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Archiv für September, 2011

Gerhard Richter Painting und endlich wieder SUBLIME

29. September 2011 lweser Keine Kommentare

Freitag, 30. September 2011, 19.30 Uhr, Theater am Haidplatz, Regensburg
Theater-Premiere: Die verlorene Ehre der Katharina Blum von Margarethe von Trotta nach dem Roman von Heinrich Böll, Inszenierung: Johannes Zametzer, Bühne: Peter Engel, mit Oliver Severin, Anna Dörnte, Michael Haake u.a.
Weitere Termine 2011: 02./04./05./10./13./14./15./16./19./20./21./24./26./27./28./29. Okt., 02./03./04./05./06./08./09. Nov., jeweils 19.30 Uhr
www.theaterregensburg.de

Freitag, 30. September 2011, 23.00 Uhr, Leerer Beutel, Bertholdstr., Regensburg
SUBLIME Nach einer endlosen Sommerpause endlich wieder Indie, New Wave und Shoegaze mit Markus Guentner, Miss Shapes & Mossman und Ahoj-Brause. Bis 4.00 Uhr, 5 Euro.
www.sublime-music.de

Samstag, 01. Oktober 2011, 19.00 Uhr, Galerie & Raumstatt, Am Stärzenbach, Regensburg
Der Holzbildhauermeister Helmut Wolf zeigt Skulpturen und Zeichnungen unter dem Titel Große Kleine Helden. Einführung: der omnipräsente Christoph Maltz. Ausstellungsdauer bis 10. November 2011
www.helmut-wolf.com | www.galerie.raumstatt.de

Sonntag, 02. Oktober 2011, 20.00 Uhr, Leerer Beutel, Regensburg
donumenta X: Konzert mit der Band KAL aus Belgrad. Sie tragen schwarz und und spielen Rock ’n’ Roma, nix Shantel! 15-18 €
www.myspace.com/romakal | www.jazzclub-regensburg.de

Sonntag, 02. Oktober 2011, 21.00 Uhr, Alte Mälzerei Club, Regensburg
Kleines Konzert mit vier Bands: White Flag (Los Angeles) - Versus You (Luxembourg) - Holy Kings (Rengschburg) - A Great Volcano (Manchester) und diversen Releases für 10 Euro (ohne Tonträger!)
White Flag | Versus You | The Holy Kings | A Great Volcano | www.alte-maelzerei.de

Di./Mi., 04./05. Oktober 2011, 19.45 Uhr, Akademiesalon-Kino, Andreasstadel, Regensburg
weiter in der Francois Truffaut–Reihe mit Der Mann der die Frauen liebte (F 1977) mit Charles Denner. vermutlich dienstags: deutsche, mittwochs: französische Fassung mit deutschen Untertiteln.
www.kinos-im-andreasstadel.de

Donnerstag, 06. Oktober 2011, 20.00 Uhr, Kunstforum Ostdeutsche Galerie, Regensburg
Negerland meets Egerland aber auch die regensburger Jazz-Improvisionisten Die Negerländer (Heinz Grobmeier, Bertl Wenzl, Norbert Vollath) treffen die böhmischen Dudelsack-Volksmusikanten Pošumavská Dudácká Muzika (unter der Leitung von Thomas Spurny) aus Strakonice. Ein Musikexperiment mit Hochzeitsliedern. Eintritt: 15/12 €
www.heinzgrobmeier.de | www.kunstforum.net | www.jazzclub-regensburg.de

Ab Donnerstag, 06. Oktober 2011, 19.00 Uhr, Filmgalerie, Leerer Beutel, Regensburg
Deutschland- und Regensburg-Premiere von Gerhard Richter Painting, ein Dokumentarfilm von Corinna Belz über einen der bedeutendsten Zeitgenössischen Maler Deutschlands. Sehenswert!
www.gerhard-richter-painting.de | www.filmgalerie.de

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Buchtipp: Donbass von Alexander Chekmenev

27. September 2011 sgruen Keine Kommentare

Beeindruckende fotografische Dokumentation

(Sigrid Grün)

Das Donezbecken (oder kurz Donbas, bzw. Donbass), ein riesiges Steinkohlen- und Industriegebiet im Osten der Ukraine und im Südwesten Russlands, ist einer der bedeutendsten Ballungsräume in Osteuropa.
Bereits seit dem 18. Jahrhundert wird hier Kohle abgebaut. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurden über die Hälfte der Minen geschlossen.
Der Fotograf Alexander Chekmenev dokumentiert im vorliegenden Buch auf beeindruckende und berührende Weise das Leben der Kohlearbeiter in der Region.

Chekmenev, der 1969 selbst im ostukrainischen Luhansk (russ. Lugansk) geboren wurde, absolvierte an der Moskauer Staatsuniversität ein Studium der Pressefotografie und wurde für seine Arbeit mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Seine Bilder wurden auf Ausstellungen in verschiedenen mittel- und osteuropäischen Ländern gezeigt.

Im Bildband Donbass findet man 66 ausdrucksstarke Schwarz-weiß-Fotografien, die zwischen 1994 und 2010 entstanden sind. Darauf sind Menschen und Landschaften, Stilleben und Häuser aus den ukrainischen Donbass-Regionen Luhansk (russ. Lugansk) und Donetsk zu sehen. Dem Fotografen gelingt es auf beeindruckende Weise die Stimmungen und Emotionen einzufangen und damit ein lebendiges Bild der Region zu vermitteln. Man sieht die müden Gesichter der Kohlearbeiter unter Tage, einen älteren Mann, der erschöpft auf seiner Spitzhacke lehnt, eine Frau, die ihrem sterbenden oder toten (?) Mann auf dem Sterbebett zärtlich über die Wange streicht. Und man sieht lachende Gesichter, manchmal rußverschmiert - manchmal nicht, zwei Kohlearbeiter, die Gitarre spielen und dazu singen und die unendliche ukrainische Landschaft, die vom Kohleabbau zerfurcht und geprägt wurde. Wenn die Bergbaugesellschaften weiterziehen, weil die Kohlevorkommen erschöpft sind, bleiben Krater, Schlackenhalden und verlassene Minenschächte zurück - und die Menschen, die meist ihr ganzes Leben in dieser Gegend verbracht haben.
Die Texte kommen ohne Kommentare aus - im Anhang findet man lediglich den Aufnahmeort und die Region verzeichnet. Den Rest muss man sich selbst denken.

