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Artikel Tagged ‘Akademiesalon’

Sans Dessus Dessous/Drunter und Drüber

4. Mai 2012 lweser Keine Kommentare

Eröffnung der 10. französischen Film- und Kulturwoche am 02. Mai 2012, Kinos im Andreasstadel, Regensburg

Die Eröffnung der französischen Film- und Kulturwoche hat sich im Laufe seines Bestehens zu einem wahren Geheimtipp entwickelt. In der jetzigen Form, als „bunter Abend“, existiert sie (mit einer Ausnahme) seit sieben Jahren – also nicht ganz so lange wie die von Medard Kammermeier und Marianne Mion initiierte Frankreichwoche selbst. Der wohl charmanteste Abend in der Regensburger Kulturlandschaft, hat schon viele regionale Kulturgrößen auf die kleine Bühne im Wintergarten-Kino gebracht. Richard Kattan und Stefan Göler von den Tres Hombres, Eberhard Geyer und Thomas Röder, Catherine Hummel von der Deutsch-Französische Gesellschaft, der Kosmos Ost-Singkreis oder das Ost-Hafen-Duo sind nur einige derer, die die Veranstaltung mit Beiträgen bereichert haben. Zu den festen Konstanten des Abends gehören auch Bertl Wenzl (Die Negerländer), Rainer J. Hofmann (Trio Tricolore), Pedro Alvarez-Olañeta (CinEScultura-Spanische Film- und Kulturwoche) und Moderator Boris Kasbauer.

In diesem Jahr konnte man als Einstimmung auf den Abend Louis Malles Tour de France-Film Vive le Tour aus dem Jahr 1962 sehen. Nicht ohne Grund folgte Comme d’habitude, ein Lied von Claude François aus dem Jahr 1967, das Frank Sinatra als Vorlage zu seinem Hit My Way diente. Der erste Live-Beitrag stammte von einer neuen Band, die der Moderator als junge Hoffung aus Montpellier ankündigte, den Diamond Dogs. Diese entpuppten sich jedoch als alte Bekannte aus Regensburg: die bisher als Elektro-Duo bekannten Dirschl & Starzinger, haben sich nicht nur umbenannt, sondern sich auch einem anderen Genre verschrieben. Mit Kontrabass und E-Gitarre interpretierten sie sehr rock n´rollig einen dreisprachigen Marlene-Dietrich-Song aus dem Jahr 1948. In den Ruinen von Berlin (von Friedrich Holländer komponiert) stammt aus dem Billy Wilder Film Eine auswärtige Affäre. - Und das Publikum tobte! Was für ein Einstieg!

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Bedächtiger, aber nicht weniger emotional, rezitierte Christoph Maltz ein (fast schon obligatorisches) Heinrich Heine Gedicht. In Die Grenadiere, imaginierten zwei aus russischer Kriegsgefangenschaft heimkehrende französische Soldaten ihren Heldentod. Im Anschluss trug er eine wenig bekannte Übersetzung des Liebesgedichtes Cet amour von Jacques Prévert (dem Autor von Kinder des Olymps) vor. Christoph Maltz legte sich so ins Zeug, dass Lutz Görner, der deutschen Gedicht-Rezitator par excellence, gegen ihn ganz schön blass aussieht.

Eine Wiederaufführung erfuhr anlässlich des Zehnjahresjubiläums, einer der beliebtesten Beiträge von vor sechs Jahren: Die Tanzeinlage von eben jenem anfänglich gespielten Claude François. Cloclo (Boris Kasbauer) und seinen Claudettes (Marianne Mion, Kathrin Kupitz, Dagmar Reinecke, Catherine Botteron) brachten mit Alexandrie, Alexandra 70er Jahre Disco Feeling in den Wintergarten. Der einstige Frauenschwarm hat aus heutiger Sicht doch einiges an Sex-Appeal eingebüßt. Die unfreiwillige Komik des Originalvideos, das im Hintergrund projiziert wurde, machte der Stimmung jedoch keinen Abbruch. Die Ü40-Tänzer auf der Bühne tanzten sich die Seele aus dem Leib und machten dabei keine schlechte Figur.

