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Artikel Tagged ‘Buchtipp’

Buchtipp: Ostende, 1936. Sommer einer Freundschaft (Volker Weidermann)

1. August 2014 sgruen Keine Kommentare

Ein “dunkler Sommer” inmitten einer belgischen Strandidylle

(Sigrid Grün)

Der Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung Volker Weidermann hat sich in seinem jüngsten dokumentarischen Roman “Ostende, 1936″ der Freundschaft zwischen zwei Exilschriftstellern gewidmet, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Stefan Zweig, der Mann von Welt und Millionär und Joseph Roth, der Säufer und “Grantl-, Schimpf- und Hasskönig des Exils”. Am Strand von Ostende, im Café Flore verbringen sie gemeinsam mit einer illustren Gesellschaft, die aus verschiedenen Künstlern auf der Flucht vor dem deutschen Faschismus besteht, einen denkwürdigen Sommer. Egon Erwin Kisch und seine Frau, Willi Münzenberg, Hermann Kesten, Ernst Toller und seine junge Gefährtin Christiane Grautoff gehören ebenso zur “Gesellschaft der Stürzenden” wie Irmgard Keun, die Deutschland als einzige ohne Zwang verlassen hat. Zwar wurden ihre Schriften verboten, doch verfolgt wurde sie nicht. In diesem “dunklen Sommer” begegnet sie Joseph Roth, dessen letzte Liebe sie sein wird. Die auf den ersten Blick so unterschiedlichen Menschen haben vor allem eine Gemeinsamkeit, den Alkoholismus, den sie immer wieder als einzige Möglichkeit die Welt zu ertragen beschreiben und als Grundbedingung für ihr Schreiben. Währenddessen versucht Zweig seinen schwermütigen und kranken Freund vom Trinken wegzubringen. Er ist fast wie eine Mutter, die aus dem Sohn einen besseren Menschen zu machen versucht und ihm trotzdem immer wieder Geld gibt, damit er nicht ganz unter die Räder kommt.

Volker Weidermann ist ein feinsinniges, atmosphärisches und höchst interessantes Buch gelungen. Zahlreiche Anekdoten und Zitate machen aus “Ostende, 1936″ auch noch eine äußerst unterhaltsame Lektüre, die in all der Bedrückung auch für Lacher sorgt. Ein wunderbares Sommerbuch, das ich jedem literarisch Interessierten ans Herz legen kann.

Volker Weidermann (Autor)
Ostende, 1936. Sommer einer Freundschaft.
www.kiwi-verlag.de
160 Seiten

Buchtipp: Transsibirische Eisenbahn. Durch die russische Taiga zum Pazifik (Anne und Olaf Meinhardt)

22. Juli 2014 sgruen Keine Kommentare

Auf dem Weg ins Reich der Mitte und ans Ende der Welt

(Sigrid Grün)

Die 9.288 Kilometer Lange Transsib-Strecke gehört zu den Traumrouten sowohl von Abenteurern als auch von Kulturtouristen, denn sie bietet eine ungeahnte Vielfalt an Landschaftsformen und Städten auf zwei Kontinenten. Von Moskau bis Wladiwostok durchquert man nicht nur das größte Land der Erde, sondern Natur- und Kulturräume, die ihresgleichen suchen. Anne und Olaf Meinhardt kennen Land und Leute, reisen sie doch seit vielen Jahren - teilweise mit dem Fahrrad durch die unendlichen Weiten Sibiriens. Für diesen Bildband haben sie die Strecke über ein halbes Jahr lang mit Bahn und Geländewagen bereist. Herausgekommen ist ein beeindruckender Bildband mit vielen interessanten Informationen zu den Höhepunkten an der Strecke.

Von der prunkvollen Metropole Moskau geht es über den “Goldenen Ring” mit vielen wunderschönen alten Klöstern und Städten zum Ural. Von dort aus weiter nach Jekaterinenburg, Tjumen und Irkutsk. Vom “sibirischen Paris” aus schließlich am Baikalsee entlang in die burjatische Hauptstadt Ulan Ude - hier gabelt sich die Strecke schließlich in eine Trasse, die als “Transmongolische Bahn” quer durch die Mongolei nach Peking führt und die “Transmandschurische Bahn” sowie die “Amurbahn”, die in Wladiwostok, am japanischen Meer endet. Das Autorenpaar folgt sowohl der südlichen Trasse nach Peking als auch der östlichen über Harbin nach Wladiwostok.
Sie berichten von den Städten und den Menschen, verschiedenen Festen (etwa der “Butterwoche” Masleniza) und Traditionen (z.B. von den monglischen olympischen Spielen, dem “Naadamfest”). Sowohl die Geschichte des Eisenbahnbaus als auch das Leben im gegenwärtigen Russland werden thematisiert. Anne Meinhardt schreibt spannend und gut verständlich. Dazu gibt es umwerfend schöne Fotos, die demonstrieren wie bunt und abwechslungsreich die Strecke ist.
Der Textbildband ist in jeglicher Hinsicht gelungen. Sowohl in puncto Inhalt als auch hinsichtlich der Fotoauswahl. Die Autoren haben sich viel Mühe gegeben bei der Anfertigung dieses qualitativ hochwertigen Reisebildbandes.

