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Artikel Tagged ‘Buch-Tipp’

Buch-Tipp: Rother Wanderführer Oberpfälzer Wald

23. März 2014 sgruen Keine Kommentare

Nordostbayerische Routen

(Sigrid Grün)

Der Rother Wanderführer Oberpfälzer Wald war Eva Krötz’ erster Wanderführer. Auf der Karte des Rother Verlages war die Region bis vor wenigen Jahren noch ein “weißer Fleck”, den die mittlerweile schon sehr erfahrene Wanderführerautorin ausfüllte. Damals wollte sie eigentlich nur wissen, ob denn kein Wanderführer für die Gegend geplant sei - und erhielt so vom Verlag die Möglichkeit, das Desiderat selbst aufzuheben. Mittlerweile hat Eva Krötz bereits vier Wanderführer verfasst oder überarbeitet und sie arbeitet schon an der Umsetzung weiterer Projekte. Der Wanderführer Oberpfälzer Wald liegt nun schon in der zweiten, aktualisierten und um GPS-Daten erweiterten Auflage vor.
Änderungen der Wegverläufe sind bei Wanderführern immer wieder vonnöten, erklärt die Autorin in einem Interview. Wege ändern sich. Zum Beispiel weil private Waldbauern ihre Grundstücke nicht mehr von Wanderern betreten wissen wollen. Dann müsse man eben Forstwegumleitungen in Kauf nehmen. Auch Ummarkierungen durch den Waldverein sind möglich. Deshalb erwandert Eva Krötz die Routen immer wieder, um die Streckenverläufe auf dem neuesten Stand zu halten und auch neue, interessante Wege jenseits der markierten Pfade in ihre Tourenvorschläge aufzunehmen.
Eine ausgesprochen witzige Besonderheit ist übrigens auf dem Weg über den Haselstein zum Mittelpunkt Europas (Tour 26) zu finden: Hier steht tatsächlich “Evas Bankerl” - eine Bank, die nach der Autorin benannt wurde, die die zuständige Stelle auf die großartige Aussicht von diesem Punkt aus auf die Burgruine Flossenbürg aufmerksam gemacht hatte.

Eva Krötz (Autorin)
Rother Wanderführer. Oberpfälzer Wald. Böhmischer Wald. Ceský les.
www.rother.de
176 Seiten; 178 Fotos

Buch-Tipp: Rund um Regensburg - Rother Wanderführer

12. April 2013 sgruen Keine Kommentare

Der beste Wanderführer für die Region

(Sigrid Grün)

“Rund um Regensburg” ist der vierte Wanderführer der Autorin Eva Krötz. Die passionierte Wandererin und Radfahrerin wurde zufällig Autorin. Als sie auf der Suche nach einem guten Wanderführer für den Oberpfälzer Wald war, wandte sie sich an den Rother Verlag, der für seine guten Wanderführer bekannt ist. Da das Gebiet damals noch eine weiße Fläche auf der Rother-Deutschlandkarte war, fragte der Verlag gleich nach, ob Eva Krötz nicht selbst einen Wanderführer für die Region verfassen wolle. Nachdem sie eine Beispieltour (”Steinerne Wand”) entworfen und dem Rother Verlag zugeschickt hatte, war schnell klar, dass sie den Wanderführer machen würde. Die Überarbeitung des Wanderführers “Bayerischer Wald” und der neue Band zum “Goldsteig” folgten. Nun widmet die Regensburger Autorin sich der Region rund um ihre derzeitige Heimatstadt. Auf 52 Touren führt sie uns durch die Domstadt (Tour 1) und durch das abwechslungsreiche Umland.
Dabei gelingt es ihr, die Vielfalt dieser Region pefekt einzufangen. Von den anmutigen Landschaften im Altmühl- und Labertal, über stadtnahe Wanderungen, Donaurandbruch und Gäuboden bis hin zu den urigen Landschaften des Bayerwaldes und dem Hollertauer Hopfenland ist alles dabei. Eva Krötz, die seit ihrer Kindheit wandert und ihre Leidenschaft zum Beruf machen konnte, hat für jeden Geschmack die passende Wanderung parat. Ob mit Kindern (diese Strecken sind besonders abwechslungsreich, so dass keine Langeweile aufkommt - etwa die Kolmberger Steinewanderung, bei der man zahlreichen Fantasiegestalten aus Stein begegnet - Tour 14), anspruchsvoll (z.B. mit abschüssigen Wegen), kurz (1,5 Stunden) oder lang (knapp 7 Stunden) - 52 Touren mit zahlreichen abwechslungsreichen Varianten abseits der offiziell markierten Wanderwege bieten jedem die Möglichkeit, die Region wandernd zu erkunden.
Jede Wanderung ist ausführlich beschrieben - insbesondere die Varianten abseits der markierten Pfade versprechen dabei besondere Erlebnisse. Die Ausgangspunkte sind häufig mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar. Höhenunterschiede, Anforderungen, Einkehrmöglichkeiten und zusätzliche Tipps (etwa zu besonderen Sehenswürdigkeiten an der Strecke) ergänzen die Tourbeschreibung. Zahlreiche Farbfotos, Kartenausschnitte und Höhenprofile vermitteln sehr gut, was auf einen zukommt. Besonders sympathisch sind die Fotos, von denen so manches dem Betrachter ein Lächeln auf die Lippen zaubert, etwa, wenn die Autorin vergeblich versucht, den “Wackelstein” hoch über dem Regental (Tour 20) zu bewegen - das Geheimnis ist, dass man sich einfach auf den Stein stellen muss!
Die GPS-Tracks für alle Wanderungen kann man sich beim Verlag kostenlos (mit Passwort) herunterladen.

