Seit einigen Tagen sehen Jogger, Spaziergänger und Radler, die zwischen Donau und Schillerwiese in Regensburg ihren Freizeitaktivitäten nachgehen, ein unbekanntes Schwimmobjekt: “Hakuna Matata” steht auf dem floßähnlichen Gebilde mit rotem Häuschen. Ob wohl der gegenüberliegende Ruderclub eine schwimmende Saftbar eröffnet hat oder ob gar Fahrendes Volk von Rumänien oder Bulgarien die Donau aufwärts gekommen ist?
Nein, Marek und Luise wollen zum Schwarzen Meer. Aber eigentlich ist selbst diese Aussage schon falsch, da zu konkret. Denn die Lebenseinstellung der beiden “Flößer” ist mit dem abgegriffenem Satz “Der Weg ist das Ziel” zusammenzufassen. Wie weit sie letztendlich wirklich kommen, was ist, wenn der Winter einbricht, ihr Boot zerschellt oder sie von Piraten überfallen werden, wird sich zeigen, wenn es soweit ist. Deshalb ist ihnen auch egal wie lang die Fahrt dauern wird. Wenn es ihnen irgendwo gefällt, wie in Regensburg, bleiben sie länger. Gut, in Regensburg haben sie einen Freund und dann war da noch das Bürgerfest…

Die Hakuna Matata mit ihren Eignern Marek Und Luise vor Pfaffenstein
Vorbereitung und Floßbau
Dieser Freund hat übrigens auch etwas damit zu tun, dass sie mit dem Floß unterwegs sind. Im Jahre 2000 hat er auf der Elbe eine Floßfahrt von Dresden nach Hamburg unternommen. Marek wollte damals eigentlich mit. Private Gründe verhinderten das. Nun will er es nachholen - mit Luise. Und was sind schon knapp 600 km zwischen Dresden und Hamburg. Wenn, dann musste es eine richtige Herausforderung sein. Also vielleicht ca. 2500 km von Donaueschingen zum Schwarzen Meer? Aber so ein Projekt bedeutet, trotz der lockeren und ungezwungen Herangehensweise der Beiden: Vorbereitung. “Wir sind ja keine Pioniere” sagt Luise, “da kann man schon auf die Erfahrungen Anderer zurückgreifen“. Dank des Internets ist das heute zum Glück alles kein Problem mehr. Tatsächlich gibt es neben einer Vielzahl Donau-Kreuzfahrt-Reisebücher auch einige Literatur zu alternativen Donaureisen mit Kanu oder Paddelboot. Da beide keinerlei Erfahrung mit der Fortbewegung im Wasser hatten, waren es vor allem grundlegende Informationen zum Floßbau und zu Genehmigungen, die sie sich telefonisch oder im Internet besorgen mussten. Nach ungefähr drei Monaten Vorbereitung ging es an die Umsetzung. Marek (30) stammt aus Chemnitz und verdingt sich als reisender Tischler. Luise (22), deren Heimatstadt Berlin ist, verdiente zuletzt ihren Lebensunterhalt als Kellnerin in einem Restaurant in der Schweiz. Nun eignete sich weder Chemnitz noch Berlin als Ausgangspunkt für eine Donaureise. Es musste ein Ort gefunden werden, wo genügend Platz vorhanden war, um das Floß zu bauen ohne Jemanden zu stören und wovon es bis zur Donau nicht all zu weit war, schließlich mussten sie das Floß, wenn es fertig war dorthin bringen. Wie so oft, spielte der Zufall dabei gehörig mit. Der erste Bauernhof, der sich ihnen durch familiäre und freundschaftliche Beziehungen auftat, erwies sich leider als ungeeignet. Doch deren Besitzer vermittelte sie an eine Familie in Peterzell im Südschwarzwald. Hans-Hartwig Lenzner und Antje Lützow entschieden sich nach kurzer Bedenkzeit dafür Mark und Luise zu helfen. Drei Wochen bauten Marek und Luise ihr Floß, während sie, wie selbstverständlich auf dem Untermühlbachhof in die Familie Lützow integriert wurden. Die Familie hatte ohnehin viele Mitglieder. Neben den bereits erwähnten Ehepaar gehörten, mehrere Kindern und einigen Tieren dazu. Auf zwei Leute mehr am Essenstisch kam es da nicht an. Marek und Luise erhielten sogar das Holz, welches sie zum Bau brauchten kostenlos von ihnen. Sie versuchten sich für die erwiesene Unterstützung durch kleine Arbeiten auf dem Hof zu bedanken. Mal hackten sie Holz, dann strichen sie ein Geländer oder räumten eine Scheune auf. Die selbstlose Hilfe, die ihnen von den Lützows entgegengebracht wurde, sollte ihnen auf ihrer Reise noch oft begegnen. Den Beweis lieferte sogleich der Besitzer einer Autovermietung. Er stellte ihnen äußerst günstig ein Fahrzeug für Transport des 1,3 Tonnen schweren Wasserfahrzeugs zu Verfügung.
