Archiv

Artikel Tagged ‘Kino’

Echte Klassiker bei der 34. Regensburger Stummfilmwoche

3. August 2016 ffranc Keine Kommentare

stufi2016-banner
Am morgigen Mittwoch startet die 34. Regensburger Stummfilmwoche mit MENSCHEN AM SONNTAG, jenem semidokumetarischen Klassiker der späteren Hollywood-Granden Robert Siodmak, Billy Wilder, Fred Zinnemann und Edgar G. Ulmer. Vier junge Berliner verbringen einen Sommersonntag am Wannsee. Das ist alles!
Die kommenden sechs Tage Stummfilmvergnügen werden dann dramatisch und gruselig, und enden fröhlich heiter. So soll es auch mit dem Wetter sein, Hauptsache es regnet nicht zwischen 20 und 23 Uhr.

04.08. MENSCHEN AM SONNTAG + Vorfilm: INS BLAUE HINEIN
- R: Robert Siodmak, Rochus Gliese, Edgar G. Ulmer | D 1928
- M: KLAUS REICHARDT & SEBASTIAN OSTHOLD (Pedal-Steel-Guitar & Piano)

05.08. ABWEGE + Vorfilm: REISE AUF DER DONAU (STOP IN REGENSBURG)
- R: G.W. Pabst | D 1928
- M: RAINER J. HOFMANN (Multiinstrumentalist)

06.08. VON MORGENS BIS MITTERNACHTS + Vorfilm: HOUSE OF USHER
- R: Karlheinz Martin | D 1921
- M: BERTL WENZL & MARKUS STARK (Multiinstrumentalisten)

11.08. VON CALIGARI ZU HITLER in der Filmgalerie
- R: Rüdiger Suchsland, | D 2014

12.08. DER LETZTE MANN
- R: F. W. Murnau | D 1924
- M: ALJOSCHA-ZIMMERMANN-ENSEMBLE (Violine & Piano)

13.08. DR. MABUSE, DER SPIELER. TEIL 2
- R: Fritz Lang | D 1922
- M: RAINER J. HOFMANN (Multiinstrumentalist)

14.08. LADY WINDERMERE’S FAN
- R: Ernst Lubitsch | USA 1925
- M: ALJOSCHA-ZIMMERMANN-ENSEMBLE (Violine & Piano)

Beginn 20:45 Uhr, Einlass 19:45 Uhr
Im MuseumsCafé – Klosterhof Historisches Museum (Dachauplatz 4, 93047 Regensburg)
Bei schlechtem Wetter finden die Veranstaltungen im Leeren Beutel, Bertoldstr. 9, statt.
www.filmgalerie.de

Categories: Filippo Franco Tags: ,

30 Jahre Regensburger Stummfilmwoche

5. August 2012 lweser Keine Kommentare

30. Regensburger Stummfilmwoche, Freitag 3. August 2012, Klostergarten der Minoritenkirche - Expertengespräch mit Nina Goslar (arte, ZDF) und Sabrina Zimmermann (Aljoscha-Zimmermann-Ensemble) und Nosferatu, Regie: F.W. Murnau, D 1921/22; musikalisch begleitet vom Aljoscha-Zimmermann-Ensemble

Zum dreißigsten Geburtstag der Regensburger Stummfilmwoche wollten die Organisatoren den treuen Zuschauern etwas Besonderes bieten. So luden sie am Freitag bei freiem Eintritt zu einem Expertengespräch ein. Nicole Litzel vom Organisationsteam der Stummfilmwoche befragte zuerst Nina Goslar, die bei arte und ZDF für Stummfilm verantwortliche Produzentin. Sie sprang spontan für den erkrankten Werner Sudendorf von der deutschen Kinemathek in Berlin ein. Während des Gesprächs kamen einige interessante Hintergrundinformationen zum Vorschein. Wussten Sie zum Beispiel, dass heute nur circa 10% der deutschen Stummfilme erhalten sind? Oder dass eine Nitrokopie, das damals übliche Filmmaterial, eine Haltbarkeit von ca. 100 Jahren hat, so dass die Filmrestauratoren im Moment also gegen die Zeit arbeiten. Ein wenig spezieller wurde es, als es um Musikfassungen ging. Die meisten Stummfilme hatten von Anfang an eine eigene Filmmusik. Zwar sind leider davon nur die wenigsten erhalten, ein populäres Beispiel für eine noch vorhandene Originalpartitur ist jedoch die zu Metropolis. Sie war lange der einzige Hinweis darauf, dass von der damaligen Film-Version ein gutes Stück fehlt. Da die Partitur außerdem über tausend Angaben zum Film beinhaltet, war in diesem Fall die Musik ein wichtiger Baustein zur Restaurierung des Filmes.
Originalpartituren oder auch nur die dafür nötigen Tantiemen aber, kosteten Geld, die sich kleinere Kinos nicht leisten konnten. Darum gab es eine Art Musik-Katalog, in dem verschieden Melodien einzelnen Situationen und Stimmungen von Filmen zugeordnet wurden. Herausgegeben hat sie Giuseppe Becce, der “Quasi-Urvater” der deutschen Filmmusik. Frau Goslar spielte einige Beispielmotive vor. Der Zuschauer/-hörer konnte versuchen zu erraten für welche Situation sie gedacht waren.

stufiwotag2-1

Als Überleitung zu Nosferatu, dem Jubiläumsfilm des Abends und den das Aljoscha-Zimmermann-Ensemble musikalisch begleiten würde, interviewte Frau Goslar dann Sabrina Zimmermann (vormals Hausmann). Deren Vater, Aljoscha Zimmermann, der bekannteste zeitgenössischen Stummfilmkomponist, hinterließ ihr bei seinem Tod im Jahr 2009, über 400 Partituren. Allein acht Versionen habe er zu Noseferatu geschrieben. Auf jeder Notenblattseite gäbe es bei Zimmermann Synchronangaben. Zusätzlich spielt die Improvisation aber auch eine wichtige Rolle. Zimmermanns Filmmusik kann man als klassische, sehr dramatisch-emotionale Filmmusik bezeichnen. Bestens geeignet für den Horror-Film-Klassiker Nosferatu, zu dessen Inhalt man eigentlich nicht viel sagen muss.
Murnau griff unautorisiert auf Bram Storkers Roman Dracula zurück. In Folge dessen kam es zu Prozessen, die die Produktionsfirma in den Ruin trieb. Die Rechteinhaber forderten gar die Vernichtung sämtlicher Filmkopien. Glücklicherweise misslang dieses Unterfangen.

stufiwotag2-2

Seit Bestehen der Regensburger Stummfilmwoche erweist sich Nosferatu immer wieder als Publikumsmagnet. So auch diesmal. Schön, dass das Publikum neben vielen Stammgästen, auch aus überraschend vielen jungen Leuten bestand. Die Nachfrage war diesmal so groß, dass sogar mehrere dutzend Menschen abgewiesen werden mussten. Beeindruckend bleibt, wie souverän das kleine AKF-Team um Nicole Litzel und Dario Vidojković alle organisatorischen Herausforderungen löst: Aufbau, Kasse, Einlass, Technik, hier einen Zusatzstuhl oder leere Gläser für das Restaurant organisiert, dort schnell ein Interview gegeben und sich trotzdem herzlich um Musiker und Gäste gekümmert. Von der Organisation im Vorfeld (wie Filmauswahl, Filmkopien, Aufführungsrechte ect.) ganz zu schweigen!
Alles Gute, liebe Stummfilmwoche, für die nächsten 30 Jahre.