Mittlerweile arbeitet Eva Krötz schon an neuen Projekten. Derzeit bereitet sie ein Wanderbuch für den Bayerischen Wald vor, das im Rother Verlag in der Reihe “Wandern & Einkehren” erscheinen wird. Deshalb hofft sie auf viele Sonnentage im Mai, denn dann wird sie die Wanderungen entwerfen und die Fotos machen. Die Lieblingstour der Autorin ist übrigens die Kaitersberg-Arber-Hochtour, die härteste Tour hat sie im Rahmen der Goldsteig-Wanderung absolviert. 30 Kilometer an einem Tag und dazu noch das frühe Aufstehen sind wahrlich kein Spaziergang! Auf ihren Touren erlebt sie aber auch häufig Lustiges, vor allem dann, wenn ihr Wanderer mit einem ihrer Führer begegnen. Manchmal spricht sie diese Leute an, erwähnt aber nie, dass sie die Autorin des kompakten roten Büchleins ist, das ihr Gegenüber in Händen hält.
Ein Jahr lang hat Eva Krötz für den neuen Wanderführer recherchiert. Jedes Wochenende waren sie und ihr Mann gemeinsam unterwegs. Das Wetter spielt für sie keine große Rolle. Viele Strecken sind bei jeder Witterung reizvoll. Für den dieses Jahr spät anbrechenden Frühling empfiehlt die Autorin die lieblichen Landschaften des Bayerischen Jura - etwa über den Alpinen Steig zur Ruine Loch (Tour 35). An den Kalkmagerrasenhängen blühen zur Zeit die Küchenschellen. Auch die Kuppenalb (Wanderung zur Wallfahrtskirche am Habsberg - Tour 39) sei derzeit besonders zu empfehlen. Am Wochenende soll es perfektes Wanderwetter geben - Eva Krötz’ neuer Wanderführer ist der perfekte Begleiter für einen Ausflug in die Region!

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Eva Krötz (Autorin)
Rother Wanderführer. Rund um Regensburg. Bayerischer Jura - Vorderer Bayerischer Wald.
www.rother.de
223 Seiten; 187 Fotos

Buch-Tipp: 111 Orte in Regensburg und Umgebung, die man gesehen haben muss

7. April 2013 sgruen Keine Kommentare

Mehr als Dom und “Steinerne” - das etwas andere Regensburg

(Sigrid Grün)

Von Abensberg bis Wiesent, vom Stadtosten über die Regensburger Innenstadt nach Stadtamhof - auf eine spannende Reise durch Regensburg und Umland nimmt uns Reiner Vogel in diesem Buch mit. Die Domstadt ist viel mehr als nur “Welterbe” oder mittelalterliches Zentrum, sie ist eine lebendige Stadt mit abwechslungsreichen Stationen, die nicht nur Touristenherzen höher schlagen lassen. Selbst als ortskundiger Regensburgerer findet man tatsächlich noch außergewöhnliche, bisher noch unbekannte Orte, über die man nicht allzu viel weiß. Warum? Weil hier eben nicht nur die historischen Leckerbissen präsentiert werden, die man in allen Kunst- und Reiseführern findet, sondern auch Orte wie z.B. das Gasthaus Schrödl in Reinhausen (die Wiege der bayerischen Sozialdemokraten), die Ganghofersiedlung (hundertmal dran vorbeigefahren, aber was hat es eigentlich mit der Siedlung auf sich?), das Geburtshaus der Karolina Gerhardinger oder der MultiMarkt in der Alfons-Auer-Straße. Der russische MultiMarkt ist übrigens die Neuentdeckung gewesen, die mich am meisten beeindruckt hat! Es ist wirklich wie ein Kurztrip nach Russland - auf alle Fälle ist der große Laden einen Ausflug wert. Auch die Steinfiguren an der Frankenstraße (gegenüber Dultplatz), die schon F.X. Gernstl in seiner Regensburg-Folge beschäftigt haben, sind einer der 111 besonderen Orte, die der Autor hier vorstellt. Natürlich findet man hier auch einiges, was man als Regensburger schon kennt - schlimm wenn’s nicht so wäre! Das Buch ist ja nicht nur für Regensburger, aber eben auch für sie, gemacht und in meinen Augen sehr gelungen.
Jedem Ort ist eine Doppelseite gewidmet. Eine ganzseitige Fotografie zeigt den Ort, ein ganzseitiger Text erzählt etwas über die Geschichte oder die Besonderheiten. In Infokästen (auf der Bildseite) findet man die Adresse, Öffnungszeiten (so vorhanden) sowie Erreichbarkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln, bzw. mit dem Auto.
Es sind (wie der Titel schon sagt) nicht nur Orte in Regensburg, obwohl man sicher auch 111 besondere Orte in der Stadt hätte beschreiben können, sondern auch im Umland.
Enthalten sind u.a. der Kunstweg in Abensberg, die Musikakademie in Alteglofsheim, der Flugplatz Wallmühle in Atting, die Baierweinhänge mit Museum in Bach an der Donau (wärmstens zu empfehlen!), der Heinrichsturm und der Kurpark in Bad Abbach, der Skulpturenweg in Beratzhausen, Brennberg, 2x Burglengenfeld, der Fürstliche Thiergarten Donaustauf, das Schulerloch in Essing, der Lokschuppen in Falkenstein, der Tangrintel und das Waldbad (Hemau), die Künstlerkolonie in Kallmünz, der alte Kanalhafen, der Schleifer- und Stadtknechtturm, das Orgelmuseum und das wunderschöne Klösterl in Kelheim, das Wehrkircherl in Penk (Nittendorf), die Mattinger Fähre und vieles, vieles mehr - natürlich überwiegend in Regensburg selbst. Historische und zeitgenössische Bauten werden gleichermaßen berücksichtigt. Gut so! Das Buch ist ausgesprochen gelungen. Es zeigt wieder einmal auf, was für eine wunderschöne Stadt - mit spannendem Umland - Regensburg ist. Das Buch sei dem Leser dieser Rezension nur wärmstens ans Herz gelegt.

