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Artikel Tagged ‘Heimspiel Filmfest’

Dem Rolf Shimon Eden ein Denkmal

17. November 2011 lweser Keine Kommentare

Heimspiel: einziger Dokumentarfilm The big Eden Regie Peter Dörfler

Insgeheim und mit einem Schmunzeln wurde die Berlinale 2011 das Festival der über-80-Jährigen genannt. Zwei vielbeachtete Dokumentarfilme widmeten sich jeweils einem älteren Herren, welche jedoch unterschiedlicher nicht sein könnten. Susanne Rostocks Film Sing your Songs porträtiert den Sänger, Schauspieler und Unicef-Botschaftler Harry Belafonte. Peter Dörfler setzte mit The big Eden dem Playboy, Geschäfts- und Lebemann Rolf Shimon Eden ein Denkmal.

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Aber wir sind hier nicht auf der Berlinale, sondern beim Heimspiel. Zum Heimspiel werden kaum Filme eingereicht, sondern das kleine Team, allesamt Studenten um den Medienwissenschaftler Sascha Keilholz, fordern gezielt Filme an. Wie bei der Einleitung zur Projektion von The Big Eden verraten wurde, sind 75% aller angeforderten Filme Dokumentarfilme. Vermutlich ist der Publikumszuspruch bei Dokumentarfilmen nicht sehr hoch. Jedenfalls fand sich im Programm diesmal nur eine Doku, eben jener The Big Eden. Leider war das Kino diesmal recht schwach besucht, was aber vielleicht in der undankbaren Uhrzeit begründet liegt.
Peter Dörfler nähert sich Rolf Eden auf fast zurückhaltende Weise. Ein solch extrovertierter Mensch muss nicht gebeten werden etwas von sich preiszugeben. Dörfler lässt also erzählen. Unterstützung erhält er von Edens derzeitiger Freundin Brigitte und Uschi, einer Ex. Interviewt werden neben einigen seine Exfrauen, Kinder, Enkel, auch sein Bruder oder ehemalige Kameraden aus Jerusalem. Denn eins wird schnell klar, trotz aller Zentrierung auf Party, Geld und Frauen, gab es auch einen anderen Eden: Shimon. Den will er aber lieber beiseite wischen. 1933 wanderte die jüdische Familie Eden aus Deutschland nach Palästina aus. So fällt ganz beiläufig in einer Runde mit alten Kameraden (darunter der Publizist Avi Primor und der Filmproduzent Menachem Golan), dass Herr Shimon, seiner Rolle im Unabhängigkeitskriegs wegen, als Held galt. „Ich war 18 und habe nicht nachgedacht, als ich als erster nach vorn stürmte. Heute würde ich als erster nach hinten stürmen.“ kommentiert das Eden es nur. Sein Freund der Schriftsteller Yoram Kaniuk verrät, Eden habe ihm das Leben gerettet. Er wollte zwar nichts von seiner Krebserkrankung wissen, aber zwei Tage später schickte er ihm jede Menge Geld. Nach dem Krieg reiste er nach Paris und verdiente als Musiker sein Geld. 1957 kehrte er, einer Rückkehrpämie von 6000 Mark wegen, nach Berlin zurück, was keiner seiner Freunde und Bekannten in Israel verstand. Mit dem Geld kaufte er sich seinen ersten Nachtclub den „Old Eden“. Es folgten „The new Eden“ und „The big Eden“. Auf den alten Fotos erkennt man David Niven oder Roman Polanski unter den Gästen. Auch die Rolling Stones waren da, oder Liza Minelli, Ella Fitzgerald oder Louis Armstrong. Und wärenddessen Frauen, Frauen, und nochmals Frauen. Seine jetzige Freundin ist jünger als der eine oder andere Enkel. Ein Enkel sagt, es war normal, dass Opa am Abend eine andere Frau hatte als am Morgen und am Morgen darauf wieder eine andere. Immerhin hat er es so auf sieben Kinder von sieben Frauen gebraucht. Nur wenige dieser Frauen sprechen in Bitterkeit von ihm, obwohl sie jeweils mit der Schwangerschaft abgeschrieben waren. Seine Parties, Reisen und Frauen hat er selbst mit Super8-Ton-Film dokumentiert. Auf 200 Stunden Material konnte Peter Dörfler zurückgreifen. Die alten Fotos werden durch 3-D-Technik lebendig. Hier flackert der Schatten eins Baumes im Wind, dort fällt Konfetti. So werden die alten Fotos fast zu bewegten Bildern.
Am Ende ist man doch ein bisschen ermüdet und glaubt, dass es Rolf Eden ebenso geht. Er spricht sogar vom Tod, obwohl er Tod und Krankheit immer verdängt hat. Aber sein letzter Satz ist wieder so provokativ und beweist, dass man sich getäuscht hat. Eden ist noch nicht müde.

The big Eden ist es auf jeden Fall wert im Kino gesehen zu werden. Wer es beim Heimspiel verpasst hat, hat vielleicht noch die Möglichkeit dazu. Der offizielle Kinostart ist erst im Dezember 2011.

The big Eden D 2011, 90 min
Regie, Buch und Kamera: Peter Dörfler
Mit Rolf Eden, Brigitte, Ursula Buchfellner, Joram Kaniuk

ab 08. Dezember 2011 im Kino.
www.thebigeden-film.com | heimspiel-filmfest.de

Roland Klick - Filmgeschichte beim Heimspiel-Filmfest

13. November 2011 ffranc Keine Kommentare

Nach den zwei Regie-Großkalibern Christian Petzold und Dominik Graf steht heuer die Werkschau Simone Bärs im Mittelpunkt des Heimspiel-Filmfestes. Simone wer? Simone Bär, eine der renommiertesten Casterinen Deutschlands. Caster oder Casting-Directors sind im Film diejenigen, die dem Regisseur Vorschläge für die Besetzung der Rollen unterbreiten und ihn mit den entsprechenden Akteuren versorgt. Und eine schwerlich missachtete und schlecht bezahlte Branche innerhalb des Filmgeschäftes, wie Frau Bär meint. Andererseits sind in der allgemeinen medialen Rezeption sogenannte Casting-Shows der große Renner, und wer noch kein Casting (wofür auch immer) absolviert und erfolgreich bestanden hat eine Null. Doch das war hier nicht das Thema.
Gab es jemals ein Filmfestival, bei dem diesem Berufsstand eine eigene Werkschau zugedacht wurde? Dieses Wagnis ging das Heimspiel-Team um Sascha Keilholz ein. Birgt es doch einerseits die Möglichkeit ein breitgefächertes Programm anzubieten und das Geschehen im Filmbiz aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Auf der anderen Seite ist eine prominente Casterin sicher kein so großes Zugpferd wie ein bekannter Regisseur. Dennoch war die Gesprächsrunde mit Simone Bär unter der Leitung des souveränen Festivalleiters wie üblich gut besucht, auch wenn die Diskussion eher nüchtern ablief und Frau Bär hauptsächlich darauf bedacht war, die Wichtigkeit ihrer Tätigkeit hervorzuheben. Wer will es ihr verübeln?

