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Artikel Tagged ‘Buchtipp’

Buchtipp: Wir wir uns täglich die Zukunft versauen

14. März 2014 sgruen Keine Kommentare

Vom Now Me zum Future We

(Sigrid Grün)

Die Menge Büchern, in denen es darum geht, wie düster es um unsere Zukunft bestellt ist, wenn wir an unserem Verhalten nichts ändern ist nicht mehr überschaubar. Wir wissen, dass es so nicht mehr weitergeht. Die Ressourcen sind begrenzt und wir haben eigentlich keine Chance mehr. Das lähmt uns einerseits, andererseits können wir es auch ziemlich gut ausblenden. Düstere Prognosen können wir schon nicht mehr hören - einerseits weil wir sie nicht hören wollen, andererseits weil wir schon so abgestumpft sind. Und gegenwärtig geht es uns doch gut!

Der Zukunftsmanager Pero Mićić zeigt nun auf, welche Ursachen hinter unserem Verhalten stecken und er erklärt, welcher Weg aus der misslichen Lage führen könnte. Schuld an der Situation ist eine ursprünglich praktische Art zu denken: Das Kurzfristdenken. Wenn Denk- und Handlungshorizont ungefähr deckungsgleich sind und unsere Möglichkeiten sehr beschränkt, sorgt dieses kurzfristig ausgelegte Denken dazu, dass wir erfolgreich überleben. Wenn unsere Möglichkeiten aber unseren Denkhorizont weit übersteigen, wie es im 21. Jahrhundert schon lange der Fall ist, wird diese Überlebenstaktik zu einer gefährlichen Kurzfristfalle, der wir nur schwer entkommen können.
Normalerweise denken wir kurzfristig und emotional. Ich will JETZT und nicht morgen. Es gibt zahlreiche Versuche dazu. Etwa die Studie, in der Menschen heute 10 Euro jetzt oder 11 Euro morgen angeboten bekommen. Fast alle entschieden sich für die 10 Euro jetzt. Rechnet man nach, sind das sagenhafte Zinsen, die einem da entgehen. Auch jede Sucht funktioniert so. Wir sind der “Homo praesens” und bekommen auch aktuell zu hören, dass wir ganz in der Gegenwart leben sollen, was wir auch nur zu gerne tun. Doch das ist eben auch extrem gefählich. Und selbst wenn wir es schaffen langfristig zu denken, sind wir meist nicht so weit, auch langfristiges Tun zu verwirklichen.
Pero Mićić zeigt in diesem Buch auf, wie man der Kurzfristfalle, die in uns nunmal angelegt ist, entkommen kann. Ein wichtiger Faktor ist der Zeithorizont - sobald wir nämlich über etwas entscheiden sollen, das in der Zukunft liegt, entscheiden wir uns sehr viel vernünftiger. Wer gefragt wird, ob er 10 Euro in einem Jahr oder 11 Euro in einem Jahr und einem Tag erhalten möchte, nimmt fast immer die 11 Euro. Auch in puncto Ernährung suchen wir uns nachweislich die gesündere Alternative aus, wenn wir heute über unser Menü in einer Woche entscheiden sollen. Nur dürfen wir dann in einer Woche nicht die Möglichkeit eingeräumt bekommen, uns doch noch umzuentscheiden, denn sonst greift wieder zu Kurzfristfalle.
Besonders gefährlich ist das kurzfristige Denken in der Politik. Solange es nur um Wählerstimmen geht, wird langfristiges Denken nämlich vom Wähler abgestraft. Hier muss ein Umdenken stattfinden. Der Autor zeigt zudem auf, wie man auf Unternehmensebene der Kurzfristfalle entkommen kann: Vom Now Me zum Future We lautet die Devise hier. Erst wenn wir in Kategorien der Gemeinschaft langfristig denken und handeln, können wir der Kurzfristfalle und damit einer düsteren Zukunft entkommen. Pero Mićić erklärt, was es dabei zu beachten gilt.
Ein höchst spannendes und aufschlussreiches Buch, das hoffentlich viele Leser findet. Es hilft dabei das eigene Denken und Verhalten zu reflektieren und hinter die Kulissen zu blicken.

