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Artikel Tagged ‘Emanuel Schikaneder’

Urban Priol und der Club der Rothaarigen

14. Juli 2012 lweser Keine Kommentare

W. A. Mozart: Die Zauberflöte, Libretto von Emanuel Schikaneder, Thurn und Taxis Schlossfestspiele 2012, Schloss St. Emmeram, Regensburg

Gleich vornweg: Nein, die Inszenierung der Zauberflöte bei den diesjährigen Thurn und Taxis Schlossfestspielen hat nichts mit Sherlock Holmes und auch nichts mit politischen Kabarett zu tun, wie unsere Überschrift vielleicht nahe legen mag.

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In diesem Jahr feiern die Schlossfestspiele ihr zehnjähriges Bestehen. Vielleicht war auch deshalb bei der Eröffnung mit Mozarts Zauberflöte eine besonders große Zahl prominenter und pseudoprominenter Gäste anwesend, von denen die Hausherrin nur einen namentlich erwähnte. Die anderen Vorgestellten mussten sich bei der Begrüßung mit einer kurzen Umschreibung begnügen. Neben „einer wichtigen Persönlichkeit aus Ruanda“ und dem „Botschafter von Barbados“ nebst besonders herzlich willkommen geheißener Gattin, begrüßte Ihre Durchlaucht auch „den Wissenschaftsminister Bayerns“ und die “Wirtschaftsministerin“ (gemeint war vermutlich die Europaministerin Emilia Müller), sowie „den Oberbürgermeister“. Bei der Vorstellung des Ministerpräsidenten Ungarns Urban Priol - Tschuldigung, ich meine natürlich: Viktor Orbán, gab sie nicht nur einen recht langen ungarischen Satz zum Besten, sondern ließ die Robert-Schumann-Philharmonie auch die ungarische Nationalhymne intonieren. Von den fast 3000 Gästen stand der Großteil dabei auf. Der Großteil allerdings nur, denn neben einigen Applaus- und Standing Ovationen-Verweigerern, gab es auch vereinzelte Buh-Rufe. Der hauptsächlich wegen seines antidemokratischen Mediengesetzes in Kritik geratene rechte Politiker, wird davon vielleicht nicht allzu viel mitbekommen haben.

Die Handlung der Zauberflöte, deren Libretto bekanntlich der temporäre Wahl-Regensburger Emanuel Schikaneder schrieb, ist wirr, widersprüchlich und geheimnisvoll. Schikaneder soll das Libretto umgeschrieben haben, nachdem Wenzel Müller eine Oper nach der gleichen Vorlage („Lulu oder die Zauberflöte“) ankündigte. Das soll die Brüche und logischen Aussetzer erklären. Ein anderer Erklärungsansatz besteht darin, dass Schikaneder das Libretto möglicherweise nicht allein schrieb.

Wilgenbus Inszenierung, von der man sich recht viel versprach, immerhin handelt es sich um einen namenhaften, hochgelobten Regisseur, konnte leider in der ersten Hälfte nicht zünden. Bühnenbild und Auftritte wirkten statisch und einfallslos. Ein großes weißes Dreieck in der Mitte dominierte lange Zeit das Bühnenbild. Unmotiviert hingen Planetenpappscheiben an der Decke und die drei Drachen hatte man sich wohl von Peter Maffay ausgeliehen. Die Drei Knaben waren mehr damit beschäftigt, in ihre Spieluhr rein und raus zu klettern, als dort wirklich zu wirken. Lag es an diesen Details, dass einige Zuschauer nach der Pause nicht wieder erschienen, oder doch am, zum Ende der Pause einsetzenden Regen? Zwar gewann die Aufführung in der zweiten Hälft, wurde bunter, abwechslungsreicher und lebhafter, doch bis dahin musste man schon eine gewisse Gelassenheit an den Tag legen. Die Pappscheiben, nach der Pause angestrahlt, wenn nicht über Regensburg, so doch auf der Bühne einen sternenklareren Nachthimmel imaginierten. Warum Papageno, Tamino sowie ein weiterer Herr sich mit feurig rotem Haar schmückten, blieb indes auch am Ende ein Rätsel.

Wolfgang Amadeus Mozart: Die Zauberflöte
eine Produktion der Oper Chemnitz. Inszenierung: Dominik Wilgenbus, Musikalische Leitung: Frank Beermann, Chor der Oper Chemnitz und die Robert-Schumann-Philharmonie. Mit André Riemer, Guibee Yang, Julia Bauer, Andreas Kindschuh, Kouta Räsänen, u.a.