In einem Epilog schreibt der Fotograf über die “Seele” der Donbassregion, über die Menschen, die die verlassenen Schächte wieder nutzbar machen - so entstehen kleine (illegale) Unternehmen. Dort wo der Kohleabbau den großen Bergbauunternehmen zu unrentabel geworden ist und eigentlich nur verlassene Ruinen zurückgeblieben sind, entsteht eine neue Art des Kohlebergbaus, der von den Menschen der Region ins Leben gerufen wurde. Die Kohle ist zum kostbaren Tauschgut geworden: ein Eimer Kartoffeln wird mit drei Eimern Kohle aufgewogen.
Alexander Chekmenev erzählt von seinen Erfahrungen, die er beim Fotografieren in der Region gesammelt hat. Er lebte gemeinsam mit den Bergleuten, um als Fotograf eine teilnehmende Beobachtung realisieren zu können - nur deshalb können die Bilder so authentisch und mitten aus dem Leben gegriffen wirken. Chekmenev berichtet von seinem ersten Abstieg in eine illegale Mine, vom Leben auf den Dörfern, die nach den angrenzenden Gruben benannt sind - etwa Mine 7 - und von einer Feier, auf der er die ganze Ausgelassenheit zu spüren bekommt, die in dieser von harter und gefährlicher Arbeit geprägten Region herrscht. Doch auch in diese Feier bricht der Arbeitsalltag - oder in diesem Fall die Nacht - in das Leben der Menschen in der Donbass-Region ein: Mitten in der Nacht, während alle anderen noch feiern, steht ein Mann aus dem Bett auf und macht sich auf den Weg zur Mine. “Mitten in der Nacht?”, wundert sich der Fotograf und erhält als Antwort darauf: “Unter der Erde ist es immer Nacht. Egal zu welcher Tageszeit.”
Zu erwähnen ist auf alle Fälle auch die hochwertige Verarbeitung des Bildbandes: Druck- und Papierqualität lassen keine Wünsche offen!

Fazit: Im Bildband Donbass gelingt es dem Fotografen Alexander Chekmenev auf beeindruckende Weise die Atmosphäre dieser osteuropäischen Region einzufangen. Wo einst Kriegsgefangene Kohle förderten, leben die Menschen in dieser Gegend oftmals von der illegalen Förderung in verlassenen Minen. Menschen und Landschaften werden hier lebendig.

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Alexander Chekmenev (Fotograf)
Donbass
www.kehrerverlag.com
105 Seiten

Cd-Tipp: Das Ungarische Staatsorchester spielt Brahms’ Ungarische Tänze

27. September 2011 sgruen Keine Kommentare

Zwischen Volksmusik und Kunstmusik

(Sigrid Grün)

Brahms’ Ungarische Tänze gehören zu seinen populärsten Werken und sie begegnen uns noch heute - etwa als Filmmusik bei Charlie Chaplins Der große Diktator oder als Hintergrundmusik der Zeichentrickserie Ren and Stimpy.

Interessant ist insbesondere die Mischung aus Volks- und Kunstmusik - denn Brahms ließ sich eigenen Aussagen zufolge stark von populären Volksliedern inspirieren: “Es sind übrigens echte Puszta- und Zigeunerkinder. Also nicht von mir gezeugt, sondern nur mit Milch und Brot großgezogen”, schrieb Brahms einst seinem Verleger. Trotzdem handelt es sich um Kunstmusik, denn Brahms überformte die Melodien stark nach den Maßgaben der Klassik. Der mitreißende und lebendige Charakter der Stücke blieb trotzdem erhalten. Das Temperament und die Lebensfreude der ungarischen Volksmusik schlägt sehr stark durch - aber auch der Ernst und die Melancholie.
Wechsel zwischen Dur und Moll und Tempowechsel sorgen für die unglaubliche Dynamik der Stücke und machten die Ungarischen Tänze auch so populär.

Hungaroton hat nun eine Aufnahme herausgebracht, die 1987 unter der Leitung von Mátyás Antal in der Heimat der Ungarischen Tänze entstanden ist. Das Ungarische Staatsorchester spielt mitreißend und temperamentvoll auf der einen und warm und voller Melancholie auf der anderen Seite. Wer dieses facettenreiche Werk von Brahms noch nicht oder nur in Auszügen kennt, wird begeistert sein von der mitreißenden Musik, die eine unglaubliche Energie versprüht.

59918132699281

Johannes Brahms (Komponist); Mátyás Antal (Leitung)
Hungarian Dances - Hungarian State Orchestra
www.classicdisc.de
ca. 56 Minuten
Best.-Nr.: 5991813269928

Buchtipp: Peace Food von Ruediger Dahlke

26. September 2011 sgruen Keine Kommentare

Wichtige Message - zu viel Werbung

(Sigrid Grün)

Am Mittwoch, den 28. September wird Dr. Ruediger Dahlke zwei Vorträge an der Uni Regensburg halten. Darin wird er zunächst über die “Schicksalsgesetze” und im Anschluss zum Thema “Auf den Spuren der Seele - Was Hand und Fuß über uns verraten” sprechen.
In einer seiner jüngsten Publikationen beschäftigt sich der Arzt und bekannte Autor auch mit dem Thema Ernährung - speziell mit veganer Ernährung in Zeiten der Massentierhaltung.