Anne Meinhardt; Olaf Meinhardt (Autorin; Fotograf)
Transsibirische Eisenbahn. Durch die russische Taiga zum Pazifik
www.bruckmann.de
192 Seiten, ca. 320 Abbildungen

Buchtipp: In den Wäldern Sibiriens (Sylvain Tesson)

21. Juli 2014 sgruen Keine Kommentare

Sechs Monate Einsamkeit

(Sigrid Grün)

Der französische Schriftsteller und Filmemacher ist ein Reisender. Eine Erdumrundung auf dem Fahrrad und mehrmonatige Expeditionen durch den Himalaya und Zentralasien hat er bereits absolviert, als er den Entschluss fasst, ein halbes Jahr in den Wäldern Sibiriens als Eremit zu verbringen. Im Februar zieht er in eine Hütte am Ufer des Baikalsees, den die Russen liebevoll “Maloe More” - kleines Meer -, nennen. Ohne Nachbarn und Zugangsstraße versucht er ein Leben in Kontemplation. Eine Auflistung seiner Ausrüstung umfasst alle überlebenswichtigen Gegenstände von A wie Axt bis Z wie Zigarillo. Seine “ideale Lektüreliste” beinhaltet nicht nur große Weltliteratur, sondern auch Naturführer, die die einzigartige (teils endemische, d.h. nur in dieser Region vorkommende) Flora und Fauna im Baikalgebiet zum Thema haben.

Tesson beginnt seinen Aufenthalt im sibirischen Winter, der so unvorstellbar kalt ist, dass das Dasein als Eremit nicht nur psychisch, sondern auch physisch zu einer Herausforderung wird. Ein scheinbar harmloser Fehler kann das Leben kosten. Tesson unternimmt kleine Ausflüge in die äußere Welt rund um seine Blockhütte und in deren Wärme in die innere Welt. Sprachmächtig und voller Poesie beschreibt er die klirrende Kälte, in der der mächtige Baikal von einer meterdicken Eisschicht bedeckt ist, auf dessen Oberfläche alljährlich Fahrbahnen für Autos und Lkws etabliert werden. Ab und an besucht der seine Nachbarn, Wildhüter, die von der Einsamkeit geprägt wurden und bekommt Besuch. Er erlebt eine Natur, die ihm nicht immer freundlich gesonnen ist. Ein Begegnung mit einem Bären ist ebenso möglich wie der Tod durch Erfrieren. Der Autor reflektiert seine Sehnsucht nach dem Eremitendasein. Dabei zählt er u.a. folgende Gründe für seinen Rückzug in die Wälder auf:
- Ich war zu geschwätzig.
- Ich wollte Stille.
- Zu viel unbearbeitete Post und zu viele Leute zu treffen.
- Ich beneidete Robinson. (S. 108)
Doch der Aufenthalt in der Einsamkeit ist längst nicht so romantisch wie man ihn sich vielleicht vorstellt, sondern mit enormen physischen wie psychischen Anstrengungen verbunden. Letztere versucht Tesson nicht selten im Wodka zu ertränken, was ja durchaus auch eine gewisse romantische Vorstellung vom Eremitendasein evoziert.
Beeindruckend ist die Beschreibung der Wandlungen in der Natur. Hier sind es eher die kleinen Dinge, die die besondere Poesie ausmachen. Kleine Vögelchen, die an die Fensterscheibe klopfen zum Beispiel. Während des Aufenthaltes am Baikal verändert sich aber auch der Autor. Bei seiner Rückkehr wird er andere Bedingungen vorfinden als vor seiner Reise. Nicht nur weil er sich geändert hat, sondern auch, weil sein Umfeld andere Wege einschlägt.

Liebhabern von sprachlich verdichteten Reiseberichten und anspruchsvoller Selbsterfahrungstripps á la “Walden” sei Sylvain Tessons “In den Wäldern Sibiriens” wärmstens ans Herz gelegt. Wer eher für actionreiche Reiseliteratur und esoterische Unterhaltung wie “Eat, pray, love” zu haben ist, wird hiermit nicht wirklich glücklich werden. Als Angehörige der “Walden”-Fraktion kann ich die Lektüre nur empfehlen.

