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Artikel Tagged ‘Cd-Tipp’

“Deine Mutter” in der Mälze

8. Februar 2013 sgruen Keine Kommentare

Moop Mama bringen die Mälze zum Kochen

(Sigrid Grün)

Wer Nase und vor allem Ohren voll hat von Gangstas und Rumgepose, der sollte, bevor er sich enttäuscht vom deutschsprachigen HipHop abwendet, mal bei Moop Mama reinhören.

Die Münchner Kapelle um den Creme-Fresh MC Keno ist wirklich was besonderes.
Hier trifft eine richtige Jazz-Band auf fette Reime, die durchaus mal ins Politische gehen können.
Sieben Bläser treffen auf zwei Drummer und einen hauptamtlichen MC (auch gerne mit Gästen).

Das Album „Deine Mutter“ spricht auch Leute an, die sonst vielleicht keinen HipHop hören. Erstaunlich ist, dass hier nur mit echten Sounds und Instrumenten, gearbeitet wird, u.a. ist auch ein waschechtes Sousaphon dabei, was für einen ordentlichen cruisingtauglichen Wums sorgt.

HipHop direkt von der Straße, das kann man hier ruhig auch mal ein bisschen wörtlicher verstehen als sonst, Moop Mama sind eine Marching Band mit HipHop-Vocals. Marching Bands sind ursprünglich Bläserbands, die gerne in Massen auf öffentlichen Plätzen aufmarschieren, gerne auch mal mit politischer Attitüde, was ja in Bayern auch als Charivari eine gewisse Tradition hat.

Eine andere Eigenbezeichnung ist auch Urban Brass und ich denke das trifft den Sound ganz gut. Moop Mama sind immer für unangekündigte Überraschungskonzerte gut, die fast im Sinne eines Flashmobs plötzlich in der Fußgängerzone auftauchen und richtig einheizen.

Entsprechend ist auch das spontane und die Überraschung auf dem Album Programm, der HipHop-Kenner wird immer wieder ironische Seitenhiebe und unerwartete Zitate finden. Busta Rhymes „Fire it Up“-Sound angespielt durch Sousaphon bei König der Stadt oder auch „Paranoia“, das ein Urgestein des deutschen HipHops zumindest in Andeutung in die heutige Zeit hebt: Paranoia von Die Allianz, anno 1993. Wohlgemerkt, nicht geklaut, aber stellenweise äußerst geschickt zitiert.

Keno und Fatoni die beiden MC´s kommen spürbar aus der Freestyle-Battle-Szene – es ist oft unglaublich wie schnell und wendig ihnen die Worte über die Lippen kommen. Kein Wunder, sie gewannen zwischen 2002 und 2005 fast sämtlicher Münchner Battle-Contests.

Für Komplettisten hier nochmal schnell die Auflistung der Instrumente, die auf dem Album verwendet werden: mit dabei Trompete, Altsaxophon, Tenorsaxophon, zwei Posaunen, das bereits erwähnte Sousaphone und Drums.

Meine Anspieltipps sind übrigens „Orientierungssinn“, eine Jazzfusion mit tollen Drums und nachdenklichem Text, ein wirklich total relaxter Song; das bereits erwähnte Paranoia mit seinem eher politischen Anspruch, gleichzeitig ein partytauglicher Abgehsong und Helden, der letzte Song aus dem ich hier ein sehr passendes Zitat bringen will: „Doch diese Band hier macht sich auf den Weg. Hier kommt das erste wirklich neue Ding seit einigen Jahren. Wie ein schwarzer Präsident in den Vereinigten Staaten. Hast Du Angst, Du brauchst keine zu haben. Denn wir sind nur gekommen um Dir Einen zu blasen und zwar so…“ und dann folgt ein fantastisches Trompetensolo…traumhaft, das nenne ich nicht nur Humor sondern auch Sinn für Musik. Moop Mama haben´s einfach drauf.

Das Konzert war ausverkauft, die Mälze voll und die Stimmung gigantisch - Moop Mama aus München bewiesen eindrucksvoll, dass deutscher HipHop einfach großartig sein kann!

