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Artikel Tagged ‘Out of Ostbayern’

Monologe in der Mittelschicht

21. April 2010 lweser Keine Kommentare

Alan Bennett: Ein Kräcker unterm Kanapee

Nach dem großen Erfolg von Die souveräne Leserin werden nach und nach alle älteren Werke Alan Bennetts wiederaufgelegt, manche erscheinen, wie Ein Kräcker unterm Kanapee erstmals auf Deutsch. Der Band versammelt sechs Monologe (eine Mischung aus Kurzgeschichte und Theaterstück), die Alan Bennett 1987 für die BBC geschrieben hat. Der britische Sender inszeniert sie und zeichnete sie auf. In Buchform erschien Ein Kräcker unterm Kanapee 1988 in Großbritannien unter dem Titel Talking Heads.

In jeder Erzählung steht jeweils eine Person im Mittelpunkt, die einen Monolog hält. Alle sechs kommen eher von der Verliererseite des Lebens - jedoch nicht in ihrer Selbstwahrnehmung. Ob diese gestörte Selbstwahrnehmung ein Schutzmechanismus ist oder auf mangelnden Intellekt zurückzuführen ist, bleibt offen. Aus der beschränkten Sichtweise der Protagonisten ziehen die Texte sowohl ihre Tragik, wie ihre Komik.
Die ersten drei Geschichten vermitteln einen eher positiven Grundton, die man als Leser den Monologisierenden in all ihrer Tragik, zugestehen kann. In ein Splitter im Zucker führt der psychisch gestörte Graham und seine leicht demente Mutter eine eheähnliche Beziehung, die in Gefahr gerät, als seine Mutter ihren Jugendfreund Mr. Turnbull wiedertrifft, der ihr den Hof macht. Als Mr. Turnbull sich als Betrüger herausstellt, triumphiert Graham. Er erkennt nicht, dass seine Mutter dadurch eine große Freude genommen wird und ihr gegenseitiges Abhängigkeitsverhältnis inzestuöse Züge trägt. Die für beide gewohnte Mutter-Sohn-Beziehung ist wiederhergestellt. Nur so kann er glücklich sein. Susan, die Pfarrersehefrau in Ein Bett zwischen Linsen ist vielleicht die positivste der Protagonisten. Zum einen durch eine recht kritische Haltung ihrer Umgebung gegenüber, zum anderen dadurch, dass sie sich weiterentwickelt. Sie überwindet durch das Verhältnis zu ihrem indischen Lebensmittel- (und Spirituosen-) Händler ihren Alkoholismus - nur ihren Zynismus überwindet sie nicht. Miss Ruddock, die zwanghafte Beschwerdebriefschreiberin in Frau mit Füllfederhalter entwickelt sich ebenfalls weiter. Als sie in Folge ihres uneinsichtigen Verhaltens ins Gefängnis kommt, ist sie unter Verbrechern das erste Mal glücklich - weil sie auch das erste Mal gebraucht wird.
Die letzten drei Geschichten hingegen sind eher von einem negativen Duktus geprägt.
Die Komparsin Lesley aus Ihre große Chance ist zwar von einem ungeheurem Tatendrang und Optimismus beseelt, doch keiner der Leser kann glauben, dass sie sich nicht ausgenutzt fühlt, wenn sie mit jedem aus der Filmbrache schläft und dennoch von keinem ernst genommen wird. Auch Muriel in Aufrecht weiter sagt sich am Ende “Ich bin kein tragischer Typ” doch ihr Abstieg ist bereits vollzogen. Nach dem Tod ihres kriminellen Mannes, der ihre Tochter jahrelang missbraucht hat, wird sie von ihrem Sohn um sämtliches Vermögen betrogen. Doch all das erkennt sie in ihrer grenzenlosen Naivität nicht. Die vorher so reiche, aktive und sozial anerkannte Frau, lebt jetzt völlig verarmt und isoliert in einem Ferienhaus und schaut den ganzen Tag ungefiltert fern. Niemand wird bemerken, wenn sie stirbt. Schließlich hat sie, so wie Doris, die Fünfundsiebzigjährige aus Ein Kräcker unterm Kanapee, nichts mehr vor sich als den Tod. Was Doris von den Protagonisten der anderen Geschichten unterscheidet: sie erkennt es: “Jetzt ist es sowieso vorbei.” Ob sie erkannt hat, dass ihr Putz-Komplex sie in diese Situation gebracht hat, bleibt wiederum offen.

