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Auf das Timing kommt es an, auch in Bayern

15. März 2013 ffranc Keine Kommentare

Bavarian MuVis bei der 19. Regensburger Kurzfilmwoche am 15.03.2013 @ Filmgalerie im Leeren Beutel

Das einzige Programm der Reihe The World of Shorts - The World of Music bei der diesjärigen Kurzfilmwoche in dem ausschließlich Musikvideos gezeigt werden, nennt sich Bavarian MuVis. Kurator Stefan Grunwald-Wiese hat darin ganze 26 Beiträge von ausschließlich bayerischen Interpreten versammlet, daher auch der Programmname. Ein gewagtes Unterfangen. Weniger durch die eingeschränkte geografische Auswahl, als darin begündet, A) eine möglichst große Bandbreite sowohl in musikalischer als auch in filmischer Hinsicht zu zeigen, und B) dass Musikvideos allzu oft aus cineastischem Blickwinkel nach unten ausschlagen, weil das Hauptanliegen vieler Musiker darin besteht, als Person einen möglichst guten Eindruck zu machen. Andererseits bot das “Genre” des Musikvideos Filmemachern schon immer die Möglichkeit sich möglichst frei und experimentell auszutoben.
Dass die Bavarian MuVis sowohl das eine als auch das andere unter Beweis stellt ist selbstredend. Auffallend jedoch ist, dass weder ein fränkischer Beitrag, noch einer aus früheren Regionalfenstern, wie die eines Säm Wagners oder Blink & Remove, den Weg ins Programm fanden.

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Zwei Videos waren eigentlich total überflüssig: ein Live-Mitschnitt mit animiertem Intro von Hans Söllner und eine Studio-Session von Nixon In China - beides filmisches Nichts! Zwei andere fielen aus unterschiedlicher Sicht aus dem Rahmen. Die United Balls als einzige Vertreter aus der Musikvideo-Steinzeit (1981) und das Ost Hafen Duo mit einer Musik jenseits aller Kategorien und einem Bild als stilllebenhafte Homage an den Gäuboden.
Besonders beliebt im Musikvideo-Biz scheint die Stop-Motion-Technik zu sein. Egal ob als Realfilm (Slut), Puppenanimation (The Notwist) oder Zeichentrick (Missent to Denmark), die Ergebnisse darin erübrigen nicht einer gewissen Niedlichkeit, sind ansonsten sehr durchschnittlich, wenig originell und meist mies bis gar nicht choreografiert.
Wie wichtig Timing bei Musikvideos ist zeigen die Höhepunkte dieses Programms. Blumentopf aus München haben zu einem der wahrscheinlich bescheuertsten Deutsch-Hip-Hop-Nummern ein Zu-Fuß-Roadmovie ohne Schnitt realisiert, nicht besonders originell, aber eben perfekt getimt und schlüssig. Ebenso Ebow mit einem reinen “Tanzfilm” im Eighties-Look, beige GT mit einer eher grafischen Optik und anheimelnden Szenen aus einem Nordoberpfälzischen Auto-Tuning-Treffen, und der Fast-Oldie der Sportfreunde Stiller Wellenreiten ‘54, mit simplen Aufnahmen aus einem Freibad mit Dreifach-Sprungturm.

Drei Videos, die besonders herausstachen, waren zum einen Fittenbudes Wings. Der einzige Teilnehmer, der einem kleinen Spielfilm glich und völlig vom musikalischen Takt losgelöst, das Coming-Out eines Lehrers thematisiert. ZiehGäuner aus dem Bayerischen Wald haben mit Ihrem Film zu Mamabua nicht nur einen Mitreißer erster Güte, sondern auch ein traumhaftes Video aus 50er-Jahre-Found-Footage und darin integrierten und nicht merkbaren Aufnahmen der Band geschaffen. Ein perfekter Spaß auf ganzer Linie und ein positiver Beitrag aus der ON3-Werkstatt des Bayerischen Rundfunks, die ansonsten eher aufgeblasene Teenie-Selbstdarstellung unterstützt. Und zu Guter Letzt sei noch Zombie Nations Gizmode erwähnt, ein perfekt choreografierter, klassischer Musikclip mit optimal ins Bild gesetzten Aufnahmen aus Tokyo. Einfach, gut, stimmig.

Die anschließend im Foajee der Filmgalerie stattfindende Foyerstelle-Party war ebenso stimmungvoll wie schlecht besucht. Um so mehr konnten die Anwesenden beinahe schulterzuckend über die sich viral mündlich verbreitenden Neuigkeit des Ausfalls der morgigen “großen” Zündfunk-Party hinwegsehen. Ihren Spass hatten sie ja schon gehabt, egal ob flätzend im Fatboy oder aktiv auf den Tanzplanken des Leeren Beutels. Wer die Feuerstelle nicht ehrt, ist des Zündfunkes nicht wert.

Alle, die sich einen Überblick über bayerische Musikvideoproduktionen verschaffen möchten und über einen breitgefächerten Musikgeschmack verfügen, können sich noch heute und am Dienstag den 19.03.2013 im W1, jeweils um 21.00 Uhr die “Bavarian MuVis” anschauen.
www.kurzfilmwoche.de | www.filmgalerie.de

Ansonsten sind alle Videos auch im Web zufinden, wie zum Beispiel aus Sympathie-Gründen:

30 Jahre Regensburger Stummfilmwoche

5. August 2012 lweser Keine Kommentare

30. Regensburger Stummfilmwoche, Freitag 3. August 2012, Klostergarten der Minoritenkirche - Expertengespräch mit Nina Goslar (arte, ZDF) und Sabrina Zimmermann (Aljoscha-Zimmermann-Ensemble) und Nosferatu, Regie: F.W. Murnau, D 1921/22; musikalisch begleitet vom Aljoscha-Zimmermann-Ensemble