Bevor es am darauf folgenden Wochenende mit Trotzheirat, Orlacs Hände und Die drei Musketiere weiter geht, kann man bis dahin den diesjährigen Oscarabräumer The Artist (F/USA 2011) in der Filmgalerie ansehen. Eine schöne Idee mit dieser jungen Stummfilmhommage die zwei Stummfilmwochenenden zu verbinden.
Donnerstag 09.08.: Trotzheirat, Regie: Edgar Sedgwick/Buster Keaton, USA 1929
Live-Musik: Rainer J. Hoffmann
Freitag 10.08.: Orlacs Hände, Regie: Robert Wiene, A 1924
Live-Musik: Bertl Wenzl & Markus Stark
Samstag 11.08.: Die drei Musketiere, Regie: Fred Niblo, USA 1921
Live-Musik: Klaus Reichardt & Jan Kahlert
www.filmgalerie.de

„War das das Glück nach dem du dich sehntest?“

4. August 2012 lweser Keine Kommentare

Die Frau, nach der man sich sehnt, Regie: Kurt Bernhardt, D 1929; musikalisch begleitet vom Aljoscha-Zimmermann-Ensemble, 30. Regensburger Stummfilmwoche, Donnerstag, 2. August 2012, Klostergarten der Minoritenkirche

Eine laue Sommernacht, eine große Zuschauerzahl und erwartungsvolle Gesichter. Was kann man sich mehr wünschen, zumindest aus Sicht des AKF (Arbeitskreis Film), dem Veranstalter des vielleicht ältesten Stummfilmfestivals Deutschlands. Die 30. Regensburger Stummfilmwoche wird mit einem recht unbekannten Film eröffnet, der auch an den Tod Marlene Dietrichs erinnert, der sich 2012 zum zwanzigsten Mal jährt. In Die Frau, nach der man sich sehnt aus dem Jahr 1929 inszeniert Kurt Bernhardt die spätere Diva in ihrer ersten Hauptrolle auch erstmals als Femme Fatale.

stummfilmwoche2012-team

Industriellensohn Henri Leblanc (der Schwede Uno Henning) verfällt auf seiner Hochzeitsreise der routinierten Verführerin Stascha (Marlene Dietrich). Sie benutzt ihn, um sich ihres aktuellen Geliebten Dr. Karoff (Fritz Kortner) zu entledigen oder zumindest sich ihm zu entziehen. Mit Karoff verbindet sie ein dunkles Geheimnis - vermutlich verschwor sie sich zuvor mit ihm gegen einen dritten, wie jetzt mit Leblanc gegen Karoff. Eine überraschende Wandlung widerfährt im Laufe des Filmes Staschas Gesinnung. Liebt sie Leblanc letztlich wirklich und ist ihre Reue über den Mord an ihrem Mann etwa echt? Dass am Ende ein paar Fragen offen bleiben liegt vielleicht an den unglücklich gesetzten Zwischentiteln, vielleicht auch am schwachen Drehbuch. Der aufgebauschte Einstiegskonflikt einer halbherzigen Heirat zwischen den Kindern einer bankrotten und einer florierenden Unternehmerfamilie, wird angesichts des neuen Dreieckskonfliktes, ebenso wie die zuvor eingeführten Person einfach fallen gelassen.
Der späte Stummfilm, der wie Stummfilmwochenorganisatorin Nicole Litzel bei der Einführung erwähnte, vom technischen Standpunkt der Zeit, auch schon ein Tonfilm hätte sein können, wirkt sehr modern. Seine Spannung erhält der Film hauptsächlich durch den Schnitt. Es ist ein Film der Blicke. Ab dem Auftritt der Dietrich werden ständig Blicke gegeneinander geschnitten: Marlenes verführerischer Blick - Leblancs interessierter. Kortners lüstern-verlangender Blick – Marlenes verachtend-kühler. Leblancs zweifelnder - Marlenes verzweifelter Blick. Karloffs misstrauischer – Marlenes unschuldig-verletzter Blick. u.s.w. Beeindruckend wie sich Spannung und Konflikt allein durch diese Blicke darstellen lassen und ein Beweis des Potentials und er Leistung des Genres. Ein weiterer unverzichtbarer Beitrag zur Stimmungserzeugung ist natürlich die Musik. Das Aljoscha-Zimmermann-Ensemble, bestehend aus Sabrina Zimmermann (Geige) und Mark Pogolski (Piano) begleiteten nach der Partitur von Aljoscha Zimmermann den Film musikalisch und unterstützten damit die anfängliche Leichtigkeit und die später tragische Wendung.

stummfilmwoche2012-drivein

Nebenbei: Das Drehbuch von Ladislaus Vajda (der Vater von Ladislao Vajda, dem Regisseur von Es geschah am helllichten Tag) basiert übrigens auf einen Roman von Kafka-Freund und -Verleger Max Brod. Regisseur Kurt Bernhard machte später als Curtis Bernhardt in Hollywood Karriere. Außerdem gibt es in Eine Frau, von der man sprich die wahrscheinlich erste Drive In-Szene der Filmgeschichte.

Dass es nach der Pause wie aus Kübeln zu Regnen begann, tat der Stimmung an diesen Abend übrigens keinen Abbruch. Zwar bot die Ausweichspielstätte, die Filmgalerie im Leeeren Beutel, in die man nach dem Wettereinbruch gemeinschaftlich umzog, nicht für alle Besucher einen Sitzplatz, aber man rückte zusammen, gab Sitzkissen herum und machte es sich auf dem Fußboden oder Fensterbrettern gemütlich. Fast so wie im Hörsaal - nur schöner.

