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Archiv für April, 2011

Von Träumen und Stürmen

29. April 2011 lweser Keine Kommentare

William Shakespeare: Der Sturm, Theater am Bismarckplatz, Regensburg; Inszenierung: Michael Bleiziffer; Bühne: Peter Engel; Musik: Helmut Nieberle; mit: Anton Schieffer, Julia Baukus, Gabriele Fischer, Hubert Schedlbauer u.v.m.

„Wir sind aus solchem Stoff, wie der zu Träumen, und dies kleine Leben umfaßt ein Schlaf.“

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Das ist der berühmteste Satz aus Shakespeares Drama Der Sturm, das als dessen letztes Stück gilt. Die mythischen Elemente in diesem Stück erinnern an seinen Sommernachtstraum. Der Luftgeist Ariel hat durchaus Ähnlichkeiten mit Puck. Aber auch ein Vergleich mit Was ihr wollt drängt sich auf. Auch dort steht ein Schiffbruch und das Stranden der Überlebenden an einem unbekannten Ort am Anfang.

Prospero (Anton Schieffer) lebt seit zwölf Jahren mit seiner Tochter Miranda (Julia Baukus) auf einer einsamen Insel. Dort strandete er, nachdem ihn sein Bruder um den Thron betrogen und auf dem Meer ausgesetzt hatte. Einzig andere Bewohner der Insel sind Kaliban (Hubert Schedlbauer), der Sohn der verstorbenen ehemaligen Herrscherin und Hexe der Insel, und einige Luftgeister (u.A. Gabriele Fischer als Ariel). Prospero machte sich beide Untertan. Als durch Zufall das Schiff seines Bruders in die Nähe der Insel gerät, lässt Prospero mit Ariels Hilfe einen Sturm aufkommen, der ihn und seinen Hofstaat ebenfalls als Schiffbrüchige auf die Insel treibt. Prosperos Zeit ist gekommen - aber nicht wie man meinen mag für Rache, sondern für Versöhnung und zwar durch Wiederholung, Liebe und Einsicht. Einzig Kalibans Verrat hatte er nicht eingeplant. Doch selbst Kaliban wird am Ende zu Besserung gelangen. Michael Bleiziffer inszeniert den Sturm - mit Peter Engels Hilfe – bildgewaltig. Bereits zu Beginn zittert die Schiffsbesatzung vom Sturm gepeitscht in der Takelage. Die Insel selbst besteht dann aus sich bewegenden, wogenartigen Planken in denen sich eine Vielzahl versteckter Auf- und Abgänge befinden. Der witzigste ist wohl jener durch einen Kühlschrank. Hier ist Peter Engels Humor ebenso unverkennbar, wie in jenem aus den Meerwogen ragendem Waschbecken.

Gabriele Fischer schwebt als Luftgeist fast während der gesamten Aufführung an Seilen durchs Bühnenbild und singt zur Musik von Helmut Nieberle eine vielzahl Lieder. Dabei sieht sie so aus, als fühle sie sich nicht allzu wohl in diesem Element. Das passt gut, schließlich ist Ariel Prospero nicht freiwillig zu Diensten. Dem Applaus nach, ist sie die Sympathieträgerin der Inszenierung. Das liegt vermutlich daran, dass sie der einzige unzweifelhafte Charakter des Stückes ist. Zwar sind auch Miranda und Ferdinand (Daniel Tille), sowie der Utopist Gonzalo ohne Falsch, dafür sind sie aber naiv und weltfremd. Ferdinand und Miranda sind durch ihre Liebe so aufeinander fixiert, dass sie fast vom restlichen Geschehen des Stücks, das sich vorrangig um Macht und Machtmissbrauch dreht, losgelöst sind.

weitere Termine: 30. April, 1.(15 Uhr) /7./8./15./22./30. Mai, 22./27. Juni
www.theaterregensburg.de

Buchtipp: Marshall McLuhan. Eine Biografie - von Douglas Coupland

29. April 2011 sgruen Keine Kommentare

Die Generation X im globalen Dorf?

