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Interview mit den beiden ostbayerischen Autorinnen Kristy und Tabita Lee Spencer / Beate Teresa und Susanne Hanika

3. Oktober 2012 sgruen Keine Kommentare
Kristy (links) und Tabita Lee Spencer

Kristy (links) und Tabita Lee Spencer

Ostbayern-Kultur: Wir sind ein Kulturportal für die Region Ostbayern und freuen uns immer, wenn unsere Themen einen Bezug zur Region haben. Ihr seid beide aus Ostbayern?

Beate Teresa Hanika: Ja, wir sind in einer Kleinstadt in der Nähe von Regensburg aufgewachsen.

Habt ihr einen besonderen Bezug zur Region oder gibt es etwas, was ihr hier besonders schätzt?

Susanne Hanika: Ja, das Wetter! (lacht) Ja, also Regensburg hat so einen tollen Flair, da fühl ich mich einfach zuhause.

BTH: Und die Landschaft, die ist wunderschön!

Und wo haltet ihr euch speziell in Regensburg am liebsten auf?

BTH: In ganz Regensburg. In der Altstadt. Ich wohn ja nicht mehr da, aber wenn ich komm, dann Bismarckplatz, Gesandtenstraße, Haidplatz. Die ganze Altstadt. Die ganzen Cafes, das Orphee zum Beispiel, oder das Anna.

Da können Fans euch also zu Gesicht bekommen!

SH: Ja, genau. Und auch in den Buchhandlungen sind wir zu finden.

In allen Buchhandlungen oder gibt’s da Favoriten?

SH: Ich geh überall gleichmäßig gerne hin, aber ganz besonders gerne geh ich in die Buchhandlung am Kohlenmarkt. Zum Altenbuchner.

Ihr seid Schwestern und ihr schreibt beide. Seit wann schreibt ihr und wie seid ihr dazu gekommen?

SH: Also, die Beate schreibt, seit sie vier Jahre alt ist. Sie konnte da noch nicht schreiben, aber sie hat meiner Mutter Geschichten diktiert. Und die musste meine Mutter ihr dann vorlesen, damit klar war, dass sie nichts ausgelassen hat.

BTH: Aber das ist nur passiert, weil meine Schwester da schon älter war und schon schreiben konnte und ich es nicht ertragen hab, dass sie mir da voraus ist.

Und du hast auch relativ früh angefangen zu schreiben und dich auch konkret an ein Publikum zu richten?

SH: Ja, genau. Das war von Anfang an meine Schwester und die Cousine. Also noch nicht die 40-jährige Frau, sondern eher so im Bekanntenkreis.

Was habt ihr als Kinder und als Jugendliche am liebsten gelesen? Und was lest ihr heute am liebsten?

SH: Ich hab ganz viel gelesen. Querbeet alles. Am Anfang so Sachen wie Pippi Langstrumpf und Michel von Lönneberga oder Joanne Aiken hab ich auch sehr gern gelesen. “Wölfe ums Schloss”, das war eine Zeit lang mein absoluter Favorit. Aber ich hab auch Enid Blyton gelesen.

BTH: Ja, unsere Mutter hat uns immer taschenweise Bücher mitgebracht. Sie war Lehrerin und hat viel aus der Bücherei mit heimgeschleppt und wir haben uns immer darauf gestürzt und alles gelesen, was da war.

Erinnert ihr euch noch an euer erstes Buch?

BTH: Ja, das war von Enid Blyton “Fünf Freund und die Schatzinsel”. Das weiß ich noch ganz genau, weil ich da kapiert hab, wie lesen funktioniert. Da war ich sechs oder so.

Und als Jugendliche dann?

SH: Also, ich hab ganz komische Sachen gelesen. Das ist jetzt vielleicht peinlich, aber ich hab ganz lang nicht kapiert, dass es etwas anderes gibt als die Bücher, die man in der Schule liest und deshalb hab ich ganz viel Bertolt Brecht, Max Frisch und Dürrenmatt gelesen. Und mit so 20 kam dann das Aha-Erlebnis: Es gibt ja noch ganz viele andere Bücher!

BTH: Also ich hab ganz viel Problemliteratur, so wie “Wir Kinder vom Bahnhof Zoo”, gelesen. Ich hatte auch eine Freundin, die ganz viel gelesen hat und mit der bin ich dann immer in die Bücherei, weil was anderes durften wir nicht. Und dann haben wir dort so Sachen über Nationalsozialismus und so ausgesucht.

Dann zu eurem Schreiben. Spielt Recherche eine wichtige Rolle?

BTH: Wir haben für die Reihe (Anm. d. Red.: Dark Angels Summer) nicht besonders viel recherchiert. Also, ich hab mich mal bei einem Esoterikforum angemeldet, was ziemlich lustig war dann im Nachhinein. Ein bisschen gruslig und lustig. Aber das hat nicht viel Informationen gebracht. Und dann haben wir noch so Ortschaften recherchiert - weil’s ja in Amerika spielt. Wir haben uns Bilder angesehen von Straßenzügen, Friedhöfen und Ortschaften, Landschaften.

SH: Also ich hab zum Beispiel vor Kurzem eine Kampfszene geschrieben und da hab ich mir so ein Kampfvideo angesehen, in dem auch erklärt wurde, wer jetzt was macht und wie man den und den jetzt ausschalten kann. Das hört sich jetzt brutal an.

BTH: Wer uns auch ganz viel beim Recherchieren hilft, ist unser Bruder, weil der sich gut mit Waffen auskennt. Und immer wenn eine Frage auftaucht um Schießen oder Waffenbesitz oder wie man eine Waffe reinigt oder welche Waffen für was besonders geeignet sind, dann rufen wir immer unseren Bruder an und fragen ihn.

Ist der Polizist oder Verbrecher?

BTH: Der ist bei der Mafia. (lacht) Nein, er ist Arzt, aber er jagt auch. Er hat einen Jagdschein.

SH: Aber für meine Krimis hab ich auch andere Kontakte.

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Richtig, Susanne! Du schreibst ja auch Krimis, die hier in der Region spielen und dafür recherchierst du dann schon auch ausführlicher?

SH: Ja, genau. Da befrage ich dann schon Ballistiker von der Polizei.

Kann man da einfach so hingehen und fragen?

SH: Nein, aber ich hab den Vorteil, ich kenn einen Profiler, der auch ein Buch geschrieben hat und mit dem bin ich ständig in Kontakt und da fällt es natürlich immer leicht, zu fragen: “Hey, kannst du mir mal sagen, wie das und das geht?” Und der fragt dann auch bei den Ballistikern nach. Aber man kann auch mit der Pressestelle der Polizei sprechen. Die erzählen einem auch ganz viel. Mit denen kann man sich treffen und sie befragen. Ich sag dann zum Beispiel, “das soll passiert sein, ist das dann realistisch, dass die Kugel dann da und dorthin geht?”. Also ich hab dann schon ganz genaue Angaben und die sagen dann, nein, das funktioniert so nicht oder das ist ok.

Und sonst für die Krimis? Wie kommst du auf die Geschichten?

SH: Ich weiß auch nicht, wie einem die Dinge einfallen. Wahrscheinlich ist das schon aus dem eigenen Erfahrungsbereich, wobei das vor allem für das Außenherum wichtig ist. Bei Lesungen ist es aber oft so, dass die Leute sagen, ja, sie kennen genau diese Person - und ich kenn die eigentlich nicht.

Wenn man Regionalkrimis schreibt, kriegt man dann von Lesern häufig eine Rückmeldung?

SH: Nicht so viel. Wenn, dann bei Lesungen. Die Leute unterhalten sich dann schon gern mit mir.

Bei Dark Angels Summer ist es ja so, dass die Leser via Facebook manchmal sogar Tipps geben, wie etwas in einer bestimmten Szene sein könnte. War das von Anfang an euer Anliegen, dass die Leser da ein bisschen “mitentscheiden?”

SH: Naja, “mitentscheiden” ist vielleicht ein bisschen übertrieben. Aber es ist interessant, was Leser erwarten.

Versucht ihr dann eher mit den Lesermeinungen zu brechen?

SH: Wir schreiben meistens sehr intuitiv. Wir sammeln das und haben das dann im Hinterkopf, aber letztendlich entscheiden dann Dawna und Indie, was sie machen.

Habt ihr besondere Schreibrituale? Vielleicht auch erstmal bei deinen Krimis, Susanne?

SH: Am liebsten schreibe ich, wenn meine Kinder nicht dabei sind. Deshalb schreibe ich meistens am Vormittag oder am Abend, wenn sie im Bett sind.

Wie viele Stunden hast du dafür täglich veranschlagt?

SH: Ich hätte gerne 4 Stunden am Tag, aber das geht nicht, weil ich noch was anderes machen muss, zum Beispiel Interviews geben (lacht).

Und bei dir Beate? Hast du bestimmte Schreibrituale?

BTH: Ich schreibe am liebsten zuhause, wenn die Kinder im Bett sind, am liebsten abends, aber manchmal wird’s einfach zu spät. Und nur am Rechner.

SH: Also ich schreib auch manchmal in ein Notizbuch rein.

BTH: Echt? Szenen?