Zum dreißigsten Geburtstag der Regensburger Stummfilmwoche wollten die Organisatoren den treuen Zuschauern etwas Besonderes bieten. So luden sie am Freitag bei freiem Eintritt zu einem Expertengespräch ein. Nicole Litzel vom Organisationsteam der Stummfilmwoche befragte zuerst Nina Goslar, die bei arte und ZDF für Stummfilm verantwortliche Produzentin. Sie sprang spontan für den erkrankten Werner Sudendorf von der deutschen Kinemathek in Berlin ein. Während des Gesprächs kamen einige interessante Hintergrundinformationen zum Vorschein. Wussten Sie zum Beispiel, dass heute nur circa 10% der deutschen Stummfilme erhalten sind? Oder dass eine Nitrokopie, das damals übliche Filmmaterial, eine Haltbarkeit von ca. 100 Jahren hat, so dass die Filmrestauratoren im Moment also gegen die Zeit arbeiten. Ein wenig spezieller wurde es, als es um Musikfassungen ging. Die meisten Stummfilme hatten von Anfang an eine eigene Filmmusik. Zwar sind leider davon nur die wenigsten erhalten, ein populäres Beispiel für eine noch vorhandene Originalpartitur ist jedoch die zu Metropolis. Sie war lange der einzige Hinweis darauf, dass von der damaligen Film-Version ein gutes Stück fehlt. Da die Partitur außerdem über tausend Angaben zum Film beinhaltet, war in diesem Fall die Musik ein wichtiger Baustein zur Restaurierung des Filmes.
Originalpartituren oder auch nur die dafür nötigen Tantiemen aber, kosteten Geld, die sich kleinere Kinos nicht leisten konnten. Darum gab es eine Art Musik-Katalog, in dem verschieden Melodien einzelnen Situationen und Stimmungen von Filmen zugeordnet wurden. Herausgegeben hat sie Giuseppe Becce, der “Quasi-Urvater” der deutschen Filmmusik. Frau Goslar spielte einige Beispielmotive vor. Der Zuschauer/-hörer konnte versuchen zu erraten für welche Situation sie gedacht waren.

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Als Überleitung zu Nosferatu, dem Jubiläumsfilm des Abends und den das Aljoscha-Zimmermann-Ensemble musikalisch begleiten würde, interviewte Frau Goslar dann Sabrina Zimmermann (vormals Hausmann). Deren Vater, Aljoscha Zimmermann, der bekannteste zeitgenössischen Stummfilmkomponist, hinterließ ihr bei seinem Tod im Jahr 2009, über 400 Partituren. Allein acht Versionen habe er zu Noseferatu geschrieben. Auf jeder Notenblattseite gäbe es bei Zimmermann Synchronangaben. Zusätzlich spielt die Improvisation aber auch eine wichtige Rolle. Zimmermanns Filmmusik kann man als klassische, sehr dramatisch-emotionale Filmmusik bezeichnen. Bestens geeignet für den Horror-Film-Klassiker Nosferatu, zu dessen Inhalt man eigentlich nicht viel sagen muss.
Murnau griff unautorisiert auf Bram Storkers Roman Dracula zurück. In Folge dessen kam es zu Prozessen, die die Produktionsfirma in den Ruin trieb. Die Rechteinhaber forderten gar die Vernichtung sämtlicher Filmkopien. Glücklicherweise misslang dieses Unterfangen.

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Seit Bestehen der Regensburger Stummfilmwoche erweist sich Nosferatu immer wieder als Publikumsmagnet. So auch diesmal. Schön, dass das Publikum neben vielen Stammgästen, auch aus überraschend vielen jungen Leuten bestand. Die Nachfrage war diesmal so groß, dass sogar mehrere dutzend Menschen abgewiesen werden mussten. Beeindruckend bleibt, wie souverän das kleine AKF-Team um Nicole Litzel und Dario Vidojković alle organisatorischen Herausforderungen löst: Aufbau, Kasse, Einlass, Technik, hier einen Zusatzstuhl oder leere Gläser für das Restaurant organisiert, dort schnell ein Interview gegeben und sich trotzdem herzlich um Musiker und Gäste gekümmert. Von der Organisation im Vorfeld (wie Filmauswahl, Filmkopien, Aufführungsrechte ect.) ganz zu schweigen!
Alles Gute, liebe Stummfilmwoche, für die nächsten 30 Jahre.

Bevor es am darauf folgenden Wochenende mit Trotzheirat, Orlacs Hände und Die drei Musketiere weiter geht, kann man bis dahin den diesjährigen Oscarabräumer The Artist (F/USA 2011) in der Filmgalerie ansehen. Eine schöne Idee mit dieser jungen Stummfilmhommage die zwei Stummfilmwochenenden zu verbinden.
Donnerstag 09.08.: Trotzheirat, Regie: Edgar Sedgwick/Buster Keaton, USA 1929
Live-Musik: Rainer J. Hoffmann
Freitag 10.08.: Orlacs Hände, Regie: Robert Wiene, A 1924
Live-Musik: Bertl Wenzl & Markus Stark
Samstag 11.08.: Die drei Musketiere, Regie: Fred Niblo, USA 1921
Live-Musik: Klaus Reichardt & Jan Kahlert
www.filmgalerie.de

„War das das Glück nach dem du dich sehntest?“

4. August 2012 lweser Keine Kommentare

Die Frau, nach der man sich sehnt, Regie: Kurt Bernhardt, D 1929; musikalisch begleitet vom Aljoscha-Zimmermann-Ensemble, 30. Regensburger Stummfilmwoche, Donnerstag, 2. August 2012, Klostergarten der Minoritenkirche

Eine laue Sommernacht, eine große Zuschauerzahl und erwartungsvolle Gesichter. Was kann man sich mehr wünschen, zumindest aus Sicht des AKF (Arbeitskreis Film), dem Veranstalter des vielleicht ältesten Stummfilmfestivals Deutschlands. Die 30. Regensburger Stummfilmwoche wird mit einem recht unbekannten Film eröffnet, der auch an den Tod Marlene Dietrichs erinnert, der sich 2012 zum zwanzigsten Mal jährt. In Die Frau, nach der man sich sehnt aus dem Jahr 1929 inszeniert Kurt Bernhardt die spätere Diva in ihrer ersten Hauptrolle auch erstmals als Femme Fatale.

