Archiv

Artikel Tagged ‘DVD’

Niederbayernkrimis - der neue Heimatfilm

25. April 2014 lweser Keine Kommentare

DVD/Heimatkrimi/TV-Ausstrahlung: Paradies 505. Ein Niederbayernkrimi - Regie: Max Färberböck und Dampfnudelblues, Ein Eberhoferkrimi - Regie: Ed Herzog

Am morgigen Samstag strahlt das Bayerische Fernsehen zwei niederbayerische Krimis als Double-Feature aus. So etwas hat es wohl bisher noch nie gegeben. Anlaß genug sich mit der Lage des Heimatfilmes generell und die der lokalen Kriminalkomödien im besonderen auseinanderzusetzen.

Sendetermine BR-Heimatkriminacht
Samstag, 26. April 2014, Bayerisches Fernsehen

20.15 Uhr: Dampfnudelblues, Ein Eberhoferkrimi, Regie: Ed Herzog, mit: Sebastian Bezzel, Simon Schwarz,
22.00 Uhr: Paradies 505, Ein Niederbayernkrimi, Regie: Max Färberböck, mit: Johanna Bittenbinder, Florian Karlheim

paradies-505-dvdParadies 505 - Ein Niederbayernkrimi

Regie: Max Färberböck

Buch: Christian Limmer, Musik: Sebastian Horn, Gerd Baumann, Dominik Schreiber

Darsteller: Johanna Bittenbinder, Florian Karlheim, Stefan Betz, Moritz Katzmair, Tim Seyfi, Hannes Ringlstetter, u.v.m.
……………………………………………………………………………..

89 min, farbe, D 2012
Sprache: Deutsch
Extras: Booklet, Making of, entfallene Szenen
Telepool / KNM Home Entertainment GmbH
VÖ: 21. Oktober 2013
……………………………………………………………………………..
weitere Informationen unter:
www.br.de | www.knm-media.de

dampfnudelblues-dvdDampfnudelblues - Ein Eberhoferkrimi

Regie: Ed Herzog

Buch: Christian Zübert nach dem Roman von Rita Falk, Musik: Martin Probst

Darsteller: Sebastian Bezzel, Simon Schwarz, Lisa Maria Potthoff, Ilse Neubauer, Eisi Gulp, Siggi Zimmerschied, u.v.m.
……………………………………………………………………………..

87 min, farbe, D 2012
Sprache: Deutsch
Extras: Booklet, Making of, Interviews
Telepool / KNM Home Entertainment GmbH
VÖ: 06. Dezember 2013
……………………………………………………………………………..
weitere Informationen unter:
www.daserste.de | www.knm-media.de

Film-Tipp: Doogie Howser. Staffel 1

7. April 2013 sgruen Keine Kommentare

Das Wunderkind der 90er ist endlich wieder da!

(Sigrid Grün)

Serien aus der eigenen Kindheit und Jugend boomen bei der Generation 30+. Auf manche Serien warten Fans lang und geduldig, um sich dann wie Schneekönige auf ihr Erscheinen zu freuen. Grund zur Freude gibt es nun für alle Doogie-Fans, denn die erste Staffel mit 26 Folgen ist seit diesem Jahr endlich in deutscher Sprache da!

Wir schreiben das Jahr 1989. Douglas “Doogie” Howser (Neil Patrick Harris) ist 16 und macht gerade wie jeder normale amerikanische Jugendliche seinen Führerschein. Bei der Prüfung ist er ein etwas ängstlicher Fahrer, drückt aber ordentlich auf die Tube, als er sieht, dass sich ein Verkehrsunfall ereignet hat. Sofort ist er als Ersthelfer zur Stelle und rettet dem Verletzten ein Bein, wenn nicht sogar das Leben. “Was ist das für ein Junge?”, fragt sich der Fahrprüfer und die Mutter lächelt stolz: “Das ist mein Sohn. Er ist Arzt!”
Das ist der Auftakt der Serie um das Wunderkind Doogie Howser, das innerhalb von 6 Wochen die Highschool absolviert, ein Princeton-Studium erfolgreich abschließt und mit 14 als Arzt zu praktizieren anfängt. Zwei Jahre später steigt man als Zuseher in das Leben des Wunderknaben ein. Doogie ist kein klassischer Nerd (naja, also, kein ganz klassischer…), sondern ein junger, etwas neunmalkluger Arzt, der mit den gleichen Pubertätsproblemen zu kämpfen hat wie seine Altersgenossen. Sein Alltag wird auf der einen Seite bestimmt von dem harten Job im Krankenhaus, wo er Leben rettet, aber auch Patienten verliert und auf der anderen Seite dem Hormonchaos eines ganz normalen 16-Jährigen. Freund Vinnie Delpino (Max Casella) ist besessen von seinem ersten Sex, erbricht sich aber jedes Mal, wenn’s wirklich zur Sache geht. Doogie hingegen ist kein Möchtegern-Casanova, sondern eher der treusorgende Typ von Nebenan. Seine Freundin Wanda küsst er beim Erntetanz zum ersten Mal und lässt sich dann ordentlich Zeit. Immerhin sind wir im prüden Amerika der ausklingenden 80er Jahre. Im Lauf der Zeit gibt es natürlich auch Beziehungsprobleme und allerlei andere kleine Katastrophen, die Doogie Abend für Abend seinem elektronischen Tagebuch anvertraut.