Nachdem Jonathan Safran Foer und Karen Duve zwei populäre Bücher zur Notwendigkeit einer veganen Ernährung in unserer Zeit geschrieben haben, legt Ruediger Dahlke nun Peace Food. Wie der Verzicht auf Fleisch und Milch Körper und Seele heilt vor. Seine primäre Botschaft ist wichtig und sollte möglichst vielen Menschen die Augen öffnen - Fleisch und Milch (und auch Eier) sind heutzutage Produkte, die auf eine abscheuliche und völlig unhaltbare Weise produziert werden. Mit der Bauernhofidylle, die uns in der Werbung vorgegaukelt wird, haben die Zustände in Tierhaltungsbetrieben und auf Schlachthöfen rein gar nichts mehr zu tun.
Dahlke geht daneben ausführlich auf den gesundheitlichen Aspekt einer veganen Ernährung ein - dabei zitiert er zahlreiche Studien, u.a. die bekannte und aktuelle China Study.
Gegliedert ist das Buch in einen ersten Abschnitt, in dem es um die krankmachende Wirkung von Fleisch und Milchprodukten geht und einen weiteren Abschnitt, in dem die Tiere im Mittelpunkt stehen und das unsägliche Leid, das ihnen Tag für Tag widerfährt, nur damit wir in den reichen Regionen dieser Welt tierische Produkte im Übermaß essen können. Soweit so gut! Dahlke sensibilisiert hier für ein Thema, das alle angeht. Natürlich vergisst er auch nicht die ökologischen Aspekte, wie etwa die Abholzung der Regenwälder, um Anbauflächen für die Futterpflanzen von Schlachttieren zu schaffen, den Klimawandel und das enorme Gülleproblem. Das kann man sehr gut auch bei Foer nachlesen. Wer Dahlke kennt, weiß, dass er sich stark mit dem Unbewussten beschäftigt und dieser Aspekt des Themas spielt auch eine zentrale Rolle - immerhin ist die Duldung und Befürwortunge der Massentierhaltung, denn nichts anderes tut man, wenn man tierische Nahrungsmittel konsumiert, ein kaum zu überbietendes Verdrängungsphänomen. Folgerichtig hat unser Verhalten auch seelische Konsequenzen.
Leider hat der Autor einen (teilweise) überflüssigen 3. Abschnitt verfasst, der meiner Meinung nach vieles verdirbt. Es ist interessant zu lesen, dass die Sonne eine wichtige Heilquelle sein kann. Hierzu existieren auch zahlreiche Studien. Auch der (Mittags)Schlaf als Quelle der Energie ist vielleicht zwar keine neue, aber immer wieder eine wichtige Entdeckung. Gerne kann man auch das Fasten noch in die Kategorie “Das Beste für Körper und Seele” einordnen. Aber was hat bitte ein Nahrungsergänzungsmittel, das so penetrant beworben wird, dass ich das Buch tatsächlich zeitweilig zur Seite legen musste weil ich peinlich berührt war von der Plumpheit des gebetsmühlenartig wiederholten Anpreisens eines Wundermittels - mit “Peace Food” zu tun? Hier sollte man tunlichst zwischen einer so grundlegend wichtigen Botschaft (weg von Fleisch, Milch und Eiern, die unsägliches Leid hervorrufen) und einer mehr oder weniger schäbigen Werbemessage à la “kauft diese Supernahrung, denn sie macht euch glücklich!” zu trennen wissen.
Für mich hat dieser Abschnitt das Ganze schon ziemlich getrübt!
Auch das kurze Kapitel über die “Unterstützung durch die Weltreligionen” ist (leider!) etwas zu beschönigend. Mit einzelnen Zitaten kann man fast alles “nachweisen”, wenn man das möchte.
Der Rezeptteil, mit 30 veganen Rezepten von der Haubenköchin Dorothea Neumayr ist wiederum sehr gelungen!

Fazit: Ruediger Dahlke hat mit “Peace Food” ein wichtiges Buch geschrieben, das die Botschaft vieler anderer Autoren unterstreicht, auf Fleisch, Milch und Eier zu verzichten um unzähligen Tieren und sich selbst viel Leid zu ersparen. Leider fand ich die penetranten Werbebotschaften im 3. Abschnitt völlig überflüssig. Diese wären an anderer Stelle (gerne in einem Titel über “Glücksfood” o.ä.) vielleicht noch akzeptabel gewesen. Hier nicht! Schade!

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Ruediger Dahlke (Autor)
Peace Food. Wie der Verzicht auf Fleisch und Milch Körper und Seele heilt
www.gu.de
336 Seiten

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Buchtipp: Herr der Krähen von Ngugi wa Thiong’o

23. September 2011 sgruen Keine Kommentare

Von Despoten, Demonstraten und Dämonen

(Sigrid Grün)

Manche Bücher schlägt man auf und schon auf der ersten Seite weiß man, dass man 1000 richtig gute Seiten vor sich hat. Mir ging es bei Ngugi wa Thiong’os “Herr der Krähen” so. Der afrikanische Autor und Kulturwissenschaftler, der für seine Publikationen bereits mit vielen Preisen ausgezeichnet und sogar als heißer Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt wurde, legt hier eine Satire vor, die ihresgleichen sucht.
Bereits 2004 war der “Herr der Krähen” auf Kikuyu, Ngugi wa Thiong’os Muttersprache erschienen. Er selbst hat es anschließend ins Englische übertragen und seit Herbst gibt es das Buch (von Thomas Brückner hervorragend übersetzt) auch in deutscher Sprache.
Zur Handlung: Im fiktiven afrikanischen Staat Aburiria herrscht ein nicht weiter benannter Despot, der immer nur als “der Herrscher” bezeichnet wird. “Seine allmächtige Vortrefflichkeit” möchte sich selbst ein angemessenes Denkmal setzen und plant deswegen das ehrgeizige Projekt “Marching to Heaven” - einen modernen Turmbau zu Babel, der das biblische Vorbild nicht nur in seinen Ausmaßen sondern auch im Erfolg weitaus übertreffen soll. Um das Projekt umzusetzen, benötigt der Herrscher allerdings Geld, eine Menge Geld, das von der New Yorker Global Bank zur Verfügung gestellt werden soll. Doch wie kann man die Leute in den USA von der Wichtigkeit dieses Unternehmens überzeugen? Und wie zerstreut man ihre Bedenken, dass es sich bei Aburiria möglicherweise um einen Staat handelt, der nicht demokratisch sondern von einem despotischen Diktator regiert wird?
Während der Herrscher die Amerikaner von dem Projekt zu überzeugen versucht, macht in Aburiria ein Mann namens Kamiti eine ungeahnte Entwicklung durch: Vom hervorragend ausgebildeten Arbeitsuchenden zum gefragten Heiler und Seher. Innerhalb von wenigen Stunden wird Kamiti vom potenziellen Krähenfutter zum Herrn der Krähen. Durch die gemeinsame nächtliche Flucht (wieder) vereint, findet Kamiti zu Nyawira, die er bereits bei seiner erfolglosen Suche nach Arbeit kennengelernt hat. Er findet in ihrem Haus Unterschlupf und hält sich den Polizisten, der die beiden verfolgt hat, da er sie für Aufrührer und Staatsfeinde hält, mit einem selbstgemalten Schild vom Hals, auf dem zu lesen steht: “Achtung! Dieses Anwesen gehört einem Zauberer, dessen Macht Falken und Krähen vom Himmel holt. Sie nähern sich diesem Haus auf eigene Gefahr.- Der Herr der Krähen.”
Der Verfolger schreckt vor diesem Schild zurück - und fortan legt er überall in Aburiria mündlich Zeugnis davon ab, über welche Macht der Herr der Krähen verfügt. Die Kunde verbreitet sich im ganzen Land und Kamiti, der Zauberer wider Willen, kann sich vor “Klienten” nicht mehr retten. Bald erfährt natürlich auch der Herrscher von diesem ungewöhnlich erfolgreichen Magier…
In der Zwischenezeit bilden sich vor der Firma von Nyawiras Boss, der mit der Koordination des Baus von “Marching to Heaven” betraut wurde zwei stetig wachsende Menschenschlagen. Da sind zunächst einmal die, die auch etwas vom gigantischen Kuchen abhaben wollen und sich potenzielle Aufträge auch mal was kosten lassen - und auf der anderen Seite die Arbeitssuchenden, die auf eine Anstellung hoffen.