Die Frau, nach der man sich sehnt, D 1929
Regie: Kurt Bernhardt, Drehbuch: Ladislaus Vajda nach Max Brod, Kamera: Curt Courant + Hans Scheib
Darsteller: Marlene Dietrich, Fritz Kortner, Uno Henning, Oskar Sima, Frieda Richard

Les bien-aimés und die Nova Vlna

9. Mai 2012 lweser Keine Kommentare

Kino-Premiere/Frankreichwoche: Die Liebenden. Von der Last, glücklich zu sein / Les bien-aimés, F 2011, Regie: Christophe Honoré

dieliebenden

Der hochkarätig besetzte Film Die Liebenden von Christophe Honoré, erinnert nicht nur durch seinen Untertitel an die unerträgliche Leichtigkeit des Seins. Auch Details des ersten Abschnitts gleichen Milan Kunderas berühmten Roman. Ähnlichkeiten beider Geschichten finden sich z.B. in einem der männlichen Protagonisten (tschechischer Arzt), sowie in Ort (Prag/Paris) und Zeit (um den Prager Frühling). Ein weiterer Vergleich, der sich unweigerlich aufdrängt ist der mit Jacques Demys Die Regenschirme von Cherbourg. Denn in Die Liebenden wird ebenso wie in den „Regenschirmen“ gesungen. Dort beginnt es in einem Schuhgeschäft, hier in einem Regenschirmladen, jeweils Anfang der 60er Jahre.
Der Film der neben Paris und Prag, auch in London, Montréal und Reims spielt, ist in verschieden Dekaden bis in die 00er Jahren unterteilt. Über die Jahrzehnte kann man zuerst Madeleine (Ludivine Sagnier, Catherine Deneuve) und später auch ihre Tochter Vera (Chiara Mastroianni) bei ihren verschiedenen Liebesbemühungen, beobachten. Trotz Überlänge, sind diese Neigungen nicht immer nachvollziehbar. Man könnte einwenden, dass genau das das Wesen der Liebe ausmacht, welches eben nicht unbedingt mit dem Verstand zu fassen ist.
Die verschiedenen Jahrzehnte, werden hauptsächlich durch Kleidung, Autos und verschiedene Alltagsutensilien dargestellt (von denen der ein oder andere allerdings seiner Zeit vorweggenommen wird). Historische Ereignisse, wie der Einmarsch der russischen Panzer in Prag oder der 11. September geschehen nur am Rand. Die Handlung wird nicht dadurch, sondern allein durch die persönlichen Empfindungen der Protagonistinnen vorangetrieben. Nicht der Panzer wegen verlässt Madeleine ihren Mann und Prag, sondern weil er sie betrügt. Nicht der Terroranschläge in New York wegen bringt sich Vera um, sondern… Ja warum eigentlich? Auch die Motivation für diese Tat bleibt dem Zuschauer ebenso ein Rätsel, wie die seltsame Liebe zu dem homosexuellen Schlagzeuger, den sie nur kurz in London kennengelernt hat. Und auch das ist ein nichtrationaler Vorgang, dem Wesen der Leibe nicht unähnlich.

Für all jene, die sich mit der Nova Vlna (der tschechoslowakischen Neuen Welle) auskennen, dürfte der ein oder andere Name ein paar Assoziationen auslösen. So lautet der Familienname des tschechischen Arztes Jaromil „Passer“. Ivan Passer gehörte neben Miloš Forman, der den alten Jaromil spielt, zu den Vertretern der Neuen Welle. Ivan Passer taucht übrigens sogar im Abspann auf. Der Vorname Jaromils Tochter wiederum erinnert an Věra Chytilová, die ebenfalls Vertreterin der neuen Welle war.

Die Liebenden. Von der Last, glücklich zu sein F 2011, 135 min
Regie + Drehbuch: Christophe Honoré,
Darsteller: Catherine Deneuve, Ludivine Sagnier, Chiara Mastroianni, Louis Garrel, Miloš Forman, Paul Schneider, Radivoje Bukvic

Läuft weiter bis 23. Mai im Wintergarten. Kino im Andreasstadel
www.kinos-im-andreasstadel.de | www.dieliebenden.senator.de

Sans Dessus Dessous/Drunter und Drüber

4. Mai 2012 lweser Keine Kommentare

Eröffnung der 10. französischen Film- und Kulturwoche am 02. Mai 2012, Kinos im Andreasstadel, Regensburg

Die Eröffnung der französischen Film- und Kulturwoche hat sich im Laufe seines Bestehens zu einem wahren Geheimtipp entwickelt. In der jetzigen Form, als „bunter Abend“, existiert sie (mit einer Ausnahme) seit sieben Jahren – also nicht ganz so lange wie die von Medard Kammermeier und Marianne Mion initiierte Frankreichwoche selbst. Der wohl charmanteste Abend in der Regensburger Kulturlandschaft, hat schon viele regionale Kulturgrößen auf die kleine Bühne im Wintergarten-Kino gebracht. Richard Kattan und Stefan Göler von den Tres Hombres, Eberhard Geyer und Thomas Röder, Catherine Hummel von der Deutsch-Französische Gesellschaft, der Kosmos Ost-Singkreis oder das Ost-Hafen-Duo sind nur einige derer, die die Veranstaltung mit Beiträgen bereichert haben. Zu den festen Konstanten des Abends gehören auch Bertl Wenzl (Die Negerländer), Rainer J. Hofmann (Trio Tricolore), Pedro Alvarez-Olañeta (CinEScultura-Spanische Film- und Kulturwoche) und Moderator Boris Kasbauer.

In diesem Jahr konnte man als Einstimmung auf den Abend Louis Malles Tour de France-Film Vive le Tour aus dem Jahr 1962 sehen. Nicht ohne Grund folgte Comme d’habitude, ein Lied von Claude François aus dem Jahr 1967, das Frank Sinatra als Vorlage zu seinem Hit My Way diente. Der erste Live-Beitrag stammte von einer neuen Band, die der Moderator als junge Hoffung aus Montpellier ankündigte, den Diamond Dogs. Diese entpuppten sich jedoch als alte Bekannte aus Regensburg: die bisher als Elektro-Duo bekannten Dirschl & Starzinger, haben sich nicht nur umbenannt, sondern sich auch einem anderen Genre verschrieben. Mit Kontrabass und E-Gitarre interpretierten sie sehr rock n´rollig einen dreisprachigen Marlene-Dietrich-Song aus dem Jahr 1948. In den Ruinen von Berlin (von Friedrich Holländer komponiert) stammt aus dem Billy Wilder Film Eine auswärtige Affäre. - Und das Publikum tobte! Was für ein Einstieg!

ffkw12_diamonddogs

Bedächtiger, aber nicht weniger emotional, rezitierte Christoph Maltz ein (fast schon obligatorisches) Heinrich Heine Gedicht. In Die Grenadiere, imaginierten zwei aus russischer Kriegsgefangenschaft heimkehrende französische Soldaten ihren Heldentod. Im Anschluss trug er eine wenig bekannte Übersetzung des Liebesgedichtes Cet amour von Jacques Prévert (dem Autor von Kinder des Olymps) vor. Christoph Maltz legte sich so ins Zeug, dass Lutz Görner, der deutschen Gedicht-Rezitator par excellence, gegen ihn ganz schön blass aussieht.