Heute noch bei den Schlossfestspielen sonst an der Oper Chemnitz
www.theater-chemnitz.de | www.odeon-concerte.de

„Anspruch und Tiefe? – Überschätzt!“

21. Dezember 2011 lweser Keine Kommentare

Kino / Vorpremiere: Sommer der Gaukler, in Anwesenheit von: Regisseur Marcus H. Rosenmüller, Cutter: Georg Söring, Komponisten: Gerd Baumann und Thomas Rebensburg; Regina-Kino, Regensburg

Marcus H. Rosenmüller ist seit seinem Riesenerfolg Wer früher stirbt… aktiver denn je. Fast halbjährlich erscheint ein neuer Film von ihm in den deutschen Kinos. Sein zweiter Kinofilm in diesem Jahr startet am Donnerstag offiziell in den Kinos (ein dritter namens St. Daisy - Wer’s glaubt wird selig ist abgedreht, erscheint im August 2012). Doch zuvor stellt Rosenmüller den Sommer der Gaukler gemeinsam mit anderen Teammitgliedern bereits in einigen ausgewählten bayrischen Kinos, unter anderem im Regina in Regensburg, selbst vor.

Sommer der Gaukler Team: Rebensburg, Baumann, Rosenmüller & Söring

Sommer der Gaukler Team: Rebensburg, Baumann, Rosenmüller & Söring

Im Sommer der Gaukler des Jahres 1780, strandet Emanuel Schikaneder, (geboren in Straubing, aufgewachsen in Regensburg, fahrender Schauspieler, Theatergruppenleiter, „Zauberflötenlibrettist“ und Begründer des „Theaters an der Wien“ in Wien) mittellos mit seiner Schauspielkompanie in dem Voralpenort Inzell, weil ihm die Spielerlaubnis für Salzburg verweigert wird. Der Rest ist weitestgehend Fiktion, wenngleich Drehbuchautor Robert Hültner, sich an Versatzstücken von Schikaneders Biographie schadlos hält. In jenem Bergdorf findet Schikaneder (Max von Thun) die Inspiration zu einem neuen Stück: die Bergleute rebellieren unter dem vermeintlichen Anführer Georg Vester (Maxi Schafroth) gegen die schlechten Arbeitsbedingungen in den Gruben von Bergwerksbesitzer Paccoli (Rosenmüller nennt es die Vorstufe zur französischen Revolution). Gleichzeitig verliebt sich dessen Tochter Babette (Anna Maria Sturm) in den Bergrebellen wider Willen Vester, Schikaneders Truppe meutert, da alles Geld aufgebraucht ist, und Schikaneder lässt sich auf ein Experiment ein: Ist es möglich mit der Aufführung eines Schauspiels das einfache Volk zu erreichen? Es ist fast unmöglich alle Handlungsstränge, alle Ideen, alle Bilder und Anspielungen, die in Rosenmüller Film stecken aufzuführen. Letztlich „jagt das Theater das Leben und das Leben das Theater“ und jene werden zu Rebellen gemacht, die doch nur ihre Ruhe haben wollen. Es gibt fast zwei Revolutionen und Mozarts Zusammenarbeit mit Schikaneder ist besiegelt. Rosenmüller schreibt sich selbst noch mit ein, als er Mozart sagen lässt: „Schikaneder du bist großartig. Weißt du aber was dir fehlt?“ Schikaneder antwortet genervt: „Anspruch und Tiefe?“ – „Quatsch, alles überschätzt - …“ Tatsächlich kann man einem solchen prallem, opulenten, bildgewaltig, hundertfünfminütigen Rausch, von dem keine einzige Minute langweilig ist, fehlenden Tiefgang und Anspruch nicht vorwerfen. Die braucht’s dann wirklich nicht mehr.
„…Musik“ ist Mozarts Antwort und nicht mal die fehlt bei Rosenmüller. Zwei Lieder hat er in seinem Film integriert, den Bergarbeiter-Blues und den Babette-Song. Der kurze Ausflug in, und gleichzeitig die Parodie auf das Musicalgenre irritiert ganz kurz, passt dann aber so gut, dass man den Vorwurf, das sei nun doch ein bisschen zu viel, gleich wieder vergisst. Schließlich ist die Sprache in den jeweiligen Passagen so rhythmisch, das sie fast zwingend ins Lied führen muss und gleichzeitig mit der Ausführung wieder ironisch gebrochen wird. Auch die restliche Musik, ein aufwendiger Soundtrack an dem die Komponisten zwei bis drei Monate arbeiteten, ist sehr beachtenswert. Der mitgereiste Filmmusikkomponist Gerd Baumann (der auch den Soundtrack zu sieben anderen Rosenmüller-Filmen oder zu Färberböcks Sau Nummer Vier verantwortete), erklärt in Regenburg, sich gegen die anfängliche Idee echte Mozart-Musik zu verwenden, entschieden zu haben und statt dessen Musik komponierte, die so tut, als wäre sie von Mozart. Für das orchestrale der Musik, mit der Baumann, wie er zugibt wenig Erfahrung hatte, erhielt er Unterstützung von Wolfgang Roth und Thomas Rebensburg (Komponist für Rosenmüllers ersten Kurzfilm C’est la vie). Eingespielt wurde die Partitur dann vom den Münchner Symphonikern unter der Leitung von Andreas Kowalewitz. Baumann verrät, dass er, um die Figur des Schikander musikalisch zu transportieren, sich für einen Jahrmarkts-Touch entschied, den er unter anderem durch eine „quäkige“ italienische Orgel erzielte.