Sylvain Tesson, Claudia Kalscheuer (Autor; Übersetzerin)
In den Wäldern Sibiriens. Tagebuch einer Einsamkeit
www.randomhouse.de
272 Seiten

Buchtipp: Der Tanz der Möwe. Commissario Montalbano erblickt die Wahrheit am Horizont (Andrea Camilleri)

21. Juli 2014 sgruen Keine Kommentare

Im Visier der Mafia

(Sigrid Grün)

Ende fünfzig ist der sizilianische Commissario Montalbano mittlerweile, als er von seiner Veranda aus eine strauchelnde Möwe beobachtet. Hat jemand das Tier abgeschossen? Er nähert sich dem Tier und sieht ihm bei seinem letzten “Tanz” zu, der mit dem Tod des Vogels endet. Kein sehr schönes Vorzeichen an diesem Novembermorgen und entsprechend ungut ist auch das Gefühl, das den Kommisssar beschleicht. Auf der Wache von Vigàta erfährt Montalbano schließlich, dass der Polizist Fazio verschwunden ist. Diese Nachricht kommt dem Commissario nicht nur deshalb ungelegen, weil Fazio sein Lieblingsmitarbeiter ist, sonder auch weil Livia, seine Verlobte, mit der er immer noch ein Fernbeziehung führt, mit ihm verreisen wollte. Angeblich wollte Fazio sich mit dem Commissario am Hafen treffen, doch Montalbano kann sich daran nicht erinnern. Fazio hat offensichtlich auf eigene Faust ermittelt und ist dabei in eine Schießerei geraten. Der Tipp eines Unbekannten bringt Montalbano schließlich auf die richtige Spur. Im sizilianischen Hinterland, das sich fest in Mafiahand befindet, stößt der Kommissar nicht nur auf zwei unbekannte Tote, sondern auch auf Fazio, der eine schwere Kopfverletzung erlitten hat und sich kaum an die Vorfälle erinnern kann. Es muss wohl um Schmuggel gehen - mehr weiß er nicht. Montalbano versucht das Rätsel des nächtlichen Treffens zu lösen. Dabei darf er keine Zeit verlieren, denn jemand hat es auf Fazios Leben abgesehen. Der Fall scheint fast unlösbar, doch dann begegnet ihm die attraktive Krankenschwester Angela, die ihm vielleicht helfen kann. Doch kann er ihr vertrauen?

Montalbano ist auch beim 15. Fall der menschliche und grundsympathische Ermittler als den seine treuen Fans ihn einst kennengelernt haben. Er hat seine Schwächen, wird mit dem Alter immer schussliger und ist schlichtweg kein einfacher Mensch. Seine Art an Fälle ranzugehen - sich in Montalbano eins und Montalbano zwei zu spalten, um alle möglichen Lösungswege durchzuspielen, ist ein kriminalistischer Kunstgriff. Andrea Camilleri ist auch mit “La danza del gabbiano” ein Krimi gelungen, der gleichzeitig melancholisch und humorvoll ist. Eine spannende Sommerlektüre vor sizilianischer Kulisse.

Andrea Camilleri; Rita Seuß & Walter Kögler (Autor; Übersetzer)
Der Tanz der Möwe. Commissario Montalbano erblickt die Wahrheit am Horizont
www.luebbe.de
269 Seiten

Buchtipp: Der Sommer der Wildschweine (Birgit Vanderbeke)

12. Juli 2014 sgruen Keine Kommentare

Erschütterungen

(Sigrid Grün)

Der Eventmanager Milan und die Texterin (neudeutsch Content Agentin) Leo machen seit vielen Jahren wieder Urlaub. Im südfranzösischen Dörfchen Fontarèche mieten sie sich im Haus eines Bekannten ein, weil sie dem Alltagstrubel entkommen möchten. Doch selbst vor dieser entlegenen Ecke in den Cevennen hat die Globalisierung nicht Halt gemacht - im Gegenteil. Obwohl die jungen Bewohner die Gegend wegen der Arbeitslosigkeit längst verlassen haben und nur noch einige Alte übrig sind, die nicht-EU-genormtes Gemüse im eigenen Garten anbauen, sind die schrumpfenden Dörfer von einer Gefahr bedroht, die man nicht erahnen konnte. Land Grabbing lautet ein Schlüsselbegriff - Ölkonzerne führen Probebohrungen in den umliegenden Bergen durch und erschüttern damit die südfranzösische Idylle. Es ist eine beschädigte Welt, die hier gezeigt wird, eine ländliche Region, die sich in einem Transformationsprozess befindet, der uns unmenschlich erscheint, weil die Ziele von Konzernen sich nicht mit den Bedürfnissen von den Menschen und Tieren in der Gegend vereinbaren lassen. Während die erwachsenen Kinder von Milan und Leo ihr Glück in Manchester (wo den Sohn Johnny eigentlich nichts außer seiner Frau Debbie hält) und New York (dort macht die 18-jährige Tochter Anouk ein Praktikum bei einer Sklaventreiberin und Schnepfe in der Modebranche) suchen, sind Milan und Leo in der Nähe von Frankfurt geblieben. Milan verliert während der Wirtschaftskrise sein Unternehmen und muss anfangen für eine andere Firma zu arbeiten, während Leo nun nicht mehr Texte verfasst, sondern Content generiert. Über die Krise rettet sie eigentlich ihr Sohn Johnny, der in der IT-Branche erfolgreich ist und seit seiner frühen Jugend von 3D-Welten träumt, während Anouk ihre Strickleidenschaft auslebt und sich für Ökoprojekte engagiert.