Was für ein Buch! Ngugi wa Thiong’o ist mit “Herr der Krähen” etwas gelungen, was nicht viele zustande bringen: Er lässt Afrika in seiner ganzen Vielfalt lebendig werden - Magie, Mythen und mündlich tradierte Geschichten, wie etwa die des Polizisten, der seine Erlebnisse in immer wieder abgewandelter Form in Bars erzählt. Und dann ist das Buch eine Satire, die besser nicht sein könnte. Der Autor schreibt mit einer ungeahnten Leichtigkeit, verzichtet auf bittere Anklagen, obwohl er als Opfer des kenianischen Machthabers Daniel arap Moi durchaus Grund hätte, verbittert zu sein. Stattdessen spielt er mit der Groteske und bringt den Leser damit gleichzeitig zum Lachen und zum Nachdenken. Für mich einer der beeindruckendsten Romane, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. “Herr der Krähen” wird sicher nicht mein letztes Buch von diesem außergewöhnlichen Autor sein und ich wünsche insbesondere diesem Buch viele begeisterte Leser!

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Ngugi wa Thiong’o (Autor); Thomas Brückner (Übersetzer)
Herr der Krähen
www.a1-verlag.de
944 Seiten

Viel Theater, ein Galerienabend und der blaue Bus

22. September 2011 lweser Keine Kommentare

Freitag, 23. September 2011, 19.30 Uhr, Velodrom, Arnulfsplatz, Regensburg
Theater-Premiere: Der Brandner Kaspar und das ewig’ Leben von Kurt Wilhelm nach Franz von Kobell, Inszenierung: Michael Bleiziffer, mit Miko Greza, Michael Heuberger und den anderen halt…
weitere Termine 2011: 25./27./28./29./30. Sept.,01./02./11./12./14./15./16./17./20. Okt.
www.theaterregensburg.de

Samstag, 24. September 2011, 18.00 Uhr, div. Galerien, Regensburg
Regensburger Galerienabend, mit 1. Kunstkontor Westnerwacht (W.G. BÜHLER graulanderdenhoch), 2. Kunst- und Gewerbeverein (Jahresschau), 3. Galerie Hammer (K.J. FISCHER Malerei & Zeichnung), 4. Kunstkabinett (V: HEINZ MACK Bilder), 5. brigitte berndt SCHMUCK (reconnected!), 6. Kleine Galerie (F. ZIEGLER In einiger Entfernung zum Geschehen), 7. Ostwestkunst Brigitte Knyrim (F. HITZLER Bilder und Skulptur 2009 - 2011), 8. Galerie Peter Bäumler (V: K. DOWIDAT Animalische Augenblicke), 9. KunstvereinGRAZ (B. BRAUN Coins), 10. galerie konstantin b. (P. ENGEL + H. WEBER Schauplatz für zwei Herren), 11. Dr. Erdel Verlag (H. VON HENNIGES 300 Farbfelder), 12. Galerie Isabelle Lesmeister (V: C. PESCHEK, I. RITTER & A. TÓTH Frauenzimmer), 13. Neuer Kunstverein (F. HERRMANN Trautes Heim) und 14. Galerie ArtAffair (donumenta 2011 - Serbien), das alles und mehr bis 24.00 Uhr
www.regensburger-galerienabend.de

Samstag, 24. September 2011, 19.05 Uhr, W1, Weingasse, Regensburg
Der Blaue Bus vom BR ist schon wieder in Regensburg, diesmal im W1 - Zentrum für junge Kultur. Unter dem Titel Stadtwerke sendet der Zündfunk live aus dem W1. U.a. mit ein paar Legionären, Harry Gfreiter, Christoph Malz, Musik von Nice Guy Eddie, Lokomotive Blokschoj und Brics, und der Moderation durch Achim Bogdahn. Regie führt bestimmt wieder Roderich Fabian, und wenn der Säm nicht da ist, dann…
www.zuendfunk.de | jungekultur-regensburg.de

Samstag, 24. September 2011, 19.30 Uhr, Theater am Bismarckplatz, Regensburg
Opern-Premiere: Giacomo Puccini - Turandot, Musikalische Leitung: Tetsuro Ban, Inszenierung: Wolfgang Quetes, mit Maida Hundeling / Antonia Cifrone, Berthold Gronwald, u.a. Weitere Termine 2011:
29. Sept., 02./18./21./29. Okt., 01./06./09./13./20./29. Nov., 02./22./26./28. Dez.
www.theaterregensburg.de

Samstag, 24. September 2011, 20.30 Uhr, Filmbühne / Turmtheater, Regensburg
donumenta IX - Theater: Orangenhaut, ein Stück von Maja Pelević und inszeniert von Joseph Berlinger. Mit Anika Kühl, Heike Ternes, Anna-Maria Wasserberg und Marten Krebs. Die Vorstellung beginnt in der (alten) Filmbühne (Hinter der Grieb) und wird im Turmtheater (Am Watmarkt) fortgesetzt. Zweite und letzte Vorstellung! Eintritt: 16 Euro.
www.donumenta.de | www.regensburgerturmtheater.de