“Doogie Howser” ist Kult. Die charakteristische Titelmelodie, das coole Computer-Tagebuch und natürlich der smart-brave Doogie und sein ganzes Umfeld - hier stimmt einfach alles. In puncto Bildqualität ist zu sagen: 90er absolut authentisch! Wer will eine perfekte Bildqualität, wenn sie in den 90ern nach VHS und nicht nach DVD aussah?
Die Darsteller wissen zu überzeugen und es zeichnet sich schon ab, dass viele von ihnen große Karrieren vor sich haben. “Doogie”-Darsteller Neil Patrick Harris spielte nicht nur in “Starship Troopers”, “Harold und Kumar” und zahlreichen anderen Kinofilmen mit, sondern ist vor allem als Barney Stinson aus “How I met your Mother” bekannt geworden. Und auch der Vinnie-Darsteller Max Casella spielte u.a. in “Ed Wood”, “Reine Nervensache” und den “Sopranos”. Viele weitere interessante Informationen zur Serie und ihren Darstellern kann man dem Booklet entnehmen, das der DVD-Box beiliegt.
“Doogie Howser” ist lustig, natürlich oft auch unfreiwillig komisch und informativ. Das medizinische Know-how einer ganzen Generation speist sich vermutlich weitgehend aus dieser Serie. Ohne Doogie könnten wir wahrscheinlich nicht so sicher eine Blinddarmentzündung diagnostizieren, wie wir es eben können. Danke, Doogie!

057006667-doogie-howser-staffel-eins

Steven Bocho, David E. Kelly (Drehbuch)
Doogie Howser. Staffel 1.
www.mammut-home-entertainment.com
Gesamtlänge: ca. 650 Minuten

DVD-Tipp: Anne liebt Philipp

1. Oktober 2012 sgruen Keine Kommentare

Wunderschöner Familienfilm über die erste Liebe

(Sigrid Grün)

Wer skandinavische (Kinder)Filme mag, wird um “Anne liebt Philipp” nicht rumkommen. Es ist ein Film um Freundschaft und Familie, Rivalität unter Kindern und die Möglichkeit der ersten ganz großen Liebe - schon mit zehn.

Anne ist ein wildes Mädchen, mit fünf möchte sie lieber Wikinger statt Prinzessin sein und wird deshalb von allen ausgelacht. Auch mit zehn ist sie noch anders. Eigenartig, wie sie es selbst nennt. Zum Glück hat sie ihre eine beste Freundin, mit der sie alle Geheimnisse teilt. Jungs sind ihr egal. Doch das ändert sich schlagartig, als Philipp in die Nachbarschaft zieht. Ausgerechnet in das Spukhaus, in dem angeblich mal ein Mädchen von ihrem Vater in die Wand eingemauert worden sein soll, weil sie angeblich verrückt vor Liebe war. Diese Gruselgeschichte, die Annes großer Bruder überall erzählt, zieht sich wie ein roter Faden durch den Film und Anne identifiziert sich mit der tragischen Heldin Helga, die in der Wand stecken soll. Philipp kommt auch noch in Annes Klasse, was die Sache nicht gerade einfacher macht, weil es die stupsnasige Klassenschönheit Ellen gibt, die allen Jungs den Kopf verdreht. Doch Anne ist nicht dumm und schafft es, ihre Rivalin geschickt auszuschalten. Doch leider wird es nicht gutgehen… Zum Schluss wird es natürlich doch noch gut - es ist ja ein Familienfilm ab 6! - und Anne lernt auch noch, dass man am besten zu sich steht und zwar genau zu dem Menschen, der man ist. Auch wenn man dann aus dem Rahmen fällt und “eigenartig” ist.

Der Film ist sowohl was den Plot als auch was die Darstellung angeht überragend. Hier wird keine süßliche Highschool-Liebesschnulze runtergenudelt, sondern eine einfühlsame Geschichte mit Tiefgang erzählt. Es kommt oft anders als man denkt und die Heldin begeht auch den einen oder anderen Fehler. So ist es nunmal im Leben. Besonders hervorzuheben ist die Hauptdarstellerin, die unglaublich gut spielt und eine Anne verkörpert, der man einfach alles verzeihen würde, gerade weil sie so eigenartig ist. Auch Jungs kommen hier auf ihre Kosten, denn es gibt einige Gruselpassagen.

Fazit: Ein leichtfüßiger und einfühlsamer Film über die erste Liebe. In puncto Plot und Darstellung eine cineastische Perle aus Norwegen - unbedingt angucken!

51rkolstdhl_sl500_aa300_

Anne Sewitsky (Regie)
Anne liebt Philipp
www.eurovideo.de
ca. 83 Minuten, ab 6

Film-Tipp: Jonas

7. September 2012 sgruen Keine Kommentare

Stell dir vor es ist Schule und du musst wieder hin

(Sigrid Grün)