Aus der Sicht von Leo wird hier die Geschichte des globalisierten Menschen erzählt, der in einer eigentlich viel zu komplexen Welt überleben muss und sein Glück sucht - mal in den fantastischen 3D-Welten von Computersimulationen, mal in der auf die Spitze getriebenen Strickkunst. Hier werden Transformationsprozesse deutlich, in deren Rahmen der Mensch in eine Welt katapultiert wird, die auch dort, wo sie noch als unangetastet galt eine beschädigte ist, zerstört durch die Erschütterungen, die dem Leser hier gleich in mehreren Bildern begegnen. Die Luft und der Boden vibrieren in der südfranzösischen Provinz und man spürt das dräuende Unheil, das auch die Wildschweine aus ihrem gewohnten Lebensraum in den Bergen in die Täler treibt, wo sie die Gärten der letzten verbliebenen Bewohner verwüsten.

Birgit Vanderbeke, die selbst seit vielen Jahren in Südfrankreich lebt, ist wieder einmal ein wunderbares Buch gelungen, das den globalisierten Menschen unglaublich präzise beschreibt. Eine Lektüre, die rundum empfehlenswert ist!

Birgit Vanderbeke (Autorin)
Der Sommer der Wildschweine
www.piper.de
160 Seiten

Theresa Bäuerlein und Friederike Knüpling: Tussikratie. Warum Frauen nichts falsch und Männer nichts richtig machen können

11. Mai 2014 sgruen Keine Kommentare

Let’s talk about gender

(Sigrid Grün)