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Industriellensohn Henri Leblanc (der Schwede Uno Henning) verfällt auf seiner Hochzeitsreise der routinierten Verführerin Stascha (Marlene Dietrich). Sie benutzt ihn, um sich ihres aktuellen Geliebten Dr. Karoff (Fritz Kortner) zu entledigen oder zumindest sich ihm zu entziehen. Mit Karoff verbindet sie ein dunkles Geheimnis - vermutlich verschwor sie sich zuvor mit ihm gegen einen dritten, wie jetzt mit Leblanc gegen Karoff. Eine überraschende Wandlung widerfährt im Laufe des Filmes Staschas Gesinnung. Liebt sie Leblanc letztlich wirklich und ist ihre Reue über den Mord an ihrem Mann etwa echt? Dass am Ende ein paar Fragen offen bleiben liegt vielleicht an den unglücklich gesetzten Zwischentiteln, vielleicht auch am schwachen Drehbuch. Der aufgebauschte Einstiegskonflikt einer halbherzigen Heirat zwischen den Kindern einer bankrotten und einer florierenden Unternehmerfamilie, wird angesichts des neuen Dreieckskonfliktes, ebenso wie die zuvor eingeführten Person einfach fallen gelassen.
Der späte Stummfilm, der wie Stummfilmwochenorganisatorin Nicole Litzel bei der Einführung erwähnte, vom technischen Standpunkt der Zeit, auch schon ein Tonfilm hätte sein können, wirkt sehr modern. Seine Spannung erhält der Film hauptsächlich durch den Schnitt. Es ist ein Film der Blicke. Ab dem Auftritt der Dietrich werden ständig Blicke gegeneinander geschnitten: Marlenes verführerischer Blick - Leblancs interessierter. Kortners lüstern-verlangender Blick – Marlenes verachtend-kühler. Leblancs zweifelnder - Marlenes verzweifelter Blick. Karloffs misstrauischer – Marlenes unschuldig-verletzter Blick. u.s.w. Beeindruckend wie sich Spannung und Konflikt allein durch diese Blicke darstellen lassen und ein Beweis des Potentials und er Leistung des Genres. Ein weiterer unverzichtbarer Beitrag zur Stimmungserzeugung ist natürlich die Musik. Das Aljoscha-Zimmermann-Ensemble, bestehend aus Sabrina Zimmermann (Geige) und Mark Pogolski (Piano) begleiteten nach der Partitur von Aljoscha Zimmermann den Film musikalisch und unterstützten damit die anfängliche Leichtigkeit und die später tragische Wendung.

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Nebenbei: Das Drehbuch von Ladislaus Vajda (der Vater von Ladislao Vajda, dem Regisseur von Es geschah am helllichten Tag) basiert übrigens auf einen Roman von Kafka-Freund und -Verleger Max Brod. Regisseur Kurt Bernhard machte später als Curtis Bernhardt in Hollywood Karriere. Außerdem gibt es in Eine Frau, von der man sprich die wahrscheinlich erste Drive In-Szene der Filmgeschichte.

Dass es nach der Pause wie aus Kübeln zu Regnen begann, tat der Stimmung an diesen Abend übrigens keinen Abbruch. Zwar bot die Ausweichspielstätte, die Filmgalerie im Leeeren Beutel, in die man nach dem Wettereinbruch gemeinschaftlich umzog, nicht für alle Besucher einen Sitzplatz, aber man rückte zusammen, gab Sitzkissen herum und machte es sich auf dem Fußboden oder Fensterbrettern gemütlich. Fast so wie im Hörsaal - nur schöner.

Die Frau, nach der man sich sehnt, D 1929
Regie: Kurt Bernhardt, Drehbuch: Ladislaus Vajda nach Max Brod, Kamera: Curt Courant + Hans Scheib
Darsteller: Marlene Dietrich, Fritz Kortner, Uno Henning, Oskar Sima, Frieda Richard

Der Mann mit der Kamera und die Frau mit der Schere

1. September 2010 lweser Keine Kommentare

Freitag, 27. August 2010, 20.30 Uhr, 28. Regensburger Stummfilmwoche: Der Mann mit der Kamera (Tschelowek s kinoapparatom) von Dsiga Wertow (UdSSR 1929), musikalisch begleitet von Rainer J. Hofmann und Christoph Becker, Filmgalerie Leerer Beutel

Bei der Stummfilmwoche ist neben Film und Musik ein Drittes nicht wegzudenken: das Geräusch des Projektors. “DssssssDssssss…” raunt es durch die Nacht. Nach jenem Geräusch soll sich der bedeutende Dokumentarfilmregisseur und Filmtheoretiker benannt haben: Dsiga Wertow (Dziga Vertov). Sein bekanntester Film Der Mann mit der Kamera ist am Freitag vermutlich erstmals bei der Regensburger Stummfilmwoche zu sehen gewesen.

Tsiga Wertow - Der Mann mit der Kamera ist sein Bruder Michail Kaufmann

Tsiga Wertow - Der Mann mit der Kamera ist sein Bruder Michail Kaufman

Nach einem verregneten Vormittag riss am Spätnachmittag der Himmel auf und so wurde der Museumshof für die abendliche Veranstaltung vorbereitet. Dass jedoch eine halbe Stunde vor dem geplantem Vorstellungsbeginn der Himmel erneut seine Pforten öffnen würde, war nicht vorhersehbar. Unvorbereitet traf das Gewitter, gepaart mit einem ordentlichen Sturm, Veranstalter und Musiker. Gemeinsam mit den ersten Zuschauern wurde mit vereinten Kräften das Equipment gerettet und zur Filmgalerie geschleppt. Barfuss und mit durchnässten Kleidern spielten Rainer Hofmann und Christoph Becker, sein Kompagnon aus Heidelberg.

Dsiga Wertow geboren als Denis Arkadjewitsch Kaufman 1896 in Białystok, sah sich ganz im Geiste der Oktoberrevolution dazu verpflichtet, sein filmisches Schaffen in den Dienst des Aufbaus eines sowjetisch-sozialistischen Staates zu stellen. In diesem Sinne lehnte es jegliche Inszenierung und somit den Spielfilm an sich ab. Er sah im Dokumentarfilm ein “revolutionäres Potential”. Einzig Schnitt und Montage sah er als legitimes filmisches Mittel an. Selbst auf den Einsatz von Zwischentiteln verzichtete er ganz.

Der Film ist seiner Zeit alleine deswegen weit voraus, weil Wertow darin die Entstehung des Filmes offen legt und somit dem Filmhandwerk an sich huldigt. Der Mann mit der Kamera ist Wertows Bruder, der Kameramann Michail Kaufman, die Frau mit der Schere ist seine Frau, die Cutterin Jelisaweta Swilowa. (Ein dritter Bruder, Boris Kaufman war Kameramann und Oscar-Preisträger in Hollywood.) So kann der Zuschauer die Entstehung des Filmes miterleben vom Dreh, über den Scheideraum bis hin zum fertigen Film.