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Moop Mama
Deine Mutter
www.millaphon.com
45 Minuten

Cd-Tipp: Italienische Chitarrone-Virtuosen

30. Juli 2012 sgruen Keine Kommentare

Beeindruckende Klangvielfalt der “Giraffe unter den Instrumenten”

(Sigrid Grün)

Der extrem langhalsige Chitarrone - auch Theorbe genannt - gehört zur Familie der Lauteninstrumente und war im 17. Jahrhundert insbesondere in Italien und auch in Frankreich populär. Die Laute war das klassische Begleitinstrument für den Gesang, der in der damaligen Zeit eine außerordentlich wichtige Rolle spielte, da der Text im Zuge des “stile recitativo” im Vordergrund stand. Ziel dieses neuen Musikstils war es, die Dramen der Antike zu neuem Leben zu erwecken.
Der Ursprung des Chitarrone ist in Norditalien anzusiedeln. Die bekanntesten Vertreter waren Giovanni Girolamo Kapsberger (ca. 1580-1651), Bellerofonte Castaldi (1581-1649) und Alessandro Piccinini (1566 - ca. 1638).
Auf dieser Cd findet man einige wunderbare Ausschnitte aus dem Werk dieser drei Chitarrone-Virtuosen interpretiert von Jakob Lindberg.
Es ist erstaunlich, welche Klangfülle man mit der “Giraffe unter den Instrumenten” erzielen kann. Die eigenwillige Stimmung - die obersten beiden Saiten waren eine Oktave tiefer gestimmt - stellte hohe Anforderungen an die Musiker. Sie alle setzten kunstvolle Arpeggien ein, aber jeder der drei Virtuosen schaffte es, einen eigenen Stil zu kreieren.
Der Klang der Stücke ist mal lebhaft, mal betörend, im Stile einer typischen Lautenfantasie des 16. Jahrhunderts. Piccininis Stil wirkt expressiver als der von Kapsberger und Castaldi.
Der Interpret, Jakob Lindberg, ist gebürtiger Schwede und absolvierte sein Studium am Londoner Royal College of Music, wo er sich bereits während der Ausbildung auf die Musik der Renaissance und des Barock spezialisierte.
Die Cd ist ein beeindruckender Beleg für die klangliche Vielfalt dieses außergewöhnlichen Instrumentes. Freunden von Lautenmusik aber auch von anderen Saiteninstrumenten, kann man sie nur wärmstens empfehlen!

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Giovanni Girolamo Kapsberger; Bellerofonte Castaldi; Alessandro Piccinini (Komponisten); Jakob Lindberg (Chitarrone)
Italian Virtuosi of the Chitarrone
www.classicdisc.de
Best.-Nr.: 7318590018996

Cd-Tipp: Klaviertrios Vol. 1 von Joseph Haydn

23. April 2012 sgruen Keine Kommentare

Emotionaler Haydn

(Caroline Herb)

Dem Mendelssohn Piano Trio, bestehend aus dem russischen Violinisten Peter Sirotin, der englischen Cellistin Fiona Thompson und der aus Taiwan stammenden Pianistin Ya-Ting Chang, ist eine erfrischende Aufnahme gelungen.
Die Kraft und Energie, die über alle sechs Trios erhalten bleibt und im letzten Stück, dem späten, 1795 komponierten Trio in G-Dur, seinen Höhepunkt findet, ist bereits bei der fulminanten Eröffnung mit dem ersten Satz Allegro moderato des Klaviertrios in B-Dur, deutlich zu hören.
Besonders gelungen ist die abwechslungsreiche Zusammenstellung und Anordnung der einzelnen Stücke. Auf ein späteres Werk Haydns folgt mit dem zweiten Trio in f-Moll aus dem Jahr 1760 ein angenehmer Kontrast, vor allem durch dessen zweiten Satz, der mit Minuet überschrieben ist und mit seinem an den höfischen Tanz angelehnten leichten, zurückhaltenden Charakter mit der angedeuteten Schwermut des ersten und dritten Satzes sehr gut harmoniert, diese aber auch ein Stück weit aufhebt. Gerade durch die Variation der unterschiedlichen Trios und den Wechsel von ausdrucksstarken Allegri und lieblichen Menuetten wird ein interessantes und kontrastreiches Stimmungsbild geschaffen.
Einzig unausgewogen in dieser gelungenen Aufnahme wirkt der Klang des Ensembles, der nicht ganz ausbalanciert zu sein scheint, da das Violoncello vor allem durch seine starke Zurückhaltung auffällt.
Dennoch gelingt es den drei Musikern, den Hörer mit ihrer Frische und Energie zu berühren und einen selten so emotionalen Haydn zu zeigen.

