Buchtipp: Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend von Andreas Altmann
Eine deutsche Geschichte
(Sigrid Grün)
Andreas Altmanns Buch zu lesen ist eine überwältigende Lektüreerfahrung. Man frisst sich durch die Seiten und fragt sich stellenweise bei jedem Satz “wie, wie, wie, wie nur kann ein junger und schutzloser Mensch das aushalten?”
Der Autor, preisgekrönter Reisereporter und Wahlpariser, schreibt hier über seine Kindheit und Jugend im “Gnadenort” Altötting: Das ganze Leben der Familie kreist um ein Epizentrum, um ein schwarzes Loch, das alles verschlingt: F.X. Altmann, seines Zeichens “Rosenkranzkönig”, Ehemann und Vater von vier Söhnen und einer Tochter. Nach der Rückkehr aus dem Krieg ist er kein fühlender Mensch mehr - zumindest zeigt er es in keiner Weise im familiären Umfeld - sondern eine verrohte Bestie, die ihrem furor teutonicus freien Lauf lässt. Die Mutter weiß dem Vater nichts entgegenzusetzen, zumal die katholische Erziehung sie dazu zwingt, ihrem Gatten Untertan zu sein. Als sie sich während der vorübergehenden Abwesenheit ihres Mannes einen regelrechten Bunker im eigenen Haus baut, wirft er sie aus dem Haus um mit der Haushälterin zu leben.
Und so wachsen die Brüder, die schon von Geburt an auf ihre “Schwänze” reduziert werden und die kleine Schwester in einer vergifteten Atmosphäre auf, die einem den Atem nimmt.
Der Vater - im Gnadenort Altötting von allen geachtet - misshandelt seine Kinder körperlich und seelisch. Und auch die Lehrer prügeln drauflos, wenn es nicht so läuft, wie sie es sich vorstellen. Der Religionslehrer bringt den Jungen schon früh den Ekel vor allem Weiblichen ein - und diese Traumatisierung sitzt tief.
Andreas Altmann schreibt offen über das Wachwerden seiner Sexualität, über erste sexuelle Erfahrungen und über die Unterdrückung all dieser Gefühle durch das streng katholische Umfeld. Und das wirklich Wunderbare und Berührende, das Besondere an diesem Buch, ist die absolute Offenheit des Autors. Diese hat nichts mit Exhibitionismus zu tun - sondern damit, dass man die Verletzlichkeit des Menschen klar herausstellt und aufzeigt, welches schlimme Vergehen es ist, wenn diese Verletzlichkeit von Erwachsenen missbraucht wird.
In einem umfangreichen Nachwort schreibt der Autor darüber, wie es in seinem Leben weiterging. Er berichtet von seinem umfassenden Gefühl, selbst unzulänglich zu sein - etwa in seinem Beruf als Schauspieler. Er macht eine Therapie nach der anderen, doch erst im Alter von 34 Jahren erkennt er, was er wirklich will und kann: Reisen und darüber schreiben. Mittlerweile ist Altmann einer der bekanntesten Reiseschriftsteller Deutschlands - ich kannte ihn auch aufgrund einiger seiner Reisebücher schon bevor ich dieses Buch las.
Nach der Lektüre dieses Buches kann man sich nur wünschen, dass möglichst viele Menschen in Deutschland es lesen, denn es ist ein wichtiger Beitrag zur Geschichte des 20. Jahrhunderts. Dieses Buch sollte in Schulen gelesen werden - v.a. in Bayern und im ganzen Land. Ich bin mir sicher, die Schüler wären begeistert! Und sie könnten sicherlich mehr lernen, als aus sämtlichen Schullektüren zusammen.
Unbedingt lesen!
Der Autor liest heute abend bei Bücher Pustet in Passau, am 10. November bei Bücher Pustet (Gesandtenstraße) in Regensburg und am 22. November bei Pustet in Landshut.
Andreas Altmann (Autor)
Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend
256 Seiten
