Dollmann-Weißwürscht’ im Bayernhimmel
Theater: Der Brandner Kaspar und das ewig` Leben, Velodrom, Regensburg
Komödie von Kurt Wilhelm nach Franz von Kobell

Franz Ferdinand Kobell, seinerzeit bekannter Mineraloge, Pionier auf dem Gebiet der Fotografie und Volksdichter, schuf 1871, im Alter von 60 Jahren die Gschicht vom Brandner Kaspar. Seit 1934 gab es mehrere Bühnenfassungen und eine Verfilmung. 1974/75 schuf sein Urgroßneffe Kurt Wilhelm für das Residenztheater in München eine neue, eine aufgepeppte Bühnenversion. Er orientierte sich stark an der Sprache seines Urgroßonkels. Schöpfte aus dessen Gesamtwerk. Er erweiterte das Personal und erfand Nebenhandlungen. Die gaudihaften Himmelszenen stammen hauptsächlich von ihm. Der Fernsehfilm des Bayerischen Rundfunks von Wilhelms Inszenierung aus dem Jahr 1975 mit Fritz Straßner und Toni Berger wird jährlich zu Allerheiligen ausgestrahlt. Ausgenommen 2005 und 2006 als eine neuere, abermals modernisierte Inszenierung vom Alexander Duda am Münchner Volkstheater mit Maximilian Brückner als Boandlkramer und Alexander Stückl als Brandner Kaspar gezeigt wurde. Doch das Publikum wollte seine alte Fassung zurück und so gab es diese ab 2007 wieder. Abermals einem breiteren und jüngeren Publikum bekannt wurde des Brandner Kaspars Gschicht 2008 durch Joseph Vilsmaiers Verfilmung mit Michael „Bully“ Herbig als Boandlkramer und Franz Xaver Kroetz als Brandner Kaspar.
Nun stehen Brandner Kaspar und Boandlkramer also auf der Bühne des Regensburger Velodroms. Nicht-Bayer Michael Bleiziffer inszeniert das Urbayerische Bühnenstück in seiner letzten Spielzeit am Regensburger Theater. Mit Feinsinn für die tragischen und Lust an den komischen Szenen, lässt die Inszenierung alle Saiten des Gefühlsspektrums des Publikums erklingen. Miko Greza gibt den Brandner Kaspar dickschädlig sympathisch, Michael Heuberger den Boandlkramer unterwürfig verschlagen. Die Schlüsselszene, als Kaspar mit Hilfe zwölfer Kirschgeiste und Grasober im Ärmel dem Tod 18 Lebensjahre abluchst, zeigt jedoch, dass in beiden Charakteren auch andere Facetten mitschwingen. Der Boandlkramer ist durchaus kein Unmensch und bietet Kaspar noch ein Jährchen Verlängerung an. Doch dieser nimmt statt des Fingers die ganze Hand samt Arm und muss dafür bitter büßen. Seine Enkelin Marei (Sophie Rogall) wird als Ausgleich für die von ihm erschlichenen Jahre, 18 Jahre früher aus dem Leben gerissen. Doch wenn’s nicht mehr so viel gibt, wofür sich’s zu leben lohnt, wird selbst der sturste Kerl mürbe. Und so wundert’s dann nicht, dass Kaspar -„halb zog sie ihn, halb sank er hin“ - doch noch im Himmel landet, in dem Julia Baukus als Engel auf Rollschuhen Weißwürste von Dollmann bringt und Hubert Schedlbauer als zickig-tuckiger Erzengel Michael „voll Grant und Grazie“ die dankbarsten Lacher kassiert.
Eine rundherum gelungene Inszenierung mit durchgehend überzeugender Schauspielleistung. Nur Michael Heuberger ist vielleicht noch ein Tick besser als alle ohnehin sind. Dialektsicherheit der Zuschauer ist hilfreich, denn es wird nicht Hochdeutsch übertitelt.
Der Brandner Kaspar und das ewig` Leben, Velodrom, Regensburg
Komödie von Kurt Wilhelm nach Franz von KobellInszenierung: Michael Bleiziffer, Bühne und Kostüme: Hannes Neumaier, musikalische Leitung: Bettina Ostermeier, Dramaturgie: Friederike Bernau
mit: Miko Greza, Michael Heuberger, Sophie Rogall, Thomas Birnstiel, Sebastian Hofmüller, Florian Münzer, u.v.m.jeweils 19.30 Uhr im Velodrom; weitere Termine: 25./27./28./29./30. September, 01./02./11./12./14./15./16. (15 Uhr)/17./20. Oktober 2011, 25./26. Januar, 06./07./08./09. Februar, 06./12. März 2012