SH: Ja! Dark Angels Summer weniger. Aber wenn ich zwischendurch eine Idee habe, dann schreib ich das schon auf. Das sind dann keine Szenen, sondern eher Bruchstücke.

Und wie macht ihr das, wenn ihr zwei Projekte parallel habt?

SH: Ich versuche, dass es nicht parallel ist. Bisher hat es immer so einigermaßen geklappt. Die einzige Ausnahme war mal in den Weihnachtsferien, da hatte ich zusätzlich zu Dark Angels Summer auch noch das Lektorat von meinem Krimi am Hals. Und das war schon stressig. Wobei es komischerweise schon gut funktioniert hat. Das ist wahrscheinlich, wenn man in den Figuren drinnen ist. Aber was Neues zu entwickeln, stelle ich mir ganz schwer vor.

BTH: Ich mach das gar nicht.

Wenn ihr zusammen etwas schreibt, wie ist da das Vorgehen?

SH: Ganz am Anfang ist es so, dass wir ganz lange drüber reden. Bei Dark Angels Summer haben wir schnell angefangen. Aber jetzt bei den Nachfolgern ist es schon so, dass es eine Phase gibt, in der wir nur drüber reden. Wenn klar ist, wie wir es haben wollen, besprechen wir immer vier Kapitel, dann schreibt jeder ein Kapitel und dann treffen wir uns wieder und besprechen wieder vier Kapitel.

Und wie macht ihr es, dass es zu keinen Überschneidungen kommen? Dass das nicht immer das Gleiche ist?

SH: Eine schreibt immer und gibt es der anderen. Manchmal funktioniert es aber auch, dass wir parallel schreiben.

Die Reihe spielt in Amerika und ihr habt euch auch mit amerikanischen Pseudonymen versehen. Habt ihr einen besonderen Bezug zu Amerika? Habt ihr mal da gelebt?

BTH: Du, Susanne, warst schon da, ich auch. Aber eigentlich soll es nicht Amerika sein. Es soll ein Land sein, das nicht Deutschland ist. Das würde nicht passen, dass es in Deutschland spielt. Das wäre komisch. Wegen der Atmosphäre.

Wie entwerft ihr eure Figuren?

BTH: Die tauchen einfach auf und spielen mit!

Haben die teilweise auch reale Vorbilder? (lacht)

SH: Nein, sie haben, bis auf die Comtesse keine realen Vorbilder.

OK: Das können wir ja sagen, weil die ist wahrscheinlich nicht so viel online…

SH: Genau! Die hat ihr Telefon nämlich in den Bach geworfen.

Greift manchmal eine von euch in das, was die andere geschrieben hat manchmal ein?

BTH: Es geht eigentlich nur um Kleinigkeiten. Zum Beispiel, wenn noch eine Information fehlt, etwas ein bisschen zu kurz ist.

Stand von euch von Anfang an fest, wer welche Schwester ist?

BTH & SH: Jaaa!

Und ihr denkt euch nicht manchmal, ja, jetzt könnte sich aber zum Beispiel die Dawna ein bisschen entwickeln?

BTH: Doch, die Dawna, die muss schon ein bisschen rausgehen aus sich. Das wird auch passieren. Das ist im zweiten Band auch angelegt. Die wird sich auch verändern.

SH: Die Indie muss sich auch verändern. Sie muss verantwortungsbewusster werden.

In der Dark Angels Summer Reihe ist es so, dass auch übersinnliche Phänomene eine Rolle spielen. Habt ihr da einen Bezug dazu? Glaubt ihr selber an übersinnliche Phänomene? Oder schreibt ihr einfach nur drüber?

BTH: Also ich glaube schon daran, aber meine Schwester glaubt nicht daran.

Das merkt man ja auch an den Figuren. Da ist die Indie ja auch skeptischer. Und habt ihr bei der Reihe literarische Vorbilder?

BTH: Fantasy oder so lesen wir überhaupt nicht. Die Geschichte ist ja jetzt nicht eine richtige Fantasy-Geschichte, die überhaupt nicht in der Realität angesiedelt ist und ich würde mich auch ungern beeinflussen lassen von anderen Autoren. Ich muss auch sagen, dass mir diese Bücher vom Schreibstil her auch überhaupt nicht gefallen. Ich hab schon Harry Potter gelesen und Herr der Ringe, aber die “Biss”-Reihe und so ist gar nicht mein Fall.

Habt ihr, wenn ihr einen neuen Band anfangt, schon vor Augen, wie die Geschichte verlaufen wird? Worauf alles hinauslaufen soll. Wisst ihr auch schon, wie die ganze Reihe enden wird?

BTH: Ja, also das Ende wissen wir schon. Nicht Punkt für Punkt. Aber wir wissen schon wie der dritte Band enden wird und wie der vierte Band enden soll und was grob im vierten passiert.

Gibt es irgendwelche Reaktionen oder Rückmeldungen von Lesern? Die Reihe ist ja schon stark im Online-Bereich vertreten. Es gibt viele Besprechungen…

BTH: Ja, wir haben eine Facebook-Seite, auf der wir Fragen beantworten und Kommentare kriegen. Was auch total schön ist, weil man den direkten Kontakt zum Leser hat und auch die Leser zu uns. Das ist irgendwie nett.

SH: Damit haben wir im Januar angefangen. Und es macht total Spaß mit den Leuten zu kommunizieren und auch die Rezensionen zu lesen.

Dark Angels Summer ist eher ein Buch, das sich an Frauen oder an Mädchen richtet, kriegt ihr auch mit, dass Jungs es lesen?

BTH: Wir haben auf alle Fälle viele Likes von Männern… Woran das liegt, wir wissen es nicht!

SH: Ich glaube, dass viele Männer es wegen des Covers nicht lesen und deswegen haben wir jetzt beschlossen so Schutzumschläge zu basteln. Beate hat vorgeschlagen, das aus dem Playboy zu basteln und ich hab die ct vorgeschlagen, diese Computerzeitschrift.

Und vielleicht noch ein Auto drauf!

BTH: Und das verlosen wir dann auch. Die kann man dann im Zug drum machen. (lacht)

Und wie ist das beim Cover? Redet ihr da auch mit?

BTH: Wir kriegen Vorschläge und dann können wir sagen: “Das gefällt uns nicht”.

Ihr schreibt immer noch unter Pseudonym, habt eure Pseudonyme aber auffliegen lassen, wie habt ihr das gemacht?

SH: Wir haben da zusammen mit dem Arena-Verlag eine Enthüllungsstory gemacht. Der Arena-Verlag hat über einige Wochen jeden Tag einen Tipp gegeben, wer wir sind und die Tipps sind immer spezieller geworden, so dass man erraten konnte, wer wir sind. Und die, die’s erraten haben, konnten dann signierte Bücher und Taschen gewinnen.

Und haben viele schon früh erraten, wer ihr seid?

BTH: Nein, komischerweise nicht! Die meisten haben geschrieben: “Die Autorinnen heißen Kristy und Tabita Lee Spencer. Das war echt witzig. Aber es ist auch nicht verstanden worden, dass wir Deutsche sind…

SH: Wir haben ja auch Bilder eingestellt und was aus unserem Leben erzählt. Also, es war wirklich lustig.

BTH: Aber ich bin auf Facebook mit total vielen Spencers befreundet. Und das hat wohl viele irritiert.

Was würdet ihr Menschen, die davon träumen Autor zu sein, mit auf den Weg geben?

SH: Man braucht Durchhaltevermögen! Ganz viel! Und man sollte sich nicht frustrieren lassen.

BTH: Und man sollte sich eine Agentur suchen.

SH: Und sehr selbstkritisch sein.

Und was sollte man auf keinen Fall tun?

BTH: Bei Selbstverlagen veröffentlichen, bei denen man auch zahlen muss. Es schaffen die wenigsten, aber Selbstverlag ist einfach nicht gut.

Und was ist euer Lieblingstier?

SH: Hund!

BTH: Alle! Ja, vor allem auch Hund und Pferd.

Was ist euer Lieblingsessen?

SH: Schnitzel mit Kartoffelsalat! Bei beiden. Aber eigentlich esse ich alles total gerne.

Rucola ohne alles?

SH: Ja, genau!

Welche Fragen habt ihr vermisst?

BTH: Ob wir uns manchmal schlagen? (lacht)

Und? Schlagt ihr euch manchmal?

BTH: Nein, das ist ja das Schöne, dass wir uns so gut verstehen! Wir halten einfach durch, bis zum Ende des vierten Bandes und dann kommt der Crash. (lacht)

Hat das vielleicht auch mit eurem gemeinsamen Buchprojekt zu tun?

BTH: Wir haben uns davor auch schon gut verstanden, aber jetzt telefonieren wir auch täglich mindestens drei bis vier Mal.

Würdet ihr Geschwistern auch empfehlen gemeinsam ein Buch zu schreiben?

SH: Also, das kann ziemlich in die Hose gehen. Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, nicht mehr zusammen mit Freunden was zu schreiben, weil das ziemlich schiefgehen kann. Ich könnte auch mit meinem Mann nie zusammen ein Buch schreiben. Ich hab mit ihm zusammen und einem Freund mal ein Biologiebuch übersetzt und das war einfach gruselig. Man muss da total viel festsetzen, wer was macht, weil es hat jeder seine Zeitroutinen.