Eine Wiederaufführung erfuhr anlässlich des Zehnjahresjubiläums, einer der beliebtesten Beiträge von vor sechs Jahren: Die Tanzeinlage von eben jenem anfänglich gespielten Claude François. Cloclo (Boris Kasbauer) und seinen Claudettes (Marianne Mion, Kathrin Kupitz, Dagmar Reinecke, Catherine Botteron) brachten mit Alexandrie, Alexandra 70er Jahre Disco Feeling in den Wintergarten. Der einstige Frauenschwarm hat aus heutiger Sicht doch einiges an Sex-Appeal eingebüßt. Die unfreiwillige Komik des Originalvideos, das im Hintergrund projiziert wurde, machte der Stimmung jedoch keinen Abbruch. Die Ü40-Tänzer auf der Bühne tanzten sich die Seele aus dem Leib und machten dabei keine schlechte Figur.

ffkw12_cloclo

Rainer J. Hofmann und Pedro Alvarez-Olañeta schlossen sich wieder zum Duo zusammen und boten mit Akkordeon und Gitarre ein mexikanisches Lied aus dem Soundtrack zu Wim Wenders Film Paris, Texas dar. Warum dieser Film französisch ist, wird Pedro Alvarez-Olañeta am Freitag erklären, wenn er den von ihm ausgewählten Film in der Reihe „Cadeaux“ bei der Frankreichwoche vorstellen wird. Als Zugabe pfiffen beide ihren gemeinsamen Klassiker.

ffkw12_rainerpedro

Nach einer filmischen Sarkozy-Persiflage band Medard Kammermeier das Publikum mit einem Quiz in das Bühnengeschehen ein. Das Publikum und drei Kandidaten sollte die französische Herkunft deutscher Wörter erraten. Außer bei „Fisimatenten“ und „Etepetete“ misslang das aber, und der Kinobetreiber konnte einige seiner Freikarten behalten.

Anschließend überraschte Boris Kasbauer das Publikum indem er das angekündigte Duo Martin Haygis (Beige GT, Mason Dixon Line) und Anja Lange (Groß, Grün Und Grausig) zu einem Trio komplettierte. Als Dalida und Alain Delon ersangen und erspielten sie mit Paroles, Paroles (einem Cover des italienischen Originals von Mina und Alberto Lupo) die Herzen des Publikums. Sowohl optisch (Smoking und 70er Jahre Abendkleid), als auch musikalisch und schauspielerisch hätten sie mit dieser Interpretation die berühmten Vorbilder mühelos in den Schatten gestellt.

Auch Bertl Wenzl eroberte jene Herzen (die des Publikums). Mit seiner Gitarre, einem selbstgeschriebenem Text und viel bayrischem Akzent gab er ein skurriles Liebeslied zum Besten. Etwas spöttelnd kommentierte der Moderator diese charmant-schräge Darbietung mit den Worten: „Ein Saxophon ist eben doch etwas anderes als ein französischer Text“. Bertl Wenzl wird in der bereits erwähnten „Cadeaux“-Reihe, in der zehn Freunde des Festivals einen französischen Herzensfilm vorstellen, den wohl ungewöhnlichste Film der Reihe präsentieren. Claude Faraldos „Anarcho-Komödie“ Themroc aus dem Jahr 1972 mit Michel Piccoli kommt übrigens ohne Dialoge aus.

ffkw12_bertl

Eine Aufzeichnung eines Serge Gainsbourg Songs bildete die Überleitung zum letzten Live-Auftritt des Abends. Die “Diamond Dogs aus Montpellier” performten eine Serge Gainsbourg-Komposition, die dieser 1964 für France Gall komponierte. 1995 wurde Laisse tomber les filles von April March unter dem Titel Chick habit gecovert. Diese Coverversion gab das Duo im Andreasstadel zum besten. Da die Diamond Dogs so unglaublichen Publikumszuspruch fanden, wir es demnächst übrigens ein Kino-Konzert von ihnen geben.

Der Abend hat seine Bestimmung wieder voll erfüllt: er hat dem Publikum auf seine gewohnt liebenswerte, chaotische, aber gleichzeitig hochwertige Art, Lust auf eine Woche französischen Film und Kultur und auf Sans Dessus Dessous gemacht.

18. Regensburger Kurzfilmwoche - Regionalfenster 1

20. März 2012 sgruen Keine Kommentare

Recht durchwachsen

(Sigrid Grün)

Eine herbe Enttäuschung konnte der Zuschauer beim Regionalfenster 1 der diesjährigen Regensburger Kurzfilmwoche erleben. Die Moderatorin wirkte unvorbereitet, die Filme lieblos zusammengestellt und erst während (!) des dritten Films wurden die drei Sofas zur Seite geschoben, die die Sicht auf die Leinwand behinderten. Die meisten Filme wurden im falschen Format gezeigt und alle Filme wurden ohne Pause abgespielt, so dass man die Übergänge zwischen manchen Streifen überhaupt nicht richtig bemerkte und das soeben Gesehene kaum auf sich wirken lassen konnte.
Bei der Auswahl der Filme musste man sich unweigerlich die Frage stellen, nach welchen Kriterien ausgewählt wurde. Einige wenige Filme konnten überzeugen - und gingen leider in der scheinbar sehr beliebigen Auswahl unter.