Soeben hat sich Conchita Wurst beim ESC in den Showhimmel gesungen und damit bewiesen, dass das Geschlecht scheinbar eine Kategorie geworden ist, die keinen großen Geist stört. Immerhin, auf der Showbühne ist die bärtige Dragqueen der Star - aber im Alltag? Gab es nicht schon auf Jahrmärkten bärtige Jungfrauen, die als Attraktionen vorgeführt wurden? Eine Frau, die als Mann geboren wurde kommt auch in der aktuellen Neuerscheinung “Tussikratie” zu Wort. Wir sind viel mehr als ein Häkchen auf einer Liste biologischer Merkmale. Und trotzdem ist das Geschlecht eins der maßgeblichen Themen unserer Zeit, denn die Zugehörigkeit zu einem von nur zwei Geschlechtern ist traditionell mit Zuschreibungen von Macht verbunden. Die dadurch geschaffenen Strukturen aufzubrechen ist ein wichtiges Ziel, das sich insbesondere der Feminismus auf die Fahnen geschrieben hat.
Theresa Bäuerlein und Friederike Knüpling, zwei Frauen um die dreißig, haben nun ein Buch verfasst, das sich kritisch mit einer ganz bestimmten Haltung auseinandersetzt, die sie selbst als “Tussikratie” bezeichnen - die Herrschaft der Tussi, die nicht etwa eine Gleichberechtigung von Mann und Frau fordert, sondern lediglich, dass der Spieß einfach umgedreht wird. Frauen sollen nun das Steuer in die Hand nehmen und die Männer mal den Abwasch machen lassen, denn immerhin waren die bisher die bösen Unterdrücker. Jetzt sollen sie mal sehen, wie das ist. Doch ist diese schlichte Umkehrung der Verhältnisse wirklich dazu geeignet, dem ohnehin überaus komplexen Alltag, in dem wir leben erfolgreich zu begegnen? Sollte nicht eher eine Annäherung der Geschlechter angestrebt werden und nicht einfach eine Diskriminierung der Männer? Einfach ist es ja schon, bestehende Verhältnisse einfach umzudrehen, denn dann müsste auch nicht so viel darüber nachgedacht werden, wie es sich besser machen ließe. So wären die Geschlechterrollen weiterhin klar. Frauen wären einfach nicht mehr die Opfer, sondern das starke Geschlecht und Männer könnten die freigewordene Opferrolle ruhig übernehmen. Was so drastisch klingt, ist in vielen Bereichen schon Realität. In puncto Verhütung sitzt beispielsweise definitiv die Frau am längeren Hebel. Wenn sie ein Kind will und der Mann nicht, dann ist es möglich, dass sie sich schwängern lässt ohne dass Mann das weiß. Abgesehen von Kondomen gibt es kein zuverlässiges Verhütungsmittel für Männer, aber nicht unbedingt, weil die sich aus der Verantwortung stehlen würden, sondern weil es nicht gewünscht ist. Unternehmen, die bereits den Kassenschlager “Pille” produzieren, würden sich ja ihr Geschäft versauen, wenn sie plötzlich ein Konkurrenzprodukt zu ihrem Hit auf den Markt werfen würden. Auch Quotenregelungen können keine Lösung sein, denn letztendlich profitieren alle Beteiligten davon, wenn ein verantwortungsvoller Posten schlichtweg vom Besten oder eben der Besten besetzt wird. Das Geschlecht allein sollte dabei keine entscheidende Kategorie sein.
Aber sind Frauen denn wirklich so benachteiligt in der Arbeitswelt? Die Gender Pay Gap (dtsch. Geschlechter-Lohnlücke) ist in unseren Köpfen ziemlich stark verankert. Frauen verdienen im Durchschnitt viel weniger als Männer. Sie sind benachteiligt. Das ist einfach so. Oder? Selten wird hinter die Zahlen geschaut. Die Unterschiede zwischen dem Einkommen von Frauen und Männern sind durch verschiedene Faktoren bedingt, u.a. dadurch, dass Frauen sehr viel häufiger in Teilzeit arbeiten und diese Stellen nunmal nicht so gut bezahlt sind wie Vollzeitstellen. Auch Gehaltsverhandlungen werden von Frauen oft anders geführt als von Männern und dann sind es natürlich die klassischen weiblichen Berufsbilder, etwa im sozialen Bereich, die nicht so gut bezahlt werden. Aber ist es nicht auch so, dass viele Frauen auch schlichtweg andere Dinge wollen als ihre männlichen Kollegen, die z.B. unter dem Druck stehen Geld zu verdienen, um wenigstens einen Großteil des Familieneinkommens zu bestreiten. Die Zeiten in denen der Mann arbeiten geht und allein mit seinem Einkommen die ganze Familie durchbringt sind nämlich längst vorbei. Aber ist es dann wirklich ein Gender Problem oder ein Wertekonflikt, der uns z.B. soziale Berufe als nicht so wichtig wie etwa technische Berufe erscheinen lässt und damit auch eine unattraktive Bezahlung nach sich zieht? Ist es dann auch noch in Ordnung, wenn Jungs beim “Boys Day” gesagt wird, sie sollten doch einen sozialen Beruf ergreifen, weil dann einfach mehr Männer in den Frauenberufen wären? Und Mädchen parallel beim “Girls Day” dazu ermuntert werden die richtig guten Jobs, z.B. im Technikbereich zu ergreifen? Einfach nur, damit das Ganze mal nicht mehr so stark nach typischem Männer- und klassischem Frauenjob aussieht? Wie fühlt sich ein Junge, dem beigebracht wird, dass er doch einen Beruf ergreifen soll, in dem man weniger verdient - einfach nur weil er ein Junge ist und nicht nur die Mädchen die Drecksarbeit machen sollen?
Aber nicht nur Männer leiden unter der Tussikratie, sondern auch Frauen selbst setzt diese Haltung unter großen Druck. Wenn wir Frauen alles erreichen können - Kerl, Kind, Karriere - dann müssen wir das auch irgendwie, denn alles andere würde bedeuten, dass wir unsere Möglichkeiten nicht ausschöpfen und kläglich versagen.
Natürlich gibt es noch Benachteiligungen von Frauen. Und das ist sehr schlimm! Friederike Knüpling, selbst leidenschaftliche Boxerin, schreibt z.B. über das Boxen als Sport, in dem Frauen keinen leichten Stand haben. Selbstverständlich ist es wichtig wirkliche Benachteiligungen zu verurteilen und Änderungen herbeizuführen. Nur kann die Lösung nicht eine simple Umkehrung sein. Das Buch ist in keiner Weise frauenfeindlich - im Gegenteil! In einem Brief an die Frauen richtet Theresa Bäuerlein einen engagierten Appell an die Frauen, in dem es vor allem darum geht, dass es keinen Sinn hat nun quasi in die Männerrolle zu schlüpfen. Geschlecht ist einfach nicht die entscheidende Kategorie! So einfach und gleichzeitig schwer ist es, denn wenn eine so scheinbar simple Kategorisierungsmöglichkeit wegfällt… Ja, was dann? Dann müssen wir uns etwas Neues überlegen. Und das ist manchmal ganz schön schwierig.

Fazit: “Tussikratie” ist ein Buch, dem ich viele LeserInnen wünsche, denn es zeigt auf, dass manche Ansätze, die wir verfolgen nicht zu einer wirklichen Lösung, sondern lediglich zu einer Verschiebung des Problems führen. Wenn Geschlechterverhältnisse einfach nur umgekehrt werden, führt dies lediglich dazu, dass vorhandene Rollenbilder zusätzlich zementiert werden - schlichtweg unter geänderten Vorzeichen. Die Autorinnen rutschen dabei nicht in die Polemik ab, sondern bringen Verständnis für Angehörige jedweden Geschlechts auf, was vermutlich vor allem daran liegt, dass sie sich von der Vernunft leiten lassen. Eine erhellende Lektüre - sehr zu empfehlen!

