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Archiv für 9. Oktober 2011

Wild, dynamisch, bunt und schrill: Katharina Blum

9. Oktober 2011 lweser Keine Kommentare

Theater: Die verlorene Ehre der Katharina Blum oder Wie Gewalt entsteht und wohin sie führen kann, Theater am Haidplatz, Regensburg
Bühnenstück nach einer Erzählung von Heinrich Böll, bearbeitet von Margarethe von Trotta

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Die Geschichte Die verlorene Ehre der Katharina Blum von Heinrich Böll, ist seit der Verfilmung durch Margarethe von Trotta und Volker Schlöndorff aus dem Jahr 1975 mit Angela Winkler in der Hauptrolle, international bekannt. Und gehört seither neben Tom Toelles Millionenspiel (D 1970) zur deutlichsten Medienkritik im deutschen Film.

Nach Dem blauen Engel inszeniert Johannes Zametzer nun also wieder ein Theaterstück nach einer Literaturverfilmung in Regensburg. Denn die Bühnenfassung Margarethe von Trottas orientiert sich ganz deutlich am Filmdrehbuch. Außerdem gibt es einige Gemeinsamkeiten der Inszenierungen. Zametzer setzte bereits im Blauen Engel Gesichtsmasken als Verfremdungseffekte ein. Diese kommen auch in Die verlorene Ehre der Katharina Blum vor. Zametzer überzeichnet die Figuren, legt die Regieanweisungen und Doppelbesetzungen bloß und benutzt eine Reihe weiterer Verfremdungseffekte. So wird Staatsanwalt Hach (Oliver Severin), zum Entertainer, der dem im hellerleuchteten Saal sitzenden Publikum, am Mikro Regieanweisungen und Erläuterungen zuruft. Dabei wird der Theaterraum auch mal zum Flugzeug.

Katharina Blum (Anna Dörnte) gerät nach einer Liebesnacht mit einem Terroristen, den sie auf einer Karnevalsparty ihrer Tante kennengelernt hat, in die Hände der Staatsmacht. Sie wird von Polizei und Presse systematisch diffamiert und Opfer einer Verleugnungskampagne, die ihr alles nimmt – ihren Job, ihre Mutter und natürlich ihren Ruf, oder altmodisch gesagt: die Ehre. Böll, der selbst Opfer einer Hetzkampagne (angeführt von der Bild-Zeitung) geworden war, stellt hier einfache Gegensatzpaare gegenüber: Gut/Opfer/Unschuld = Katharina Blum gegen Böse/Täter/Schuld = Polizei, Staatsgewalt, Presse. Wo K. in Kafkas Prozess Opfer bleibt, wird Katharina Blum am Ende selbst zur Täterin und also zum Kleistschen Michael Kohlhaas. Gewalt entsteht aus Gewalt, wie der Titel vorwegnimmt. Keiner verteidigt Katharinas Blums Ehre, also muss sie sie selbst verteidigen.

Zametzers Inszenierung ist wild, dynamisch, bunt und schrill. Umso stärker scheint die Tragödie hinter der Party auf der Bühne hervor. Umso stärker wird Katharina Blums Isolation und Verletzung sichtbar. Eine starke Inszenierung mit einem großartigen Ensemble.

Die verlorene Ehre der Katharina Blum, Theater am Haidplatz, Regensburg
Bühnenstück nach einer Erzählung von Heinrich Böll, bearbeitet von Margarethe von Trotta und Volker Schlöndorf,

Inszenierung: Johannes Zametzer; Bühnenbild: Peter Engel
mit Anna Dörnte, Oliver Severin, Michael Haake, Doris Dubiel, Daniel Tille, Paul Kaiser, Gabriele Fischer, Christoph Bangerter, Paul Kaiser

jeweils 19.30 Uhr im Theater am Haidplatz; weitere Termine: 02./04./05./10./13./14./15./16./19./20./21./24./26./27./28./29. Oktober, 02./03./04./05./06./08./09. November 2011

www.theaterregensburg.de