Christian Ulmen kann so überzeugend in alltägliche Rollen schlüpfen, dass Grenzen zwischen Realität und Film verwischen - das hat er eindrucksvoll bereits in “Mein neuer Freund” bewiesen.
In “Jonas” drückt er wieder die Schulbank. Bisher Schulversager und -abbrecher, darf er an einer brandenburgischen Gesamtschule nun noch einmal sein Glück versuchen. Zunächst auf Bewährung. Ulmen ist der einzige “echte” Schauspieler, der hier agiert. Alle anderen Darsteller sind tatsächlich Lehrer und Schüler. Was allerdings unbedingt gesagt sein muss: Alle Akteure waren eingeweiht. Auch wenn hier der Eindruck entstehen soll, dass mit versteckter Kamera gefilmt wurde und alle Schüler und Lehrer ganz natürlich auf den Chaoten Jonas reagieren, ist dem natürlich nicht so. Der Film gibt also vor, eine Dokumentation zu sein, gleichzeitig weiß man aber, dass es sich um Fiktion handelt, was nicht unbedingt schlecht ist, da “Jonas” für eine mehr oder weniger ernst gemeinte Dokumentation einfach zu albern und hanebüchen wäre. Immerhin verliebt er sich in seine schon etwas reifere Musiklehrerin und traut sich da auch einiges, was selbstverständlich vollkommen in die Hose geht…
Ansonsten wird der Schulalltag recht authentisch gezeigt. Es geht um das Horrorfach Mathematik (mit Logarithmen, die Jonas zunächst überhaupt nichts sagen), verschiedene Lehrertypen, die man vielleicht noch aus der eigenen Schulzeit kennt, können bewundert werden und das Schülerdasein in der heutigen Zeit wird auch ziemlich gut auf den Punkt gebracht. Schulische Aktivitäten, in diesem Fall das Gründen einer Schulband, kommen ebenfalls nicht zu kurz. “Jonas” ist durch Christian Ulmens überzeugende Darstellung ein unterhaltsamer Film, der aufzeigt, dass Schule keineswegs nur langweilig ist: Schule ist, was du draus machst!
Die Atmosphäre wirkt ausgesprochen authentisch, da ja alles - bis auf Ulmen - tatsächlich echt ist. Negative Schulerfahrungen werden positiv verarbeitet. Jonas kriegt trotz seiner eher mäßigen Leistungen doch noch eine Chance und kann im Rahmen eines Schulkonzerts mit der neuen Band zeigen, was in ihm steckt. In puncto Musik muss ohnehin festgestellt werden, dass hier eine sehr schöne Auswahl getroffen wurde, Deichkind und die Sterne sind zu hören und sogar Helge Schneider singt ein tolles Liedchen über die Schule.
Fazit: Ein Film, der unterhält und an die eigene Schulzeit erinnert. Allerdings sollte man keine allzu ernst gemeinte Doku erwarten. Meine Empfehlung!

51dsapy3c7l_sl500_aa300_

Robert Wilde (Regisseur)
Jonas
www.eurovideo.de
110 Min.; ab 6

Keine Luxusrentner aus Bad Füssing, sondern echte Niederbayern

11. Januar 2012 lweser Keine Kommentare

DVD/Fernsehfilm: Sau Nummer Vier. Ein Niederbayernkrimi. Regie: Max Färberböck

Sau Nummer vier ist der dritte von bisher vier Heimatkrimis des Bayrischen Rundfunks - und der beste. Im Gegensatz zu Föhnlage und Erntedank besitzt Sau Nummer vier keine literarische, sondern eine reale Vorlage. Der Ein oder Andere erinnert sich sicherlich an den Indizienprozess gegen eine Frau und ihre Kinder. Sie wurden wegen Mordes an ihrem Mann bzw. Vater verurteilt. Es gab damals allerdings keine Leiche. Die Staatsanwaltschaft ging davon aus, dass der Mann an die Schweine verfüttert wurde. Regie führte Max Färberböck, der auch Aimée und Jaguar inszenierte.

Kriminalhauptkommissar Lederer (Florian Karlheim) aus Straubing kommt nach Niedernussdorf in die niederbayrische Provinz. Dort bittet er Polizeiobermeisterin Wegmeyer (Johanna Bittenbinder) mit ihrer Mannschaft, ihm bei der Aufklärung eines rätselhaften Fundes eines von einem Schwein abgebissenen Fingers zu helfen, denn Lederer vermutet einen Mord. Der feine Humor des Films basiert hauptsächlich auf der Konfrontation dieser zwei unterschiedlichen Temperamente. Lederer ist jung, aktionistisch und steht hierarchisch über Wegmeyer. Trotz (oder wegen) seiner Bemühung um Überlegenheit und Coolness, wirkt er leicht lächerlich. Wegmeyer ruht in sich. Sie kennt ihr Dorf und seine Bewohner. Sie ist eine von ihnen. Das Erscheinen Lederers bringt Leben in ihren dörflichen Berufsalltag. Mit der neuen Anforderung steigt ihr Tatendrang den Fall zu lösen. Doch dabei trifft sie auf ungeahnten Widerstand im Dorf. Sau Nummer vier ist viel mehr als ein Krimi. Er setzt sich ganz nebenbei mit den allgegenwärtigen Problemen des ländlichen Lebens auseinander, das von Überalterung und Bauernsterben geprägt ist. Aber auch Probleme wie Demenz, Fremdsein und Identität werden behandelt. Auch in der niederbayrischen Provinz gehört ein türkischstämmiger Polizist mittlerweile zum Alltag. Dieser Migrationhindergrund ist nicht einmal der Erwähnung wert, da er einer von ihnen ist. „Einer aus Straubing“ dagegen, der sich in die eigenen Angelegenheiten mischt, wird dann schon eher kritisch beäugt.

Den Frauen in Faberböcks Niederbayernkrimi kommt eine besondere Rolle zu. Sie dominieren unterschwellig den Dorfalltag. Ihre Arbeit auf Haus und Hof ist selbstverständlich. Zusätzlich sind sie es, die wichtigen Entscheidungen treffen, Angehörige pflegen und damit das alltägliche Überleben sichern. Die Authentizität die Sau Nummer vier vermittelt, ist auch der Vielzahl an niederbayrischen Statisten geschuldet. Faberböck verrät im „Making of“, dass sich beim Castingaufruf lauter „Luxusrentner aus Bad Füssing, Krefeld und Dortmund“ gemeldet hätten. Daraufhin verschob er den Drehtag. Die echten niederbayrischen Bauern, die Färberböck wollte, seien nur schwer zu gewinnen gewesen. Dann sei ihre Spielfreude aber enorm gewesen, berichtet der Regisseur. Seinen Retro-Look erzielt der Film sowohl durch das angenehm ruhige Erzähltempo, sowie durch Teile der Ausstattung. So fährt Wegmeyer zum Beispiel einen alten Fiat 127. Lederers Kleidung, Frisur und Habitus sind ganz und gar an die 70er Jahren angelehnt. Das irritiert anfänglich, soll aber vielleicht ein gewisses zeitliches Verharren ausdrücken.

