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Archiv für Juni, 2016

Die Schutzbefohlenen in der Kirche am Neupfarrplatz

21. Juni 2016 jneidh Keine Kommentare

Ein Theaterstück von Elfriede Jelinek, inszeniert von Schülern der Akademie für Darstellende Kunst Bayern

(Jan Neidhardt)

Es gibt wohl kaum ein aktuelleres und auch wichtigeres Thema als das von Flucht und Krieg, sowie der Bedrohung, der sich die Menschen durch das ihnen Fremde ausgesetzt fühlen. So aktuell das Thema ist, so uralt ist es auch. Aischylos, der griechische Tragödiendichter, behandelte es in „Die Schutzflehenden“ schon vor über 2400 Jahren. 50 Frauen aus Ägypten sind auf der Flucht vor einer Zwangsheirat und landen an der Küste von Argos, wo sie um Schutz und Hilfe flehen.

Szene aus "Die Schutzbefohlenen"

Szene aus "Die Schutzbefohlenen"

Und damals wie heute gibt es gewaltige Schwierigkeiten. Elfriede Jelinek, die österreichische Nobelpreisträgerin des Jahres 2004, hat sich unter dem Eindruck der aktuellen Ereignisse mit Bürgerkrieg und Flucht in Syrien und anderen Teilen der Welt, der fast vergessenen Tragödie des Aischylos angenommen und mit den „Schutzbefohlenen“ ein Stück gegen die menschenunwürdige Behandlung von Menschen aus diesen Ländern im österreichischen Asylverfahren, aber auch in dem folgenden unwürdigen Lebensalltag, geschrieben. Verhältnisse, die sich auch auf die Zustände in Deutschland übertragen lassen. In der Inszenierung von Michael Blumenthal, die zur Zeit in der Neupfarrkirche zu sehen ist, ist es sehr eindringlich gelungen, die Textflächen, die Elfriede Jelinek vorgibt, in eine szenische Darstellung zu übertragen. Der Zuschauer wird von den Schauspielern der Abschlussklasse der Bayerischen Akademie für Darstellende Kunst im wahrsten Sinne des Wortes gefangen genommen und bleibt als unbedingt Betroffener zurück. Es handelt sich hierbei um eine chorische Aufführung, bei der auch die Akustik des Spielorts ganz besonders zum Tragen kommt. Hauptschauplatz ist nämlich die Taufkapelle der Neupfarrkiche. Wobei der Chor auch teilweise im Kirchenschiff agiert. Der Spielort Kirche erinnert im Übrigen auch ganz an das eigentlich auslösende Ereignis des Stückes, die Besetzung einer Kirche in Wien durch 60 Asylsuchende. Die Besonderheit des Ortes bringt es aber auch mit sich, dass die Zuschauer mitten unter den Agierenden sitzen, es gibt in diesem Sinne keine Bühne, dadurch wird eine ganz besondere Nähe und Intimität zum Geschehen erzeugt. Die Schauspieler wirken in ihrer Darstellung der Flüchtlinge tatsächlich schutzlos und verletzlich, sie sind bekleidet mit zerlumpten Wäschestücken und Bandagen, fast wirken sie wie Geister bei einer Art Totentanz. Das löst beim Zuschauer den Gedanken an die Menschen aus, die bei dem Versuch in die „Festung Europa“ zu gelangen, täglich im Mittelmeer ertrinken oder auf andere Weise ums Leben kommen. „Die Schutzbefohlenen“ in ihrer Inszenierung in der Neupfarrkirche sind kein konventionelles Dialogstück. Standpunkte und Rollen wechseln. Die Darsteller spielem gleichzeitig Flüchtlinge und Pegidisten, der Staat erhebt sich aus ihrer Reihe, auch das Publikum, ohnehin ganz dicht am Geschehen wird mit einbezogen, ein junger Mann soll plötzlich seinen Sitzplatz aufgeben oder eine Frau einen Stapel Papier halten.

Foto: Klaus Weber

Foto: Klaus Weber

Das Stück ist sehr intensiv und auch akustisch ein ganz besonderes Erlebnis, das einen nachdenklich und betroffen zurücklassen wird.

Wer die Schutzbefohlenen in der Neupfarrkirche noch erleben möchte, muss aufgrund des begrenzenten Platzangebots unbedingt vorher reservieren. Der Eintritt ist allerdings frei. Reservierungen sind über das Büro des Akademietheaters unter der Nummer 0941/5865442 (montags bis donnerstags von 12-16 Uhr möglich).

Die folgenden Vorstellungen finden noch statt:

Mittwoch 22.06.: 16 (!) Uhr

Donnerstag 23.06.: 19 Uhr

Freitag 24.06.: 19 Uhr

Samstag 15.06.: 19 Uhr

Mittwoch 29.06.: 19 Uhr

Donnerstag 30.06 19 Uhr

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