Pero Mićić (Autor)
Wie wir uns täglich die Zukunft versauen
www.ullsteinbuchverlage.de
336 Seiten

Buchtipp: Kim & Struppi. Ferien in Nordkorea

12. März 2014 sgruen Keine Kommentare

Reisebericht aus einem bizarren Land

(Sigrid Grün)
Christian Eisert ist TV-Autor, Satiriker und Comedy-Coach. Lachen ist quasi sein Business - und ausgerechnet so einer fährt nach Nordkorea, in ein Land, in dem das Lachen wahrscheinlich nur aus organisatorischen Gründen nicht verboten werden kann. Gelacht wird nur über die Witze des Staatsführers. Wenn er denn mal welche machen würde.
Eigentlich ist er vor allem auf der Suche nach einer gigantischen Regenbogenrutsche, die er als Kind einmal gesehen haben will. Die Schule in Ostberlin, die er einst besucht hat, war nämlich eine ganz besondere: Die Schule der Freundschaft zwischen der DDR und der KDVR. Ein bisschen sperriger Name, aber ok, sperrige Sachverhalte müssen nunmal auch in sperrigen Namen verwurstet werden. Eisert packt sich also seine beste Freundin Thanh Hoang, eine Fotoreporterin, die ihn zwar dauernd Hase nennt, ansonsten aber herrlich kratzbürstig ist und macht sich auf in das Land von “Kim und Struppi”. Schon die Einreise ist ein gefährliches Unterfangen, denn Journalisten dürfen in Nordkorea nicht rein, sonst Kopf ab. Wie überhaupt auf vieles die Todesstrafe steht. Es muss also vor allem für Thanh eine neue Identität her. Kurzerhand wird sie zu “Sandra”, zum Glück hat sie noch einen Ausweis, der auf diesen Namen lautet, da sie als Kind adoptiert wurde. In Nordkorea bekommt das seltsame Paar (das ja eigentlich gar keins ist) ein noch viel seltsameres Paar zur Seite: Herrn Rym und Herrn Chung, die Aufpasser, die das Land der begrenzten Möglichkeiten in ein möglichst positives Licht rücken sollen. Als Leser bekommt man einen beeindruckenden Einblick in das bizarre Land, dessen Führer Kim Il-sung über 10.000 Bücher geschrieben haben soll, also, ab seiner Geburt alle drei Tage ein neues… Ganz schön beachtlich, wenn man bedenkt, was er noch so nebenbei geleistet hat.
Eisert schreibt über das Bild, das ein Tourist von Nordkorea gewinnt - es gibt ein einziges, gigantisches Hotel, in dem alle ausländischen Touristen untergebracht werden, er schreibt über seltsame Sightseeing-Touren und über die Erlebnisse mit seiner besten Freundin Thanh und Rym & Chung. Dabei bleibt er aber nicht nur an der Oberfläche hängen, sondern berichtet häufig von den Hintergründen - unter anderem mafiösen Strukturen, in die nicht zuletzt auch wichtige europäische Institutionen verwickelt sind.
Er schreibt nicht respektlos (auf alle Fälle nicht respektloser als über jedes andere Land), sondern versucht herauszufinden, was in Nordkorea “so geht”. Und dabei erzählt er seine ganz persönliche Geschichte von der Begegnung mit einem der außergewöhnlichsten Reiseziele der Welt. Nordkorea ist ein Sehnsuchtsort für die Freaks unter den Globetrottern - oder einfach für neugierige Menschen, die sich dafür interessieren, wie ein Leben in einem Land mit einer derart menschenverachtenden Ideologie und einem vollkommen verrückten Diktator möglich ist.

Christian Eisert (Autor)
Kim & Struppi. Ferien in Nordkorea
www.ullsteinbuchverlage.de
320 Seiten mit zahlreichen Farbfotos

Buchtipp: Die Frau, die nie fror von Elisabeth Elo

16. Februar 2014 sgruen Keine Kommentare

Umwelt-Thriller mit Tiefgang

(Sigrid Grün)

Vor der Küste Maines ereignet sich ein tragischer Unfall. Ein Fischerboot wird von einem weitaus größeren Schiff, vermutlich einem Frachter, gerammt und zerstört. An Bord des Fischerbootes Molly Jones befinden sich der frischgebackene Eigentümer Ned Rizzo und eine langjährige Freundin - Pirio Kasparov. Rizzo überlebt die Kollision nicht und bleibt verschwunden. Seine Begleiterin jedoch schafft es mehrere Stunden in dem wenige Grad kalten Wasser zu überleben. Das ist eigentlich ein Wunder. Nach dem Unfall versucht die junge Frau mühsam in ihr Leben zurückzufinden. Dabei geht es ihr gar nicht so sehr um sich selbst, sondern vor allem um ihr 10-jähriges Patenkind Noah, der Neds Sohn ist. Noahs Mutter Thomasina ist mit ihrem Leben völlig überfordert. Sie ist Alkoholikerin und lässt sich ständig mit den falschen Kerlen ein. Deshalb versucht Pirio nicht nur ihr eigenes Leben und ihren Beruf als angehende Leiterin des Familienunternehmens (eine Parfumfirma) hinzubekommen, sondern auch sich so oft wie möglich um Noah zu kümmern. Und dann tritt auch noch die Navy an sie heran und ihr strenger Vater macht ihr zusehends Druck in puncto Geschäftsübergabe. Auf Neds Beerdigung begegnet sie schließlich verschiedenen Personen - teils aus ihrer Vergangenheit - und einem Unbekannten, der sich als ehemaliger Klassenkamerad des Verstorbenen ausgibt. Dieser Mann erregt Pirios Misstrauen und sie beginnt ziemlich bald damit sich zu fragen, ob der Unfall auf dem Meer wirklich ein Unfall war. Dabei gerät sie immer tiefer in einen Strudel aus Korruption und Umweltverbrechen.