Weitere begrüßenswerte Neuerungen beim Heimspiel-Filmfest sind neben der Konzentration der Spielstätten im Andreasstadel, die Einführung von Filmhistorischen Aspekten. Mit dem Klassiker Es geschah am hellichten Tag mit Heinz Rühmann und Gert Fröbe und der Roland-Klick-Retrospektive werden jetzt auch ältere Filme gezeigt. Zwar bilden aktuelle Produktionen aus dem deutschsprachigen Raum nach wie vor das Kernstück des Festivals, und so sollte es auch bleiben, doch bereichert die Ergänzung des Programmes mit Klassikern ungemein. So kriegen die vornehmlich jungen Besucher überhaupt mit, dass es ein Kino auch schon vor 1990 gegeben hat, und zum Anderen bietet es doch die Möglichkeit aktuelle Filmproduktionen auch unter einem filmhistorischen Aspekt zu betrachten und natürlich auch umgekehrt, “alte Schinken“ mit heutigen Augen zu bewerten.

deadlock

Diese Möglichkeit bot sich heute an mit Roland Klicks Deadlock aus dem Jahre 1970 an. Und gleich mal vorneweg: es ist schon ein tolles Ding einen solchen Streifen als echte Leinwandprojektion von Film zu erleben, selbst wenn die Kopie weiß Gott nicht die beste war.
1970 setzte der “Neue Deusche Film” um Rainer Werner Fassbinder gerade zu seinem Höhenflug an. Dieses Autoren-Kino sollte maßgeblich die deutsche Filmszene der siebziger Jahre beeinflussen, mit starkem Fokus auf politische und gesellschaftskritische Themen. Dass einer wie Roland Klick, der sich eher an amerikanische Vorbilder orientierte einen schweren Stand hatte, man ihm gar Publikumsanbiederung vorwarf, ist schlüssig. Doch auch in seinen Filmen lebt der Geist jener Zeit, der Flair eines jungen Kinos mit neuen Themen und experimentellen Sichtweisen. Nicht nur die Kölner Kraut-Rocker von Can, die sich noch The Can nannten und den Soundtrack lieferten, sind psychedelisch, auch Deadlock beginnt und endet verstörend und verfremdet. Das Dazwischen ist Italo-Western im besten Leone/Corbucci-Stil und -Look: Nahaufnahmen von fiesen Visagen und Totale auf weite Wüstenlandschaften. Der allgegenwärtige Müll, Dreck und Staub und die sengende Sonne sind die Eigentlichen Hauptdarsteller dieses Filmes. Nicht nur die Ortschaft samt ihrer Infrastruktur, die Behausungen und die Fahrzeuge sind kaputt, die Charaktere sind es natürlich auch. Eine abgetakelte Hure, ihre taubstumme, leicht debile und nymphomanische Tochter, Mario Adorf als fiese und feige “Ratte”, Marquard Bohm als jungen, guten Killer und der schotte Anthony Dawson (nicht zu verwechseln mit dem italienischen Sandalenfilm-Helden Anthony M. Dawson) als alten, chicen, aber schwer sadistischen Killer, sind neben einer weiteren Nebenfigur, die einzigen Protagonisten in Deadlock. Insgesamt ist Klicks erster Kinofilm durchschnittlich. Die Story ist ziemlich banal, ein Bißchen Katz-und-Maus-Spiel hier, etwas Psycho-Geplänkel da. Der Film lebt von der gelungenen Atmosphäre und der prägenden Photographie (Kamera: Robert van Ackeren). Für den Regisseur mag vielleicht die Option, neben dem Spaghetti-Western, den Keim für einen noch schmutzigeren und psychologischen Kraut-Western zu setzen, verführerisch geklungen haben.

Leider können wir dies nicht in Erfahrung bringen, da Roland Klick nicht persönlich anwesend sein konnte. Sehr schade, denn ich hätte zu gerne gewußt, ob, und wenn ja, welche Bedeutung der rosafarbene Schnurfetzen hat, der aus Mario Adorfs Loch im Pullunder hervorlugt, genau an der Stelle wo das Herz sitzt. Und für die Idee, dem Koffer mit einer Million Dollar noch eine Schallplatte beizulegen, hätte ich ihn beglückwünscht.

Deadlock, D 1970, 88 min
Regie & Buch: Roland Klick, Kamera: Robert van Ackeren, Musik: Can
Darsteller: Anthony Dawson, Marquard Bohm, Mario Adorf, u.a.

läuft noch am Mi. den 16.11. im Akademiesalon-Kino !
www.rolandklick.de | heimspiel-filmfest.de | www.kinos-im-andreasstadel.de

Nach „Unter dir die Stadt“ „Über uns das All“

12. November 2011 lweser Keine Kommentare

Heimspiel-Filmfest: Eröffnungsfilm Über uns das All, in Anwesenheit des Regisseurs Jan Schomburg

Wahnsinn! Lange habe ich keinen so guten aktuellen Film gesehen, habe nicht mit einem solchen Glücksgefühl, einer solchen Gewissheit etwas wirklich Großes gesehen zu haben, das Kino verlassen. Dass dieser Film ein Langfilm-Regiedebut ist, sei nur am Rande erwähnt. Über uns das All von Jan Schomburg erinnert ein bisschen am Maren Ades Alle Anderen – ist nur noch besser! Besser aus zwei Gründen: der Story und der Ästhetik wegen. Zu ersteren später. Letzteres begründet sich darauf, dass Schomburg auf Handkamera verzichtet und mit digitaler Spiegelreflexkamera und Stativ arbeitet. Alles andere schreibt er seinem Kameramann Marc Comes zu. Über uns das All ist sehr formal und „gradlinig“ in der Bildkomposition. Viele Diagonalen, Senkrechen und Wagerechten strukturieren das Bild.