Auch die Filmmusik von Gerd Baumann, wirkt zeitlos. Drei altbayrisch anmutende Lieder, zu denen Sebastian Horn von den „Bananafishbones“ die Texte schrieb und sang, komponierte Baumann. Diese Lieder sind zurückhaltend mit Hackbrett und Trompete instrumentiert. Andere musikalische Motive erinnern an amerikanische Western. Da diese Motive nicht übertrieben werden, unterstützen sie das Spröde der Gegend und der Mentalität. Der Film bewegt sowohl zum Schmunzeln, als auch zum Nachdenken. Färberböck erklärt, dass es die komischen Elemente unbedingt brauchte, um den Film machen zu können, denn die Realität in dieser Gegend sei so bedrückend, dass er ein Drama dort nicht hätte inszenieren können. Ganz nebenbei erklärt er auch den Unterschied zwischen Ober-, bzw. „Über-“ Bayern und Niederbayern. Der Humor der Niederbayern sei versetzt und eher ein hintergründiges Grinsen, statt ein lauter Lacher. Mit seinem Film gelingt es Färberböck jedenfalls dem Zuschauer genau dieses Grinsen zu entlocken.

sau-nummer-vier-dvdSau Nummer Vier - Ein Niederbayernkrimi

Regie: Max Färberböck

Buch: Christian Limmer, Musik: Gerd Baumann

Darsteller: Johanna Bittenbinder, Florian Karlheim, Stefan Betz, Moritz Katzmair, Tim Seyfi, Siggi Zimmerschied, u.a.
……………………………………………………………………………..

90 min, farbe, D 2010.
Sprache: Deutsch
Extras: Making of, entfallene Szenen, 15seitiges Booklet
Telepool / KNM Home Entertainment GmbH
VÖ: 23. Oktober 2010
……………………………………………………………………………..
weitere Informationen unter:
www.br.de | www.knm-media.de

Reigen der Toten

3. Januar 2012 lweser Keine Kommentare

DVD: Spalovač mrtvol / Der Leichenverbrenner / The Cremator Regie: Juraj Herz nach einem Roman von Ladislav Fuks, CS 1969

Die Filme der Tschechoslowakischen Neuen Welle (Nová Vlna) sind in Deutschland bisher nicht auf DVD erschienen, dabei sind eine Vielzahl dieser Filme sogar deutsch synchronisiert worden. Zum Glück läuft der ein oder andere von ihnen hin und wieder im Fernsehen. Wer diese Filme gezielt sehen will, ist bisher auf englische DVD-Ausgaben angewiesen. Der US-amerikanische Criterion- und der britische Second Run-Verlag haben eine Vielzahl dieser Filmperlen in sehr guten Editionen in der Originalversion mit englischen Untertiteln veröffentlicht. Juraj Herz’ großartigen Film Spalovač mrtvol (Der Leichenverbrenner/The Cremator) war bisher ebenfalls nur in einer englischen DVD-Ausgabe von Second Run erhältlich. Der Kölner Verlag Bildstörung, der auf “abseitige” Sex&Crime-Filme spezialisiert ist, hat nun Den Leichenverbrenner für Deutschland in der tschechischen Originalversion mit deutschen Untertiteln veröffentlicht.

Herz, Jahrgang 1934, studierte nicht wie viele seiner Kollegen an der FAMU in Prag, sondern, wie Jan Švankmajer an der AMU, der Hochschule für darstellende Künste. Laut Herz sei das der Grund dafür gewesen, dass er von den Regisseuren der Neuen Welle nie als gleichwertig anerkannt wurde. Herz sieht seine Vorliebe für das Düstere und Makabere als Antrieb für seine Filme. Das Politische stand, so gesteht er, für ihn nie, wie für seine Kollegen, im Mittelpunkt. In Wahrheit gehört Der Leichenverbrenner zweifelsohne zu jener tschechoslowakischen Neuen Welle ebenso wie er zweifellos ein politischer Film ist. Juraj Herz lebte und arbeitete (als Regisseur) zwölf Jahre in Deutschland. Zuletzt führt er 2009 bei der deutsch-tschechisch-österreichischen Co-Produktion Habermann Regie.

spalovac-mrtvol

Kar(e)l Kopfrkingl (Rudolf Hrušínský) Tscheche mit deutschen Wurzeln, arbeitet in einem Krematorium. Er ist ein anerkannter Bürger und Familienvater, der sich als waschechter Tschechen fühlt. Als die Deutschen die Macht im Land an sich reißen, wird er ganz schnell zum Deutschen, denunziert seine Kollegen und bringt Frau und Kinder (wegen ihrer jüdischen Abstammung) um. Er wird zum Dirktor seines Krematoriums und entwickelt gedanklich voll Lust Massenvernichtungskrematorien.
Kopfrkingl ist der typische Mitläufer ohne eigene Meinung. Er wiederholt nur die Aussagen der Anderen und erzählt seinem Gegenüber, was der hören will. Herz zeigt mit seinem Film, wie der Nationalsozialismus auf der untersten “Befehlsebene” funktionieren konnte. Eiskalt und emotionslos agiert Kopfrkingl.
Der Leichenverbrenner ist ein sehr durchkomponierter, präziser und poetischer Film. Er besticht durch seine perfekte Kamera, ein präzises Spiel, verbunden mit einer atmosphärischen Musik. Der Film basiert auf einen Roman von Ladislav Fuks. Gemeinsam mit dem Autor arbeitete Herz zwei Jahre an dem Drehbuch. Im auf der DVD enthaltenem Extra, zeigt Herz dieses Originaldrehbuch, das fast 1:1 umgesetzt worden ist. Jede Einstellung (außer der Boxkampf) war bereits darin vermerkt. Das sei auch der Grund gewesen, warum Dreh und Schnitt, dann sehr schnell gingen, erzählt Herz. Allerdings gab es eine Zwangspause. Nach dem Einzug der sowjetischen Panzer im August 1968, stockten die Dreharbeiten. Einige Schauspieler tauchten unter oder emigrierten. Zum Glück konnten die Arbeiten am Film beendet werden. Eine Besonderheit des Filmes sind die fließenden Übergänge zwischen den einzelnen Szenen. Kopfrkingl redet zum Beispiel mit einer Prostituierten und hängt bei ihr ein Bild an die Wand, während die Kamera zurück fährt merkt man, dass er längst daheim ist und mit seiner Frau spricht. Herz verrät, dass eine Erzählung von Jean-Paul Satre ihn zu dieser Montage-Technik inspirierte.
Der Leichenverbrenner wird einmal als Horrorfilm, dann wieder als schwarze Komödie bezeichnet. In Wahrheit ist er, obwohl er sowohl Elemente des Einen, wie des Anderen besitzt, weder das Eine, noch das Andere. Der Leichenverbrenner ist aus heutiger Sicht am ehesten als ein sehr musikalischer Kunstfilm zu bezeichnen. Er ist ein komplexes, streng komponiertes Kunstwerk, der seinen Horror hauptsächlich durch die realen Ereignisse im Nationalsozialismus gewinnt. (Juraj Herz war übrigens als Kind, wegen seiner jüdischen Abstammung, selbst im Konzentrationslager.) Die durchgehende, klassisch anmutende Musik von Zdeněk Liška trägt die Atmosphäre und steigert die surreal hypnotische Sogwirkung des Filmes. Ein wahres filmisches Meisterwerk!