Elisabeth Elo ist mit diesem Roman ein fulminantes Debüt gelungen. Die Figuren wirken auf eine verschrobene Weise sympathisch. Pirio ist die von ihrem Vater zu Härte und Durchhaltevermögen erzogene “Schwimmerin”, die so vieles tut um Noah zu helfen - aber nicht auf diese aufdringliche Art, die auf einen Helferkomplex hindeutet, sondern aus einem tiefen Verantwortungsgefühl für das Kind heraus und aus Loyalität ihrem verstorbenen Freund gegenüber. Ihrer Alkoholikerfreundin Thomasina (Noahs Mutter) gegenüber fährt sie auch einen wesentlich härteren Kurs. Selbst der alternde Patriarch Milosa, Pirios Vater, ist trotz seiner Härte und Entschiedenheit ein Sympathieträger. Und dann ist es natürlich die Thematik, die bewegt. Umwelt-Thriller wirken manchmal überzogen - dieser hier hingegen wirkt sehr authentisch. Gerade deshalb ist das Buch in dieser Hinsicht keine leichte Kost. Zur brisanten Hauptthematik gesellt sich schließlich noch eine recht belastende Familiengeschichte.

Fazit: Dieser Umwelt-Thriller vermag es, den Leser so sehr zu fesseln, dass es kaum möglich ist das Buch beiseite zu legen. Elisabeth Elo ist es gelungen ein hochinteressantes und wichtiges Thema in eine spannende Geschichte zu packen.

Elisabeth Elo (Autorin)
Die Frau, die nie fror
www.ullsteinbuchverlage.de
512 Seiten

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Buch-Tipp: “untitled” von Joachim Bessing

14. April 2013 sgruen Keine Kommentare

Liebenderweise

(Sigrid Grün)

Was nützt die Liebe in Gedanken? Nichts, denn das soll sie auch überhaupt nicht. Aber, dass sie alles sein kann, in Zeiten von iPad und iPhone, das zeigt uns Joachim Bessing in seinem neuen Roman “untitled”, der so heißt wie das letzte von Martin Margiela kreierte Parfum, das nach Buchsbaum und Weihrauch riecht und ein bisschen wie der Aschenbecher vom Vorabend. “Untitled”, “ohne Betreff” steht auch über den Nachrichten, die sich die Liebenden in diesem Roman zusenden. Die überwiegend digitale Liebe, die trotz der Entkörperlichung so stark körperlich ist, dass der Schmerz schier unerträglich wird, ist Bessings großes Thema.

Vor einem Bücherregal in einer Berliner Privatwohnung kommen sie sich näher. Der Ich-Erzähler und J., die Philosophin Julia. Ein Büchlein über den antiken Philosophen Plotin (”Plo-tiehn!”) ist der erste Gesprächsgegenstand der beiden und dann wird auf dem Klo geküsst. Nein, nicht geküsst. Zahncreme wird “küssenderweise” aus dem Gesicht entfernt. Und das ist die größte Kusserfahrung, die der Erzähler jemals gemacht hat. Seelenverwandte haben sich gefunden. Doch Julia ist verheiratet und das möchte sie auf keinen Fall ändern. Und so nimmt die Geschichte den Lauf, den solche Geschichten eben nehmen. Man kennt es ja, vom Werther natürlich und von vielen anderen.
Überlandflüge, Modeschauen, Drogen - das war die Welt des Modejournalisten bis zu diesem denkwürdigen Moment vor dem Berliner Bücherregal. Von da an ist seine Welt Julia. Alles andere rückt in den Hintergrund. Tausende Nachrichten, (”Im Zweifel für den Zweifel!” lautet die erste), Songs und Fotos werden verschickt. Der jeweils andere ist stets gegenwärtig. Und wenn sie sich dann wirklich sehen wird phänomenal geküsst. Aber meistens sehen sie sich nicht im Real Life. Die Liebe ist überwiegend virtuell und so intensiv, wie Liebe nur sein kann. Ist das dann überhaupt noch Liebe, fragt der Protagonist einmal seine Therapeutin, oder ist es schon Wahn? Auf alle Fälle ist es irre intensiv und es kostet fast das Leben, das nur noch Julia ist. Wie ist es, wenn man alles verliert und da nur noch Schmerz zu sein scheint, wenn nicht nur das iPhone, sondern auch noch das Gesicht zerbricht? Joachim Bessing lässt seinen digitalen Werther davon erzählen. Viel hat sich nicht geändert, am Leiden an der Liebe. Nur können wir mittlerweile ganz anders daran teilhaben. Joachim Bessing ist ein Roman gelungen, der unsere Zeit und das alles verschlingende Thema Liebe so präzise einfängt, dass es schlichtweg nicht möglich ist, sich der Geschichte zu entziehen. Unbedingt lesen!