ueber-uns-das-all

Zur Geschichte: Martha (Sandra Hüller) und Paul (Felix Knopp) führen eine glückliche Beziehung. Nach Pauls Promotion und einem Jobangebot, planen sie ihr Leben in Marseille. Paul fährt voraus um vorzubereiten, Martha soll in einer Woche nach kommen und derweil die Wohnung in Köln auflösen. Doch dann geschieht etwas Unerwartetes. Die Polizei steht vor Marthas Tür und bringt ihr die Botschaft von Pauls Selbstmord in Marseille. So weit so viel Stoff für einen jener Betroffenheits- oder Deprofilm, die es zu Hauf im deutschen Film gibt. Doch bei Schomburg ist alles anders. Trotz dieser tragischen Ausgangssituation, gelingt es ihm Spannung und Achtung: Leichtigkeit, ja sogar Humor in seinem Film zu transportieren. Das sind übrigens zwei Ansätze die auch Alle Anderen in Teilen auszeichnen. Die zentrale Frage ‚was war mit Paul`, die Martha und den Zuschauer in weite Strecken des Filmes beschäftigt, wird irgendwann fallen gelassen. Viel wichtiger wird die Frage wie Martha mit dem Verlust, auch den eines grundsätzlichen Vertrauens, umgeht. Alex (Georg Friedrich) übernimmt fast lückenlos die Rolle Pauls, allerdings ohne es zu wissen.

Ebenso wie Handlung und Kamera, überzeugend Dialoge und Schauspieler - allen voran eine großartige Sandra Hüller. Martha wirkt in ihrer frischen, witzigen Art so natürlich, als wäre jeder Satz und jeder Blick spontan. Schomburg verrät, dass nur ein einziger Satz (einer Nebenfigur) nicht im Drehbuch stand. Er habe die Dialoge Sandra Hüller noch nicht mal auf den Leib geschrieben, denn die Besetzung der Martha stand erst relativ spät fest. An ihrer Seite überzeugen aber auch Felix Knopp und Georg Friedrich auf ganzer Linie. Silberne Bären wie für Birgit Minichmayr und Alle Anderen 2010, hätten Sandra Hütter und Über uns das All 2011 mindestens ebenso verdient. Leider lief der Film jedoch nicht im regulären Wettbewerb, sondern nur im Nebenprogramm „Panorama“.

Jan Schomburg - Regisseur von Über uns das All, neben ihm der Mond

Jan Schomburg - Regisseur von Über uns das All, neben ihm der Mond

Auch wenn der Eröffnungsfilm, im Gegensatz zu den letzten zwei Jahren, nicht aus Österreich stammte, gab Darsteller Georg Friedrich mit seinem starken Wiener Dialekt dem Abend einen österreichischen Akzent. Und auch Regisseur Jan Schonburg sorgte mit seiner unprätenziösen und äußerst sympathischen Art für den bisher stärksten Heimspiel-Auftakt.

Über uns das All, D 2011, 88 min
Regie & Buch: Jan Schomburg, Kamera: Marc Comes
Darsteller: Sandra Hüller, Felix Knopp, Georg Friedrich

läuft leider nicht mehr bei uns!
ueber-uns-das-all.realfictionfilme.de | heimspiel-filmfest.de

Heimspiel-Einstimmung 3: Unter dir die Stadt

9. November 2011 lweser Keine Kommentare

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Mit etwas Verspätung aber noch rechtzeitig zum Heimspiel-Filmfest: die DVD – Veröffentlichung von Christoph Hochhäuslers Unter dir die Stadt. (D/F 2010)

Am Anfang stand keine griechische Tragödie, sondern eine biblische Geschichte, verrät Christoph Hochhäulers über seinen Film Unter dir die Stadt im Interview des Booklets der DVD. Die Geschichte von David, dem König, der Uria, einen Untergebenen, an die Front schickt, um sich während der Abwesenheit an dessen Frau Batseba ranzumachen. Wo gibt es heute noch Könige fragt Hochhäusler. Die Antwort lautet „In den Banken“. Roland Cordes (Robert Hunger-Bühler) ist also dieser moderne König, ein Investment-Banker im 27. Stockwerk eines gläsernen Wolkenkratzers in Frankfurt am Main. Die Fallhöhe könnte nicht größer sein. Svenja (Nicolette Krebitz) ist eine selbstbewusste aber gelangweilte Batseba.

Unter dir die Stadt ist streng durchkomponiert. Präzise bis aufs Mark. Wie ein Gebäude ist der Film entworfen. Die Architektur der Stadt, spielt eine zentrale Rolle, vielleicht sogar die eigentliche Hauptrolle. Hochhäusler studierte Architektur bevor er Filmemacher wurde. Die Menschen sind genauso wie diese kalte Stadt aus Glas und Stahl: schön und kalt.

Unter dir die Stadt ist eine Studie eines Milieus, dem man ebenso wenig angehören will, wie jener Drogenszene, in das sich Cordes (warum auch immer) als Voyeur hin und wieder kurz begibt. Will er sehen, wie es sein könnte, die Kontrolle zu verlieren? Oder ist er einfach nur gelangweilt. Die Dialoge in den Führungsetagen geben Auskunft über jenes Umfeld, in dem Menschen wie Schachfiguren geopfert werden. „Kümmern wir uns jetzt auch noch ums Gemüse?“ fragt einer dieser Vorstände verächtlich. Svenja bringt das ganze Dilemma dieser Schicht zum Ausdruck, als ihr Mann ihr verrät, dass er befördert werden soll: „Noch mehr Geld?“ fragt sie ungläubig. Die vermeintliche Liebe, deretwegen Cordes letztlich alles aufgibt ist vielleicht auch nur ein Akt der Langeweile. Eine Sehnsucht nach Körperlichkeit, in einer körperlosen, nicht greifbaren Welt aus Zahlen und Bilanzen.

