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Forumtheater “hochschuldiktatUR” im Elly Maldaque Theater Regensburg

Bildung bolognese

(Sigrid Grün)

Das Regensburger ueTheater hat am 7. und 8. Dezember eine Theaterform auf die Bühne des Elly Maldaque Theaters gebracht, die man in Regensburg bisher wohl noch nicht erleben konnte: Forumtheater nach Augusto Boal, dem Begründer des Theaters der Unterdrückten. Das Forumtheater ist eine zutiefst demokratische und politische Form des Theaters. Das Publikum bekommt zunächst einige Szenen präsentiert, die einen unbefriedigenden Zustand zeigen – schließlich werden die Zusehenden dazu aufgefordert, zu einer gelungenen Lösung beizutragen, indem sie in die Szenen eingreifen. Jede Forumtheatervorstellung ist also anders!

Im Stück des ueTheaters, das von Kurt Raster gemeinsam mit 10 StudentInnen (5 Frauen und 5 Männer) erarbeitet und inszeniert wurde, geht es um Bildung in Zeiten des Bologna-Prozesses und um die erschreckende Vereinnahmung der Universitäten durch die Wirtschaft. 12 Szenen wurden dem Publikum demonstriert – Auszüge aus einem normalen StudentInnenleben vom Anfang bis zum Schluss – von der Studienplatzsuche bis zur Abschlussfeier.
Eine Moderatorin führte durch die Szenen und las die eingeblendeten Zwischentexte vor, die Hintergründe erläuterten.

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Bereits die erste Szene zeigt, wie viele junge Menschen, die sich für eine Wissenschaft begeistern davon abgehalten werden, ihren Wunschstudiengang anzutreten. Von einer Uni nach der nächsten wird der Student auf der Bühne abgewatscht – Biologie hat nun einmal einen hohen Numerus Clausus. Was bleibt dem Studenten da anderes übrig, als Jura zu studieren?
Auch die Wohnungssuche gestaltet sich in der Universitätsstadt Regensburg problematisch. Noch mehrere Wochen nach Vorlesungsbeginn hatten einige Studenten noch keine Bleibe – und die Kosten explodieren. Auch die überfüllten Hörsäle und Seminare, die eigentlich allen offen stehen sollten, aber nur für Studierende ab dem 5. Semester offen sind, weil diese ja bald ihren Abschluss machen müssen werden thematisiert.

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Doch nicht nur die Situation der Studierenden ist schwierig. Auch Doktoranden und wissenschaftliche Hilfskräfte müssen sich dem Druck von oben beugen – und geben ihn meist an die studentischen Hilfskräfte und Studierenden weiter.
Trotzdem muss man sich dann von den Professoren Sätze wie „Sie shoppen doch immer die ganze Zeit!“ anhören – was für ein Hohn!
Und dann wurde noch eine Prüfungssituation gezeigt, die einen als Zuschauer schon bei der ersten Demonstration am liebsten eingreifen lassen möchte. Eine Studentin wird trotz starker Schmerzen geprüft – völlig ohne Rücksicht auf ihren Zustand. Stattdessen wird ihr noch vorgeworfen zu simulieren, weil sie den Stoff angeblich nicht beherrsche. Sieht so Bildung aus? Wie kann es dazu kommen, dass an einer Institution, deren Aufgabe die Bildung des Menschen ist, ein derart menschenverachtender Umgang vorherrscht. Doch wenn man sich umhört, erfährt man, dass hier nicht übertrieben wird. Vielen Studenten geht es nicht gut – aber darauf wird keine Rücksicht genommen. Hier müsste sich grundlegend etwas ändern. Solange nicht mehr der Mensch, sondern die Verwertbarkeit für die Wirtschaft und das „Funktionieren“ im Vordergrund stehen, kann sich kein Mensch wirklich wohlfühlen und sein ganzes Potenzial entfalten.
Auch die studentische Mitbestimmung und die Rolle der Wirtschaft an den Universitäten werden aufgegriffen. Inwiefern können StudentInnen überhaupt mitbestimmen? Diese Frage sollte man sich schon stellen – und wird feststellen: Viel zu wenig! Erschreckend wenig.
Die Demonstration einer Szene, in der es um die Vergabe des Deutschlandstipendiums geht, führt schließlich vor Augen, was hinter den Kulissen läuft – auch hier ist ein realer Hintergrund gegeben: Diehl, ein deutsches Unternehmen, das unter anderem mit Waffen handelt, hat an der Nürnberger Ohm-Hochschule finanziell tatsächlich seine Finger im Spiel… In der Szene des Forumtheaters sitzen Kanzler Dr. Blaumüller, Prorektor Dr. Schluchter und Herr Leubl von der Firma Heckler & Koch gemeinsam mit einem studentischen Vertreter an einem Tisch und diskutieren die Vergabe der Stipendien. Eine Philosophie-Studentin mit überdurchschnittlich guten Noten soll gefördert werden? Wozu? Kein Rüstungsunternehmen braucht Geisteswissenschaftler!

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Zum Schluss wird eine Abschlussfeier auf die Bühne gebracht. Saufende und kiffende Studenten, eine Studentin, die sich ins gemachte Bett der Ehe setzt – kein schönes Bild – und dann als bilanzierender Schluss-Song: Fick die Uni von der Antilopengang…

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Nach der Pause wurden drei Szenen - „Professor und Dozent“, „Sie schoppen doch immer die ganze Zeit!“ und „Prüfung“ angespielt und dann dem Publikum die Möglichkeit gegeben, die Szenen und Dialoge zu verändern. Dabei kamen ausgeprochen kreative Lösungen zustande, die auch aufzeigten, welche Prioritäten die Eingreifenden setzten – etwa bei der Vergabe des Deutschlandstipendiums.

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Hier wurde etwa der studentische Vertreter ersetzt und die Eingreifende setzte sich tatkräftig und nach allen Regeln der rhetorischen Kunst für die Philosophiestudentin ein, um bei der Rüstungsfirma die Gelder locker zu machen. Ein anderer Zuschauer ersetzte den Rektor und versuchte in eine andere Richtung zu lenken. Die Szenen waren eine faszinierende Herausforderung für alle Beteiligten!
Auf Cloudtells konnte man dann auch noch am 10. Dezember online in das Geschehen eingreifen.

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Was für ein gelungener und faszinierender Theaterabend! Es ist einfach eine wunderbare Erfahrung, so engagiertes, lebendiges und cooles Theater mitzuerleben – und dann noch selbst aktiv zu werden. Man kann sich nur wünschen, dass es solches Theater öfter in Regensburg zu sehen gibt und dass viele Menschen miterleben können, wie spannend und facettenreich Theater sein kann.

www.uetheater.de

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