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Artikel Tagged ‘CD’

Moop Mama spielen am Mittwoch in der Mälze

3. Februar 2013 sgruen Keine Kommentare

Urban Brass vom Feinsten

(Sigrid Grün)

HipHop + Blasmusik = Urban Brass! Moop Mama aus München, das sind sieben Bläser, 2 Drummer und Rapper Keno von Creme Fresh - und das ist vor allem ein Konzerterlebnis, das man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte. Kritische und politische Texte auf der einen Seite und ein richtig grooviger Sound auf der anderen Seite - so kann man die Musik von Moop Mama charakterisieren. Seit 2011 gibt es “Deine Mutter”, das erste komplette Album.
Am Mittwoch, den 6. Februar spielen die Jungs ab 20.30 Uhr in der Alten Mälze in Regensburg (Einlass ab 19.30 Uhr).

Weitere Infos und Karten gibt es hier:
www.alex-bolland.de

“Deine Mutter” ist bei Millaphon erschienen:
www.millaphon.com

Und ein richtig schönes Lied zur Einstimmung auf das Konzert und auf den Frühling gibt’s hier:
www.youtube.com

Cd-Tipp: Balkan Brass Battle

17. Juli 2011 sgruen Keine Kommentare

Wer ist der Bläserkönig?

(Sigrid Grün)

Was passiert, wenn die rumänischen Fanfare Ciocarlia gegen die serbische Gypsy-Brass Band Boban & Marko Markovic Orchestra antreten? Es gibt einen satten Sound, der garantiert keinen stillsitzen lässt. Man merkt sofort, dass der Balkan musikalisch einiges zu bieten hat. Die Jungs blasen sich hier die Seele aus dem Leib und das in atemberaubender Geschwindigkeit. Ein Faustkampf ist lahmes Gehampel gegen diesen musikalischen Schlagabtausch. Mal werden die Stücke von Gesangseinlagen begleitet, mal stehen sie für sich (wahrscheinlich, weil keine Stimme mithalten könnte).
Die Aufnahme beginnt mit dem Battle call, der Aufforderung zum Kampf. Dann beginnen die Serben mit “Mrak kolo” den Kampf - und prompt antworten die rumänischen Fanfare Ciocarlia mit der Hirtensuite “Suita a la ciobanas”. Schließlich variieren beide Bands gemeinsam das bekannte James Bond Theme. Und so geht es dann fröhlich weiter mit dem satten Sound aus dem Südosten Europas. Der Zweikampf wird zum Tanz und König sind wir zum Schluss alle, weil wir Spaß an der Musik hatten, die mal entfesselt, mal getragen daherkommt - ganz wie das Leben! Und das macht diesen Bläserwettstreit auch so spannend.

Herausgebracht hat das Ganze das feine Berliner Label Asphalt Tango…

www.asphalt-tango.de

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Cd-Tipp: Visionen von Gerald Humel

27. April 2010 sgruen Keine Kommentare

Eindrucksvolles vom “Dramatiker der Klänge”

(Sigrid Grün)

Gerald Humel zu hören, ist keine sehr entspannende Angelegenheit - das muss gesagt werden. Seine Musik eignet sich nicht zum eben mal Nebenbeihören oder zum “Abschalten”. Es geht überaus dramatisch zu und die Kompositionen erfordern Konzentration. Humel zu hören ist als ob man ein Bühnenstück verfolgen würde.

Neben dem aus zwei Sätzen bestehenden Konzert für Bratsche und Ensemble sind auf dieser Einspielung vom modern art sextett sieben Visionen für Bariton und Ensemble enthalten. Diese Stücke sind Vertonungen von Nicolas Born-Gedichten.

Gerald Humel (1931-2005), Sohn tschechischer Einwanderer in Ohio, war ein Erzähltalent. In seinen Erzählungen stand aber nie die “friedliche Erbauung” im Mittelpunkt, ihn interessierte der “dramatische Konflikt”: “Man hat mich einen narrativen Komponisten genannt und das bin ich wohl mein ganzes Leben lang gewesen. Es ist nicht meine direkte Absicht, aber aus meinem Unterbewusstsein heraus möchte ich, dass meine Musik eine Geschichte erzählt. Musik besitzt für mich den emotionalen Gehalt des Dramas und es geht um erzählerische Qualität, die der Musik zu Eigen ist und sich auf die Zuhörer übertragen kann.”

