Archiv

Artikel Tagged ‘Donumenta’

zauberhafte belgrader Tristesse

15. Oktober 2011 lweser Keine Kommentare

Ljubav i drugi zločini / Liebe und andere Verbrechen von Stefan Arsenijević (SRB, D, A, SLO 2009) bei der serbischen Filmwoche der donumenta

Die serbische Filmwoche begann mit zwei wunderbaren Filmen: mit Emir Kusturicas zauberhaft-schrillem Balkan-Klassiker Schwarze Katze, weißer Kater und der europäischen Koproduktion von Stefan Arsenijević Ljubav i drugi zločini / Liebe und andere Verbrechen.

liebe-und-andere-verbrechen

In der tristen und trostlosen Plattenbausiedlung „Neu-Belgrad“, kämpft jeder um eine bescheidene Existenz. Auch eine Hand voll Menschen um den Kleinganoven Milutin, deren Leben anhand eines einzelnen Tages in Liebe und andere Verbrechen dargestellt wird. Bald wird klar, dass jeder der Figuren eine Vergangenheit hat, die ihn nicht loslässt. Diese Geheimnisse werden angedeutet, aber nicht ergründet. Was ist zwischen Milutin und seiner einstigen großen Liebe geschehen, oder zwischen Anica, Milutins Freundin, und ihrem Ex-Mann? Warum hört Milutin immer wenn er hadert “Bésame mucho“. Warum spricht Ivana, Milutas Tochter, nicht? Nur das Geheimnis Stanislavs, Milutins rechte Hand, wird nach und nach, ganz unspektakulär und fast beiläufig aufgedeckt. Er liebt Anica seit er ein kleiner Junge ist und träumt davon als Zauberkünstler mit ihr irgendwo ein neues Leben zu beginnen. Als er bemerkt, dass sie Milutin verlassen und heimlich verschwinden will, verlangt er von ihr ihn mitzunehmen. Um sie zu überzeugen besucht er mit ihr kleine Orte im Beton des Vororts, die er mit ihr verbindet. Hier hat sie ihn gescholten, als er sich mit einem Freund prügelte. Von dort hat er sie seither stets beobachtet. Anica ist skeptisch und doch nimmt auch sie ihn mit zu einem Ort ihrer Vergangenheit. Stanislavs Verantwortungsgefühl gegenüber seiner Mutter und Milutin und vielleicht auch der Zweifel daran, dass Anica ihn irgendwann wirklich lieben könnte, lässt ihn zögern. Letztlich bleibt er und lässt Anica allein ziehen.
Der Film besitzt trotz aller Tristesse und aller Hässlichkeit des Vororts einen feinen leisen Humor, der immer wieder schmunzeln lässt. Auch die Menschlichkeit hat an diesem rauen kalten Ort ihren festen Platz. Milutin, der ohne zu zögern gegen säumige Schutzgeldzahler vorgeht, kümmert sich voll Hingabe um sein Tochter. Stanislav bezahlt einen Restaurantbesitzer dafür, dass dieser seine Mutter im Restaurant singen lässt. Anica, beschenkt vor ihrem heimlichen Abgang alle Menschen in ihrer Umgebung. Und sie legt einen Teil des Geldes, dass sie aus Milutins Tresor stielt wieder zurück. Milutin wiederum hat für sie extra etwas mehr hineingelegt.
Trotz aller Hässlichkeit ein so traurig schöner Film mit unzähligen Versionen von „Bésame mucho“ und einem Soundrack von Nacked Lunch. Ein Film zum Nachdenken, Lächeln und Weinen.

Ljubav i drugi zločini / Liebe und andere Verbrechen von Stefan Arsenijević;
SRB, D, A, SLO 2009
mit Anica Dobra, Vuk Kostić, Milena Dravić, Feda Stojanović, Hanna Schwamborn

die serbische Filmwoche der donumenta in der Filmgalerie im Leeren Beutel dauert noch bis Mittwoch, den 19. Oktober.
Außerdem läuft am Mittwoch, den 2. November 20.45 Uhr in Zusammenarbeit der CinEScultura Objectivo braila/Ziel Braila (E 2010) von Antonio Quirós. Darin führt die Suche nach einer Frau einen Taxifahrer und dessen Freund 8500 Kilometer durch ganz Europa.
www.donumenta.de | www.filmgalerie.de

Donumenta 2011 - Ausflug 2: Literatur

7. Oktober 2011 lweser Keine Kommentare

Buchvorstellung: Melinda Nadj Abonji: Tauben fliegen auf

Was würde wohl Melinda Nadj Abonji antworten, würde man sie nach ihrer Heimat oder ihrer Nationalität fragen? Geboren wurde sie 1968 in Bečej, im damaligen Jugoslawien. Aber der Ort liegt auch in der Vojvodina, der bekanntermaßen von der ungarischen Minderheit bewohnt wird, zu der auch Abonjis Familie gehört. Heute gehört die Vojvodina nur noch zu Serbien. Abonji lebt seit 1973, seit ihrem fünftem Lebensjahr, in der Schweiz und schreibt auf Deutsch. 2010 erhielt sie für ihren Roman Tauben fliegen auf den „Deutschen Buchpreis“. Damit gesellte sie sich in eine ganze Reihe erfolgreicher und preisgekrönter deutschsprachiger Gegenwartsautoren mit so genanntem Migrationshintergrund. Herta Müller, Oskar Pastior, Ilija Trojanow, Zsuzsa Bánk, Lena Gorelik, Sibylle Lewitscharoff oder Feridun Zaimoğlu sind nur einige ihrer renommierten Kollegen. Vielleicht bedeutet das ja den Anbruch eines neuen goldenes Zeitalter für die deutsche Literatur, in dem „Anderssein“ die deutsche Literatur nicht nur bereichert, sondern maßgeblich prägt.