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Joseph Haydn (Komponist); Mendelssohn Piano Trio: Ya-Ting Chang (Klavier); Peter Sirotin (Violine); Fiona Thompson (Cello)
Klavier Trios, Vol. 1
www.classicdisc.de
Best.-Nr.: 044747312620

Cd-Tipp: Das Ungarische Staatsorchester spielt Brahms’ Ungarische Tänze

27. September 2011 sgruen Keine Kommentare

Zwischen Volksmusik und Kunstmusik

(Sigrid Grün)

Brahms’ Ungarische Tänze gehören zu seinen populärsten Werken und sie begegnen uns noch heute - etwa als Filmmusik bei Charlie Chaplins Der große Diktator oder als Hintergrundmusik der Zeichentrickserie Ren and Stimpy.

Interessant ist insbesondere die Mischung aus Volks- und Kunstmusik - denn Brahms ließ sich eigenen Aussagen zufolge stark von populären Volksliedern inspirieren: “Es sind übrigens echte Puszta- und Zigeunerkinder. Also nicht von mir gezeugt, sondern nur mit Milch und Brot großgezogen”, schrieb Brahms einst seinem Verleger. Trotzdem handelt es sich um Kunstmusik, denn Brahms überformte die Melodien stark nach den Maßgaben der Klassik. Der mitreißende und lebendige Charakter der Stücke blieb trotzdem erhalten. Das Temperament und die Lebensfreude der ungarischen Volksmusik schlägt sehr stark durch - aber auch der Ernst und die Melancholie.
Wechsel zwischen Dur und Moll und Tempowechsel sorgen für die unglaubliche Dynamik der Stücke und machten die Ungarischen Tänze auch so populär.

Hungaroton hat nun eine Aufnahme herausgebracht, die 1987 unter der Leitung von Mátyás Antal in der Heimat der Ungarischen Tänze entstanden ist. Das Ungarische Staatsorchester spielt mitreißend und temperamentvoll auf der einen und warm und voller Melancholie auf der anderen Seite. Wer dieses facettenreiche Werk von Brahms noch nicht oder nur in Auszügen kennt, wird begeistert sein von der mitreißenden Musik, die eine unglaubliche Energie versprüht.

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Johannes Brahms (Komponist); Mátyás Antal (Leitung)
Hungarian Dances - Hungarian State Orchestra
www.classicdisc.de
ca. 56 Minuten
Best.-Nr.: 5991813269928

Cd-Tipp: J.S. Bach - Suiten No. 1,4,5 - Maxim Rysanov

1. September 2010 sgruen Keine Kommentare

“Bach zu spielen ist wie eine Beichte”

(Sigrid Grün)

Der 1978 in der Ukraine geborene Bratschist Maxim Rysanov verehrt Bach zutiefst und versucht doch, ihn sich als “einfachen Menschen” vorzustellen, als sei seine Musik “eben erst komponiert worden”. Bei dieser Aufnahme wurden die Cello-Suiten, die Bach vermutlich etwa um 1720 als Kapellmeister in Köthen komponierte, von Simon Rowland-Jones für die Viola arrangiert. Möglicherweise wurden die Suiten schon zu Lebzeiten Bachs auf der Viola gespielt, denn Bach mochte das Instrument sehr gerne.

Bachs Suiten haben lange Zeit ein Schattendasein geführt. Zu ihrer Entdeckung hat maßgeblich Pablo Casals beigetragen, der sich dazu folgendermaßen äußerte: “Man hatte diese Suiten für akademisches Zeug gehalten, für mechanischen Etüdenkram [...] - sie, die Poesie, Wärme und Raumgefühl förmlich ausstrahlen! Sie sind die Quintessenz von Bachs Schaffen, und Bach selbst ist die Quintessenz aller Musik.”

