Zwischen Sucht und Suche - Unendlicher Spaß
(Benjamin Heinrich)
Seit Februar ist David Foster Wallaces 1996 im englischen Original und 2009 endlich und mit erheblichen medialen Begleitgeräuschen in deutscher Übersetzung erschienenes Opus Magnum „Unendlicher Spaß“ („Infinite Jest“) als Taschenbuch erhältlich. Die Besprechung dieses Buchs stellt den Rezensenten vor nicht unerhebliche Schwierigkeiten, die sich unter Anderem schon aus dem schieren Umfang des Werkes ergeben: Noch die Taschenbuchausgabe (erst recht das Hardcover!) eignet sich als Hiebwaffe, die, gezielt zum Einsatz gebracht, durchaus in der Lage ist erhebliche Schädeldeformationen zu verursachen bzw., um es mit Wallaces eigenen Worten zu sagen: „die Karte auf Dauer umzudekorieren.“ Und auch inhaltlich ist der 1400 lange und um rund 100 Seiten Fußnoten ergänzte Text dazu angetan, den Schädelinhalt des Lesers signifikant zu verändern, ob zum Vor- oder Nachteil, ist schwer zu entscheiden. Denn sowohl formal als auch inhaltlich hat es jede dieser 1400 Seiten in sich, wie man so sagt: Die diversen Handlungsstränge sind (ebenso wie die oft unvermittelt auf- und wieder abtauchenden Personen) kaum zählbar und auf komplexe Art vielfach miteinander verbunden. Hinzu kommt, dass Wallace sich einer linearen Erzählstruktur verweigert und auf zunächst nur schwer nachvollziehbare Art und Weise zwischen den verschiedenen Zeitebenen hin und her springt und dabei eine Bandbreite sprachlicher Formen verwendet, die wissenschaftliche Abhandlungen wie brabbelnde Monologe im Bostoner Junkie-Slang, fingierte Sportreportagen, wie die salingereske Ausbreitung von familieninterner Sondersprache umfasst und außerdem eine besondere Vorliebe für syntaktische Satzungetüme von mindestens halbseitiger Länge an den Tag legt.
Dem Umfang seines Wortschatzes (der locker jedes Lexikon übertrifft) entspricht die Vielfalt seiner Themen. Die Frage also, worum es in „Unendlicher Spaß“ geht, und was der Autor uns damit sagen will, kann an dieser Stelle mitnichten erschöpfend sondern nur in Form einer subjektiven Einschätzung beantwortet werden.
Zunächst ein paar Worte zur Handlung: sie spielt sich größtenteils in einer von 1996 aus betrachtet nahen Zukunft ab, also in etwa in unserer Gegenwart. Die uns bekannte Zeitrechnung wurde allerdings abgelöst durch die sogenannte „Sponsorenzeit“ („SZ“), ein Kalendersystem, in dem die Namensrechte an den einzelnen Jahren meistbietend veräußert werden, so dass Teile der Handlung etwa im „Jahr des Whoppers“ oder im „Jahr der Inkontinenz-Unterwäsche“ spielen (und somit auf herkömmliche Weise nicht genau datierbar sind.) Lokalisiert ist die Handlung zur Gänze auf dem nordamerikanischen Kontinent, der allerdings in der wallaceschen Version der nahen Zukunft einige Umwälzungen sowohl politischer als auch landschaftlicher Art über sich hat ergehen lassen müssen:
Unter Führung der USA haben sich die Länder des Kontinents zu einer politischen Einheit, der „Organisation of North American Nations“ („O.N.A.N.“) zusammengeschlossen, in der aber zumindest formal noch eine gewisse Eigenständigkeit von Kanada und Mexiko aufrechterhalten wird. Im Zuge der daraufhin erfolgenden sogenannten „Rekonfiguration“ treten die USA große, gezielt giftmüllverseuchte Teile des Nordostens des Landes an Kanada ab, unter der Auflage, dort in Zukunft sämtlichen anfallenden Müll ablagern zu können. Eine Folge dieser „experialistisch“ genannten Politik der USA besteht darin, dass sich der Zorn diverser vormals gegen Kanada agierender terroristischer Quebecer Separatistengruppierungen nun gegen die USA richtet. Und eine unter ihnen, die „Assassins der Fauteuils Rollents“ („AFR“ = Rollstuhlattentäter), verwendet zum Zwecke dieses Zorns eine neuartige Waffe, die so wirksam wie geheimnisvoll ist und die den selben Namen wie der besprochene Roman trägt.