Samstag, 24. September 2011, 22.00 Uhr, Kinos im Andreasstadel, Regensburg
Splatter: Zombie 2 aka Woodoo - Die Schreckensinsel der Zombies (I, 1979) von Lucio Fulci. Bei dem Titel erübrigt sich jede weitere Beschreibung. Im Rahmen von Hard:line, Eintritt ab 18 (Jahren).
hardline.blog.de | www.kinos-im-andreasstadel.de

Sonntag, 25. September 2011, 21.00 Uhr, Heimat, Taubengässchen, Regensburg
Konzert: Helsinki Art Scene mit den Satellite Stories aus Oulu, Finnland. Eintritt: 5 euro
satellitestories.com | www.heimat-regensburg.de

Di./Mi., 27./28. September 2011, 19.45 Uhr, Akademiesalon-Kino, Andreasstadel, Regensb.
weiter in der Francois Truffaut–Reihe mit Taschengeld (F 1976)
vermutlich dienstags: deutsche, mittwochs: französische Fassung mit deutschen Untertiteln
www.kinos-im-andreasstadel.de

Mittwoch, 28. September 2011, 19.00 Uhr, Kunst- und Gewerbeverein, Ludwigstr., Rgbg.
Keine Chance Regensburg - Schlingensief & wir, die zweite. Nach dem fulminanten Erfolg im Februar, nun ein zweiter Aufguss des Themenabends mit anschließender Diskussion zum Stand der Kultur in Regensburg, unter Mitwirkung von Kulturreferent Klemens Unger.
www.kunst-und-gewerbeverein.de

Mittwoch, 28. September 2011, 19.30 Uhr, Theater am Bismarckplatz, Regensburg
Musical-Premiere: Singin‘ in the Rain von Nacio Herb Brown und Arthur Freed, musikalische Leitung: Philip van Buren, Inszenierung: Craig Simmons, mit Jochen Schmidtke, Monika Staszak, Cameron Becker, u.a. Weitere Termine 2011: 01./03./16./19./25. Okt., 07. Nov.
www.theaterregensburg.de

Mittwoch, 28. September 2011, 20.00 Uhr, Brandlbräu, Ostengasse, Regensburg
Kasperltheater-Premiere: Kasperl stoppt die Finanzkrise. So verheißungsvoll lautet der Titel von Christoph Maltzs neuem Stück, eine antike Tragödie in fünf Akten. Natürlich mit dabei: Helmut Wolfs wunderbare Figuren.
Weitere Vorstellungen: 29./30. Sept., 01./04./05./06./07./08. Okt. 2011.
www.theater-larifari.de | www.brandl-braeu.de

Donnerstag, 29. September 2011, 20.00 Uhr, W1, Weingasse, Regensburg
Konzert: Das Quartett Pretty Mery K aus Dresden/Hamburg haben eine reizende Sängerin und machen Indie-Pop. Support Riot Pat (Lyric Punk, auweija!) aus Regensburg.
www.myspace.com/prettymeryk | jungekultur-regensburg.de

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Von Tauben, Hühnern und (fehlender) Kommunikation

21. September 2011 lweser Keine Kommentare

donumenta: Filmemacher Goran Radovanović im Südost-Institut der Universität Regensburg

Goran Radovanović wurde 1957 in Belgrad geboren er studierte Kunstgeschichte an der Philosophischen Fakultät der Belgrader Universität. Eigentlich, verriet er, wollte er auf die Filmhochschule, doch das war nur Privilegierten vorbehalten. Das Goethe-Instituts ermöglichte ihm zwischen 1977 und 1980 Studienaufenthalte in Murnau und München. Dort kam er mit dem Regisseur Reinhard Hauff zusammen, den er als seinen geistigen Mentor bezeichnet. In München lernte er auch die “Großen” seiner Zeit, wie Werner Herzog, Herbert Vesely und Peter Lilienthal kennen. Nach seiner Rückkehr nach Belgrad begann er als Drehbuchautor und Regisseur zu arbeiten, wo er unter anderem das Buch zur beachtlichen jugoslawischen Filmroduktion Oktoberfest schrieb. Radovanović ist Mitglied der „Europäischen Filmakademie Berlin“ und des „Verbandes der Filmschaffenden Serbiens“. Zurzeit arbeitet er als Gastprofessor an der International Film and Television School in San Antonio de los Banos auf Kuba. Obwohl dem durchschnittlichen Kinogänger Radovanović wohl eher unbekannt ist, zählt er dennoch zu den bedeutendsten Dokumentarfilmern. Das beweist neben der Vielzahl an Auszeichnungen (34 bisher) auch sein gut gefüllter Terminkalender. Nach Regensburg kam er direkt aus Wien, wo seine Retrospektive im Rahmen des KulturKontakts Austria im Bellario Kino zu sehen war. Am Morgen nach seiner Präsentation war er schon wieder auf dem Weg zum Dokumentarfilmfestival in Thessaloniki.

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In Regensburg stellte Radovanović drei seiner Filme vor. Die Räumlichkeiten des Südost-Institutes (ehemaliges Finanzamt) dürften ihn dabei vielleicht an seien alte Heimat erinnert haben. Alle drei Filme gelten als Dokumentarfilme, auch wenn Radovanović, seine Filme wie Spielfilme inszeniert und sie deshalb eher zum Grenzfall des Genres werden.
Zuerst wurde Columba Urbica, ein achtminütiger Film aus dem Jahr 1994 gezeigt, den er in der Zeit des Wirtschaftsembargos auf alten 16mm-Material gedreht hat. Im Mittelpunkt des Filmes steht ein Zigeuner, der sich trotz seiner niederen Lebensumstände, die Lust am Leben bewahrt hat. Leider schmälerte die miserable Projektion das Filmvergnügen erheblich. Wissenschaftler sind eben keine Filmvorführer. Second Circle (1997, 27 min) zeigt drei Zigeunerfamilien, deren sozialer Status sich über das Vorhandensein sanitärer Anlagen definiert. Die erste Familie war die des Mannes aus Columba Urbica, der innerhalb dreier Jahre plötzlich elf Kinder hatte. Trotz aller Unterschiede erinnern diese beiden Filme an Kusturicas Time of the Gypsies. Die größte Gemeinsamkeit ist natürlich das Sujet. Der größte Unterschied ist sicher, dass der eine Dokumentar- und der andere Spielfilme dreht, auch wenn Radovanovićs Filme in Wirklichkeit eine Mischform darstellen. Trotz aller Tragik der Realität, vermögen beide Regisseure, den noch so deprimierenden Schicksalen ihrer Protagonisten eine humorvolle Note zu geben. Ihre Zigeuner sind stolze Menschen, die sich nicht vom Leben brechen lassen.