Alle sechs Geschichten sind, gemäß ihrem ursprünglichen Verwendungszweck, mit Regieanweisungen versehen. Bennett lässt alle seine Protagonisten in einer einfachen, dennoch jeweils eigenen Sprache drauflos erzählen. Mit wenigen Worten vermag er uns die Lebensrealität der Einzelnen Personen zu vermitteln. Wenn man Bennett einen Vorwurf machen kann, dann den, dass außer Graham, alle seine doch recht beschränkten Protagonisten Frauen sind, die noch dazu alle eher der Mittel- bis Unterschicht zuzuordnen sind. Gibt es nicht auch beschränkte Top-Manager, die nicht über ihre Bilanzen hinausblicken können?

Ein Kräcker unterm Kanapee ist wieder in der schönen SALTO-Reihe des Wagenbach-Verlages erschienen. Der Band ist mit einem Nachwort von Alan Bennett versehen, indem er selbstkritisch und selbstironisch seine Texte reflektiert.

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Ein Kräcker unterm Kanapee

von Alan Bennett

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Wagenbach Verlag, 2010
144 Seiten. Rotes Leinen, fadengeheftet
15,90 €

www.wagenbach.de

Zwei Kalte Krieger erinnern sich

22. Januar 2010 lweser Keine Kommentare

Sten Nadolny und Jens Sparschuh: Putz- und Flickstunde. Zwei Kalte Krieger erinnern sich

Die Idee ist einfach. Zwei befreundete Schriftsteller, beide in einem anderen der zwei deutschen Staaten aufgewachsen, treffen sich und unterhalten sich über ihren Wehrdienst. Sten Nadolny diente in den 60er Jahren, freiwillig vorzeitig und verlängert vor seinem Studium, in der Bundeswehr, Jens Sparschuh in den 80ern, nach abgeschlossenen Studium und Promotion in der NVA. Zwei ehemalige Soldaten, zweier feindlicher Armeen, zweier deutscher Staaten. Was sagen die Gemeinsamkeiten und Unterschiede dieser Wehrdienste über die Staaten, über das politische System dieser Staaten, über deren Gesellschaft und über die Menschen darin?

Die Gespräche die Sparschuh und Nadolny führten, sind in Putz- und Flickstunde zu lesen. Die Sprache ist einfach, schließlich ist es ein niedergeschriebenes Gespräch. Entsprechend schnell liest sich das Buch. Es ist sicher für die Eingeweihten, also all Jene, die irgendwann oder auch gegenwärtig Wehrdienst leisteten bzw. leisten, weitaus interessanter. Sicher wird jeder ehemaliger Soldat, sich sofort an seine Militärzeit erinnern. Wird die eigenen Erfahrungen mit den gelesenen vergleichen, wird vertrautes Vokabular und vertraute Szenarien finden. Aber Nadolny und Sparschuh führen hier kein abgehobenes Fachgespräch, sondern erklären für alle Unwissenden die Eigenheiten, Hintergründe und Ausdrücke des Mikrokosmos Militär. So enthält es selbst für Nicht-Eingeweihte, einige interessante Details. Erstaunlicherweise gibt es beim genauen Hinsehen, zumindest für Außenstehende, mehr Gemeinsamkeiten, als Unterschiede des Wehrdienstes beider Staaten. Wahrscheinlich liegt es an der Geschlossenheit der Militär-Systeme. Die Militärzeit als verschworene Männergemeinschaft, als Gegensatz zum “zivilen Leben“. Und irgendwie erscheint einem das Ganze als überkommenes Relikt aus einer fernen, fremden Zeit. Genau das ist es vielleicht auch. Interessant wäre zusätzlich, ein Vergleich mit dem heutigen Wehrdienst, der diese Vermutung dann vielleicht auch wieder relativieren würde.

putzundflickstunde
Putz- und Flickstunde. Zwei Kalte Krieger erinnern sich

von Sten Nadolny und Jens Sparschuh

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Piper (2009)
208 Seiten, gebunden
16,95 €

als Taschenbuch: 8,95 € 

www.piper-verlag.de

Buchtipp: Russlands Unterwelten

3. Januar 2010 jneidh Keine Kommentare

Nelsja! - Es ist verboten!