(Benjamin Heinrich)

Douglas Coupland stellt die Frage selbst: Warum eine McLuhan-Biographie und warum gerade jetzt, wenn doch in den letzten zwanzig Jahren bereits zwei solcher Biographien erschienen sind? Und was kann eine solche Biographie Neues beitragen? Zum Teil scheint Couplands Motivation, dieses Buch zu schreiben persönlicher Natur zu sein; zweitens scheint es durch die immer deutlicher hervortretende Aktualität von McLuhans Theorien motiviert zu sein; und drittens scheint es durch die Lust des Schriftstellers am formalen Experiment motiviert zu sein.
Couplands persönliche Motivation ergibt sich wohl aus gewissen Parallelen, die sein eigenes Leben zu dem seines literarischen Objekts aufweist: beide wurden eine Zeitlang als eine Art Stimme des Zeitalters gehyped; beider Namen sind untrennbar mit bestimmten Schlagwörtern verknüpft (D.C.: „Generation X“; M.M.: „das globale Dorf“, „Das Medium ist die Botschaft“); beide wurden fälschlicherweise zumeist für Apologeten der von ihnen beschriebenen Zustände gehalten. Und (diese Tatsache gibt Coupland selbst als ausschlaggebend für seinen Entschluss an, dieses Buch zu verfassen): er. fühlte sich durch die durch das Ausniesen eines blutigen Batzens erzeugte Angst in eine Art von Leidensgenossenschaft mit dem Zeit seines Lebens von Schlaganfällen und anderen Hirnkrankheiten heimgesuchten McLuhan versetzt.
Die zeitgeschichtliche Relevanz, die Coupland McLuhan zuschreibt, geht weit darüber hinaus, ihn lediglich als Urvater der akademischen Beschäftigung mit der Massenkultur zu honorieren. Coupland sieht McLuhan als einen Propheten des Internetzeitalters („Die Welt, die er beschrieb, trat erst Ende des 20. Jahrhunderts mit dem Aufkommen des Internets wirklich zutage.“), dessen Schriften als eine Anleitung zum Umgang mit den durch die technologischen Veränderungen der medialen Umwelt hervorgerufenen gesellschaftlichen und psychologischen Veränderungen gelesen werden können. McLuhan scheint ihm Orientierung zu ermöglichen in einer Welt, in der durch die allgegenwärtige Vernetzung von Allem mit Allem jedes Gefühl von Zeit und Raum verschwindet und der Mensch zu einem „ewigen Nomaden“ wird, „der durch einen zerfließende Landschaft irrt und von einem Tag auf den anderen lebt, auf alles und nichts gefasst.“
Formal versucht sich Coupland sowohl an einer Übertragung von McLuhans sogenanntem „Mosaik-Stil“ auf das Biographie-Genre als auch an einer Imitation des Internet-vermittelten Informationsstroms. Das deutet bereits die Art an, in der das Buch strukturiert ist: das Inhaltsverzeichnis weist lediglich drei Kapitel aus; jedes dieser Kapitel ist unterteilt in unzählige kaum je seitenlange Sinnabschnitte. Kurz gesagt: dieses Buch bietet viele Daten, aber wenig Orientierung. Und wie das Internet bietet es Daten aller Art (medizinische, familien-, wissenschafts-, und kunstgeschichtliche, geographische usw.) und reiht diese Informationshappen, die Stiftung eines kohärenten Sinnzusammenhangs weitestgehend dem Leser überlassend, in (scheinbar) zufälliger, nur lose verknüpfter Manier aneinander. Dabei schont Coupland das Objekt seines Interesses bei aller offenkundigen Sympathie nicht und vermeidet es gerade durch das Fragmentarische seines Stils, eine allzu eindeutige Antwort auf die Frage zu geben, wer McLuhan war, und wie er zu dem werden konnte, der er war.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Coupland, indem er McLuhan eher wie einen Künstler liest und weniger wie einen Wissenschaftler, es schafft, den nur schwer erklimmbaren Berg, den dessen Werk darstellt, etwas zugänglicher zu machen. Und er schafft es, einen Anreiz zu bieten, sich mit McLuhan auseinanderzusetzen, indem er klarmacht, dass es nicht nur darum geht, eine Theorie besser zu verstehen, sondern darum, unsere alltägliche mediale Umwelt auf eine Art und Weise verstehen zu lernen, die uns dazu verhelfen kann, in dieser Umwelt zu überleben, ohne unsere geistige Gesundheit zu verlieren und im Wahnsinn unterzugehen.

Douglas Coupland (Autor)
Marshall McLuhan

www.klett-cotta.de
221 Seiten

Frankreichwoche, 40 Jahre Ostentor-Kino und Weidener Literaturtage

28. April 2011 lweser Keine Kommentare

Donnerstag, den 28. April 2011, 17.45 Uhr, Filmgalerie im Leeren Beutel, Regensburg
Film von Karin Jobst “ALEX - around heaven and men” innerhalb der Ausstellung around heaven and men bei galerie kontantin b. (Am Brixner Hof). Die Ausstellung läuft noch bis 30. April.
www.karinjobst.de