„[…] Gut ich werde euch etwas erzählen, aber ich rede zu den Pflanzen da draussen. Und weil Mutter zu den Pflanzen redete und nicht zu uns, schaute sie uns auch kein einziges Mal an, während sie erzählte. Und wie ihr wisst, stellen Pflanzen keine Fragen, sagt Mutter noch, bevor sie zu reden anfing, uns die Geschichte erzählte, die für Nomi und mich seither Mutters Gelbe-Regen-Geschichte war, an die wir uns erinnerten, wenn wir begreifen wollen, dass jeder Mensch ein Geheimnis hat, sogar unsere Mutter, von der wir lange Zeit geglaubt hatten, wir kennen sie in- und auswendig.“

So bildhaft und versonnen lässt Abonji ihre Protagonistin Ildiko in Tauben fliegen auf erzählen. Sie stammt wie die Autorin, aus der Vojvodina und lebt mit ihrer Familie in der Schweiz, in die die Familie in den 70er Jahren ausreiste als Ildiko und ihre Schwester Naomi noch Kinder waren. Dort haben sich die Eltern hochgearbeitet, von mehreren kleinen unterbezahlten Jobs am Anfang, bis zur eigenen Wäscherei, Leiter einer Cafeteria und endlich, nachdem sie auch die Schweizer Staatsbürgerschaft erhalten hatten, zum eigenem Café. Ein richtig gutes Café, in zentraler Lage. Der Einwanderertraum der Eltern hat sich erfüllt. Doch die zweite Generation, Ildiko und ihre Schwester haben eigene, haben andere Träume. Man weiß erst wer man ist, wenn man sich seiner Vergangenheit bewusst ist, seine Wurzeln nicht verleugnet. Über Rückblicke erzählt sie von der Heimat ihrer Eltern, dem Land ihrer Kindheit, das für sie vor allem aus einem Namen besteht: Maminka. Maminka, die Großmutter, heißt Heimat, Kindheit, Liebe, Geborgenheit, Sehnsuchtsort und sogar Mutter. In diesen Erinnerungen erzählt Ildiko im sich mit ihrer Schwester vereinigendem „wir“. In der Gegenwart geht sie dazu über in der „ich“-Form zu erzählen, außer wenn sie sich unwohl und unsicher fühlt, dann spricht sie von „ihr, die ich bin“, als sehe sie sich von außen und müsste sie sich selbst davon überzeugen, dass sie es ist. Trotz aller Erinnerungsarbeit, werden nicht alle Familiengeheimnisse gelüftet. Die Fragen aber wurden gestellt. Das gilt auch für die Gegenwart des Krieges, der in ihrer alten Heimat wütet. Ildiko kann die Konflikte im Balkan nicht lösen und den zurückgebliebenen Familienangehörige nicht helfen. Das einzige was sie kann, ist Fragen stellen, sich erinnern und für sich selbst nach dem richtigen Weg suchen. Am Ende besucht sie und Naomi ein Gemeinschaftsgrab auf einem Friedhof um dort all ihrer Toten zu gedenken und um zu beten „dass die Lebenden nicht vor ihrer Zeit sterben“.
In dieser privaten Familiengeschichte spiegeln sich nicht nur die politischen Ereignisse Europas, Melinda Nadj Abonji vereint überdies den Osten und den Westen auf spannende und poetische Weise.

melinda-nadj-abonji-tauben-fliegen-auf
Tauben fliegen auf

von Melinda Nadj Abonji

………………………………………………………………………………………

Jung und Jung Salzburg, 2010

315 Seiten. Gebunde Ausgabe

22,00 €

im Februar 2012 erscheint die Taschenbuchausgabe

www.jungundjung.at

Leider ist Melinda Nadj Abonji nicht Gast der donumenta 2011 Serbien. Dafür stellen die Literaten Dragana Mladenović und SRETEN Auszüge ihrer Kunst am Freitag im Literaturhaus Oberpfalz in Sulzbach-Rosenberg und am Sonntag in der Stadtbücherei Regensburg vor.

Serbische Filmwoche in der Filmgalerie u.a.

6. Oktober 2011 lweser Keine Kommentare

donumenta-2011-serbien-filmwoche

Freitag, 07. Oktober 2011, 19.30 Uhr, Turmtheater, Am Watmarkt, Regensburg
Theater-Premiere: Gut gegen Nordwind von Daniel Glattauer. Inszenierung: Birgit Bagdahn, mit Nikola Norgauer und Jan-Hinnerk Arnke. Weitere Termine 2011, jeweils 19.30 Uhr:
09./11./12./14./15./16./18./19./20./21./22. Okt., 08./09./10./12./13./15./16./18./19./20. Nov.
www.theaterregensburg.de | www.regensburgerturmtheater.de

Freitag, 07. Oktober 2011, 20.00 Uhr, Literaturhaus Oberpfalz, Sulzbach-Rosenberg
donumenta XIa: Lesung in serbischer und deutscher Sprache: Dragana Mladenović liest aus ihrem Gedichtband Verwandtschaft und der Direktor der Serbischen Nationalbibliothek SRETEN aka Sreten Ugričić aus seinem Roman An den unbekannten Helden.
www.donumenta.de | www.dittrich-verlag.de | www.korrespondenzen.at

Samstag, 08. Oktober 2011, 19.30 Uhr, Velodrom, Arnulfsplatz, Regensburg
Wiederaufnahme: Richard O´Briens The Rocky Horror Show, Inszenierung: Axel Stöcker, Choreographie Amy Share-Kissiov, Musikalische Leitung: Gelsomino Rocco.
Weitere Termine: 09./22./23. Okt., 30./31. Dez. 2011.
www.theaterregensburg.de

Samstag, 08. Oktober 2011, 19.30 Uhr, Theater am Haidplatz, Regensburg
Wiederaufnahme: Dr. Wahn. Wegen des großen Erfolgs des Stückes von und mit Paul Kaiser, (Zusatztermine bereits in der letzten Spielzeit) auch in diesem Jahr wieder im Programm. Bühne und Kostüme: Peter Engel. Weitere Termine: 22. Okt. und 12. Nov. 2011.
www.theaterregensburg.de

