Judith Hermann bleibt nicht stehen und sich dennoch treu.
Judith Hermann: Alice
Wir werden mit Judith Hermann und ihren Protagonisten älter. Ihre ”Helden” gewinnen mit jedem ihrer Bücher an Reife. Die Probleme verlagern sich. Wo in Sommerhaus später die “Helden” nur sich selbst und dem Jetzt verpflichtet waren, wurde in Nichts als Gespenster auch an Perspektiven gedacht. In ihrem neusten Buch Alice ist es der Tod, der das Leben bestimmt.
Wieder ist es die Form kurzer Erzählungen, die Hermann wählt. Nur diesmal ist die Protagonistin in allen fünf Erzählungen die selbe Person: Alice eben. Aber muss denn wirklich jeder Andere, jeder Mann, sterben? Selbst der Rumäne, sieht ”auf eine beunruhigende Art abgemagert” aus. Natürlich wird der Mensch, je älter er wird, immer mehr mit Verlusten konfrontiert. Aber in so geballter Form… im heutigen Deutschland…? Vielleicht hätte Judith Hermann besser daran getan wieder verschiedene Protagonisten für die Erzählungen zu wählen. Aber gut, dass ist Kleinkrämerei. Die einzelnen Geschichten tragen den gewohnten lakonischen Judith Hermann Sound. Der Ton wirkt sogar noch knapper. Die Sätze noch kürzer. Ellipsen. Zum Teil sind es nur noch Aufzählungen, Wortgruppen, einzelne Worte. Mal wirkt der Rhythmus fast meditativ, dann wechselt er wieder.
Wie geht man um mit dem Verlust eines nahen Menschen? Alice verliert sich im Betrachten von Gegenständen und Handlungsabläufen. Das Aufschneiden einer Melone, ein blauer Mantel, ein Mandelhörnchen in einer Jackentasche. Die Gegenstände sind mit Erinnerungen behaftet, die wiederholt werden. Oder sie lösen Assoziationen aus. Bis ins kleinste Detail werden die jeweiligen Miniatur-Ausschnitte des Alltags beobachtet. Als könnte man damit vergessen, verhindern? Nein, kann man nicht. Aber es kann dennoch helfen mit dem Verlust Fertigzuwerden. Es kann auch ein Zettel sein, auf dem Richard, als er noch lebte “Komme gleich wieder” geschrieben hatte. Oder der indischer Koch von nebenan, “Schließlich auch ein Zauberer” , der indem er seiner alltäglichen Arbeit nachgeht etwas tröstendes hat, einfach weil er da ist und nicht nachfragt.

Mit Alice bleibt Judith Hermann nicht stehen und sich dennoch treu.
Judith Hermann laß aus Alice am 27. Mai 2009 bei Bücher-Pustet in Straubing.
Judith Hermann: Alice
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main (2009)
188 Seiten, 18,95 Euro