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Buchtipp: Das Rätsel der Donauzivilisation

Archäologische Entdeckungen im “alten Europa”

Die Wiege von Schrift und Zahlen wird gerne in Mesopotamien angesiedelt. Somit geht man meist davon aus, dass hier die Wiege der Zivilisation in unserem heutigen Sinne stand. Neuere archäologische Funde in Osteuropa, vor allem in Rumänien, Bulgarien und dem ehemaligen Jugoslawien, zeigen aber, dass es dort bereits zwischen dem 6. und 4. Jahrtausend vor Christus Kulturen gab, die schriftliche Aufzeichnungen hinterließen und die alle Anzeichen von sogenannten Hochkulturen mitbrachten, wie etwa ein entwickeltes Städtewesen, eine Verwaltung, ausgefeilte religiöse Kulte, Handwerkstechniken, Kunst und anderes mehr, das für eine entwickelte Gemeinschaft charakteristisch ist.

Durch den eisernen Vorhang waren diese Entdeckungen zur Zeit des Kommunismus natürlich nur sehr beschränkt zugänglich und wurden auch zum Teil aus ideologischen Gründen unter Verschluss gehalten.

Im Buch erklärt der Sprach- und Kulturwissenschaftler Harald Haarmann, gut auch für Laien verständlich, wie man sich das Leben am Ende der Jungsteinzeit in den regelrechten Städten der Menschen damals vorstellen kann und welche neuen Erkenntnisse über diese Zeit vorliegen. Spannend ist, dass besonders darauf eingegangen wird, dass nicht die Griechen die eigentlichen „Erfinder“ der Zivilisation in Europa sind, sondern die sogenannten Pelasger, also die Vorläufer noch-nicht-indogermanischen Ursprungs, die viel eher in Südosteuropa siedelten. Das wird besonders spannend auch anhand sprachwissenschaftlicher Erwägungen dargestellt, die zeigen, dass bestimmte Schlüsselwörter bei den Griechen, z.B. was Landwirtschaft oder kultische Handlungen angeht, sprachlich auf ältere Vorläufer zurückgehen müssen, als auf die Indogermanen, eben die Menschen die vorher schon im „alten Europa“ gelebt haben. Z.B. ist das Baskische als heute erhaltene Sprache wohl auf solche alten Sprachen zurückzuführen.

Auch ohne sehr viel Hintergundwissen über die verschiedenen, teils heftig umstrittenen Theorien, die im Buch angeschnitten werden, ist es doch erstaunlich, was lange vor den Griechen in Europa schon für Entdeckungen gemacht wurden, dass eben schon Schrift existierte und mehrstöckige Häuser gebaut wurden, dürfte den meisten Lesern doch neu sein. Auch die Kunst der damaligen Zeit birgt erstaunliche Überraschungen, so werden Statuetten vorgestellt, die kaum von modernen Plastiken zu unterscheiden sind.

Das Buch ist eine spannende Lektüre für alle,die sich für Archäologie interessieren und die bereit sind sich auf intellektuell herausfordernde Pfade tief ins Herz des alten Europa am Ende der Steinzeit zu begeben.

Das Rätsel der Donauzivilisation - Die Entdeckung der ältesten Hochkultur Europas

Das Rätsel der Donauzivilisation - Die Entdeckung der ältesten Hochkultur Europas

Harald Haarmann
Das Rätsel der Donauzivilisation. Die Entdeckung der ältesten Hochkultur Europas
www.chbeck.de
283 Seiten

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