Die DVD hat zahlreiche Extras von denen der Audiokommentar von Juraj Herz (in deutscher Sprache) und das 40-seitiges Begleitheft mit einem Essay von Adam Schofield und einem Interview von Ivana Košuličová mit Juraj Herz aus dem Jahr 2001, besonders erwähnenswert sind. Es gibt noch zwei kleine Bonus-Filme, die aber wenig Informationsgehalt haben. Das alternative Ende ist nicht enthalten, wenngleich das Extra „Das alternative Ende und der Weg danach“ es vermuten lässt. Das alternative Ende, das Herz nach dem Einzug der russischen Panzer 1968 in Prag gedreht hat, und in dem Kopferkingl mit den Sowjets zurückkehrt, ist verschollen und wurde vermutlich vernichtet. Die DVD befindet sich im Schuber mit gewiefter FSK-freiem Covermöglichkeit.
Herz bezeichnet seinen Film, wenn er ihn heute, 42 Jahre danach sieht, im Audiokommentar als „Reigen der Toten“. Fast alle am Film Beteiligten sind heute tot. Um so wertvoller ist diese deutsche DVD-Veröffentlichung in der der 77jährige Juraj Herz sein Werk selbst erklärt.

der-leichenverbrenner-dvd
Der Leichenverbrenner (Spalovač mrtvol)

Regie: Juraj Herz,
Buch: Juraj Herz, Ladislav Fuks,
Kamera: Stanislav Milota, Musik: Zdeněk Liška

Darsteller: Rudolf Hrušínský, Vlasta Chramostová, Ilja Prachař, Jana Stehnová, Miloš Vognič, Jiří Menzel, u.a.
……………………………………………………………………………..

96 min, s/w, CS 1969.
Sprache: Tschechisch (DD 2.0) mit dt. Untertitel
Extras: Audiokomentar, Booklet u.v.m.
Bildstörung / Alive
VÖ: 18. November 2011
……………………………………………………………………………..
weitere Informationen unter: www.bildstoerung.tv

Der Leichenverbrenner läuft am 06. Januar 2012 um 20.00 Uhr im Kunstverein Graz in Regensburg (Innerhalb der GRAZifikations 2011 - „Im Tal des Todes“).
Unbedingt ansehen!!!

Indisches Springkraut und Kuhmietservice

14. Dezember 2011 lweser Keine Kommentare

DVD/TV-Serie: Der Kaiser von Schexing, Regie : Franz Xaver Bogner

Franz Xaver Bogner: Seit Irgendwie und sowieso 1986 startete, ist der Name Franz Xaver Bogner ein Garant für Qualität in der bayrischen Serienlandschaft. Zwar ging schon der Sechteiler Zeit genug von 1981 auf seine Kappe, doch erst mit den Geschichten aus 68, seit Irgendwie und sowieso etablierte er das Genre Heimatserie neu. Er entstaubte es von Klischees, modernisierte und verankerte es dank authentischer Dialoge im bayrischen Alltag. Es folgten weitere Serien wie Zur Freiheit, Café Meineid oder München 7, die F.X. Bogner als Autor und Regisseur verantwortete. Alle fanden großen Publikumszuspruch und brachten Bogner den einen oder anderen Preis ein, darunter auch die Tassilomedaille, eine Auszeichnung vom Förderverein für Bairische Sprache und Dialekte „wegen der Echtheit der bairischen Sprache in seinen Werken und besonders der Dialoge selbst“.

Der Kaiser von Schexing
Seit 2008 läuft im Bayrischen Fernsehen Bogners jüngste Vorabendserie Der Kaiser von Schexing. Am 8. Dezember wurde die vorerst letzte Folge der fünften Staffel ausgestrahlt. Für alle Fans gibt es die Serie aber auch auf DVD. Und gleich vorweg: all Jene, die die Serie noch nicht kennen sollten sich auf keinen Fall vom Coverdesign der DVD-Boxen abschrecken lassen. Der Inhalt entspricht der gewohnten Qualität, für die Bogner bekannt ist und hat so rein gar keine Ähnlichkeit mit Dahoam ist dahoam oder Ähnlichen.