Humels Musik ist ungeheuer expressiv, erinnert an Tanztheater oder an Stummfilme. Das modern art sextet (Flöte, Klarinette, Violine, Viola, Violoncello und Klavier), der Trompeter Raphael Mentzen und der Bariton Simon Berg interpretieren die Stücke überaus dramatisch. Bei den Visionen kommen noch die Gedichttexte von Nicolas Born (1937-1979) hinzu, die mal poetisch, mal verstörend sind. Beispielsweise im Liebesgedicht:
Es ist Frühling, schlanker Trompetenjubel des Brandenburgischen Konzerts
der Kaffeeduft steht still vor unserm Fenster
am Mantelhaken bleiben Husten und Schwermut
und im Park sind fremde Wesen gelandet in Kinderwagen auf den grünen Rasenflächen
ein schönes Stück Machtwechsel
Hier wächst der Andenkaktus, die Felsen
sind blinde Säcke aus Stein, unbarmherzige Statuen die das Tal bewachen.

Oder der sozialkritische Protest im Puff (eines Bürgers im Essener Puff 1966):
Auch das noch: Negerinnen!
Sind wir hier in Deutschland
Oder wo sind wir hier?

Born verweist in seinen Gedichten immer wieder auf das “Wahnsystem Realität”. Seine ausdrucksstarke Sprache eignet sich hervorragend für die Vertonung. Dies hat Gerald Humel erkannt.
Hier gilt es zwei große Künstler zu entdecken - und eine wunderbare Interpretation.

Gerald Humel (Komponist); Simon Berg (Bariton); Jean-Claude Velin (Viola); modern art sextet
Visionen
www.KlassikCenterKassel.de
ca. 63 Minuten
Best.-Nr.: 4032824000627

Cd-Tipp: Jindrich Feld - Chamber Music for Flute I

20. April 2010 sgruen Keine Kommentare

Von verspielt bis dramatisch

(Sigrid Grün)

Jindřich Feld (1925-2007) gehörte zu den bekanntesten tschechischen Komponisten des 20. Jahrhunderts. Das tschechische Label Arcodiva bringt nun sein umfangreiches Werk für Flöte auf 3 Cds heraus. Auf der ersten Cd der Kammermusik für Flöte sind das 1994/95 entstandene Qintetto capriccioso für Flöte, Viola, Violoncello und Harfe, das Divertimento (1996) für Flöte und Gitarre, die Erinnerung an Mozart - Zauberflöte Solo (2001), die Cinq inventions (1975) für zwei Flöten, die Sonatine americaine (1995) für Flöte und Piano und ein Trio (1963) für Flöte, Violine und Violoncelle enthalten.

Der Flötist Carlo Jans setzt Felds Kompositionen wunderbar beschwingt und leichtfüßig um. Jans ist Flötist, Dirigent und Professor am Luxemburger Konservatorium. Neben Jans sind weitere hochkarätige Musiker auf dieser Einspielung zu hören, u.a. die tschechische Harfenistin Kateřiná Englichová sowie das Martinů Quartett.

Besonders beeindruckend ist, dass die Flöte hier als ausgesprochen facettenreiches Instrument zur Geltung kommt. Mit Flötenklängen assoziiert man gemeinhin eher “liebliche” Klänge, man denkt an Mozarts Zauberflöte o.ä. Doch Feld demonstriert, dass die Flöte auch in modernen Kompositionen wirkt. Von verspielt bis dramatisch, von ruhig bis aufgewühlt, Felds Stücke - die übrigens überwiegend Auftragsarbeiten waren - loten die unterschiedlichsten Emotionen aus.
Ein spannender und abwechlungsreicher Hörgenuss!