(Jan Neidhardt)

Russlands Unterwelten” ist ein sehr gelungener Mix aus Geschichtswissenschaft und Abenteuer, Reisebericht und Begegnung mit modernen Mythen, die auf das archaische Element des Unterirdischen zurückgreifen.
Thomas Kunze, spürbar ein besonderer Kenner Russlands, besucht Höhlen, Tunnel, Bunker, geheime Verliese und unterirdische Industriekomplexe - immer umgeben vom Nimbus des Geheimnisvollen und Verbotenen.
Es handelt sich bei diesem Buch um eine einzigartige Dokumentation unterirdischer Orte im ganzen Gebiet Russlands, von Wladiwostok bis zum nördlichen Eismeer, im Ural und natürlich Moskau, wo es z.B. geheime U-Bahnlinien gibt, die zu Sowjetzeiten, den Führungskräften vorbehalten waren, die aber wohl auch bis heute eine gewisse Rolle spielen könnten…
Hilfe bekommt der Autor von Diggern, jungen Leuten, die sich im urbanen Raum gewissermaßen als Höhlenforscher betätigen und die in vergessenen oder auch verbotenen unterirdischen Gemäuern und Schächten herumforschen und gerne mal feiern.
In Russland ist, wie man sich ja denken kann, das alles noch ein bisschen verbotener als anderswo und auch der Autor bekam nicht selten Schwierigkeiten von amtlicher Seite (so sind bis heute viele Gegenden in Russland für Ausländer Sperrgebiet) oder auch mit dubiosen privaten Sicherheitsdiensten.
Dem Buch jedenfalls kann man mit keinem Krimivergleich beikommen, so spannende Krimis müsste man nämlich lange suchen.
Wie bereits angedeutet, mischt sich im russischen Untergrund das Mythisch-Unheimliche mit den realen Schrecken politischer Gewaltherrschaft. Buchstäblich alles scheint hier unten denkbar.
Industriegeschichte und Politik treffen aufeinander und meist stehen im Hintergrund die oft grausamen Schicksale politischer Gefangener -Nicht nur der Stalinzeit, aber für diese sind besonders viele der unterirdischen Bauten stumme Denkmäler und oft Zeugen menschlichen Größenwahns. Man denke nur einmal an die Polarbahn oder an die Untertunnelung des ochotskischen Meeres.
Was das Buch ebenfalls besonders faszinierend macht, sind die Bilder aus dem Untergrund, sowie erläuternde historische Bilder und das Kartenmaterial - nebenbei lernt man einfach auch eine Menge über die Geschichte Russlands und der Sowjetunion.
Das Buch ist chronologisch im Aufbau, führt von der Steinzeit (z.B. Eishöhle von Kungur) über das Mittelalter (Kiew und Moskau), die Frühe Neuzeit und die Industrialisierung (Eisenbahn, Kanalisation, unterirdische Festungen) bis zur besonders spannenden Sowjetzeit. Hier geht es vor allem um unterirdische Bunker und Geheimprojekte. In diesem Zusammenhang ist auch die interessante Untertunnelungstätigkeit der deutschen Besatzer im 2. Weltkrieg zu nennen, so z.B. Hitlers Bärenhöhle bei Smolensk.
Es endet mit einem ebenfalls spannenden Ausblick auf Russlands geplante Zukunft. So gibt es z.B. Ideen, die Beringstraße zu untertunneln, womit man natürlich eine direkte Verbindung von Russland in die Vereinigten Staaten hätte - ein sicherlich sehr beeindruckendes Projekt.

Fazit: Dieses Buch ist vielleicht weniger was für klaustrophobisch veranlagte Menschen - die Grotten und Bauten aller Art sind durch die Bank ziemlich finstere und gruselige Löcher, aber ich habe selten ein Buch in der Hand gehabt, das Geschichte und auch kulturwissenschaftliche Themen auf derart packende Art vermittelt. Durch die lebendige Schreibweise des Autors, der Russland mit Sympathie und Respekt begegnet, meint man auf Schritt und Tritt dabei zu sein. Teilweise habe ich mich königlich gegruselt.