Der Film besitzt auch eine gewisse Ähnlichkeiten mit Berlin - Symphonie einer Großstadt (D 1927). Die Stadt steht im Mittelpunkt, sowie ihre Bewegung, ihre Schnelligkeit durch Motorisierung und Mechanisierung. Gedreht wurde in Odessa, Kiew und Moskau. Auch der Mensch in dieser Stadt kommt vor. Dabei wird der Unterschied zwischen den Klassen deutlich sichtbar: Zum einem ist da der Arbeiter, der in der Fabrik oder im Bergbau sein Leben und seine Gesundheit riskiert. Auf der anderen Seite die feinen Damen, die mit schönen Hüten und Juwelen in Kutschen spazieren fahren. Das wirkt nun ganz und gar nicht, als sei es mit der sozialistischen Führung abgesprochen. Gut, die meisten Menschen lachen, so als seinen sie voller Hoffnung, aber jene Wahrheit dahinter können sie nicht verbergen. Weiterhin sind Freizeitbeschäftigungen, wie Rummel, Bierhallen und sportliche Betätigung zu sehen. Da wundert man sich schon über so einiges. Zum Beispiel, dass in der Sowjetunion der 20er Jahre Basketball gespielt wurde, oder man auf dem Jahrmarkt auf Schießscheiben in Form alter Frauen mit einem Hakenkreuz auf dem Kopftuch schießen konnte. Auch gab es schon Bauch-Weg-Geräte und freizügige Bademode. Ja, sogar Bikinis waren am Strand weit verbreitet! Manchmal sieht man auch, dass Wertow heimlich gefilmt hat, und dass ihm ziemlich egal war, ob er damit die Intimsphäre der abgebildeten Menschen verletzte. Zwar war das Medium Film zu diesem Zeitpunkt schon dreißig Jahre alt, aber ein Recht auf Persönlichkeitsschutz lag noch in weiter Ferne.

Der Film ist beeindruckend, ohne Frage, doch manchmal gehen mit Wertow ein bisschen die Pferde durch. Dann wirkt Der Mann mit der Kamera zerfahren und hektisch. Eine gute Musik könnte dem entgegenwirken. Viele namhafte Komponisten und Musiker haben sich schon an der Vertonung dieses Werkes versucht, darunter so illustre Namen wie Pierre Henry, Michael Nyman und The Cinematic Orchestra. Der Multiinstrumentalist Rainer J. Hofmann ist in Sachen Film-Scores schon lange bei der Stummfilmwoche dabei, und damit ein alter Hase in dem Metier. Für den heutigen Abend hatte er sich eine Filmmusik aus Samples und E-Piano ausgedacht - einfach und stringent. Soweit, so gut. Die meist aus Maschinengeräuschen erzeugten Loops passten wirklich ganz gut zum Film, ebenso wie die schlichten Klavierakkorde. Die eingestreuten “Störgeräusche” in Freejazz-Manier seines Kollegen Christoph Becker (an diversen Saxofonen und Cajón) waren dagegen ebenso uninspiriert wie störend, leider. Manchmal ist halt weniger doch tatsächlich mehr.

Schön, dass uns das Stummfilmwochen-Team um Nicole Litzel wieder solche Perlen der Filmgeschichte aus den Archiven geholt hat. Man merkt wie wichtig es ist, den Stummfilm als eigenständige Kunstform zu präsentieren. Mit Live-Musikbegleitung, ist das sogar ein doppeltes Vergnügen und ein wahres Kunsterlebnis der besonderen Art. Wir freuen uns auf die 29. Ausgabe.

www.filmgalerie.de | www.musiker-hofmann.de

“Der Geschmack der Liebe ist bitter”

30. August 2010 lweser Keine Kommentare

Salomé von Alla Nazimova (USA 1923) musikalisch begleitet vom Aljoscha Zimmermann-Ensemble, 28. Regensburger Stummfilmwoche, Donnerstag, 26. August 2010, Klostergarten der Minoritenkirche

Der vielleicht letzte schöne Sommerabend des Jahres, die wunderbar romantische Kulisse im Klostergarten der Minoritenkirche und eine Perle der Stummfilm-Ära vereinten sich am Donnerstag bei der Regensburger Stummfilmwoche. Dabei wird dem Stummfilmklassiker Salomé aus dem Jahre 1923 noch nicht lange Lob zuerkannt. Den Film ereilte nämlich das gleiche Schicksal wie seinem literarischen Vorbild. Oscar Wildes gleichnamige Tragödie (1891), wie auch die Illustrationen von Aubrey Beardsley (1893), wurden seinerzeit streng zensiert. Der Film geriet nach mäßigem Erfolg in Vergessenheit. Erst 1993 wurde er wieder entdeckt und restauriert.

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Salomé, der sich inhaltlich streng an Wildes Drama und optisch an Aubrey Beardsleys Illustrationen orientiert, zeichnet sich durch eine eigene, streng künstlerische Ästhetik und durch eine starke, formale und artifizielle Bildsprache im Geiste des Jugendstils aus. Dies gibt dem Film einen durchwegs künstlerischen aber auch einen künstlichen Anstrich. So besticht das Werk weniger durch eine ausgefeilte Geschichte oder Erzählstruktur, sondern mehr durch durchkomponierte Bilder und archetypische Charaktere - ein böser, altersgeiler König, eine Matronen-Königin, stramme Gardisten, junge fesche Pagen, ein weltentrücktes Opfer und Salomé als jungendlich ungestüme Femme Fatale.
Die Nazimova, während des Drehs schon über 40 Jahre alt und etablierter Star in Hollywood und am Broadway, spielt Dank ihrer knabenhaften Statur die junge Salomé glaubwürdig, als eine verwöhnte Göre, die sich ihrer sexuellen Reize bewusst, diese unbarmherzig einsetzt, um zu bekommen was sie will. Eigentlich eine immer noch zeitgemäße Interpretation.

Der hinreichend bekannte biblische Stoff wurde sowohl von Wilde, Beardsley als auch von Nazimova auf seine erotischen Aspekte fokussiert. Salomé, Tochter der Herodias, fordert als Belohnung für den Tanz der sieben Schleier (einziger Schwachpunkt des Filmes) von ihrem Stiefvater und Oheim Herodes, den Kopf Johannes des Täufers, aus Rache dafür, dass dieser ihr einen Kuss verweigert hat und ihren Reizen widerstand. Dies mag recht harmlos klingen, doch die Darstellung von “zweckfreier” Lust und Wilde’scher Dekadenz war im Hollywood der Zwanziger noch verpönt.

Nicht nur die erotischen, sondern auch die rein formalen Aspekte dieses Filmes scheinen zunächst veraltet. Doch durch seine extreme Künstlichkeit bekommt Salomé eine eigene Ästhetik, und lässt den Film weniger als Film erscheinen, denn als eine Art eigenes Kunstwerk, das kein Alter kennt. Anfangs kicherten noch einige Zuschauer über lustige Frisuren oder übertriebene Mimik, doch bald folgte das gesamte Publikum gebannt dem Geschehen auf der Leinwand. Ein Beweis, dass der Film auch nach 90 Jahren noch funktioniert.