Sonntag, 09. Oktober, 11.00 Uhr, Lesesaal der Stadtbücherei, Haidplatz, Regensburg
donumenta XIb: Lesung in serbischer und deutscher Sprache: Dragana Mladenović liest aus ihrem Gedichtband Verwandtschaft und der Direktor der Serbischen Nationalbibliothek SRETEN aka Sreten Ugričić aus seinem Roman An den unbekannten Helden.
www.donumenta.de | www.dittrich-verlag.de | www.korrespondenzen.at

Di./Mi., 11./12. Oktober 2011, 19.45 Uhr, Akademiesalon-Kino, Andreasstadel, Regensburg
weiter in der François Truffaut–Reihe mit dem weniger bekannten Das grüne Zimmer / La chambre verte (F 1978) mit dem Meister selbst in der Hauptrolle.
Vermutlich dienstags: deutsche, mittwochs: französische Fassung mit deutschen Untertiteln.
www.kinos-im-andreasstadel.de

Mittwoch, 12. Oktober 2011, 21.00 Uhr, Filmgalerie, Leerer Beutel, Regensburg
CinEScultura 2011-Nachtrag: Der Leiter der Agencia del Cortometraje Español (ACE), Miguel Ángel Escudero stellt spanische Kurzfilme vor, darunter auch seine eigenen.
www.filmgalerie.de | www.cinescultura.de | www.acesp.info

13.-19. Oktober 2011, jeweils 19.00 und 21.00 Uhr, Filmgalerie, Leerer Beutel, Regensburg
Donumenta XII: Die Serbische Filmwoche beginnt heute mit Schwarze Katze, weißer Kater (19h00, OmU) von Emir Kusturica aus dem Jahr 1998, und Liebe und andere Verbrechen (21h00) von 2009 des Regisseurs Stefan Arsenijević, mit Anica Dobra. Die weiteren Filme im Programm: Here & There - Wiedersehen in Belgrad (OmU, 2009 v. Darko Lungulov), Belgrad Radio Taxi (OmeU, 2010 v. Srđan Koljević), Leben und Tod einer Pornobande (OmeU, 2009 v. Mladen Đorđević), Cinema Komunisto (OmeU, 2010 v. Mila Turajlic), When I Grow Up, I’ll Be a Kangaroo (OmeU, 2004 v. Radivoje Andrić) und Some Other Stories (OmU, 2010 v. div. Regisseurinen).
www.donumenta.de | www.filmgalerie.de

Von Tauben, Hühnern und (fehlender) Kommunikation

21. September 2011 lweser Keine Kommentare

donumenta: Filmemacher Goran Radovanović im Südost-Institut der Universität Regensburg

Goran Radovanović wurde 1957 in Belgrad geboren er studierte Kunstgeschichte an der Philosophischen Fakultät der Belgrader Universität. Eigentlich, verriet er, wollte er auf die Filmhochschule, doch das war nur Privilegierten vorbehalten. Das Goethe-Instituts ermöglichte ihm zwischen 1977 und 1980 Studienaufenthalte in Murnau und München. Dort kam er mit dem Regisseur Reinhard Hauff zusammen, den er als seinen geistigen Mentor bezeichnet. In München lernte er auch die “Großen” seiner Zeit, wie Werner Herzog, Herbert Vesely und Peter Lilienthal kennen. Nach seiner Rückkehr nach Belgrad begann er als Drehbuchautor und Regisseur zu arbeiten, wo er unter anderem das Buch zur beachtlichen jugoslawischen Filmroduktion Oktoberfest schrieb. Radovanović ist Mitglied der „Europäischen Filmakademie Berlin“ und des „Verbandes der Filmschaffenden Serbiens“. Zurzeit arbeitet er als Gastprofessor an der International Film and Television School in San Antonio de los Banos auf Kuba. Obwohl dem durchschnittlichen Kinogänger Radovanović wohl eher unbekannt ist, zählt er dennoch zu den bedeutendsten Dokumentarfilmern. Das beweist neben der Vielzahl an Auszeichnungen (34 bisher) auch sein gut gefüllter Terminkalender. Nach Regensburg kam er direkt aus Wien, wo seine Retrospektive im Rahmen des KulturKontakts Austria im Bellario Kino zu sehen war. Am Morgen nach seiner Präsentation war er schon wieder auf dem Weg zum Dokumentarfilmfestival in Thessaloniki.

goran-radovanovic

In Regensburg stellte Radovanović drei seiner Filme vor. Die Räumlichkeiten des Südost-Institutes (ehemaliges Finanzamt) dürften ihn dabei vielleicht an seien alte Heimat erinnert haben. Alle drei Filme gelten als Dokumentarfilme, auch wenn Radovanović, seine Filme wie Spielfilme inszeniert und sie deshalb eher zum Grenzfall des Genres werden.
Zuerst wurde Columba Urbica, ein achtminütiger Film aus dem Jahr 1994 gezeigt, den er in der Zeit des Wirtschaftsembargos auf alten 16mm-Material gedreht hat. Im Mittelpunkt des Filmes steht ein Zigeuner, der sich trotz seiner niederen Lebensumstände, die Lust am Leben bewahrt hat. Leider schmälerte die miserable Projektion das Filmvergnügen erheblich. Wissenschaftler sind eben keine Filmvorführer. Second Circle (1997, 27 min) zeigt drei Zigeunerfamilien, deren sozialer Status sich über das Vorhandensein sanitärer Anlagen definiert. Die erste Familie war die des Mannes aus Columba Urbica, der innerhalb dreier Jahre plötzlich elf Kinder hatte. Trotz aller Unterschiede erinnern diese beiden Filme an Kusturicas Time of the Gypsies. Die größte Gemeinsamkeit ist natürlich das Sujet. Der größte Unterschied ist sicher, dass der eine Dokumentar- und der andere Spielfilme dreht, auch wenn Radovanovićs Filme in Wirklichkeit eine Mischform darstellen. Trotz aller Tragik der Realität, vermögen beide Regisseure, den noch so deprimierenden Schicksalen ihrer Protagonisten eine humorvolle Note zu geben. Ihre Zigeuner sind stolze Menschen, die sich nicht vom Leben brechen lassen.