Freitag, 29. April 2011, 19.30 Uhr, Velodrom, Regensburg
Georgette Dee Lieben sie Brahms…?, am Flügel Terry Truck, Preis: 22 €
www.georgettedee.de | www.theaterregensburg.de

Samstag, 30. April 2011, 21.00 Uhr, Ostentor-Kino, Regensburg
das Ostentor-Kino feiert seinen 40sten Geburtstag, mit Harold and Maude, einem Konzert von Mortimer und einem Überraschungsfilm; Eintritt: frei, danach in die Kinokneipe
www.altstadtkinos.de | www.kinokneipe.de | www.myspace.com/mortimertunes

Samstag, 30. April 2011, 21.00 Uhr, W1, Regensburg
Konzert: The Disciplines, A Great Volcano,
www.thedisciplines.com | www.myspace.com/agreatvolcano | www.myspace.com/w1_regensburg

Samstag, 30. April 2011, 22.00 Uhr, Akademiesalon Kino im Andreasstadel, Regensburg
13 Tzameti (Géla Babluani, F/Georgien 2005) innerhalb der Film-Reihe von Florian Scheuerer Hard Line - Kino Extrem. Zutritt: ab 18 Jahren.
Außerdem gibt es erstmals ein Hardline-Spezial: Trucker & Dale vs Evil vom 28.04-03.05. jeweils 21.30 im Akademiesalon, diesmal Zutrit ab 16 Jahren; Weitere Infos zur Reihe:
hardline.blog.de

04.-11. Mai 2011, Kinos im Andreasstadel, Regensburg,
9. Französische Film- und Kulturwoche diesmal unter dem Motto Aspekte des Überlebens
Eröffnung: Mittwoch 04. Mai, 20.30 Uhr, Wintergarten
Donnerstag, 05. Mai, 18.30 Uhr, Premiere: Barfuß auf Nacktschnecken mit Gratis-Aperitif
Freitag, 06. Mai, 22.30, Restaurante Akademiesalon, DJ Claire Voyance, Party mit französischer Musik
Das vollständige Programm liegt aus oder ist im Wohin-Programmheft zu finden
www.kinos-im-andreasstadel.de

05.-15. Mai 2011, Weiden,
27. Weidener Literaturtage, u.A. mit Harry Rowohlt, Wolf Wondrascheck und Andreas Maier
www.weidener-literaturtage.de

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Buchtipp: Unendlicher Spaß von David Foster Wallace

25. April 2011 sgruen Keine Kommentare

Zwischen Sucht und Suche - Unendlicher Spaß

(Benjamin Heinrich)

Seit Februar ist David Foster Wallaces 1996 im englischen Original und 2009 endlich und mit erheblichen medialen Begleitgeräuschen in deutscher Übersetzung erschienenes Opus Magnum „Unendlicher Spaß“ („Infinite Jest“) als Taschenbuch erhältlich. Die Besprechung dieses Buchs stellt den Rezensenten vor nicht unerhebliche Schwierigkeiten, die sich unter Anderem schon aus dem schieren Umfang des Werkes ergeben: Noch die Taschenbuchausgabe (erst recht das Hardcover!) eignet sich als Hiebwaffe, die, gezielt zum Einsatz gebracht, durchaus in der Lage ist erhebliche Schädeldeformationen zu verursachen bzw., um es mit Wallaces eigenen Worten zu sagen: „die Karte auf Dauer umzudekorieren.“ Und auch inhaltlich ist der 1400 lange und um rund 100 Seiten Fußnoten ergänzte Text dazu angetan, den Schädelinhalt des Lesers signifikant zu verändern, ob zum Vor- oder Nachteil, ist schwer zu entscheiden. Denn sowohl formal als auch inhaltlich hat es jede dieser 1400 Seiten in sich, wie man so sagt: Die diversen Handlungsstränge sind (ebenso wie die oft unvermittelt auf- und wieder abtauchenden Personen) kaum zählbar und auf komplexe Art vielfach miteinander verbunden. Hinzu kommt, dass Wallace sich einer linearen Erzählstruktur verweigert und auf zunächst nur schwer nachvollziehbare Art und Weise zwischen den verschiedenen Zeitebenen hin und her springt und dabei eine Bandbreite sprachlicher Formen verwendet, die wissenschaftliche Abhandlungen wie brabbelnde Monologe im Bostoner Junkie-Slang, fingierte Sportreportagen, wie die salingereske Ausbreitung von familieninterner Sondersprache umfasst und außerdem eine besondere Vorliebe für syntaktische Satzungetüme von mindestens halbseitiger Länge an den Tag legt.