Jindřich Feld (Komponist); Carlo Jans (Flöte)
Chamber Music for Flute I
www.KlassikCenterKassel.de
ca. 53 Minuten
Best.-Nr.: 8594029811188

Cd-Tipp: Moving Clarinet

3. April 2010 sgruen Keine Kommentare

Kammermusik aus Tschechien

(Sigrid Grün)

Dass Klarinettenmusik ungeheuer stimmungsvoll und facettenreich sein kann, wissen viele spätestens seit den eindrucksvollen Klezmer-Stücken, die Giora Feidman einem breiten Publikum nahe gebracht hat.
Doch auch in der zeitgenössischen Musik des 20. Jahrhunderts spielt das Holzblasinstrument eine nicht zu unterschätzende Rolle. Besonders im osteuropäischen Raum (aber auch in der alpenländischen Volksmusik) wird dem Instrument große Bedeutung zuteil.

Auf dieser Einspielung sind moderne Stücke tschechischer Komponisten zu hören, die Irvin Venyš (Klarinette) und Martin KasÍk (Klavier) virtuos präsentieren. Das Zusammenspiel von Klavier und Klarinette, z.B. in Josef Páleničeks (1914-1991) Partita piccola per clarinetto e pianoforte fügt sich zu einem harmonischen Ganzen, in dem sich die beiden Instrumente perfekt ergänzen.
Auch ein Stück von Bohuslav Martinů, einem der bedeutendsten zeitgenössischen Komponisten ist hier zu hören: Die Sonatina per clarinetto e pianoforte. Dieses Stück könnte man sich gut als Filmmusik vorstellen - ich persönlich habe mich ein bisschen an Feidmans Klezmer-Klänge in Jenseits der Stille erinnert gefühlt.
Der dem Neoklassizimus nahestehende Viktor Kalabis (1923-2006) wird hier ebenfalls interpretiert. In seiner Suita per clarinetto e pianoforte merkt man die Einflüsse von einem seiner Vorbilder - nämlich Bohuslav Martinů. Der vielfach preisgekrönte Komponist versuchte wieder mehr Klarheit und Einfachheit in seine Kompositionen einfließen zu lassen und wendete sich damit von spätromantischen Einflüssen ab.
In Miloslav Ištvans Sonata for Clarinet and Piano beweisen die beiden Musiker eindrucksvoll, wie gut sie das Laut-Leise-Spiel beherrschen. Und auch die Tempowechsel sorgen für Spannung.
Der einzige noch lebende Musiker, dessen Three studies for Solo Clarinet auf dieser Einspielung zu hören ist, ist Karel Husa, ein US-amerikanischer Komponist tschechischer Herkunft (geboren in Prag). Die drei im Jahr 2008 entstandenen Stücke tragen so poetisch anmutende Titel wie Mountain bird oder Poignant song. Diese Titel sollen allerdings nicht auf dahinterstehende Allegorien verweisen, sondern dem Interpreten dabei helfen, ein besseres Gefühl für Tempo, Dynamik und Struktur des Stückes zu bekommen. Husa experimentierte hier auch selbst mit neuen Techniken und versuchte seine musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten auszuloten. Damit sind diese Stücke für Soloklarinette auch der experimentellste Teil der Cd.
Fazit: Eine schöne Einspielung, die den Zuhörer mit den vielen verschiedenen Facetten der Klarinette vertraut macht. Hier finden sowohl Freunde eher klassischer Klänge als auch Fans von experimentierfreudigeren Kompositionen garantiert etwas.
Sehr zu empfehlen!

Irvin Venyš (Klarinette); Martin KasÍk(Klavier); Josef Páleniček, Bohuslav Martinů, Miloslav Ištvan, Karel Husa, Viktor Kalabis (Kompositionen)
Moving Clarinet
www.KlassikCenterKassel.de
ca. 53 Minuten
Best.-Nr.: 8594029811065

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Cd-Tipp: Ensemble Esteban spielt Tango Nuevo

10. März 2010 sgruen Keine Kommentare

Zeitlos schön

(Sigrid Grün)

Das Ensemble Esteban gehört zu den besten modernen Tango-Ensembles. Ich habe die Cd mittlerweile unzählige Male gehört und bin immer noch ganz verzaubert von der Ausdruckskraft und der Poesie der Stücke.
Zu hören sind hier vor allem Stücke von Astor Piazzolla, zudem eine Komposition von Bernfried E.G. Pröve sowie Locura Buenos Aires von Leo Weiß.