Reiner Vogel (Autor); Maximilian Raab (Fotograf)
111 Orte in Regensburg, die man gesehen haben muss.
www.emons-verlag.de
240 Seiten mit zahlreichen Farbfotos

Buch-Tipp: Dark Angels’ Summer von Kristy und Tabita Lee Spencer

3. Oktober 2012 sgruen Keine Kommentare

Ein beeindruckender All-age-Titel von zwei ostbayerischen Autorinnen

(Sigrid Grün)

Manche Bücher fängt man an, taucht tief in sie ein und kann erst wieder auftauchen, wenn man das letzte Wort gelesen hat. “Dark Angels’ Summer - Das Versprechen” ist so ein Buch. Geschrieben haben es die beiden oberpfälzer Autorinnen Beate Teresa und Susanne Hanika, ein Schwesternpaar, das hier unter amerikanischen Pseudonymen schreibt.
Worum geht es?
Die beiden Schwestern Dawna und Indie kehren gemeinsam mit ihrer Mutter nach längerer Zeit nach Whistling Wing, in das Haus ihrer vor einem Jahr verstorbenen Großmutter zurück. Es sind die magischen 33 Tage im Sommer, in denen die beiden gleich alt sind, nämlich 17. In dieser Zeit passieren immer ganz besondere Dinge und in diesem Jahr erleben die Mädchen diese Tage erstmals ohne ihre geliebte Granny auf Whistling Wing. Die Mutter ist auf dem Eso-Trip und verbringt die ganze Zeit mit einem Guru namens Shantani, während Dawna und Indie die schrecklichen Veränderungen bemerken, die vor sich gehen. Rätselhafte schwarze Vögel kreisen über Whistling Wing und bringen Verderben mit sich. Und die beiden Schwestern merken Stück für Stück, wie wichtig es ist, sich an die Zeit mit ihrer Granny zu erinnern…

Die Geschichte wird abwechselnd aus der Perspektive der beiden Schwestern Dawna und Indie erzählt. So erfährt man als Leser, was genau in den Mädchen vorgeht, denn sie haben zunächst auch Geheimnisse voreinander. Doch schnell stellen sie fest, dass sie nur gemeinsam stark sind.
Anfangs hat man als Leser noch das Gefühl, dass die Schwestern (v.a. die jüngere Indie) den ganzen “Engelskram”, der Shantani, ihre Mutter und die Engelsseminarteilnehmer so umtreibt, für völligen Humbug halten - doch das ändert sich bald und als Leser wird man von der Geschichte mit ihrem mysteriösen Hintergrund so gefangen genommen, dass man das Buch nicht mehr aus den Händen legen kann. Auch die Liebe, die bei 17-jährigen Mädchen ja eine Rolle spielen muss, ist hier natürlich sehr wichtig - bis zum Schluss. Vor allem diese beiden Komponenten: Das Eintauchen in die mysteriöse und furcherregende Atmosphäre in Whistling Wing und das Aufkeimen der Liebe in den beiden Mädchen machen das Buch so wahnsinnig spannend. Alles hängt irgendwie zusammen und Erinnerungen aus der Vergangenheit fügen sich wie Puzzleteile Stück für Stück zu einem Ganzen. Die Spannung wird dabei bis zum Schluss aufrecht erhalten ‘ und sogar noch darüber hinaus.
Das Buch ist flüssig zu lesen und enthält viele wunderschöne Bilder, die einem einfach nahe gehen. Gerade die ersten Erfahrungen in der Liebe werden sehr behutsam ‘ an anderen Stellen aber auch emotional geschildert. Den Autorinnen gelingt es, Worte für das Unsagbare, das sich in Whistling Wing zuträgt zu finden - und diese Schilderungen lassen einem kalte Schauer über den Rücken laufen. Die Sprache der beiden Mädchen ist stellenweise sehr unterschiedlich - allein darüber artikulieren sie schon sehr stark ihre unterschiedlichen Charaktere.