Dem Umfang seines Wortschatzes (der locker jedes Lexikon übertrifft) entspricht die Vielfalt seiner Themen. Die Frage also, worum es in „Unendlicher Spaß“ geht, und was der Autor uns damit sagen will, kann an dieser Stelle mitnichten erschöpfend sondern nur in Form einer subjektiven Einschätzung beantwortet werden.

Zunächst ein paar Worte zur Handlung: sie spielt sich größtenteils in einer von 1996 aus betrachtet nahen Zukunft ab, also in etwa in unserer Gegenwart. Die uns bekannte Zeitrechnung wurde allerdings abgelöst durch die sogenannte „Sponsorenzeit“ („SZ“), ein Kalendersystem, in dem die Namensrechte an den einzelnen Jahren meistbietend veräußert werden, so dass Teile der Handlung etwa im „Jahr des Whoppers“ oder im „Jahr der Inkontinenz-Unterwäsche“ spielen (und somit auf herkömmliche Weise nicht genau datierbar sind.) Lokalisiert ist die Handlung zur Gänze auf dem nordamerikanischen Kontinent, der allerdings in der wallaceschen Version der nahen Zukunft einige Umwälzungen sowohl politischer als auch landschaftlicher Art über sich hat ergehen lassen müssen:

Unter Führung der USA haben sich die Länder des Kontinents zu einer politischen Einheit, der „Organisation of North American Nations“ („O.N.A.N.“) zusammengeschlossen, in der aber zumindest formal noch eine gewisse Eigenständigkeit von Kanada und Mexiko aufrechterhalten wird. Im Zuge der daraufhin erfolgenden sogenannten „Rekonfiguration“ treten die USA große, gezielt giftmüllverseuchte Teile des Nordostens des Landes an Kanada ab, unter der Auflage, dort in Zukunft sämtlichen anfallenden Müll ablagern zu können. Eine Folge dieser „experialistisch“ genannten Politik der USA besteht darin, dass sich der Zorn diverser vormals gegen Kanada agierender terroristischer Quebecer Separatistengruppierungen nun gegen die USA richtet. Und eine unter ihnen, die „Assassins der Fauteuils Rollents“ („AFR“ = Rollstuhlattentäter), verwendet zum Zwecke dieses Zorns eine neuartige Waffe, die so wirksam wie geheimnisvoll ist und die den selben Namen wie der besprochene Roman trägt.

Zentrum der Handlung ist Boston, genauer gesagt ein Hügel in der Peripherie Metro-Bostons. Auf der planierten Spitze dieses Hügels befindet sich die „Enfield Tennis Academy“ (E.T.A.), an seinem Fuß die offene Entzugsklinik „Ennett House“. Der Leser wird in diese beiden Welten eingeführt, indem viele ihrer Einwohner vorgestellt und ihre Erfahrungen und Erlebnisse und Beziehungen untereinander aus ihren diversen Perspektiven geschildert werden. Besonders häufig nimmt Wallace die Perspektive von Don Gately, vormals tabletten- und alkoholabhängiger, nun erfolgreich entzogener Ex-Einbrecher einerseits und Hal Incandenza, äußerst erfolgreicher Tennis-Juniorenspieler mit glänzenden Zukunftsaussichten und lexikalisches Wunderkind mit wachsender Vorliebe für Freizeitdrogen andererseits,  ein. Andere Hauptfiguren sind, neben Hals Familienmitgliedern James O. Incandenza (Hals Vater, Gründer der Academy, innovativer Physiker, Fachbereich Optik, experimenteller Filmemacher, Alkoholiker und durch kuriosen Suizid aus dem Leben geschieden), Avril I. (Hals Mutter, militante Grammatikerin frankokanadischer Herkunft, multipel neurotisch, von außergewöhnlicher Attraktivität und hohem edukativem Anspruch), Orin I. (Hals großer Bruder, Footballstar, Phobiker und professioneller Aufreißer) und Mario I. (Hals kleiner Bruder, zur Welt gekommen mit multiplen physischen Deformationen und verlässlich sanftem Gemüt, E.T.A.-Maskottchen und filmischer Nachlassverwalter seines Vaters) diverse vielversprechende Tennisschüler und -ausbilder sowie ebenso diverse nasse, trocknende oder trockene Drogenabhängige von variabler Stoffpräferenz. Wichtige Rollen spielen ferner Joelle van Dyne (ehemaliges Liebesobjekt Orins, Muse seines Vaters, später bekannt als Radiomoderatorin „Madame Psychosis“ und crackabhängig doch von noch immer schier lähmender Schönheit), Remy Marathe (Rollstuhlattentäter, je nach Schätzung Doppel- bis Vierfachagent und scharfer Kritiker des US-amerikanischen Individualismus), Hugh Steeply (US-Agent in hyperfemininer Tarnung, Marathes Kontaktmann und engagierter Verteidiger des US-amerikanischen Individualismus). Undsoweiterundsofort.

