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Artikel Tagged ‘Autobiografie’

Buch-Tipp: Träume in Zeiten des Krieges

21. Juli 2012 sgruen Keine Kommentare

“Vielleicht sind es Mythen ebenso sehr wie Tatsachen, die selbst in Zeiten des Krieges die Träume am Leben halten?”

(Sigrid Grün)

Ngugi wa Thiong’o, geboren 1938 in Kamirithu/Limuru in Kenia, gilt seit mehreren Jahren als heißer Anwärter auf den Nobelpreis für Literatur. Eines seiner bedeutendsten Werke ist Wizard of the Crow (dt. “Herr der Krähen”), eine großartige Satire, die den Typus des autokratischen afrikanischen Diktators in einzigartiger Weise umschreibt.

Träume in Zeiten des Krieges. Eine Kindheit hat - wie der Untertitel es ankündigt - die Kindheit und Jugend des Kenianers zum Thema. Von der Geburt in eine polygame Gemeinschaft hinein bis zum Eintritt in die Oberschule beschreibt der Autor den Alltag in der afrikanischen Provinz Limuru. Der kleine Ngugi wächst gemeinsam mit seinen Brüdern und vielen Halbgeschwistern bei seiner Mutter und weiteren Frauen seines Vaters auf dem väterlichen Grund und Boden auf. Nach innerfamiliären Konflikten und der Pleite des Vaters verlässt die Mutter das Haus und Ngugi und sein Bruder folgen ihr bald. Die Mutter kämpft sich als Alleinerziehende durch und möchte ihren Söhnen ein besseres Leben ermöglichen - durch Schulbildung. Sie stellt hohe Anforderungen und verpflichtet Ngugi dazu, stets sein Bestes zu geben. Dieser Wunsch treibt den Jungen an. Während er tagsüber als Teil einer traditionellen Bauernfamilie eine “normale” kenianische Kindheit durchläuft - mit selbstgebauten Schubkarren und vergnüglichen Kinderspielen, sitzt er nachts über seinen Aufgaben und gibt sein Bestes. Mit Erfolg. Denn er wird später an einer der renommiertesten Oberschulen des Landes aufgenommen. Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg, der nicht nur durch die ärmlichen Verhältnisse und Konflikte im Elternhaus führt, sondern auch durch die schrecklichen Kriegsjahre, die geprägt sind von grausamen Festnahme- und Ermordungsaktionen des Regimes. Als sich der große Bruder der Mau-Mau-Guerilla anschließt, die für die Befreiung der Afrikaner kämpft, sieht sich Ngugi mit großen Ängsten konfrontiert. Denn er darf den Aufenthaltsort seines Bruders in den Bergen nicht verraten. Eines Tages gerät er gemeinsam mit seinem Schulfreund Kenneth in eine der gefürchteten Massenüberprüfungen, in deren Rahmen man von einem “gakunia”, einem Kapuzenmann, denunziert werden konnte - was eine Internierung oder gar die Ermordung durch die Soldaten zur Folge haben konnte. Die Ängste des Jugendlichen machen einem bewusst, welche unfassbaren Dinge damals in Kenia geschahen - und es erscheint als unerträglicher Hohn, dass diese schrecklichen Menschenrechtsverletzungen von der verantwortlichen britischen Regierung bis ins Jahr 2012 offiziell geleugnet wurden.
Ngugi wa Thiong’o hat ein wichtiges und ein berührendes Buch über seine Kindheit geschrieben. Anders als bei den Kindheitserinnerungen des nigerianischen Nobelpreisträgers Wole Soyinka steht nicht der kleine Junge im Mittelpunkt der Erzählung, sondern eher die Welt um diesen Jungen herum. Oft erzählt er fast nüchtern vom Leben in Kenia in den schweren Zeiten des Mau-Mau-Krieges. Andererseits sind manche Passagen sehr persönlich, etwa wenn es um seine Beschneidung geht. Vor allem ist “Träume in Zeiten des Krieges” aber eine Entwicklungsgeschichte, die aufzeigt, wie ein Junge, der einer traditionellen kenianischen Bauernfamilie entstammt und immer barfuß lief, in eine andere Welt gelangt - in jene der Oberschule und der Schuhe.
Thomas Brückner hat das Buch wunderbar übersetzt und mit einem sehr gelungenen und aufschlussreichen Nachwort versehen.
Fazit:
Träume in Zeiten des Krieges ist ein Buch, das ebenso berührt wie informiert. Es ist wichtig, Menschen wie Ngugi wa Thiong’o Gehör zu schenken, denn sie erzählen von einer Zeit, in der sich Ungeheuerliches zugetragen hat und die noch nicht lange zurückliegt. Und zugleich erzählt hier eine große Erzählstimme von einer Kindheit zwischen Mythen und Tatsachen in der Mitte des 20. Jahrhunderts.