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Rainer J. Hofmann und Pedro Alvarez-Olañeta schlossen sich wieder zum Duo zusammen und boten mit Akkordeon und Gitarre ein mexikanisches Lied aus dem Soundtrack zu Wim Wenders Film Paris, Texas dar. Warum dieser Film französisch ist, wird Pedro Alvarez-Olañeta am Freitag erklären, wenn er den von ihm ausgewählten Film in der Reihe „Cadeaux“ bei der Frankreichwoche vorstellen wird. Als Zugabe pfiffen beide ihren gemeinsamen Klassiker.

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Nach einer filmischen Sarkozy-Persiflage band Medard Kammermeier das Publikum mit einem Quiz in das Bühnengeschehen ein. Das Publikum und drei Kandidaten sollte die französische Herkunft deutscher Wörter erraten. Außer bei „Fisimatenten“ und „Etepetete“ misslang das aber, und der Kinobetreiber konnte einige seiner Freikarten behalten.

Anschließend überraschte Boris Kasbauer das Publikum indem er das angekündigte Duo Martin Haygis (Beige GT, Mason Dixon Line) und Anja Lange (Groß, Grün Und Grausig) zu einem Trio komplettierte. Als Dalida und Alain Delon ersangen und erspielten sie mit Paroles, Paroles (einem Cover des italienischen Originals von Mina und Alberto Lupo) die Herzen des Publikums. Sowohl optisch (Smoking und 70er Jahre Abendkleid), als auch musikalisch und schauspielerisch hätten sie mit dieser Interpretation die berühmten Vorbilder mühelos in den Schatten gestellt.

Auch Bertl Wenzl eroberte jene Herzen (die des Publikums). Mit seiner Gitarre, einem selbstgeschriebenem Text und viel bayrischem Akzent gab er ein skurriles Liebeslied zum Besten. Etwas spöttelnd kommentierte der Moderator diese charmant-schräge Darbietung mit den Worten: „Ein Saxophon ist eben doch etwas anderes als ein französischer Text“. Bertl Wenzl wird in der bereits erwähnten „Cadeaux“-Reihe, in der zehn Freunde des Festivals einen französischen Herzensfilm vorstellen, den wohl ungewöhnlichste Film der Reihe präsentieren. Claude Faraldos „Anarcho-Komödie“ Themroc aus dem Jahr 1972 mit Michel Piccoli kommt übrigens ohne Dialoge aus.

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Eine Aufzeichnung eines Serge Gainsbourg Songs bildete die Überleitung zum letzten Live-Auftritt des Abends. Die “Diamond Dogs aus Montpellier” performten eine Serge Gainsbourg-Komposition, die dieser 1964 für France Gall komponierte. 1995 wurde Laisse tomber les filles von April March unter dem Titel Chick habit gecovert. Diese Coverversion gab das Duo im Andreasstadel zum besten. Da die Diamond Dogs so unglaublichen Publikumszuspruch fanden, wir es demnächst übrigens ein Kino-Konzert von ihnen geben.

Der Abend hat seine Bestimmung wieder voll erfüllt: er hat dem Publikum auf seine gewohnt liebenswerte, chaotische, aber gleichzeitig hochwertige Art, Lust auf eine Woche französischen Film und Kultur und auf Sans Dessus Dessous gemacht.

Wo ist der Notausgang?