Das von Wallace aufgebotene Personal und die Topologie, in der er es anordnet, steht in engem Zusammenhang mit dem, was man den kritischen Gehalt von „Unendlicher Spaß“ nennen könnte: Die Lokalisierung von Tennisakademie und Suchtklinik an einem Ort, diese am Fuße des Hügels, jene auf dessen Spitze, macht es geradezu überdeutlich, dass Wallace die beiden gegensätzlichen Welten, die diese Institutionen repräsentieren für die sprichwörtlichen zwei Seiten derselben Medaille hält. Unterschiedlicher könnten die an diesen Orten beheimateten Personengruppen kaum sein: hier die aufstrebenden und hart trainierenden, geförderten und geforderten jungen Talente mit realistischer Aussicht auf künftigen Starruhm, dort die seit Jahren jeglicher sinnvoller Tätigkeit entwöhnten, dem frühzeitigen Tod kaum von der Schippe gesprungenen menschlichen Wracks. Und doch leiden sie alle an unterschiedlichen Spielarten desselben Problems: der existentiellen Leere und metaphysischen Orientierungslosigkeit als Kehrseite des die amerikanische Identität konstituierenden rein individuellen Glücksstrebens und dem Versuch, diese Leere mit diversen stofflichen und nicht-stofflichen Suchtmitteln zu füllen

Die gesellschaftliche Seite dieses Problems beleuchtet Wallace vor allem in den Dialogen zwischen Steeply und Marathe: mit der Gegenüberstellung ihrer Positionen, dem Bestehen auf durch persönliche Reife geleitete individuelle Entscheidungsfreiheit hier, das Beharren auf eine durch persönliche Opferbereitschaft regulierte Orientierung an einer überindividuellen Gemeinschaft oder Aufgabe da, versinnbildlicht Wallace das Dilemma zweier gesellschaftlicher Organisationsmodelle, deren eines daran krankt, ihren Mitgliedern keinerlei verbindlichen Verhaltensleitfaden zur Verfügung zu stellen und die Verantwortung für das gelingende Leben zur Gänze der persönlichen Reife des Individuums aufzubürden und somit zu riskieren, jedes einzelne von ihnen an die Maßlosigkeit, an den „Appetit, den Tod durch Lust zu wählen“ zu verlieren, während deren anderes in ihrem faschistoiden Absolutheitsanspruch des Lebens für die Gemeinschaft dem Individuum und seinem Glück keinerlei Spielraum zu gewähren in der Lage ist. Die individuelle Seite des Problems behandelt Wallace in mehreren Dutzend Variationen, er entwickelt ein Panoptikum des Scheiterns, dessen durchaus wächserne Figuren, sich stets auf der Suche nach der perfekten Unterhaltung oder dem perfekten Aufschlag befinden, auf der Suche nach dem „unendlichen“ und potentiell tödlichen Spaß, voll Sehnsucht danach, in einem unendlich komprimierten, den Überdruss und das Leben selbst auslöschendem Punkt zu verschwinden und in finaler, anstrengungsloser Stasis zu versinken. Diese Figuren, deren Suche nach dem Glück, ob sie die Sucht oder den übermäßigen Erfolgswillen (oder beides) als Weg wählen, scheitern schlicht an demjenigen Mangel an persönlicher Reife, die eben nötig wäre, um die Suche nach dem Glück erfolgreich gestalten zu können, die aber zu erwerben ihnen nie jemand beigebracht hat. Auf der Suche nach Lehrern, die das Problem der persönlichen Reife nicht umgehen, um an deren Stelle eine totalitäre Doktrin als Rückgratsurrogat zu implantieren, stößt Wallace auf die Anonymen Alkoholiker, die er in all ihrer simplizistischen und intellektuell kaum akzeptablen Lächerlichkeit vorführt, von deren kraftvoller Wirksamkeit er sich jedoch uneingeschränkt beeindruckt, wenn auch nicht restlos überzeugt, zeigt.