Chicken Election/Pileći izbori (2005, 48 min), der dritte Film, ist der autobiografischste seiner gezeigten Arbeiten. Eine alte Bäuerin (die Tante von Goran Radovanović), die allein in ihrem alten Bauernhaus auf dem Land lebt, wird von ihrem Enkel, einem Polizisten, der in einer nahegelegenen Stadt arbeitet, im Umgang mit einem Handy eingewiesen. Doch Technik kann menschliche Kontakte nicht ersetzen. Eine heitere und gleichzeitig traurige Geschichte, die auch irgendwo im Bayerischen Wald spielen könnte, wo Landflucht und die Vereinsamung von älteren Menschen nicht unbekannt sein dürften.

www.goranradovanovic.com | www.donumenta.de

donumenta 2011-Serbien: Ausstellungen

20. September 2011 lweser Keine Kommentare

Belgrade Raw, Donau-Einkaufszentrum, Regensburg und
Views:Visions - sketches of Serbian art after 2000, Kunstforum Ostdeutsche Galerie

Wo soll man nur beginnen bei der diesjährigen donumenta 2011-Serbien? Vier Ausstellungseröffnungen hintereinander. Weiter ging es mit Filmvorführungen und Buchvorstellungen, es stehen auch noch eine Podiumsdiskussion, ein Theaterstück, Lesungen, Tanztheater und die serbische Filmwoche an.

donumeta-2011-serbien_kog_adamovic-duric

Belgrade Raw, Donau-Einkaufszentrum, Regensburg
Vielleicht kann man im DEZ beginnen? Zugegeben der Ort gehört weder zu den angesagten Galerien, noch zu den renommierten Museen Regensburgs und sein Flair …nun ja. Dennoch oder grade deswegen, kann man dort ein sehr authentisches Serbien sehen. Die Fotos fünf junger belgrader Fotografen, die sich zum Künstlerkollektiv Belgrade Raw zusammengeschlossen haben, sind ungekünstelt und schonungslos. Schnappschüsse, die ein Stück Wirklichkeit festgehalten haben. Bei der Eröffnung gab es auch gleich eine günstige und originelle Gelegenheit diese Kunst zu erstehen. Von einem Tisch konnte sich jeder Interessierte Fotos von Luka Knežević-Strika im Visitenkartenformat nehmen, musste dafür nur etwas anderes hinlegen.

Views:Visions - sketches of Serbian art after 2000, Kunstforum Ostdeutsche Galerie
Sehen sollte man auch den Teil der Ausstellung Views:Visions – sketches of Serbian art after 2000 im Kunstforum der Ostdeutschen Galerie. (Es gibt drei Ausstellungen unter diesem Namen an verschiedenen Orten.) Dort ist das unumstrittene Highlight die 3D-Hologramm-Video-Installation von Dorijan Kolundžija. Eine lebensgroße Video-Installation, die mittels Objekten, Spiegel und halbtransparenter Leinwand eine faszinierend geheimnisvolle Illusion schafft.
donumenta-2011-serbien_kog_kolundzija-breakfast
Sehr eindringlich ist auch Ana Adamovićs Video-Insallation. Darin blickt eine ältere Frau in Nahaufnahme in die Kamera und damit dem Betrachter direkt in die Augen. Dazu erklingt eine brüchige Stimme, die ohne musikalische Begleitung ein serbisches Volkslied singt.
Ein drittes Video stammt von Milica Tomić. Die Künstlerin läuft in One Day völlig unbeachtet mit einer Kalaschnikow durch die Belgrader Innenstadt. Sie passiert Orte serbischen Widerstands gegen die deutsche Besatzung im 2. Weltkrieg, während Berichte ehemaliger Widerständler zu hören sind.

Die hier ausgewählten Arbeiten sind auch deshalb eine Ausnahme unter den Ausstellungsobjekten, da sich die meisten von ihnen auf Serbien beziehen. Denn auffällig, vor allem an der Ausstellung im Leeren Beutel ist, dass sich der Großteil der ausgestellten serbischen Künstler vordergründig mit allen möglichen beschäftigen (Afrika, USA, Wien, Hasen, ect.) nur nicht mit ihrem eigenem Land und vor allem nicht mit ihrer jüngsten Geschichte. (Dass soll natürlich nicht heißen, dass Kunst zwingend politisch sein muss.) Eine Ausnahme stellt darin auch der Filmemacher Goran Radovanović dar, den wir in unserem nächsten Artikel vorstellen.

www.belgraderaw.com | www.dorijan.tv bzw. vimeo.com/dorijan | milicatomic.wordpress.com

Der Herbst kommt, die donumenta 2011 Serbien ist da!