6. Mai 2011 lweser Keine Kommentare

Eröffnung der 9. französischen Film- und Kulturwoche, Akademiesalon, Regensburg

Am Mittwoch wurde die 9. französische Film- und Kulturwoche mit einer gewohnten Mischung aus Filmen, Texten und Musik eröffnet. Durch den Abend führte wieder Maitre Kasbauer, unterstützt vom Patron (Medard Kammermeier) und Madame Mion, den beiden Verantwortlichen für die alljährliche Woche voll Frankreich in Regensburg.
Eine Woche, die in diesem Jahr unter dem etwas umstrittenen Motto „Sortie de Secours/Aspekte des Überlebens“ steht. Marianne Mion deute gar eine Zensur an. Durch wen diese verhängt wurde, verriet sie allerdings nicht. Glücklicherweise hakte Moderator Kasbauer noch einmal nach. Er wollte von den Veranstaltern wissen, was nun eigentlich so schlimm an der derzeitigen Situation in Frankreich sei, dass es Notausgänge bedürfe. Aufgrund der verhängten Zensur blieb Madam Mion auch bei dieser Antwort im Vagen. Sie sprach vom sich verstärkenden Arm-Reich-Gefälle, von zunehmender Fremdenfeindlichkeit, enttäuschten Hoffnungen, also von nicht unbedingt rein frankreichspezifischen Problemen. Nach diesem kurzen, ernsten Zwischenspiel, kehrte der heitere Ton der Veranstaltung mit Bertl Wenzl (Die Negerländer) zurück, der mit geborgter Gitarre eine musikalische Eigenkomposition passend zum Thema darbot. Er ging dabei nicht nur auf die aktuelle politische Situation in Frankreich, sondern auf die der ganzen Welt ein.
Bertl Wenzl spielte gemeinsam mit Stefan Göler (Tres Hombres, Akademie Regensburg) auch das erste Livestück des Abends. Eine Instrumentalvariation von “Frère Jacques”, welches auf Nachfragen des Moderators ebenfalls sehr viel politischen Subtext enthielt. Zuvor erzählte Marianne Mion mit verzückter Begeisterung und entzückend französischem Akzent das Märchen von „Peau d’âne/Eselshaut“, dass in Deutschland wohl höchstens durch Jacques Demys Verfilmung mit Catherine Deneuve bekannt ist. Der Akkordeonist Thomas Röder gab nach langer, ausschweifender Einleitung mit vielen skurrilen Anekdoten von persönlicher Färbung und mit historischer Tragweite, „Nathalie“ von Gilbert Becaud zum Besten. Sehr persönlich ging es auch zu, als Medard Kammermeier ein französisches und ein deutsches Gedicht aus eigener Feder vortrug. Als Höhepunkt ist vielleicht die Auktion anzusehen, auf der französische Produkte als Wege des Überlebens im Exil, versteigert wurden. Der Auktionator Monsieur Kasbauer hat zu diesem Zwecke extra bei einer französischen Rinderversteigerung sein Handwerk erlernt. Die Idee entstand in Anlehnung an Serge Gainsbourg, der einst die Marseillaise ersteigerte.
Señor Alvarez-Olañeta, der ebenso wie Bertl Wenzl, verlässliche Konstante des Eröffnungsprogrammes ist, kam auf Grund widriger Umstände minimal zu spät, so dass wir auf seinen Beitrag im nächsten Jahr gespannt sein könne.
Letztlich verleihen die kleinen privaten Bekenntnisse aller Beteiligten zu Frankreich, der
Veranstaltung alljährlich ihren besonderen Charme. Durch kritische Aspekte wird dieser Charme keinesfalls geschmälert, sondern allenfalls authentischer.

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www.kinos-im-andreasstadel.de

Von wegen Plastik-Fantastik

3. März 2010 ffranc 1 Kommentar

Werner Boote: Plastic Planet, Wintergarten, Kino im Andreasstadel, Regensburg, 2. März 2010 mit Anwesenheit des Regisseurs.

Wie ist eigentlich Österreich zur Hochburg des Dokumentarfilms geworden?
2004 Darwin’s Nightmare von Hubert Sauper, 2005 Unser täglich Brot von Nikolaus Geyrhalter und Working Man´s death von Michael Glawogger, 2006 We feed the World von Erwin Wagenhofer - Alle hochgelobt, alle dotiert, mit einer weltweiten Auswertung. Nun also wieder ein aufsehenerregender österreichischer Dokumentarfilm. Seit Donnerstag läuft Plastic Planet von Werner Boote in Deutschland.

Werner Boote im Akademiesalon

Werner Boote ist Enkel, des ehemaligen Geschäftsführers von Interplastik Deutschland. Er machte sich auf, die Welt des Plastiks zu ergründen. Die Welt seines Großvaters - unsere Welt. Was er dabei zu Tage fördert ist ebenso erstaunlich, wie beängstigend. Zehn Jahre hat Boote für Plastic Planet recherchiert. 700 unabhängige Studien hat er gesammelt, die alle gesundheitsgefährdende Eigenschaften verschiedener Plastikarten belegen. Er hat auch zehn Studien gefunden, die diese Gefahr widerlegen - alle zehn wurden von der Plastik-Industrie in Auftrag gegeben.
Ein paar Zahlen und Fakten des Filmes gefällig? Bitteschön:

