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Estland Goldgelb

Chris Kraus´ brandneuer Film Poll beim Heimspiel-Filmfest in Regensburg am Mittwoch, den 17. November 2010

„Ich kann mich noch ganz genau daran erinnern, als ich mein erstes „Werthers Echte“ von meinem Großvater bekam.“ Poll ist genauso wie dieser bekannte Werbespot, nur mindestens 127 min länger.

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Doch beginnen wir von vorn. Chris Kraus zählt seit Vier Minuten zu den großen deutschen Regisseuren. Weltweit erhielt der Film aus dem Jahr 2006, 50 Preise. Sein neuer Film ist brandneu und lief bisher nur auf den Filmfestivals in Toronto, Rom, Hof und Biberach. In die deutschen Kinos kommt der Film Anfang Februar 2011. Schön für Regensburg und für das Heimspielfestival, dass sie also zu den ersten gehören, die ihn zeigen durften. Poll war der einzige Film des Festival, der vorher nicht gesichtet worden ist, sondern blind, auf Grund des Chris Kraus Vorgängerfilmes Vier Minuten, eingeladen wurde.

Im Sommer 1914, kurz vor dem Ausbruch des ersten Weltkriegs, wird eine adlige, deutsche Familie im vom zaristischen Russland besetzten Baltikum gezeigt. Die vierzehnjährige Oda von Siering (Paula Beer) reist nach dem Tod ihrer Mutter, aus Berlin zu ihrem Vater (Edgar Selge) und dessen neuen Familie ins estnische Poll. Sie fühlt sich einsam und verloren, bis sie auf einen verletzten, estnischen Anarchisten (Tambet Tuisk) trifft. Sein wahrer Name bleibt im gesamten Film unbekannt. Oda nennt ihn Schnaps. Sie rettet und versteckt ihn, was für sie und ihre Familie lebensgefährlich ist. Der Film basiert lose auf das Leben und die Tagebücher der Schriftstellerin Oda Schaefer (1900 – 1988, geb. Kraus), die ganz nebenbei die Großtante des Regisseurs war und deren Werk heute so gut wie vergessen ist.

Nun ist es ja prinzipiell zu begrüßen, dass die Geschichte der Balten, einschließlich der Deutschbalten, thematisiert und einem größeren Kreis vertraut gemacht wird. Die baltischen Völker hatten jahrhunderte unter der Deutschen Vorherrschaft, dann hatten Deutsche und Balten unter russischer Besatzung zu leiden. Die Deutschen wurden schließlich “heim ins Reich” geholt oder vertrieben und die Balten mussten ein weiteres halbes Jahrhundert unter sowjetischer Besatzung leben. Dieses Kapitel europäischer Geschichte dürfte aus dem Bewusstsein der meisten Europäer (dem der Welt sowieso) völlig verschwunden sein. Doch das Estland des frühen 20. Jahrhunderts mit seinen politischen und ethnischen Verwicklungen, wird in Poll nur zur phantastischen Kulisse für eine ziemlich schwülstig inszenierte Liebesgeschichte. Und eine Liebesgeschichte ist es letztlich. Es ist die schwärmerische Liebe eines kleinen Mädchens zu einem Idol. Der Film ist übrigens, abgesehen vom Regisseur, ein frauendominierter Film. Produktion, Kamera, Setdesign, Kostüme, Maske und Musik lagen in Frauenhand. Die romantisch entrückte, leicht skurrile Ausstattung kommt mit Sicherheit gut an. Schließlich ist „Shabby Chic“ total angesagt. Aber mal ehrlich, durch diese aufgesetzte, golden schimmernde Patina wird die Geschichte doch eher ins Fantasy-Milieu enthoben, statt in der Realität verankert.

Positiv fiel mir der Umgang mit Sprache auf. Die Dreisprachigkeit, verschiedene Dialekte und Akzente sind in Poll hervorragend umgesetzt und fast kunstvoll verwoben. Zwar bleibt die Verständlichkeit dabei manchmal auf der Strecke, doch das unterstützt die durch die Sprache erzeugte Authentizität nur. Richy Müller, Jeanette Hain und Edgar Selge sprechen einen so ungewohnten, da heute sicher ausgestorbenen Dialekt, dass der Zuschauer nie vergessen kann, wo und wann die Geschichte ungefähr verortet ist. Im Gegensatz dazu steht das Hochdeutsch Odas, die ja in Berlin aufwuchs. Außerdem wird immer wieder die Besatzungssprache, das Russische gesprochen, auch von Jeanette Hain und Edgar Selge. Tambet Tuisk, der estnische Superstar aus Film und Theater spricht Estnisch und Deutsch und wurde dabei übrigens nicht synchronisiert. Die meisterhafte Handhabung der Sprache zeichnet natürlich auch die Schauspieler aus.

Dennoch kann man Poll in fast allen Bereichen mit den Worten: „Weniger wäre mehr“, kritisieren. Zu oft wurde zu dick aufgetragen: zu dramatische Kamerafahrten, zu Gelb-Gold, zu kitschig, zu theatralische Gesten, zu lange Spielzeit. Schade!

Ein Interview, dass wir mit Chris Kraus und Tambet Tuisk führten ist [-> hier ] nachzulesen.

Poll von Chris Kraus
D/A/EST 2010, 129 min
Mit: Paula Beer, Edgar Selge, Tambet Tuisk, Jeanette Hain, Richy Müller
Kinostart: 03. Februar 2011, auch in Regensburg
www.poll-derfilm.de | www.heimspiel-filmfest.de

  1. 17. Januar 2011, 18:06 | #1

    Weitere Preise für “Poll”: Edgar Seelge erhielt am 14.01. den Bayerischen Filmpreis 2010 als bester Hauptdarsteller für seine Rolle in “Poll”. Paula Beer wurde als beste Nachwuchsdarstellerin gekürt und auch das Bühnenbild von Silke Buhr wurde ausgezeichnet. mehr dazu hier: http://www.bayern.de/Medienpreise-.1573.10336610/index.htm

  1. 6. Januar 2011, 22:06 | #1