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Joachim Bessing (Autor)
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www.kiwi-verlag.de
304 Seiten

Buch-Tipp: Der Komet

6. März 2013 sgruen Keine Kommentare

Was wäre wenn…?

(Sigrid Grün)

… der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand nach dem ersten (gescheiterten) Attentatsversuch in Sarajewo kehrt gemacht hätte und nicht der Erste Weltkrieg losgebrochen wäre? Auch nicht der Zweite Weltkrieg und der Kalte Krieg? In dieser Geschichte ist Franz Ferdinand vernünftig: “Ich bin doch ned deppat, i fohr wieder z’haus!”, entscheidet er und das Habsburgerreich, Europa und der unbedeutende Rest der Welt haben das ganze herrliche 20. Jahrhundert vor sich… Was bedeutet das? Das gute alte Europa ist ein Kontinent voller Kultur, Juden und Psychoanalytiker, Deutschland ist führende Forschernation, der Mond preußische Kolonie, Wien ist das Zentrum der Welt - der Wiener Schmäh allgegenwärtig - und Amerika ein unbedeutender Kontinent, der von Hinterwäldlern und Cowboys beherrscht wird, die gerne mal ein dubioses Getränk namens Loka Koka (oder so ähnlich) konsumieren. Anglizismen? Fehlanzeige! Ein langhaariger Finne aus Karelien erfindet ein “tragbares, von einer Batterie betriebenes Telefon” und nennt es matkapuhelin - ein ins Deutsche schier nicht übersetzbares Wort.

Und zwei Menschen träumen ein Jahrhundert, das ganz anders verläuft als es in der Realität dieser Geschichte der Fall ist. Biehlolawek und D. in Grusinien sehen Nacht für Nacht im Traum Tod und Vernichtung, Kriege und Deportierte. Sie sehen Unfassbares, das ihren Psychoanalytikern kalte Schauer über den Rücken jagt. ‘Wie kann man nur von solch grotesken Alpträumen heimgesucht werden?’, fragt man sich in Wien und in Georgien. Dabei sind die beiden Analysanden völlig unbedeutende Personen. Biehlolawek soll zwar einen geisteskranken Großvater namens Hüttler gehabt haben, der sich als Porträtpostkartenmaler verdingte, der georgische D. soll mit einem ehemals kriminellen Poeten verwandt sein. Aber wirklich aufschlussreich ist das ja nicht…

Und dann droht Ende des 20. Jahrhunderts plötzlich das Unheil über diese ganze wunderbare Welt hereinzubrechen. Der Wiener Hofastronom Dudu Gottlieb wird in die preußische Kolonie auf dem Mond beordert und dort erfährt er, dass ein Komet erwartet wird. Währenddessen vergnügt sich seine Ehefrau Barbara mit dem unscheinbaren Jüngling Alexej von Repin. Als der Kaiser den Untergang der Welt proklamiert, versinken manche in der Depression und andere werden von einem seltsamen Endzeitaktionismus heimgesucht…

Hannes Stein ist mit diesem klugen und amüsanten Buch ein wunderbares Gedankenexperiment gelungen, dessen Lektüre einfach ein großer Spaß mit vielen Aha-Erlebnissen ist. Es gelingt ihm, den Charme der Donaumonarchie so fabelhaft ins anbrechende 21. Jahrhundert herüberzuretten, dass es eine wahre Freude ist, sich in die von ihm beschriebene Zeit hineinzuversetzen. Die vielen kleinen Anspielungen lassen den Leser nicht selten laut auflachen und über das grausame 20. Jahrhundert nachdenken, das so ganz anders hätte laufen können. Ein Leseerlebnis, das man sich nicht entgehen lassen sollte!