  • Weltweit werden jährlich fast 240 Millionen Tonnen Kunststoffe hergestellt, 60 Millionen Tonnen davon in Europa.
  • Die Menge des Kunststoffes, die seit Beginn der Plastikproduktion erzeugt wurde, reicht um die Erde sechs Mal mit Plastik zu überziehen.
  • Die Verfallszeit von Plastik beträgt 500 Jahre.
  • Im Pazifik treibt ein Plastikstrudel, der ca. 700.000 Quadratkilometer groß ist (wachsend). Dabei sinkt der meiste Plastik auf den Meeresboden. Es ist nicht der einzige Plastikmüllteppich, der im Ozean entdeckt wurde.
  • Es gibt heute 10 mal mehr Plastik im Meer als Plankton. Fische und Seevögel halten dieses Plastik für Plankton und fressen es. Dass sie verenden ist nur eine Folge davon.
  • Jeder von uns hat Plastik im Blut z.B. Bisphenol A oder Weichmacher.
  • Bisphenol A kann schon in sehr geringen Mengen gefährlich werden, Allergien und Krebs auslösen, den Hormonhaushalt beeinflussen, eventuell sogar das Erbgut schädigen.
  • Bisphenol A war bis zum Nachweis durch PlasticPlanet zum österreichischen Kinonachstart in sehr großen Mengen in Babyschnullern vorhanden.

Eigentlich sitzt man die ganze Zeit nur mit offenen Mund da und kann es nicht fassen. Boote hat Genforscher, Zellbiologen, Pharmakologen, Endokrinologen usw. interviewt. Aber der Film besteht aus mehr als nur Fakten und ist alles andere als trocken. Es gibt eine Menge genuin groteske Szenen. Schon das erste Interview mit John Taylor, dem Präsidenten von PlasticsEurope, hat eine unfreiwillige Komik. ebenso wie der Besuch bei einer Plastikproduktionsfirma in China. Beim Versuch John Taylor ein zweites Mal auf der internationalen Plastikmesse zu sprechen, im Gepäck hatte Boote die 700 Studien, lief dieser ihm glatt davon. Als Ray Hammond, Buissness Speaker und Science-Fiction-Autor, von der Plastikindustrie zu Boote geschickt wurde, musste sich der Filmemacher wie in einem schlechten Film vorgekommen sein. Ray Hammond erscheint im Interview eher wie ein Esoteriker.
Weiterhin gibt es billige Gags, z.B. ein Interview mit einem Schönheitschirurgen, ein Spezialist für Brustimplantate, oder mit dem Gunther von Hagens, die nicht wirklich weiterbringen aber auflockern. (Was der Film aber eigentlich nicht nötig hätte.)
Seit Michael Moore (mit dem Boote nicht verglichen werden will) ist der Dokumentarfilm beim Goßen Publikum angekommen, hat aber auch seine vermeintliche Objektivität verloren. Sei´s drum! Eine größere Öffentlichkeit für politische, gesellschaftliche, ökologische Themen zu gewinnen, ist nur begrüßenswert. Wenn man dazu zu einigen dramaturgischen Kniffen greifen muss, sei das verziehen.
Boote begleitet seinen Film durch die ganze Welt und leistet so zusätzlich Aufklärungsarbeit. Am Montag war er im Wintergarten in Regenburg und stellte sich im Anschluss an die ausverkaufte Vorstellung, den Fragen der Zuschauer. Und das Publikum war interessiert. Der Film hatte viele Fragen aufgeworfen. Und Boote konnte zahlreiche Anekdoten erzählen und weiterführende Informationen geben. 10 Jahre Recherche, 710 Studien, 400 Stunden filmisches Material. Natürlich muss man da auswählen. Laut Boote hatte die erste Version seines Filmes vier Stunden gedauert. Selbsredend ist das viel zu lang für einen Dokumentarfilm fürs Kino. Wir können also auf die DVD-Ausgabe mit Zusatzszenen gespannt sein. Für alle, die nicht so lang warten wollen: es gibt auch noch ein Buch zum Film.