Der Film wurde fast ausschließlich von Frauen gemacht. Regisseurin, Produzentin, Choreographin und Hauptdarstellerin Alla Nazimova, Drehbuchautorin, Kostüm- und Bühnenbildnerin Natacha Rambova traten jedoch beide unter männlichen Pseudonym, bzw. dem Namen des Ehemanns in Erscheinung. Das sagt einiges über die damalige Zeit aus. Ebenso verstörend waren wohl einst die Gerüchte, die Nazimova habe die gesamte Film-Crew aus Homosexuellen rekrutiert. Sie soll sogar für Statistenrollen Drags aus den Bars von Los Angeles engagiert haben. Ihr Ehemann Charles Bryant (der nominelle Regisseur), mit dem Sie in einer sogenannten Lavendelehe lebte, war ein glühender Liebhaber von Männern. Ihr selbst wird nicht nur eine Affäre mit ihrer Autorin, die auch Rudolph Valentinos Ehefrau war, nachgesagt, sondern dass sie in ihrer New Yorker Residenz Garden of Allah einen regelrechten Tempel des Lasters betreibe. Das jedes Gerücht ein Fünkchen Wahrheit enthält, ist einigen der Darsteller in Salomé deutlich anzumerken.

Die Musik von Sabrina Hausmann (Geige) und Mark Pogolski (Piano) nach der Partitur von Aljoscha Zimmermann unterstrich hervorragend den dramaturgischen Spannungsboden und die bedeutungsschwere Stimmung. Film und Musik wurden zu einer einzigartigen Einheit. Aljoscha Zimmermanns Tochter Sabrina Hausmann bedauerte, erstmals ohne ihren Vater auf der Regensburger Stummfilmwoche spielen zu müssen. Aljoscha Zimmermann starb im Dezember letzten Jahres. Laut Sabrina Hausmann begleiteten ihr Vater und sie “Salomé” nur ein einziges Mal.

www.filmgalerie.de | www.filmmusik-zimmermann.com

Slapstik im Stummfilm

29. August 2010 lweser Keine Kommentare

Zwei frühe Kurzfilme mit Max Linder und Wie sich der Kientopp rächt, 28. Regensburger Stummfilmwoche, musikalische Begleitung von Eberhard Geyer, Klostergarten des Historischen Museums

Eröffnet wurde die 28. Regensburger Stummfilmwoche am Mittwoch im Klostergarten der Minoritenkirche mit einem Kurzfilmprogramm und mit Das Eskimobaby von Walter Schmidthässler (D 1918) mit Asta Nielsen in der Hauptrolle. Begeleitet wurden die Filme vom Regensburger Pianisten Eberhard Geyer.

Stilbewußtsein bei der Stummfilmwoche. War da etwa der leibhaftige Max Linder an der Kasse?

Stilbewußt bei der Stummfilmwoche. War da etwa der leibhaftige Max Linder an der Kasse?

Zwei Kurzfilme aus dem Jahre 1909 mit dem großen französischen Komiker und Stummfilmpionier Max Linder, der vermutlich auch Regie bei diesen beiden Filmen führte, leiteten die Veranstaltungsreihe ein. Linder war der wohl erste Star der Kinogeschichte. Er kämpfte damals schon mit den Tücken moderner Technik und Situationskomik war, neben galanten Andeutungen, bereits sein Markenkennzeichen. So galt er vielen späteren Filmkomikern als Vorbild, auch Charlie Chaplin.
Dass der Humor seiner Filme heute nur noch bedingt funktioniert, ist klar. Er würde sich für Kinder eigenen, wäre nicht die sexuell geprägte Färbung. Jedoch muss man sich bewusst machen, dass diese Filme 100 Jahre alt sind, und zu einer Zeit entstanden, als die Moderne erst an der Tür der Weltgeschichte klopfte.
Der dritte Kurzfilm Wie sich der Kientopp rächt (von Gustav Traugold, D 1911/12) besitzt ebenfalls diese pikante Färbung. Auch hier sind Humor und Handlung schlicht gestrickt. Doch es wird uns zusätzlich ein Bild von den Anfängen des Kinos und den Schwierigkeiten vermittelt, auf die das neuen Medium stieß. Nicht alle standen ihm aufgeschlossen gegenüber. Es gab Gesellschaften, die der Kinematographie im Namen der guten Sitten den Kampf angesagt hatten. Der Film zeigt, wie sich die Filmemacher mit den Mitteln ihres Faches auf dem Argumentationsfelde ihrer Gegner (der Moral) wehren.
Bemerkenswert waren an diesem Film auch die Außenaufnahmen. Gedreht wurde offenbar an einem Ostseebad - alles stilecht mit Strandkörben, Seebrücke und Frauen in feschen Badeanzügen. Nur die Männer waren natürlich hochgeschlossen, im Maßanzug am Strand. Irgendwie auch kein Wunder, hatte man noch ein Portrait von Wilhelm II. im Salon hängen.

Eberhard Geyer improvisierte dazu beschwingt am Klavier, baute bekannte Schlager ein und unterstützte so den humorigen Ton und das flotte Tempo der Filme. Ein gelungener Auftakt!

Die 28. Regensburger Stummfilmwoche startet bald

18. August 2010 ffranc Keine Kommentare

Gut dass bei dem Sauwetter die Stummfilmwoche erst am 25. August beginnt. Bis dahin ist der Sommer vielleicht auch wieder zurückgekehrt. Vier Vorstellungen an vier Tagen wird es heuer geben, und dieses Mal findet das Spektakel unter dem Motto Dekadenz und Utopie wieder im Innenhof des Museumscafés im Klosterhof des Historischen Museums am Dachauplatz statt.