Habt ihr schon Dark Angels Summer vorgehabt, zusammen ein Buch zu schreiben? Also, bevor Beate davon geträumt hat?

SH: Nein! Erst nach dem Traum sind wir unter dem Nussbaum gesessen und ich musste überzeugt werden. Ich hab darauf bestanden, dass ich die bin, die nicht an Engel glaubt und in der Realität verwurzelt ist. Dummerweise kam es dann so, dass ich die bin, die sich in einen Engel verliebt…

Ja, das ist wirklich eine Ironie des Schicksals! Seit Mitte August ist der zweite Band, Dark Angels Fall, lieferbar. Wir freuen uns auf weitere Bände. Vielen Dank fürs Interview und alles Gute euch beiden!

Das Interview führte Sigrid Grün.

Kurzfilmer kurz vor der Kurzfilmwoche

14. März 2011 lweser Keine Kommentare

Klaus Scheier - ein regensburger Super-8-Experimental-Filmer

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Zur Einstimmung auf die diesjährige Regensburger Kurzfilmwoche, wollen wir den hiesigen Super8-Experimental-Filmer Klaus Schreier vorstellen. Einst war er regelmäßig im Regionalfenster (2004 auch im Bayernfenster) mit seinen Filmen vertreten. Seit einigen Jahren ist es still geworden um ihn. Dabei hat sich seine Leidenschaft zu dem fast verschwundenen Medium keinesfalls verringert. Er hat durchaus einige Projekte in der Schublade. Als Abonnent der Zeitschrift „Schmalfilm“ und Teilnehmer eines Schmalfilm-Internet-Forums ist er auch mit der Super 8-Comunity weltweit verbunden. Seit 2009 sind seine Filme auf youtube zu sehen. Das ist das einzige Zugeständnis, dass der ansonsten strenge Verfechter der analogen Film-Arbeit gemacht hat.
Doch beginnen wir von vorn. Klaus Schreier wurde 1968 geboren. Von seinem ersten Praktikumsgeld, das er während seines Architekturstudiums verdiente, kaufte er sich 1989 die erste (gebrauchte) Super 8-Kamera. Danach entstand sein erster Film Meine 10jährige Angst. Nach zehn Jahren hat er den Film noch einmal neu geschnitten. Im Herbst 1999 begann er wieder zu filmen. Klaus Schreier lies sich vor allem von Stummfilmen oder Horrorfilmen der 30er bis 60er Jahre beeinflussen. Er steht zu Trash oder zu B-Movies. Aber er mag auch Filme von Truffaut und Godard. Ungefähr 25 publikumsfähige Filme hat er bisher geschaffen. Dabei ist jeder Schritt analog: filmen, entwickeln, schneiden, kleben, vertonen und vorführen. Bei der Kurzfilmwoche musste er meist seine eigenen Projektoren mitbringen, da später kaum noch funktionierende Super 8-Tonfilmprojektoren zur Verfügung standen. Denn das ist ja das eigentlich Bemerkenswerte: Klaus Schreier hat erst richtig begonnen mit Super 8 zu arbeiten als diese Technik bereits im Sterben lag. Auch Daggi Brunderts Filme liefen schon auf seinen Projektoren. Bei Ihrer Werkschau während der letzten Regensburger Kurzfilmwoche zeigte sie ihre Filme, der gleichen Erfahrung und der fehlenden Projektoren wegen, jedoch von DVD.
Auch mit abgelaufenem oder beschädigtem Material experimentiert Klaus Schreier gern. Mein Favorit ist der Found Footage-Film Am Sichelwerk. Dabei handelt es sich um einen mindestens 50 Jahre alten Film, der schon deutliche Materialzerstörungen aufweist. Doch gerade diese Zerstörung hat ihren eigenen Reiz und eröffnet eine weitere Bedeutungsebene: die Vergänglichkeit des Lebens oder der Liebe oder eben des Super 8 Films.
Die Entscheidung seine Filme irgendwann doch zu digitalisieren und online zu stellen traf er, um zu verhindern, dass sie für immer im Keller verschwinden. Dass Wie ein wilder Brem, so der Titel seines oberpfälzer “Gänse-Doku-Splatters”, dadurch bereits über 3500 Male angesehen wurde, freut ihn natürlich.
2002 gab es im Kunstverein Graz eine Werkschau von Klaus Schreier. Das ist immerhin schon fast zehn Jahre her. Da könnte doch langsam mal eine überarbeiten Neuauflage an der Reihe sein.

offizielle Projektionen:

2000 Meine 10jährige Angst - Regionalfenster Regensburger Kurzfilmwoche
2001 Usher - Regionalfenster Regensburger Kurzfilmwoche
2002 eMotion1 - Regionalfenster Regensburger Kurzfilmwoche
2002 Atack of the mutant plastic Bags“ - Regionalfenster Regensburger Kurzfilmwoche
2002 Werkschau - Kunstverein GRAZ
2004 Wie ein wilder Brem - Bayernfenster Regensburger Kurzfilmwoche
2005 Atack of the mutant plastic Bags - Global Super 8 Day, Basel (CH)
2007 u.A. eMotion, Am Sichelwerk Loop-Installationen beim Offenen Atelier

Alle Filme von Klaus Schreier sind auf youtube zu sehen: www.youtube.com/user/FilmfreundeMetaluna

Alle möglichen Informationen zum Schmalfilm sind hier zu finden: www.filmvorfuehrer.de/forum/13-schmalfilm/

Pina - Die Eroberung des Raumes

1. März 2011 lweser Keine Kommentare

Wim Wenders stellte am Samstag seinem 3D-Film Pina dem Publikum in Regensburg vor. Lysann Weser sprach vorher mit ihm.wim_wenders_pina

Seit Donnerstag läuft Wim Wenders neuer Film Pina, der erste Arthouse 3D-Film, in den deutschen Kinos. Das Regina-Kino in Regensburg gehört zu den wenigen Programmkinos Deutschlands, die mit der neuen 3D-Projektionstechnik ausgerüstet sind.

Der Film für und über die im letzten Jahr verstorbene Tänzerin und Choreographin Pina Bausch beinhaltet Ausschnitte aus drei älteren Choreografien (Café Müller - 1978, Das Frühlingsopfer - 1975, Kontakthof - 1978) und einer neuen (Vollmond - 2006). Alle vier Stücke hat Pina Bausch noch selbst ausgesucht. Außerdem beantworten die Ensemblemitglieder tänzerisch Fragen zu Pina. Dabei verließ das Team die Bühne und ging hinaus. Die beeindruckenden Aufnahmen in Wuppertal oder der Zeche Zollverein, profitieren in besonderen Maße von der 3D-Technik. Die Weite wird dadurch noch weiter. In Zusammenspiel der bildgewaltigen Choreographien mit den überwältigenden Aufnahmen, der intensiven Präsenz der Tänzer und der eindringlichen Musik entfaltet der Film eine soghafte, fast hypnotische Wirkung.

Am Samstag, stellte der wohl bedeutendste lebende Regisseur Deutschlands, bekennender Regensburg-Liebhaber und vermutliche zukünftiger Wagner-Festspiele-Ring des Nibelungen-Regisseur, seinen Film persönlich in der Donaustadt vor. Es meldeten sich einige aus dem Publikum als Wim Wenders nach der Vorführung fragte, wer jemals eine Pina Bausch-Aufführung sah. Da jeder, der einmal das Glück hatte, um den Zauber dieser Tänze wisse, bat der Regisseur um Verzeihung, dass er den Film für alle anderen gemacht habe, denen dies bisher verwehrt blieb. Pina ist gleichzeitig Herzensangelegenheit, Trauer- und Pionierarbeit.

Zuerst zwei spekulative Fragen Herr Wenders: Würden Sie, wenn wir die Zeit zurückdrehen könnten, aber es die digitale 3D-Technik bereits gäbe, alle, keinen oder nur manche ihrer Filme damit drehen? Wenn „nur manche“: welche?

„Der Himmel über Berlin“ wäre sicher interessant. Das ist schließlich der einzige Film bei dem wir durch die Mauer gefilmt haben. Ansonsten müsste ich überlegen.

Wen wir uns umgekehrt in die Zukunft begäben, wird dann 3D 2D abgelöst haben?

Es braucht natürlich Zeit bis sich 3D durchsetzt. Ich bin nicht der Ansicht, dass jeder Film 3D braucht. Aber ich hege große Hoffnung für den Dokumentarfilm. Ich hoffe auch, dass der Arthouse-Film mehr aus der Technik macht, als die Blockbuster bisher.

Apropos Arthousefilm: Pina ist der erste Arthouse-3D-Film. Sie mussten also Pionierarbeit leisten und haben oft von den Schwierigkeiten gesprochen, die das noch neue Medium mit sich brachte. Zeitgleich hat Werner Herzog Cave of forgotten Dream gedreht. Haben sie vorher davon gewusst? Haben Sie sich ausgetauscht?

Nein ich wusste nichts davon. Erst als er zu drehen begonnen hat, da waren wir aber fast fertig. Leider sah ich den Film auf der Berlinale nicht, da er stets im Anschluss an „Pina“ lief.