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Hannes Stein (Autor)
Der Komet
www.galiani.de
272 Seiten

Buchtipp: Und wer küsst mich? Absolute Beginners - Wenn die Liebe auf sich warten lässt

20. Dezember 2012 sgruen Keine Kommentare

Absolute Beginner berichten

(Sigrid Grün)

Früher gab es die “alte Jungfer” und den “Hagestolz”, was keine Seltenheit, aber auch abwertend war. Heute sind Menschen ohne sexuelle und/oder Beziehungserfahrung im 21. Jahrhundert angekommen. Einige von ihnen sind im Netz im Forum “Absolute Beginner” aktiv und Maja Roedenbeck macht mit ihrem jüngsten Buch auf das Phänomen aufmerksam. Wir leben in einer Gesellschaft, die oversexed (und underfucked, wie es so schön heißt) ist. Schon Jugendliche leiden, wenn sie mit 13 noch nicht so weit sind wie Gleichaltrige. Was aber ist mit Menschen, die z.B. jenseits der 30 noch nie Sex hatten oder keine einzige Beziehung?
Zunächst einmal kann man festhalten: Solche Menschen sind keine Seltenheit und sie sind keineswegs Freaks. Von vielen weiß man es überhaupt nicht.
Sehr schön ist in diesem Zusammenhang ein Zitat aus dem Buch: “Einer, der Klavier spielen kann, fragt einen, der das nicht kann: ‘Warum kannst du das denn nicht? Das kann doch nicht so schwer sein! Da muss man doch nur ein paar Tasten drücken!’ Klingt absurd, oder? Jeder weiß, dass zum Klavierspielen mehr dazu gehört als bloß Töne erzeugen durch unbeholfenes Tastendrücken. Und ganz sicher weiß das der Klavierspieler selbst. So eine Frage würde er nicht stellen. Warum fragt dann einer, der Kontakt aufnehmen, flirten, Partner finden kann, einen Absolute Beginner, der das nicht kann: ‘Warum kannst du das denn nicht? Das kann doch nicht so schwer sein! Da muss man doch nur ausgehen und jemanden ansprechen?’ Die Antwort ist dieselbe wie beim Klavierspielen. Weil zum Partnerfinden mehr dazu gehört als diese methodischen Schritte. Weil man dazu mehr können muss als eine Anleitung befolgen.” (Verena, 26)
Wie ist das Buch gegliedert? Zunächst beschreibt die Autorin, worum es geht und welche Gründe es haben kann, dass viele Leute keinen Partner finden. Interessant ist hier, dass es in puncto Gender große Unterschiede gibt. Es gibt mehr männliche ABs - aber eben meist aus anderen Gründen als bei weiblichen ABs. Erläutert werden Gründe wie Bindungsangst, Schüchternheit, Perfektionismus, aber auch gesellschaftliche Aspekte.
Schließlich geht es um die Geschichten von einigen ABs und ABinen. Es melden sich Menschen zwischen Anfang 20 und Ende 40 zu Wort, die erzählen, wie es bei ihnen dazu gekommen ist, dass sie (noch) ABs sind. Bemerkenswert ist, dass auch schon recht junge Menschen sehr unter ihrer Unerfahrenheit leiden. Aber man muss einfach sehen, unter welchem Druck - vor allem Männer - mit Anfang 20 schon stehen. Erzählt werden die unterschiedlichsten Geschichten. Da geht es um eine Frau, die sich lange Zeit keine Gedanken über potenzielle Partner machen konnte, weil sie ihre eigene Geschichte zunächst verarbeiten musste. Es geht um einen Mann, der ursprünglich Priester werden wollte und deshalb den Anschluss verpasst hat oder um einen AB, der sich dazu entschlossen hat, zumindest sexuelle Erfahrungen mit Prostituierten nachzuholen. Die Geschichten zeigen sehr gut, wie unterschiedlich die Gründe geartet sind, die dazu führen können, dass man ein AB bleibt. Und manche Geschichten haben ein “happy end”.
Zum Schluss gibt es auch noch Tipps für ABs - von ABs und von Experten (etwa Psychologen).
Das Buch ist auf alle Fälle eine sehr interessante und einfühlsame Einführung in das Thema. Die Autorin bricht eine Lanze für Menschen, die (noch) ABs sind - das ist eine wichtige Botschaft, denn es ist einfach nicht in Ordnung Menschen wegen ihrer Unerfahrenheit zu stigmatisieren, was in unserer Gesellschaft immer noch sehr häufig der Fall ist. Hier kann man an das Zitat anknüpfend einfach nochmal sagen: “Können Sie Klavier spielen? Waaaas? Sie können es nicht??? Warum nicht? Das ist ja unglaublich!!”

9783861536888

Maja Roedenbeck (Autorin)
Und wer küsst mich? Absolute Beginners - Wenn die Liebe auf sich warten lässt
www.christoph-links-verlag.de
200 Seiten

Geschenkbuch-Tipp: Der viktorianische Vibrator

19. Dezember 2012 sgruen Keine Kommentare

Kurioses für den Gabentisch

(Sigrid Grün)

Wer noch auf der Suche nach einem besonderen Geschenk ist, sollte sich dieses Buch näher anschauen! Vor allem Männer, die nicht selten recht heikle Leser sind, werden an dieser Lektüre sicher Freude haben!

