Monologe in der Mittelschicht
Alan Bennett: Ein Kräcker unterm Kanapee
Nach dem großen Erfolg von Die souveräne Leserin werden nach und nach alle älteren Werke Alan Bennetts wiederaufgelegt, manche erscheinen, wie Ein Kräcker unterm Kanapee erstmals auf Deutsch. Der Band versammelt sechs Monologe (eine Mischung aus Kurzgeschichte und Theaterstück), die Alan Bennett 1987 für die BBC geschrieben hat. Der britische Sender inszeniert sie und zeichnete sie auf. In Buchform erschien Ein Kräcker unterm Kanapee 1988 in Großbritannien unter dem Titel Talking Heads.
In jeder Erzählung steht jeweils eine Person im Mittelpunkt, die einen Monolog hält. Alle sechs kommen eher von der Verliererseite des Lebens - jedoch nicht in ihrer Selbstwahrnehmung. Ob diese gestörte Selbstwahrnehmung ein Schutzmechanismus ist oder auf mangelnden Intellekt zurückzuführen ist, bleibt offen. Aus der beschränkten Sichtweise der Protagonisten ziehen die Texte sowohl ihre Tragik, wie ihre Komik.
Die ersten drei Geschichten vermitteln einen eher positiven Grundton, die man als Leser den Monologisierenden in all ihrer Tragik, zugestehen kann. In ein Splitter im Zucker führt der psychisch gestörte Graham und seine leicht demente Mutter eine eheähnliche Beziehung, die in Gefahr gerät, als seine Mutter ihren Jugendfreund Mr. Turnbull wiedertrifft, der ihr den Hof macht. Als Mr. Turnbull sich als Betrüger herausstellt, triumphiert Graham. Er erkennt nicht, dass seine Mutter dadurch eine große Freude genommen wird und ihr gegenseitiges Abhängigkeitsverhältnis inzestuöse Züge trägt. Die für beide gewohnte Mutter-Sohn-Beziehung ist wiederhergestellt. Nur so kann er glücklich sein. Susan, die Pfarrersehefrau in Ein Bett zwischen Linsen ist vielleicht die positivste der Protagonisten. Zum einen durch eine recht kritische Haltung ihrer Umgebung gegenüber, zum anderen dadurch, dass sie sich weiterentwickelt. Sie überwindet durch das Verhältnis zu ihrem indischen Lebensmittel- (und Spirituosen-) Händler ihren Alkoholismus - nur ihren Zynismus überwindet sie nicht. Miss Ruddock, die zwanghafte Beschwerdebriefschreiberin in Frau mit Füllfederhalter entwickelt sich ebenfalls weiter. Als sie in Folge ihres uneinsichtigen Verhaltens ins Gefängnis kommt, ist sie unter Verbrechern das erste Mal glücklich - weil sie auch das erste Mal gebraucht wird.
Die letzten drei Geschichten hingegen sind eher von einem negativen Duktus geprägt.
Die Komparsin Lesley aus Ihre große Chance ist zwar von einem ungeheurem Tatendrang und Optimismus beseelt, doch keiner der Leser kann glauben, dass sie sich nicht ausgenutzt fühlt, wenn sie mit jedem aus der Filmbrache schläft und dennoch von keinem ernst genommen wird. Auch Muriel in Aufrecht weiter sagt sich am Ende “Ich bin kein tragischer Typ” doch ihr Abstieg ist bereits vollzogen. Nach dem Tod ihres kriminellen Mannes, der ihre Tochter jahrelang missbraucht hat, wird sie von ihrem Sohn um sämtliches Vermögen betrogen. Doch all das erkennt sie in ihrer grenzenlosen Naivität nicht. Die vorher so reiche, aktive und sozial anerkannte Frau, lebt jetzt völlig verarmt und isoliert in einem Ferienhaus und schaut den ganzen Tag ungefiltert fern. Niemand wird bemerken, wenn sie stirbt. Schließlich hat sie, so wie Doris, die Fünfundsiebzigjährige aus Ein Kräcker unterm Kanapee, nichts mehr vor sich als den Tod. Was Doris von den Protagonisten der anderen Geschichten unterscheidet: sie erkennt es: “Jetzt ist es sowieso vorbei.” Ob sie erkannt hat, dass ihr Putz-Komplex sie in diese Situation gebracht hat, bleibt wiederum offen.
Alle sechs Geschichten sind, gemäß ihrem ursprünglichen Verwendungszweck, mit Regieanweisungen versehen. Bennett lässt alle seine Protagonisten in einer einfachen, dennoch jeweils eigenen Sprache drauflos erzählen. Mit wenigen Worten vermag er uns die Lebensrealität der Einzelnen Personen zu vermitteln. Wenn man Bennett einen Vorwurf machen kann, dann den, dass außer Graham, alle seine doch recht beschränkten Protagonisten Frauen sind, die noch dazu alle eher der Mittel- bis Unterschicht zuzuordnen sind. Gibt es nicht auch beschränkte Top-Manager, die nicht über ihre Bilanzen hinausblicken können?
Ein Kräcker unterm Kanapee ist wieder in der schönen SALTO-Reihe des Wagenbach-Verlages erschienen. Der Band ist mit einem Nachwort von Alan Bennett versehen, indem er selbstkritisch und selbstironisch seine Texte reflektiert.
Ein Kräcker unterm Kanapeevon Alan Bennett
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Wagenbach Verlag, 2010
144 Seiten. Rotes Leinen, fadengeheftet
15,90 €


Die Märchenbraut
Der Knochenmann