Maxim Rysanov schafft es bei dieser Einspielung, den Suiten frischen Wind einzuhauchen. Die Interpretation wirkt durchweg lebendig und kein bisschen etüdenhaft. Der Bratschist, der übrigens ein Instrument von Giuseppe Guadanini, das im Jahr 1780 gebaut wurde spielt, charakterisiert die russische Aufführungstradition im Hinblick auf Bach folgendermaßen: “In der Tradition der sowjetischen Schule sollte Bach eher schwer und getragen, sostenuto und mit viel Vibrato gespielt werden.”
Dass Rysanov sich von dieser eher “romantischen” Art Bach zu spielen entfernte, ist eine erfreuliche Entwicklung, von der man als Zuhörer nur profitieren kann.

Fazit: Eine lebendige, stimmige und wunderschöne Interpretation dieses Gesamtkunstwerkes!

Johann Sebastian Bach (Komponist); Maxim Rysanov (Viola)
Suites No. 1,4,5
www.KlassikCenterKassel.de
ca. 66 Minuten
Best.-Nr.: 7318599917832

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CD-Tipp: Mahala Rai Banda - Ghettoblasters

28. Februar 2010 sgruen Keine Kommentare

Der Sound des Südostens

(Sigrid Grün)

Was passiert, wenn die besten Gypsie-Musiker Rumäniens sich zusammentun und gemeinsam Musik machen? Richtig - es entsteht ein verdammt cooler Sound, dem kein Tanzbein widerstehen kann. Mahala Rai Banda ist der beste Beweis dafür. Taraf de Haïdouks (in Rumänien unter dem Namen “Taraful Haiducilor” bekannt), aus Clejani (südwestlich von Bukarest) und Fanfare Ciocarlia aus Zece Prajini singen und spielen auf ihrem ersten gemeinsamen Album, was das Zeug hält.
Wer Fanfare Ciocarlia, die schnellste Brass-Band der Welt kennt und schätzt, wird auch Mahala Rai Banda lieben. Auch hier wechseln sich schnelle und langsame Lieder so perfekt ab, dass man sich die Scheibe auch gut und gerne 5x nacheinander anhören kann, ohne dass Langeweile aufkommt.
Zu den virtuosen Bläsern der Fanfare Ciocarlia kommen hier Violinen, Zimbeln, Akkordion und Kontrabass. Sänger wie Sorin Constantin, Jony Iliev und Dan Armeanca verpassen der Sache noch den letzten Schliff.

Mal rhythmisch, mal voller Schmerz, erinnert dieser Mix mal an Flamenco, mal an Fado.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Die perfekte Mischung!
Unbedingt anhören!

www.asphalt-tango.de

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Cd-Tipp: Katerina Englichova - “Fire Dance”

22. Februar 2010 sgruen Keine Kommentare

Eine Oase im Alltag

(Sigrid Grün)

Die tschechische Harfenistin Kateřiná Englichová legt mit Fire Dance ihr neues Album vor - und es ist traumhaft schön.
Die Harfe, eines der ältesten Instrumente der Menschheit, eignet sich nicht nur für verträumt-poetische Stücke, sondern kann eine Vielzahl an Stimmungen ausdrücken. Dies beweist Englichová hier einducksvoll.

Mehrere Stücke wurden eigens für sie komponiert. So z.B. auch Zdeněk Lukáš’ Per tutte le corde - Quintette for Harp, Two Violins and Cello (Op.320). Der außergewöhnliche Klang der Harfe ergibt gemeinsam mit den Streichern ein vollkommen stimmiges Ganzes.
Jan Frank Fischers Two Etudes for Harp Solo lassen den Zuhörer schließlich in eine zauberhafte Welt eintauchen. Harfe pur - einfach nur schön…
Béla Bartóks “Rumänische Folkstänze”, die ja eigentlich zu den Klavierwerken des Komponisten zählen, sind auf der Harfe ebenfalls ein Erlebnis. Es ist übrigens das Lieblingswerk der Harfenistin.
Außerdem kommt man in den Genuss von Claude Debussys Danses pour harpe chromatique avec accompagnement d’orchestre d’instruments a cordes, ein Werk, das zum Repertoire jedes Harfenisten zählt und das Englichova bereits seit ihrer Zeit am Konservatorium begleitet.
Jan Hanuš Trnečeks Fantasy on Smetana’s Tone Poem Vlatava (die Moldau) ist noch nicht lange Teil von Englichovás Repertoire. Während ihrer Schwangerschaft war sie auf der Suche nach einer bekannten und gleichzeitig melodischen Komposition - dieses Stück passte perfekt.
Fire Dance ist eine Miniatur des Walisischen Harfenisten David Watkins, das die Musikerin ebenfalls seit ihrer Zeit am Konservatorium begleitet. Mit diesem kurzen (2:14 Minuten) Stück hat sie übrigens auch das Vorspiel für das Gustav Mahler Jugendorchester für sich entschieden.
Das letzte Werk auf dieser Cd, Sylvie Bodorovás Mysterium druidum for Harp and Strings, wurde ebenfalls eigens für Kateřina Englichová komponiert. Es ist poetisch und voller interessanter Wendungen.
Der faszinierende Klang der Harfe würde sicher auch gut zu Filmen passen. Man kann gespannt sein, was man von Englichova noch zu hören bekommen wird!