Andi Kaiser (Dieter Fischer), Sohn eines vermögenden und eigensinnigem Vaters, kehrt nach 15-jähriger Abwesenheit in seinen Heimatort - die fiktive Gemeinde Markt Schexing - zurück, just in dem Moment, als die Bürgermeisterwahl vor der Tür steht und es an geeigneten Kandidaten fehlt. Er wird vom Stadtkämmerer Hermann Nelz (Gerd Anthoff) und der Geschäftsleiterin und Standesbeamtin Rosi Specht (Dorothee Hartinger) ins Amt gehievt, um damit ihren eigenen Einfluss zu untermauern. Doch weit gefehlt, denn ganz so willenlos und lenkbar ist der „Kaiser“ dann doch nicht. Gedreht wurde „Der Kaiser von Schexing“ in den Studios des Bayrischen Fernsehens in Unterföhring, sowie an Schauplätzen in Niederseeon bei Glonn, Markt Ilsen und Rain am Lech.

Vierte Staffel: Rosi Specht (die gebürtiger Regensburgerin und Burg-Schauspielerin Dorothea Hartinger, die in Regensburg zuletzt in einer Gastvorstellung als Fräulein Else in Arthur Schnitzlers gleichnamigem Theaterstück im Turmtheater auf der Bühne zu sehen war) nimmt in der vierten Staffel eine Auszeit (im wirklichen Leben hat sie ein Baby bekommen). Im Rathaus stürzt daraufhin alles in ein mittelschweres Chaos. Braumeisterin Hannelore Herbst (die Kabarettistin Monika Gruber) schmeißt sich an Andi ran, um Rosis Job zu bekommen und verärgert damit die anderen Frauen im Rathaus. Gleichzeitig erlebt Kämmerer Nelz seinen zweiten Frühling als er sich in Karin Bäuml (Julia Koschitz) verliebt, die ihn von der Idee eines Kuhmietservices des Bauern Heilmeier Jr. (Michael Altinger) überzeugen will. Doch auch der Ort hat seine Probleme, die unter anderem in der Gemeindeversammlung diskutiert werden. Da gibt es zum Beispiel eine parasitäre Pflanze, das Indische Springkraut, das sich überall in und um Schexing ausbreitet und die einheimischen Arten verdrängt.

Bogner beweist mit solchen Themen, dass er nah an den Menschen und der Realität dran ist. Schließlich müssen sich Bauern heute ständig neue Einnahmequellen erschließen, da Landwirtschaft und Viehzucht allein ihre Existenz nicht mehr zu sichern vermögen. Das indische Springkraut wird in ganz Europa immer mehr zur Bedrohung heimischer Arten. u.s.w.
Ein bisschen unterscheidet sich die Serie, dann doch vom wirklichen Leben. Die Charaktere sind zwar eckig und kantig und alles andere als Engel, haben aber doch immer ein gutes Herz, so dass das Gute am Ende siegt. Das ist kein Verrat am Realitätsanspruch, sondern ein angenehmes Bekenntnis zur Naration. Schön, dass es noch solche Serien gibt.

der-kaiser-von-schexing-staffel-4Der Kaiser von Schexing - Staffel 4

Regie & Buch: Franz Xaver Bogner

Darsteller: Dieter Fischer, Gerd Anthoff, Dorothee Hartinger, Monika Gruber, Winfried Frey, Michael König, Christian Lerch, Florian Karlheim, Julia Koschitz, Barbara Bauer, Barbara Maria Messner, u.a.
……………………………………………………………………………..

2 DVDs im Schuber
250 Minuten, farbe, D 2010
Sprache: Deutsch (DD 2.0/5.0)
Extras: Trailershow
BR / KNM Home Entertainment GmbH
VÖ: 08. November 2011
……………………………………………………………………………..
weitere Informationen unter:
www.br.de | www.knm-media.de

Wenn Föhn ist…

13. Dezember 2011 lweser Keine Kommentare

DVD/Fernsehfilm: Föhnlage. Ein Alpenkrimi. Nach einem Roman von Jörg Maurer, Regie: Rainer Kaufmann

Der insgesamt vierte Heimatkrimi des Bayerischen Rundfunks wurde wieder von Rainer Kaufmann inszeniert. Für ihn ist der Alpenkrimi Föhnlage nach dem Allgäukrimi Erntedank die zweite Auftragsarbeit für die BR-Reihe. Die Vorlage zum Film stammt vom Autor und Kabarettisten Jörg Maurer.

Hauptkommissar Hubertus Jennerwein (benannt nach jenem bekannten Wilderer, der hinterrücks erschossen, zum Sinnbild für das Aufbegehren gegen die Obrigkeit wurde; gespielt von Martin Feifel) wird in seinen Heimatort Garmisch-Partenkirchen strafversetz. Kaum angekommen wird er nicht nur mit seiner Vergangenheit, sondern sogleich auch mit einem Mordfall konfrontiert. Bei den Ermittlungen stehen ihm die übereifrige, junge Kollegin aus den neuen Bundesländern Schwattke (Katharina Marie Schubert) und ihr gutmütig, geduldiger Vorgesetzte Johann Ostler (Jürgen Tonkel) zur Seite. Als Gegenspieler zum ehrlichen, aber unangepassten Jennerwein, agiert der skrupellose Bauunternehmer Harasser (Helmfried von Lüttichau). Der hat nicht nur den Ort fest im Griff und Jennerweins Ex geheiratet, sondern steht auch in Verbindung zur italienischen Mafia, auf der anderen Seite der Alpen. Das Bestatterehepaar Grasegger (Andreas Giebel und Gundi Ellert) lassen in seinem Auftrag Mafiaopfer, die der durchgeknallte Österreicher (wer sonst, wenn nicht Georg Friedrich) ankarrt, unter dem doppelten Boden ihrer Särge und schließlich unter der Erde verschwinden.

