung. Laut Tuisk habe sein Land die höchsten Theaterbesuchszahlen pro Einwohner weltweit. Man würde also kaum einen Esten treffen, der nicht weiß, wer Tambet Tuisk ist, fragen wir. „Vermutlich“ gesteht er.
Als die Besetzung des “Schnaps”, des estnischen Anarchisten in Poll, gesucht wurde, sprachen fast alle Schauspieler Estlands, die zwischen 25 und 37 Jahren alt waren, vor. Tambet Tuisk durchlief wie alle Anderen auch das Casting. Chris Kraus verriet jedoch, dass er vorher bereits als Favorit galt.

Bemerkenswert an Poll ist der Umgang mit Sprachen und Dialekten. Die deutschen Schauspieler mussten den Dialekt der Deutschbalten, aber auch Russisch sprechen. Der Großteil des Textes von Tambet Tuisk, war Deutsch.
Auf die Frage, wie es Chris Kraus geschafft hat, den ausgestorbenen Dialekt der Deutschbalten zu rekonstruieren, antwortete dieser, er sei als Sohn deutschbaltischer Eltern mit diesem Dialekt aufgewachsen. Da die Deutschbalten nachdem sie 1939 ihre Heimat verloren hatten, auch in Deutschland eine sehr geschlossenen Gruppe bildeten, gab es noch lange Zeit viele ältere Menschen, die diesen Dialekt sprachen.
Für Tambet Tuisk, dessen Muttersprache Estnisch, durch die langjährige sowjetische Besatzung aber auch Russisch ist, war die Schwierigkeit Deutsch zu sprechen genauso groß, wie für die deutschen Schauspieler den deutschbaltischen Dialekt. Tambet Tuisk verriet, dass er circa dreieinhalb Monate mit seinem Lehrer vom Tallinner Goetheinstitut an einer sicheren, aber noch immer estnisch gefärbten Aussprache, arbeitete.

Im Gegensatz zur üblichen Praxis in der Filmbrache, sind in Poll, alle Hauptaufgaben, außer der Regie, in Frauenhand: Produktion, Kamera, Setdesign, Kostüme, Maske, Musik, usw. Eine 30% Frauenquote wie aktuell für Führungsposten gefordert, braucht Chris Kraus also nicht. Ihm sei das Geschlecht seiner Mitarbeiter völlig egal. Da alle außer Kamerafrau Daniela Knapp bereits bei Vier Minuten im Team waren, seien sie aufeinander eingespielt, was die Arbeit vereinfache. Wenn es einen besonderen weiblichen Blick im Film gebe, so Kraus, käme der aber von ihm selbst.

Poll läuft vorerst für vier Wochen in Regensburger Kinos. Vielleicht übertreffen Zuschauerzahlen und Auszeichnungen am Ende sogar die von Vier Minuten. Chris Kraus jedenfalls wusste, dass sein letzter Film in Regensburg äußerst erfolgreich lief.

www.poll-derfilm.de | www.no99.ee

Veranstaltungen vom 11. bis 17.02.2011

10. Februar 2011 lweser Keine Kommentare

Freitag, 11. Februar 2011, 19.00 Uhr, Galerie Art Affair, Neue-Waag-Gasse, Regensburg
Ausstellungseröffnung: Astrid Schröder. Die Andere Ordnung; geht bis 10. April 2011.
www.art-affair.net | www.astrid-schroeder.de

Freitag, 11. Februar 2011, 20.00 Uhr, Kunstverein GRAZ, Schäffnerstr., Regensburg
Ausstellungseröffnung: Terminale. Skulpturen, Einblicke, Ausblicke, Sammler und Nomaden, Malerei: Kurt Schwarzmeier, Fotografie: Thomas Widmann, Natascha Kratochwilla, Klanginstallation: Albert Plank; bis 05.03.2011
www.kunstvereingraz.de

Freitag, 11. Februar 2011, 21.00 Uhr, W1, Weingasse, Regensburg
Konzert: Polite Sleeper - nach eigenen Angaben “A Folk Punk mess” und Sebastian Troll (Mason Dixon Line). Das gab es schon vor ca. anderthalb Jahren und es was SO. Eintritt: 7 €
www.politesleeper.com | myspace.com/masondixonline | myspace.com/W1_regensburg