Interessant ist übrigens auch, wie die tschechische Musikerin zu ihrem ungewöhnlichen Instrument gekommen ist: Durch Zufall. Als Kind spielte sie zunächst nämlich Klavier. Doch als sich die Frage stellte, welches Instrument sie am Konservatorium studieren sollte, wusste sie, dass sie nicht Pianistin werden wollte. Ihre Versuche als Flötistin waren ihren eigenen Aussagen zufolge eine Katastrophe. Ein Bekannter ihres Vaters brachte sie schließlich auf die Harfe. Was für ein Glück!

Sehr viel mehr als nur “Engelsmusik” - Englichovás Musik ist eine Oase im Alltag. Unbedingt anhören und genießen!

Kateřiná Englichová (Harfe)
Fire dance
www.KlassikCenterKassel.de
59 Minuten

Cd- und Veranstaltungstipp: HK Gruber und Martin Grubinger

8. Februar 2010 sgruen Keine Kommentare

“Das Worrrrrrt ist schon Musik”

(Sigrid Grün)

Der Wiener Komponist und ehemalige Sängerknabe Heinz Karl Gruber beweist mit den Stücken auf der Cd Zeitstimmung eindrucksvoll, wie pointiert und wunderbar eigenwillig zeitgenössische Musik sein kann.
Rough Music, Zeitstimmung und Charivari heißen die drei hier eingespielten Werke und allen wohnt ein unvergleichlicher Zauber inne.

Rough Music (Raue Töne) entstand Anfang der 80er Jahre. Gruber sollte im Auftrag des ORF ein Schlagzeugkonzert für den ersten Solopauker des ORF-Symphonieorchesters, Gerald Fromme, komponieren. Vor das Problem gestellt, dem Schlagzeug eine angemessene Stimme zu verleihen, entschloss er sich dazu, den Solisten als “Vorsitzenden eines Ensembles” einzusetzen. Im Rahmen der Arbeit an seinem Orchesterstück Charivari (ebenfalls auf dieser Cd) stieß Gruber auf den französischen Brauch des ‘Charivari’, einen Rügebrauch, mit dessen Hilfe soziale Verstöße einst sanktioniert wurden. Vor dem Haus des Missetäters wurde Krach gemacht, Kochtopfdeckel und Zinnservierbretter wurden aneinander geschlagen, Katzen zum Kreischen gebracht (daher auch die deutsche “Katzenmusik”). Der Brauch gelangte über Frankreich als “Shivaree” nach Kanada und Louisiana, nach England als “Rough Music” und wurde im Baskenland (vermutlich lautmalerisch) als “Toberac” bezeichnet. In Anlehnung an den Exportschlager “Katzenmusik” nannte HK Gruber die Sätze des Schlagzeugkonzertes auch “Toberac”, “Shivaree” und “Charivari”.