Den Auftakt machte ein netter kleiner Animationsfilm von Tim Schwaiger und Katharina Klier. Ein Kamel ist in LUCKY STRIKES der lachende Dritte.
KLAPPENTEXT von David Liese wirkte stark aufgesetzt. Die dramatisch intendierte Handlung rutsche schon nach wenigen Sekunden ins banale Befindlichkeitskino ab und wurde so leider auch unfreiwillig komisch.
Lysann Wesers Geschichten vom Fluss waren dann wiederum eine runde Sache. Eine berührende Dokumentation, in der das Leben der vier Mattinger Fährmänner reflektiert wird. Hier konnte man einen Film der leisen Töne sehen, der den Donaufährverkehr auf wunderbare Weise einfängt und die Fährleute selbst zu Wort kommen lässt. Der Schluss des Films stimmt nachdenklich - der Fährverkehr in Matting wird wohl über kurz oder lang eingestellt werden. Einer der mitwirkenden Fährmänner war bei der Premiere von Wesers Dokumentarfilm auch anwesend. Leider beeinträchtigte das Sofagerücke zu Beginn des Films die meditative Atmosphäre sehr stark - und auch das Format, in dem die Geschichten vom Fluss abgespielt wurden, entsprach nicht dem Originalformat (16:9). Ein weiterer ärgerlicher Fauxpas, der bei einem professionellen Filmfestival nichts verloren hat.
Murphy’s Snow. Murphy’s Gesetz erklärt an sieben Beispielen von Christopher Baumann entbehrte nicht einer gewissen Komik - aber nicht an den Stellen, an denen er es wohl sein sollte. Schade!
Auch Blasenfrei zapfen sollte das Publikum zum Lachen reizen - aber auf eine Pointe wartete man vergeblich und für einen “Anti-Humor-Streifen” war er einfach zu bemüht.
Wolfgang Wrobleskis Einer weint immer greift das Konzept von letztem Jahr wieder auf: Eine Handlung wird nicht im Film dargestellt, sondern nur erzählt. Was einmal vielleicht lustig ist, ist es in den seltensten Fällen beim zweiten Mal wieder.
Decks an the City war wiederum ein Musikvideo - oder viele eher Visuals - die in einem soliden Kurzfilmprogramm eine schöne Abwechslung inmitten von handlungsreichen Filmen gewesen wäre - in einem derart schwachen Programm ging er leider unter.
Auch die 1000 Augen des Klaus Kinski wäre im Prinzip eine tolle Idee gewesen. Leider wirkte das zusammengeschnittene Material, das Klaus Kinski in den typischen Posen mit weit aufgerissenen Augen zeigt, eher konzept- und lieblos.
Alles Bürste, oder was? - wiederum eine Dokumentation, diesmal über das Bürstengeschäft in der Regensburger Innenstadt, hätte eigentlich aufgehen müssen. Die Bürstenmacherin ist einfach ein Original. Da hätte man einfach nur die Kamera draufhalten müssen. Die unbeholfenen Fragen des Interviewers wirkten leider unfreiwillig komisch, die Kamera zeigte vieles, nur allzu oft nicht den Bildausschnitt, der von Interesse gewesen wäre und ein falsch gesetzter Schnitt unterbrach die Bürstenmacherin mitten im Wort! Kann man so etwas - Regionalfenster hin oder her - wirklich im Rahmen eines professionell aufgezogenen Kurzfilmfestivals zeigen?
Ganz schön war wiederum das Musikvideo von Zarate - Felizidad Zarate, ein “kleines Musikvideo mit Eseln und Autos”. Die Musik war einfach nett und die Band ist sympathisch. Wenigstens zum Schluss bekam der Zuschauer noch einen kleinen Glanzpunkt zu sehen.

Nach diesem Programm muss man sich als Zuschauer die Frage stellen, ob es nicht besser wäre mangels genügend geeignet erscheindener Filme das Regionalfensterprogramm bei Bedarf auf ein einziges Programm einzudampfen und dafür auf Qualität zu setzen. Das Publikum würde es danken!

Sag ja zum Anachronismus

28. Januar 2012 lweser Keine Kommentare

Kino: Michel Hazanavicius: The Artist, F/B 2011, Garbo Kino, Regensburg

Der 1967 in Paris geborene Regisseur Michel Hazanavicius war bisher hauptsächlich durch seine James Bond Persiflagen OSS 017 bekannt. Die Gemeinsamkeiten zu seinem neusten, jüngst mit zehn Oscars nominierten und mit drei Golden Globes ausgezeichneten Werkes The Artist, sind sowohl der Hauptdarsteller Jean Dujardin und die Nebendarstellerin Bérénice Bejo (die Ehefrau des Regisseurs), als auch der Retro-Charakter. Während OSS 017 noch in den 50er Jahren angesiedelt ist, spielt The Artist zwischen 1927 und 1932, dem Übergang von der Stummfilm- zur Tonfilmära. Das Besondere daran ist, dass Hazanavicius die Geschichte mit den Mitteln des Stummfilms erzählt. Angefangen vom Format 1,37:1 bis zu den Zwischentafeln und der symphonischen Filmmusik, die freilich nicht vom Orchester vor der Leinwand, sondern vom Film kommt, erinnert alles an einen Stummfilm. Nur die all zu theatralischen Gesten und das starke Make-Up des Stummfilms nahm Hazanavicius etwas zurück. Allzu befremdlich würde das wohl heute wirken. Vom Spiel erinnert The Artist deshalb eher an Hollywood-Filme der 30er/40er Jahre wie z.B. den Dünnen Mann denn an archetypische Stummfilme des Expressionismus à la Murnau oder Slapstick-Streifen im Stile der “Klamottenkiste”-Reihe.

Der erfolgreiche Stummfilmstar George Valentin (Jean Dujardin) wird von der neuen Technik des Tonfilms überrollt. Er verschuldet sich und es kommt zum rasanten Abstieg. Das Starlet Peppy Miller, das anfangs von Valentin protegiert wurde, ist im Gegenzug die Gewinnerin der neuen Technik. Sie wird zum gefeierten Star. Aber Valentin und seine Hilfe hat sie nie vergessen. Nach einem tragischen und dramatischen Mittelstück kommt es schließlich zum Happy End, bei dem Hazanavicius eine schöne Möglichkeit eingefallen ist, wie Stumm- und Tonfilm doch gemeinsam bestehen können. Die ansonsten recht einfache Story entschuldigt der Zuschauer gern, wird er doch mit Jean Dujardins umwerfendem Charme und seinem einnehmenden Grinsen entschädigt. Ganz so wie einst beim großen Errol Flynn, der jedoch auch sprechen konnte.