Plastic Planet läuft am 3. 5.-8. und 10. März im Wintergarten und Akademiesalon, Kinos im Andreasstadel, Regensburg.

Weitere Infos unter www.plastic-planet.de
und Werner Boote zu Gast beim Tagesgespräch auf Bayern2-Radio am 26.02.2010 als Podcast zum herunterladen unter www.br-online.de/podcast/

Graffiti-Szene vs. Graffiti-Kunst

14. September 2009 ffranc Keine Kommentare

Lack Auf Wand, 04. - 06.09.2009, u.a. im Andreasstadel Regensburg

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Lack auf Wand, nicht auf Beton, hieß die mehrtätige von Emanuel Jesse, Eva Karl und Phuc Hyunh organisierte Veranstaltung zum Thema Graffiti.

Eröffnet wurde diese mit dem Film “WholeTrain” des Münchner Regisseurs Florian Gaag. Der Film begann, wie man es erwarten konnte, mit hektischen Schnitten und fetten Beats, fand jedoch im Lauf der Zeit zu einem erfreulicherweise viel ruhigeren Tempo. Insgesamt ist der Streifen in sich schlüssig und straff, die Akteure agieren sehr glaubwürdig, die Geschichte wird pointiert und realistisch dargestellt.
Darin erzählt der Regisseur und Autor von einer jungen Sprayer-Crew, die im wesentlichen drei Probleme hat: die gegnerische Gang, die viel bessere Graffiti produziert, die Polizei, die illegale Sprayer bekämpfen muss und zu guter Letzt, sich selbst. Die Crew ist alles, und das einzige Lebensziel ist es, ein immer wieder gigantischeres Graffito auf einen Vorortzug zu bannen. Dass es dabei nicht im geringsten um Kunst geht, sondern um einen Wettbewerb zwischen männlichen, testosterongeladenen Jugendgruppen, die sich gegenseitig beweisen wollen wer das größte und imposanteste Ding hinkriegt, ist somit folgerichtig. Die Kreativität erübrigt sich in Imponiergehabe und Möglichkeiten nicht von der Polizei erwischt zu werden.
Dass dies alles von Rezipienten mit einem Hang zu dieser Subkultur als besonders toll empfunden wird, ist klar. Und um sein Klientel vollends zu befriedigen beendet Gaag seinen Film nicht damit, dass die gegnerischen Crews in quasi friedlicher Koexistenz zusammen einen Zug besteigen, nein, nach einer längeren Schwarzblende lässt er eine komplett besprühte S-Bahn aus dem Nichts auftauchen und macht damit klar, dass es doch das Wichtigste ist den Längsten zu haben.

Die anschließende Diskussionsrunde bot ein Bild, sehr ähnlich dem, den der Film abgab. Unter der Moderation von BR-Journalist Thomas Muggenthaler hatte sich eine illustre Runde zusammengefunden. Florian Gaag, Martin Schmack (Immobilien), Stefan Göler (Akademie), Christain Schlegl (CSU), Andreas Kaiser (Anwalt), Franz Rebl (Malermeister) und Dr. Joachim Fuhrmann (HNO-Artzt ?!?) saßen einer Schar Baseball-Cap-beschmückter Jugendlicher gegenüber. Von den Podiumsgästen hatten im wesentlichen nur Schmack und Schlegl etwas zu sagen. Während der eine über seinen Ärger mit vollgeschmierten Fassaden klagte, versuchte sich der CSU-Mann in kumpelhaftem Verständnis und im Versprechen sich bei Stadt und Wirtschaft für die Jugendlichen einzusetzen. Die andere Seite wusste auch nur mit üblichen Forderungen zu glänzen: mehr Fläche, mehr Verständnis, mehr Unterstützung, mehr, mehr, mehr…

Der Versuch Gölers über einen möglichen künstlerischen Aspekt im Graffiti zu reden, wurde von der Mehrheit der Anwesenden schnell abgewürgt und für pädagogische Besserwisserei befunden. Die drei Organisatoren waren redlich bemüht der Runde neue Impulse zu geben, doch um ehrlich zu sein, ein gemütlicher Treff der Jugendlichen bei Cola und Kuchen in Schlegls Büro wäre passender gewesen als diese öffentliche Diskussionsrunde.