Das zweite Werk, Zeitstimmung, ist eine ungemein faszinierende Vertonung von 13 Gedichten H.C. Artmanns. Die Texte sind verwirrend und erhellend, sinnlich und verspielt, absurd und voller Poesie. Dem Zyklus wird musikalisch eine einzige Zwölftonreihe zu Grunde gelegt, die allerdings manchmal auch durchbrochen wird.
Thematisch findet man hier eine Vielzahl unterschiedlichster Bereiche ausgeleuchtet, von Himmel durch die Welt des fetten Grafen, der das Nordlicht verschachert, zur Hölle. Auch wenn die Texte zunächst witzig klingen mögen, so sind sie doch eigentlich eher erschreckend in ihrem Anliegen, die “Stimmung der Zeit” aufzugreifen.

Das letzte Stück, Charivari, war ursprünglich als Filmmusik konzipiert. David Drew, der New Music Director des Musikverlages Boosey and Hawkes veranlasste Gruber schließlich dazu, die Filmmusik zum Orchesterstück auszubauen. Er erkannte Anleihen bei Johann II Strauß’ (1825-99) Perpetuum Mobile-Thema (ebenfalls auf dieser Cd). Wie Strauß, der in diesem Stück den ewigen Tanz- und Vergnügungsreigen der Wiener Gesellschaft während der Ballsaison aufgreift, hat auch HK Gruber in seinem “österreichischen Journal für Orchester” (Untertitel) die österreichische Gesellschaft, vor allem im Hinblick auf den Umgang mit der eigenen Geschichte, thematisiert.

Das Tonkünstler-Orchester Niederösterreich unter der Leitung von Kristjan Järvi hat die faszinierenden Werke des österreischischen Komponisten hervorragend realisiert. Besonders hervorzuheben ist die Leistung des jungen “Multipercussion Artists” Martin Grubinger, der eindrucksvoll beweist, welche Bedeutung dem Schlagzeug innerhalb eines Orchesters zukommen kann.

Wer den jungen österreichischen Ausnahmemusiker Grubinger live erleben möchte, hat am kommenden Donnerstag die glückliche Gelegenheit dazu. Im Rahmen der Regensburger Odeon Concerte wird er seine Virtuosität als Percussionist im Audimax der Regensburger Universität unter Beweis stellen.

www.kultur-ostbayern.de

hk gruber, kristjan järvi, martin grubinger (Komponist; Dirigent; Schlagzeug)
Zeitstimmung
www.KlassikCenterKassel.de
79 Minuten

Cd-Tipp: Alison Balsom spielt Bach

16. Dezember 2009 sgruen Keine Kommentare

Ungewöhnlich und sehr gelungen

(Sigrid Grün)

Johann Sebastian Bach hat - bis auf das 2. Brandenburgische Konzert - kein Werk für die Trompete komponiert. Kann denn dann eine ganze Cd mit Bachwerken auf der Trompete überhaupt gelungen sein? Sie kann! Alison Balsom beweist dies auf eindrucksvolle Weise. Die junge Britin hat den alten Meister gehörig aufgefrischt. Hierbei geht es aber kein bisschen effektheischerisch zu, die Interpretation der verschiedenen Stücke von Bach mit Orgel und Trompete sind einfach nur brillant.
Die vielfach ausgezeichnete Trompeterin verleiht den Stücken eine unglaubliche Wärme und gleichzeitig eine große Klarheit. Der Klang der Trompete wird durch die Orgelbegleitung optimal ergänzt, so dass man hier eine Einspielung vorliegen hat, die ungeheuer stimmungsvoll und ausdrucksstark ist.
Besonders eindrucksvoll sind die Interpretationen des Agnus Dei aus der h-Moll-Messe (BWV 232) sowie die Arie “Du bist bei mir” aus dem “Klavierbüchlein für Anna Magdalena Bach”.

Eine wunderbare Einspielung, die (nicht nur) hervorragend in die Vorweihnachtszeit passt. Wer Alison Balsom am vergangenen Freitag nicht live erleben konnte, wird dank dieser CD einen Eindruck vom Können der jungen Trompeterin bekommen.

Im Februar wird übrigens die neue CD der Tropetenvirtuosin erscheinen. Darauf werden - ähnlich wie am vergangenen Freitag im Regensburger Audimax - italienische Trompetenkonzerte der Barockzeit zu hören sein: Vivaldi, Tartini, Albinoni, Marcello und Cimarosa.

Alison Balsom (Interpretin) Johann Sebastian Bach (Komponist)
Bach. Works for Trumpet
www.emiclassics.de
Cd; 71 Minuten