Eleonore (Lisa Maria Potthoff) liebt Emanuel Schikaneder (Max von Thun). (c) Movienet

Eleonore (Lisa Maria Potthoff) liebt Emanuel Schikaneder (Max von Thun). (c) Movienet

Die Ähnlichkeit zu Miloš Formans Amadeus (USA 1984) drängt sich auf. Nur ist bei Rosenmüller eben Schikaneder das durchgeknallte Genie (oder auch nur Möchtegern-Genie) und nicht Mozart. Rosenmüllers Mozart sieht mit seiner toupierten 80er-Jahre-Frisur, dem Formans tatsächlich ähnlich. Rosenmüller verneint aber Forman als bewusstes Vorbild. Stattdessen nennt er Melvin Franks Der Hofnarr (USA 1955) mit Danny Kaye in einer Doppelrolle und auch ein wenig Gérard Depardieu in und als Cyrano de Bergerac, sowie die Rolle des Jack Sparrow aus Der Fluch der Karibik als Vorbilder für die Figur des Schikaneder.

Hier noch ein paar interessanten Fakten und Querverbindungen zum Film:
Zu drei Monaten Vorbereitung, kamen 32 Drehtage und drei bis vier Monate für den Schnitt. Hauptsächlich wurde im Museumsdorf Tittling im Bayrischen Wald gedreht. Die Anfangszene entstand in der Altstadt von Bozen, die Theaterszenen im Barocktheater in Český Krumlov und ein bisschen Berg wurden in Südtirol aufgenommen.
Die unglaubliche Liebeserklärung (laut Rosenmüller Filmgeschichtsverdächtig) von Vesper an Babette wurde übrigens spontan eingebaut und in einer einzigen Nacht von Maxi Schafroth geschrieben.
Burgtheaterschauspieler und „Jedermann“ an der Seite von Birgit Minichmayr bei den Salzburger Festspielen, Nicholas Ofczarek spielt den genialen Schauspieler Wallerschenk, der in Schikaneders Frau verliebt ist.
Mit Anna Maria Sturm (Babette) und Anna Brüggemann (Magd Maria) spielen gleich zwei (ehemalige) Regensburgerinnen im Sommer der Gaukler mit.
Christian Lerch, Werkhofsleiter aus Franz X. Bogners Der Kaiser von Schexing, spielt hier einen fiesen einäugigen Vorarbeiter und ist kaum wieder zu erkennen.
Lindenstraßen-Erfinder Hans W. Geißendörfer produziert den Film (gemeinsam mit Ernst Geyer).
Produktionsleiter Thomas Blieninger produzierte auch Meine Mutter, mein Bruder und ich der neben Armenien, auch in Regensburg gedreht wurde.
Michael Kranz (Alfons der Kutscher) war in Sebastian Sterns Die Hummel als Sohn von Jürgen Tonkel zu sehen.
Der Sommer der Gaukler-Soundtrack ist bei Millaphon Records erschienen, dem Indie-Label, das Gerd Baumann zusammen mit Mehmet Scholl (Bayern München) und Till Hofmann betreibt.

Sommer der Gaukler D 2011, 105 min
Regie: Marcus H. Rosenmüller, Nach einem Roman von Robert Hültner
Musik: Gerd Baumann, Schnitt: Georg Söring, Kamera: Stefan Biebl, Szenenbild: Josef Sanktjohanser
Darsteller: Max von Thun, Lisa Maria Potthoff, Nicholas Ofczarek, Michael Kranz, Anna Maria Sturm, Erwin Steinhauer, Maxi Schafroth, u.v.m.
ab Donnerstag, den 22. Dezember 2011 im Regina-Kino
www.sommerdergaukler-derfilm.de | www.reginakino.de