The Artist F/B 2011, 100 min
Regie & Buch: Michel Hazanavicius,
Musik: Ludovic Bource, Kamera: Guillaume Schiffman
Darsteller: Jean Dujardin, Bérénice Bejo, John Goodman, James Cromwell, Penelope Ann Miller, Malcolm McDowell, u.v.m.

ab Donnerstag, den 26. januar 2012 im Garbo-Kino, Weißgerbergraben
theartist-derfilm.de | www.altstadtkinos.de

Ein russischer Faust

20. Januar 2012 lweser Keine Kommentare

Vorpremiere/Kino: Alexander Sukorow: Faust, RUS 2011, Wintergarten. Kino im Andeasstadel, Regensburg

Der russische Regisseur Alexander Sukorow, den die europäische Filmakademie zu einen der besten 100 Regisseure der Welt gewählt hat, widmete sich mit seinem neusten Film einem urdeutschen Stoff: Faust von Johann Wolfgang Goethe, diente ihm als frei interpretierbare Vorlage. Der Film ist nach Sonne (Hiroito), Stier (Lenin) und Moloch (Hitler) der letzte Teil seiner Tetralogie über Mythen und Mechanismen der Macht. Das Besondere: Sukorow, der selbst kein Deutsch spricht, drehte den Film auf Deutsch, zumeist mit deutschen und österreichischen Schauspielern. Dennoch wurde der Film (vom Berliner Synchron-Regisseur Stephan Hoffmann) nachsynchronisiert, wenngleich in der Regel von den Schauspielern selbst. Nur der russischstämmige, seit Mitte der 90er Jahre in Deutschland lebende Schauspieler, Tänzer und Theaterbetreiber Anton Adassinsky, der den Mephisto spielt und der isländischer Schauspieler Sigurdur Skulasson, der Fausts Vater mimte, wurden von Fremdschauspielern nachsynchronisiert. 2011 gewann Faust in Venedig den Goldenen Löwen.

faust

Am Mittwoch feierte der Film im restlos ausverkauften Regensburger Wintergarten seine Vorpremiere. Grund dafür dürfte sein, dass der deutsche Verleih des Films seinen Sitz in Regensburger hat. Doch nicht Christian Meinke vom MFA+-Verleih, sondern Kinobetreiber Medard Kammermeier, fasste den Film am treffensten mit zwei Sätzen zusammen: „1. Vergessen Sie alles, was Sie über Faust wissen. 2. Erinnern sie sich an alles was Sie über Faust wissen - um es im Film wieder zu erkennen.“

Sukorows interpretiert Goethes Vorlage sehr frei. Selbst die spärlich eingestreuten Textzitate sind verändert, dem Original-Kontext entrissen und verkürzt. Damit, wie mit seinem ganzen Film, stürzt er Goethes Faust von seinem Thron und baut ihm gleichzeitig einen Neuen, der ab nun mit Sukorows Namen verknüpft ist. Das wiederum erinnert an Goethes berühmte Rede von „Prometheus“ an Zeus, das bekannteste Gedicht des Sturm und Drangs. Sukorows Faust ist weniger von Wissensdurst getrieben, denn von sexueller Begierde und physischem Hunger. Der eigentliche Pakt kommt erst recht spät und nebenbei zustande und wird von Faust erst einmal orthographisch korrigiert. Fausts Welt ist in erster Linie eine stinkende. Mephisto ist bei Sukorow ein Pfandleiher, ein Wucherer. Das Geld übernimmt, wenn man Faust in die Jetztzeit überträgt, die Rolle des Teufels. Das überzeugt sofort.

Visuell und akustisch ist Sukorows Faust verstörend. Das Format 1,37:1, das klassische Stummfilmformat, das heute längst aus dem aktuellen Kino verschwunden ist, ist vielleicht als Referenz an Friedrich Murnaus Faust-Verfilmung (1,33:1) aus dem Jahr 1926 zu betrachten. Interessanterweise kommt das antike Format diesen Monat gleich bei einem weitern Film in den deutschen Kinos zum Einsatz: in der französischen Stummfilmhommage The Artist. Der überfrachtete Ton, eine Mischung aus Athmo, Musik, innerem Monolog, Dialogen und Hindergrundsgespräche plättet den Zuschauer im Zusammenspiel mit der unruhigen Kamera doppelt. Für die Kamera zeichnet Amelie-Kammeramann Bruno Delbonnel verantwortlich. Einmal sind die Bilder verzerrt, mal grünlich oder gelblich mit Weichzeichner, mal überbelichtet, dann wieder mit reduzierter Sättigung und hohem Kontrast. Das mag manchmal ganz hübsch aussehen, wirkt aber willkürlich und kann beim ersten Sehen nicht in einen logischen Zusammenhang gebracht werden. Motivisch dringt Sukorow ein bisschen ins Phantastisch-, Märchenhafte. Da wimmelt es von Homunkuli, Gedärmen und Geistern, Toten und Tieren. Nichtsdestotrotz besitzt Sukorows Faust eine der schönsten Liebesakte der Filmgeschichte: Gretchen steht auf einem Fels im Wasser. Denkt sie an Selbstmord, an ihres Bruders Tod oder an Faust? Faust umfasst sie von hinten. Ihr Gesicht spiegelt Entzücken. Beide kippen nach vorn ins Wasser und verschwinden in seiner schwarzen Tiefe.

Letztlich ist die visuelle, akustische und motivische Überfrachtung vielleicht System, sicher fordert sie den Zuschauer, zuweilen überfordert sie aber auch. Nichtsdestotrotz handelt es sich bei Sukorows Faust vermutlich um die einzig relevante Verfilmung dieses Stoffes neben der Murnaus und der Švankmajers.

FAUST RUS 2011, 130 min
Regie: Aleksandr Sukorov,
Buch: Aleksandr Sukorov, Marina Koreneva, Yuri Arabov, Nach Johann Wolfgang von Goethe
Musik: Andrey Sigle, Kamera: Bruno Delbonnel
Darsteller: Johannes Zeiler, Anton Adassinsky, Isolda Dychauk, Georg Friedrich, Hanna Schygulla, Antje Lewald, Florian Brückner, Sigurður Skúlason, Andreas Schmidt, u.v.m.

ab Donnerstag, den 19. januar 2012 im Wintergarten-Kino, Andreasstadel
www.mfa-film.de | www.kinos-im-andreasstadel.de

„Anspruch und Tiefe? – Überschätzt!“

21. Dezember 2011 lweser Keine Kommentare

Kino / Vorpremiere: Sommer der Gaukler, in Anwesenheit von: Regisseur Marcus H. Rosenmüller, Cutter: Georg Söring, Komponisten: Gerd Baumann und Thomas Rebensburg; Regina-Kino, Regensburg

Marcus H. Rosenmüller ist seit seinem Riesenerfolg Wer früher stirbt… aktiver denn je. Fast halbjährlich erscheint ein neuer Film von ihm in den deutschen Kinos. Sein zweiter Kinofilm in diesem Jahr startet am Donnerstag offiziell in den Kinos (ein dritter namens St. Daisy - Wer’s glaubt wird selig ist abgedreht, erscheint im August 2012). Doch zuvor stellt Rosenmüller den Sommer der Gaukler gemeinsam mit anderen Teammitgliedern bereits in einigen ausgewählten bayrischen Kinos, unter anderem im Regina in Regensburg, selbst vor.