Föhnlage kommt nicht ganz ohne Klischees aus. Hier fällt vor allem der Stereotyp des obligatorischen Österreichers, gefolgt von der mittlerweile ebenso obligatorischen Rolle einer Ossi-Polizei-Kollegin auf. Beide Rollen haben natürlich erheblichen Nervcharakter. Ein bisschen zu lieblich mag auch die Landschaft inszeniert sein, ein bisschen zu gewollt und volkstümlich-skuril die eine oder andere Requisite daherkommen. Aber all das wird durch die ausnahmslos großartige Schauspielriege aufgefangen. Von Feifel bis Von Lüttichau überzeugen alle. Besonders authentisch wirkt auch Eisi Gulp in einem Gastauftritt als Techniker im Konzerthaus. Sogar der Autor des Romans, Jörg Maurer hat einen kleinen Gastauftritt als Journalist und macht dabei keine schlechte Figur. Dank der Romanvorlage, gibt es ein paar ironische Brechungen der Heimatverklärung. Die Story ist leidlich spannend, das Tempo relativ flott, jedoch auch mit den nötigen ruhigen Passagen. Rainer Kaufmann hat, zusätzlich zur herkömmlichen Herangehensweise bei bestimmten Szenen mit Super 8 und 16 mm Filmmaterial gearbeitet, z.B. um die Krankheit Akinetopsie (Bewegungsblindheit) unter der Jennerwein leidet, zu verbildlichen.
Letztlich ein Heimatkrimi, der zwar nicht an den Brenner-Fim Der Knochenmann heranreicht, aber durchaus damit verglichen werden kann. Eine kurzweilige Unterhaltung, die Humor, Spannung, Heimat und Heimatkritik vereint, liefert Föhnlage allemal.

Als Extra gibt es ein „Making of“ und eine Sammlung entfallener Szenen, die der Regisseur gemeinsam mit der BR-Redakteurin erkläret. Der kleine Teamfilm ist wie immer eher überflüssig. Die DVD enthält weiterhin ein mehrseitiges Booklet mit ein paar Hintergrundinformationen zur Heimatkrimiserie des BR. Jörg Maurer erklärt in seiner gewohnt humorvollen Art mit zum Teil ironischen Unterton, was für ihn Heimat ist. Außerdem werden im Beiheft die einzelnen Charaktere vorgestellt und die komplette Besetzung und Crew aufgelistet.

fohnlage-dvdFöhnlage - Ein Alpenkrimi

Regie: Rainer Kaufmann

Buch: Stefan Holtz / Florian Iwersen nach dem Roman von Jörg Maurer

Darsteller: Martin Feifel, Jürgen Tonkel, Katharina Schubert, Andreas Giebel, Georg Friedrich, Helmfried von Lüttichau, Gundi Ellert, u.a.
……………………………………………………………………………..

90 min, farbe, D 2011.
Sprache: Deutsch (DD 2.0)
Extras: Making of, entfallene Szenen u.v.m.
Telepool / KNM Home Entertainment GmbH
VÖ: 04. Oktober 2011
……………………………………………………………………………..
weitere Informationen unter:
www.br.de | www.knm-media.de

Heimspiel-Einstimmung 3: Unter dir die Stadt

9. November 2011 lweser Keine Kommentare

heimspiel-filmfest-2011-logo

Mit etwas Verspätung aber noch rechtzeitig zum Heimspiel-Filmfest: die DVD – Veröffentlichung von Christoph Hochhäuslers Unter dir die Stadt. (D/F 2010)

Am Anfang stand keine griechische Tragödie, sondern eine biblische Geschichte, verrät Christoph Hochhäulers über seinen Film Unter dir die Stadt im Interview des Booklets der DVD. Die Geschichte von David, dem König, der Uria, einen Untergebenen, an die Front schickt, um sich während der Abwesenheit an dessen Frau Batseba ranzumachen. Wo gibt es heute noch Könige fragt Hochhäusler. Die Antwort lautet „In den Banken“. Roland Cordes (Robert Hunger-Bühler) ist also dieser moderne König, ein Investment-Banker im 27. Stockwerk eines gläsernen Wolkenkratzers in Frankfurt am Main. Die Fallhöhe könnte nicht größer sein. Svenja (Nicolette Krebitz) ist eine selbstbewusste aber gelangweilte Batseba.

Unter dir die Stadt ist streng durchkomponiert. Präzise bis aufs Mark. Wie ein Gebäude ist der Film entworfen. Die Architektur der Stadt, spielt eine zentrale Rolle, vielleicht sogar die eigentliche Hauptrolle. Hochhäusler studierte Architektur bevor er Filmemacher wurde. Die Menschen sind genauso wie diese kalte Stadt aus Glas und Stahl: schön und kalt.

Unter dir die Stadt ist eine Studie eines Milieus, dem man ebenso wenig angehören will, wie jener Drogenszene, in das sich Cordes (warum auch immer) als Voyeur hin und wieder kurz begibt. Will er sehen, wie es sein könnte, die Kontrolle zu verlieren? Oder ist er einfach nur gelangweilt. Die Dialoge in den Führungsetagen geben Auskunft über jenes Umfeld, in dem Menschen wie Schachfiguren geopfert werden. „Kümmern wir uns jetzt auch noch ums Gemüse?“ fragt einer dieser Vorstände verächtlich. Svenja bringt das ganze Dilemma dieser Schicht zum Ausdruck, als ihr Mann ihr verrät, dass er befördert werden soll: „Noch mehr Geld?“ fragt sie ungläubig. Die vermeintliche Liebe, deretwegen Cordes letztlich alles aufgibt ist vielleicht auch nur ein Akt der Langeweile. Eine Sehnsucht nach Körperlichkeit, in einer körperlosen, nicht greifbaren Welt aus Zahlen und Bilanzen.