Chicken Election/Pileći izbori (2005, 48 min), der dritte Film, ist der autobiografischste seiner gezeigten Arbeiten. Eine alte Bäuerin (die Tante von Goran Radovanović), die allein in ihrem alten Bauernhaus auf dem Land lebt, wird von ihrem Enkel, einem Polizisten, der in einer nahegelegenen Stadt arbeitet, im Umgang mit einem Handy eingewiesen. Doch Technik kann menschliche Kontakte nicht ersetzen. Eine heitere und gleichzeitig traurige Geschichte, die auch irgendwo im Bayerischen Wald spielen könnte, wo Landflucht und die Vereinsamung von älteren Menschen nicht unbekannt sein dürften.

www.goranradovanovic.com | www.donumenta.de

donumenta 2011-Serbien: Ausstellungen

20. September 2011 lweser Keine Kommentare

Belgrade Raw, Donau-Einkaufszentrum, Regensburg und
Views:Visions - sketches of Serbian art after 2000, Kunstforum Ostdeutsche Galerie

Wo soll man nur beginnen bei der diesjährigen donumenta 2011-Serbien? Vier Ausstellungseröffnungen hintereinander. Weiter ging es mit Filmvorführungen und Buchvorstellungen, es stehen auch noch eine Podiumsdiskussion, ein Theaterstück, Lesungen, Tanztheater und die serbische Filmwoche an.

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Belgrade Raw, Donau-Einkaufszentrum, Regensburg
Vielleicht kann man im DEZ beginnen? Zugegeben der Ort gehört weder zu den angesagten Galerien, noch zu den renommierten Museen Regensburgs und sein Flair …nun ja. Dennoch oder grade deswegen, kann man dort ein sehr authentisches Serbien sehen. Die Fotos fünf junger belgrader Fotografen, die sich zum Künstlerkollektiv Belgrade Raw zusammengeschlossen haben, sind ungekünstelt und schonungslos. Schnappschüsse, die ein Stück Wirklichkeit festgehalten haben. Bei der Eröffnung gab es auch gleich eine günstige und originelle Gelegenheit diese Kunst zu erstehen. Von einem Tisch konnte sich jeder Interessierte Fotos von Luka Knežević-Strika im Visitenkartenformat nehmen, musste dafür nur etwas anderes hinlegen.

Views:Visions - sketches of Serbian art after 2000, Kunstforum Ostdeutsche Galerie
Sehen sollte man auch den Teil der Ausstellung Views:Visions – sketches of Serbian art after 2000 im Kunstforum der Ostdeutschen Galerie. (Es gibt drei Ausstellungen unter diesem Namen an verschiedenen Orten.) Dort ist das unumstrittene Highlight die 3D-Hologramm-Video-Installation von Dorijan Kolundžija. Eine lebensgroße Video-Installation, die mittels Objekten, Spiegel und halbtransparenter Leinwand eine faszinierend geheimnisvolle Illusion schafft.
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Sehr eindringlich ist auch Ana Adamovićs Video-Insallation. Darin blickt eine ältere Frau in Nahaufnahme in die Kamera und damit dem Betrachter direkt in die Augen. Dazu erklingt eine brüchige Stimme, die ohne musikalische Begleitung ein serbisches Volkslied singt.
Ein drittes Video stammt von Milica Tomić. Die Künstlerin läuft in One Day völlig unbeachtet mit einer Kalaschnikow durch die Belgrader Innenstadt. Sie passiert Orte serbischen Widerstands gegen die deutsche Besatzung im 2. Weltkrieg, während Berichte ehemaliger Widerständler zu hören sind.

Die hier ausgewählten Arbeiten sind auch deshalb eine Ausnahme unter den Ausstellungsobjekten, da sich die meisten von ihnen auf Serbien beziehen. Denn auffällig, vor allem an der Ausstellung im Leeren Beutel ist, dass sich der Großteil der ausgestellten serbischen Künstler vordergründig mit allen möglichen beschäftigen (Afrika, USA, Wien, Hasen, ect.) nur nicht mit ihrem eigenem Land und vor allem nicht mit ihrer jüngsten Geschichte. (Dass soll natürlich nicht heißen, dass Kunst zwingend politisch sein muss.) Eine Ausnahme stellt darin auch der Filmemacher Goran Radovanović dar, den wir in unserem nächsten Artikel vorstellen.

www.belgraderaw.com | www.dorijan.tv bzw. vimeo.com/dorijan | milicatomic.wordpress.com

Buchtipp: Immer derselbe Schnee und immer derselbe Onkel von Herta Müller

18. September 2011 sgruen Keine Kommentare

Schonungslose Essays über die überwältigende Macht einer Diktatur und die Macht der Sprache

(Sigrid Grün)

Herta Müller kann man nicht nebenbei lesen. Dafür gehen einem die Texte einfach zu nahe. Ihr jüngstes Buch enthält 18 Essays, in denen es um ihr Leben und ihre Arbeit als Schriftstellerin, um Geschichte und Politik und vor allem um Macht geht. Die Texte sind oft eine Auseinandersetzung mit der überwältigenden Macht des kommunistischen Regimes in Rumänien - und sie zeugen auf der anderen Seite eindrucksvoll von der Macht der Sprache, die das Unaussprechliche in Bildern sagbar zu machen vermag.