Zu den Figuren:
Dawna ist die ältere Schwester - sie ist genau 11 Monate vor Indie geboren. Und sie ist die Vernünftigere, die sich immer auch um die Mutter sorgt, die immer ziemlich neben der Spur ist. Dawna ist eher sanftmütig, überlegt und sensibel - doch sie kann durchaus auch mal entschieden auftreten. Und wenn die Liebe ins Spiel kommt, ist natürlich auch Dawna nicht mehr nur vernünftig.
Indie ist sehr viel schroffer und aufmüpfiger als ihre große Schwester. Das merkt man allein schon an ihrer Ausdrucksweise - auf der ersten Seite beklagt sie sich z.B. schon mit den Worten: “Mein Arsch ist eingeschlafen!” Und auch später findet sie immer sehr treffende Bezeichnungen für den neuen Liebhaber ihrer Mutter, die vorzugsweise um das Körperteil in der hinteren menschlichen Mitte kreisen. Schon als Kind war Indie die Impulsivere, die nicht so sehr auf alles geachtet hat, was ihre Granny ihr beibrigen wollte. Trotzdem ist sie sehr sensibel und hat auch eine sehr verletzliche Seite. Ihr harsches Auftreten ist also eher ein Ausdruck der Unsicherheit.
Miley ist ein Zigeunerjunge, der etwas älter als die beiden Schwestern ist, und den die beiden schon seit frühester Kindheit kennen. Er kümmert sich um die Pferde, die auf dem Grundstück der verstorbenen Großmutter stehen. Obwohl die beiden Schwestern ihn meist wegschicken, weil sie seine “coole” Art nicht mögen und ihn als lästiges Großmaul empfinden, merkt man, dass es zwischen ihm und einer der beiden Schwestern ganz schön “knistert”.
Weitere wichtige Figuren sind Dawnas und Indies Mutter, die aber sehr viel unwichtiger ist als man meint, deren Liebhaber Shantani ‘ der wiederum eine wichtigere Rolle spielt, als man zunächst annimmt -, die Teilnehmer des Engelsseminars, die Dorfbewohner, die rätselhaften schwarzen Vögel und natürlich die verstorbene Granny, die sich wie ein roter Faden durch das ganze Buch zieht.
Die Figuren sind alle sehr klar gezeichnet - und doch geben sie bis zum Schluss Rätsel auf. Niemand ist, wie er zu sein scheint. Eine zunächst scheinbar unwichtige Figur entpuppt sich schließlich als Schlüsselfigur und eine Person, die im Leben der beiden Mädchen eigentlich eine außerordentlich wichtige Rolle spielen sollte, erweist sich als relativ unwichtig. Gerade das macht das Buch zu einer ungeheuer spannenden Lektüre. Ich habe selten ein Jugendbuch mit derart verblüffenden Wendungen und Überraschungen gelesen. Es ist wirklich nervenzerfetzend.

Fazit:
Was für ein Buch! Ich konnte es nicht zur Seite legen und habe die 480 Seiten innerhalb von einem Tag und einer Nacht gelesen. Die Atmosphäre ist so dicht und knisternd, dass man tief in die Geschichte eintaucht und einfach nicht mehr aufhören kann. Wer die Bücher von Isabel Abedi o.ä. mag, ist hier goldrichtig. Ich bin gespannt auf die Fortsetzung. Unbedingt lesen!

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Kristy Spencer und Tabita Lee Spencer (Autorinnen)
Dark Angels’ Summer. Das Versprechen
www.arena-verlag.de
475 Seiten

Buch-Tipp: Träume in Zeiten des Krieges

21. Juli 2012 sgruen Keine Kommentare

“Vielleicht sind es Mythen ebenso sehr wie Tatsachen, die selbst in Zeiten des Krieges die Träume am Leben halten?”

(Sigrid Grün)

Ngugi wa Thiong’o, geboren 1938 in Kamirithu/Limuru in Kenia, gilt seit mehreren Jahren als heißer Anwärter auf den Nobelpreis für Literatur. Eines seiner bedeutendsten Werke ist Wizard of the Crow (dt. “Herr der Krähen”), eine großartige Satire, die den Typus des autokratischen afrikanischen Diktators in einzigartiger Weise umschreibt.