Theresa Bäuerlein; Friederike Knüpling (Autorinnen)
Tussikratie. Warum Frauen nichts falsch und Männer nichts richtig machen können
www.randomhouse.de
320 Seiten

Buchtipp: Wir wir uns täglich die Zukunft versauen

14. März 2014 sgruen Keine Kommentare

Vom Now Me zum Future We

(Sigrid Grün)

Die Menge Büchern, in denen es darum geht, wie düster es um unsere Zukunft bestellt ist, wenn wir an unserem Verhalten nichts ändern ist nicht mehr überschaubar. Wir wissen, dass es so nicht mehr weitergeht. Die Ressourcen sind begrenzt und wir haben eigentlich keine Chance mehr. Das lähmt uns einerseits, andererseits können wir es auch ziemlich gut ausblenden. Düstere Prognosen können wir schon nicht mehr hören - einerseits weil wir sie nicht hören wollen, andererseits weil wir schon so abgestumpft sind. Und gegenwärtig geht es uns doch gut!

Der Zukunftsmanager Pero Mićić zeigt nun auf, welche Ursachen hinter unserem Verhalten stecken und er erklärt, welcher Weg aus der misslichen Lage führen könnte. Schuld an der Situation ist eine ursprünglich praktische Art zu denken: Das Kurzfristdenken. Wenn Denk- und Handlungshorizont ungefähr deckungsgleich sind und unsere Möglichkeiten sehr beschränkt, sorgt dieses kurzfristig ausgelegte Denken dazu, dass wir erfolgreich überleben. Wenn unsere Möglichkeiten aber unseren Denkhorizont weit übersteigen, wie es im 21. Jahrhundert schon lange der Fall ist, wird diese Überlebenstaktik zu einer gefährlichen Kurzfristfalle, der wir nur schwer entkommen können.
Normalerweise denken wir kurzfristig und emotional. Ich will JETZT und nicht morgen. Es gibt zahlreiche Versuche dazu. Etwa die Studie, in der Menschen heute 10 Euro jetzt oder 11 Euro morgen angeboten bekommen. Fast alle entschieden sich für die 10 Euro jetzt. Rechnet man nach, sind das sagenhafte Zinsen, die einem da entgehen. Auch jede Sucht funktioniert so. Wir sind der “Homo praesens” und bekommen auch aktuell zu hören, dass wir ganz in der Gegenwart leben sollen, was wir auch nur zu gerne tun. Doch das ist eben auch extrem gefählich. Und selbst wenn wir es schaffen langfristig zu denken, sind wir meist nicht so weit, auch langfristiges Tun zu verwirklichen.
Pero Mićić zeigt in diesem Buch auf, wie man der Kurzfristfalle, die in uns nunmal angelegt ist, entkommen kann. Ein wichtiger Faktor ist der Zeithorizont - sobald wir nämlich über etwas entscheiden sollen, das in der Zukunft liegt, entscheiden wir uns sehr viel vernünftiger. Wer gefragt wird, ob er 10 Euro in einem Jahr oder 11 Euro in einem Jahr und einem Tag erhalten möchte, nimmt fast immer die 11 Euro. Auch in puncto Ernährung suchen wir uns nachweislich die gesündere Alternative aus, wenn wir heute über unser Menü in einer Woche entscheiden sollen. Nur dürfen wir dann in einer Woche nicht die Möglichkeit eingeräumt bekommen, uns doch noch umzuentscheiden, denn sonst greift wieder zu Kurzfristfalle.
Besonders gefährlich ist das kurzfristige Denken in der Politik. Solange es nur um Wählerstimmen geht, wird langfristiges Denken nämlich vom Wähler abgestraft. Hier muss ein Umdenken stattfinden. Der Autor zeigt zudem auf, wie man auf Unternehmensebene der Kurzfristfalle entkommen kann: Vom Now Me zum Future We lautet die Devise hier. Erst wenn wir in Kategorien der Gemeinschaft langfristig denken und handeln, können wir der Kurzfristfalle und damit einer düsteren Zukunft entkommen. Pero Mićić erklärt, was es dabei zu beachten gilt.
Ein höchst spannendes und aufschlussreiches Buch, das hoffentlich viele Leser findet. Es hilft dabei das eigene Denken und Verhalten zu reflektieren und hinter die Kulissen zu blicken.

Pero Mićić (Autor)
Wie wir uns täglich die Zukunft versauen
www.ullsteinbuchverlage.de
336 Seiten