Unendlicher Spaß ist ein außerordentlich trauriges Buch von stellenweise außerordentlichem Humor und schon heute zurecht legendär. Als entspannende Urlaubslektüre eignet es sich sicherlich nicht, wer jedoch eine sowohl intellektuelle als auch emotionale Herausforderung nicht scheut, liegt bei diesem Buch ziemlich richtig. Wer jedoch zunächst an einem deutlich weniger zeitintensiven Einstieg in Wallaces Werk interessiert ist, dem seien sein Großessay „Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich“ (Goldmann 2006) und vor allem seine „Kenyon Commencement Speech“ empfohlen:

http://www.welt.de/kultur/article2952066/Die-enorme-Last-des-Erwachsenwerdens.html (deutsch, gekürzt)

http://moreintelligentlife.com/story/david-foster-wallace-in-his-own-words (englisch, ungekürzt)

David Foster Wallace (Autor)
Unendlicher Spaß

www.rowohlt.de
1.552 Seiten

Frohe Ostern im Sonnenschein

21. April 2011 lweser Keine Kommentare

außer schönes Wetter und Auferstehung des Herrn, kulturell nicht all zu viel los an diesem Osterwochenende

So/Mo. 24./25. April 2011, Parkplatz Donauarena, Regensburg, 2-Tage-Flohmarkt

28.04-1.05.2011, Selb, Grenzlandfilmtage

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Warten auf Godot im Turmtheater

20. April 2011 lweser Keine Kommentare

Samuel Beckett: Warten auf Godot, Turmtheater Regensburg; mit Titus Horst, Martin Hofer, Heinz Müller, Peter Heeg; Inszenierung: Andreas Wiedermann; Kostüme: Bianca Schmid-Hedwig

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Warten auf Godot ist Samuel Beckett bekanntestes Theaterstück. Es ist der Innbegriff des Absurden Theaters und wird synonym dafür genannt. Die beckettsche Reduktion des Spiels, die Nihilierung der Dramaturgie ist ebenso kennzeichnend, wie die Infragestellung von Identität. Entsprechend hat Regisseur Andreas Wiedermann auf ein Bühnenbild verzichtet. Es gibt nur einen Stuhl und einen mit wenigen Kreidestrichen angedeuteten Baum auf der leeren schwarzen Bühne.

Die beiden Tramps Wladimir, genannt Didi (Martin Hofer) und Estragon, genannt Gogo (Titus Horst) leben in den Tag hinein und sind froh, wenn es endlich Abend ist. Gut dass sie wenigstens warten können - auf Jenen der nicht kommt. Oder war doch Pozzo (Peter Heeg) Godot? Pozzo hält Lucky (Heinz Müller) wie einen Sklaven in menschenunwürdigen Bedingungen. Er zehrt ihn an einer Leine und lässt ihn nach Belieben “Denken” oder Tanzen bis dieser zusammenbricht. Bei ihrem zweiten Auftauchen am nächsten Tag ist Lucky taub und Pozzo blind. Sind sie es überhaupt? Ihre Namen stimmen, doch Pozzo behauptet, das erste Mal hier zu sein und sein Leiden, wie das seines Dieners bestünde seit jeher. Didi beginnt an sich zu zweifeln, da auch Gogo fast alle Geschehnisse des Vortages vergessen hat. Wem sind hier die Erinnerungen abhanden gekommen oder durcheinander geraten? Wer ist er selbst? Eine Vergewisserung seiner Existenz erfährt er erst durch den Hütejungen, der ihm ausrichtet, Godot käme heut nicht. Es gibt ihn also. Oder?

Die vier Darsteller überzeugen. Man nimmt ihnen die abgerissenen, seelisch wie optisch verwahrlosten Gestalten ohne zu zögern ab. Martin Hofer überzeichnet seine Figur etwas. Seine Darstellung ähnelt fast einer Karikatur. Der Zuschauer empfindet Sympathie für die zwei Clochards, trotz dessen, dass auch sie zu Tätern werden und den blinden Pozzo verprügeln.

Im Nachtzug

16. April 2011 lweser Keine Kommentare

Benno Hurt: Im Nachtzug

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Benno Hurt: Im Nachtzug
Deutscher Taschenbuch Verlag, Februar 2011
260 Seiten, 14,90 €
 

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4 Löwen, 4 Russen, 1 Godot, 1 Alice, 1 falscher Ösi, 1 HSV-Fan und mehr

14. April 2011 lweser Keine Kommentare

Bis 15. Mai 2011, Stadtmuseum, Rathausstraße, Schwandorf
Ausstellung: Historische Reklamen. Schaufenster in der Genuss-Werbewelt von Gestern.
www.schwandorf.de

Seit März bis 6. November 2011, Oberpfälzer Freilandmuseum, Neusath-Perschen Ausstellung: Gesichter eines Dorfes mit Fotos von Stefan Winkelhöfer und Texten von Harald Grill.
www.gesichter-eines-dorfes.de | www.freilandmuseum.org

v14042011

Freitag, 15. April 2011, 19.30 Uhr, Turmtheater, Am Watmarkt, Regensburg
Premiere: Samuel Beckett: Warten auf Godot. Regie: Andreas Wiedermann, mit Martin Hofer, Heinz Müller, Titus Horst und Peter Heeg, Eintritt: 16 €
weitere Termine: 20./21./23./24./27./28./29./30. April, 05./06./07./18./19. Mai 2011
www.regensburgerturmtheater.de

