Oh Gaga Oh Je, Dada ist wieder da.
Frau Kraushaar “Le Salon is very morbidä”
Nach Dr. Wolfgang Kraushaar vom Hamburger Institut für Sozialforschung und Fachmann in Belangen von 68er-Bewegung bis zum RAF-Terrorismus, sei an dieser Stelle mal von Frau Kraushaar, ebenfalls aus Hamburg, die Rede. Sie sind weder verwandt noch verschwägert und haben sonst auch sehr wenig gemein.
Frau Kraushaar hat an der Hochschule für Bildende Kunst in Hamburg Kunst studiert, was sonst? Was nach einer ziemlichen Plattitüde klingt, ist jedoch für die Einordnung von Frau Kraushaars Schaffen nicht unerheblich. Entgegen den sonst üblichen Wohn- bzw. Schlafzimmerproduktionen von einsamen Einzeltätern, die sich entweder durch das Auskotzen ihrer Teenieseelenbefindlichkeit oder durch nerdig-weltentfremdeten Elektrogefrickel auszeichnen, ist Le Salon is very morbidä, wenn vielleicht auch in dem einen oder anderen Wohnzimmer entstanden, ein echtes Kunstprodukt. Und es ist auch nicht das Werk einer Einzelgängerin, sondern einer Künstlerin, die Teil eines Netzwerkes von illustren Persönlichkeiten der hamburger Kunstszene ist, mit Hang zu allen möglichen Genres (Malerei, Aktionskunst, Musik, Hörspiel, Film, etc.).
Neben Mauru und Nova Huta, mit denen Frau Kraushaar schon länger zusammen arbeitet, haben an ihrem Album u.a. Patrick Müller (Tonfang), Gunter Adler (Groenland Orchester, Augsburger Tafelkonfekt), DJ Patex (Knarf Rellöm Trinity, School Of Zuversicht, Schwabinggrad Ballett), Jim Avignon (Neoangin) und Felix Kubin (Liedertafel Margot Honecker) mitgewirkt. Bei der Liste dieser - eher rein musikalischen - Projekte wirkt ein Titel wie Le Salon is very morbidä gar nicht mehr so wild.
Was ist es für eine Welt, in der sich Frau Kraushaar bewegt? Eine vielschichtige. Eine aus verschrobenen bunten Märchen, eine modern-zeitgenössische, eine poppige, eine feministische aber vor allem eine lustige. Bekanntlich sind Humor und Kunst eine in Deutschland wenig beliebte Mischung, um nicht zu sagen eine verpönte Allianz. Wer nicht leidet hat nichts zu sagen. Doch Frau Kraushaar hat uns sehr viel zu sagen. Und wenn sie leiden sollte, so lässt sie es uns wenigstens nicht merken.
Bei Songtiteln wie Elektroniskä Pülsä, Politiki Dummes Ficki oder Popopaits fühlen sich wohl die meisten überfordert, tun es als Blödsinn ab. Wer jedoch ein Bisschen Fantasie hat und sich am Klang von dadaistischem Nonsense erfreut, dem wird das Herz aufgehen. Er wird Spaß haben, die vermeintlich sinnfreien Slogans assoziativ wieder zusammenzufügen, und dabei neue Welten vor seinem geistige Auge entstehen lassen und aberwitzige Erkenntnisse gewinnen. Ganz im Gegenteil zu den, vermeintlich bedeutungsvollen, aber in Wirklichkeit hohlen Phrasen, die täglich aus Werbung, Wirtschaft oder Politik uns entgegen schallen, und die weiter nichts beinhalten als gähnende Leere, wenn nicht gar freche Lüge oder blanker Hohn.
Auf Le Salon is very morbidä werden diese seltsamen Texte auf kongenialer Weise in Musik umgesetzt. Man darf Frau Kraushaars Musik ruhig elektronisch nennen. Mit Elektro oder Gefrickel hat sie jedoch wenig zu tun. Die Platte ist wirklich sehr abwechslungsreich und mehrdimensional. Tu per te erinnert stark an Stereolab, Oh gaga oh jeh hat einen leichten Country-Einschlag, Cats on crack und Raumund Zeit steigern sich zu treibenden Dance-Stampfern, Court of love, Logan’s run und Popopaits sind einfach nur Popperlen mit Hit-Potential. Bei Kannst Du mir verraten müsste sich Frau K. in Tante K. umbenennen, die uns auf wunderbarer Weise ein süßes Märchen erzählt und beim verstörenden und wirklich genial intonierten Lied Romy (Auszüge aus Romy Schneiders Tagebücher) schwankt man zwischen Mitleiden und Mitschämen. Auf dieser Scheibe ist eigentlich jedes Stück eine kleine Entdeckungsreise und lässt sich so zusammenfassen: garantierter Spaß mit Erkenntnisgewinn.

Frau Kraushaar
Le salon ist very Morbidä
erschienen bei Labelship
Cd / LP 15,-