Träume in Zeiten des Krieges. Eine Kindheit hat - wie der Untertitel es ankündigt - die Kindheit und Jugend des Kenianers zum Thema. Von der Geburt in eine polygame Gemeinschaft hinein bis zum Eintritt in die Oberschule beschreibt der Autor den Alltag in der afrikanischen Provinz Limuru. Der kleine Ngugi wächst gemeinsam mit seinen Brüdern und vielen Halbgeschwistern bei seiner Mutter und weiteren Frauen seines Vaters auf dem väterlichen Grund und Boden auf. Nach innerfamiliären Konflikten und der Pleite des Vaters verlässt die Mutter das Haus und Ngugi und sein Bruder folgen ihr bald. Die Mutter kämpft sich als Alleinerziehende durch und möchte ihren Söhnen ein besseres Leben ermöglichen - durch Schulbildung. Sie stellt hohe Anforderungen und verpflichtet Ngugi dazu, stets sein Bestes zu geben. Dieser Wunsch treibt den Jungen an. Während er tagsüber als Teil einer traditionellen Bauernfamilie eine “normale” kenianische Kindheit durchläuft - mit selbstgebauten Schubkarren und vergnüglichen Kinderspielen, sitzt er nachts über seinen Aufgaben und gibt sein Bestes. Mit Erfolg. Denn er wird später an einer der renommiertesten Oberschulen des Landes aufgenommen. Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg, der nicht nur durch die ärmlichen Verhältnisse und Konflikte im Elternhaus führt, sondern auch durch die schrecklichen Kriegsjahre, die geprägt sind von grausamen Festnahme- und Ermordungsaktionen des Regimes. Als sich der große Bruder der Mau-Mau-Guerilla anschließt, die für die Befreiung der Afrikaner kämpft, sieht sich Ngugi mit großen Ängsten konfrontiert. Denn er darf den Aufenthaltsort seines Bruders in den Bergen nicht verraten. Eines Tages gerät er gemeinsam mit seinem Schulfreund Kenneth in eine der gefürchteten Massenüberprüfungen, in deren Rahmen man von einem “gakunia”, einem Kapuzenmann, denunziert werden konnte - was eine Internierung oder gar die Ermordung durch die Soldaten zur Folge haben konnte. Die Ängste des Jugendlichen machen einem bewusst, welche unfassbaren Dinge damals in Kenia geschahen - und es erscheint als unerträglicher Hohn, dass diese schrecklichen Menschenrechtsverletzungen von der verantwortlichen britischen Regierung bis ins Jahr 2012 offiziell geleugnet wurden.
Ngugi wa Thiong’o hat ein wichtiges und ein berührendes Buch über seine Kindheit geschrieben. Anders als bei den Kindheitserinnerungen des nigerianischen Nobelpreisträgers Wole Soyinka steht nicht der kleine Junge im Mittelpunkt der Erzählung, sondern eher die Welt um diesen Jungen herum. Oft erzählt er fast nüchtern vom Leben in Kenia in den schweren Zeiten des Mau-Mau-Krieges. Andererseits sind manche Passagen sehr persönlich, etwa wenn es um seine Beschneidung geht. Vor allem ist “Träume in Zeiten des Krieges” aber eine Entwicklungsgeschichte, die aufzeigt, wie ein Junge, der einer traditionellen kenianischen Bauernfamilie entstammt und immer barfuß lief, in eine andere Welt gelangt - in jene der Oberschule und der Schuhe.
Thomas Brückner hat das Buch wunderbar übersetzt und mit einem sehr gelungenen und aufschlussreichen Nachwort versehen.
Fazit:
Träume in Zeiten des Krieges ist ein Buch, das ebenso berührt wie informiert. Es ist wichtig, Menschen wie Ngugi wa Thiong’o Gehör zu schenken, denn sie erzählen von einer Zeit, in der sich Ungeheuerliches zugetragen hat und die noch nicht lange zurückliegt. Und zugleich erzählt hier eine große Erzählstimme von einer Kindheit zwischen Mythen und Tatsachen in der Mitte des 20. Jahrhunderts.

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Ngugi wa Thiong’o (Autor)
Träume in Zeiten des Krieges. Eine Kindheit
www.a1-verlag.de
264 Seiten

Buch-Tipp: Denkmalsturz? - Brandts Kniefall

7. Dezember 2010 sgruen Keine Kommentare

Eine Geste schreibt Geschichte

(Sigrid Grün)

Heute vor 40 Jahren, am Montag, den 7. Dezember 1970, war es windig, kalt und regnerisch in Warschau. Der Warschauer Vertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Polen sollte an diesem Tag unterzeichnet werden und damit einer neuen Ostpolitik, einer Politik der Entspannung der Weg geebnet werden. Am Vormittag, gegen 11:30 Uhr stiegen der deutsche Kanzler Willi Brandt, Außenminister Walter Scheel, Staatssekretär Egon Bahr und weitere Vertraute Brandts aus einer Limousine, um an einem Mahnmal aus Stein und Bronze der Opfer eines Blutbades zu gedenken, das SS-Truppen am 19. April 1943 im Warschauer Ghetto angerichtet hatten. An dieser Stelle wurde der jüdische Widerstand auf brutalste Art und Weise niedergeschlagen.
Über 27 Jahre später wird hier ein Kranz niedergelegt, Kanzler Brandt ordnet die Schleifen des Kranzes, tritt einen Schritt zurück und hält kurz inne, um spontan auf den nassen Steinstufen auf beide Knie zu sinken: “Am Abgrund der deutschen Geschichte und unter der Last der Millionen Ermordeten tat ich, was Menschen tun, wenn die Sprache versagt”, erinnert sich Brandt fast 20 Jahre später in seinen Erinnerungen.

Man war erstaunt angesichts dieser noblen Geste, die zum Erinnerungsort der deutschen Kultur werden sollte. Doch was für Konsequenzen hatte diese Geste? Welche Reaktionen kamen aus den verschiedenen Lagern? Die beiden Geschichtswissenschaftler Michael Wolffsohn und Thomas Brechenmacher begeben sich auf Spurensuche und stellen Fragen: Warum reagierte “die Welt” auf diesen Kniefall kaum? Kniete der deutsche Kanzler möglicherweise am “falschen Ort zur falschen Zeit”? Am Schauplatz des Kniefalls, dem Ehrendenkmal der Helden des Ghettos, waren sehr viel weniger Menschen erschienen als am Grabmahl des Unbekannten Soldaten, an dem Brandt unmittelbar vorher einen Kranz niedergelegt hatte.
Die Autoren gehen ausführlich auf das internationale Echo ein: Wie reagierten die Regierungen der USA, Frankreichs und Großbritanniens? Wie berichtete die Presse in West und Ost über den Kniefall? Was schrieb man in Israel?
Und schließlich widmen sich Wolffsohn und Brechenmacher ausführlich dem Thema: “Ewige Schuld?” und der jüdischen Dimension des Kniefalls.

