Die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts in einer Person: Ré Soupault
Ausstellung: Ré Soupault. Eine Künstlerin im Zentrum der Avantgarde, Kunstforum Ostdeutsche Galerie, Regensburg
Leben: Aus Pommern um die Welt
Ré Soupault wurde 1901 als Meta Erna Niemeyer in Bublitz/Pommern geboren. Sie studierte von 1921 bis 1925 am Bauhaus in Weimar. Ihre Lehrer waren unter anderem Walter Gropius, Wassily Kandinsky, Paul Klee, Johannes Itten und Oskar Schlemmer. Sie arbeitete von 1923 -1924 für den Avantgartfilmer Viking Eggeling an dessen Film Diagonal- Symphonie. 
1926 heiratete sie den Dadaisten Hans Richter. Als Renate Green oder Re Richter arbeitete sie als Modejournalistin, später als Mode-Designerin mit eigenem Label. 1933 lernte sie Phillipe Soupault, den Mitbegründer der französischen Dada- und Surrealistenbewegung kennen, den sie 1937 heiratete. 1934 begann sie zu fotografieren und die Reportagen Philippe Soupaults zu bebildern. Sie wurde selbst Journalistin, Schriftstellerin und Fotografin. Zusammen mit ihrem Mann lebte Sie in Tunis. Dort entstanden unter anderen Berichte und Fotoreportagen über Frauen aus dem „Quartier réservé“. Aus Tunis konnten sie 1942 in letzter Minute vor den Nazis und den Vichy-Schergen unter Zurücklassen alle ihrer Habe (darunter Rés komplette Fotoausrüstung und Negative) fliehen. Sie lebten in New York und Paris, kamen durch die ganze Welt. Sie arbeitete als Übersetzerin, Filmemacherin und Journalistin. Übersetzte vor allem auch die Arbeiten ihres Mannes, von dem sie eine Zeit lang getrennt lebte. 1988 tauchen ihre verlorengegangen geglaubten Negative aus den Jahren 1933-1942 wieder auf. Der Fotoband Eine Frau allein gehört allen. Fotos aus dem „Quartier réservé in Tunis“ erschien, gefolgt von einer Ausstellung in Heidelberg und Krefeld. 1990 starb Philippe Soupault in Paris. Bis auch Ré Soupault 95jährig 1996 in Versailles starb folgten weiter Ausstellungen.
Sie bestimmte Manfred Metzner als ihren Nachlassverwalter, der ihr Leben und Werk bis heute aufarbeitet und in zahlreichen Ausstellungen präsentiert.
Werk und Wirken: Im Schatten
Das Leben der Fotografin, Journalistin, Mode- und Filmmacherin gäbe Stoff genug für einen spannenden Roman. Sie bewegte sich im Inneren der Avantgarde-Bewegung. Kam mit Sergej Eisenstein, Kurt Schwitters, Gisèle Freund, Man Ray, André Kertesz, Erich Maria Remarque, Karl Jaspers, André Breton, Max Ernst, Tristan Tzara, und vielen Anderen zusammen. Dennoch blieb sie stets im Schatten. Im Schatten wovon? Ihrer männlichen Kollegen? Ihres Mannes? Immerhin übersetzte sie seine Bücher, was ihr eigenes künstlerisches Schaffen während dieser Zeit verhinderte. Ein Vergleich von Satre und de Beauvoir will sich aufdrängen. Doch ob dem wirklich so war, bleibt zu untersuchen. Ihr Nachlass ist jedenfalls noch lange nicht vollständig ausgewertet.
Zu Ausstellung und Katalog
Bereits 1999 war in der Ostdeutschen Galerie in Regensburg und in der Kunsthalle Mannheim eine Fotoausstellung von Rés Tunis-Aufnahmen zu sehen. Nun kommt wieder eine Ausstellung ihrer Werke aus Mannheim zu uns. Dadurch kehrt auch die ehemalige Direktorin der Ostdeutschen Galerie Ulrike Lorenz wieder nach Regensburg zurück. Sie konzipierte und kuratierte gemeinsam mit Manfred Metzner und Inge Herold die Ausstellung in der Kunsthalle Mannheim, die alle Bereiche Ré Soupaults Schaffens beleuchtet. Ergänzt wird Rés Werk durch die Arbeiten ihrer Weggefährten.
So sind Arbeiten von Vertretern des Bauhauses, die künstlerisch oder privat mit Ré verbunden waren, in der Schau vertreten. Es sind zwei Versionen der Diagonal-Symphonie zu sehen. Sehr interessant ist der Verbleib des Filmes nach Eggelings Tod. Das Buch zur Ausstellung beleuchtet dies ausgiebig, ebenso wie das unrühmliche Verhalten Hans Richters, nicht nur im Zusammenhang mit Eggelings Film.
Ein recht umfangreiches Konvolut an Fotos der bedeutendsten Fotografen der 20er und 30er Jahre (zum Teil Originalabzüge, zum Teil Neue) versammelt die Ausstellung. Besonders hoch ist der Anteil der Fotografinnen in dieser Zeit. So sind neben Man Ray, André Kertesz, Umbo (Otto Umbehr) und Henri Cartier-Bresson, vor allem Frauen wie Germaine Krull, Florence Henri, Marianne Breslauer, Lotte Jacobi, Lucia Maholy, Ilse Bing, Gisèle Freund mit zahlreichen Fotos vertreten. Das interessanteste Kapitel von Rés eigenen, fotografischen Schaffen ist zweifelsohne die bereits erwähnte Serie aus dem „Quartier réservé“ in Tunis. Als erste Frau gelang es ihr sowohl eine Genehmigung zum Besuch, als auch zum Fotografieren des abgegrenzten Viertels, in dem von der islamischen Gesellschaft verstoßene Frauen lebten, zu erhalten.
Die Arbeit als Modeschöpferin ist unter anderem mit dem Nachbau ihres Transformationskleides, sowie mit einer Neuinterpretation von Dorothee Schumacher aus dem Jahr 2010 vertreten. Man Ray fotografierte übrigens sowohl die Ré-Sport Kollektion, als auch Ré privat.
Ré Soupaults Arbeit als Journalistin, Autorin und Übersetzerin ist ein weiteres Kapitel der Ausstellung gewidmet. Es sind einigen Originalmanuskiptseiten zu sehen, sowie Tonbeiträge zu hören. Der Katalog vertieft auch hier.
Der Katalog zur Ausstellung, ist mit 265 Seiten und zahlreichen Abbildungen sehr umfangreich und ebenso hervorragend gegliedert und sorgfältig erarbeitet, wie die Ausstellung selbst. Er ist optisch, wie inhaltlich wertvoll und nicht nur Ré Soupault-Begeisterten zu empfehlen, sondern allen, die sich für die Avantgarde-Bewegung im allgemeinen interessieren.
Die Ausstellung Ré Soupault. Eine Künstlerin im Zentrum der Avantgarde ist noch bis 04. September 2011 im Kunstforum Ostdeutsche Galerie, Regensburg zu sehen.
www.kunstforum.net
Ré Soupault
Eine Künstlerin im Zentrum der AvantgardeHerausgeber: Inge Herold , Ulrike Lorenz , Manfred Metzner
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Verlag Das Wunderhorn, 2011
264 Seiten. Klappenbroschur
29,80 €






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