Zentrum der Handlung ist Boston, genauer gesagt ein Hügel in der Peripherie Metro-Bostons. Auf der planierten Spitze dieses Hügels befindet sich die „Enfield Tennis Academy“ (E.T.A.), an seinem Fuß die offene Entzugsklinik „Ennett House“. Der Leser wird in diese beiden Welten eingeführt, indem viele ihrer Einwohner vorgestellt und ihre Erfahrungen und Erlebnisse und Beziehungen untereinander aus ihren diversen Perspektiven geschildert werden. Besonders häufig nimmt Wallace die Perspektive von Don Gately, vormals tabletten- und alkoholabhängiger, nun erfolgreich entzogener Ex-Einbrecher einerseits und Hal Incandenza, äußerst erfolgreicher Tennis-Juniorenspieler mit glänzenden Zukunftsaussichten und lexikalisches Wunderkind mit wachsender Vorliebe für Freizeitdrogen andererseits, ein. Andere Hauptfiguren sind, neben Hals Familienmitgliedern James O. Incandenza (Hals Vater, Gründer der Academy, innovativer Physiker, Fachbereich Optik, experimenteller Filmemacher, Alkoholiker und durch kuriosen Suizid aus dem Leben geschieden), Avril I. (Hals Mutter, militante Grammatikerin frankokanadischer Herkunft, multipel neurotisch, von außergewöhnlicher Attraktivität und hohem edukativem Anspruch), Orin I. (Hals großer Bruder, Footballstar, Phobiker und professioneller Aufreißer) und Mario I. (Hals kleiner Bruder, zur Welt gekommen mit multiplen physischen Deformationen und verlässlich sanftem Gemüt, E.T.A.-Maskottchen und filmischer Nachlassverwalter seines Vaters) diverse vielversprechende Tennisschüler und -ausbilder sowie ebenso diverse nasse, trocknende oder trockene Drogenabhängige von variabler Stoffpräferenz. Wichtige Rollen spielen ferner Joelle van Dyne (ehemaliges Liebesobjekt Orins, Muse seines Vaters, später bekannt als Radiomoderatorin „Madame Psychosis“ und crackabhängig doch von noch immer schier lähmender Schönheit), Remy Marathe (Rollstuhlattentäter, je nach Schätzung Doppel- bis Vierfachagent und scharfer Kritiker des US-amerikanischen Individualismus), Hugh Steeply (US-Agent in hyperfemininer Tarnung, Marathes Kontaktmann und engagierter Verteidiger des US-amerikanischen Individualismus). Undsoweiterundsofort.