Die Autoren haben gründlich recherchiert. Im Mittelpunkt stehen Fakten. Und natürlich die Frage: War Brandts Kniefall ein “Denkmalsturz?” oder gar ein “Tabubruch?”

Wer sich für Zeitgeschichte und insbesondere für die Ostpolitik Deutschlands interessiert - Brandt erhielt 1971 für seine Ostpolitik immerhin den Friedensnobelpreis - wird hier eine ausgesprochen interessante Lektüre finden. Sehr zu empfehlen!

Michael Wolffsohn; Thomas Brechenmacher (Autoren)
Denkmalsturz? Brandts Kniefall
www.olzog.de
178 Seiten

Buch-Tipp: Nouvelle Vague in Osteuropa

1. Dezember 2010 sgruen 1 Kommentar

Filme, die es noch zu entdecken gilt

(Sigrid Grün)

Der mittel- und osteuropäische Film ist in Westeuropa immer noch relativ unbekannt, wenngleich sich dieser Umstand in den letzten Jahren langsam zu ändern beginnt - hier ist v.a. Rumänien mit preisgekrönten Produktionen (z.B. “4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage”) zu nennen.

Dass es aber in Mittel- und Osteuropa auch eine ungeheuer interessante Neue Welle (in Tschechien nova vlna, im ehemaligen Jugoslawien novi film) gab, wissen leider nur sehr wenige. Dabei steht die “Nouvelle Vague in Osteuropa” der französischen Neuen Welle in nichts nach. Im Gegenteil! Jedes der mittel- und osteuropäischen Länder scheint eine eigene, individuell gefärbte Nouvelle Vague hervorgebracht zu haben. Zahlreiche Filme, die in dieser Zeit (60er Jahre) entstanden sind, nehmen eine Vorreiterrolle im europäischen Kino ein - nur weiß das kaum jemand. Umso erfreulicher, dass es nun eine “handfeste” Publikation zum Thema gibt, die einen umfassenden Überblick über die mittel- und osteuropäische Neue Welle liefert.
Lutz Hauckes umfangreiches, mittlerweile in der 2. Auflage erschienenes und um viele filmografische Angaben ergänztes Werk bietet nicht nur eine sehr gute Einführung in das Thema, sondern auch eine Übersicht über die Länder, in denen es eine “Nouvelle Vague” gab.

Bevor Haucke die Neuen Wellen der unterschiedlichen Länder beleuchtet, versucht er die Nouvelle-Vague-Bewegung zu charakterisieren. Was war überhaupt “neu” daran? Welche Rolle spielte der Autorenfilm in Westeuropa, wie wichtig war er in Mittel- und Osteuropa? Ist die Bewegung eher der Avantgarde oder der Populärkultur zuzurechnen?

Wenn er die nationalen Schulen in Mittel- und Osteuropa vorstellt, arbeitet der Autor sehr gut heraus, welche Themen in welchen Ländern eine Rolle spielten. So dominierten in Jugoslawien beispielsweise die Kriegsthematik (wie übrigens in Russland auch noch bis heute) und der Partisanenfilm. In Tschechien spielte vor allem die Prager Filmschule (FAMU) eine entscheidende Rolle. Ihre Absolventen prägten den Film der 60er Jahre maßgeblich. In dieser Zeit entstanden Perlen der Filmgeschichte, die sich vor französischen Produktionen nicht zu verstecken brauchen.
Erwähnt seien an dieser Stelle nur einige Namen und Filme, wie der slovakische Regisseur Stefan Uher, die tschechische Regisseurin Vera Chytilova (z.B. “Sedmikrasky”, dt. “Tausendschönchen”) oder der frühe Milos Forman (”Cerny Petr”). Auch der junge Polanski produzierte einen Film der Neuen Welle: “Messer im Wasser” (1962).
Neben dem jugoslawischen, tschechischen (bzw. tschechoslowakischen), polnischen und ungarischen Film der 60er Jahre, geht Haucke auch auf die Länder Bulgarien und Rumänien ein.
In einem weiteren Abschnitt betrachtet der Autor dramaturgische Modellbildungen, die typisch für die Nouvelle Vague waren: Gesellschaftskritik und Rückblenden, Intertextualität und Intermedialität und rezeptionsästhetische Strategien stehen hier im Mittelpunkt.
Zuletzt geht Lutz Haucke auf die Bedeutung der Neuen Welle als “Gegenkultur” im “realen Sozialismus” ein.
Eine ausführliche Auswahlbibliographie rundet das Ganze ab und ermöglicht es dem interessierten Leser, einzelne Aspekte zu vertiefen. Bislang ist mir keine derart umfassende und fruchtbare Bibliografie zum Thema untergekommen!