Ausstattung und Extras
· 12seitiges Booklet mit Interviews mit Christoph Hochhäusler, Nicolette Krebitz und Robert Hunger-Bühler.
· Kurzfilm von Christoph Hochhäusler: Séance, der stark an Chris Markers La Jetée (die Vorlage für 12 Monkeys) aus dem Jahr 1962 erinnert und Beitrag zur Kurzfilmsammlung Deutschland 09 - 13 kurze Filme zur Lage der Nation war.
· Trailer
· Kein Wendecover, dafür Pressestimmen auf der Coverinnenseite

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Unter dir die Stadt

Regie: Christoph Hochhäusler

Buch: Christoph Hochhäusler, Ulrich Peltzer

Kamera: Bernhard Keller

Darsteller: Nicolette Krebitz, Robert Hunger-Bühler, Mark Waschke, Corinna Kirchhoff, u.a.
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110 min, farbe, D/F 2010.
Sprache: Deutsch (Dolby Digital 5.1 und 2.0)
Extras: Trailer, englische Untertitel u.v.m.
Piffl Medien / Good!Movies
VÖ: 04. November 2011
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weitere Informationen unter:
www.goodmovies.de | www.amazon.de

Heimspiel-Einstimmung 2: Die innere Sicherheit

8. November 2011 lweser Keine Kommentare

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DVD-Besprechung: Christian Petzold - Die Innere Sicherheit, D 2000

Zwei deutsche Filme beschäftigten sich um die Jahrtausendwende mit dem Leben ehemaliger RAF-Mitglieder viele Jahre nach deren Aktivitäten. Volker Schlöndorf zeigt 2000 mit Die Stille nach dem Schuss eine in der DDR untergetauchte RAF-Terroristin, der ihr mühsam aufgebautes, normales Alltagsleben nach dem Fall der Mauer wieder zerrinnt. Christian Petzold, geht, ebenfalls 2000, mit Die Innere Sicherheit der Frage nach, ob ein Familienleben mit einem ständigen Leben auf der Flucht vereinbar ist.
Unvorhersehbare Ereignisse zwingen die beiden Ex-Terroristen Clara (Barbara Auer) und Hans (Richy Müller), die mit ihrer halbwüchsigen Tochter Jeanne (Julia Hummer) in einem portugiesischen Ferienort untergetaucht sind, Jahre nach ihrer Flucht aus Deutschland wieder dorthin zurück. Ziel ist es anhand alter Kontakte Geld für die Flucht nach Brasilien zu organisieren. Doch die alten Mitkämpfer haben sich mit dem System arrangiert oder sind Alkoholiker, und das vor Jahrzehnten vergrabene Geld ist inzwischen ungültig.
Der Film nimmt die Perspektive der Tochter Jeanne ein. Nirgends daheim, ständig in Angst vor Entdeckung, ohne soziale Bindung außerhalb des Mikrokosmos’ Kleinfamilie. Das allein bietet schon genügend Zündstoff für Konflikte. Jeanne hat aber auch alle normalen Bedürfnisse und Abnablungsbestrebungen einer Pubertierenden. Die Situation eskaliert und bringt Tod für die Einen und völlige Einsamkeit für die Andere. Petzold sieht das Ende als Geburt. Doch diese Szene wirkt anders. Es gibt keine Perspektive für dieses Kind, das letztlich doch nur bei seinen Eltern bleiben wollte.
Die Innere Sicherheit ist, wie alle Petzold-Filme, bedrückend. Bedrohung und Anspannung dominieren die Stimmung des Films. Bestärkt wird dieses Gefühl durch Überwachungskameraaufnahmen (die Petzold auch in seinen späteren Filmen einsetzt). Eine weitere Gemeinsamkeit mit späteren Filmen: das Auto als maßgeblicher Aktionsort, sowie öffentliche Plätze, hier vor allem Autobahnrastplätze. Wieder sind Petzolds Figuren vom Rest der Welt isoliert und irren wie Gespenster durch eine unwirkliche Welt.

Ausstattung und Extras
Die neue DVD-Edition ist mit umfangreichen Extras ausgestattet, die allerdings nicht immer von hohem Informationsgehalt sind. Folgende Extras sind enthaltenen:
· 4-seitiges Booklet mit ausführlicher Crewauflistung und Pressestimmen
· leider kein Wendecover;
· Behind the Scene: recht überflüssig;
· 40minütiges nichtssagendes Interview: hauptsächlich mit Barbara Auer, Christian Petzold kam nicht viel zu Wort, wurde aber auch kaum gefragt. Weder Interviewer, noch Ort und Zeit des Interviews werden genannt.
· Audiokommentar mit Christian Petzold und Barbara Auer von 2001, sowie mit Christian Petzold und Harun Farocki (der mit Petzold das Drehbuch geschrieben hat) von 2010, das aufschlussreichste der Extras, sehr interessant;
· Außerdem gibt es eine Aufnahme von der Verleihung des deutschen Filmpreises 2001;

Simone Bär, der das diesjährige Heimspiel-Filmfest in Regensburg, eine Werkschau widmet und die selbst anwesend sein wird, war auch für das Casting von Die innere Sicherheit verantwortlich. Innerhalb dieser Werkschau läuft Christian Petzolds Film Yella.

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Die Innere Sicherheit

Regie: Christian Petzold,

Buch: Harun Farocki, Christian Petzold,

Kamera: Hans Fromm

Darsteller: Julia Hummer, Richy Müller, Barbara Auer, Bilge Bingül, u.a.
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105 min, farbe, D 2000.
Sprache: Deutsch (Dolby Digital 5.1 und 2.0)
Extras: Isolierte Filmmusik u.v.m.
Piffl Medien / Good!Movies
VÖ: 09. September 2011
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weitere Informationen unter:
www.goodmovies.de | www.piffl-medien.de

Heimspiel-Einstimmung 1: Dreileben

7. November 2011 lweser Keine Kommentare

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Drei Leben in Dreileben

Wie das TV-Highlight des Jahres 2010 (Dominik Grafs Miniserie Im Angesicht des Verbrechens), lief auch das diesjährige Fernsehereignis Dreileben vor der Fernseherstausstrahlung auf der Berlinale. Christoph Hochhäusler, einer der drei Regisseure, war mit einem stark formalen Film mit dem einprägsamen Titel Unter dir die Stadt in diesem Jahr auch in den Regensburger Kinos zu sehen. Bei den letzten beiden Heimspiel-Filmfesten waren die zwei anderen Regisseure zu Gast (Christian Petzold 2009 und Dominik Graf 2010) und sprachen dort auch über das gemeinsam geplante Projekt. Eine eventuelle Kinoauswertung schloss keiner aus. Die TV-Erstausstrahlung war quotenmäßig wohl ein Flop. Vielleicht lag es daran, dass die Filme nicht ins Kino kamen. Sie werden auch nicht auf dem diesjährigen Heimspiel-Filmfest zu sehen sein. Wer sie dennoch sehen will, kann dies dank der DVD-Veröffentlichung dennoch tun.