Asta Nielsen auf Schlittenfahrt im Film "Das Eskimobaby"

Asta Nielsen auf Schlittenfahrt im Film "Das Eskimobaby"

Die vom Arbeitskreis Film organisierte Stummfilmwoche kann in ihrer neuesten Ausgabe mit einer Sensation und einer traurigen Nachricht aufwarten. Aljoscha Zimmermann, einzigartiger musikalischer Filminterpret und Dauergast der Stummfilmwoche, ist leider Ende des letzten Jahres verstorben. Er persönlich wird nicht mehr in Regensburg zugegen sein, sein Werk jedoch, werden seine Tochter Sabrina Hausmann und Mark Pogolski als Aljoscha-Zimmermann-Ensemble weiterführen. Dieses übernimmt die musikalische Interpretation für Salomé (USA 1923, Charles Bryant aka Alla Nazimova), die opulent dekadente Verfilmung von Oscar Wildes Stück, und, das ist die Sensation, Metropolis (D 1927, Fritz Lang). Es läuft nämlich die rekonstruierte Urfassung von Langs expressionistischer Zukunftsvision, die heuer auf der Berlinale Premiere feierte und inzwischen als einziger Film zum Weltdokumentenerbe der UNESCO gehört. Welterbe im Welterbe also!
Der Film das Eskimobaby (D 1918, Walter Schmidthässler) eröffnet die Stummfilmwoche mit einer Komödie und der dänischen Diva Asta Nielsen als Inuit-Frau in Berlin. Im Vorprogramm sind noch Kurzfilme der Franzosen Max Linder zu sehen. Die Musik an diesem Abend kommt von regensburger Pianisten Eberhard Geyer.
Der vierte Streifen ist der poetische Dokumentarfilm der Mann mit der Kamera (SU 1929, Dziga Vertov). Darin zeigt uns der russische Regisseur technisch versiert und experimentierfreudig ungewöhnliche Blicke auf Moskau, Kiew und unserer Partnerstadt Odessa als Utopie einer idealen Stadt. Der Multiinstrumentalist Rainer J. Hofmann wird den Film musikalisch kongenial begleiten.
Zum erleichterten Übergang vom Open-Air-Kino hin zum jahreszeitlich passenderen Kinosaal, zeigt die Filmgalerie im Anschluss an die Stummfilmwoche den Dokumentarfilm When Silence sings - Wenn stumme Bilder singen (D 2005, Irina Goldstein). Darin portraitiert die Autorin ihren Vater, den oben bereits erwähnten Aljoscha Zimmermann. Dieser hat seit 1988 als Stummfilmmusikkomponist an die 400 Partituren geschrieben und auch live umgesetzt, u.a. auch mit dem Klarinettisten Giora Feidmann, und gilt zu Recht als großer Meister seines Fachs.

Alle Filme im Überblick (Beginn: 20:30 Uhr)
Mi., 25.08. DAS ESKIMOBABY
Do., 26.08. SALOMÉ
Fr. 27.08. DER MANN MIT DER KAMERA
Sa. 28.08. METROPOLIS (in der Minoritenkirche)
und von
So. 29.08. bis Mi. 01.09 (Beginn: 20:00 Uhr, in der Filmgalerie) WHEN SILENCE SINGS – WENN STUMME BILDER SINGEN

Das Programm liegt überall in der Stadt aus. Sonst: www.filmgalerie.de

AKF - Auferstanden aus Ruinen

7. August 2009 lweser Keine Kommentare

Noch vor wenigen Wochen mochte man geglaubt haben der Arbeitskreis Film (AKF), Betreiber zweier Kinos in Regensburg und Veranstalter unter anderem der Regensburger Kurzfilmwoche, liege im Sterben. Eine Veranstaltungsreihe nach der anderen (Stummfilmwoche, Open-Air-Kino, Kurzfilmwoche), sowie Kurzfilmwochenleiter, Geschäftsführer und zuletzt auch noch der Vorstand, brachen weg.

Nun gibt der Totgesagte wieder Lebenszeichen von sich. Und zwar keine Sterbensröchler sondern energiegeladene Schritte in eine zwar ungewisse, aber vorhandene Zukunft. Die hoffentlich hinter ihm liegende Krise ist bei weitem nicht die erste in der der AKF jemals steckte, doch sicher eine der schwersten. Eigentlich hat sich der AKF neu erfinden müssen, ein Prozess der wahrscheinlich noch lange nicht abgeschlossen ist.

Neu aufgestellt und durchgemischt
Doch wir wollen hier nicht die Krise, sondern den Neuanfang beleuchten, die neuen Gesichter und wiederbelebten Projekte vorstellen.

Schließlich musste die komplette Führungsriege, Vorstand, Geschäftführung und Kurzfilmwochenleitung, neu besetzt werden.

Der langjährige Geschäftsführer Medard Kammermeier, wurde von Sabine Schöbel abgelöst. Eigentlich eine alte Bekannte, denn sie war bereits vor fünfzehn Jahren Teil der dreiköpfigen Geschäftsführung des AKF Regensburg. Die Geschäftsführung teilten sich damals Medard Kammermeier, Martin Dorsch und eben Sabine Schöbel. Seither war die promovierte Filmwissenschaftlerin vorallem in Berlin umtriebig.

Der neue gewählte Vorstand des AKF besteht aus altbekannten Mitgliedern und Filmvorführen: Jürgen Wydra, Stefan Brendel und Florian Edelmann. Jürgen Wydra möchte den Verein in Regensburg neu positionieren. Das Kinopublikum habe sich geändert und heute müsse man anders für den Verein werben, als noch vor zehn Jahren. So möchte er vor allem die größten Minderheiten in Regensburg, Osteuropäer und Türken, mit Originalversionen ins Kino locken. Auch die Programmverteilung müsse über die Altstadt hinaus betrieben werden.

Seit neusten steht auch das Kurzfilmwochen-Führungs-Duo. Mit Markus Prasse und Barbara Klobouk gab es ja bereits einige Jahre das eigentlich bewährte Modell der geteilten Kurzfilmwochenleitung. Nur im vergangen Jahr musste Herr Prasse wieder die gesamte Verantwortung allein tragen. Als er dann seine Kündigung bekannt gab herrschte verzweifelte Betroffenheit und lähmende Starre. Zu lange, so dass der Posten einige Monate vakant blieb und das Schicksal der Kurzfilmwoche in den Sternen stand. Mit Paul Müller (ebenfalls Filmvorführer beim AKF) und Insa Wiese (frisch vom Kurzfilmfestival Hamburg) hat man nun endlich auch wieder ein Kurzfilmwochenleitungsteam. Für eine diesjährige Kurzfilmwoche allerdings zu spät. Doch keine Panik, es wird eine 16. Regensburger Kurzfilmwoche geben - nur eben statt im November dieses Jahres, im März des kommenden. Für alle, die sich den Termin schon einmal vormerken wollen: es ist der 17. bis 25. März. Trotz der Terminverschiebung bleibt für die Vorbereitung nicht mehr so viel Zeit, wie sonst. Das wird wohl ein etwas abgespecktes Rahmenprogramm zu Folge haben. Doch die Wettbewerbe werden beibehalten.