Fazit: Die Filme der mittel- und osteuropäischen Neuen Welle gehören mit zum Besten, was das Genre Film je hervorgebracht hat. Eigentlich ist es unfassbar, dass man im “Westen” davon so gut wie nichts weiß. Deshalb ist eine Veröffentlichung wie Lutz Hauckes “Nouvelle Vague in Osteuropa” längst überfällig und sehr zu begrüßen. Ich wünsche dem Buch viele interessierte Leser und den Filmen der mittel- und osteuropäischen Neuen Welle viele Zuschauer. Es gilt einiges zu entdecken und zahlreiche Schätze zu heben!

Lutz Haucke (Autor)
Nouvelle Vague in Osteuropa? Zur ostmittel- und südosteuropäischen Filmgeschichte 1960-1970
www.rhombos-verlag.de

Buchtipp: Europa - Ideen, Institutionen, Vereinigung

9. November 2010 sgruen Keine Kommentare

Was ist Europa?

(Sigrid Grün)

Ostbayern liegt fast genau im Herzen Europas  - ein wenig zu weit westlich, aber die Mitte ist nicht weit weg. Was aber ist Europa? Die EU? Welche Europaideen existieren heute, welche Vorstellungen von diesem “rastlosen Kontinent” (Kittsteiner) gab es früher? Welche Institutionen spielen innerhalb der EU eine entscheidende Rolle und wie hat sich die EU seit der Osterweiterung entwickelt?

Michael Gehler, Jean Monnet-Professor für vergleichende europäische Zeitgeschichte und die Geschichte der europäischen Integration an der Stiftung Universität Hildesheim, Senior Fellow am Zentrum für Europäische Integrationsforschung der Universität Bonn und Mitglied der Historischen Kommission der Österreichischen Akademie der Wissenschaft in Wien, macht sich in dem neu erschienen Band Europa - Ideen, Institutionen, Vereinigung auf die Suche nach der Identität Europas.
Er begibt sich dabei auf einen langen Weg, der von der Antike bis in die Gegenwart führt. Bereits in der Antike existierten bestimmte Vorstellungen von Europa, die den heutigen nicht unbedingt entsprechen. Die Ursprünge im Mythos (die Entführung Europas durch den in einen Stier verwandelten Zeus) werden ebenso beleuchtet, wie die geografischen Vorstellungen von der Ausdehnung Europas. Die umwälzenden Veränderungen im Mittelalter, die den kriegsgeschüttelten Kontinent so gut wie nie zur Ruhe kommen ließen sind ebenso Thema wie die Rolle der europäischen Geistesgeschichte, die den “alten Kontinent” maßgeblich prägte.
Auf über 60 Seiten entfaltet Gehler ein historisches Panorama, in dem der Leser verstehen lernt, wo die Wurzeln Europas zu suchen sind.

Der zweite große Abschnitt - “Historische Europaideen im Spannungsfeld von Vision und Wirklichkeit” - stellt die bisher beste Zusammenstellung bedeutender Europa-Ideen dar, die mir bisher untergekommen ist. Hier findet man die Vorstellungen einer Vielzahl von Ideengebern: Von Dante Alighieri über Erasmus von Rotterdam, William Penn, Rousseau, Kant, Novalis, Coudenhove–Kalergi, Churchill bis hin zu Jean Monnet und vielen anderen. Über 20 Philosophen und Politiker stehen im Mittelpunkt. Jede der vorgestellten Europa-Ideen spiegelt die politischen Verhältnisse der Zeit wider - als Leser ist man erstaunt, welcher Wandel sich innerhalb der letzten 100 Jahre vollzogen hat - wenn man etwa Coudenhove-Kalergis “Paneuropa”-Vorstellungen betrachtet. Auf der einen Seite beinhaltet diese “Paneuropa”-Konzeption ungeheuer moderne Elemente - auf der anderen Seite wird beispielsweise Afrika als reiner “Ressourcengeber” abgewertet.
Interessant sind hier die unterschiedlichen geografischen Grenzen, innerhalb derer man Europa verortet hat. Bei Coudenhove-Kalergi gehören beispielsweise die Kolonien ebenfalls zu Europa - aber eben nur als Objekt der Ausbeutung.

Der dritte Abschnitt, “Der Weg vom Europa der Institutionen zur Vereinigung des Kontinents” entfaltet die Entwicklung Europas nach dem Zusammenbruch 1945. Vom Marshall-Plan, über die Vorläufer der EU (z.B. Montanunion) und die einzelnen Erweiterungsschritte bis hin zum transatlantischen Verhältnis zwischen Europa (insbesondere der EU) und den USA wird hier der Weg nachgezeichnet. Auch die Rolle der Globalisierung wird in den Blick genommen.
Als Leser findet man hier eine gelungene und übersichtliche Zusammenstellung der Verträge, die die Entwicklung der EU entscheidend befördert haben.

Zuletzt entwirft der Autor noch Zukunftsperspektiven, die eine europäische Identität betreffen und plädiert mit Blick auf “Anspruch und Wirklichkeit der EU” für “Geduld und Realismus”.

Ein umfangreicher Anmerkungsteil, sowie ein Glossar, eine Chronologie und ein ausführliches Literatur- und Quellenverzeichnis ergänzen den 750 Seiten umfassenden Band.