15. September 2011 lweser Keine Kommentare

Den ganzen Sommer über tote Hose und schlechtes Wetter. Kaum hat die Schule wieder angefangen, steht uns das bevor:

peter-engel-benedikt-braun-donumenta-2011-serbien

Freitag, 16. September 2011, 19.00 Uhr, DEZ, große Ausstellungsfläche 2. Flur, Regensburg
donumenta II - Eröffnung der Fotoausstellung Belgrade Raw des gleichnamigen Künstlerkollektivs im Donau-Einkaufszentrum, und ebenda ab 20.00 Session mit DJ/VJ Andrej Filev supported by the sync-different.NET
www.donumenta.de | www.belgraderaw.com

Freitag, 16. September 2011, 20.00 Uhr, Kunstverein Graz, Schäffnerstr., Regensburg
Ausstellung: Artist in Residence - Benedikt Braun aka der Braunbär von Weimar, stellt seine, im Rahmen seines Studienaufenthaltes im GRAZ entstandenen Arbeiten aus, incl. einer Performance der Tänzbärin Barbara Ebner. Die Ausstellung dauert bis zum 01. Oktober 2011.
www.kunstvereingraz.de | www.benediktbraun.de

Freitag, 16. September 2011, 19.00 Uhr, Kunst- und Gewerbeverein, Ludwigstr., Regensb.
Ausstellungseröffnung: 85. Jahresschau u.a. mit Inken Töpffer, der Kunstpreisträgerin 2011 und natürlich alle anderen Künstlern aus Niederbayern und der Oberpfalz. Einführung: Klaus Caspers, bis 16.10. 2011.
www.kunst-und-gewerbeverein.de

Sa. + So., 17./18. September 2011, ab 13.00 Uhr, Stadtamhof, Regensburg
Das 13. Stadtamhofer Weinfest findet hoffentlich wieder bei gutem Wetter statt. Am Sonntag beginnt das Weinfest schon um 11.00 Uhr und endet vermutlich wie immer mit der Preisverlosung und den 7 Sinalcos. Für das genaue Programm siehe unter Kommentare!

Samstag, 17. September 2011, 19.00 Uhr, Galerie konstantin b., Am Brixener Hof, Regensb.
Eröffnung der Ausstellung Schauplatz für zwei Herren mit Zeichnungen des überragenden Peter Engel und Fotografien des Schweizers Herbert Weber, eine Einfühlungsrede hält Engel-Intimus Cpt. Klaus Wanjura aus Coburg. Die Ausstellung geht bis 13. November.

Samstag, 17. September 2011, 20.00 Uhr, Galerie ArtAffair, Neue-Waag-G., Regensburg
donumenta III - Eröffnung Views:Visions – sketches of Serbian art after 2000 (die 2.) mit Arbeiten von Žolt Kovač, Siniša Ilić, Aleksandar Dimitrijević und möglicherweise anderen. Sicher ist eine Einführung durch Miroslav Karić und Nadja Plagens. Dauer: bis 30. Oktober.
www.donumenta.de | www.art-affair.net

Sonntag, 18. September 2011, 11.00 Uhr, Kunstforum Ostdeutsche Galerie, Regensburg
donumenta IV - Eröffnung Views:Visions – sketches of Serbian art after 2000 (die 3.). Oberkurator Miroslav Karić stellt zusammen mit BM Wolbergs auch im KOG eine Übersicht zeitgenössischer serbischer Kunst vor. Dauer: bis 30. Oktober.
www.donumenta.de | www.kunstforum.net

Sonntag, 18. September 2011, ab 11.00 Uhr, Theater Regensburg
Theaterfest,. Zur Einstimmung auf die neue Spielzeit.
www.theaterregensburg.de

Sonntag, 18. September 2011, 21.00 Uhr, Alte Mälzerei Club, Regensburg
Zur Abwechslung ein Bißchen kalifornischen Cow-Punk mit den Swingin´ Utter mit heimischer Unterstützung von The Fine Print. Preis: 12 €/15 €
www.swinginutters.com | www.thefineprint.de | www.alte-maelzerei.de

Montag, 19. September 2011, 19.00 Uhr, Südost-Institut Raum 017, Landshuter Str., Rgbg.
donumenta V - Filmprogramm: der serbische Regisseur Goran Radovanović stellt zwei seiner Kurzfilme vor, die da hießen Second Circle (1997) und Chicken Election/Pileći izbori (2005). Der gelernte Kunsthistoriker lebte drei Jahre lang in München und sollte daher Deutsch können. Eintritt frei.
www.donumenta.de | www.goranradovanovic.com

Dienstag, 20. September 2011, 19.00 Uhr, Südost-Institut Raum 017, Landshuter Str., Rgbg.
donumenta VI - Buchvorstellung und Filmprogramm: die Wienerin Annemarie Türk von KulturKontakt Austria stellt das von Ihr herausgegebene Buch Briefe aus Belgrad – Nachrichten aus der weißen Stadt über zeitgenössische Kunst und Kultur. Theater, Film, Literatur und bildende Kunst – vom Leben und Arbeiten, Denken und Schreiben in Serbien heute. Anschließend läuft der Film The Ambulance (2009) von Goran Radovanović. Eintritt frei.
www.donumenta.de | www.editionatelier.at

Mittwoch, 21. September 2011, 18.00 Uhr, Südost-Institut Raum 017, Landshuter Str., Rgbg.
donumenta VII - Vortrag: Prof. Dr. Holm Sundhaussen (FU Berlin) referiert über Serbien zwischen Vergangenheit und Geschichte. Eintritt frei.
www.donumenta.de | www.suedost-institut.de

Mittwoch, 21. September 2011, 20.30 Uhr, Filmbühne / Turmtheater, Regensburg
donumenta VIII - Theater: Orangenhaut, ein Stück von Maja Pelević und inszeniert von Joseph Berlinger. Mit Anika Kühl, Heike Ternes, Anna-Maria Wasserberg und Marten Krebs. Die Vorstellung beginnt in der (alten) Filmbühne (Hinter der Grieb) und wird im Turmtheater (Am Watmarkt) fortgesetzt. Wanderschuhe nötig? Eintritt: 16 Euro.
www.donumenta.de | www.regensburgerturmtheater.de

Donnerstag, 22. September 2011, 20.00 Uhr, Kunst- und Gewerbeverein, Ludwigstr., Rgbg.
Jahreslesung des Schriftstellerverbandes Ostbayern mit den üblichen Verdächtigen.
www.vs-ostbayern.de | www.kunst-und-gewerbeverein.de

