Grüß Gott Chris Kraus und Tere Päevast Tambet Tuisk
Die Kultur-Ostbayern Redakteure Filippo Franco und Lysann Weser trafen Regisseur Chris Kraus und den estnischen Schauspieler Tambet Tuisk im Münchner Asam Hotel und befragten sie über den neuen Film Poll und das deutsch-estnische Verhältnis.
Der neue Film von Chris Kraus (Vier Minuten) spielt im vom zaristischen Russland besetzten Estland vor Ausbruch des ersten Weltkrieges. Im Mittelpunkt steht eine adlige deutsche Familie. Oda (Paula Beer) reist nach dem Tod ihrer Mutter aus Berlin zu ihrem Vater (Edgar Selge) und dessen neuen Familie auf das Gut „Poll“ in Estland. Hier fühlt sie sich verloren und einsam, bis sie den verletzten estnischen Anarchisten (Tambet Tuisk) trifft. Die ausführliche Kritik zum Film Poll finden Sie ebenfalls auf Kultur-Ostbayern.

Poll ist die erste internationale Produktion in der der estnische Schauspieler Tambet Tuisk mitwirkt. Bisher war er außerhalb Estlands nahezu unbekannt. Anlass für uns Tambet Tuisk zu bitten etwas von sich zu erzählen.
Der 1976 in Pärnu geborene Este lebt und arbeitet in Tallin. Vor circa zehn Jahren absolvierte er seine Schauspielausbildung. Er gehört zum festen Schauspiel-Ensemble des Tallinner NO 99-Theaters. Dadurch ist er auch in das Programm der diesjährigen Kulturhauptstadt eingebunden. Letzte Woche waren das Ensemble mit der Kultur-Hauptstadt-Inszenierung Wie man ein dem toten Hasen die Bilder erklärt am Thalia-Theater Hamburg zu Gast. Mit diesem Stück war die Truppe auch schon 2010 bei der Wiener Festwochen am Burgtheater. Der Titel beruht auf eine gleichnamige Kunstaktion von Josef Beuys. Doch für Estland hat dieser Titel eine weitere Bedeutungsebene. Der Name der estnischen Kultusministerin lautet übersetzt ebenfalls „Hase“. Der Name Tuisk bedeutet übrigens „Schneesturm“. Tambet Tuisk bemerkt, dass die deutsche und estnische Art der Theaterspielens und der -Inszenierung sehr ähnlich seien. In Estland habe das Theater einen sehr hohen Zuspruch in der Bevölkerung. Laut Tuisk habe sein Land die höchsten Theaterbesuchszahlen pro Einwohner weltweit. Man würde also kaum einen Esten treffen, der nicht weiß, wer Tambet Tuisk ist, fragen wir. „Vermutlich“ gesteht er.
Als die Besetzung des “Schnaps”, des estnischen Anarchisten in Poll, gesucht wurde, sprachen fast alle Schauspieler Estlands, die zwischen 25 und 37 Jahren alt waren, vor. Tambet Tuisk durchlief wie alle Anderen auch das Casting. Chris Kraus verriet jedoch, dass er vorher bereits als Favorit galt.
Bemerkenswert an Poll ist der Umgang mit Sprachen und Dialekten. Die deutschen Schauspieler mussten den Dialekt der Deutschbalten, aber auch Russisch sprechen. Der Großteil des Textes von Tambet Tuisk, war Deutsch.
Auf die Frage, wie es Chris Kraus geschafft hat, den ausgestorbenen Dialekt der Deutschbalten zu rekonstruieren, antwortete dieser, er sei als Sohn deutschbaltischer Eltern mit diesem Dialekt aufgewachsen. Da die Deutschbalten nachdem sie 1939 ihre Heimat verloren hatten, auch in Deutschland eine sehr geschlossenen Gruppe bildeten, gab es noch lange Zeit viele ältere Menschen, die diesen Dialekt sprachen.
Für Tambet Tuisk, dessen Muttersprache Estnisch, durch die langjährige sowjetische Besatzung aber auch Russisch ist, war die Schwierigkeit Deutsch zu sprechen genauso groß, wie für die deutschen Schauspieler den deutschbaltischen Dialekt. Tambet Tuisk verriet, dass er circa dreieinhalb Monate mit seinem Lehrer vom Tallinner Goetheinstitut an einer sicheren, aber noch immer estnisch gefärbten Aussprache, arbeitete.
Im Gegensatz zur üblichen Praxis in der Filmbrache, sind in Poll, alle Hauptaufgaben, außer der Regie, in Frauenhand: Produktion, Kamera, Setdesign, Kostüme, Maske, Musik, usw. Eine 30% Frauenquote wie aktuell für Führungsposten gefordert, braucht Chris Kraus also nicht. Ihm sei das Geschlecht seiner Mitarbeiter völlig egal. Da alle außer Kamerafrau Daniela Knapp bereits bei Vier Minuten im Team waren, seien sie aufeinander eingespielt, was die Arbeit vereinfache. Wenn es einen besonderen weiblichen Blick im Film gebe, so Kraus, käme der aber von ihm selbst.
Poll läuft vorerst für vier Wochen in Regensburger Kinos. Vielleicht übertreffen Zuschauerzahlen und Auszeichnungen am Ende sogar die von Vier Minuten. Chris Kraus jedenfalls wusste, dass sein letzter Film in Regensburg äußerst erfolgreich lief.