Der Name Astor Piazzolla (1921-1992) ist untrennbar mit dem Tango Nuevo, einer Weiterentwicklung des traditionellen argentinischen Tangotanzes (Tango Argentino) verknüpft. Zeitgenössische Elemente, aber auch Rückgriffe auf die europäische Kunstmusik und auf den Jazz, tragen zur Veränderung und  Weiterentwicklung der klassischen Form bei. Neben Kontrapunkt und Fugenform ließ Piazzolla auch gerne harmonische Neuerungen in seine Kompositionen einfließen. Damit prägte er einen sehr kunstvollen Tangostil, der sich eher zum Zuhören und weniger zum Tanzen eignete. Ich musste aber feststellen, dass die Stücke auf dieser Cd sich doch auch zum Tanzen eignen, wenn man sich auf die Rhythmenwechsel einstellen kann.

Auf dieser Cd ist die ungewöhnliche Besetzung zu erwähnen, die für einen hohen Wiedererkennungswert sorgt: Gesang, Violine, Vibraphon, Klavier und Kontrabass. Das Bandoneon fehlt - man vermisst es aber auch nicht. Perez-Paoli, Weiß, Bolte, Pröve und König gelingt es die Stücke derart eingängig und poetisch zu interpretieren, dass man die Cd immer und immer wieder hören muss. Die Auswahl der Stücke ist sehr gelungen - vieles kennt man schon, z.B. Tanti anni prima (Ave Maria), das hier so wundervoll mit Violine und Klavier gespielt wird, dass man am Besten die Augen schließt und einfach nur Kopfkino genießt.

Hingebungsvoll und inspirierend, romantisch und voller Leidenschaft - all diese Facetten des Tango Nuevo findet man hier versammelt. Und schnell wird klar: Tango ist nicht nur ein Tanz, sondern eine Lebensart, die in Tanz und Musik ihren Ausdruck findet.

Tango ist nicht nur ein Tanz, sondern eine Lebensart, die in Tanz und Musik ihren Ausdruck finden - und Tango ist die Sprache der Leidenschaft.

Ensemble Esteban; Astor Piazzolla, Leo Weiß, Bernfried E.G. Pröve (Musiker; Komposition)
Ensemble Esteban plays Music by Piazzolla, Weiß and Pröve
www.KlassikCenterKassel.de
79 Minuten

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CD-Tipp: Grigorij Sokolov spielt Bachs “Kunst der Fuge”

3. Dezember 2009 sgruen Keine Kommentare

Ein unvollendetes Werk nahezu in Vollendung

(Sigrid Grün)

Grigorij Sokolov gehört zu den größten Pianisten unserer Tage. Seine Interpretationen sind von technischer Perfektion und Originalität geprägt.
Der 1950 in St. Petersburg geborene Musiker, begann sein Klavierstudium im Alter von fünf Jahren. Mit 16 Jahren wurde er mit dem ersten Preis des Moskauer Tschaikowsky Wettbewerbes ausgezeichnet und erregte damit erstmals internationale Aufmerksamkeit.
Bereits in jungen Jahren eignet seinem Spiel eine besondere Reife und Ausdruckskraft. Er wagte sich früh an große Kompositionen, die er in Vollendung beherrschte. Bachs Kunst der Fuge, dieses zeitlose und unvollendet gebliebene Werk, habe ich noch nie so klar und intensiv interpretiert gehört.
Die Aufnahmen entstanden zwischen 1978 und 1981 in St. Petersburg. Neben der Kunst der Fuge ist auch die Partita Nr. 2 in c-moll (BWV 826) auf dieser CD zu hören.