Sommer der Gaukler Team: Rebensburg, Baumann, Rosenmüller & Söring

Sommer der Gaukler Team: Rebensburg, Baumann, Rosenmüller & Söring

Im Sommer der Gaukler des Jahres 1780, strandet Emanuel Schikaneder, (geboren in Straubing, aufgewachsen in Regensburg, fahrender Schauspieler, Theatergruppenleiter, „Zauberflötenlibrettist“ und Begründer des „Theaters an der Wien“ in Wien) mittellos mit seiner Schauspielkompanie in dem Voralpenort Inzell, weil ihm die Spielerlaubnis für Salzburg verweigert wird. Der Rest ist weitestgehend Fiktion, wenngleich Drehbuchautor Robert Hültner, sich an Versatzstücken von Schikaneders Biographie schadlos hält. In jenem Bergdorf findet Schikaneder (Max von Thun) die Inspiration zu einem neuen Stück: die Bergleute rebellieren unter dem vermeintlichen Anführer Georg Vester (Maxi Schafroth) gegen die schlechten Arbeitsbedingungen in den Gruben von Bergwerksbesitzer Paccoli (Rosenmüller nennt es die Vorstufe zur französischen Revolution). Gleichzeitig verliebt sich dessen Tochter Babette (Anna Maria Sturm) in den Bergrebellen wider Willen Vester, Schikaneders Truppe meutert, da alles Geld aufgebraucht ist, und Schikaneder lässt sich auf ein Experiment ein: Ist es möglich mit der Aufführung eines Schauspiels das einfache Volk zu erreichen? Es ist fast unmöglich alle Handlungsstränge, alle Ideen, alle Bilder und Anspielungen, die in Rosenmüller Film stecken aufzuführen. Letztlich „jagt das Theater das Leben und das Leben das Theater“ und jene werden zu Rebellen gemacht, die doch nur ihre Ruhe haben wollen. Es gibt fast zwei Revolutionen und Mozarts Zusammenarbeit mit Schikaneder ist besiegelt. Rosenmüller schreibt sich selbst noch mit ein, als er Mozart sagen lässt: „Schikaneder du bist großartig. Weißt du aber was dir fehlt?“ Schikaneder antwortet genervt: „Anspruch und Tiefe?“ – „Quatsch, alles überschätzt - …“ Tatsächlich kann man einem solchen prallem, opulenten, bildgewaltig, hundertfünfminütigen Rausch, von dem keine einzige Minute langweilig ist, fehlenden Tiefgang und Anspruch nicht vorwerfen. Die braucht’s dann wirklich nicht mehr.
„…Musik“ ist Mozarts Antwort und nicht mal die fehlt bei Rosenmüller. Zwei Lieder hat er in seinem Film integriert, den Bergarbeiter-Blues und den Babette-Song. Der kurze Ausflug in, und gleichzeitig die Parodie auf das Musicalgenre irritiert ganz kurz, passt dann aber so gut, dass man den Vorwurf, das sei nun doch ein bisschen zu viel, gleich wieder vergisst. Schließlich ist die Sprache in den jeweiligen Passagen so rhythmisch, das sie fast zwingend ins Lied führen muss und gleichzeitig mit der Ausführung wieder ironisch gebrochen wird. Auch die restliche Musik, ein aufwendiger Soundtrack an dem die Komponisten zwei bis drei Monate arbeiteten, ist sehr beachtenswert. Der mitgereiste Filmmusikkomponist Gerd Baumann (der auch den Soundtrack zu sieben anderen Rosenmüller-Filmen oder zu Färberböcks Sau Nummer Vier verantwortete), erklärt in Regenburg, sich gegen die anfängliche Idee echte Mozart-Musik zu verwenden, entschieden zu haben und statt dessen Musik komponierte, die so tut, als wäre sie von Mozart. Für das orchestrale der Musik, mit der Baumann, wie er zugibt wenig Erfahrung hatte, erhielt er Unterstützung von Wolfgang Roth und Thomas Rebensburg (Komponist für Rosenmüllers ersten Kurzfilm C’est la vie). Eingespielt wurde die Partitur dann vom den Münchner Symphonikern unter der Leitung von Andreas Kowalewitz. Baumann verrät, dass er, um die Figur des Schikander musikalisch zu transportieren, sich für einen Jahrmarkts-Touch entschied, den er unter anderem durch eine „quäkige“ italienische Orgel erzielte.

Eleonore (Lisa Maria Potthoff) liebt Emanuel Schikaneder (Max von Thun). (c) Movienet

Eleonore (Lisa Maria Potthoff) liebt Emanuel Schikaneder (Max von Thun). (c) Movienet

Die Ähnlichkeit zu Miloš Formans Amadeus (USA 1984) drängt sich auf. Nur ist bei Rosenmüller eben Schikaneder das durchgeknallte Genie (oder auch nur Möchtegern-Genie) und nicht Mozart. Rosenmüllers Mozart sieht mit seiner toupierten 80er-Jahre-Frisur, dem Formans tatsächlich ähnlich. Rosenmüller verneint aber Forman als bewusstes Vorbild. Stattdessen nennt er Melvin Franks Der Hofnarr (USA 1955) mit Danny Kaye in einer Doppelrolle und auch ein wenig Gérard Depardieu in und als Cyrano de Bergerac, sowie die Rolle des Jack Sparrow aus Der Fluch der Karibik als Vorbilder für die Figur des Schikaneder.

Hier noch ein paar interessanten Fakten und Querverbindungen zum Film:
Zu drei Monaten Vorbereitung, kamen 32 Drehtage und drei bis vier Monate für den Schnitt. Hauptsächlich wurde im Museumsdorf Tittling im Bayrischen Wald gedreht. Die Anfangszene entstand in der Altstadt von Bozen, die Theaterszenen im Barocktheater in Český Krumlov und ein bisschen Berg wurden in Südtirol aufgenommen.
Die unglaubliche Liebeserklärung (laut Rosenmüller Filmgeschichtsverdächtig) von Vesper an Babette wurde übrigens spontan eingebaut und in einer einzigen Nacht von Maxi Schafroth geschrieben.
Burgtheaterschauspieler und „Jedermann“ an der Seite von Birgit Minichmayr bei den Salzburger Festspielen, Nicholas Ofczarek spielt den genialen Schauspieler Wallerschenk, der in Schikaneders Frau verliebt ist.
Mit Anna Maria Sturm (Babette) und Anna Brüggemann (Magd Maria) spielen gleich zwei (ehemalige) Regensburgerinnen im Sommer der Gaukler mit.
Christian Lerch, Werkhofsleiter aus Franz X. Bogners Der Kaiser von Schexing, spielt hier einen fiesen einäugigen Vorarbeiter und ist kaum wieder zu erkennen.
Lindenstraßen-Erfinder Hans W. Geißendörfer produziert den Film (gemeinsam mit Ernst Geyer).
Produktionsleiter Thomas Blieninger produzierte auch Meine Mutter, mein Bruder und ich der neben Armenien, auch in Regensburg gedreht wurde.
Michael Kranz (Alfons der Kutscher) war in Sebastian Sterns Die Hummel als Sohn von Jürgen Tonkel zu sehen.
Der Sommer der Gaukler-Soundtrack ist bei Millaphon Records erschienen, dem Indie-Label, das Gerd Baumann zusammen mit Mehmet Scholl (Bayern München) und Till Hofmann betreibt.