Worum geht es? Radioaktive Zahncreme, Musikhören übers Telefon, Röntgenstrahlen als unterhaltsamer Zeitvertreib für Kinder und galvanisierte Leichen fürs Wohnzimmer? Hört sich alles ziemlich verrückt an. Wenn man dann noch herausfindet, dass ernsthaft geplant wurde Nordsee und Mittelmeer trocken zu legen, um die neu gewonnenen Flächen für Landwirtschaft und Verkehr zu nutzen, wähnt man sich endgültig im Tollhaus angelangt. Aber nein: Wir befinden uns einfach nur im Europa und Amerika des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, in jener Zeit als der “Fortschritt” förmlich explodierte (was bekanntermaßen auch oft wirklich der Fall war!). Wissenschaft bizarr mag man denken, aber wenn man den enormen Fortschritt und auch den Glauben daran sieht, wie er im “Viktorianischen Vibrator” vorgestellt wird, wird einem auch klar, dass das Übermaß neuer Erkenntnisse nicht nur der Wissenschaft den Kopf verdrehen musste - plötzlich erschien alles möglich, dank Elektrizität und neuen Wegen der Kommunikation. Erstaunlich ist besonders der Weg der Elektrizität, die zunächst zu kaum etwas anderem Nutze war, als auf dem Jahrmarkt den Ladies die Haare zu Berge stehen zu lassen. Erst langsam und über verschlungene Pfade kam man dahinter, welches Potential hier verborgen lag. Aber auch hier spielten damals wie heute Scharlatanerie (zahlreiche Beispiele aus der Medizin), gefährliches Halbwissen und besonders die Lust an der Unterhaltung eine gewichtige Rolle. Im Buch wird auch deutlich, dass es bei Erfindungen sehr oft einfach nur darum geht, Geld zu machen und wenn sich die Sache gut vermarkten lässt, steht ein schnöder Plagiator schließlich als Wohltäter der Menschheit da. Frank Patalong, Autor und Journalist beim Spiegel, hat hier ein sehr gut untersames wissenschafts- und wirtschaftsgeschichtliches Buch geschrieben, das durchaus auch kritische Blicke auf unsere heutige Zeit aufwirft. Zum Beispiel ist die Entwicklung der modernen Kommunikationsmedien bisher kaum den Kinderschuhen entwachsen und wird sicher in späteren Zeiten bei unseren Nachfahren das ein oder andere Schmunzeln hervorrufen. Wenn man das Buch gelesen hat, weiß man, dass man nie weiß wohin die Reise geht, was heute noch Spielerei ist, kann der große Wurf der Zukunft sein und was heute das große Ding zu sein scheint, gefährlicher Unsinn. Es bleibt also immer spannend, genau wie dieses Buch…

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Frank Patalong (Autor)
Der viktorianische Vibrator. Törichte bis tödliche Erfindungen aus dem Zeitalter der Technik
www.luebbe.de
285 Seiten

Buchtipp: Pina Bausch und das Tanztheater Wuppertal von Ursula Kaufmann

21. November 2012 sgruen Keine Kommentare

“Mich interessiert nicht, wie die Menschen sich bewegen, sondern, was sie bewegt.” (Pina Bausch)

(Sigrid Grün)