Samstag, 12. Februar 2011, 22.00 Uhr, Gloria, Simadergasse, Regensburg
Party: Shantels Bucovina Club, zum 13 jährigem Jubiläum und gefühlten 1000sten Mal in Regensburg. Für die, die nie genug bekommen, bis 4 Uhr!
www.bucovina.de | www.klangfarben.org

Sonntag, 13. Februar 2011, 19.30 Uhr, Theater am Bismarckplatz, Regensburg
Oper: Die tote Stadt. Oper in drei Bildern von Paul Schott frei nach Georges Rodenbachs Burges la morte, Musik von Erich Wolfgang Korngold; weitere Vorstellungen: 13./20./23./27. Februar, 6. (15.00 Uhr)/22./25./30. März, 2./21./28. April, 19. Mai, 28. Juni, 1./20. Juli
www.theaterregensburg.de

Dienstag, 15. Februar 2011, Atlantis Lesestube, Regensburg, Im Gespräch: Benno Hurt mit Angelika Sauerer und Susanne Wiedamann über sein neues Buch „Im Nachtzug“

Mittwoch, 16. Februar 2011, 19.30 Uhr, Turmtheater, Watmarkt, Regensburg,
Talk im Turm: Politischer Mittwoch - Diskussion zum Thema “Was heißt hier links?” Mit Joachim Wolbergs (Bürgermeister), Pfarrerin Dr. Bärbel Meier-Schärtel, Richard Spiess (Die Linken), Harald Klimenta (Attac) und Moderator Dieter Weber, Leiter des evangelischen Bildungswerks. Eintritt: 8 € (saftig!)
www.regensburgerturmtheater.de

Donnerstag, 17. Februar 2011, 19.30 Uhr, Theater am Haidplatz, Regensburg
Premiere: Dr. Wahn von und mit Paul Kaiser, weitere Vorstellungen: 17. Februar, 1./9./12. März 2011; Preis: 12 €
www.theaterregensburg.de

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Schlingensief und Regensburg

8. Februar 2011 lweser Keine Kommentare

Keine Chance Regensburg - Schlingensief & Wir. Was bleibt? Ein Abend mit Diskussion, Videos und Party am 25. Februar 2011 im Akademiesalon.

keine-chance-regensburgSchlingensief-Fans oder solche, die es werden wollen, sollten sich unbedingt Freitag, den 25. Februar 2011 vormerken. 20.00 Uhr beginnt im Akademiesalon im Andreasstadel in Regensburg nämlich ein Abend, der anlässlich des Todes von Christoph Schlingensief im vergangen Jahr, seine Rolle in Regensburgs Kulturhauptstadtbewerbungverfahren 2005 thematisiert. Regensburg beauftragte Schlingensief und erhoffte sich eine Unterstützung der Bewerbung. Das Resultat war das Theaterstück Keine Chance Regensburg. Die Volksbühne Berlin führte es auf. Allerdings war Schlingensief vorher schon einmal in Regensburg. 1999. Auch darüber wird es hoffentlich etwas zu erfahren geben.

Fritz Ostermayer von FM 4 hatte Schlingensief in seiner Talkrunde Im Sumpf zu Gast. Er und seine Landsmännin Christine Standfest vom Theaterkombinat Wien sind als Gäste mit von der Partie, ebenso wie Thomas Muggenthaler vom Bayerischen Rundfunk als Gastgeber.

Außerdem läuft Schlingensiefs sechzigminütiger Film aus dem Jahr 1988 100 Jahre Adolf Hitler. Die letzte Stunde im Führerbunker. Er wurde vom AKF in den 90er Jahren innerhalb einer Schlingensief-Reihe gezeigt. Damals war Alfred Edel zu Gast. Medart Kammermeier war auch schon dabei. Vielleicht wird er erzählen wie das damals war, als kaum jemand Schlingensief kannte und er nur unter „Trash“ lief.