Donnerstag, 22. September 2011, 21.00 Uhr, Alte Mälzerei Club, Regensburg
Zur Abwechslung (die zweite) ein Bißchen ominösen Deutsch-Pop mit YA-HA! aus Mnichov, supported von LIST. Preis: 9 €/12 €
www.yahamusik.com | www.alte-maelzerei.de

Donumenta 2011 – Einstimmung I: Film

12. September 2011 lweser Keine Kommentare

DVD - Besprechung: Time of the Gypsies, Regie: Emir Kusturica

Das letzte verbleibende Land der donumenta, dem internationalen Festival für zeitgenössische Kunst und Kultur der Donauanrainer in Regenburg, ist Serbien. Serbien wird also in diesem Jahr vom 15. September bis 04. November, im Mittelpunkt der donumenta 2011 stehen. Aus diesem Anlass möchten wir den bekanntesten jugoslawischen Filmemacher Emir Kusturica mit seiner ersten internationalen Produktion, für die er 1989 in Cannes den Preis für die „Beste Regie“ erhielt, vorstellen. Der Musiker Goran Bregović komponierte die Musik. Die Übersetzung des serbokroatischen Titels Dom za vešanje lautet wörtlich: “Ein Zuhause zum Erhängen”.

Emir Kusturica ist 1954 in Sarajewo (Jugoslawien, heute: Bosnien) geboren und aufgewachsen. Er studierte an der FAMU in Prag. Im Mai 2005 konvertierte Kusturica zum serbisch-orthodoxem Glauben. Seit seiner Taufe lautet sein Name Nemanja Kusturica. Er lebt heute in Belgrad, Paris und in dem von ihm erbauten hölzernen Dorf Drvengrad, das er selbst Küstendorf nennt, nahe der serbischen Ortschaft Mokra Gora. Er hat die serbische und französische Staatsbürgerschaft.

Zum Film:

Der halbwüchsige Zigeunerjunge Perhan, seine jüngere, behinderte Schwester und sein älterer, kleinkrimineller Bruder leben mit ihrer Mutter im heimatlichen Dorf. Durch einen Trick geraten er und seine Schwester in die Fänge des Zigeuner-Gangsterbosses Ahmed. Perhan wird von seiner Schwester getrennt. Mit Lügen, Drohungen und Vergünstigungen macht Ahmed ihn sich gefügig. Perhan lernt schnell und wird mit gleichen Mitteln nach und nach zur rechten Hand Ahmeds. Doch in einer Welt ohne Moral, kann keiner dauerhaft Gewinner sein. Perhan erkennt zu spät, dass er die Ideale, die ihn seine Mutter vermittelt hat, nie hätte verraten dürfen.

Kusturica erzählt ausführlich und ohne Hast. Er lässt sich mit Perhan treiben - 137 Minuten lang. Man merkt, dass er kein Regisseur ist, der streng nach Drehbuch arbeitet. Er lebt seine Filme mit und dirigiert nicht von außen, sondern wenn, dann vom Inneren des Filmes heraus. Deshalb wirken seine Zigeunerwelten auch so lebendig und echt. In Time of the Gypsies hat sich Kusturica erstmals filmisch mit dem Thema beschäftigt. Seither wurde er immer wieder kopiert oder positiver: er inspirierte andere Regisseure. In Schwarze Katze, weißer Kater kehrte er in die Zigeunerwelt zurück. Doch er überzeichnet dort bewusst und enthebt die Geschichte in eine Märchenwelt, in der trotz aller Widrigkeiten das Gute siegt. Time of the Gypsies fehlt dieser Optimismus. Stellenweise glaubt man einem bedrückenden Dokumentarfilm zu sehen, wenngleich auch hier schon magische Elemente vorhanden sind. Die Kernaussage des Filmes ist, dass die Werte der Alten nicht mehr zählen. Perhans Mutter, eine Heilerin, hat zwar noch große Anerkennung in ihrem Dorf, dennoch wird sie von Ahmed betrogen, der eigentlich tief in ihrer Schuld steht. Die Zeiten haben sich mit einer größer werden Welt auch für die Zigeuner geändert. Die Strukturen lösen sich auf. Die Dorfgemeinschaft ist nicht mehr länger Schutzraum und Korrektiv.

Kusturica will, wie er im auf der DVD enthaltenen Interview verrät, in seinen Filmen die Einflüsse Ingmar Bergmanns und Bruce Lees verbinden: Anspruch und Action, Tragik und Trash. Außerdem bezieht er sich auf Garcia Marquez, den er „Freund“ nennt. Der magische oder wie er ihn nennt phantastische Realismus, ist natürlich unverkennbar. Interessant ist, dass James Bond-Produzent Harry Salzmann auch der Produzent von Time of the Gypsies war. Er sah es immer als Privileg und Chance, mit dem mit James Bond Filmen verdienten Vermögen, besondere, kommerziell weniger erfolgreiche Projekte zu verwirklichen.

Die DVD gibt es im schönen Papschuber. Neben der deutschen und romani Filmversion, gibt es auf der DVD ein alternatives Ende und das bereits erwähnte einundzwanzigminütige Interview mit Kusturica.

Die serbische Filmwoche der donumenta 2011 findet vom 13. bis 19. Oktober in der Filmgalerie im Leeren Beutel (Bertoldstraße 9) in Regensburg statt. Unter anderem wird dort auch Emir Kusturicas Schwarze Katze, weißer Kater zu sehen sein.

time-of-the-gypsies-dvd
Time of the Gypsies (Dom za vešanje)

Regie: Emir Kusturica, Drehbuch: Emir Kusturica, Gordan Mihic, Kamera: Vilko Filac, Musik: Goran Bregović

Darsteller: Davor Dujmović, Bora Todorovi, Ljubica Adzović, Husnija Hasimović, Sinolicka Trpkova.
……………………………………………………………………………..