stufideputti

Zunächst steht jedoch ein weiteres Aushängeschild des AKF an, das fast schon ein bisschen in Vergessenheit geraten ist: Die Stummfilmwoche. Zum 27. Mal wird sie veranstaltet und ist damit das älteste Stummfilmfest Deutschlands. Im letzten Jahr ist sie mehr oder weniger ausgefallen. Weil das eigentlich nicht sein darf, wurden sie an ein paar Tagen im Winter nachgeholt. Dieses Jahr ist sie wieder im Sommer zu erleben, vom 13.-16. August, im Hof des fürstlichen Brauhaus, der den Vorteil hat, dass eine Überdachung auch die Aufführungen bei Regen ermöglicht. Nur vier Vorstellungen wird es in diesem Jahr zu sehen geben. Damit ist die diesjährige Regensburger Stummfilmwoche die kürzeste die es je gab. Dass es sie überhaupt gibt verdankt der AKF seinem Mitglied Nicole Litzel, die sich kurzerhand entschloss, nachdem die alte Geschäftsführung das Handtuch geworfen und die neue noch nicht vor Ort war, die Veranstaltung zu organisieren. Der Stummfilm ist einfach ihre große Leidenschaft und wenn nicht auf einer solchen Veranstaltung, wo sonst, könne man dem ursprünglichem Ambiente des Stummfilms näher kommen. Und eines ist sicher, eine Fernseh- oder DVD-Vorführung vermag kaum das Gefühl der damaligen Zeit hervorzurufen, denn dazu gehört vor allem eines: die Live-Musik-Begleitung. Für die musikalische Begleitung konnten erneut sehr gute Musiker gewonnen werden, unter Anderem wieder die Koryphäe seines Faches, Aljoscha Zimmermann.

Nahende Veränderungen
Neben den bereits erwähnten neuen Stoßrichtungen des AKF, dem bisher stark vernachlässigten Osteuropäischen Kino mehr Beachtung zu schenken und auch mit ein paar türkischen Filmen das Programm zu bereichern, wird es auch zu ein paar räumlichen Veränderungen kommen. Ende August soll die Filmgalerie für eine Woche geschlossen werden, um notwendige Sanierungsarbeiten vorzunehmen. Die Büros von Geschäftsleitung und Kurzfilmwoche werden getauscht. Das im Andreasstadel befindliche Büro ist einfach größer und an der Kurzfilmwoche sind immer so viele Menschen beteiligt, dass ein größeres Büro dringend notwendig ist. Und dann wird sich der AKF wohl über kurz oder lang von seinem zweiten, dem im Sommer 2004 eröffneten Kino Wintergarten im Andreasstadel trennen. Der Betrieb lohne sich einfach nicht mehr seit der neue Pächter des angrenzenden Restaurants sein im Mietvertrag verankertes Recht des alleinigen Getränkeausschanks im Andreasstadel geltend machte. Die vorherigen Pächter hatten kulanter Weise darauf verzichtet. Immerhin macht ein Kino circa ein Viertel bis ein Drittel seiner Umsätze über dem Getränkeverkauf. Es gibt bereits einen Interessenten für den Wintergarten, der ehemalige Geschäftsführer des AKF und nunmehriger Kinobetreiber des kleinem DVD Kinos im Akademiesalon. Aber natürlich muss zuerst das Ergebnis der offiziellen Ausschreibung abgewartet werden. Bis dahin überlegt man beim AKF den Wintergarten vorrübergehend an Herrn Kammermeier zu vermieten.

Eines aber soll Gottlob beibehalten werden. Der AKF wird weiterhin 35mm-Filme zeigen. Wer auf der Französischen oder Spanischen Woche einige Filme gesehen hat, wird vielleicht mit Entsetzen festgestellt haben, dass die eine oder andere Projektion von DVD kam. Das lag aber nicht daran, dass der AKF Geld sparen wollte, sondern dass es manche Original-Kopien in Deutschland einfach nicht gibt. Und dann kommt doch das liebe Geld ins Spiel, denn Kopien aus Frankreich und Spanien schicken zu lassen ist einfach wahnsinnig teuer. Beim nächsten Mal sollte im Programm aber wenigstens vermerkt werden, dass man eine DVD sehen wird, für echte Cineasten ist das nämlich durchaus ein ausschlaggebender Punkt.

Im Großen und Ganzen ist die Arbeit des AKF nicht einfacher geworden. Jedes Jahr müssen erneut Sponsoren für die verschiedenen Veranstaltungen gefunden werden. Trotz der Wirtschaftskrise gibt es aber noch Personen und Firmen die Sponsoring übernehmen. Dennoch ist das Geld eigentlich ständig zu knapp. Zum Glück gibt es die Stadt Regensburg, die als Förderer des Vereins konstant hinter ihm steht und wenigstens ein Grundbudget liefert. Aber der finanzielle Aspekt ist das eine, die ausführenden Köpfe und Hände, das Andere. 34 Mitglieder hat der Verein nur. Mit ihnen steht und fällt er. Ohne ihren unermüdlichen, ehrenamtlichen Einsatz wäre Regensburg kulturell ärmer. Wollen wir hoffen, dass bei allen verständlichen menschlichen Auseinandersetzungen, die in jedem Verein auch stattfinden, die Freude und Leidenschaft am und für den Film dabei immer im Mittelpunkt bleibt und die Zuschauer die Mühe mit zahlreichen Kinobesuchen belohnen.

Txalapartamania

17. Juni 2009 lweser Keine Kommentare

Eröffnungsabend Cinemania 2009 - 2. Spanische Film und Kulturwoche

Flamencola

Flamencola

Wenn man die spanische mit der französischen Film- und Kulturwoche vergleicht (Erste ist aus Letzter hervorgegangen), drängen sich zweierlei Beobachtungen auf: zum Einen scheint es mehr Exilspanier in Regensburg zu geben als Exilfranzosen und zum Anderen stehen der Spanische Woche wohl größere finanzielle Mittel zur Verfügung. Die zweite Beobachtung stimmt, die erste scheint nur zu stimmen.

Gemeinsam ist beiden, neben der ehernen Bemühung im Zeichen der Völkerverständigung Film und Kultur eines europäischen Landes den Regensburgern näher zu bringen, der AKF und Pedro Álvares Olañeta. Der Arbeitskreis Film ist hier neben dem Forschungszentrum Spanien der Universität Regensburg, Mitveranstalter der Spanienwoche. Pedro, der die französische Woche beim Eröffnungsabend meist musikalisch unterstützt, ist hier Hauptverantwortlicher, treibende Kraft und gute Seele - und, was man seinem Namen eher nicht anhört: er ist Baske und damit wohl auch das Bindeglied zum diesjährigen Themenschwerpunkt.