Wie genau muss man sich die Dreharbeiten vorstellen. Sie haben ja die vier Stücke bei öffentlichen Aufführungen gedreht. Sie sagten jedoch sie hatten grade am Anfang einen riesigen „Kamera-Kran-Monster“. Wie funktioniert das ohne die Tänzern oder das Publikum zu behindern?

Fairerweise muss ich sagen, dass der Saal nur zur Hälfte dem Publikum zur Verfügung stand. Die andere Hälfte brauchten wir für das “Monster”. Die Zuschauer dieser Aufführungen erhielten als Ausgleich Freikarten für die Film-Vorführung. Die Szenen bei denen wir nicht mittendrin sein konnten oder nicht direkt an die Tänzer herankamen haben wir später nochmals separat gedreht.

Noch einmal zu ihrem filmischen Oeuvre Herr Wenders. Viele ihrer Filme wirken sehr US-amerikanisch…

Das sehen die Amerikaner aber nicht so. Ich habe insgesamt 15 Jahre in den USA gelebt, dennoch stieß ich auf enorme Ablehnung. Bei „Paris Texas“ sagten die Kritiker: „Wir brauchen Niemanden aus Europa, der uns zeigt wie wir leben.“ Ich habe mich damit abgefunden: Ich bin ein europäischer Regisseur und ein deutscher Romantiker.

Vielen Dank für das Gespräch Herr Wenders.

Pina läuft in 3D im Regina-Kino in Regensburg.
In drei Wochen wird der Film auch in 2D in die Kinos kommen.
Der Soundtrack zum Film erscheint in einer Woche im Internet und in 14 Tagen auf CD.
www.pina-film.de | www.reginakino.de

Grüß Gott Chris Kraus und Tere Päevast Tambet Tuisk

12. Februar 2011 lweser Keine Kommentare

Die Kultur-Ostbayern Redakteure Filippo Franco und Lysann Weser trafen Regisseur Chris Kraus und den estnischen Schauspieler Tambet Tuisk im Münchner Asam Hotel und befragten sie über den neuen Film Poll und das deutsch-estnische Verhältnis.

Der neue Film von Chris Kraus (Vier Minuten) spielt im vom zaristischen Russland besetzten Estland vor Ausbruch des ersten Weltkrieges. Im Mittelpunkt steht eine adlige deutsche Familie. Oda (Paula Beer) reist nach dem Tod ihrer Mutter aus Berlin zu ihrem Vater (Edgar Selge) und dessen neuen Familie auf das Gut „Poll“ in Estland. Hier fühlt sie sich verloren und einsam, bis sie den verletzten estnischen Anarchisten (Tambet Tuisk) trifft. Die ausführliche Kritik zum Film Poll finden Sie ebenfalls auf Kultur-Ostbayern.

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Poll ist die erste internationale Produktion in der der estnische Schauspieler Tambet Tuisk mitwirkt. Bisher war er außerhalb Estlands nahezu unbekannt. Anlass für uns Tambet Tuisk zu bitten etwas von sich zu erzählen.
Der 1976 in Pärnu geborene Este lebt und arbeitet in Tallin. Vor circa zehn Jahren absolvierte er seine Schauspielausbildung. Er gehört zum festen Schauspiel-Ensemble des Tallinner NO 99-Theaters. Dadurch ist er auch in das Programm der diesjährigen Kulturhauptstadt eingebunden. Letzte Woche waren das Ensemble mit der Kultur-Hauptstadt-Inszenierung Wie man ein dem toten Hasen die Bilder erklärt am Thalia-Theater Hamburg zu Gast. Mit diesem Stück war die Truppe auch schon 2010 bei der Wiener Festwochen am Burgtheater. Der Titel beruht auf eine gleichnamige Kunstaktion von Josef Beuys. Doch für Estland hat dieser Titel eine weitere Bedeutungsebene. Der Name der estnischen Kultusministerin lautet übersetzt ebenfalls „Hase“. Der Name Tuisk bedeutet übrigens „Schneesturm“. Tambet Tuisk bemerkt, dass die deutsche und estnische Art der Theaterspielens und der -Inszenierung sehr ähnlich seien. In Estland habe das Theater einen sehr hohen Zuspruch in der Bevölkerung. Laut Tuisk habe sein Land die höchsten Theaterbesuchszahlen pro Einwohner weltweit. Man würde also kaum einen Esten treffen, der nicht weiß, wer Tambet Tuisk ist, fragen wir. „Vermutlich“ gesteht er.
Als die Besetzung des “Schnaps”, des estnischen Anarchisten in Poll, gesucht wurde, sprachen fast alle Schauspieler Estlands, die zwischen 25 und 37 Jahren alt waren, vor. Tambet Tuisk durchlief wie alle Anderen auch das Casting. Chris Kraus verriet jedoch, dass er vorher bereits als Favorit galt.

Bemerkenswert an Poll ist der Umgang mit Sprachen und Dialekten. Die deutschen Schauspieler mussten den Dialekt der Deutschbalten, aber auch Russisch sprechen. Der Großteil des Textes von Tambet Tuisk, war Deutsch.
Auf die Frage, wie es Chris Kraus geschafft hat, den ausgestorbenen Dialekt der Deutschbalten zu rekonstruieren, antwortete dieser, er sei als Sohn deutschbaltischer Eltern mit diesem Dialekt aufgewachsen. Da die Deutschbalten nachdem sie 1939 ihre Heimat verloren hatten, auch in Deutschland eine sehr geschlossenen Gruppe bildeten, gab es noch lange Zeit viele ältere Menschen, die diesen Dialekt sprachen.
Für Tambet Tuisk, dessen Muttersprache Estnisch, durch die langjährige sowjetische Besatzung aber auch Russisch ist, war die Schwierigkeit Deutsch zu sprechen genauso groß, wie für die deutschen Schauspieler den deutschbaltischen Dialekt. Tambet Tuisk verriet, dass er circa dreieinhalb Monate mit seinem Lehrer vom Tallinner Goetheinstitut an einer sicheren, aber noch immer estnisch gefärbten Aussprache, arbeitete.

Im Gegensatz zur üblichen Praxis in der Filmbrache, sind in Poll, alle Hauptaufgaben, außer der Regie, in Frauenhand: Produktion, Kamera, Setdesign, Kostüme, Maske, Musik, usw. Eine 30% Frauenquote wie aktuell für Führungsposten gefordert, braucht Chris Kraus also nicht. Ihm sei das Geschlecht seiner Mitarbeiter völlig egal. Da alle außer Kamerafrau Daniela Knapp bereits bei Vier Minuten im Team waren, seien sie aufeinander eingespielt, was die Arbeit vereinfache. Wenn es einen besonderen weiblichen Blick im Film gebe, so Kraus, käme der aber von ihm selbst.

Poll läuft vorerst für vier Wochen in Regensburger Kinos. Vielleicht übertreffen Zuschauerzahlen und Auszeichnungen am Ende sogar die von Vier Minuten. Chris Kraus jedenfalls wusste, dass sein letzter Film in Regensburg äußerst erfolgreich lief.

www.poll-derfilm.de | www.no99.ee

Und sie fliegen doch!

24. August 2010 lweser 1 Kommentar

Sebastian Stern: Die Hummel, Filmpremiere am 22. August 2010 im Regina-Kino in Regensburg, in Anwesenheit des Regisseurs Sebastian Stern und des Schauspielers Martin Wenzl

Hauptdarsteller Jürgen Tonkel (mit Flügel), Regisseur Sebastian Stern & Schauspieler Martin Wenzl

Jürgen Tonkel (mit Flügel), Regisseur Sebastian Stern und Schauspieler Martin Wenzl

Nach Stefan Betz (Grenzverkehr) und Lola Randl (Die Besucherin ), ist nun Sebastian Stern als dritter ehemaliger Teilnehmer des Regionalfensters der Regensburger Kurzfilmwoche mit einem ersten abendfüllenden Spielfilm in den Kinos zu sehen.

Sebastian Stern, Jahrgang 1979, aufgewachsen im niederbayrischen Viechtach, war 1998, 2000 und 2001 im Regionalfenster vertreten. Dies war sein erster Kontakt mit einem Publikum jenseits des eigenen Freundeskreises. Eine wichtige und schöne Erfahrung, die er nicht missen möchte. Die kreative Arbeit mit filmischen Mitteln, war es, die ihn von Anfang an reizte. Er war kein Cineast, der mit 16 schon alle Fassbinder-Filme gesehen hat (das verhinderte allein schon der begrenzte Zugang zu solchen Filmen in der niederbayrischen Provinz). Er wollte einfach mit Freunden drehen und selbst Filme machen. 2001 hatte er es dann an die HFF in München geschafft. 2004 war ein im Rahmen seines Studiums entstandener Film bei der Regensburger Kurzfilmwoche zu sehen, diesmal im Bayernfenster.