Das von Wallace aufgebotene Personal und die Topologie, in der er es anordnet, steht in engem Zusammenhang mit dem, was man den kritischen Gehalt von „Unendlicher Spaß“ nennen könnte: Die Lokalisierung von Tennisakademie und Suchtklinik an einem Ort, diese am Fuße des Hügels, jene auf dessen Spitze, macht es geradezu überdeutlich, dass Wallace die beiden gegensätzlichen Welten, die diese Institutionen repräsentieren für die sprichwörtlichen zwei Seiten derselben Medaille hält. Unterschiedlicher könnten die an diesen Orten beheimateten Personengruppen kaum sein: hier die aufstrebenden und hart trainierenden, geförderten und geforderten jungen Talente mit realistischer Aussicht auf künftigen Starruhm, dort die seit Jahren jeglicher sinnvoller Tätigkeit entwöhnten, dem frühzeitigen Tod kaum von der Schippe gesprungenen menschlichen Wracks. Und doch leiden sie alle an unterschiedlichen Spielarten desselben Problems: der existentiellen Leere und metaphysischen Orientierungslosigkeit als Kehrseite des die amerikanische Identität konstituierenden rein individuellen Glücksstrebens und dem Versuch, diese Leere mit diversen stofflichen und nicht-stofflichen Suchtmitteln zu füllen
Die gesellschaftliche Seite dieses Problems beleuchtet Wallace vor allem in den Dialogen zwischen Steeply und Marathe: mit der Gegenüberstellung ihrer Positionen, dem Bestehen auf durch persönliche Reife geleitete individuelle Entscheidungsfreiheit hier, das Beharren auf eine durch persönliche Opferbereitschaft regulierte Orientierung an einer überindividuellen Gemeinschaft oder Aufgabe da, versinnbildlicht Wallace das Dilemma zweier gesellschaftlicher Organisationsmodelle, deren eines daran krankt, ihren Mitgliedern keinerlei verbindlichen Verhaltensleitfaden zur Verfügung zu stellen und die Verantwortung für das gelingende Leben zur Gänze der persönlichen Reife des Individuums aufzubürden und somit zu riskieren, jedes einzelne von ihnen an die Maßlosigkeit, an den „Appetit, den Tod durch Lust zu wählen“ zu verlieren, während deren anderes in ihrem faschistoiden Absolutheitsanspruch des Lebens für die Gemeinschaft dem Individuum und seinem Glück keinerlei Spielraum zu gewähren in der Lage ist. Die individuelle Seite des Problems behandelt Wallace in mehreren Dutzend Variationen, er entwickelt ein Panoptikum des Scheiterns, dessen durchaus wächserne Figuren, sich stets auf der Suche nach der perfekten Unterhaltung oder dem perfekten Aufschlag befinden, auf der Suche nach dem „unendlichen“ und potentiell tödlichen Spaß, voll Sehnsucht danach, in einem unendlich komprimierten, den Überdruss und das Leben selbst auslöschendem Punkt zu verschwinden und in finaler, anstrengungsloser Stasis zu versinken. Diese Figuren, deren Suche nach dem Glück, ob sie die Sucht oder den übermäßigen Erfolgswillen (oder beides) als Weg wählen, scheitern schlicht an demjenigen Mangel an persönlicher Reife, die eben nötig wäre, um die Suche nach dem Glück erfolgreich gestalten zu können, die aber zu erwerben ihnen nie jemand beigebracht hat. Auf der Suche nach Lehrern, die das Problem der persönlichen Reife nicht umgehen, um an deren Stelle eine totalitäre Doktrin als Rückgratsurrogat zu implantieren, stößt Wallace auf die Anonymen Alkoholiker, die er in all ihrer simplizistischen und intellektuell kaum akzeptablen Lächerlichkeit vorführt, von deren kraftvoller Wirksamkeit er sich jedoch uneingeschränkt beeindruckt, wenn auch nicht restlos überzeugt, zeigt.
Unendlicher Spaß ist ein außerordentlich trauriges Buch von stellenweise außerordentlichem Humor und schon heute zurecht legendär. Als entspannende Urlaubslektüre eignet es sich sicherlich nicht, wer jedoch eine sowohl intellektuelle als auch emotionale Herausforderung nicht scheut, liegt bei diesem Buch ziemlich richtig. Wer jedoch zunächst an einem deutlich weniger zeitintensiven Einstieg in Wallaces Werk interessiert ist, dem seien sein Großessay „Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich“ (Goldmann 2006) und vor allem seine „Kenyon Commencement Speech“ empfohlen:
http://www.welt.de/kultur/article2952066/Die-enorme-Last-des-Erwachsenwerdens.html (deutsch, gekürzt)
http://moreintelligentlife.com/story/david-foster-wallace-in-his-own-words (englisch, ungekürzt)
David Foster Wallace (Autor)
Unendlicher Spaß
www.rowohlt.de
1.552 Seiten