Freitag, 15. April 2011, 21.00 Uhr, Alte Mälzerei, Regensburg
Konzert: ZWEI TAGE: OHNE SCHNUPFTABAK Endlich wirklich live! und unterstützt von Former Cell Mates und Grizzly Tours, Eintritt: 8 €
www.zweitageohneschnupftabak.de | www.alte-maelzerei.de

Freitag, 15. April 2011, 20.00 Uhr, Kunstverein Graz, Schäffnerstr., Regensburg
Alice / Něco z Alenky (CS 1988) ein Film des tschechischen Surrealisten Jan Švankmajer nach Lewis Carrolls Alice Adventures in Wonderland. Eine einmalige Gelegenheit Švankmajers Werk kennen zu lernen. Eintritt: 3/4 €
www.jansvankmajer.com | www.kunstvereingraz.de

Samstag, 16. April 2011, 19.30 Uhr, Theater am Bismarckplatz, Regensburg
Theater-Premiere: William Shakespeare: Der Sturm, Inszenierung: Michael Bleiziffer.
Weitere Termine: 16./20./24./26./30. April, 1.(15Uhr)/7./8./15./22./30. Mai, 22./27. Juni
www.theaterregensburg.de

Samstag, 16. April 2011, 21.00 Uhr, W1, Weingasse, Regensburg
Sublime präsentiert: MOTORAMA aus Russland (New-Wave-Pop / Post-Punk / Minimal) und SULLEN…SILENCE aus Regensburg (Indie / Post-Punk). Und immer noch für schlappe 5 €.
www.wearemotorama.com | www.myspace.com/sullensilence | www.sublime-music.de | www.myspace.com/w1_regensburg

Samstag, 16. April 2011, 20.30 Uhr, Kunstverein Graz, Schäffnerstr., Regensburg
DAM-Vorspiel, Axel Formeseyn: Voll die Latte. Mein Fußball-Tagebuch. Fotos, Lieder, Texte eines bekennenden HSV-Fans.
www.werkstatt-verlag.de | www.kunstvereingraz.de

Sonntag, 17. April 2011, 20.00 Uhr, Auditorium des Thon-Dittmer-Palais, Regensburg
Lesung: Dirk Stermann lies aus seinem Roman 6 Österreicher unter den ersten 5. Unglaublich aber wahre Wunschvorstellung eines Piefkes. Eintritt: 12/10 €
www.stermann-grissemann.at | www.pustet.de

Sonntag, 17. April 2011, 20.00 Uhr, hidden Location, in der Nähe von…
Konzert von und mit William Tyler & Volker Zander (Paper hats, Lambchop, Calexico) sowie den Berlinern Susie Asado. Live in somebody else’s living room.
www.myspace.com/historyismystery | www.susieasado.com

Ab Donnerstag, 21. April 2011, Garbo-Kino, Weißgerbergraben, Regensburg
Die Satire und geheime Wahrheit über den Terrorismus von Christopher Morris, wollte die CSU verbieten! Das ist die beste werbung für den Film Four Lions (GB 2010)
www.fourlions-film.de | www.altstadtkinos.de

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Von Kürren nach Köln im Nachtzug

14. April 2011 lweser Keine Kommentare

Szenische Lesung nach Benno Hurts Roman „Im Nachtzug“ mit Michael Heuberger und dem Duo Parkdeck, Weinschenkvilla, Regensburg