Wenn Herta Müller über Macht schreibt, dann tut sie es auf eine gänzlich andere Weise als zum Beispiel ein Soziologe oder ein Politikwissenschaftler dies tun würde, der sich überwiegend auf einer theoretischen Ebene mit dem Phänomen beschäftigt, bei dem also - um mit Peter Rühmkorf zu sprechen - “Nichts eratmet alles angelesen” ist. Herta Müller hat die Macht einer menschenverachtenden Diktatur am eigenen Leib erfahren. Jeden Tag aufs Neue hat sie diese exakt arbeitende Maschinerie der Macht fast in den Wahnsinn getrieben. Für viele von uns eine kaum begreifliche Vorstellung, die Herta Müller in ihren Texten aber fassbar macht. Deshalb gehen sie einem so nahe, deshalb kann man Herta Müller nicht nebenbei lesen - weil es hier um eine konkrete Bedrohung geht, die Menschen nach ihrem Leben trachtet und die das ständig bedrohte Leben dieser Menschen auch noch zu etwas macht, das völlig aus den Fugen geraten ist. Unter solchen Bedingungen kann man selbst kein Leben “führen”. Immer wieder schreibt Müller über ihre Zeit in der Fabrik, ihre Weigerung mit der Securitate zusammenzuarbeiten und die Folgen: Provokationen und Schikanen, Drohungen und Verleumdungen.
Und dann schreibt Herta Müller noch über Opportunismus und Verrat. Thematisiert wird unter anderem der Opportunismus der Landsmannschaft der Banater Schwaben, die ganz offensichtlich mit dem rumänischen Geheimdienst zusammengearbeitet hat und auf der anderen Seite verlogen genug war, Herta Müller nach der Verleihung des Literaturnobelpreises in der Verbandszeitung als eine der ihren zu feiern. Thematisiert wird aber auch der persönliche Verrat, der einen Menschen ganz besonders trifft. In ihrem Roman “Herztier” steht der Verrat einer Freundin im Mittelpunkt und hier kommt eine weitere Dimension hinzu.
Es ist der Versuch einer Aufarbeitung der Beziehung zum Freund Oskar Pastior, mit dem Herta Müller gemeinsam ein Buch über Pastiors Zeit in der sowjetischen Gefangenschaft schreiben wollte. Da Oskar Pastior in der Zeit der Niederschrift verstarb, schrieb Müller das Buch “Atemschaukel” ohne ihn. Erst nach seinem Tod erfuhr sie von der Akte “Stein Otto”, die Pastior als Täter ausweist. Eine Auseinandersetzung mit diesen Tatsachen ist schwierig und Müller weiß, dass seine “Täterakte zum großen Teil eine Opferakte ist”, denn “Wissenschaftler aus der rumänischen Aktenbehörde weisen darauf hin, dass es in den fünfziger und den sechziger Jahren Tausende Spitzel gab, die unter Haftandrohung zur Mitarbeit bei der Securitate erpresst wurden.” Herta Müller möchte die Aktivitäten des Freundes nicht verharmlosen und beurteilt “den IM Pastior mit denselben Kriterien wie andere IM” aus ihrer Akte - also Menschen die sie bespitzelt und verraten haben. Doch sie gelangt zu einem anderen Fazit: “Wenn Pastior noch leben würde, würde ich jedesmal, wenn ich zu ihm käme, insistieren, dass er seine Akte lesen und selbst darüber schreiben soll. Aber jedesmal würde ich ihn dabei in den Arm nehmen.” (S. 171)
An Herta Müller muss man den Mut bewundern, Dinge auszusprechen, die gefährlich - auf alle Fälle mit Ängsten besetzt - sind. Denn wenn sie über die Mechanismen der Unterdrückung und der Gewalt in der kommunistischen Diktatur schreibt ist sie sich stets dessen bewusst, dass der rumänische Staatssicherheitsdienst Securitate immer noch im Dienst ist und lediglich umbenannt wurde in SRI (Rumänischer Informationsdienst).

Charakteristisch für Herta Müllers Texte ist auch in diesem Essayband ihre Sprache der schonungslosen Bilder. Manchmal ist man überwältigt von diesen Bildern, in denen das Unaussprechliche doch zur Sprache kommen kann und zwar ohne das Eigentliche - wie etwa Zärtlichkeit oder Tod - selbst zu bemühen.
Oft sind es die scheinbar harmlosen Fragen, die alltäglichen Nebensächlichkeiten, die eine ganze Lebenseinstellung in einem einzigen Satz zusammenfassen, wie etwa die tägliche Frage der Mutter nach dem Taschentuch. Wenn die Mutter das Kind vor dem Verlassen des Hauses fragte: “Hast du ein Taschentuch?”, war dies ein versteckter Liebesbeweis, der zeigte, dass die Mutter das Kind behütete.
Mit solchen präzisen Analysen scheinbar unwichtiger Alltäglichkeiten zeigt Herta Müller eindrucksvoll auf, wie der Mensch sich mit der Sprache behilft, wenn Gefühle nicht offen gezeigt werden können.
Und dann schreibt sie noch über Autoren, die ihr wichtig sind. Oft sind es Schriftsteller die nicht viele Leser gefunden haben und vielleicht werden sie durch Müllers Empfehlung doch noch entdeckt. Man wünscht es ihnen - etwa M. Blecher, dessen Buch “Aus der unmittelbaren Unwirklichkeit”, Herta Müller zufolge eine “Schule der Beobachtung” ist, in der der Autor resigniert konstatiert: “Verzweifelt musste ich feststellen, daß ich in der Welt lebte, sie sah. Dagegen war nichts zu machen.”
Müller schreibt auch über Jürgen Fuchs, über die Gedichte Theodor Kramers und über den sehr viel bekannteren E. M. Cioran, der 1911 in Rumänien geboren wurde und 1937 nach Paris emigrierte.

Fazit: Herta Müllers Essays sind schonungslos und sehr persönlich. Dies hat zur Folge, dass die Lektüre an die Substanz geht und das ist gut so, weil man sich als Leser kaum entziehen kann. “Immer derselbe Schnee und immer derselbe Onkel” ist ein Buch, dem ich viele Leser wünsche!

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Herta Müller (Autorin)
Immer derselbe Schnee und immer derselbe Onkel
www.hanser-literaturverlage.de
256 Seiten

Der Herbst kommt, die donumenta 2011 Serbien ist da!