100 Jahre Adolf Hitler. Die letzte Stunde im Führerbunker
BRD 1988/89. Regie: Christoph Schlingensief.
mit Volker Spengler, Brigitte Kausch, Margit Carstensen, Dietrich Kuhlbrodt, Alfred Edel, Andreas Kunze, Udo Kier, Marie-Lou Sellem, Asia Verdi, diverse Kinder, ein Hund und der Musik von Tom Dokoupil (The Wirtschaftswunder, Die Radierer).

Einen Auftritt der der legendären Avantgarde-Musik-Performance-Gruppe Delir Noir mit Mane Schimchen und Edi von Bachmeier wird es passenderweise auch noch geben. Und mal sehen, was das für eine Party wird mit Fritz Ostermayer und Tom Tiger. Bisher gab es im Andreasstadel nur eine Party. Zur Buchvorstellung Bin sofort zurück!. Die Veranstaltung, wie das Buch galt der Erinnerung und Hommage an Wolfgang Grimm. Damals spielten Beige GT im Kino Wintergarten.

www.schlingensief.com | www.akademiesalon.de | fm4.orf.at | www.kunstvereingraz.de

Buch-Tipp: So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein - von Christoph Schlingesief

8. Februar 2011 sgruen Keine Kommentare

“Wer seine Wunde zeigt, dessen Seele wird gesund”

(Sigrid Grün)

Als Christoph Schlingensief im Januar 2008 mit der Diagnose Lungenkrebs konfrontiert wurde, begann er schon bald, seine Gedanken auf Band zu sprechen. Auf diesen Aufnahmen basiert das Buch.

“So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!” hat mich zutiefst berührt. In diesem Buch der eher leisen Töne wirkt der Regisseur und Aktionskünstler ungewöhnlich verletzlich. Ich habe das Buch in einem Zug durchgelesen.

Schlingensief hat einen sehr sehr traurigen aber auch einen ermutigenden Text geschrieben, der unter die Haut geht. Da steckt viel Angst drin, viel Trauer und Wut aber auch sehr viel Liebe. Liebe zu seiner Verlobten Aino, zu seiner Arbeit und vor allem zum Leben.
Das Buch ist kein verjammertes Hadern mit dem eigenen Schicksal, sondern der mutige Versuch das Ungeheuerliche zu verstehen und sich ein Stück weit selbst auf die Spur zu kommen. Im Mittelpunkt steht die Auseinandersetzung mit der Familie (vor allem mit dem verstorbenen Vater), mit der eigenen Einstellung zur Arbeit, mit dem Leben an sich und natürlich mit dem Tod. Schlingensief greift dabei nicht einfach “nur” sein eigenes ganz persönliches Schicksal auf, sondern den Umgang mit Krankheit und mit Tod in unserer Gesellschaft. Er zeigt auf, wie häufig Kranke und ihre Angehörigen allein gelassen werden und ruft bereits im Vorwort dazu auf, aktiv etwas dagegen zu unternehmen. Hier geht es nicht darum, dass ein Mensch seine Geschichte hinausposaunen will um zu sagen “Seht her, da bin ich - und so krass bin ich drauf!” Wer das denkt, hat das Buch nicht gelesen - kann es nicht gelesen haben. Es geht hier nicht um Exhibitionismus o.ä., sondern um einen wichtigen Prozess, den ein Mensch durchläuft und um Erfahrungen, die sicherlich anderen helfen können. Menschen, die selbst in der Situation sind und sich mit Ängsten konfrontiert sehen, die man sich gar nicht vorstellen kann - oder auch Gesunden, die wieder einmal vor Augen geführt bekommen, wie wertvoll der “normale Alltag” ist.
Schlingensief berichtet in seinem Protokoll auch von heiteren Momenten. Wie er sich vor Lachen kaum halten kann, als eine geistig verwirrte Patientin ihm vor die Zimmertür kackt und eine Putzfrau das ganze auch noch mit den Worten “Ach du Scheiße, Kacke!” kommentiert. Oder einfach die eigentlich banalen und doch so schönen Kleinigkeiten, die unseren Alltag ausmachen: Pizza essen mit Freunden, der Frühlingsbeginn u.v.m.
Christoph Schlingensief hat ein wichtiges Buch geschrieben - nicht nur für sich selbst, sondern auch für Kranke wie Gesunde.
Bleibt zu hoffen, dass er es im Himmel mindestens genau so schön hat, wie er es hier hatte.