Das Konzept: Drei Regisseure, drei Perspektiven, drei Filme, ein gemeinsamer zeitlich und örtlicher Rahmen. Die einzige Vorgabe von Dreileben dem gemeinsamen Filmprojekt von Christian Petzold, Dominik Graf und Christioph Hochhäusler war, dass die Handlung während Ausbruch und Flucht eines psychisch gestörten Mörders in der thüringischen Provinz spielt.

Teil 1: Etwas besseres als den Tod – Christian Petzold

Auf den ersten Blick ist Petzolds Beitrag ein für ihn typischer: Ein abgeschiedener Nichtort, einsame, triebhafte, selbstzerstörerische Protagonisten und ein Hauch deutsche Märchenhaftigkeit (wie der Titel bereits andeutet). „Etwas besseres als den Tod finden wir überall“ sagen die Bremer Stadtmusikanten als sie sich auf die Reise machten. Auf die Reise macht sich auch der Mörder Molesch, als er flieht. Krankenhauspraktikant Johannes (Jakob Matschenz), macht sich wiederum auf dem Weg in eine andere Welt, als er sich auf die triebhafte und labile Anna (Luna Mijovic) einläst. Anna glaubt mit einem zukünftigen Zusammenleben mit Johannes in Los Angeles dem toten thüringischen Dreileben entfliehen zu können. Moleschs Reise bleibt ein Kreisen um Dreileben, seinem Heimatort. Johannes muss ein Stück mit Anna gehen, um zurück zu sich selbst zu kehren. Oder war er in Wahrheit nur in der Zeit mit Anna bei sich? Jedenfalls wird er nicht mit ihr nach Kalifornien gehen, sondern mit einer anderen Frau nach Berlin. Und Anna wird Dreileben und damit dem Tod, nicht entkommen können.
Etwas besseres als den Tod wirkt bemüht und geht nicht auf. Johannes und Anna haben zwar beide einen Job, doch der scheint für Petzold nur Spielfläche. Denn beide arbeiten nicht wirklich (wie viele Protagonisten in Petzolds Filmen). Sie verfolgen einander nur ständig - eben in dem sie selbst von ihren Arbeitsplatz flüchten und den anderen in seinem aufspüren.

Teil 2: Komm mir nicht nach - Dominik Graf

Auch Dominik Grafs Beitrag hat nur wenig mit der Flucht des Molesch zu tun. Polizeipsychologin Johanna (Jeanette Hain) wird vermeintlich hinzugerufen, um bei der Suche nach Molesch zu helfen. Sie wohnt am Rande von Dreileben bei ihrer früheren Freundin Vera (Susanne Wolf) und deren Mann Bruno (Mišel Matičević), der dort eine Gründerzeitvilla erworben hat. Die intime, aber belastete Beziehung zu ihrer Freundin und einem gemeinsamen Exfreund steht im Zentrum des Filmes. Ganz nebenbei deckt Johanna einen polizeiinternen Korruptionsskandal auf, dem wohl eigentlichen Grund ihres Einsatzes in Dreileben. Die Beziehung der drei Figuren im abgeschiedenen verwunschenen Märchenschloss entfaltet eine eigene Intensität und setzt verschwiegene Konflikte frei. Komm mir nicht nach ist wohl der publikumsfreundlichste der drei Beiträge und gleichzeitig der dialogreichste.

Teil 3: Eine Minute Dunkel – Christoph Hochhäusler

Christoph Hochhäusler geht als einziger direkt auf die Rahmenbedingungen ein. Er erzählt aus der Perspektive des Mörders Molesch. Das ist zwar teilweise nur schwer ertragbar, aber konsequent, sowohl im Aufbau, als auch in der Umsetzung. Der Einsatz von Handkamera unterstützt die Isolation der Protagonisten. Kommissar Kreil (Eberhard Kirchberg) wird als Gegenpart zu Molesch aufgebaut. Er scheint durch seine Gehörlosigkeit, genauso isoliert wie Molesch. Die Parallelen zwischen beiden sind offensichtlich. Der Thüringer Wald wird in Eine Minute Dunkel zum zentralen Element.

Gesamturteil: Es handelt sich weniger um eine Trilogie, als vielmehr um drei eigenständige Filme. Was im auf der DVD enthaltenen Interview auch im Konzept deutlich wird. Die punktuelle Übereinstimmung zwischen den drei Filmen scheinen allerdings willkürlich. Grafs und Petzolds Filme wirken wie eigene, vorher bereits fertige Filmideen, die nur durch wenige Verweise zeitlich und örtlich den Vorgaben angepasst wurden.
Letzlich ist Dreileben ein Experiment, das gemacht werden kann, welches im Schaffensprozess aber vielleicht interessanter ist, als im Ergebnis.

DVD-Ausstattung: Die drei Filme befinden sich auf drei DVDs in einer „Faltbox“. Es gibt ein mehrseitiges Booklet mit Interviews mit den Regisseuren. Als Extra gibt es ein 30minütiges „Making of“, das man allerdings auf den 3 DVDs erst einmal suchen muss, da nirgends steht, wo es enthalten ist. Das Finden ist dann jedoch nicht so schwer, denn das Interview befindet sich auf jeder DVD. Dieses Feature beleuchtet, ergänzend zum Booklet, Planung und Umsetzung des Filmprojekts und bringt gleichzeitig die drei Regisseure mit ihrer unterschiedlichen Herangehensweise näher.

