“Das Worrrrrrt ist schon Musik”
(Sigrid Grün)
Der Wiener Komponist und ehemalige Sängerknabe Heinz Karl Gruber beweist mit den Stücken auf der Cd Zeitstimmung eindrucksvoll, wie pointiert und wunderbar eigenwillig zeitgenössische Musik sein kann.
Rough Music, Zeitstimmung und Charivari heißen die drei hier eingespielten Werke und allen wohnt ein unvergleichlicher Zauber inne.
Rough Music (Raue Töne) entstand Anfang der 80er Jahre. Gruber sollte im Auftrag des ORF ein Schlagzeugkonzert für den ersten Solopauker des ORF-Symphonieorchesters, Gerald Fromme, komponieren. Vor das Problem gestellt, dem Schlagzeug eine angemessene Stimme zu verleihen, entschloss er sich dazu, den Solisten als “Vorsitzenden eines Ensembles” einzusetzen. Im Rahmen der Arbeit an seinem Orchesterstück Charivari (ebenfalls auf dieser Cd) stieß Gruber auf den französischen Brauch des ‘Charivari’, einen Rügebrauch, mit dessen Hilfe soziale Verstöße einst sanktioniert wurden. Vor dem Haus des Missetäters wurde Krach gemacht, Kochtopfdeckel und Zinnservierbretter wurden aneinander geschlagen, Katzen zum Kreischen gebracht (daher auch die deutsche “Katzenmusik”). Der Brauch gelangte über Frankreich als “Shivaree” nach Kanada und Louisiana, nach England als “Rough Music” und wurde im Baskenland (vermutlich lautmalerisch) als “Toberac” bezeichnet. In Anlehnung an den Exportschlager “Katzenmusik” nannte HK Gruber die Sätze des Schlagzeugkonzertes auch “Toberac”, “Shivaree” und “Charivari”.
Das zweite Werk, Zeitstimmung, ist eine ungemein faszinierende Vertonung von 13 Gedichten H.C. Artmanns. Die Texte sind verwirrend und erhellend, sinnlich und verspielt, absurd und voller Poesie. Dem Zyklus wird musikalisch eine einzige Zwölftonreihe zu Grunde gelegt, die allerdings manchmal auch durchbrochen wird.
Thematisch findet man hier eine Vielzahl unterschiedlichster Bereiche ausgeleuchtet, von Himmel durch die Welt des fetten Grafen, der das Nordlicht verschachert, zur Hölle. Auch wenn die Texte zunächst witzig klingen mögen, so sind sie doch eigentlich eher erschreckend in ihrem Anliegen, die “Stimmung der Zeit” aufzugreifen.
Das letzte Stück, Charivari, war ursprünglich als Filmmusik konzipiert. David Drew, der New Music Director des Musikverlages Boosey and Hawkes veranlasste Gruber schließlich dazu, die Filmmusik zum Orchesterstück auszubauen. Er erkannte Anleihen bei Johann II Strauß’ (1825-99) Perpetuum Mobile-Thema (ebenfalls auf dieser Cd). Wie Strauß, der in diesem Stück den ewigen Tanz- und Vergnügungsreigen der Wiener Gesellschaft während der Ballsaison aufgreift, hat auch HK Gruber in seinem “österreichischen Journal für Orchester” (Untertitel) die österreichische Gesellschaft, vor allem im Hinblick auf den Umgang mit der eigenen Geschichte, thematisiert.
Das Tonkünstler-Orchester Niederösterreich unter der Leitung von Kristjan Järvi hat die faszinierenden Werke des österreischischen Komponisten hervorragend realisiert. Besonders hervorzuheben ist die Leistung des jungen “Multipercussion Artists” Martin Grubinger, der eindrucksvoll beweist, welche Bedeutung dem Schlagzeug innerhalb eines Orchesters zukommen kann.
Wer den jungen österreichischen Ausnahmemusiker Grubinger live erleben möchte, hat am kommenden Donnerstag die glückliche Gelegenheit dazu. Im Rahmen der Regensburger Odeon Concerte wird er seine Virtuosität als Percussionist im Audimax der Regensburger Universität unter Beweis stellen.
www.kultur-ostbayern.de
hk gruber, kristjan järvi, martin grubinger (Komponist; Dirigent; Schlagzeug)
Zeitstimmung
www.KlassikCenterKassel.de
79 Minuten