Christoph Schlingensief (Autor)
So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein

www.btb.de
256 Seiten

Buch-Tipp: Buch über den Friedhof - von Samko Tale

8. Februar 2011 sgruen Keine Kommentare

Der Forrest Gump der Slowakei

(Sigrid Grün)

Vergangene Woche war die slowakische Autorin Daniela Kapitáňová zu Gast in Regensburg, um aus ihrem jüngsten Werk, dem Buch über den Friedhof zu lesen. Die 1956 in Komárno geborene Kapitáňová studierte in Prag Theaterregie und arbeitet derzeit als Literaturredakteurin in Bratislava. Das vorliegende Buch wurde in mehrere Sprachen übersetzt und es zählt zu den stärksten Werken der slowakischen Gegenwartsliteratur.

Samko Tále lebt in der slowakischen Kleinstadt Komárno, die nahe an der ungarischen Grenze liegt und verdient sein Geld mit dem Einsammeln von alten Pappen, die er an einen Altpapierhändler weiterverkauft. Samko ist 1,52 Meter groß und leidet an einer Krankheit, “bei der man nicht mehr wächst” - und am liebsten trinkt er Kefir.
Als der alte Gusto Rúhe ihm wahrsagt, dass er ein “Buch über den Friedhof” schreiben wird, macht sich Samko gleich ans Werk. Der erste Versuch gerät noch ziemlich kurz - nur eine Seite. Doch der Regen und ein reparaturbedürftiger Wagen lassen Samko noch einmal zum Schriftsteller werden: Es entsteht das zweite Buch über den Friedhof, in dem der kleine Mann den Kosmos Komárno vor unseren Augen entstehen lässt. In Kindermundmanier und völlig ungefiltert schildert Samko das Leben in der slowakischen Kleinstadt. Er nimmt absolut kein Blatt vor den Mund und spricht das aus, was keiner laut zu sagen wagt. In seiner naiv-kindlichen Erzählweise wirkt er zunächst ungeheuer putzig aber man erschrickt über die Inhalte, die der “Zurückgebliebene” vermittelt. Blanker Hass und Rassismus, Homophobie und Denunziantentum sind nur einige seiner negativen Charaktereigenschaften. Gleichzeitig beteuert Samko stets seine positiven Eigenschaften: Er ist arbeitsam und gut und alle schätzen ihn sehr. Neben antiziganistischen Parolen findet man gleich Beteuerungen kein Rassist zu sein: “Ich bin überhaupt nicht rassistisch, denn ich bin sehr gut. Das sieht man hinsichtlich darauf, dass ich mich, wenn im Fernsehen ein Film läuft, in dem jemand zu den Indianern rassistisch ist oder zu den Sklaven, sehr darüber ärgere, wie jemand so rassistisch sein kann, und wenn er hinsichtlich darauf bestraft wird, dann freu ich mich sehr. [...] Margita und Valent Anka sind auch nicht rassistisch, denn in Komárno gibt es keinerlei Indianer oder Sklaven. Kann aber sein, dass es in Bratislava welche gibt, und so weiß ich nicht, ob Ivana rassistisch ist.” (S. 112)

Die präzisen und schonungslosen Beschreibungen seiner Mitmenschen gehören ebenso zu Samko wie die völlig unreflektierte Verehrung der kommunistischen Partei. Selbst die eigenen Eltern werden ohne Rücksicht observiert. Zu groß ist die Angst, “reingerissen” zu werden.

Ähnlich wie Herta Müller entwirft die Autorin, Daniela Kapitáňová, die hier unter dem Pseudonym Samko Tále geschrieben hat, das ungeschönte Bild einer Kleinstadt - mit all den Abgründen, die sich auftun. Aber anders als bei Müller, lässt die slowakische Autorin nicht eine Figur, die zur Reflexion fähig ist berichten, sondern einen mental Retardierten, der exakt das wiedergibt, was in den Köpfen der Leute vorgeht. Allein diese Erzählstrategie ist ein großer Wurf und auch die Umsetzung überzeugt durch und durch.