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Dreileben (Etwas besseres als den Tod / Komm mir nicht nach / Eine Minute Dunkel)

Regie: Christian Petzold, Dominik Graf, Christoph Hochhäusler

Darsteller: Jacob Matschenz, Luna Mijovic, Jeanette Hain, Susanne Wolff, Mišel Matičević, Stefan Kurt, Eberhard Kirchberg, u.a.
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3 DVDs, 270 min, farbe, D 2011.
Sprache: Deutsch (Dolby Digital 2.0)
Extras: Making Of
KNM Home Entertainment GmbH
VÖ: 30. August 2011
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weitere Informationen unter:
www.daserste.de | www.amazon.de

Estland Goldgelb

22. November 2010 lweser 1 Kommentar

Chris Kraus´ brandneuer Film Poll beim Heimspiel-Filmfest in Regensburg am Mittwoch, den 17. November 2010

„Ich kann mich noch ganz genau daran erinnern, als ich mein erstes „Werthers Echte“ von meinem Großvater bekam.“ Poll ist genauso wie dieser bekannte Werbespot, nur mindestens 127 min länger.

poll

Doch beginnen wir von vorn. Chris Kraus zählt seit Vier Minuten zu den großen deutschen Regisseuren. Weltweit erhielt der Film aus dem Jahr 2006, 50 Preise. Sein neuer Film ist brandneu und lief bisher nur auf den Filmfestivals in Toronto, Rom, Hof und Biberach. In die deutschen Kinos kommt der Film Anfang Februar 2011. Schön für Regensburg und für das Heimspielfestival, dass sie also zu den ersten gehören, die ihn zeigen durften. Poll war der einzige Film des Festival, der vorher nicht gesichtet worden ist, sondern blind, auf Grund des Chris Kraus Vorgängerfilmes Vier Minuten, eingeladen wurde.

Im Sommer 1914, kurz vor dem Ausbruch des ersten Weltkriegs, wird eine adlige, deutsche Familie im vom zaristischen Russland besetzten Baltikum gezeigt. Die vierzehnjährige Oda von Siering (Paula Beer) reist nach dem Tod ihrer Mutter, aus Berlin zu ihrem Vater (Edgar Selge) und dessen neuen Familie ins estnische Poll. Sie fühlt sich einsam und verloren, bis sie auf einen verletzten, estnischen Anarchisten (Tambet Tuisk) trifft. Sein wahrer Name bleibt im gesamten Film unbekannt. Oda nennt ihn Schnaps. Sie rettet und versteckt ihn, was für sie und ihre Familie lebensgefährlich ist. Der Film basiert lose auf das Leben und die Tagebücher der Schriftstellerin Oda Schaefer (1900 – 1988, geb. Kraus), die ganz nebenbei die Großtante des Regisseurs war und deren Werk heute so gut wie vergessen ist.

Nun ist es ja prinzipiell zu begrüßen, dass die Geschichte der Balten, einschließlich der Deutschbalten, thematisiert und einem größeren Kreis vertraut gemacht wird. Die baltischen Völker hatten jahrhunderte unter der Deutschen Vorherrschaft, dann hatten Deutsche und Balten unter russischer Besatzung zu leiden. Die Deutschen wurden schließlich “heim ins Reich” geholt oder vertrieben und die Balten mussten ein weiteres halbes Jahrhundert unter sowjetischer Besatzung leben. Dieses Kapitel europäischer Geschichte dürfte aus dem Bewusstsein der meisten Europäer (dem der Welt sowieso) völlig verschwunden sein. Doch das Estland des frühen 20. Jahrhunderts mit seinen politischen und ethnischen Verwicklungen, wird in Poll nur zur phantastischen Kulisse für eine ziemlich schwülstig inszenierte Liebesgeschichte. Und eine Liebesgeschichte ist es letztlich. Es ist die schwärmerische Liebe eines kleinen Mädchens zu einem Idol. Der Film ist übrigens, abgesehen vom Regisseur, ein frauendominierter Film. Produktion, Kamera, Setdesign, Kostüme, Maske und Musik lagen in Frauenhand. Die romantisch entrückte, leicht skurrile Ausstattung kommt mit Sicherheit gut an. Schließlich ist „Shabby Chic“ total angesagt. Aber mal ehrlich, durch diese aufgesetzte, golden schimmernde Patina wird die Geschichte doch eher ins Fantasy-Milieu enthoben, statt in der Realität verankert.

Positiv fiel mir der Umgang mit Sprache auf. Die Dreisprachigkeit, verschiedene Dialekte und Akzente sind in Poll hervorragend umgesetzt und fast kunstvoll verwoben. Zwar bleibt die Verständlichkeit dabei manchmal auf der Strecke, doch das unterstützt die durch die Sprache erzeugte Authentizität nur. Richy Müller, Jeanette Hain und Edgar Selge sprechen einen so ungewohnten, da heute sicher ausgestorbenen Dialekt, dass der Zuschauer nie vergessen kann, wo und wann die Geschichte ungefähr verortet ist. Im Gegensatz dazu steht das Hochdeutsch Odas, die ja in Berlin aufwuchs. Außerdem wird immer wieder die Besatzungssprache, das Russische gesprochen, auch von Jeanette Hain und Edgar Selge. Tambet Tuisk, der estnische Superstar aus Film und Theater spricht Estnisch und Deutsch und wurde dabei übrigens nicht synchronisiert. Die meisterhafte Handhabung der Sprache zeichnet natürlich auch die Schauspieler aus.

Dennoch kann man Poll in fast allen Bereichen mit den Worten: „Weniger wäre mehr“, kritisieren. Zu oft wurde zu dick aufgetragen: zu dramatische Kamerafahrten, zu Gelb-Gold, zu kitschig, zu theatralische Gesten, zu lange Spielzeit. Schade!

Ein Interview, dass wir mit Chris Kraus und Tambet Tuisk führten ist [-> hier ] nachzulesen.

Poll von Chris Kraus
D/A/EST 2010, 129 min
Mit: Paula Beer, Edgar Selge, Tambet Tuisk, Jeanette Hain, Richy Müller
Kinostart: 03. Februar 2011, auch in Regensburg
www.poll-derfilm.de | www.heimspiel-filmfest.de

Film Noir Redux

19. November 2010 lweser Keine Kommentare

Im Schatten von Thomas Arslan beim Heimspiel-Filmfest in Regensburg am Mittwoch, den 17. November 2010

Man kann Thomas Arslans Im Schatten leicht mit Benjamin Heisenbergs Der Räuber vergleichen. Beide Filme stammen aus dem Jahr 2010, in beiden steht ein Gangster im Mittelpunkt, beide wurden von der Kritik hochgelobt und vom Publikum verschmäht, beide kommen mit wenig Dialogen aus und brillieren dafür durch starken Bilder. Kein Wunder: Kameramann beider Filme ist Reinhold Vorschneider. Dennoch ist Im Schatten noch viel reduzierter als Der Räuber.

imschatten

Trojan (Mišel Matičević) ist jener Gangster, der sich als eiskalter Engel durch den Film schlägt. Dass er dabei weder so schön, noch so elegant wie Alain Delon ist (was zwar schon auf Forest Whitaker zutraf), verankert den Film ein bisschen in der deutschen Realität. Nach seiner Entlassung verlangt er von seinem einstigen Komplizen seinen Anteil. Der will aber nicht teilen und schickt ihm seine Killer auf den Hals. Auch ein korrupter und skrupelloser Polizist (Uwe Bohm) hat es auf Trojan abgesehen. Nur auf die Pflichtverteidigerin Dora (Karoline Eichborn) und sein ehemaliger Partner Nico (Rainer Bock) kann er sich verlassen und plant mit ihnen einen neuen Coup.