Das Eröffnungsfest am Sonntagabend fand ohne Konkurrenzveranstaltungen und Regenversuchen zum Trotz, im Innenhof der Bodega statt. Der Hauptact bestand aus Aitor und Mari Beltrán zwei berühmten baskischen Txalapartaspielern. Die Txalaparta ist ein traditionelles baskisches Percussioninstrument, welches jeweils mit zwei Holzschlägern gespielt wird und an ein überdimensioniertes Xylophon erinnert. Schade, dass die elektrische Verstärkung einen Teil der ohne Zweifel dem Instrument innewohnenden Atmosphäre geschluckt hat. Nach den drei Liedern wechselten Vater und Sohn ihre Instrumente. Bei den anschließenden Wallfahrtsliedern erhielten sie gesangliche Verstärkung von Nylea Mata Castella und instrumentale von Pedro an der Gitarre. Dann folgte eine Tanzdarbietung von Nylea Mata Castella, die Regensburgern vor allem als Ballettensemblemitglied des Theaters bekannt sein dürfte. Dabei trug die Flötenmusik der beiden Beltráns die Schöne im baskischen Kostüm. Der Romanistenchor Cormania durfte zum Abschluss auf die Bühne und gab mediterrane Schlager zum Besten.

Das gesamte Eröffnungsprogramm war ein bisschen zu lang und ein bisschen zu laut (vom Chor einmal abgesehen), was jedoch der Begeisterung des Publikums kein Abbruch tat, der der Nachbarn schon. Anschließend wurde in der Bodega weitergefeiert.

Aitor und Mari Beltrán an der Txalaparta

Aitor und Mari Beltrán an der Txalaparta

 

Die 2. Spanische Film und Kulturwoche läuft noch bis 24.06. Das vielfältige Programm (Konzerte, Parties, Vorträge, Ausstellungen, Tänze, Kulinarisches und natürlich jede Menge Filme) an den verschiedensten Veranstaltungsorten entnehmen Sie bitte dem Programmheft. Mehr Infos gibt es auch unter: www.spanische-filmwoche.de,  www.filmgalerie.de oder im Wohin.

Wenn der Duft von Maiglöckchen Erinnerung weckt

21. Mai 2009 lweser Keine Kommentare

7. Französische Film- und Kulturwoche: Familles et souvenirs 6. - 13. Mai 2009
Eröffnung am 6. Mai 2009 im Wintergarten/ Kino im Andreasstadel: souvenirs, souvenirs
Fête du muguet (Fest des Maiglöckchens). 1. Mai-Feier am 9. Mai im Orphée

Eine Woche lang im Mai gibt es jedes Jahr in Regensburg ein reges französisches Kulturleben. Die französische Film- und Kulturwoche (Im Folgenden kurz Frankreichwoche genannt) findet in diesem Jahr bereits zum siebten Mal statt. Zu verdanken hat Regensburg das Medard Kammermeier und Marianne Mion, die diese Woche gemeinsam mit Unterstützung von Freunden und Sponsoren im Namen des Arbeitskreis Film, organisieren. Die Frankreichwoche steht in diesem Jahr unter dem Thema “Familles et souvenirs” (Familien und Erinnerungen). Das merkt man der Veranstaltung an. Eine sehr familiäre Stimmung herrschte zumindest bei der Eröffnungsfeier im Wintergarten und bei der Fête du muguet (Fest des Maiglöckchens) im Orphée.

Normalerweise ist der Eröffnungsabend der Frankreichwoche auch ihr Höhepunkt. Mit viel Herzblut treten hier alljährlich zahlreiche Regensburger Künstler auf. Dieses Jahr war die Veranstaltung leider nicht so gut besucht wie in den letzten Jahren und auch der Flow war nicht der gleiche wie in den Jahren zuvor.

Der Abend wurde von Marianne Mion mit entzückendem französischen Akzent eröffnet. Moderator Boris Kasbauer wies darauf hin, dass es sich, trotz der schwarzer Kleidung und des Blumengestecks, nicht um eine Trauerfeier handele, wenngleich Erinnerungen stets auf etwas Vergängliches verweisen.

Der unumstrittenen Höhepunkt des Abends war der Auftritt des Kosmos Ost Singkreises mit Freunden. Kosmos Ost – die berühmt berüchtigte Fußballdamenmannschaft der Kinokneipe - kann auch singen und beweist dabei viel Kreativität: Ihre Interpretationen, “C’est la ouate” von Caroline Loeb und ein Song von Stereolab waren absolut überzeugend. Besonders hervorzuheben sind auch die Gesangs- und Pfeifdarbietungen von Rainer J. Hofmann und Pedro Alvares Olaneta, die bereits zum zweiten Mal als Duo das Publikum begeisterten. Wie immer ging auch diesmal einiges schief. Der angekündigte Christoph Malz erschien erst gar nicht und ein vom Moderator extra für diesen Abend übersetzter Videoclip wollte partout nicht laufen. Das gehört dazu, und mit mehr Perfektion wäre die Veranstaltung wohl nicht halb so charmant.

Rainer Hofmann & Bertl Wenzl

Rainer Hofmann & Bertl Wenzl

In Frankreich schenkt man sich am 1. Mai Maiglöckchen. Das bedeutet Glück für das gesamte Jahr. Ob das auch am 9. Mai funktioniert? Am 9. Mai jedenfalls feierte das Orphée (das europaweit bekannte Regensburger Restaurant und Hotel französischer Art) im Rahmen der Frankreichwoche, den 1. Mai. Die Tische waren natürlich mit Maiglöckchen geschmückt und es gab eine extra für diesen Abend zusammengestellte Speise- und Getränkekarte. Mit dem Akkordeon sorgte Rainer Hofman (Trio Trikolore) für die angemessene musikalische Untermalung. Unterstützung erhielt er dabei von Bertl Wenzel (Die Negerländer) am Saxophon. Die Gäste waren Exil-Franzosen, Freunde und Bekannte der Organisatoren und weitgereiste Gäste des Hotels.

Auf der Frankreichwoche gibt es außerdem die Party Tour de France mit Thomas Bohnet im leeren Beutel, cinéfête (französisches Kino für Schulklassen), eine multilinguale Lesung mit musikalischer Begleitung, ein interkulturelles Seminar und natürlich jede Menge französische Filme: eine Mischung aus Neuheiten und Klassikern.

Wollen wir hoffen, dass Herr Kasbauer mit der Leugnung einer Trauerfeier Recht hatte und es im nächsten Jahr eine 8. Französische Film- und Kulturwoche geben wird.