Die Kunst der Fuge, ein Werk, das Bach eigentlich nicht zur Aufführung, sondern als eine “didaktische Arbeit” komponiert hatte, sollte eigentlich aus 24 Fugen bestehen. Bach konnte jedoch nur 19 vollenden. Bei dieser St. Petersburger Einspielung ist der Zyklus - wie meistens - in Form von 17 Fugen zu hören.
Die faszinierende Symmetrie und die vielfältigen Variationen des Hauptthemas machen Bachs Kunst der Fuge zu einem Meisterwerk der Polyphonie.
Bach hat hier keine Angaben zur Instrumentation gemacht. Das Werk mag wohl für das Cembalo bestimmt gewesen sein, doch Sokolovs Klavierinterpretation ist absolut stimmig.

Die Partita Nr. 2 in c-moll (BWV 826) ist an die zu Bachs Zeiten sehr beliebte Gattung der Tanzsuite angelehnt. Hier steht allerdings der Tanzcharakter nicht mehr so sehr im Mittelpunkt, denn Bach hat diese Form auf eindrucksvolle Weise erweitert und bereichert.

Sokolovs Petersburger Interpretation von Bachs Kunst der Fuge und Partita Nr. 2 in c-moll ist von einer unglaublichen Intensität und Brillanz geprägt, die den Hörer fasziniert und zutiefst beeindruckt zurücklässt.

Wer das Glück hatte, Sokolov am vergangenen Freitag live zu hören, wird dieses außergewöhnliche Musikerlebnis sicherlich nicht so schnell vergessen.
Auch diese Einspielung ist ein unvergessliches Hörerlebnis, das Glenn Goulds mit neurotischem Gesumme untermalte Interpretation der Kunst der Fuge um ein Vielfaches übertrifft.
Unbedingt anhören!

Grigory Sokolov (Künstler); Johann Sebastian Bach (Komponist)
Die Kunst der Fuge
www.indigo.de
2 CDs; 110 Minuten für 19,95 Euro

CD-Tipp: Fanfare Ciocarlia - Live

20. November 2009 sgruen Keine Kommentare

Live aus dem Hexenkessel

(Sigrid Grün)

Wer Fanfare Ciocarlia vergangenen Sommer im Arkadenhof des Thon-Dittmer-Palais verpasst hat, kann dieses Versäumnis jetzt wenigstens ansatzweise nachholen, denn seit September gibt es den Mitschnitt eines Konzertes im Berliner “Kesselhaus der Kulturbrauerei” auf CD. Und wer die Band schon mal live erlebt hat, kann sich an dieser Aufnahme noch mehr erfreuen, denn er wird einiges wiedererkennen.

Vom getragenen Auftakt, der in einen rasanten Brass-Sound mündet, über virtuose Soli und beeindruckende Gesangseinlagen ist alles dabei. Besonders hervorzuheben ist hier vor allem “Lume Lume”, ein Hörgenuss, der einem den Sound Osteuropas ins Wohnzimmer oder ins Auto holt, wenn man durchs ostbayerische Hinterland brettert. Einige Schmankerl, die man noch nicht vom Regensburger Konzert kannte, sind auch dabei - in Track 10 scheint der leibhaftige Satchmo auf der Bühne zu stehen, der Summertime mit viel Herzblut und markanter Stimme zum Besten gibt.
Alles in allem muss festgehalten werden: Die “Nachtigallen” aus Zece Prajini bestechen durch ihren Wahnsinnssound und können einfach jedes Publikum mitreißen.

Zusätzlich zur Live-Cd liefert das feine Label Asphalt Tango in diesem Paket noch den Film Fanfare Ciocarlia - The Story of the Band mit. Darin wird das “Märchen” von der Entdeckung dieser fantastischen Gypsy Combo erzählt. Die Geschichte ist ja fast schon unglaublich. Im Herbst 1996 wurden die passionierten Musiker vom Berliner Toningenieur Henry Ernst entdeckt und einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt. Besonders beeindruckend fand ich übrigens den Auftritt in Japan. Hier sorgten die Musiker samt Tänzerinnen nicht nur auf der Bühne für Furore!
Die Geschichte der Band ist in eine fast schon märchenhafte Rahmenhandlung eingebettet. Ein Dorfjunge aus dem ostrumänischen Zece Prajini (zehn Felder), aus dem Fanfare Ciocarlia stammt, fischt eine Tuba aus einem See. Er lässt sie reparieren und träumt davon, gemeinsam mit der Band die Bühnen der Welt zu erobern.