Der Film spielt vor allem in Hotelzimmern und Autos, anonymen Cafes oder Parkplätzen. Der kühle Protagonist agiert in kühler Umgebung. Die Kameraarbeit unterstützt jene inhaltliche und motivische Reduktion durch starre, lange Einstellungen ohne dramatische Fahrten. Im Schatten funktioniert ohne ellenlange Dialoge und ohne überflüssiges Drumherum. Die Sprache dieses Filmes sind einzig die Bilder. Welch wohltuende Kino-Essenz.

Im Schatten von Thomas Arslan, D 2010, 85 min. mit Mišel Matičević, Karoline Eichborn, Uwe Bohm u.a.
Seit Oktober 2010 in den Kinos, nur leider nicht (mehr) bei uns.

www.peripherfilm.de | www.heimspiel-filmfest.de | www.kinos-im-andreasstadel.de

„Landschaft wird zu Emotion“

17. November 2010 lweser Keine Kommentare

Regisseur Dominik Graf und Drehbuchautor Rolf Basedow stellen Eine Stadt wird erpresst (D 2007) beim Heimspiel-Filmfest in Regensburg vor und eröffneten damit die Werkschau Dominik Graf, Freitag, 12. November 2010, Akademiesalon im Andreasstadel

Kohle und Diamanten

Der Titel Eine Stadt wird erpresst erinnert zunächst an Fritz Langs Filmklassiker M. Eine Stadt sucht einen Mörder. Die Titel in denen die Stadt Subjekt ist, suggerieren ein Gemeinschaftsgefühl, einen festen Zusammenhalt der Einwohner der Stadt durch eine gemeinsame Bedrohung. Bei M durch die Angst um ihre Kinder. Bei Eine Stadt wird erpresst glaubt man zuerst dieses Gemeinschaftsgefühl bezöge sich auf die durch Bombendrohungen erpresste Stadt Leipzig, doch der Fokus des Filmes verschiebt sich im Verlauf in Richtung Gralwitz, einem Dorf am Rande des Braunkohletagebaus. Heuersdorf ist der Name des realen Drehortes. Heuersdorf gibt es heute nicht mehr, so wie Horno, Groß- und Klein Lieskow und viele weitere Dörfer im Osten, die vom hoch subventionierter Tagebau gefressen wurden.
Mehrere Spuren führen nach Gralwitz. Als einer der erpressten Diamanten dort gefunden wird, scheint sich der Verdacht zu bestätigen. In Günter Naumann (Thomas Neumann), dem Sponsor der heimischen Fußballmannschaft und Initiator des genossenschaftlichen alternativen Energiebetriebes, erkennt Kommissar Kalinke (Uwe Kockisch) den Vater eines vor zwanzig Jahren tödlich verunglückten Kindes. Kalinke wurde der Fall von der Staatssicherheit entzogen, woraufhin der prominente Schuldige durch Vertuschung unbestraft blieb. Diese tragischen Elemente des Filmes überfrachten ihn nicht, sondern geben ihm Tiefe. Kalinkes lakonische Erwiderungen auf den widerlichen Oberstaatsanwalt, der ihn einfach nur weg haben will oder (Jung-) Kommissar Ronny Banderes (Misel Maticevic) Stehgreif-Gesangseinlagen bei einem endlosen von dem Erpresser verordneten Im-Kreis-Fahren, lockern ihn auf. So ist Eine Stadt wird erpresst weit mehr als ein perfekter - weil von der ersten bis zur letzte Minute spannender - Krimi. Zudem profitiert er gleich von einer ganze Riege hervorragender Schauspieler. Neben bereits erwähnten zählen auch Julia Blankenburg als (Jung-) Kommissarin Maria Rogalla und Arved Birmbaum als Gesamteinsatzleiter.

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Aus dem Papierkorb zum vierfachen Grimmepreis

Im anschließenden Filmgespräch gaben Rolf Basedow und Dominik Graf Einblick in ihre Zusammenarbeit. Basedow und Graf kennen sich bereits seit der Filmhochschule. Seither arbeiten sie immer wieder zusammen. Zuerst führte Basedow ebenfalls Regie, später arbeite er als Cutter (auch für Graf) und dann als Drehbuchautor. Von den zwölf beim Heimspiel gezeigten Filmen Dominik Grafs, hat an gut der Hälfte Basedow mitarbeitet. Das Drehbuch für Eine Stadt wird erpresst schrieb Basedow eigentlich als SOKO Leipzig-Beitrag in Spielfilmlänge. Doch der vorgesehene Regisseur fand keinen Zugang dazu und so war das Drehbuch eigentlich schon fast im Papierkorb, als Basedow Graf das Drehbuch zeigte. Der Autor und sein Lieblings-Regisseur, der Regisseur und sein Lieblings-Autor. Nicht ohne Grund ist diese jahrelange Zusammenarbeit so fruchtbar und vielfach ausgezeichnet. Hier sprechen zwei die gleiche Sprache – auch ohne Worte. Beide, Basedow und Graf sind sehr sympathisch und bescheiden und immer geneigt den Beitrag ihres Kollegen über den eigenen zu heben.
Mit vier Preisen belohnte das Aldolf-Grimme-Institut in Marl Eine Stadt wird erpresst. Neben Drehbuchautor Rolf Basedow, Regisseur Dominik Graf und Hauptdarsteller Uwe Kockisch, erhielt auch Kameramann Alex Fischerkoesen 2008 den renommierten Fernsehpreis. Fischerkoesen unterstützt mit seiner Kameraarbeit ein Anliegen Grafs und Basedows, welches in Eine Stadt wird erpresst besonders deutlich wird und sie mit „Landschaft wird zu Emotion“ beschreiben. Kaum kann man den ausweglosen Kampf der kleinen Gemeinde gegen den übermächtigen nimmersatten Energiegiganten glaubwürdiger darstellen als hier. Der riesige Tagebau mit seinen monströsen Abraumbaggern, die zum Betrieb in einer Stunde mehr Energie verbrauchen als ein Vier-Personen-Haushalt in einem Jahr. An seinem Rande ein doppelt zum Sterben verurteiltes Dorf.

