Kino / Vorpremiere: Sommer der Gaukler, in Anwesenheit von: Regisseur Marcus H. Rosenmüller, Cutter: Georg Söring, Komponisten: Gerd Baumann und Thomas Rebensburg; Regina-Kino, Regensburg
Marcus H. Rosenmüller ist seit seinem Riesenerfolg Wer früher stirbt… aktiver denn je. Fast halbjährlich erscheint ein neuer Film von ihm in den deutschen Kinos. Sein zweiter Kinofilm in diesem Jahr startet am Donnerstag offiziell in den Kinos (ein dritter namens St. Daisy - Wer’s glaubt wird selig ist abgedreht, erscheint im August 2012). Doch zuvor stellt Rosenmüller den Sommer der Gaukler gemeinsam mit anderen Teammitgliedern bereits in einigen ausgewählten bayrischen Kinos, unter anderem im Regina in Regensburg, selbst vor.

Sommer der Gaukler Team: Rebensburg, Baumann, Rosenmüller & Söring
Im Sommer der Gaukler des Jahres 1780, strandet Emanuel Schikaneder, (geboren in Straubing, aufgewachsen in Regensburg, fahrender Schauspieler, Theatergruppenleiter, „Zauberflötenlibrettist“ und Begründer des „Theaters an der Wien“ in Wien) mittellos mit seiner Schauspielkompanie in dem Voralpenort Inzell, weil ihm die Spielerlaubnis für Salzburg verweigert wird. Der Rest ist weitestgehend Fiktion, wenngleich Drehbuchautor Robert Hültner, sich an Versatzstücken von Schikaneders Biographie schadlos hält. In jenem Bergdorf findet Schikaneder (Max von Thun) die Inspiration zu einem neuen Stück: die Bergleute rebellieren unter dem vermeintlichen Anführer Georg Vester (Maxi Schafroth) gegen die schlechten Arbeitsbedingungen in den Gruben von Bergwerksbesitzer Paccoli (Rosenmüller nennt es die Vorstufe zur französischen Revolution). Gleichzeitig verliebt sich dessen Tochter Babette (Anna Maria Sturm) in den Bergrebellen wider Willen Vester, Schikaneders Truppe meutert, da alles Geld aufgebraucht ist, und Schikaneder lässt sich auf ein Experiment ein: Ist es möglich mit der Aufführung eines Schauspiels das einfache Volk zu erreichen? Es ist fast unmöglich alle Handlungsstränge, alle Ideen, alle Bilder und Anspielungen, die in Rosenmüller Film stecken aufzuführen. Letztlich „jagt das Theater das Leben und das Leben das Theater“ und jene werden zu Rebellen gemacht, die doch nur ihre Ruhe haben wollen. Es gibt fast zwei Revolutionen und Mozarts Zusammenarbeit mit Schikaneder ist besiegelt. Rosenmüller schreibt sich selbst noch mit ein, als er Mozart sagen lässt: „Schikaneder du bist großartig. Weißt du aber was dir fehlt?“ Schikaneder antwortet genervt: „Anspruch und Tiefe?“ – „Quatsch, alles überschätzt - …“ Tatsächlich kann man einem solchen prallem, opulenten, bildgewaltig, hundertfünfminütigen Rausch, von dem keine einzige Minute langweilig ist, fehlenden Tiefgang und Anspruch nicht vorwerfen. Die braucht’s dann wirklich nicht mehr.
„…Musik“ ist Mozarts Antwort und nicht mal die fehlt bei Rosenmüller. Zwei Lieder hat er in seinem Film integriert, den Bergarbeiter-Blues und den Babette-Song. Der kurze Ausflug in, und gleichzeitig die Parodie auf das Musicalgenre irritiert ganz kurz, passt dann aber so gut, dass man den Vorwurf, das sei nun doch ein bisschen zu viel, gleich wieder vergisst. Schließlich ist die Sprache in den jeweiligen Passagen so rhythmisch, das sie fast zwingend ins Lied führen muss und gleichzeitig mit der Ausführung wieder ironisch gebrochen wird. Auch die restliche Musik, ein aufwendiger Soundtrack an dem die Komponisten zwei bis drei Monate arbeiteten, ist sehr beachtenswert. Der mitgereiste Filmmusikkomponist Gerd Baumann (der auch den Soundtrack zu sieben anderen Rosenmüller-Filmen oder zu Färberböcks Sau Nummer Vier verantwortete), erklärt in Regenburg, sich gegen die anfängliche Idee echte Mozart-Musik zu verwenden, entschieden zu haben und statt dessen Musik komponierte, die so tut, als wäre sie von Mozart. Für das orchestrale der Musik, mit der Baumann, wie er zugibt wenig Erfahrung hatte, erhielt er Unterstützung von Wolfgang Roth und Thomas Rebensburg (Komponist für Rosenmüllers ersten Kurzfilm C’est la vie). Eingespielt wurde die Partitur dann vom den Münchner Symphonikern unter der Leitung von Andreas Kowalewitz. Baumann verrät, dass er, um die Figur des Schikander musikalisch zu transportieren, sich für einen Jahrmarkts-Touch entschied, den er unter anderem durch eine „quäkige“ italienische Orgel erzielte.

