30 Jahre Regensburger Stummfilmwoche
30. Regensburger Stummfilmwoche, Freitag 3. August 2012, Klostergarten der Minoritenkirche - Expertengespräch mit Nina Goslar (arte, ZDF) und Sabrina Zimmermann (Aljoscha-Zimmermann-Ensemble) und Nosferatu, Regie: F.W. Murnau, D 1921/22; musikalisch begleitet vom Aljoscha-Zimmermann-Ensemble
Zum dreißigsten Geburtstag der Regensburger Stummfilmwoche wollten die Organisatoren den treuen Zuschauern etwas Besonderes bieten. So luden sie am Freitag bei freiem Eintritt zu einem Expertengespräch ein. Nicole Litzel vom Organisationsteam der Stummfilmwoche befragte zuerst Nina Goslar, die bei arte und ZDF für Stummfilm verantwortliche Produzentin. Sie sprang spontan für den erkrankten Werner Sudendorf von der deutschen Kinemathek in Berlin ein. Während des Gesprächs kamen einige interessante Hintergrundinformationen zum Vorschein. Wussten Sie zum Beispiel, dass heute nur circa 10% der deutschen Stummfilme erhalten sind? Oder dass eine Nitrokopie, das damals übliche Filmmaterial, eine Haltbarkeit von ca. 100 Jahren hat, so dass die Filmrestauratoren im Moment also gegen die Zeit arbeiten. Ein wenig spezieller wurde es, als es um Musikfassungen ging. Die meisten Stummfilme hatten von Anfang an eine eigene Filmmusik. Zwar sind leider davon nur die wenigsten erhalten, ein populäres Beispiel für eine noch vorhandene Originalpartitur ist jedoch die zu Metropolis. Sie war lange der einzige Hinweis darauf, dass von der damaligen Film-Version ein gutes Stück fehlt. Da die Partitur außerdem über tausend Angaben zum Film beinhaltet, war in diesem Fall die Musik ein wichtiger Baustein zur Restaurierung des Filmes.
Originalpartituren oder auch nur die dafür nötigen Tantiemen aber, kosteten Geld, die sich kleinere Kinos nicht leisten konnten. Darum gab es eine Art Musik-Katalog, in dem verschieden Melodien einzelnen Situationen und Stimmungen von Filmen zugeordnet wurden. Herausgegeben hat sie Giuseppe Becce, der “Quasi-Urvater” der deutschen Filmmusik. Frau Goslar spielte einige Beispielmotive vor. Der Zuschauer/-hörer konnte versuchen zu erraten für welche Situation sie gedacht waren.

Als Überleitung zu Nosferatu, dem Jubiläumsfilm des Abends und den das Aljoscha-Zimmermann-Ensemble musikalisch begleiten würde, interviewte Frau Goslar dann Sabrina Zimmermann (vormals Hausmann). Deren Vater, Aljoscha Zimmermann, der bekannteste zeitgenössischen Stummfilmkomponist, hinterließ ihr bei seinem Tod im Jahr 2009, über 400 Partituren. Allein acht Versionen habe er zu Noseferatu geschrieben. Auf jeder Notenblattseite gäbe es bei Zimmermann Synchronangaben. Zusätzlich spielt die Improvisation aber auch eine wichtige Rolle. Zimmermanns Filmmusik kann man als klassische, sehr dramatisch-emotionale Filmmusik bezeichnen. Bestens geeignet für den Horror-Film-Klassiker Nosferatu, zu dessen Inhalt man eigentlich nicht viel sagen muss.
Murnau griff unautorisiert auf Bram Storkers Roman Dracula zurück. In Folge dessen kam es zu Prozessen, die die Produktionsfirma in den Ruin trieb. Die Rechteinhaber forderten gar die Vernichtung sämtlicher Filmkopien. Glücklicherweise misslang dieses Unterfangen.

Seit Bestehen der Regensburger Stummfilmwoche erweist sich Nosferatu immer wieder als Publikumsmagnet. So auch diesmal. Schön, dass das Publikum neben vielen Stammgästen, auch aus überraschend vielen jungen Leuten bestand. Die Nachfrage war diesmal so groß, dass sogar mehrere dutzend Menschen abgewiesen werden mussten. Beeindruckend bleibt, wie souverän das kleine AKF-Team um Nicole Litzel und Dario Vidojković alle organisatorischen Herausforderungen löst: Aufbau, Kasse, Einlass, Technik, hier einen Zusatzstuhl oder leere Gläser für das Restaurant organisiert, dort schnell ein Interview gegeben und sich trotzdem herzlich um Musiker und Gäste gekümmert. Von der Organisation im Vorfeld (wie Filmauswahl, Filmkopien, Aufführungsrechte ect.) ganz zu schweigen!
Alles Gute, liebe Stummfilmwoche, für die nächsten 30 Jahre.
Bevor es am darauf folgenden Wochenende mit Trotzheirat, Orlacs Hände und Die drei Musketiere weiter geht, kann man bis dahin den diesjährigen Oscarabräumer The Artist (F/USA 2011) in der Filmgalerie ansehen. Eine schöne Idee mit dieser jungen Stummfilmhommage die zwei Stummfilmwochenenden zu verbinden.
Donnerstag 09.08.: Trotzheirat, Regie: Edgar Sedgwick/Buster Keaton, USA 1929
Live-Musik: Rainer J. Hoffmann
Freitag 10.08.: Orlacs Hände, Regie: Robert Wiene, A 1924
Live-Musik: Bertl Wenzl & Markus Stark
Samstag 11.08.: Die drei Musketiere, Regie: Fred Niblo, USA 1921
Live-Musik: Klaus Reichardt & Jan Kahlert
www.filmgalerie.de