137 min, farbe, YU / GB / I 1989.
Sprache: Deutsch, Romani
Extras: 21 min Interview mit Emir Kusturica (Englisch), Alternatives Ende, Trailer
Winkler Film / Al!ve
VÖ: 07. Juli 2010
……………………………………………………………………………..
weitere Informationen unter:
www.winklerfilm.de | www.alive-ag.de

Donumenta 2011 - Einstimmung

10. November 2010 lweser Keine Kommentare

DVD - Tipp: Time of the Gypsies, Regie: Emir Kusturica

Die Donumenta 2010 - Ungarn ist vorbei. Doch im nächsten Jahr geht es weiter. Das letzte verbleibende Land der donumenta, dem internationalen Festival für zeitgenössische Kunst und Kultur der Donauanrainer in Regenburg, ist Serbien. Serbien wird vom 15. September bis 04. November 2011, im Mittelpunkt der donumenta 2011 stehen. Aus diesem Anlass möchten wir die ersten internationalen Produktion des bekanntesten jugoslawischen Filmemacher Emir Kusturica, für die er 1989 in Cannes den Preis für die „Beste Regie“ erhielt, empfehlen: “Time of the Gypsies” von Emir Kusturica. Endlich gibt es den Film über den Zigeunerjungen Perhan auf DVD. Ein Film von semidokumentarischem Charakter, der die brutale Realität der Zigeunerwelten durch magische Elemente ertragbar macht. Goran Bregović komponierte die Musik.

time-of-the-gypsies-dvd
Time of the Gypsies (Dom za vešanje)

Regie: Emir Kusturica, Drehbuch: Emir Kusturica, Gordan Mihic, Kamera: Vilko Filac, Musik: Goran Bregović

Darsteller: Davor Dujmović, Bora Todorovi, Ljubica Adzović, Husnija Hasimović, Sinolicka Trpkova.
……………………………………………………………………………..

137 min, farbe, YU / GB / I 1989.
Sprache: Deutsch, Romani
Extras: 21 min Interview mit Emir Kusturica (Englisch), Alternatives Ende, Trailer
Winkler Film / Al!ve
VÖ: 07. Juli 2010
……………………………………………………………………………..
weitere Informationen unter:
www.winklerfilm.de | www.alive-ag.de

Balkan-Roadmovie

16. Oktober 2010 lweser Keine Kommentare

Die Ungarische Filmwoche im Rahmen der Donumenta 2010, startet mit dem Eröffnungsfilm Kalandorok / Adventurers (H 2008, R: Béla Paczolay, mit Péter Haumann, Péter Rudolf, Milan Schruff) in derFilmgalerie im Leerern Beutel, Regensburg

kalandorok

 

Was fällt uns ein, wenn von Ungarn die Rede ist? Nun zunächst sicher einmal der kürzlich stattgefundene Giftschlammunfall, dann noch der drohende Staatsbankrott. Die älteren denken vielleicht an die Operette „Die Csárdásfürstin“ von Emerich Kálmán oder an Hugo Hartungs Erzählung „Ich denke oft an Piroschka“, in der sich ein deutscher Austauschstudent in eine ungarische Bahnhofsvorstehertochter verliebt. 1955 verfilmte Kurt Hoffmann die Erzählung mit Lieselotte Pulver in der Hauptrolle. Der bekannteste Ungar dürfte wohl Dracula-Darsteller Béla Lugosi sein. (Sein Geburtsort nach dem er sich benannt hat, liegt heute in Rumänien.) Geschichtlich denkt man zuerst an die Zeit des mächtigen Kaiser- und Königreichs Österreich-Ungarn. Literarisch Interessierte werden dann sofort die drei „großen Eleganten“ der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einfallen: Antal Szerb, Ernö Szep und Sándor Márai und auch der Nobelpreisträger des Jahres 2002 Imre Kertész.

Doch welche ungarischen Filme kennt man? Bestenfalls Kontroll, der in Cannes 2004 zum besten Nachwuchsfilm gekürt wurde. Und sonst? - Höchste Zeit also, das Filmland Ungarn kennenzulernen. Doris Klein vom Donumenta-Team hat die Auswahl vorgenommen. Das Ergebnis ist bis nächsten Mittwoch in der Filmgalerie im Leeren Beutel zu sehen. Es sind ausschließlich Produktionen der 00er Jahre, was die Frage nahelegt, ob es keine filmgeschichtlich relevanten ungarischen Filme gibt? Dieser Blick über den Gegenwartsfilm-Tellerrand hinaus war bei den bisherigen Filmwochen der Donumenta eigentlich immer gegeben. 2006 war Ungarn Gastland der Regensburger Kurzfilmwoche. Damals gab es vier Programme, die einen Einblick in die ungarische Kurzfilmlandschaft ab den 60er Jahren boten. Ein Kurzfilmprogramm gibt es übrigens auch bei der Ungarischen Filmwoche. Außerdem den Animationsfilm Nyócker! /The District und vier Lang-Spielfilme. Kontroll ist nicht dabei, doch zwischen ihm und dem Regisseur des Eröffnungsfilms besteht dennoch eine Verbindung. Béla Paczolay hatte eine kleine Rolle in Kontroll.