Soviel zur Graffiti-Szene. Zum Glück ging es am nächsten Tag hauptsächlich um Kunst im Umfeld von Graffiti. Hierzu wurden im Akademiesalon schnell die Werke der eigentlich laufenden Ausstellung abgehängt. Der Raum wurde recht aufwendig neu gestaltet, man gab sich wirklich Mühe, der geplanten Ausstellung den passenden Rahmen zu geben. Die für 19.00 Uhr angekündigte Ausstellungseröffnung sollte doch erst eine halbe Stunde später stattfinden, um dann nach weiteren 30 Minuten ihren offiziellen Vollzug in Form einer Theke mit Sektgläsern und einem DJ an komischen Plastik-Turntables zu zelebrieren. Kein Künstler, keine Begrüßung, kein Hallo, kein Wort. Ob das frech, originell und passend ist, oder doch eher bloße Verachtung soll jeder selbst entscheiden. Die Bilder jedenfalls hingen, und man konnte sie in Augenschein nehmen. Die Stilvielfalt war ebenso groß wie die Qualitätsunterschiede. Von gesprühten Tags auf Leinwand, über Pop-Art-mäßiger Schablonenmalerei bis hin zu Dave de Leeuws comichaften, grellbunten und filigranen Bildern. Schön anzusehen sind die Werke des Holländers nicht, ziemlich derbe und hässliche Fratzen sind das, jedoch sehr ausdrucksstark und stilsicher.

Die 24 h-Galerie am Ende des Dultplatzes

Die 24 h-Galerie am Ende des Dultplatzes

Wer wissen will was die Szene oder die Künstler sonst noch so drauf haben, begebe sich zur 24 h-Galerie, jenen Betonwänden am westlichen Ende des Dultplatzes, an denen die Jungs mit den Spraydosen legal ran dürfen, und begutachte die dieser Tage neu angebrachten Graffiti, oder er werfe einfach mal wieder einen Blick auf seine Hauswand gegenüber.

www.lack-auf-wand.de

Viktorianisches Kalifornien in Regensburg

21. Juni 2009 ffranc Keine Kommentare

Vanessa Woods, Joshua Smith mit dem Trio Vollath, Draugelates & Hofmann am 18.06. im Akademiesalon, Regensburg

Trotz schwüler Sommerhitze war an diesem Abend das kleine Kino im Akademiesalon von Medard Kammermeier annähern voll. Das ist schön und überraschend, denn angesagt waren experimentelle Kurzfilme der Amerikanerin Vanessa Woods und Fotografien ihres Ehemannes Joshua Smith mit musikalischer Untermalung durch das Trio Anka Draugelates, Norbert Vollath und Rainer J. Hofmann, die wiederum, auch keine leichte Tanzmusik erwarten ließen. Dass Avantgarde-Film mehr kann als nur verstören, und die dazu passende Musik nicht nur in kakophonischen Lärmeskapaden ausarten muss, bewies dieser sehr entspannter Abend in familiärer Atmosphäre.

Zwei Umstände, oder Zufälle, zeichnen für das Zustandekommen dieses Programms verantwortlich. Zum einen die Begegnung von Draugelates und Woods beim letztjährigen Djerassi Resident Artists Programm in San Francisco, zum anderen die Tatsache, dass sich Woods und Smith momentan in der Oberpfalz aufhalten, um hier einen Teil ihrer Flitterwochen zu verbringen.

Begonnen wurde der Abend als Dia-Show mit Schwarz-Weiss-Bildern von Smith, untermalt von unerwartet funkigen und groovenden Live-Sounds. Smiths Aufnahmen zeigen, eingezwängt im engen Ausschnitt großstädtischer Häuserschluchten, viel geometrische Form aber kaum Leben. Menschen kommen selten vor, und wenn doch, so sind es Schaufensterpuppen oder Figuren auf Plakatwänden. Er arbeitet viel mit Spiegelungen an Fassaden, Schaufenstern oder Windschutzscheiben, die fast wie Mehrfachbelichtungen aussehen, und so ein unwirkliches bis surreales Bild des Abgelichteten erzeugen. Insgesamt zeigen Smiths Fotografien ein kühles und distanziertes Bild eines urbanen Amerikas.