Erst 2010 sollte dann wieder ein Film von Sebastian Stern in einem Regensburger Kino laufen - diesmal besagter abendfüllender Spielfilm. Am Samstag präsentiert er seinen Filmhochschulabschlussfilm Die Hummel, der gleichzeitig sein Kino-Debut ist, im Regina Lichtspieltheater. Er brachte, statt wie angekündigt seinen Hauptdarsteller Jürgen Tonkel, “Dahoam is dahoam”-Darsteller Martin Wenzl zur Verstärkung mit. Martin Wenzl tritt in einer kleinen Rolle in Die Hummel auf, stand Sebastian Stern jedoch als Berater und Freund während der gesamten Zeit bei.

Seine Festivalpremiere hatte der Film im Juni beim Münchner Filmfest. Damals hatte der Film bereits einen Verleih. Der offizielle Kinostart ist am 26. August. Doch vorab stellt Sebastian Stern seinen Film persönlich in ausgewählten ostbayrischen Städten vor. Am Vortag lief der Film in Deggendorf vor 400 Besuchern im ausverkauften Kino. Ganz so viel Zuschauer waren es in Regensburg dann doch nicht. Aber schließlich wurde der Film ja auch nicht in Regensburg gedreht. An 22 Tagen im September 2009 drehte Stern seinen Film in Deggendorf. Viele Deggendorfer sind Statisten oder haben sogar kleine Sprechrollen in die Hummel.

Der Filmtitel, wird in einer Dialogszene aufgelöst. Dort werden seine recht behäbigen und erfolglosen Protagonisten mit Hummeln verglichen. Nach wissenschaftlichen Erkenntnissen können Hummeln nicht fliegen, weil sie einen viel zu massigen Körperbau und zu kleine Flügel haben. Die Hummeln wissen es aber nicht und so fliegen sie dennoch.

Aber nun endlich zum Inhalt: Kosmetikvertreter Pit Handlos (Jürgen Tonkel) ist ein Selfmademan. Doch sein Erfolg ist in Wahrheit auf Pump und nur von kurzer Dauer. Zuerst werden seine Möbel gepfändet, dann verliert er seine Wohnung, bis er sein Auto abgeben muss, kann es nicht mehr lange dauern. Auch mit seinen sozialen Beziehungen steht es nicht zum Besten. Er und sein Sohn sind sich fremd. Seinen Kundenstamm versucht er aus ehemaligen Freundinnen zusammenzustellen. Er heuchelt Interesse, trifft sich mit ihnen zum Rendezvous und packt dann den Verkaufs-Koffer auf den Tisch. Aber ist seine Jugendliebe Christiane (Inka Friedrich) nicht doch zu schade für diese fiesen Tricks? Als er unter einem Vorwand bei seinem Sohn Flo (Michael Kranz) und dessen Gothic-Freundin Moni (Stefanie Reinsperger), einzieht, wirft auch dieser ihm seine Verlogenheit vor.

Sterns Ausgangspunkt war es den Umgang mit Scheitern darzustellen zu wollen. Grade in Kleinstädten habe er oft beobachtet, dass es Menschen wichtiger ist, den Schein aufrecht zuhalten, als Scheitern einzugestehen. Ein großes Thema für einen jungen Menschen. Doch Stern gelingt es die Thematik glaubhaft zu vermitteln ohne besserwisserisch oder ironisch daherzukommen und ohne seine Figuren bloßzustellen. Die einfache Filmsprache Sterns vermittelt Aufrichtigkeit und gibt den Figuren Platz zu Entfaltung. Zusammen mit den reduzierten Dialogen erinnert das tatsächlich manchmal ein bisschen an Kaurismäki. Natürlich profitiert der Film auch von seinen Schauspielern - den großen wie den kleinen. Klar sind Jürgen Tonkel und Inka Friedrich großartig, aber auch die kleinen Rollen sind sehr passend besetzt. Besonders gelungen sind Pits Sohn Flo und dessen Freundin Moni, sowie Pits Freund Herrmann (Gerhard Wittmann), der sich beim Kundenbesuch in die abwesende Mutter zweier Mädchen verlieb. Sterns Charaktere sind echt. Die meisten von uns hatte irgendwann einmal einen Nachbarn wie Pit oder Freunde wie Flo und Moni.
www.diehummel.de

Langfilm- statt Kurzfilmfestival

15. Oktober 2009 lweser Keine Kommentare

Heimspiel. Das Regensburger Festival des deutschen Kinos, 21. - 28. Oktober 2009

Schade ist es ja schon, dass es in diesem Jahr keine Kurzfilmwoche in Regensburg geben wird. Damit der Verlust allerdings nicht all zu sehr schmerzt, gibt es ein anderes Festival im Herbst. Und zwar ein Langfilmfestival. Ist Regensburg dafür nicht zu klein? Ein Langfilmfestival? So wie in Berlin oder Cannes? Fast! Ein Langfilmfestival des deutschen Kinos. Und ohne Bären oder Palmen.

stolzer Heimspiel-Vater Sascha Keilholz

stolzer Heimspiel-Vater Sascha keilholz

Zu verdanken hat das Regensburg einer neuen Gestalt in der hiesigen Filmlandschaft: Sascha Keilholz. Im letzen Jahr war der Medienwissenschaftler aus Berlin, der seit 2007 an der Uni Regensburg lehrt, bereits Jurymitglied des Regionalfensters der Kurzfilmwoche. Außerdem ist er stellvertretender Chefredakteur der Filmkritikseite critic.de. Filmprogramm-Erfahrungen holte sich Keilholz auch schon 2008 mit der Reihe debut. critic.de premierenkino im Babylon in Berlin und mit der Reihe Spotlights, die letztes Jahr zuerst in der Filmgalerie, später im Akademiesalon in Regensburg lief. Aber in erster Linie ist er einfach ein begeisterter Kinoliebhaber. Seine Steckenpferde: das klassische amerikanische Erzählkino und der aktuelle deutsche Film. Nach Keilholz war der deutsche Film niemals besser als in den letzen zehn Jahren - und niemals unterschätzter vom breiten Publikum im eigenen Lande. Viele Filme laufen außerhalb der Kinometropolen nur kurz und verspätet oder gar nicht. Deshalb hat er es sich zur Aufgabe gemacht, viele großartige deutsche Filme nach Regensburg zu holen, die hier (fast alle) nie gelaufen sind. Komplexe Filme brauchen einen bestimmten Rahmen und Kommunikation um adäquat rezipiert zu werden, meint Keilholz. Den Rahmen bietet Heimspiel als Festival, die Kommunikation wird durch kleine Einführung in die Filme, Gespräche mit Filmemachern, Schauspielern, Produzenten etc. und Podiumsdiskussionen (Salongespräch) geboten. Die Liste der zu erwartenden Gäste ist qualitativ, wie quantitativ extrem beeindruckend. Erstaunlich für einen Debütanten auf den Festivalparkett. Und so wird Regensburg vom 21.- 28. Oktober tatsächlich den großen Festivalmetropolen gleichen. Das Herzstück des Festivals bildet eine komplette Christian Petzold Werkschau. Christian Petzold, den Keilholz für den besten gegenwärtigen deutschen Regisseur hält, hat sehr bald Interesse signalisiert und wird drei Tage Gast des Festivals sein.

Natürlich stemmt keiner solch ein Festival allein. In Medard Kammermeier hat Sascha Keilholz schnell einen Mitstreiter gefunden. Kammermeier, der bis Februar 2009 Geschäftsführer des AKF (Arbeitskreis Film) war, hat seit Oktober das Kino Wintergarten im Andreasstadel vom AKF übernommen. Dort wird ebenso wie in Kammermeiers kleinem DVD-Kino (im Akademiesalon, ebenfalls im Andreasstadel) der größte Teil des Festivals stattfinden. Die Eröffnung samt Eröffnungsfilm Vaterspiel, Die Innere Sicherheit und die Audio Visionen mit Menschen am Sonntag (eine Anlehnung an die Plattenfilme der Kurzfilmwoche) werden im Ostentor-Kino stattfinden. Der letzte deutsche Stummfilm (1929) wird von Martin Haygis an den Plattentellern vertont.

Sonst ermöglicht, wie immer bei derlei Unternehmungen, ehrenamtliches Engagement und eine Vielzahl von Sponsoren das Festival. Der Hauptsponsor, die Regensburger Universitätsstiftung ist bisher noch nicht als Sponsor filmischer Veranstaltungen in Regensburg aufgefallen. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass sie als Sponsor recht bescheiden auftritt.

Warum wählte Keilholz gerade den Namen Heimspiel für sein Festival? Schließlich gibt es in Regensburg ja bereits eine fußballfremde Veranstaltung dieses Namens und aus Regensburg sind die Filme (wenn man die Bedeutung aus dem Fußball überträgt) schließlich auch nicht. Keilholz antwortet, ihm seien die zwei Bestandteile des Wortes wichtig und öffnen für ihn zwei Dimensionen: die spielerische und die Beheimatung. Letzteres beinhaltet wiederum, angewadt auf den Film, zwei verschiedene Aspekte: der, dem Film ein Heim zu geben, und den des Filmes als Heimat für den Zuschauer.

