Mehlreisende Frieda Geier - ein Hörbuch über Dominanz, Abhängigkeit, Diskriminierung und Bevormundung
Hörbuch-Tipp: Eine Zierde für den Verein. Roman von Rauchen, Sporteln, Lieben und Verkaufen von Marieluise Fleißer, gelesen von Eva Sixt, Musik von Norbert Vollath, Lohrbärverlag
Marieluise Fleißer wurde am 23. November 1901 in Ingolstadt als Tochter eines Eisenwarenhändlers geboren. Sie wurde im Klosterinternat in Gnadenthal, später bei den „Englischen Fräulein“ in Regenburg erzogen. In München studierte sie Germanistik. Zeitlebens verband sie ein sehr zwiespältiges Verhältnis zu ihrer Heimatstadt. Doch mehr als unter Ort ihrer Herkunft müsste sie unter den sie umgebenden und sie vereinnahmenden Männern gelitten haben. Ihr erster Mentor, Lion Feuchtwanger (der sie sogar dazu brachte, alles bis dahin Geschriebene zu vernichten) bevormundete sie während ihrer Zeit München ebenso, wie später Brecht oder ihr Lebensgefährte in Berlin und ihr Ehemann in Ingolstadt. Sie wurde von Brecht, mit dem sie auch eine Liebesbeziehung verband, protegiert und gleichzeitig ausgenutzt. Ihr Theaterstück Fegefeuer in Ingolstadt wurde 1926 unter Brechts Vermittlung an der Jungen Bühne uraufgeführt. Das Nachfolgestück Pioniere in Ingolstadt, führte Brecht selbst 1929 (nachdem es 1928 in Dresden durchfiel) am Theater am Schiffbauerdamm auf. Es kam zum Skandal und brachte die Ingolstädter aufgrund seiner drastischen Schilderung des Provinzalltags, gegen Fleißer auf. Brecht hatte das Stück eigenmächtig radikalisiert. Es kam zum Bruch mit Brecht. Sie lebte, reiste, schrieb und stritt drei Jahre mit dem äußerst schwierigen Egozentriker Hellmut Draws-Tychsen. 1932 kehrt sie nach Ingolstadt zurück. Ihr Jugendfreund und Ex-Verlobter Bepp Haindl wurde ihr Ankerpunkt im kleinbürgerlichen Milieus Ingolstadts. Als seine Tabak- und Spirituosenhändlersgattin wurde sie aufs Heimchen reduziert. Literarisch war sie nicht mehr aktiv. Die Nazi-Zeit überstand sie weitgehend unbehelligt.
Erst spät wurde sie wieder entdeckt. Brecht brachte ihr Nachkriegsstück Der starke Stamm auf die Bühne. Rainer Werner Fassbinder verfilmte 1971 Pioniere in Ingolstadt und sorgte damit für eine Wiederentdeckung. Anfangs verweigerte Marieluise Fleißer ihr Einverständnis zur Verfilmung, an die schlechten Erfahrungen mit Brecht denkend, wurde aber von den jungen Filmemachern überzeugt und daraufhin sogar zur großen Fürsprecherin und Mentorin einer neuen Generation und des neuen deutschen Films. Marieluise Fleißer starb 1974 in Ingolstadt.
Ihr einziger Roman Mehlreisende Frieda Geier (1931 erschienen) verdankt seine Wiederauflage 1972 – von Fleißer leicht überarbeitet und unter dem Titel Eine Zierde für den Verein – unter anderem auch Rainer Werner Fassbinder. Er bewirkte gemeinsam mit Franz Xaver Kroetz und Martin Sperr eine Gesamtausgabe beim Suhrkamp-Verlag.
Dieter Lohr wiederum sorgte 2011 für eine Hörbuchausgabe des Romans um jene Frieda Geier, die als selbstständige Vertreterin für ihren eigenen Lebensunterhalt und den ihrer Schwester Linchen sorgt, welche in einem höheren, katholischen Mädcheninternat (unter Zuständen wie Jane Eyre in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts) aufwächst. Gustl Gillich, ein Zigarrenladenbesitzersohn (!) ist Friedas Verlobter. Frieda, die für die damalige Zeit eine eigenständige und selbstbewusste Frau ist, lässt sich jedoch nicht von ihm vereinnahmen und löst die Verbindung, womit sie ihn in seinem selbstverständlichen, männlichen Überlegenheitsgefühl zutiefst kränkt. Leider nutzt Friedas Aufopferung, um ihrer Schwester ein besseres Leben zu ermöglichen, nicht. Sie wollte diese vor der Welt schützen, hat ihr damit aber auch alle Möglichkeiten sich gegen diese zu wehren entzogen. Weltfremd erzogen, mit aufoktroyiertem Schuldgefühl und übertriebener Demut, ohne das Selbstbewusstsein Friedas, muss sie bei ihrem ersten Kontakt mit dieser Welt zu Grunde gehen. Die Beziehung von Frieda und Gustl, sowie die Figur des Gustl beruht teilweise auf Bepp Haindl und Fleißers Beziehung zu ihm.
Titel (der sich auf Gustl bezieht) und Untertitel finden keinem Halt im stark gekürzten Text und suggerieren eine glücklicherweise nicht vorhandene Belanglosigkeit oder auch Leichtigkeit. Vielleicht wäre der ursprüngliche Titel (allerdings ohne den Titelzusatz) treffender und origineller gewesen. Frieda ist unzweifelhaft die Hauptfigur des Hörbuchs. Ihr Streben nach Unabhängigkeit, für Frauen heute eine Selbstverständlichkeit, war ein harter, ständiger Kampf. Das Hörbuch vermittelt uns eine Zeit, in der Frauen (trotz Wahlrecht und Zugang zu Universitäten) kaum Rechte und Chancen hatten. Das zentrale Thema ist das alltägliche Netz von Abhängigkeiten, in dem sich sowohl die unverheiratete, wie die verheiratete Frau befand. Ergreifend und erschütternd wirken diese fast beiläufigen Alltagsschilderungen. Den ZuhörerInnen wird bewusst, dass das alles gar nicht so entfernt ist, bedenkt man, dass z.B. im Kanton Appenzell-Innerrhoden erst 1990 das Komunalwahlrecht für Frauen eingeführt wurde oder Vergewaltigung in der Ehe in Deutschland erst seit 1997 strafbar ist. Neben der emanzipatorischen, bietet der Text auch einer biographische Interpretation viel Nahrung.
Gelesen wird der Roman mit dezentem bairischen Einschlag von Eva Sixt, die auch die Textauswahl vornahm. Musikalisch begleitet sie Norbert Vollath. Das Hörbuch befindet sich auf Platz 3 der HR2-Besten-Liste.
Die Vorstellung des Hörbuchs mit Eva Sixt und Norbert Vollath findet am Freitag, den 18. November 2011 um 20.00 Uhr in der Stadtbücherei Regensburg statt.
Eine Zierde für den Verein.
Roman von Rauchen, Sporteln, Lieben und Verkaufenvon Marie Luise Fleißer.
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Gekürzte Lesung von Eva Sixt
mit Musik von Norbert Vollath
2 CDs, 120 min, 17,90 €
LohrBär-Verlag…………………………………………………………………….


Heute, Donnerstag, den 11. November 2010 um 20.00 Uhr wird im Goldenes Fass (Spiegelgasse) in Regensburg das Hörspiel präsentiert. Der Eintritt ist frei. 