Sein Spielfilmdebut und der Eröffnungsfilm der Donumenta Kalandorok (Adventurers) spielt hauptsächlich in Rumänien, was landschaftlich definitiv mehr hergibt, als das flache Ungarn. Der erfolglose Musiker Géza eilt gemeinsam mit seinem spielsüchtigen Sohn Andris, zu seinen Eltern aufs rumänische Land. Letztlich werden Großvater, Vater und Sohn alle irgendwie von ihren Frauen vor die Tür gesetzt (der Großvater haut eigentlich ab). Sie wollen zurück nach Budapest, doch wo sie wohnen werden, wissen sie nicht. Auf dem Weg begegnet den drei Glücklosen die Versuchung, Dealer, ein betrunkener Polizist, eine Leiche, ein Zigeuner-Pate und dessen Clan und letztlich sogar flüchtende Afghanen. Der Film ist ein Roadmovie im klassischem Sinn. Er verklärt nicht, zeigt, aus unserer Sicht aber ein fremdes, wildromantisches Land. Hier geht es noch anders zu, auch wenn die Probleme vielleicht gleich sind. Es ist schön zu sehen, dass Rumänien noch nicht im EU-Einheitsbrei untergegangen ist. Hier sind Pferdekarren auf der Straße noch ganz normal und wenn Géza einen Dachgepäckträger für seinen VW-Passat haben will, lässt der Automechaniker auf einem vermülltem Hinterhof noch volle Kreativität walten. Der Film ist ruhig erzählt und wartet dennoch ständig mit gut getimten Überraschungen auf. Die drei Hauptdarsteller vermögen durchweg zu überzeugen. Ein gelungener Auftakt!

Die Ungarische Filmwoche dauert noch bis Mittwoch, den 20.Oktober 2010. Kalandorok wird am Dienstag, den 19.10. um 19.00 Uhr und am Mittwoch um 21.00 Uhr wiederholt. Das komplette Programm gibt es unter: www.filmgalerie.de oder www.donumenta.de

Sonne im Netz

22. Oktober 2009 lweser Keine Kommentare

Štefan Uher Slnko v sieti - Die Sonne im Netz (CS, 1962) bei den Slowakischen Filmtagen

Mein Kinoerlebnis mindestens des Jahrzehnts, wenn nicht meines bisherigen Lebens ist ein tschechoslowakischer Film aus dem Jahr 1962. Er teilt sich diesen “Titel” mit einem anderen tschechoslowakischen Film aus dem Jahr 1965. Gesehen habe ich beide Filme in der Filmgalerie in Regensburg. Den zweiten Perličky na dně (Perlen auf dem Meeresgrund) sah ich 2007 als Tschechien Gastland der Kurzfilmwoche war. Den ersten Slnko v sieti (Sonne im Netz) vorgestern bei den Slowakischen Filmtagen.

Sonne im Netz des slowakischen Regisseurs Štefan Uher war ein Beitrag des Nationalen Filmarchivs des slowakischen Filminstituts. Štefan Uher legte mit diesem Film den Grundstein zur tschechoslowakischen Neuen Welle (nova vlna).

Sonnenbaden über den Dächern von Bratislava

Sonnenbaden über den Dächern von Bratislava

Fajolo und Bela leben in Bratislava, sie kommen sich näher, stoßen einander jedoch immer wieder weg. Sie stromern auf den Dächern der Wohnblocks umher und haben sich wenig zu sagen. Erst als Fajolo zur Erntebrigade nach Melenany aufs Land fahren muss, findet er zu Worten und zu tieferen Erkenntnissen. Der Gegensatz von Stadt und Land, Alter und Jugend sind grundlegende Motive des Filmes, ebenso wie die Blindheit der Mutter Belas. Ob man in diese Blindheit hinein bereits eine Regimekritik interpretieren kann, sei dahingestellt. „Gemeinsam sehen - Gemeinsam lügen“ ist jedenfalls das Motto Belas und ihres Bruders, wenn sie ihrer Mutter die Umgebung beschreiben.
Deutlich und metapherfrei tritt die Regimekritik hervor, als es um die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften und deren Misswirtschaft geht. Kein Wunder, dass dieser Film verboten wurde. Dass er dennoch, bis es dazu kam, auf einigen tschechoslowakischen und russischen Filmfestivals lief, verwundert da schon eher, weist aber darauf hin, dass es in der sozialistischen Ära der Republik eine Zeit gab, als noch freier mit politischen Äußerungen in der Kunst umgegangen wurde.

Der Film überzeugt auch durch die sehr realistischen Darstellungen des Alltags. So stellt er eine Jugendgeneration dar, die von technischen Vehikeln (Plakate, Radio, Fotoapparat, Mode und Musik) geprägt ist. Die Stadtszenen (Spiel- und Drehort ist Bratislava) wirken ungeheuer modern. Wenn z.B. Bela und Fajolo im Antennenmeer auf den Dächer sonnenbaden, dabei Radio hören, voneinander Fotos machen oder die Sonnenfinsternis beobachten. Ebenso modern wirkt die Filmmusik (Ilja Zeljenka). Sind da tatsächlich Synthesizer-Klänge zu hören? Schnitt und die Erzählstruktur wirken gleichfalls modern. Wenn Fajolo fotografiert ist ein Standbild zu sehen und man hört den Stream of Conciseness Fajolos als Off-Stimme. Im Gegensatz dazu steht das alte Fischerpaar auf dem Ponton (einem Holzsteg samt Hüttenfloß und Fischernetz auf einem Altwasser der Donau) oder die Landschaften von Melanany (gedreht in der Westslowakei nahe Nitra). Die beeindruckende Fotografie des Filmes ist dem Kameramann Stanislav Szomolányi zu verdanken. Im Netz des Fischers spiegelt sich die Sonne als Bela und Fajolo nach dessen Heimkehr gemeinsam dort sind. Am Ende ist der Donauarm ausgetrocknet, der Fischer tot, das Netz nicht mehr vorhanden, Fajolo und Bela getrennt. Bela und ihr Bruder wollen ihrer Mutter den Ponton zeigen und beschreiben ihr die Farbe der Donau und die Sonne im Netz.

Dass nur so wenige Regensburger die Gelegenheit (die sich sicher nicht so bald wieder bieten wird) diesen hervorragenden Film zu sehen, wahrgenommen haben, ist schade. Schade ist auch, dass es keine Einführung oder Filmgespräch zu dem hierzulande nahezu unbekannten Film gegeben hat. Dennoch, dass Slnko v sieti in Regensburg zu sehen war, beweist einmal mehr die immens wichtige und unermüdliche kulturelle und filmgeschichtliche Arbeit des Arbeitskreises Film. Danke!