Worauf freut sich Sascha Keilholz nun besonders? Natürlich auf Christian Petzold, aber auch auf den Film Gegenüber, der das erste Mal in Regensburg zu sehen sein wird, und auf Weltstadt, der noch nicht einmal einen Verleih hatte, als Keilholz den Film für Heimspiel anfragte, und natürlich auf viele gute Gespräche.

heimspiel-banner1

www.heimspiel-filmfest.de
www.critic.de

Abschied von Archie und Schinderwies Productions

1. Juli 2009 lweser Keine Kommentare
Das Schinderwies-Headquarter

Das Schinderwies-Headquarter

Regensburg wird bald einen der wichtigsten Pfeiler seines unabhängigen Kulturbetriebes verlieren. Archie Müller, alias Schinderwies Productions sucht sein Glück im fernen Norden, bzw. er reist seinem Glück, dass er in der Oberpfalz (übrigens bei einem Schinderwies Konzert), in Form einer jungen Dänin gefunden hat nach. Wir wollen seinen bevorstehenden Abschied als Anlass nehmen und von Archie Müller mehr erfahren, als das, was Jeder weiß: Dass er Gründer und Betreiber des Labels Schinderwies Productions ist, dass er sein eigenes musikalisches Schaffen aufgegeben hat, um andere Bands zu unterstützen, indem er deren Platten herausbringt und dass er von dieser Arbeit nicht leben kann, weshalb er jede Nacht bei der Post arbeiten muss…

Ich besuche Archie daheim. Bereits die Lage des Hauses in dem er wohnt ist irgendwie bezeichnend für seine Situation. Umgeben von einer an Langweiligkeit nicht zu übertreffenden Batterie an neuen Betonklötzen steht eine einzelne schöne Altbauvilla. Archies Situation als kleines unabhängiges Label unter den großen Mainstream-Plattenfirmen wirkt ähnlich.

Archie Müller, Chef von Schinderwies Productions

Archie Müller, Chef von Schinderwies Productions

Koordinaten
Archie Müller, Jahrgang 1968, wuchs im Bayrischen Wald, in Loifling bei Cham auf. Seine Familie bezeichnet er als eher traditionell bis konservativ, doch mit einem offenen Weltblick, sowie mit breitgefächerter künstlerischer Affinität. In seiner Familie wurde Klavier, Mundharmonika und Akkordeon gespielt. Kirchenchorsänger und Blaskappellenleiter waren und sind darin ebenso vertreten, wie Theater-Schauspieler. So wundert es nicht, dass Archie, der bereits als Kind seine Vorliebe sowohl für die Malerei als auch für die Musik entdeckte, in der Kollegstufe seine erste Band, Madcap, gründete. 1994 kam er dann zum Lehramtstudium nach Regensburg. Fächerkombination: Kunst und Englisch. Doch irgendwie investierte Archie immer viel mehr Zeit für seine verschiedenen Bandprojekte, als für sein Studium. Archie, der schon immer gern reiste, pendelte von 1994-1999 zwischen den USA und Regensburg. In den USA tourte er auch mit seinem Ein-Mann-Bandprojekt “Müller” mit mal folkiger, mal elektronischer Note. In Deutschland wohnte er in einer WG in einem alten Bauernhof in der Nähe von Regensburg (Schinderwies). Dort nahm er zwischen 1997 und 1998 mit einem 4-Spur-Gerät ungefähr zehn Kassetten von “Müller” auf. Ein Mitbewohner bemerkte einmal ironisch, als Archie wieder mit dieser Arbeit beschäftigt war: “Ah, wieder eine neue Schinderwies Production”. Keiner der beiden wusste damals, dass das einmal der Name für ein echtes Label werden würde. Im unmittelbaren Anschluss an einen dieser USA-Aufenthalte kam es dann in Regensburg zu eben jenem legendären Auftritt am Bismarckplatz, als er während eines 1 Minute 30 Sekunden langen Punksongs mit nacktem Oberkörper mit Klebebandkreuzen auf den Brustwarzen von der Bühne sprang und den Brunnen umrundete. Eine Hommage an Iggy Pop in dessen Heimatstadt Ann Arbor Archie von Iggys Geist beseelt wurde. Von 1999-2000 war er dann für ein Praktikum, im Rahmen seines neuen Studiums der Sozialpädagogik länger in den USA. In Memphis um genauer zu sein. Zurück in Deutschland, wurde “Müller” dann wieder zur Band. Zusammen mit Oliver Balk (Herztechnik), Heike Jörss (Silverado, Susie Rock) und Jan Nas (Jenny Lund, Birlik) spielten sie eine kleine Tour, während der es im November 2000 auch zu einem Auftritt bei der Eröffnung der Regensburger Kurzfilmwoche kam.

Swampland als Keimzelle
2000 zog Archie direkt nach Regensburg. Ab diesem Zeitpunkt setzte er sich immer mehr mit Regensburger Musik auseinander. Eine große Rolle spielte dabei der Plattenladen Swampland von Isolde von Reusner. Isolde und Archie beschlossen gemeinsam, dem Vorbild englischer Plattenläden folgend, Instore Shows, also kleine spontane Konzerte im Laden zu organisieren, den sogenannten Swampland Sessions. Das Swampland entwickelte sich mehr und mehr zum zentralen Anlaufpunkt der Regensburger Indie-Szene. Die Gebrüder Teichmann, damals sehr erfolgreich mit Beige GT, gehörten dazu, Säm und Mawe vom Fanzine Pittiplatsch 3000 und viele mehr. Sogar der Zündfunk sendete mehrmals aus dem Swampland. Der Eintritt war frei, aber es wurden Getränke verkauft. Ziel war es, damit soviel Geld einzunehmen, dass sie von “Müller” eine Platte herausbringen könnten. Aber irgendwie entwickelte das ganze eine Eigendynamik und bald spielten auch überregionale Bands im Swampland: Hidalgo, Anajo und Mikrofisch. Letztere spielten ihren allerersten Auftritt überhaupt, im Swampland in Regensburg. Danach war für Archie und Isolde klar, dass Mikrofisch diejenigen sein würden von denen sie eine Platte herausbringen wollten. Die Idee ein richtiges Label zu gründen, kam aber von Isolde. Archie war längere Zeit zurückhaltend, doch Isolde leistete kontinuierlich Überzeugungsarbeit. Während einer Art Testphase von 2001-2002 brachten sie einige selbstgebrannte CDs heraus. Und dann sollte es 2002 richtig los gehen. Nur da hatte Isolde keine Lust mehr. Sie gab das Swampland auf und konzentrierte sich auf ihr eigenes künstlerisches Schaffen. Aber für Archie war es schon zu spät, er hatte bereits Blut geleckt.

noch als Kassettentäter - das Schinderwies-Frühwerk

noch als Kassettentäter - das Schinderwies-Frühwerk

Schinderwies Productions startet durch
2002 kam die erste richtige CD aus dem Presswerk bei Schinderwies Productions heraus. Plus Ganzwind ist der Name der Band. Es folgten 2003 weitere Alben von Tripophon, Mikrofisch, Herztechnik und Auf dem Weg ins Kaufhaus erledigte ich noch einen kleinen Hauskauf. Außerdem gab es auch noch zwei Vinylsingles. Die erste mit Mikrofisch und Uwik als Splitsingle. Die andere mit Tripophon und Radio Magenta. Unterstützung erhielt er dabei, wie auch schon beim Mikrofisch-Album (CD + LP), vom Passauer Label Keplar. Aber Archie musste auch das erste Mal Lehrgeld zahlen. Er war zwar sehr idealistisch, aber auch ein bisschen naiv, bemerkt er heute rückblickend. Vinylsingles lassen sich einfach wahnsinnig schwer verkaufen. 2004 kam mit Spruce aber ein finanzieller Erfolg.

Die nächste Produktion, 2005, ist für Archie wieder ein größerer Schritt vorwärts; Qualitativ und heraus aus dem Regensburger Umfeld. Die Band heißt Taunus und kommt aus Berlin, aus dem von Archie sehr verehrten FS Blumm Umfeld. Archie ist so begeistert, dass er wieder ein Risiko eingeht: CD und Vinyl sollten es erneut werden. Auch die GEMA Gebühren bergen ein hohes, schwer zu kalkulierendes Risiko. Die Platte war ein finanzieller Misserfolg. Archie ist dennoch mehr als zufrieden mit ihr. Er bezeichnet sie als seinen persönlichen Favoriten. Und das merkt man ihm an, von den Bands die er unter Vertrag hat, ist er 100%ig überzeugt. Mit dieser Platte hat Archie eine neue, eine höhere Messlatte für seinen zukünftigen Produktionen angelegt. Und Archie macht weiter. Es folgen 2005 Uwik, 2006 der schöne Schinderwies-Sampler Roommates und die jeweils zweiten Platten von Auf dem Weg ins Kaufhaus… und Herztechnik.

Die nächste Platte (2007) markiert wieder eine neuen Abschnitt von Schinderwies, denn mit ihr ändert sich sein Stil. Bisher waren die Schinderwies Productions ja eher den Indietronics (einer Mischung aus Indie-Gitarren und Electronica) zuzuordnen. Die Dresdner The Gentle Lurch aber spielen fast Country. Aus diesem Grund hat Archie auch lange überlegt und fuhr extra nach Dresden um die Band live zu sehen. Und im Endeffekt entschied er sich dafür und begab sich stiltechnisch wieder zurück zu seinen Wurzeln (wir erinnern uns an seine Folktour durch die USA).