Eleonore (Lisa Maria Potthoff) liebt Emanuel Schikaneder (Max von Thun). (c) Movienet
Die Ähnlichkeit zu Miloš Formans Amadeus (USA 1984) drängt sich auf. Nur ist bei Rosenmüller eben Schikaneder das durchgeknallte Genie (oder auch nur Möchtegern-Genie) und nicht Mozart. Rosenmüllers Mozart sieht mit seiner toupierten 80er-Jahre-Frisur, dem Formans tatsächlich ähnlich. Rosenmüller verneint aber Forman als bewusstes Vorbild. Stattdessen nennt er Melvin Franks Der Hofnarr (USA 1955) mit Danny Kaye in einer Doppelrolle und auch ein wenig Gérard Depardieu in und als Cyrano de Bergerac, sowie die Rolle des Jack Sparrow aus Der Fluch der Karibik als Vorbilder für die Figur des Schikaneder.
Hier noch ein paar interessanten Fakten und Querverbindungen zum Film:
Zu drei Monaten Vorbereitung, kamen 32 Drehtage und drei bis vier Monate für den Schnitt. Hauptsächlich wurde im Museumsdorf Tittling im Bayrischen Wald gedreht. Die Anfangszene entstand in der Altstadt von Bozen, die Theaterszenen im Barocktheater in Český Krumlov und ein bisschen Berg wurden in Südtirol aufgenommen.
Die unglaubliche Liebeserklärung (laut Rosenmüller Filmgeschichtsverdächtig) von Vesper an Babette wurde übrigens spontan eingebaut und in einer einzigen Nacht von Maxi Schafroth geschrieben.
Burgtheaterschauspieler und „Jedermann“ an der Seite von Birgit Minichmayr bei den Salzburger Festspielen, Nicholas Ofczarek spielt den genialen Schauspieler Wallerschenk, der in Schikaneders Frau verliebt ist.
Mit Anna Maria Sturm (Babette) und Anna Brüggemann (Magd Maria) spielen gleich zwei (ehemalige) Regensburgerinnen im Sommer der Gaukler mit.
Christian Lerch, Werkhofsleiter aus Franz X. Bogners Der Kaiser von Schexing, spielt hier einen fiesen einäugigen Vorarbeiter und ist kaum wieder zu erkennen.
Lindenstraßen-Erfinder Hans W. Geißendörfer produziert den Film (gemeinsam mit Ernst Geyer).
Produktionsleiter Thomas Blieninger produzierte auch Meine Mutter, mein Bruder und ich der neben Armenien, auch in Regensburg gedreht wurde.
Michael Kranz (Alfons der Kutscher) war in Sebastian Sterns Die Hummel als Sohn von Jürgen Tonkel zu sehen.
Der Sommer der Gaukler-Soundtrack ist bei Millaphon Records erschienen, dem Indie-Label, das Gerd Baumann zusammen mit Mehmet Scholl (Bayern München) und Till Hofmann betreibt.
Sommer der Gaukler D 2011, 105 min
Regie: Marcus H. Rosenmüller, Nach einem Roman von Robert Hültner
Musik: Gerd Baumann, Schnitt: Georg Söring, Kamera: Stefan Biebl, Szenenbild: Josef Sanktjohanser
Darsteller: Max von Thun, Lisa Maria Potthoff, Nicholas Ofczarek, Michael Kranz, Anna Maria Sturm, Erwin Steinhauer, Maxi Schafroth, u.v.m.
ab Donnerstag, den 22. Dezember 2011 im Regina-Kino
www.sommerdergaukler-derfilm.de | www.reginakino.de