Vier Mann für Benno Hurt: Wenk, Späth, Heuberger und Herrschel

Vier Mann für Benno Hurt: Wenk, Späth, Heuberger und Herrschel

Fünf Jahre Vorbereitung für einen einzigen Abend. Für diesen Abend - an dem der Nachtzug “durch” die Weinschenkvilla in Regensburg fuhr. Der Nachtzug aus dem gleichnamigen Roman des Regensburger Richters und Dichters Benno Hurt. Dramaturg Michael Herrschel hat den Roman als Hörspiel bearbeitet. Der Schauspieler Michael Heuberger las den Text, der von dem Musiker-Duo Parkdeck mit Klangbildern untermalt wurde. Ein atmosphärischer Abend, gefühlt irgendwo zwischen Zugabteil, 1. Klasse-Bahnhofswartesaal und mondäner Gründerzeit-Villa.
Das Licht erlischt und die Zuhörer reisen mit dem Protagonist Michael Kaltenbach am Abend des Faschingsdienstags bis zum Morgen des Aschermittwochs des Jahres 1965 per Bahn von Kürren (alias Regensburg) nach Köln zu seinem Verlag. Im schummrigen Abteil döst er dahin. Zwischen Wachen und Traum schweift er gedanklichen in die Vergangenheit. Einer dieser Wachträume führt ihn in sein Elternhaus, die Weinschenkvilla (deren Name im Roman geringfügig verändert wurde), wo seine Mutter mit schwerem Parfum, ein wenig geisterhaft wandelt. Aber auch ein jüdischer Musiker wohnt im Turmzimmer (in Wahrheit lebte dort zeitweise der Maler Max Wissner).
Die Musiker Alois Späth und Klaus Wenk untermalen und bereichern den Text zurückhaltend aber experimentierfreudig mit durch Laptop und Gitarre erzeugten Soundscapes. Parkdeck arbeitet mit viel Hall- und Verzögerungs-Effekten. Auch einfache Sprachsamples kommen zum Einsatz. Michael Heuberger skandiert einzelne Sätze live zu den Tonaufnahmen der gleichen Sätze.

Ein Abend der eigentlich zu aufwändig und großartig war um einmalig zu bleiben. Vielleicht wird es ja eine Wiederholung geben, vielleicht in einem Zugabteil? Oder das Hörspiel wird auf Tonträger aufgenommen? Lassen wir uns überraschen. Der Veranstalter, die in der Weinschenkvilla ansässige Anwaltskanzlei Wünsch, Lehnert und Weber, spendeten den Eintritt des Abends dem Verein „Weißer Ring” Regensburg.

weinschenk-villa

Eläkeläiset immer wieder Eläkeläiset

7. April 2011 lweser Keine Kommentare

Freitag, 08. April 2011, 19.30 Uhr, Velodrom, Regensburg
Gastspiel in spanischer Sprache: Federico García Lorca: La Casa de Bernarda Alba. TNT Theatre Britain en colaboración con el Teatro Terruño de Costa Rica, Dirigida por Paul Stebbings. weitere Infos:
www.adg-europe.com

Freitag, 08. April 2011, 20.00 Uhr, Kunstverein Graz, Regensburg
Vernissage: unkown area fünf junge Künstler aus Tschechien, bis 30. April
www.kunstvereingraz.de

Samstag, 09. April 2011, 19.00 Uhr, Galerie & Raumstatt, Am Stärzenbach, Regensburg
Vernissage: FREEDOM LIGHT Zeichnungen und Arbeiten auf Papier von Wolfgang Wroblewski, Einführung: Johannes Geigl. Bis 19. Mai 2011.
www.galerie.raumstatt.de

Samstag, 09. April 2011, 19.30 Uhr, Theater am Haidplatz, Regensburg
Premiere Oper: The Rape of Lucretia/Die Schändung der Lukretia, Inszenierung: Christina Schmidt
www.theaterregensburg.de

Samstag, 09. April 2011, 22.30 Uhr, Ostentor-Kino, Regensburg
aufgenommenes Konzert auf der Leinwand: Zwei Tage ohne Schnupftabak, anschließend Party mit „Zwei Tage ohne Schnupftabak“- DJs
www.zweitageohneschnupftabak.de | www.altstadtkinos.de

Dienstag, 12. April 2011, 20.00 Uhr, Weinschenkvilla, Regensburg
szenische Lesung mit Regensburger Dreiergespann: Benno Hurt - Michael Heuberger - Parkdeck, veranstaltet von Weber, Wünsch und Lehnert; Kartenvorverkauf: Buchhandlung Atlantis, Eintritt 8 €, zu Gunsten des Weißen Rings Regensburg; –> bereits ausverkauft
www.on-parkdeck.com

Dienstag, 12. April 2011, 20.30 Uhr, Alte Mälzerei, Regensburg
das alljährliche Konzert der Finnen Eläkeläiset, Eintritt: 14/17€
www.humppa.com | www.alte-maelzerei.de

ab 14. April 2011, 18.45 Uhr, Filmgalerie Leerer Beutel, Regensburg
Die gekaufte Wahrheit Doku über Gentechnik, aus Deutschland von Bertram Verhaag
www.gekauftewahrheit.de | www.filmgalerie.de

ab 14. April 2011, Wintergarten, Kino im Andreasstadel, Regensburg
Der Dieb des Lichts von Aktan Kubat (Kirgisien, Deutschland 2010), Publikumsliebling beim osteuropäischen Filmfest Cottbus.
www.kinos-im-andreasstadel.de

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