Eine Stadt wird erpresst ist übrigens neben Dem Skorpion als weiterer Dominik Graf Film, in der SZ-Cinemathek “Deutsche Thriller” auf DVD erschienen. Die drei letzten Folgen der aktuellen Graf/Basedow-Krimiserie Im Angesicht des Verbrechens laufen am 19. November 2010 ab 21.45 Uhr in der ARD. Und das beste kommt wie immer zum Schluß: am Mittwoch, den 17. November, um 16.30 Uhr im Kino Wintergarten wird Domink Graf erneut auf den Heimspiel-Filmfest anwesend sein. Eine Stunde lang heißt es dann IM GESPRÄCH - Domink Graf. Der Eintritt ist übrigens frei! Im Anschluss laufen noch zwei Filme der Dominik Graf-Werkschau.

www.heimspiel-filmfest.de | www.kinos-im-andreasstadel.de

Super Start für Heimspiel 2010 in zwei ausverkauften Kinos

13. November 2010 lweser Keine Kommentare

Heimspiel. Das Festival des deutschen Films - Eröffnung mit Benjamin Heisenbergers Der Räuber am 11. November 2010 in den Kinos im Andreasstadel

Das fängt ja gut an - um nicht zu sagen: Das fängt ja super an! Wegen des großen Andrangs wurde der diesjährige Eröffnungsfilm des Heimspiel-Filmfestivals gestern kurzerhand in zwei statt in einem Kino gezeigt. Festivalleiter Sascha Keilholz übernahm die Eröffnung im Wintergarten und Festivalveranstalter Medard Kammermeier im kleinen DVD-Kino im Akademiesalon. Aber eröffnet hat das Festival in Wirklichkeit Alexandra mit dem Song „Sehnsucht - das Lied der Taiga“. Medard Kammermeier ist nämlich nicht nur „Ein grummiger, älterer Herr mit wenig Haaren“, sondern auch mit Humor. An einem Holzpfosten neben der Kasse hängt immer das Cover der Platte, die Herr Kammermeier vor seinen Vorführungen spielt. (Beim nächsten Mal einfach darauf achten.)

Das diesjährige Heimspiel hat ein geringeres Budget, als das des letzten Jahres. Bemerkenswert, dass die Qualität des Programms und die Anzahl der Gäste, nicht hinter dem des letzten Jahres zurückbleiben. Im Gegenteil, was die Anzahl der Veranstaltungen und die der Gäste betrifft übertrifft das diesjährige Festival das letztjährige sogar. Das Institut für Medienwissenschaft unterstützt das Filmfest mit einem Praxisseminar. So besteht das Team vor allem aus Studenten.

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Der Räuber von Benjamin Heisenberg wurde mit Preisen und Lob nur so überhäuft. In Regensburg lief der Film zwei Wochen lang in der Filmgalerie, vermutlich vor ebenso wenigen Besuchern, wie in ganz Deutschland. Ein Phänomen, das die Festivalveranstalter bereits im Vorfeld ansprachen. Dabei ist Der Räuber wirklich sehenswert.

Johann Rettenberg (Andreas Lust) ist Marathonläufer und Bankräuber. Der Film basiert auf einen Roman von Martin Prinz nach dem wahren Fall des Johann Kastenberger im Österreich der 70er und 80er Jahre. Nachdem Rettenberg nach sechs Jahren Haft aus dem Gefängnis entlassen wurde, hat er nur ein Ziel: laufen – ob beim Marathon oder beim Banküberfall, ist zweitrangig. Er ist ein Getriebener, der keine sozialen Bindungen einzugehen vermag.
Das macht die erste Hälfte des Filmes etwas langatmig. Rettenberg trainiert allein, redet mit keinem, sein Gesicht ist ausdruckslos, selbst der Sex (mit einer früheren Bekannten, bei der er vorübergehend wohnt) wirkt wie ein Trainingsprogramm. Doch spätestens ab seiner Flucht, entfaltet der Film einen atemlosen Sog, der seine volle Wirkung nicht zuletzt der beeindruckenden Kameraarbeit von Reinhold Vorschneider verdankt, der übrigens auch Thomas Arslans Im Schatten, der ebenfalls beim Heimspiel läuft, fotografierte. Nachdem Rettenberg die ganze Nacht auf der Flucht war, glaubt man ihn in der Morgendämmerung in Sicherheit. Doch weit gefehlt: ein Hundebellen ist zu hören und ein kleiner Lichtschein im Wald. Man ist ihm also auf den Fersen. Plötzlich sind zwei, dann drei und immer mehr
Lichtpunkte zu sehen, bis der gesamte umliegende Wald damit übersät ist. Erst breitet sich Angst, dann Panik, dann Resignation aus – bei Rettenberg ebenso wie beim Zuschauer. Doch das Ende kann noch hinausgezögert werden. Die Hundertschaften ziehen an ihm vorbei, wie später, als hunderte Polizeiwagen auf der Autobahn an ihm vorüberziehen, da Rettenberg bereits ein neues, der Polizei noch unbekanntes Auto gestohlen hat. Rettenberg, der durch den Schlafentzug und eine Wunde, die ihm eine Geisel mit einem Taschemesser zugefügt hat, immer schwächer wird, verblutet langsam auf dieser Fahrt. Hervorragend ist auch hier die Kameraarbeit. Rettenberg und das Bild wird immer blasser, während blitzlichtartig dunkle Bilder seiner Freundin, zu einer bedrohlichen Musik, aufscheinen, dazu die monotone Bewegung der Scheibenwischer. Der Tod streckt seine Hand aus, das Bewusstsein geht und das Unterbewusstsein bahnt sich seinen Weg. Das Auto wird stetig langsamer bis es auf dem Seitenstreifen zum Stehen kommt. Das wäre ein schöner Schluss: nur die Scheibenwischer setzen erbarmungslos ihre monotone Bewegung fort. Doch leider muss Retteberg am Ende seine Freundin anrufen. Sie weint, während er verblutend nur noch unverständliche Worte von sich gibt. Eine Bekehrung dieses im ganzen Film emotionslosen Menschen? Ein bisschen Romantik? Ein kleines Happy End? Vielleicht wäre das vorher geschilderte Ende das überzeugendere und konsequentere gewesen.

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