Fazit: Das Buch über den Friedhof ist ein überragendes literarisches Werk, das eindrucksvoll aufzeigt, wie bodenlos menschliche Abgründe sein können. Trotz des Kindermundtons keine leichte Kost. Meine Empfehlung!

Samko Tále (Autor)
Buch über den Friedhof

www.wieser-verlag.com
195 Seiten

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Buchtipp: Jonathan Coe - “Die ungeheuerliche Einsamkeit des Maxwell Sim”

6. Februar 2011 sgruen Keine Kommentare

(Benjamin Heinrich)

Jonathan Coe, in dessen inzwischen recht zahlreichen Romanen die Figur des einsamen jungen Mannes (oder im Einzelfall auch der einsamen jungen Frau (-en) (etwa in „Der Regen, bevor er fällt“), oder der einsamen jungen Person, von in Verhandlung befindlicher Geschlechtszugehörigkeit (etwa in: „Das Haus des Schlafes“) in so großer Häufigkeit in so zentralen Rollen auftritt, dass man sich des Gedankens kaum erwehren kann, dass es sich dabei um verschiedene Variationen des Alter Egos des Autors handelt, dieser Jonathan Coe ist älter geworden.
Da überrascht es kaum, dass in seinem neuesten Werk „Die ungeheuerliche Einsamkeit des Maxwell Sim“ die Hauptrolle von einem nicht mehr ganz so jungen Mann ausgefüllt wird. Die Einsamkeit ist ihm jedoch geblieben und, wie der Titel kaum unmissverständlicher zum Ausdruck bringen könnte, expliziter in den Vordergrund gestellt als jemals zuvor. Diese, ins „ungeheuerliche“ gesteigerte Einsamkeit befällt den Protagonisten des vorliegenden Romans bereits am Anfang und verdichtet sich im Laufe der Erzählung immer mehr: Maxwell Sim, 48, Engländer, sitzt am letzten Abend einer Besuchsreise, dem Valentinstag 2009, mit seinem ausgewanderten Vater, zu dem er in einer eigentümlichen Beziehung der Sprach- und Beziehungslosigkeit steht, in einem Restaurant in Sydney und beobachtet sehnsuchtsvoll das Intimität und Vertrautheit, Zuneigung und Zusammengehörigkeitsgefühl ausstrahlende Beisammensein einer „Chinesin“ mit ihrer Tochter. Mit diesem Moment beginnt eine immer verzweifelter werdende Suche nach einer solchen Vertrautheit, die einhergeht mit einem wachsenden Gefühl der eigenen Isoliertheit aus jeglichem menschlichen Zusammenhang. Stück für Stück erfährt der Leser mehr über Maxwells bedrückende Situation: vor einem halben Jahr hat ihn seine Frau samt der just die Pubertät beginnenden Tochter verlassen, die ihn daraufhin befallenden (klinischen?) Depressionen haben ihn zu einer fast ebenso langen Auszeit von seinem Job in einem Londoner Kaufhaus und einem einsamen, sich hauptsächlich in seiner Wohnung in der trostlosen Kleinstadt Watford abspielenden Leben gezwungen. Vom Vater war schon die Rede, die Mutter ist lange tot, ein paar alte Freunde werden erwähnt, die aber fast nur noch als Erinnerung eine Rolle in Max` Leben spielen. Alle Versuch, seine Isolation zu beheben oder zu beschönigen sind zum Scheitern verurteilt: keiner seiner 70 Facebook-Freunde hat ihm in den letzten Monaten eine Nachricht geschrieben; der Sitznachbar im Flugzeug zurück nach England entzieht sich zunächst durch Desinteresse, dann durch Exitus. Und als sich wie durch ein Wunder dann doch noch so etwas wie ein echter menschlicher Kontakt, gar zu einer attraktiven jungen Frau, entwickelt, verbockt Max es routiniert…
Doch die eigentliche Odyssee beginnt erst, als Max wieder in seiner Wohnung in Watford ist, und sich unter all den Penisverlängerungs-Spammails dann doch die eine Nachricht von einem echten Menschen findet: Sie ist von seinem alten Freund Trevor, der Max zu einem Treffen einlädt und ihm auf diesem Treffen vorschlägt, an einem zu Werbezwecken veranstalteten Wettrennen im Auftrag eines revolutionär ökologische Zahnbürsten produzierenden Kleinunternehmens teilzunehmen. Es ist geplant als eine Reise, die Max zum nördlichsten Punkt der Britischen Inseln führen soll, doch sie mutiert immer mehr zu einer Reise in Maxwells Vergangenheit und in die tiefsten Tiefen der Einsamkeit und der Selbstverachtung und steuert zielsicher auf ein desaströses Ende zu.
Diese Reise schildert Coe unter Zuhilfenahme einiger seiner bewährten literarischen Verfahrensweisen: Er nähert sich an die eigene charakterliche Problematik des Protagonisten an, indem er ihn in einer wenig bekannten historischen Figur, in diesem Fall in dem spektakulär und tödlich gescheiterten Weltumsegler Donald Crowhurst spiegelt. Er erzeugt eine die Perspektive des Ich-Erzählers ergänzende und entlarvende Mehrstimmigkeit durch eingeschobene, Max durch Zufall oder Schicksal in die Hände gespielte von verschiedenen Figuren verfasste Dokumente, in diesem Fall einen Brief des Onkels einer zufälligen Flugreisebekanntschaft, der Max an einige zentrale Ereignisse seiner Kindheit erinnert, eine Kurzgeschichte seiner literarisch ambitionierten Ex-Frau, eine jahrzehntealte Psychologie-Hausarbeit seines Jugendschwarms zum Thema „Intimssphärenverletzung“, sowie eine noch viel ältere Kurzgeschichte seines literarisch noch viel ambitionierteren Vaters.