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Ngugi wa Thiong’o (Autor)
Träume in Zeiten des Krieges. Eine Kindheit
www.a1-verlag.de
264 Seiten

Buchtipp: Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend von Andreas Altmann

24. Oktober 2011 sgruen Keine Kommentare

Eine deutsche Geschichte

(Sigrid Grün)

Andreas Altmanns Buch zu lesen ist eine überwältigende Lektüreerfahrung. Man frisst sich durch die Seiten und fragt sich stellenweise bei jedem Satz “wie, wie, wie, wie nur kann ein junger und schutzloser Mensch das aushalten?”

Der Autor, preisgekrönter Reisereporter und Wahlpariser, schreibt hier über seine Kindheit und Jugend im “Gnadenort” Altötting: Das ganze Leben der Familie kreist um ein Epizentrum, um ein schwarzes Loch, das alles verschlingt: F.X. Altmann, seines Zeichens “Rosenkranzkönig”, Ehemann und Vater von vier Söhnen und einer Tochter. Nach der Rückkehr aus dem Krieg ist er kein fühlender Mensch mehr - zumindest zeigt er es in keiner Weise im familiären Umfeld - sondern eine verrohte Bestie, die ihrem furor teutonicus freien Lauf lässt. Die Mutter weiß dem Vater nichts entgegenzusetzen, zumal die katholische Erziehung sie dazu zwingt, ihrem Gatten Untertan zu sein. Als sie sich während der vorübergehenden Abwesenheit ihres Mannes einen regelrechten Bunker im eigenen Haus baut, wirft er sie aus dem Haus um mit der Haushälterin zu leben.

Und so wachsen die Brüder, die schon von Geburt an auf ihre “Schwänze” reduziert werden und die kleine Schwester in einer vergifteten Atmosphäre auf, die einem den Atem nimmt.

Der Vater - im Gnadenort Altötting von allen geachtet - misshandelt seine Kinder körperlich und seelisch. Und auch die Lehrer prügeln drauflos, wenn es nicht so läuft, wie sie es sich vorstellen. Der Religionslehrer bringt den Jungen schon früh den Ekel vor allem Weiblichen ein - und diese Traumatisierung sitzt tief.

Andreas Altmann schreibt offen über das Wachwerden seiner Sexualität, über erste sexuelle Erfahrungen und über die Unterdrückung all dieser Gefühle durch das streng katholische Umfeld. Und das wirklich Wunderbare und Berührende, das Besondere an diesem Buch, ist die absolute Offenheit des Autors. Diese hat nichts mit Exhibitionismus zu tun - sondern damit, dass man die Verletzlichkeit des Menschen klar herausstellt und aufzeigt, welches schlimme Vergehen es ist, wenn diese Verletzlichkeit von Erwachsenen missbraucht wird.

In einem umfangreichen Nachwort schreibt der Autor darüber, wie es in seinem Leben weiterging. Er berichtet von seinem umfassenden Gefühl, selbst unzulänglich zu sein - etwa in seinem Beruf als Schauspieler. Er macht eine Therapie nach der anderen, doch erst im Alter von 34 Jahren erkennt er, was er wirklich will und kann: Reisen und darüber schreiben. Mittlerweile ist Altmann einer der bekanntesten Reiseschriftsteller Deutschlands - ich kannte ihn auch aufgrund einiger seiner Reisebücher schon bevor ich dieses Buch las.

Nach der Lektüre dieses Buches kann man sich nur wünschen, dass möglichst viele Menschen in Deutschland es lesen, denn es ist ein wichtiger Beitrag zur Geschichte des 20. Jahrhunderts. Dieses Buch sollte in Schulen gelesen werden - v.a. in Bayern und im ganzen Land. Ich bin mir sicher, die Schüler wären begeistert! Und sie könnten sicherlich mehr lernen, als aus sämtlichen Schullektüren zusammen.

Unbedingt lesen!

Der Autor liest heute abend bei Bücher Pustet in Passau, am 10. November bei Bücher Pustet (Gesandtenstraße) in Regensburg und am 22. November bei Pustet in Landshut.

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Andreas Altmann (Autor)

Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend

www.piper-verlag.de

256 Seiten