Ein tolles Paket, das mächtig für Stimmung sorgt - genau das richtige für triste Novemberabende. Eine Audio-Cd zum Feiern und ein Film zum Träumen…
Unbedingt anhören und ansehen!

www.asphalt-tango.de

Fanfare Ciocarlia - Live

Fanfare Ciocarlia - Live

Oh Gaga Oh Je, Dada ist wieder da.

13. November 2009 ffranc Keine Kommentare

Frau Kraushaar “Le Salon is very morbidä

Nach Dr. Wolfgang Kraushaar vom Hamburger Institut für Sozialforschung und Fachmann in Belangen von 68er-Bewegung bis zum RAF-Terrorismus, sei an dieser Stelle mal von Frau Kraushaar, ebenfalls aus Hamburg, die Rede. Sie sind weder verwandt noch verschwägert und haben sonst auch sehr wenig gemein.

Frau Kraushaar hat an der Hochschule für Bildende Kunst in Hamburg Kunst studiert, was sonst? Was nach einer ziemlichen Plattitüde klingt, ist jedoch für die Einordnung von Frau Kraushaars Schaffen nicht unerheblich. Entgegen den sonst üblichen Wohn- bzw. Schlafzimmerproduktionen von einsamen Einzeltätern, die sich entweder durch das Auskotzen ihrer Teenieseelenbefindlichkeit oder durch nerdig-weltentfremdeten Elektrogefrickel auszeichnen, ist Le Salon is very morbidä, wenn vielleicht auch in dem einen oder anderen Wohnzimmer entstanden, ein echtes Kunstprodukt. Und es ist auch nicht das Werk einer Einzelgängerin, sondern einer Künstlerin, die Teil eines Netzwerkes von illustren Persönlichkeiten der hamburger Kunstszene ist, mit Hang zu allen möglichen Genres (Malerei, Aktionskunst, Musik, Hörspiel, Film, etc.).
Neben Mauru und Nova Huta, mit denen Frau Kraushaar schon länger zusammen arbeitet, haben an ihrem Album u.a. Patrick Müller (Tonfang), Gunter Adler (Groenland Orchester, Augsburger Tafelkonfekt), DJ Patex (Knarf Rellöm Trinity, School Of Zuversicht, Schwabinggrad Ballett), Jim Avignon (Neoangin) und Felix Kubin (Liedertafel Margot Honecker) mitgewirkt. Bei der Liste dieser - eher rein musikalischen - Projekte wirkt ein Titel wie Le Salon is very morbidä gar nicht mehr so wild.

Was ist es für eine Welt, in der sich Frau Kraushaar bewegt? Eine vielschichtige. Eine aus verschrobenen bunten Märchen, eine modern-zeitgenössische, eine poppige, eine feministische aber vor allem eine lustige. Bekanntlich sind Humor und Kunst eine in Deutschland wenig beliebte Mischung, um nicht zu sagen eine verpönte Allianz. Wer nicht leidet hat nichts zu sagen. Doch Frau Kraushaar hat uns sehr viel zu sagen. Und wenn sie leiden sollte, so lässt sie es uns wenigstens nicht merken.
Bei Songtiteln wie Elektroniskä Pülsä, Politiki Dummes Ficki oder Popopaits fühlen sich wohl die meisten überfordert, tun es als Blödsinn ab. Wer jedoch ein Bisschen Fantasie hat und sich am Klang von dadaistischem Nonsense erfreut, dem wird das Herz aufgehen. Er wird Spaß haben, die vermeintlich sinnfreien Slogans assoziativ wieder zusammenzufügen, und dabei neue Welten vor seinem geistige Auge entstehen lassen und aberwitzige Erkenntnisse gewinnen. Ganz im Gegenteil zu den, vermeintlich bedeutungsvollen, aber in Wirklichkeit hohlen Phrasen, die täglich aus Werbung, Wirtschaft oder Politik uns entgegen schallen, und die weiter nichts beinhalten als gähnende Leere, wenn nicht gar freche Lüge oder blanker Hohn.