Im gleichen Jahr folgte Schinderwies’ größter Erfolg: The Marble Man, ein 18-Jähriger Songwriter aus Trauenstein. Ein Glücksfall für Künstler und Label. Der blaue Bus des Zündfunk hatte ihn in Traunstein entdeckt und daraufhin aufgefordert einen Song beim Montagsdemo einzuschicken. Als er dort gespielt wurde, hörte ihn Archie und war sofort Feuer und Flamme. Der Rest ergab sich mehr oder weniger von selbst. Der Zündfunk spielte ihn fleißig, beim Bavarian Open trat er auf und The Marble Man hatte eine unglaubliche Spielleidenschaft. Eigentlich hatte Archie 2006 eher Zweifel, ob er Schinderwies weiterbetreiben sollte. Doch die neue musikalische Orientierung seit The Gentle Lurch und der unerwartete Erfolg mit The Marble Man gab ihm wieder Auftrieb. So folgt ebenfalls 2007 noch The Mother, the Son and the Holy Ghost. Ein Zusammenschluss verschiedener Mitglieder der Nürnberger Indie-Szene, wie Robocop Kraus oder Hidalgo.

2008 ging es mit Garda, aus dem Gentle Lurch Umfeld, weiter in die Songwriter Richtung. 2009! In Zusammenhang mit dem bevorstehenden zweiten Album von The Gentle Lurch, machen Gerüchte die Runde, Archie würde wohlmöglich Regensburg verlassen… Am 19. Juni 2009 kam The Beat of the Heart is the Beat of the Boss heraus, die vielleicht letzte Schinderwies Productions.

Das Gesamtwerk

Das Gesamtwerk

Doch auch wenn Archie geht und auch wenn es Schinderwies Productions vielleicht bald nicht mehr geben wird, bleiben ein paar großartige Platten von kleinen Bands, die es ohne Archie vielleicht nie gegeben hätte. - Und in Regensburg wird Irgendetwas irgendwie fehlen. Lieber Archie: Alles Gute und viel Glück!!!

Schinderwies Productions auf eine Blick:
Erste Platte: Plus Ganzwind (2002)
Beste Platte (für Archie): Taunus (2005)
Erfolgreichste Platte: The Marble Man (2007)
Letzte /Neueste Platte: The Gentle Lurch (2009)
Anzahl aller Produktionen: 18 (16 Alben, davon 3 auch als LP, 2 Vinylsingles)
Auflage/Stückzahl:500-1000 (The Marble Man: 1500)

Archies Top 5 Alben außerhalb von Schinderwies:
1 Souled American: Frozen
2 Bob Dylan: Blonde on Blonde
3 Rolling Stones: Exile on Mainstreet
4 FS Blumm: Lichten
5 Hauschka: Substantial

Zu Guter Letzt:
Wer einen Querschnitt von Schinderwies Poductions bis Spruce hören oder das Label überhaupt kennenlernen will, dem sei der Schinderswies-Sampler Roommates empfohlen. Sanfter und vielseitiger Elektopop. Diese wie alle anderen vorgestellten Produktionen gibt es überall im Handel oder am günstigsten direkt unter www.schinderwies.de.

Als Erinnerung macht Archie Regensburg noch ein besonderes Geschenk: Im Oktober wird es im W1 The Gentle Lurch und Garda live im Doppelpack zu hören und zu sehen geben.

Schnellschuss nach Hinten

28. Mai 2009 lweser Keine Kommentare

Erik Grun: Die Mitgift, Premiere im Museumshof, Regensburg, den 15.05.2009

Petrus zumindest ist mit ihm. Erik Gruns Filmvorführungen im idyllischen Innenhof des Museumscafés sind weder von Wölkchen noch Temperatureinbrüchen getrübt. So also auch diesmal, bei der Premiere seines neusten Filmes Die Mitgift. Mit ihm ist scheinbar auch eine große Fangemeinde, denn obwohl Erik Gruns neuer Film nur kurzfristig und bescheiden angekündigt wurde, war die Premiere gut besucht.

Bemerkenswert ist auch Gruns filmischer Output. Auf ungefähr 14 Langfilme hat er es bisher gebracht (ein paar mehr oder weniger, wer zählt das schon so genau). Um auf eine solche Anzahl zu kommen, muss man schnell arbeiten. Fünfeinhalb Tage habe er für Mitgift gedreht und sechs Stunden vierzig Minuten geschnitten. Beachtlich, beachtlich. Doch wenn man den Film sieht, wünscht man sich der Regisseur hätte sich ein bisschen mehr Zeit gelassen.

Xaver (Wolfgang Berger), ein ekelhafter Aufschneider mit kriminellem Charakter, ist Betreuer psychisch kranker Patienten. Dabei scheut er sich nicht seine Schutzbefohlenen zu übervorteilen, wenn es sich anbietet. Um an den vermeintlichen Münzschatz seines neuen Klienten Heinz (Heinz Müller), ein Eisenbahnnarr von naiver Gutgläubigkeit, zu gelangen, zieht er alle Register. Heinz hat ein altes Haus in einer bayrischen Ortschaft geerbt und sich in Anna, die Küchenhilfe des örtlichen Wirtshauses verliebt. Ganz logisch ist die Handlung ab hier dann nicht mehr.

Doch die Zuschauerzahlen geben Erik Grun wohl Recht. Sein Publikum hat er sicher. Er brach mit den Raith-Schwestern sogar den Zuschauerrekord des Garbos. Seit Almrausch (2007) hat Grun sein Genre gefunden: Niederbairisches Volkstheater als Film.  Auch dieser Film wird wieder sein Publikum haben.

Schade, dass Erik Grun in seinen Langfilmen nicht ebenso experimentierfreudig und sorgfältig ist, wie in dem sechsminütigen Vorfilm “Fleischeslust”. Ein Vegetarier (Hans Schröck), ein Fleischesser (Peter Kollross), ein Juror. Ein Wettkampf zwischen zwei Lebenseinstellungen. Je reduzierter die Form, um so stärker scheint Grun. Dabei war der Film nur der Test einer neuen Kamera. Der Test ist geglückt. Fleischeslust wirkt nicht mehr wie ein Amateurvideo, sondern wie Film, wie richtiger echter Film, wie Zelluloid! Die schauspielerischen Leistungen (der Film ist ohne Dialoge) der beiden Hauptdarsteller sind sehr überzeugend, die Kamera (Hubert Lankes) ist perfekt gesetzt. Die Musik (Patrik Ehrlich) schafft eine surreale, bedrohliche Atmosphäre.

 

Erik Grun mit Technik und Publikum

Erik Grun mit Technik und Publikum

 

Erik Grun - Von der Sozialkritik zum niederbairischen Volkstheater
Erik Grun fabuliert gern, dass merkt man nicht nur an der Anzahl seiner Filme, sondern auch im Gespräch. Dass er dabei die Grenze zwischen Realität und Fiktion nicht all zu genau zieht, ist sicher hilfreich für sein künstlerisches Schaffen. In diesem Kontext sind auch alle nachstehenden Informationen zu lesen.

Erik Grun ist Jahrgang 1966 und aufgewachsen in Nordhausen (Thüringen). In seiner Jugend sei er Torwart der DDR-Fußball-Jugendnationalmannschaft gewesen. (Das erfährt man beim traditionellen Regensburger Kurzfilmwochen-Fußballmatch, wo er wirklich beeindruckend hält). Er bezeichnet sich selbst als gescheiterten Schauspieler, einer Stimmbandlähmung wegen. Wenn er in seinen Filmen jedoch eine Rollen übernimt, ist das meist eine Bereicherung, was seine Aussage Lüge straft. 1994 sei er durch einen Zufall nach Bayern gekommen. Im Übergangslager Hannover habe er angegeben ihm sei egal wohin er käme, nur nicht nach Bayern. Dann sei er eingeschlafen, als er auf den Bus nach Baden-Württemberg gewartet habe. Währenddessen seien dann die Richtungsschilder ausgetauscht worden und so sei er doch in Bayern gelandet. In Eggenfelden um genauer zu sein. Dort habe er dann eine Ausbildung zum Krankenpfleger absolviert. Als Krankenpfleger arbeitet er noch immer. Um seinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Denn obwohl er mittlerweile keine Verluste mehr mit seinen Filmen macht, wird jeder Gewinn gleich wieder in den nächsten Film investiert. Dabei arbeite er immer mit kleinstmöglichem Team, eigentlich noch immer no- statt low-budget. Der aufwendigste Film sei bisher D´Raith-Schwestern und da Blaimer (2008) gewesen. Da habe er mit 120 Statisten in fünf Wirtshäusern gedreht. Doch auch diese Dreharbeiten haben nur neun Tage gedauert.