Ausstattung und Extras
· 12seitiges Booklet mit Interviews mit Christoph Hochhäusler, Nicolette Krebitz und Robert Hunger-Bühler.
· Kurzfilm von Christoph Hochhäusler: Séance, der stark an Chris Markers La Jetée (die Vorlage für 12 Monkeys) aus dem Jahr 1962 erinnert und Beitrag zur Kurzfilmsammlung Deutschland 09 - 13 kurze Filme zur Lage der Nation war.
· Trailer
· Kein Wendecover, dafür Pressestimmen auf der Coverinnenseite

unter-dir-die-stadt-dvd
Unter dir die Stadt

Regie: Christoph Hochhäusler

Buch: Christoph Hochhäusler, Ulrich Peltzer

Kamera: Bernhard Keller

Darsteller: Nicolette Krebitz, Robert Hunger-Bühler, Mark Waschke, Corinna Kirchhoff, u.a.
……………………………………………………………………………..

110 min, farbe, D/F 2010.
Sprache: Deutsch (Dolby Digital 5.1 und 2.0)
Extras: Trailer, englische Untertitel u.v.m.
Piffl Medien / Good!Movies
VÖ: 04. November 2011
……………………………………………………………………………..
weitere Informationen unter:
www.goodmovies.de | www.amazon.de

Heimspiel-Einstimmung 2: Die innere Sicherheit

8. November 2011 lweser Keine Kommentare

heimspiel-filmfest-2011-logo

DVD-Besprechung: Christian Petzold - Die Innere Sicherheit, D 2000

Zwei deutsche Filme beschäftigten sich um die Jahrtausendwende mit dem Leben ehemaliger RAF-Mitglieder viele Jahre nach deren Aktivitäten. Volker Schlöndorf zeigt 2000 mit Die Stille nach dem Schuss eine in der DDR untergetauchte RAF-Terroristin, der ihr mühsam aufgebautes, normales Alltagsleben nach dem Fall der Mauer wieder zerrinnt. Christian Petzold, geht, ebenfalls 2000, mit Die Innere Sicherheit der Frage nach, ob ein Familienleben mit einem ständigen Leben auf der Flucht vereinbar ist.
Unvorhersehbare Ereignisse zwingen die beiden Ex-Terroristen Clara (Barbara Auer) und Hans (Richy Müller), die mit ihrer halbwüchsigen Tochter Jeanne (Julia Hummer) in einem portugiesischen Ferienort untergetaucht sind, Jahre nach ihrer Flucht aus Deutschland wieder dorthin zurück. Ziel ist es anhand alter Kontakte Geld für die Flucht nach Brasilien zu organisieren. Doch die alten Mitkämpfer haben sich mit dem System arrangiert oder sind Alkoholiker, und das vor Jahrzehnten vergrabene Geld ist inzwischen ungültig.
Der Film nimmt die Perspektive der Tochter Jeanne ein. Nirgends daheim, ständig in Angst vor Entdeckung, ohne soziale Bindung außerhalb des Mikrokosmos’ Kleinfamilie. Das allein bietet schon genügend Zündstoff für Konflikte. Jeanne hat aber auch alle normalen Bedürfnisse und Abnablungsbestrebungen einer Pubertierenden. Die Situation eskaliert und bringt Tod für die Einen und völlige Einsamkeit für die Andere. Petzold sieht das Ende als Geburt. Doch diese Szene wirkt anders. Es gibt keine Perspektive für dieses Kind, das letztlich doch nur bei seinen Eltern bleiben wollte.
Die Innere Sicherheit ist, wie alle Petzold-Filme, bedrückend. Bedrohung und Anspannung dominieren die Stimmung des Films. Bestärkt wird dieses Gefühl durch Überwachungskameraaufnahmen (die Petzold auch in seinen späteren Filmen einsetzt). Eine weitere Gemeinsamkeit mit späteren Filmen: das Auto als maßgeblicher Aktionsort, sowie öffentliche Plätze, hier vor allem Autobahnrastplätze. Wieder sind Petzolds Figuren vom Rest der Welt isoliert und irren wie Gespenster durch eine unwirkliche Welt.

Ausstattung und Extras
Die neue DVD-Edition ist mit umfangreichen Extras ausgestattet, die allerdings nicht immer von hohem Informationsgehalt sind. Folgende Extras sind enthaltenen:
· 4-seitiges Booklet mit ausführlicher Crewauflistung und Pressestimmen
· leider kein Wendecover;
· Behind the Scene: recht überflüssig;
· 40minütiges nichtssagendes Interview: hauptsächlich mit Barbara Auer, Christian Petzold kam nicht viel zu Wort, wurde aber auch kaum gefragt. Weder Interviewer, noch Ort und Zeit des Interviews werden genannt.
· Audiokommentar mit Christian Petzold und Barbara Auer von 2001, sowie mit Christian Petzold und Harun Farocki (der mit Petzold das Drehbuch geschrieben hat) von 2010, das aufschlussreichste der Extras, sehr interessant;
· Außerdem gibt es eine Aufnahme von der Verleihung des deutschen Filmpreises 2001;

Simone Bär, der das diesjährige Heimspiel-Filmfest in Regensburg, eine Werkschau widmet und die selbst anwesend sein wird, war auch für das Casting von Die innere Sicherheit verantwortlich. Innerhalb dieser Werkschau läuft Christian Petzolds Film Yella.

die-innere-sicherheit-dvd
Die Innere Sicherheit

Regie: Christian Petzold,

Buch: Harun Farocki, Christian Petzold,

Kamera: Hans Fromm

Darsteller: Julia Hummer, Richy Müller, Barbara Auer, Bilge Bingül, u.a.
……………………………………………………………………………..

105 min, farbe, D 2000.
Sprache: Deutsch (Dolby Digital 5.1 und 2.0)
Extras: Isolierte Filmmusik u.v.m.
Piffl Medien / Good!Movies
VÖ: 09. September 2011
……………………………………………………………………………..
weitere Informationen unter:
www.goodmovies.de | www.piffl-medien.de