Auf Le Salon is very morbidä werden diese seltsamen Texte auf kongenialer Weise in Musik umgesetzt. Man darf Frau Kraushaars Musik ruhig elektronisch nennen. Mit Elektro oder Gefrickel hat sie jedoch wenig zu tun. Die Platte ist wirklich sehr abwechslungsreich und mehrdimensional. Tu per te erinnert stark an Stereolab, Oh gaga oh jeh hat einen leichten Country-Einschlag, Cats on crack und Raumund Zeit steigern sich zu treibenden Dance-Stampfern, Court of love, Logan’s run und Popopaits sind einfach nur Popperlen mit Hit-Potential. Bei Kannst Du mir verraten müsste sich Frau K. in Tante K. umbenennen, die uns auf wunderbarer Weise ein süßes Märchen erzählt und beim verstörenden und wirklich genial intonierten Lied Romy (Auszüge aus Romy Schneiders Tagebücher) schwankt man zwischen Mitleiden und Mitschämen. Auf dieser Scheibe ist eigentlich jedes Stück eine kleine Entdeckungsreise und lässt sich so zusammenfassen: garantierter Spaß mit Erkenntnisgewinn.

 

salonisverymorbida

Frau Kraushaar
Le salon ist very Morbidä

erschienen bei Labelship
Cd / LP 15,-

www.labelship.de
www.myspace.com/fraukraushaar

Saharasand rinnt nicht durch die Finger

20. Oktober 2009 ffranc Keine Kommentare

Funny van Dannen: “Saharasand

Ja, das Leben heutzutage ist schon nicht einfach. Ich glaube nicht wirklich, dass es früher leichter gewesen ist, aber heute ist das Bewusstsein für die Komplexität der Dinge deutlich höher. Von Lebensvereinfachung keine Spur. Um Abhilfe zu schaffen gibt es im Wesentlichen drei Dinge: 1.) man hat einen guten Psychotherapeuten, der ist aber teuer, 2.) man kauft sich ein Ratgeber-Buch von der Spiegel-Bestsellerliste und hilft sich selbst, das ist meist wenig erfolgversprechend, oder 3.) man nimmt es gelassen, lässt das Komplexe komplex sein und hört sich die neue Funny van Dannen-Cd an.

Das erste Mal hörte ich von ihm auf Franz Doblers “Wo ist zu Hause Mama”-Sampler. Das war 1995 und damals befand sich die zweite Welle deutschsprachiger Bands mit Gruppen wie Tocotronic, Blumfeld und den Lassie Singers auf ihrem Scheitelpunkt. Da fiel ein klampfender Barde, der Nana Mouskouri besang, gleich auf . Welch’ ein Anachronismus. Was für ein cooler Typ.

Auch wenn auf meinem PC die Musik von Funny van Dannen als Folk getagt wird (ganz falsch ist es nicht), so sehe ich ihn doch eher als einen Liedermacher, in einer Tradition mit Georges Brassens, oder, ja ich traue mich es zu sagen, Reinhard Mey oder gar Fredl Fesl. Assoziationen zu amerikanischem Folk, zu Bob Dylan oder Bonnie “Prince” Billy habe ich weniger, und auch die englischen Songwriter von Donovan bis Nick Drake drängen sich als Vorbilder nicht gerade auf.

Während Kollege Distelmeyer mit einer Art typisch teutonischen Schlagerverschnitts auf dem besten Wege ist der neue Peter Maffay zu werden, und damit durchschlagenden Erfolg hat, geht Funny van Dannen einen anderen, einsameren Weg.