Es gibt keinen, der das Tanztheater in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts derart reformiert hat wie Pina Bausch, das „Wuppertaler Tanztheaterwunder“. 1940 als Tochter eines Gastwirts in Solingen geboren, wurde sie schon früh für den Tanz entdeckt. Mit 14 nahm sie schließlich ein Tanzstudium an der renommierten Essener Folkwang Schule auf. Kein Geringerer als Kurt Jooss, seinerseits ein Schüler von Rudolf von Laban, war ihr Lehrer. Ihre Zeit an der Juilliard School und an der Met in New York prägte ihr ganzes Leben – und doch entschied sich sich dazu, wieder nach Deutschland zurückzukehren, als das Folkwang Ballett rief. Zeit ihres Lebens wollte sie tanzen – und arbeitete dann doch überwiegend als Choreografin. 1973 wurde sie schließlich Leiterin der Ballettsparte am Wuppertaler Tanztheater und ist seitdem untrennbar mit diesem Haus verbunden. Pina Bausch begründete eine neue Form des Tanztheaters. Ihre Inszenierungen waren irritierend – so irritierend, dass viele Zuschauer, die nur das bürgerliche, das klassische Ballett kannten, empört den Saal verließen. Pina Bauschs Tanztheater war ganz anders. Nicht erstarrt in vorgeschriebenen Posen und einer angestaubten Ästhetik, sondern absolut lebendig, das Leben auslotend. Vor allem auch den Alltag und die Tiefpunkte. Bauschs Choreografien brachten Bilder, die so stark waren, wie man es im Bereich des Tanztheaters noch nicht kannte. Alltägliche Bewegungen setzten gänzlich andere Akzente als die Maniriertheit des klassischen Balletts. Pina Bausch entdeckte die Schönheit der Menschen in ihren natürlichen Bewegungen und damit berührte sie ihr Publikum. Sie präsentierte keine schönen Bilderbögen, wie das klassische Tanztheater, sondern die großen menschlichen Themen wie Liebe, Angst und Tod. Bausch ließ ihre Tänzer zwischen Angst und Hoffnung agieren und zwischen Einsamkeit und Ekstase. In über 40 Stücken, die sie bis zu ihrem Tod im Jahr 2009 weltweit entwickelte, zeigte sie eindrucksvoll auf, wie eindringlich und berührend und wie nah am Alltag Tanztheater sein kann. Auch die Ausstattung ihrer Stücke war immer etwas ganz besonderes. Pina Bausch – das sind wehende bunte Kleider, ungewöhnliche Bühnenräume, Waldboden, Nelken und Gestrüpp etwa. Bis zu seinem frühen Tod im Jahr 1980 zeichnete ihr Gefährte Rolf Borzik für die Bühnenräume verantwortlich.
Vieles von dem Großartigen, von dem Neuen und Revolutionären, das Pina Bausch geschaffen hat, konnte die außergewöhnlich begabte Fotografin Ursula Kaufmann im Bild einfangen. Tänzer, die sich hingeben, auseinanderstiebende Wassertropfen, ungewöhnliche Bühnenräume. Man spürt, wie bewegend die ausdrucksstarken Stücke Pina Bauschs sind. Voller Dynamik und voller Wahrheit. Diesen Bildband zu betrachten ist ein Genuss. Ein einführender Text von Pina Bausch – über ihr Leben und ihre persönliche Entwicklung, Essays von der Journalistin Gudrun Norbisrath und einige Reden (u.a. von Jürgen Flimm) sowie ein ausführliches Werkverzeichnis und eine Biografie am Ende des Buches, ergänzen den Band auf perfekte Weise.
Ausstattung (Goldschnitt!) und Druckqualität lassen keine Wünsche offen. Dem Verlag Edition Panorama ist mit diesem beeindruckenden Bildband eine angemessene Würdigung des „Wuppertaler Tanztheaterwunders“ gelungen. Dazu kann man den Machern nur gratulieren!

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Ursula Kaufmann (Fotografin)
Pina Bausch und das Tanztheater Wuppertal
www.editionpanorama.com
320 Seiten mit über 380 Fotografien in Farbe

Buch-Tipp: Kunst und Psyche. Familienverhältnisse - von Tilmann Moser

24. Oktober 2012 sgruen Keine Kommentare

Künstler auf der Couch

(Sigrid Grün)

Tilmann Moser ist Psychoanalytiker und verfügt über reichlich Erfahrungen im Bereich Familien- und Paartherapie. Dieser Erfahrungsschatz und sein großes Interesse für Kunst haben ihn dazu veranlasst, sich dem Thema “Familienbeziehungen” zu widmen. Bilder sind ein Spiegel der Seele, sowohl des Künstlers als auch des Betrachters, bei dem sie bestimmte Reaktionen auslösen. Tilmann Moser gelingt es mit seinen tiefenpsychologischen Deutungen bekannter Kunstwerke einiges über die Zeit und den Entstehungshintergrund, aber auch über die Persönlichkeit des Künstlers auszusagen.
Wie hat sich das klassische Familienmodell in den vergangengen Jahrhunderten geändert? Ganz klar ist eine Entwicklung ablesbar. Während früher Großfamilien dominierten, findet man in der Moderne oft nur noch Paare - ohne Kinder oder nur mit ein bis zwei Nachkommen.
Auf 60 farbigen Abbildungen, die Kunstwerke als Ganzes oder im Detail zeigen, kann der Betrachter nachvollziehen, wie sich der Umgang der Künstler mit dem Thema Familie gewandelt hat - und wie sich eben auch das Bild von der Familie geändert hat. Welche Konflikte wurden früher ausgetragen und welche Probleme dominieren moderne Paar- und Familienkonstellationen?
Moser nähert sich dem Thema indem er Bildkomplexe thematisch zusammenfasst: “Die heilige Familie”, “Paarbeziehungen - Alles begann mit Adam und Eva”, “Familiendynamik - Glück und Verstrickung”, “Eltern und Großeltern” und “Familien im Elend”. Von der Barockmalerei, über Familienporträts aus der Zeit des Biedermeier und surrealistische Bilder bis hin zu zeitgenössischer Kunst (etwa Antje Stockers “Die innere Familie” von 2010) ist vieles vertreten.
Neben den historischen und biographischen Entstehungshintergründen lässt Tilmann Moser auch immer eine fundierte tiefenpsychologische Deutung in die Bildinterpretationen einfließen. Die Bildbeschreibungen und -interpretationen wirken dabei stets lebendig und sind sehr gut lesbar, nicht zuletzt, weil der Autor auf jeglichen psychoanalytischen Fachjargon verzichtet.