Leinen los und Schiff ahoi
Am 07. Juni 2009 war es dann soweit. In Günzburg, 20 Kilometer nord-östlich von Ulm, sollte das mit 14 Schwimmkörpern, zwei Rudern und einem Motor versehene, ca. 3 x 4 Meter große Floß, zu Wasser gelassen werden. Ein richtiger kleiner Stapellauf war das wohl, bei dem viele Leute aus dem Ort, aber auch Familie Lützow und Luises Eltern anwesend waren. Das Schiff wurde mit Sekt auf den Namen Hakuna Matata getauft. Ein Satz aus der afrikanischen Sprache der Swahili, der übersetzt soviel bedeutet wie „Es gibt keine Probleme“. Ein frommer Wunsch mag man denken angesichts der ihnen bevorstehenden ca. 2500 Kilometer Donauweg.
Die ersten Kilometer hatten sie ein paar Passagiere an Bord. Eine Freundin mit zwei Kindern und einem Hund. Da war schnell klar, dass das Floß für so viele Leute auf Dauer zu klein war. Und Marek und Luise waren froh, dass sie sich nur zu zweit und nicht wie ursprünglich geplant zu sechst, auf das Abenteuer eingelassen hatten.
Bis zum Donaudurchbruch in Weltenburg ist der Motorverkehr auf der Donau verboten. Dementsprechend angenehm, ohne lästige Motorboote oder Dampfer deren Wellengang kleine Boote sofort in gefährliches Schwanken versetzt, verlief die Fahrt meistens. Naja, meistens. Bei Dillingen wurde eine Schleuse gewartet. Die Wartung war tatsächlich mit 14 Tagen veranschlagt. Zum Glück trafen sie einen netten Bauern, der ihr Floß auf den Hänger seines Traktors lud. Die Schleuse war umfahren. Wieder ein netter Mensch der selbstlos und unkompliziert Hilfe leistete.
Doch eine unangenehme Begegnung hatte sie bisher. Und zwar in Regensburg. Ein Anwohner oder Passant fühlte sich nämlich belästigt und zwar vom Anblick des unbekleideten Mareks in der Donau. Zum Glück gehörte der von ihm gerufenen Polizist wieder zu den Guten. Aber ihre Papiere wollte er doch sehen. Die waren jedoch vollzählig: eine Art Zulassung für das Boot und die Wassernutzungsgenehmigung vom Wasser- und Schifffahrtsamt Regensburg.
„Die Donau hat uns schon viel genommen“ sagt Marek, als ich die beiden auf ihre Blumenkästen anspreche. Nicht nur einer der Blumenkästen, auch ihre beiden Fahrräder seinen unabhängig voneinander schon auf Tauchgang gewesen. Das erste konnten sie, da es in relativer Ufernähe passiert ist, noch selbst bergen. Mit viel Geduld und einer 4 Meter langen Leiter. Doch beim zweiten hatten sie keine Chance. Ungläubig schaue ich ihre beiden Fahrräder an. Was die Donau einmal in ihren Fängen hat, gibt sie nicht ohne Weiteres her, vor allem nicht bei Hochwasser. Und zur Zeit herrschte Hochwasser. Allein in Regensburg liegen wohl hunderte Fahrräder in der Donau. Erst im Letzen Jahr wurden einige davon geborgen und zu einen riesigen gut 10-Meter-hohen Berg aufgetürmt. „Wir hatten schon den Fahrradschlüssel hinterhergeworfen“ da wir die Hoffnung aufgegeben hatten, gestand Luise. Doch dann probierten sie es doch noch bei der Feuerwehr. Die einzige Taucherstaffel im Umkreis von 100 Kilometern sei in Kelheim. Was für ein Zufall. „Aber für die Kosten eines Feuerwehreinsatz könnten sie sich zwei neue Fahrräder kaufen„, gab ich zu bedenken. Die Feuerwehrleute waren so entgegenkommend, dass sie den Einsatz als Übung deklarierten, so dass sie keinerlei Kosten hatten. „Wir haben uns mit einem Kasten Bier bedankt“.
Unglaublich! Und das in Deutschland „Da glaubt man ja wieder an das Gute im Menschen“. „Das tun wir sowieso“ erhielt ich als Antwort. Wahrscheinlich ist genau diese Einstellung die Voraussetzung um ein solches Wagnis einzugehen.
Die Hilfsbereitschaft der Menschen, denen sie begegnen, hängt vielleicht auch damit zusammen, dass Marek und Luise ein Stück Freiheit leben, von dem die Andern träumen.
Aber das alles ist ja erst der Anfang. Hoffentlich wird es so bleiben. Inzwischen haben die beiden Regensburg wieder verlassen. Also ihr zwei: weiterhin viele nette Menschen auf eurer Reise und allzeit eine Handvoll Wasser unter dem Kiel.