15. September 2011 lweser Keine Kommentare

Den ganzen Sommer über tote Hose und schlechtes Wetter. Kaum hat die Schule wieder angefangen, steht uns das bevor:

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Freitag, 16. September 2011, 19.00 Uhr, DEZ, große Ausstellungsfläche 2. Flur, Regensburg
donumenta II - Eröffnung der Fotoausstellung Belgrade Raw des gleichnamigen Künstlerkollektivs im Donau-Einkaufszentrum, und ebenda ab 20.00 Session mit DJ/VJ Andrej Filev supported by the sync-different.NET
www.donumenta.de | www.belgraderaw.com

Freitag, 16. September 2011, 20.00 Uhr, Kunstverein Graz, Schäffnerstr., Regensburg
Ausstellung: Artist in Residence - Benedikt Braun aka der Braunbär von Weimar, stellt seine, im Rahmen seines Studienaufenthaltes im GRAZ entstandenen Arbeiten aus, incl. einer Performance der Tänzbärin Barbara Ebner. Die Ausstellung dauert bis zum 01. Oktober 2011.
www.kunstvereingraz.de | www.benediktbraun.de

Freitag, 16. September 2011, 19.00 Uhr, Kunst- und Gewerbeverein, Ludwigstr., Regensb.
Ausstellungseröffnung: 85. Jahresschau u.a. mit Inken Töpffer, der Kunstpreisträgerin 2011 und natürlich alle anderen Künstlern aus Niederbayern und der Oberpfalz. Einführung: Klaus Caspers, bis 16.10. 2011.
www.kunst-und-gewerbeverein.de

Sa. + So., 17./18. September 2011, ab 13.00 Uhr, Stadtamhof, Regensburg
Das 13. Stadtamhofer Weinfest findet hoffentlich wieder bei gutem Wetter statt. Am Sonntag beginnt das Weinfest schon um 11.00 Uhr und endet vermutlich wie immer mit der Preisverlosung und den 7 Sinalcos. Für das genaue Programm siehe unter Kommentare!

Samstag, 17. September 2011, 19.00 Uhr, Galerie konstantin b., Am Brixener Hof, Regensb.
Eröffnung der Ausstellung Schauplatz für zwei Herren mit Zeichnungen des überragenden Peter Engel und Fotografien des Schweizers Herbert Weber, eine Einfühlungsrede hält Engel-Intimus Cpt. Klaus Wanjura aus Coburg. Die Ausstellung geht bis 13. November.

Samstag, 17. September 2011, 20.00 Uhr, Galerie ArtAffair, Neue-Waag-G., Regensburg
donumenta III - Eröffnung Views:Visions – sketches of Serbian art after 2000 (die 2.) mit Arbeiten von Žolt Kovač, Siniša Ilić, Aleksandar Dimitrijević und möglicherweise anderen. Sicher ist eine Einführung durch Miroslav Karić und Nadja Plagens. Dauer: bis 30. Oktober.
www.donumenta.de | www.art-affair.net

Sonntag, 18. September 2011, 11.00 Uhr, Kunstforum Ostdeutsche Galerie, Regensburg
donumenta IV - Eröffnung Views:Visions – sketches of Serbian art after 2000 (die 3.). Oberkurator Miroslav Karić stellt zusammen mit BM Wolbergs auch im KOG eine Übersicht zeitgenössischer serbischer Kunst vor. Dauer: bis 30. Oktober.
www.donumenta.de | www.kunstforum.net

Sonntag, 18. September 2011, ab 11.00 Uhr, Theater Regensburg
Theaterfest,. Zur Einstimmung auf die neue Spielzeit.
www.theaterregensburg.de

Sonntag, 18. September 2011, 21.00 Uhr, Alte Mälzerei Club, Regensburg
Zur Abwechslung ein Bißchen kalifornischen Cow-Punk mit den Swingin´ Utter mit heimischer Unterstützung von The Fine Print. Preis: 12 €/15 €
www.swinginutters.com | www.thefineprint.de | www.alte-maelzerei.de

Montag, 19. September 2011, 19.00 Uhr, Südost-Institut Raum 017, Landshuter Str., Rgbg.
donumenta V - Filmprogramm: der serbische Regisseur Goran Radovanović stellt zwei seiner Kurzfilme vor, die da hießen Second Circle (1997) und Chicken Election/Pileći izbori (2005). Der gelernte Kunsthistoriker lebte drei Jahre lang in München und sollte daher Deutsch können. Eintritt frei.
www.donumenta.de | www.goranradovanovic.com

Dienstag, 20. September 2011, 19.00 Uhr, Südost-Institut Raum 017, Landshuter Str., Rgbg.
donumenta VI - Buchvorstellung und Filmprogramm: die Wienerin Annemarie Türk von KulturKontakt Austria stellt das von Ihr herausgegebene Buch Briefe aus Belgrad – Nachrichten aus der weißen Stadt über zeitgenössische Kunst und Kultur. Theater, Film, Literatur und bildende Kunst – vom Leben und Arbeiten, Denken und Schreiben in Serbien heute. Anschließend läuft der Film The Ambulance (2009) von Goran Radovanović. Eintritt frei.
www.donumenta.de | www.editionatelier.at

Mittwoch, 21. September 2011, 18.00 Uhr, Südost-Institut Raum 017, Landshuter Str., Rgbg.
donumenta VII - Vortrag: Prof. Dr. Holm Sundhaussen (FU Berlin) referiert über Serbien zwischen Vergangenheit und Geschichte. Eintritt frei.
www.donumenta.de | www.suedost-institut.de

Mittwoch, 21. September 2011, 20.30 Uhr, Filmbühne / Turmtheater, Regensburg
donumenta VIII - Theater: Orangenhaut, ein Stück von Maja Pelević und inszeniert von Joseph Berlinger. Mit Anika Kühl, Heike Ternes, Anna-Maria Wasserberg und Marten Krebs. Die Vorstellung beginnt in der (alten) Filmbühne (Hinter der Grieb) und wird im Turmtheater (Am Watmarkt) fortgesetzt. Wanderschuhe nötig? Eintritt: 16 Euro.
www.donumenta.de | www.regensburgerturmtheater.de

Donnerstag, 22. September 2011, 20.00 Uhr, Kunst- und Gewerbeverein, Ludwigstr., Rgbg.
Jahreslesung des Schriftstellerverbandes Ostbayern mit den üblichen Verdächtigen.
www.vs-ostbayern.de | www.kunst-und-gewerbeverein.de

Donnerstag, 22. September 2011, 21.00 Uhr, Alte Mälzerei Club, Regensburg
Zur Abwechslung (die zweite) ein Bißchen ominösen Deutsch-Pop mit YA-HA! aus Mnichov, supported von LIST. Preis: 9 €/12 €
www.yahamusik.com | www.alte-maelzerei.de