Fazit: Ein hervorragend recherchierter, übersichtlich gestalteter Band, der die Genese Europas von den Anfängen bis in die Gegenwart verständlich beleuchtet.

Michael Gehler (Autor)
Europa - Ideen, Institutionen, Vereinigung
www.olzog.de
752 Seiten

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Buch-Tipp: Kap meiner Hoffnung

29. Juli 2010 sgruen Keine Kommentare

Bewegender Bericht einer Kinderärztin

(Sigrid Grün)

Die Kinderärztin Irina André-Lang hat lange Jahre in Regensburg gelebt und auch ihre Facharztausbildung in der Donaustadt absolviert. Nun hält die 1960 in Singen geborene Ärztin Rückschau auf ihr bewegtes Leben. Gemeinsam mit dem Journalisten Harald Rast hat sie ein Buch verfasst, das ebenso einfühlsam wie schonungslos ist.
Darin geht es um ihre Arbeit in Südafrika und um ihr eigenes Leben. André-Lang erzählt ihre Lebensgeschichte, die geprägt ist von Schicksalsschlägen, die kaum zu verkraften sind. Im Alter von 28 Jahren wird sie Witwe, da ihr Mann mit Mitte 40 an einem Hirntumor stirbt. Sie tritt die Flucht nach vorne an, reist nach Südafrika, weil sie in Zeiten der Apartheid Handlungsbedarf sieht. Im Alter von knapp 30 Jahren erlebt sie den menschenverachtenden Rassismus, der ein ganzes Land traumatisiert. Nach ihrer Rückkehr nach Regensburg beschließt sie, ihre Facharztausbildung schnellstmöglich zu absolvieren und dann nach Südafrika zurückzukehren. In der Zwischenzeit tut sich eine Menge am Kap - Mandela kommt 1990 frei, 1994 kommt es erstmals zu einer allgemeinen und freien Wahl in Südafrika und damit zum Ende des Apartheid-Regimes. Der ANC (African National Congress) gewinnt überragend und Mandela wird zum ersten Präsidenten des neuen Systems. Eine neue Zeit bricht an und die fertig ausgebildete Kinderärztin begibt sich wieder in das Land ihrer Träume. Dort hat sich zwar einiges geändert, doch die Lage im Land ist immer noch geprägt von Not und Elend. Als Kinderärztin erlebt Irina André-Lang täglich, was es bedeutet in Afrika zu (über)leben. Krankheiten wie Cholera fordern unzählige Todesopfer, weil kein sauberes Wasser zur Verfügung steht, Kinder leiden an Unterernährung und an Magen-Darm-Infekten, die oft lebensbedrohlich sind. Frühgeburten stehen an der Tagesordnung und die medizinische Versorgung ist keineswegs für alle Bevölkerungsteile gewährleistet. Zwar ist die Versorgung kostenlos, doch nützt dies wenig, wenn nicht genügend Ärzte zur Verfügung stehen und die Ausstattung der Krankenhäuser alles andere als hinreichend ist. Unter schwierigsten Bedingungen schafft es die unermüdlich arbeitende Kinderärztin, das Leben derer zu retten, die für die Zukunft des Landes stehen. Sie selbst fühlt sich angesichts der Kinder, die sich täglich sterben sieht, wie eine “Managerin eines Massensterbens” (S. 160). Und Jahr für Jahr zeichnet sich eine immer schlimmer werdende Katastrophe ab: AIDS. Die Tragweite dieser “Geißel des schwarzen Kontinents” wird nicht gesehen. Die Bedrohung ignoriert. Es wird nicht genügend aufgeklärt und sogar führende Politiker geben allen Ernstes an, dass es sich bei AIDS um eine Folge der Mangelernährung handeln würde, die man durch den Verzehr roter Beete (!) u.ä. heilen könnte. Irina André-Lang setzt sich unermüdlich dafür ein, dass endlich eine Aufklärung stattfindet und dass das Versagen der Politik ein Ende hat. Sie kämpft gegen die weitere Tabuisierung des Themas, das das Leben in Südafrika wie kaum ein anderes beherrscht - etwa 20% der Menschen im Land sind HIV-positiv.

“Kap meiner Hoffnung” ist ein sehr persönliches Buch, in dem Irina André-Lang die Lage in Südafrika ohne Schönfärberei aufzeigt, aber auch ihr eigenes Leben Revue passieren lässt. Die Begegnungen mit zahllosen Menschen, die ihre Entwicklung geprägt haben. Nicht zuletzt die Begegnung mit ihrem zweiten Mann, dem Südafrikaner Peter, der sie durch die wohl schwerste Zeit ihres Lebens - ihre Brustkrebserkrankung - begleitet hat. Die Autorin ist zum Glück wieder genesen und widmet ihr Leben weiterhin den Menschen in Afrika.

Ein spannendes, wichtiges und zutiefst bewegendes Buch, das die Augen öffenen kann. “Kap meiner Hoffnung” regt zum Nachdenken an über das Land der Fußball-WM 2010. Unbedingt lesen!

Irina André-Lang mit Harald Rast (Autoren)
Kap meiner Hoffnung. Als Kinderärztin in Südafrika
www.a1-verlag.de
272 Seiten