Fazit:
Tilmann Moser ist ein ausgesprochen spannendes Werk gelungen, das die Augen für ein Thema öffnet, das sowohl in der Kunst als auch in der Psychoanalyse eine wichtige Rolle spielt. Dabei kann ein psychoanalytischer Zugang die Kunstanalyse und die Betrachtung von Kunstwerken die Psychoanalyse erleichtern. Damit befruchten sich die beiden Zugangsweisen gegenseitig.

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Tilmann Moser (Autor)
Kunst und Psyche. Familienverhältnisse
www.belser-verlag.de
128 Seiten

Buchtipp: Nichtstun. Eine Kulturanalyse des Ereignislosen und Flüchtigen

16. Juli 2012 sgruen Keine Kommentare

Die “leeren” Zeiten des Alltags

(Jan Neidhardt)

Wenn man Oscar Wilde vertrauen darf, dann ist “Nichtstun [...] die allerschwierigste Beschäftigung und zugleich diejenige, die am meisten Geist voraussetzt”.
Das lässt sich auch leicht verifizieren. Die meisten Leute hassen es untätig z.B. auf die Reparatur des Autos warten zu müssen, oder Verspätungen in öffentlichen Verkehrsmitteln hinzunehmen, selbst wenn es sich nur um wenige Minuten von durch äußere Umstände auferlegte Untätigkeit handelt.
Bewusstes Nichts-tun oder auch Gar-nichts-tun, wie z.B. bei manchen Formen der Meditation, davon träumt man vielleicht schon öfter, wenn einem der Stress über den Kopf zu wachsen scheint, aber wer das einmal ausprobiert hat, weiß auch, wie schwierig es uns heute fällt einfach mal Stillstand zuzulassen.
Von dem was mit uns passiert, wenn vermeintlich nichts passiert, handelt das Buch der beiden schwedischen Ethnologen Billy Ehn und Orvar Löfgren “Nichtstun - Eine Kulturanalyse des Ereignislosen und Flüchtigen”.
Das gut lesbare und streckenweise sehr spannende Buch nähert sich auf kulturwissenschaftliche Weise durch Beobachtung, Befragung und Auswertung von Romanen jenen Zuständen, die hier auch als Hinterhöfe der Kultur beschrieben werden.
Das “Nichtereignis” wird nach drei Kategorien aufgeschlüsselt: Dem Warten, den Routinen und den Tagträumen. Es wird deutlich, wie wichtig z.B. Tagträume sind und wie sie, obwohl oft als unproduktive auch antisoziale Zeitverschwendung gebrandmarkt, in Wahrheit oft eine Quelle von Kreativität aber auch Erholung sind.
Routinen machen unseren Alltag zu dem was er ist, stellen aber auch, trotzdem sie als langweilig verachtet sind, eine ökonomische Stütze dar und sind auch - öfter als man meint - durchaus lustbetonte Verrichtungen, bei denen man wiederum gerne auf Tagträume zurückgreifen kann, wie z.B. beim Abwasch oder Malerarbeiten.
Das Warten stellt schließlich eine ganz essentielle Kulturerfahrung dar. Schon Kinder müssen Abwarten lernen, müssen ihre Bedürfnisse zugunsten mehr oder weniger organisierter Abläufe im Zaum halten. Wartezeiten können natürlich auch vielfach genutzt werden, man kann sie aber auch bewusst verstreichen lassen. Kulturtypisch ist auch die Erfahrung in der westlichen Welt, dass viele Menschen Teile ihres Lebens (oder auch das ganze) in einer Art Warteschleife zu verbringen scheinen.
Das Buch zeigt einfach sehr schön, dass eben “ungenutzte” Zeit, ob wir das anerkennen können oder nicht, ein sehr wichtiger Teil unseres Lebens ist. Es zeigt, dass der Umgang mit dieser Zeit immer durch kulturelle Vorstellungen geprägt ist, abhängig von Zeit und Herkunft des betroffenen Menschen. Und es ist auch ein Buch, das Hoffnung machen kann, in Hinsicht darauf, dass eben in Zeiten der Ereignislosigkeit auch Potenzial zur Veränderung und zu einem kreativen Umgang mit sich selbst steckt.
Man muss es nur zulassen…

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Billy Ehn; Orvar Löfgren (Autoren)
Nichtstun. Eine Kulturanalyse des Ereignislosen und Flüchtigen
www.his-online.de
303 Seiten