Buchtipp: Kim & Struppi. Ferien in Nordkorea

12. März 2014 sgruen Keine Kommentare

Reisebericht aus einem bizarren Land

(Sigrid Grün)
Christian Eisert ist TV-Autor, Satiriker und Comedy-Coach. Lachen ist quasi sein Business - und ausgerechnet so einer fährt nach Nordkorea, in ein Land, in dem das Lachen wahrscheinlich nur aus organisatorischen Gründen nicht verboten werden kann. Gelacht wird nur über die Witze des Staatsführers. Wenn er denn mal welche machen würde.
Eigentlich ist er vor allem auf der Suche nach einer gigantischen Regenbogenrutsche, die er als Kind einmal gesehen haben will. Die Schule in Ostberlin, die er einst besucht hat, war nämlich eine ganz besondere: Die Schule der Freundschaft zwischen der DDR und der KDVR. Ein bisschen sperriger Name, aber ok, sperrige Sachverhalte müssen nunmal auch in sperrigen Namen verwurstet werden. Eisert packt sich also seine beste Freundin Thanh Hoang, eine Fotoreporterin, die ihn zwar dauernd Hase nennt, ansonsten aber herrlich kratzbürstig ist und macht sich auf in das Land von “Kim und Struppi”. Schon die Einreise ist ein gefährliches Unterfangen, denn Journalisten dürfen in Nordkorea nicht rein, sonst Kopf ab. Wie überhaupt auf vieles die Todesstrafe steht. Es muss also vor allem für Thanh eine neue Identität her. Kurzerhand wird sie zu “Sandra”, zum Glück hat sie noch einen Ausweis, der auf diesen Namen lautet, da sie als Kind adoptiert wurde. In Nordkorea bekommt das seltsame Paar (das ja eigentlich gar keins ist) ein noch viel seltsameres Paar zur Seite: Herrn Rym und Herrn Chung, die Aufpasser, die das Land der begrenzten Möglichkeiten in ein möglichst positives Licht rücken sollen. Als Leser bekommt man einen beeindruckenden Einblick in das bizarre Land, dessen Führer Kim Il-sung über 10.000 Bücher geschrieben haben soll, also, ab seiner Geburt alle drei Tage ein neues… Ganz schön beachtlich, wenn man bedenkt, was er noch so nebenbei geleistet hat.
Eisert schreibt über das Bild, das ein Tourist von Nordkorea gewinnt - es gibt ein einziges, gigantisches Hotel, in dem alle ausländischen Touristen untergebracht werden, er schreibt über seltsame Sightseeing-Touren und über die Erlebnisse mit seiner besten Freundin Thanh und Rym & Chung. Dabei bleibt er aber nicht nur an der Oberfläche hängen, sondern berichtet häufig von den Hintergründen - unter anderem mafiösen Strukturen, in die nicht zuletzt auch wichtige europäische Institutionen verwickelt sind.
Er schreibt nicht respektlos (auf alle Fälle nicht respektloser als über jedes andere Land), sondern versucht herauszufinden, was in Nordkorea “so geht”. Und dabei erzählt er seine ganz persönliche Geschichte von der Begegnung mit einem der außergewöhnlichsten Reiseziele der Welt. Nordkorea ist ein Sehnsuchtsort für die Freaks unter den Globetrottern - oder einfach für neugierige Menschen, die sich dafür interessieren, wie ein Leben in einem Land mit einer derart menschenverachtenden Ideologie und einem vollkommen verrückten Diktator möglich ist.

Christian Eisert (Autor)
Kim & Struppi. Ferien in Nordkorea
www.ullsteinbuchverlage.de
320 Seiten mit zahlreichen Farbfotos

Buchtipp: Die Frau, die nie fror von Elisabeth Elo

16. Februar 2014 sgruen Keine Kommentare

Umwelt-Thriller mit Tiefgang

(Sigrid Grün)

Vor der Küste Maines ereignet sich ein tragischer Unfall. Ein Fischerboot wird von einem weitaus größeren Schiff, vermutlich einem Frachter, gerammt und zerstört. An Bord des Fischerbootes Molly Jones befinden sich der frischgebackene Eigentümer Ned Rizzo und eine langjährige Freundin - Pirio Kasparov. Rizzo überlebt die Kollision nicht und bleibt verschwunden. Seine Begleiterin jedoch schafft es mehrere Stunden in dem wenige Grad kalten Wasser zu überleben. Das ist eigentlich ein Wunder. Nach dem Unfall versucht die junge Frau mühsam in ihr Leben zurückzufinden. Dabei geht es ihr gar nicht so sehr um sich selbst, sondern vor allem um ihr 10-jähriges Patenkind Noah, der Neds Sohn ist. Noahs Mutter Thomasina ist mit ihrem Leben völlig überfordert. Sie ist Alkoholikerin und lässt sich ständig mit den falschen Kerlen ein. Deshalb versucht Pirio nicht nur ihr eigenes Leben und ihren Beruf als angehende Leiterin des Familienunternehmens (eine Parfumfirma) hinzubekommen, sondern auch sich so oft wie möglich um Noah zu kümmern. Und dann tritt auch noch die Navy an sie heran und ihr strenger Vater macht ihr zusehends Druck in puncto Geschäftsübergabe. Auf Neds Beerdigung begegnet sie schließlich verschiedenen Personen - teils aus ihrer Vergangenheit - und einem Unbekannten, der sich als ehemaliger Klassenkamerad des Verstorbenen ausgibt. Dieser Mann erregt Pirios Misstrauen und sie beginnt ziemlich bald damit sich zu fragen, ob der Unfall auf dem Meer wirklich ein Unfall war. Dabei gerät sie immer tiefer in einen Strudel aus Korruption und Umweltverbrechen.