Mehrere seiner Filmen spielen im Krankenhausmilieu (oder artverwandten). Erik Grun bestätigt, dass das reale Leben ihm zumindest die Impulse für seine Stoffe gebe. “Seine Krankenschwestern” seien auch weiterhin wichtig für sein Schaffen, denn sie seien der Indikator dafür ob seine Filme funktionieren oder nicht. Seit er keine sozialkritischen Inhalte mehr habe, sondern Komödien mache, sehen sie sich die Filme auch gern an. Und diesen Entschluss habe er letztlich treffen müssen. Er musste sich die Frage stellen, ob er Filme machen wolle, die vielleicht einmal im Jahr auf einen Kurzfilmfestival laufen und die Niemanden interessieren, oder eben Filme, die die Leute verstehen und gern sehen. Den Erfolg, den er jetzt habe, sei nur den Umschwung zur Komödie geschuldet. Das bayrische Sujet tue sein Übriges dazu. Seit Marcus H. Rosenmüllers Wer früher stirbt ist länger tot scheint das Bayrische im Film ein Erfolgsgarant zu sein. Genau das, was er mache funktioniere. Er bezieht sich auf Filme wie Grenzverkehr oder Kleinohrhasen. Und damit ist vielleicht alles gesagt.

Nein, etwas gibt es natürlich noch: Der Blick in die Zukunft. Schließlich wäre Erik Grun nicht Erik Grun, wenn er nicht bereits an den nächsten Filmen arbeiteten würde. Seine neuen Projekte sind Bierathon 09 für Juni und Bayernwaldblues für Juli. Der nächste erst wieder im September.

Übrigens: Im Juni wird Die Mitgift im Garbo zu sehen sein

 

Besuch der Heimat

27. Mai 2009 lweser Keine Kommentare

Lola Randl: Die Besucherin Premiere im Ostentorkino Regensburg am 14.05.2009 in Anwesenheit der Regisseurin

Das Ostentor sei das erste Kino, welches Lola Randl je besucht habe, gestand die junge Regisseurin, als sie dort am Donnerstag ihren ersten Langfilm Die Besucherin vorstellte.

Lola Randl im Ostentorkino

Lola Randl im Ostentorkino

Und dann beginnt der Film und mit der ersten Einstellung befindet man sich im seinem Sog. Man ist gefangen und fasziniert von der Atmosphäre und von dieser Frau: Agnes ist erfolgreiche Neurowissenschaftlerin, hat einen tollen Mann, eine hübsche Tochter, ein Wahnsinns-Haus. Nur ein eigenes Leben irgendwie nicht, bzw. ihr Leben scheint ohne sie statt zu finden, als sei sie nur Beobachterin davon. Und doch versteht man… Nicht jedem ist die Exaltiertheit und Kontaktfreudigkeit ihrer Schwester gegeben. Sie ist eben anders, kann ihre Gefühle nicht so einfach ausdrücken. Sie wirkt unbeholfen im Umgang mit ihrer Tochter und selbst mit ihrem Mann. Eine erfolgreiche Kommunikation findet zwischen ihnen eigentlich nur dann statt, wenn sie gemeinsam über den Fortgang des Krimis, an dem er grade schreibt, nachdenken. Zuerst verweigert sie auch das: „So etwas darfst du mich nicht fragen.“ Doch im Laufe des Filmes wird dies zum Indikator für ihre Befindlichkeit und zum Begegnungspunkt beider Ehepartner. Schön, wie Lola Randl solche kleinen Motive konsequent im gesamten Film verwendet und entwickelt. Auch bemerkenswert wie genau sie ihre Figuren und deren Beziehung zueinander zeichnet. Sie verliert auch nicht die kleinste Nebenfigur aus dem Auge (wie zum Beispiel die Arzthelferin von Agnes.).

Auch bei der Besetzung, beweist Lola Randl ein äußerst glückliches Händchen. Absolut überzeugend als Agnes ist Sylvana Krappatsch, hier in ihrem Kinodebüt. Seit 2005 ist sie Ensemblemitglied der Münchner Kammerspiele. Zuvor war sie u.A. am Schauspielhaus Zürich. Samuel Finzi ist gebürtiger Bulgare, jüdischer Abstammung. Er spielt derzeit am Deutschen Theater, zuvor war er u.A. an der Volksbühne Berlin. Als Agnes´ Ehemann, ist er wohl der Sympathieträger des Filmes. Der deutlich ältere Luxemburger André Jung, arbeitet an verschiedenen großen Häusern mit renommierten Regisseuren und ist auch in zahlreichen Fernseh- und Kinoproduktionen zu sehen gewesen. Er überzeugt als vom Schicksal schwer getroffener Mann, der sich in Verzweiflung und Verdrängung an Agnes klammert.

Von den alltäglichen Schwierigkeiten des Filmemachens
„Wie man in so jungen Alter einen solchen Erfahrungsschatz besitzen kann“, staunt eine Zuschauerin beim anschließenden Filmgespräch. Tatsächlich ist wohl, um einen solchen Film zu machen, nicht Alter sondern die Fähigkeit des genauen Beobachtens nötig, eine Gabe, die die Regisseurin zweifelsohne besitzt.

Lola Randl schreibt all ihre Drehbücher selbst. Ca. eine Millionen Euro habe die Besucherin letztlich gekostet. Das sei im Filmgeschäft noch immer Low Buget. Die Schauspieler spielen alle für die Hälfte der üblichen Gagen.

Aber auch wenn die Finanzierung gesichert sei, die Schauspieler gefunden und gewonnen wurden, die Crew stehe, wenn alle Drehorte gefunden seien, (da suchte man schon mal drei Monate bis man z.B. das Haus in dem Agnes mit Walter und ihrer Tocher wohnt, finde), gebe es natürlich noch jede Menge Probleme. Auch am Set funktioniere nicht immer alles reibungslos, da brauche es wenn die Nerven blank liegen, weil alle überarbeite sind, auch mal eine „Schnapsklappe“ um die Stimmung zu schwenken und den Zusammenhalt wieder herzustellen.

Vom Drehbuch, über die Finanzierung bis zum letzten Nachdreh und vollständigen Schnitt dauere die Produktion eine Filmes ca. 4 Jahre, erklärt sie. Da müsse man parallel an mehreren Projekten arbeiten. Derzeit schreibe sie an zwei Drehbüchern in verschiedenen Stadien. Zum fortgeschritteneren, verrät sie, begännen, so alles gut gehe, im nächsten Jahr die Dreharbeiten. „ Die Erfindung der Liebe“ ist der Arbeitstitel. Und es ist die Geschichte, die Walter in „Die Besucherin“ gerade schreibt.

Lola Randl und Regensburg
Lola Randl, 1980 in München geboren, kam mit vier Jahren nach Regensburg. 2001 bis 2006 studierte sie in Köln an der Kunsthochschule für Medien. 2007 war sie wieder für ein Jahr in München, als Absolventin der dortigen Drehbuchwerkstatt. Dann kam Berlin, nun lebt sie in der Uckermark nicht weit von Berlin, auch ihre Mutter lebt mittlerweile dort. Dennoch bezeichnet sie sich als Regensburgerin. Zwar sei das schwer, wenn man wie sie an so vielen Orten gelebt habe, aber in Regensburg sei sie die meiste Zeit ihrer Kindheit und Jugend gewesen. Also ja, Regensburg sei ihre Heimat.

Strenggenommen war es ja gar keine Regensburg-Premiere. Nachdem „Die Besucherin“ im Februar 2008 auf der Berlinale in der Reihe „Perspektive Deutsches Kino“ seine Premiere feierte, durchlief er sämtliche renommierte Festivals (u.A. in Karlovy Vary). Im November kam er dann nach Regensburg. Hier lief er im Rahmen der Regensburger Kurzfilmwoche. Ein Novum und Einzelfall: ein Langfilm auf der Kurzfilmwoche. Das lag daran, dass Lola Randl nicht nur Regensburgerin ist, sondern auch mit der Regensburger Kurzfilmwoche eng verbunden ist. Ihr Kurzfilm „Blühende Sahara“, lief dort 2002 im Regionalfenster. Vier Weitere, liefen im Deutschen Wettbewerb 2004, 2006, 2007 und 2008. Jedes Mal mit einschlagendem Erfolg: zwei Mal erhielt sie den Hauptpreis und zwei weitere Male eine lobende Erwähnung. 2005 war sie Mitglied der Jury für den Deutschen Wettbewerb. Ja, die Regensburger Kurzfilmwoche habe ihr immer Glück gebracht. Schade, dass es die nun nicht mehr gebe.

Nun also die Premiere zum offiziellen Kinostart. Neun Kopien gibt es von ihrem Film. Neben Regensburg, ist der Film in Berlin, Dresden, Düsseldorf, Frankfurt a. M., Freiburg, Köln und München zu sehen. Eineinhalb Jahre nach der Premiere und während sie bereits wieder an zwei neuen Filmen arbeitet, muss sie sich zurückholen. Zum ersten Mal kein Fachpublikum. Und die Leute waren begeistert, stellten rege Fragen. Einfache Fragen, zumeist zum Inhalt, aber sie waren interessiert und sie waren stolz. Auf diese junge Frau aus Regensburg, die so genau beobachten kann und einen solch beeindruckenden Film gemacht hat.

Die Besucherin,
Regie: Lola Randl,
Deutschland 2008, 104 min,
Darsteller: Sylvana Krappatsch, Samuel Finzi, Jule Böwe, André Jung