Zu den Stärken Coes gehört es ferner seit jeher, dass er bei aller psychologischen Selbstbespiegelung nie den klaren Blick für die Welt, in die er und seine Protagonisten leben, verliert. Stets reflektieren seine Figuren auf gesellschaftliche, politische und kulturelle Zeiterscheinungen, in diesem Fall auf die globale Wirtschaftskrise, die Chancen und Tücken der digitalen Kommunikation und die Veränderung der geographischen Wahrnehmung durch den modernen Personen-, Daten-, und Güterverkehr. Coes Behandlung von Themen wie Kommunikationsvermeidung durch Kommunikationselektronik oder Neubewertung von Nähe und Distanz, Einsamkeit und Verbundenheit zeichnet sich durch das ausgewogenes Verhältnis zwischen Humor und Ernsthaftigkeit, von Spott und Mitgefühl aus. Coes gewohnt intelligente Erzählstruktur sorgt erneut dafür, dass der Leser zwar häufig das Gefühl hat, er wüsste schon, was als nächstes kommt, aber dann doch immer wieder überrascht wird, von dem was dann tatsächlich kommt. Immer wieder unterläuft er souverän die zuvor geschürten Erwartungen, um dann neue Erwartungen zu schüren, die dann wiederum souverän unterlaufen werden. Solange, bis schließlich die finale Pointe dafür sorgt, dass der Leser sich ernsthafte die Frage stellen muss, ob er daran glauben soll, dass die schicksalhafte Fatalität, die in Coes Geschichten waltet, genauso auch in der Wirklichkeit waltet, und ob der Erzähler der „wirklichen“ Welt ein ebenso grausamer Gott ist, wie der Erzähler von Coes Romanen…

Abschließend bleibt festzustellen: zwar ist „Maxwell Sim“ nicht unbedingt das stärkste Werk im Oeuvre Jonathan Coes, ragt aber meines Erachtens in Stil, Klugheit und Haltung noch immer über einen Großteil der zeitgenössischen Literatur hinaus. Unterhaltsam ist es auf jeden Fall.

Jonathan Coe (Autor)
Die ungeheuerliche Einsamkeit des Maxwell Sim

www.DVA.de
416 Seiten

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