Funny van Dannen: “Saharasand“
Ja, das Leben heutzutage ist schon nicht einfach. Ich glaube nicht wirklich, dass es früher leichter gewesen ist, aber heute ist das Bewusstsein für die Komplexität der Dinge deutlich höher. Von Lebensvereinfachung keine Spur. Um Abhilfe zu schaffen gibt es im Wesentlichen drei Dinge: 1.) man hat einen guten Psychotherapeuten, der ist aber teuer, 2.) man kauft sich ein Ratgeber-Buch von der Spiegel-Bestsellerliste und hilft sich selbst, das ist meist wenig erfolgversprechend, oder 3.) man nimmt es gelassen, lässt das Komplexe komplex sein und hört sich die neue Funny van Dannen-Cd an.
Das erste Mal hörte ich von ihm auf Franz Doblers “Wo ist zu Hause Mama”-Sampler. Das war 1995 und damals befand sich die zweite Welle deutschsprachiger Bands mit Gruppen wie Tocotronic, Blumfeld und den Lassie Singers auf ihrem Scheitelpunkt. Da fiel ein klampfender Barde, der Nana Mouskouri besang, gleich auf . Welch’ ein Anachronismus. Was für ein cooler Typ.
Auch wenn auf meinem PC die Musik von Funny van Dannen als Folk getagt wird (ganz falsch ist es nicht), so sehe ich ihn doch eher als einen Liedermacher, in einer Tradition mit Georges Brassens, oder, ja ich traue mich es zu sagen, Reinhard Mey oder gar Fredl Fesl. Assoziationen zu amerikanischem Folk, zu Bob Dylan oder Bonnie “Prince” Billy habe ich weniger, und auch die englischen Songwriter von Donovan bis Nick Drake drängen sich als Vorbilder nicht gerade auf.
Während Kollege Distelmeyer mit einer Art typisch teutonischen Schlagerverschnitts auf dem besten Wege ist der neue Peter Maffay zu werden, und damit durchschlagenden Erfolg hat, geht Funny van Dannen einen anderen, einsameren Weg.
Er ist in seiner Haltung so was von undeutsch in positivsten Sinne. Eine wahrlich nicht rosige Welt und Gesellschaft so leicht und charmant zu beschreiben, ohne jeden besserwisserischen oder Welt verbessernden Anspruch, das können nicht viele. Endgültig vorbei sind die Zeiten, als Ost-West, Rechts-Links oder Gut-Böse Schemata das Denken und Handeln prägten. Das war 1968, das war 20. Jahrhundert. Im heutigen Durcheinander helfen einfache Slogans, simple Antworten nicht wirklich weiter. Ein großes Dilemma, dass nur wenige so auf den Punkt bringen wie Funny van Dannen. Und, er hat weder eine Lösung parat, noch hat er Schuldige ausgemacht. Oder doch, er macht so viele Schuldige aus, dass es wiederum keinen Sinn macht, alle zur Verantwortung zu ziehen, ohne gleich die halbe Welt - oder viel mehr? - hinter Gittern zu schicken. Und die Lösung ist vielleicht doch die schlichte Erkenntnis, dass trotz Klimakatastrophe, Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit und Nazis, die Welt gar nicht so schlecht ist. Blanker Eskapismus wird manch einer tönen. Vielleicht. Wenn derjenige meint es besser zu wissen, soll er doch zur Gitarre greifen und Songs von ähnlicher Schönheit machen.
Denn was Funny van Dannen ausmacht ist, neben seiner Haltung, die Schönheit seiner Lieder. Auch auf seinem elften Album schafft er es immer wieder in seinen Texten überraschende, erfrischende Reime zu finden. Stets ist er dem Geist und der Seele der Wörter und Dinge auf der Spur und findet sie. Was und wofür ist eigentlich ein Konjunkturpaket? Sein Humor und Positivismus sind stets erbaulich. Trübsal und Depression seien anderen vorbehalten, eben so Aggression und flotte Sprüche. Daran mag Funny van Dannen dann und wann leiden, mag sich wünschen “saugefährlich” zu klingen. Er scheut sich nicht ein Arschloch ein solches zu heißen, wenn er eines ist, doch anstatt den Bösewichten dieser Welt an die Gurgel zu gehen, beschießt er sie mit seiner “Katzenpissepistole”. Richtig böse ist das wirklich nicht.
Wenn er seinen Hauptstadtnachbarn, den hippen jungen Neu-Berlinern, der digitalen Boheme, den Emporkömmlingen und Wichtigtuern der neuen Kapitale, das Bild entgegen hält, dass die Straße ein Fluss und Brandenburg das Meer sein könnte, sitzt die Ohrfeige allerdings perfekt.
Musikalisch ist Funny van Dannen trotz des beschränkten Instrumentariums fern von jeder Fußgängerzonen-Gitarrenklampfer-Einfältigkeit. Seine Songs sind ziemlich abwechslungsreich und von verblüffender Originalität. Mal echt flott wie bei “29 Marienkäfer”, mal catchy Mitsingen-fordernd bei “Jugendstil”, country-folkig bei “Samenstau” oder ruhig-schöne Ballade in “Würfelspiel”.
So, und anstatt von meinem kargen Hartz-IV-Einkommen mir den neuesten iPhone zu kaufen, oder bei n-tv den Stand meines Aktienpakets zu verfolgen, gehe ich jetzt mit meiner Frau an die Donau und höre mir Saharasand an, denn das rinnt nicht so schnell durch die Finger. Ich freue mich an den Farben des Herbstes und an den vorbeifahrenden Kähnen aus Bulgarien, auch wenn die Zuckerfabrik nicht mehr raucht und wenn es regnet und langsam ganz schön kalt wird. Der Winter naht, wie jedes Jahr.
Und wenn es noch eines Beweises braucht, dass die Welt nicht so scheußlich ist wie es scheint, dann ist es einfach Funny van Dannen selbst.
Ubrigens: Das Funny van Dannen-Konzert findet am Donnerstag, 22. Oktober, 20.30 Uhr, im Kulturspeicher, Regensburg statt.

Funny van Dannen
Saharasand
Cd - digipak
Erschienen bei JKP
www.funny-van-dannen.de