Er ist in seiner Haltung so was von undeutsch in positivsten Sinne. Eine wahrlich nicht rosige Welt und Gesellschaft so leicht und charmant zu beschreiben, ohne jeden besserwisserischen oder Welt verbessernden Anspruch, das können nicht viele. Endgültig vorbei sind die Zeiten, als Ost-West, Rechts-Links oder Gut-Böse Schemata das Denken und Handeln prägten. Das war 1968, das war 20. Jahrhundert. Im heutigen Durcheinander helfen einfache Slogans, simple Antworten nicht wirklich weiter. Ein großes Dilemma, dass nur wenige so auf den Punkt bringen wie Funny van Dannen. Und, er hat weder eine Lösung parat, noch hat er Schuldige ausgemacht. Oder doch, er macht so viele Schuldige aus, dass es wiederum keinen Sinn macht, alle zur Verantwortung zu ziehen, ohne gleich die halbe Welt - oder viel mehr? - hinter Gittern zu schicken. Und die Lösung ist vielleicht doch die schlichte Erkenntnis, dass trotz Klimakatastrophe, Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit und Nazis, die Welt gar nicht so schlecht ist. Blanker Eskapismus wird manch einer tönen. Vielleicht. Wenn derjenige meint es besser zu wissen, soll er doch zur Gitarre greifen und Songs von ähnlicher Schönheit machen.

Denn was Funny van Dannen ausmacht ist, neben seiner Haltung, die Schönheit seiner Lieder. Auch auf seinem elften Album schafft er es immer wieder in seinen Texten überraschende, erfrischende Reime zu finden. Stets ist er dem Geist und der Seele der Wörter und Dinge auf der Spur und findet sie. Was und wofür ist eigentlich ein Konjunkturpaket? Sein Humor und Positivismus sind stets erbaulich. Trübsal und Depression seien anderen vorbehalten, eben so Aggression und flotte Sprüche. Daran mag Funny van Dannen dann und wann leiden, mag sich wünschen “saugefährlich” zu klingen. Er scheut sich nicht ein Arschloch ein solches zu heißen, wenn er eines ist, doch anstatt den Bösewichten dieser Welt an die Gurgel zu gehen, beschießt er sie mit seiner “Katzenpissepistole”. Richtig böse ist das wirklich nicht.

Wenn er seinen Hauptstadtnachbarn, den hippen jungen Neu-Berlinern, der digitalen Boheme, den Emporkömmlingen und Wichtigtuern der neuen Kapitale, das Bild entgegen hält, dass die Straße ein Fluss und Brandenburg das Meer sein könnte, sitzt die Ohrfeige allerdings perfekt.

Musikalisch ist Funny van Dannen trotz des beschränkten Instrumentariums fern von jeder Fußgängerzonen-Gitarrenklampfer-Einfältigkeit. Seine Songs sind ziemlich abwechslungsreich und von verblüffender Originalität. Mal echt flott wie bei “29 Marienkäfer”, mal catchy Mitsingen-fordernd bei “Jugendstil”, country-folkig bei “Samenstau” oder ruhig-schöne Ballade in “Würfelspiel”.

So, und anstatt von meinem kargen Hartz-IV-Einkommen mir den neuesten iPhone zu kaufen, oder bei n-tv den Stand meines Aktienpakets zu verfolgen, gehe ich jetzt mit meiner Frau an die Donau und höre mir Saharasand an, denn das rinnt nicht so schnell durch die Finger. Ich freue mich an den Farben des Herbstes und an den vorbeifahrenden Kähnen aus Bulgarien, auch wenn die Zuckerfabrik nicht mehr raucht und wenn es regnet und langsam ganz schön kalt wird. Der Winter naht, wie jedes Jahr.

Und wenn es noch eines Beweises braucht, dass die Welt nicht so scheußlich ist wie es scheint, dann ist es einfach Funny van Dannen selbst.

Ubrigens: Das Funny van Dannen-Konzert findet am Donnerstag, 22. Oktober, 20.30 Uhr, im Kulturspeicher, Regensburg statt.

fvd_saharasand

Funny van Dannen
Saharasand

Cd - digipak
Erschienen bei JKP

www.funny-van-dannen.de