Vanessa Woods aus San Francisco hat am dortigen Art Intitute Film studiert, beim Found-Footage-Guru Jay Rosenblatt, der uns als Gewinner der Regensburger Kurzfilmwoche bekannt ist. Vom Film “Souffle Sur le Miroir” abgesehen, war das von ihr heute Abend vorgestellte Oeuvre sehr homogen. Ihre in schwarz-weiss und tatsächlich noch auf 16mm gedrehten Filme drehen sich hauptsächlich um Erinnerung, Tod und Vergänglichkeit. Sie sind nicht narrativ und ohne Dialoge. Sie erzählen auch keine Geschichten sondern vermitteln vielmehr Gefühle von Einsamkeit, Verlust oder Zerfall. Woods Filme erreichen ihre Wirkung durch abstrakte Bilder, extremen Nahaufnahmen, Verzerrungen, Überblendungen und Übermalungen und einem Klangteppich aus abstrakter Musik, collage-artiger Geräuschkulisse und gesprochener Gedichte, Gedichte von Autorinnen wie Emily Dickinson, Sharon Olds oder Anne Sexton. Ferner hegt Woods, inspiriert durch den Dachboden ihrer in Frankreich lebenden Großmutter, eine große Vorliebe fürs Nostalgische. So finden sich etliche alte Gegenstände und Photographien - auch eine Art Found Footage -, die ihren Filmen eine morbide Ästhetik verleihen, die man von einer Kalifornierin nicht erwarten würde.

Ein interessantes Experiment war das zweimalige Vorführen des Filmes “The Stillness in the Room“. Erst in der ursprünglichen Fassung mit dem düster bedrohlichen Originalsoundtrack von Draugelates, Vollath und Hofmann, dann ohne Ton, dafür mit komplett unterschiedlicher Live-Musikbegleitung, die mehr den melancholischen Aspekt des Werks hervorhob.

Die Mischung aus Fotos, Filmen und der kongenialen Unterstützung durch das erweiterte Duo Extrakt war nicht nur ein ästhetisches Erlebnis für die Sinne sondern zudem ein höchst unterhaltsames und kurzweiliges Vergnügen.

Hofmann, Woods und Smith - Smalltalk oder Fachgespräch?

Hofmann, Woods und Smith - Smalltalk oder Fachgespräch?

www.vanessawoods.com
www.norbertvollath.de
www.musiker-hofmann.de
www.im-moment.net

Wohin am Wochenende in Regensburg und wohin in der Woche?

18. Juni 2009 lweser Keine Kommentare

Donnerstag, 18.06. Regensburg

20.00 Uhr Kino im Akademiesalon Film. Foto und MusikKurzfilme von Vannessa Woods (San Francisco), Fotos von Joshua Smith (San Francisco) und Musik von den Regensburgern Norbert Vollath, Reiner R. Hofmann und Anke Draugelates 

20 Uhr Gloria, Vielleicht zu alt, vielliecht zu klein. Theater im Rahmen der spanischen Film und Kulturwoche

18.06 - 27.07.2009 Art Affair, Colores de Cuba!  Zeitgenössische Kunst aus Kuba & Werkzyklus von Maria Meier 

Freitag, 19.06. Regensburg
 
19.06 - 05.07. 2009 Kunst- und Gewerbeverein Regensburg, Ludwigstr. 6, Pressefoto Bayern 2008.
 
21.30 Foyer der Filmgalerie, Regensburg
Noche de Salsa mit DJ Rafael Díaz, im Rahmen der Spanische Film und Kulturwoche, mit Salsa-Gratiskurs von 21.00-22.30
 
 
Samstag, 20.06.2009 in Regensburg
20.00 Ostdeutsche Galerie
Paul Kleinschmidt Lust an der Malerei, Ausstellungseröffnung

19.00-24.00 Regensburger Museumsnacht, Eintritt: 7 € (Abendkasse, 6 € Vorverkauf)

20.30 Die Zoofen, Schenkerturm, Regensburg, Ladehofstr. Eintritt: 9,00 €, mehr unter: www.diezofen.de

Werkschau eines regionalen Filmemachers in einem restlos ausverkauften Kino

21. Mai 2009 lweser Keine Kommentare

Boris Kasbauer Werkschau Film, Akademiesalon im Andreasstadel, 05.03.2009
(Lysann Weser)