Sommer der Gaukler D 2011, 105 min
Regie: Marcus H. Rosenmüller, Nach einem Roman von Robert Hültner
Musik: Gerd Baumann, Schnitt: Georg Söring, Kamera: Stefan Biebl, Szenenbild: Josef Sanktjohanser
Darsteller: Max von Thun, Lisa Maria Potthoff, Nicholas Ofczarek, Michael Kranz, Anna Maria Sturm, Erwin Steinhauer, Maxi Schafroth, u.v.m.
ab Donnerstag, den 22. Dezember 2011 im Regina-Kino
www.sommerdergaukler-derfilm.de | www.reginakino.de

Dem Rolf Shimon Eden ein Denkmal

17. November 2011 lweser Keine Kommentare

Heimspiel: einziger Dokumentarfilm The big Eden Regie Peter Dörfler

Insgeheim und mit einem Schmunzeln wurde die Berlinale 2011 das Festival der über-80-Jährigen genannt. Zwei vielbeachtete Dokumentarfilme widmeten sich jeweils einem älteren Herren, welche jedoch unterschiedlicher nicht sein könnten. Susanne Rostocks Film Sing your Songs porträtiert den Sänger, Schauspieler und Unicef-Botschaftler Harry Belafonte. Peter Dörfler setzte mit The big Eden dem Playboy, Geschäfts- und Lebemann Rolf Shimon Eden ein Denkmal.

the-big-eden

Aber wir sind hier nicht auf der Berlinale, sondern beim Heimspiel. Zum Heimspiel werden kaum Filme eingereicht, sondern das kleine Team, allesamt Studenten um den Medienwissenschaftler Sascha Keilholz, fordern gezielt Filme an. Wie bei der Einleitung zur Projektion von The Big Eden verraten wurde, sind 75% aller angeforderten Filme Dokumentarfilme. Vermutlich ist der Publikumszuspruch bei Dokumentarfilmen nicht sehr hoch. Jedenfalls fand sich im Programm diesmal nur eine Doku, eben jener The Big Eden. Leider war das Kino diesmal recht schwach besucht, was aber vielleicht in der undankbaren Uhrzeit begründet liegt.
Peter Dörfler nähert sich Rolf Eden auf fast zurückhaltende Weise. Ein solch extrovertierter Mensch muss nicht gebeten werden etwas von sich preiszugeben. Dörfler lässt also erzählen. Unterstützung erhält er von Edens derzeitiger Freundin Brigitte und Uschi, einer Ex. Interviewt werden neben einigen seine Exfrauen, Kinder, Enkel, auch sein Bruder oder ehemalige Kameraden aus Jerusalem. Denn eins wird schnell klar, trotz aller Zentrierung auf Party, Geld und Frauen, gab es auch einen anderen Eden: Shimon. Den will er aber lieber beiseite wischen. 1933 wanderte die jüdische Familie Eden aus Deutschland nach Palästina aus. So fällt ganz beiläufig in einer Runde mit alten Kameraden (darunter der Publizist Avi Primor und der Filmproduzent Menachem Golan), dass Herr Shimon, seiner Rolle im Unabhängigkeitskriegs wegen, als Held galt. „Ich war 18 und habe nicht nachgedacht, als ich als erster nach vorn stürmte. Heute würde ich als erster nach hinten stürmen.“ kommentiert das Eden es nur. Sein Freund der Schriftsteller Yoram Kaniuk verrät, Eden habe ihm das Leben gerettet. Er wollte zwar nichts von seiner Krebserkrankung wissen, aber zwei Tage später schickte er ihm jede Menge Geld. Nach dem Krieg reiste er nach Paris und verdiente als Musiker sein Geld. 1957 kehrte er, einer Rückkehrpämie von 6000 Mark wegen, nach Berlin zurück, was keiner seiner Freunde und Bekannten in Israel verstand. Mit dem Geld kaufte er sich seinen ersten Nachtclub den „Old Eden“. Es folgten „The new Eden“ und „The big Eden“. Auf den alten Fotos erkennt man David Niven oder Roman Polanski unter den Gästen. Auch die Rolling Stones waren da, oder Liza Minelli, Ella Fitzgerald oder Louis Armstrong. Und wärenddessen Frauen, Frauen, und nochmals Frauen. Seine jetzige Freundin ist jünger als der eine oder andere Enkel. Ein Enkel sagt, es war normal, dass Opa am Abend eine andere Frau hatte als am Morgen und am Morgen darauf wieder eine andere. Immerhin hat er es so auf sieben Kinder von sieben Frauen gebraucht. Nur wenige dieser Frauen sprechen in Bitterkeit von ihm, obwohl sie jeweils mit der Schwangerschaft abgeschrieben waren. Seine Parties, Reisen und Frauen hat er selbst mit Super8-Ton-Film dokumentiert. Auf 200 Stunden Material konnte Peter Dörfler zurückgreifen. Die alten Fotos werden durch 3-D-Technik lebendig. Hier flackert der Schatten eins Baumes im Wind, dort fällt Konfetti. So werden die alten Fotos fast zu bewegten Bildern.
Am Ende ist man doch ein bisschen ermüdet und glaubt, dass es Rolf Eden ebenso geht. Er spricht sogar vom Tod, obwohl er Tod und Krankheit immer verdängt hat. Aber sein letzter Satz ist wieder so provokativ und beweist, dass man sich getäuscht hat. Eden ist noch nicht müde.

The big Eden ist es auf jeden Fall wert im Kino gesehen zu werden. Wer es beim Heimspiel verpasst hat, hat vielleicht noch die Möglichkeit dazu. Der offizielle Kinostart ist erst im Dezember 2011.

The big Eden D 2011, 90 min
Regie, Buch und Kamera: Peter Dörfler
Mit Rolf Eden, Brigitte, Ursula Buchfellner, Joram Kaniuk

ab 08. Dezember 2011 im Kino.
www.thebigeden-film.com | heimspiel-filmfest.de