Elisabeth Elo ist mit diesem Roman ein fulminantes Debüt gelungen. Die Figuren wirken auf eine verschrobene Weise sympathisch. Pirio ist die von ihrem Vater zu Härte und Durchhaltevermögen erzogene “Schwimmerin”, die so vieles tut um Noah zu helfen - aber nicht auf diese aufdringliche Art, die auf einen Helferkomplex hindeutet, sondern aus einem tiefen Verantwortungsgefühl für das Kind heraus und aus Loyalität ihrem verstorbenen Freund gegenüber. Ihrer Alkoholikerfreundin Thomasina (Noahs Mutter) gegenüber fährt sie auch einen wesentlich härteren Kurs. Selbst der alternde Patriarch Milosa, Pirios Vater, ist trotz seiner Härte und Entschiedenheit ein Sympathieträger. Und dann ist es natürlich die Thematik, die bewegt. Umwelt-Thriller wirken manchmal überzogen - dieser hier hingegen wirkt sehr authentisch. Gerade deshalb ist das Buch in dieser Hinsicht keine leichte Kost. Zur brisanten Hauptthematik gesellt sich schließlich noch eine recht belastende Familiengeschichte.

Fazit: Dieser Umwelt-Thriller vermag es, den Leser so sehr zu fesseln, dass es kaum möglich ist das Buch beiseite zu legen. Elisabeth Elo ist es gelungen ein hochinteressantes und wichtiges Thema in eine spannende Geschichte zu packen.

Elisabeth Elo (Autorin)
Die Frau, die nie fror
www.ullsteinbuchverlage.de
512 Seiten

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Buch-Tipp: “untitled” von Joachim Bessing

14. April 2013 sgruen Keine Kommentare

Liebenderweise

(Sigrid Grün)

Was nützt die Liebe in Gedanken? Nichts, denn das soll sie auch überhaupt nicht. Aber, dass sie alles sein kann, in Zeiten von iPad und iPhone, das zeigt uns Joachim Bessing in seinem neuen Roman “untitled”, der so heißt wie das letzte von Martin Margiela kreierte Parfum, das nach Buchsbaum und Weihrauch riecht und ein bisschen wie der Aschenbecher vom Vorabend. “Untitled”, “ohne Betreff” steht auch über den Nachrichten, die sich die Liebenden in diesem Roman zusenden. Die überwiegend digitale Liebe, die trotz der Entkörperlichung so stark körperlich ist, dass der Schmerz schier unerträglich wird, ist Bessings großes Thema.

Vor einem Bücherregal in einer Berliner Privatwohnung kommen sie sich näher. Der Ich-Erzähler und J., die Philosophin Julia. Ein Büchlein über den antiken Philosophen Plotin (”Plo-tiehn!”) ist der erste Gesprächsgegenstand der beiden und dann wird auf dem Klo geküsst. Nein, nicht geküsst. Zahncreme wird “küssenderweise” aus dem Gesicht entfernt. Und das ist die größte Kusserfahrung, die der Erzähler jemals gemacht hat. Seelenverwandte haben sich gefunden. Doch Julia ist verheiratet und das möchte sie auf keinen Fall ändern. Und so nimmt die Geschichte den Lauf, den solche Geschichten eben nehmen. Man kennt es ja, vom Werther natürlich und von vielen anderen.
Überlandflüge, Modeschauen, Drogen - das war die Welt des Modejournalisten bis zu diesem denkwürdigen Moment vor dem Berliner Bücherregal. Von da an ist seine Welt Julia. Alles andere rückt in den Hintergrund. Tausende Nachrichten, (”Im Zweifel für den Zweifel!” lautet die erste), Songs und Fotos werden verschickt. Der jeweils andere ist stets gegenwärtig. Und wenn sie sich dann wirklich sehen wird phänomenal geküsst. Aber meistens sehen sie sich nicht im Real Life. Die Liebe ist überwiegend virtuell und so intensiv, wie Liebe nur sein kann. Ist das dann überhaupt noch Liebe, fragt der Protagonist einmal seine Therapeutin, oder ist es schon Wahn? Auf alle Fälle ist es irre intensiv und es kostet fast das Leben, das nur noch Julia ist. Wie ist es, wenn man alles verliert und da nur noch Schmerz zu sein scheint, wenn nicht nur das iPhone, sondern auch noch das Gesicht zerbricht? Joachim Bessing lässt seinen digitalen Werther davon erzählen. Viel hat sich nicht geändert, am Leiden an der Liebe. Nur können wir mittlerweile ganz anders daran teilhaben. Joachim Bessing ist ein Roman gelungen, der unsere Zeit und das alles verschlingende Thema Liebe so präzise einfängt, dass es schlichtweg nicht möglich ist, sich der Geschichte zu entziehen. Unbedingt lesen!

9783462045178_gr

Joachim Bessing (Autor)
untitled
www.kiwi-verlag.de
304 Seiten