Schöne Filme bei Dr. Kammermeier

Schöne Filme bei Dr. Medard Kammermeier

Das vor einigen Monaten neu eröffnete Kino von Noch-AKF-Geschäftsführer Dr. Medard Kammermeier bietet Nischenkino von immensem kultur- und mediengeschichtlichem Wert, das schlicht unter dem Begriff “Filmgeschichte“ zusammengefasst werden kann. Ein ehernes und aussichtsloses Vorhaben mag man meinen und die bisherigen Zuschauerzahlen mögen dem recht geben. Doch Kammermeier hat im zweiten Monat des Kinobetriebes bereits einige begrüßenswerte Änderungen vorgenommen. DVDs, und Kammermeier zeigt nur DVDs, kann man sich auch daheim anschauen. Was das Ganze besonders macht und worauf Kammermeier seit März vermehrt setzt, sind Einführungen zu den Filmen.

Und zweitens: Er bietet Regensburger Filmemachern eine Plattform zur Präsentation ihrer Werke und ermöglicht damit dem Publikum nicht nur, diese seltenen Werke zu sehen, sondern auch direkt vom Regisseur Hintergründe über Produktions- und Drehbedingungen, Herangehensweisen und Entwicklungen zu erfahren.

Den Auftakt bot am Donnerstag Boris Kasbauer. Und besser hätten es Kammermeier und das Publikum nicht treffen können. Tausendsassa Kasbauer, der nicht nur ein passionierter Filmemacher, sondern auch Moderator mit Entertainerqualitäten ist, führte charmant und unterhaltsam durch den Abend, so dass auf die angekündigte Unterstützung durch Filmhistoriker Kammermeier verzichtet werden konnte. Mit viel Anschauungsmaterial und amüsanten Anekdoten umrahmte Kasbauer die Vorführung seiner Filme. Sechs abgeschlossene Kurzfilme und zwei Fragmente waren zu sehen. Die vollendeten Filme liefen alle bereits in den jeweiligen Entstehungsjahren auf der Regensburger Kurzfilmwoche und wurden dort auch mit einigen Preisen ausgezeichnet. Die Fragmente waren erstmals zu sehen und boten eine interessante Erhellung von Kasbauers filmischer Entwicklung. So war unter anderem ein Super 8 Film zu sehen, den Kasbauer im Alter von ca. 10 Jahren mit seinen Sandkastenfreunden gedreht hat und in dem immerhin schon ein Mord vorkam. Dass bei Kasbauer neben dem Bild auch die Rhythmisierung immer wichtiger wird, ist anhand dieser Werkschau ebenfalls sehr klar erkennbar geworden. So wunderte es nicht, dass sein bisher letzter Film (den er, wie auch den vorletzten mit einer Coregisseurin umsetzte) ein Musikvideo ist, welches wunderbar auf den zweiten Teil der Veranstaltung überleitete: Die Band, zu deren Song dieser letzte Film die Bilder lieferte, spielte live auf (allerdings in anderer Besetzung). Dirschl & Ackermann (eigentlich & Starzinger) beeindruckten mit sieben extra für diesen Abend komponierten Liedern - analog zu Kasbauers sieben angekündigten Filmen. Erstaunlich war die Qualität und Bandbreite dieser Songs, die allein mit Orgel und Gesang dargeboten wurden und innerhalb von einem Monat erschaffenen worden waren. Ulrike Dirschls Gesang ist von einer solch klaren Präsenz, dass sie einfach in ihren Bann zieht und man bis zum letzten Ton nicht von ihr lassen kann.

Wenn man einen Kritikpunkt des Abends finden kann, dann nur den, dass das Kino für den Publikumsandrang zu klein war, weshalb leider einige Besucher abgewiesen werden mussten.

Alles in allem ein gelungener Abend, bei dem man jeden der drei beteiligten Parteien (Kinobetreiber, Filmemacher und Musiker) im Namen des Publikums nur zurufen kann: Weiter so!

Dirschl, Kasbauer & Ackermann im Akademiesalon

Dirschl, Kasbauer & Ackermann im Akademiesalon

www.kasbauer.de
www.dirschlundstarzinger.de
www.akademiesalon.de