Thomas Kunze (Autor)
Russlands Unterwelten. Eine Zeitreise durch geheime Bunker und vergessene Tunnel
www.linksverlag.de
224 Seiten für 29,90 Euro

Winterzeit - Märchenzeit

25. November 2009 lweser Keine Kommentare

Die Märchenbraut - die TV-Serie auf DVD

Zu Zeiten des Eisernen Vorhangs war die (für Ostbayern) nahe Tschechoslowakische Republik recht fern. Doch es gab eine Verbindung in Form der tschechischen Märchen und Kinderserien, die synchronisiert, sowohl im DDR- , als auch im BRD-Fernsehen liefen. Viele dieser Märchen und Serien besitzen mittlerweile Kultstatus, so auch die Die Märchenbraut. In der Tschechoslowakei lief sie unter dem Titel Arabela, in der DDR als Die Schöne Arabella und der Zauberer.  Die Serie ist eine Koproduktion des Tschechoslowakischen Fernsehens und des Westdeutschen Rundfunks. Der Regisseur Václav Vorlíček, inszenierte auch die wohl erfolgreichste tschechische Märchenverfilmung Drei Haselnüsse für Aschenbrödel. Seit diesem Jahr gibt es erstmals die komplette Märchenbraut-Serie auf DVD.

Herr Maier aus der Menschenwelt findet ein Glöckchen, dass den Zauberer Rumburak aus der Märchenwelt, herbeiruft. Ähnlich wie bei Aladins Wunderlampe muss Rumburak Herrn Maier jeden Wunsch erfüllen. Dabei geraten Sie ins Märchenland. Dort wird Herr Maier von Rumburak verführt den Wolf zu töten. Und schon ist die Märchenwelt durcheinander geraten. In Rumburak, der bestraft wird, erwacht eine böse Seite. Er beschließt Rache am König der Märchenwelt zu nehmen und bedient sich dabei Herrn Maiers und der technischen Möglichkeiten der Menschenwelt. Natürlich siegt das Gute am Ende, doch bis dahin müssen jede Menge Abenteuer in beiden Welten bestanden werden.

Die Serie basiert im Wesentlichen darauf, dass die zwei Welten, die Menschen- und die Märchenwelt, miteinander vermischt werden. Aber auch das Motiv der Zeitreise kommt zum Tragen. Dabei werden die verschiedenen Zeiten mit jeweiligen Wertvorstellungen verknüpft, so dass sich folgende Gegensatzpaare ergeben: Gegenwart-Vernunft-Fortschritt und Vergangenheit-Mythos-Tradition. Dabei entstehen natürlich Irritationen. Die typischen Zauber-Utensilien in der Menschenwelt, widerspiegeln eine Wunschvorstellung nicht nur von Kindern. Wer hätte nicht gern Zauberringe, Zauberglöckchen, Zaubermantel, Kristallkugeln, fliegende Koffer usw. Die Menschenwelt der End-Siebziger Jahre wirkt heute zwar ein wenig angestaubt, ebenso auch einige Märchenmasken, und Filmtricks, aber das Grundprinzip der Serie wird sicher auch nach dreißig Jahren noch funktionieren und Kinder und Erwachsene gleichermaßen begeistern können.

Die 13 Folgen gibt es auf zwei DVDs im ansprechenden Digipack im Schuber. Die fehlenden Extras kann man entbehren. Doch ein paar Informationen wünscht man sich schon. Die wenigen Angaben auf dem Schuber sind leider zum Teil auch noch falsch.  Schade ist auch, dass bei der Ausgabe die Möglichkeiten des Mediums so vollständig ungenutzt bleiben und nicht einmal die tschechische Orginal-Version mitveröffentlicht wurde.

Übrigens: Die 11-jährige Dana Vávrová (die in diesem Jahr verstorbene Ehefrau von Joseph Vilsmaier, bekannt u.a. aus Herbstmilch) ist hier als Rotkäppchen zu sehen.

maerchenbrautdvdDie Märchenbraut

13-teilige tschechoslowakische TV-Serie
von 1978/1981

Regie: Václav Vorlíček, Hans-Peter Kaufmann

Darsteller: Jana Nagyová, Vladimír Menšík, Jiří Lábus,
Vladimír Dlouhý, Vlastimil Brodský, u.a.

ca. 370 min. 2 DVDs im Schuber.
Universum Film
VÖ: 22.05.2009

weitere halbscharige Informationen unter:
www.die-maerchenbraut.de

Der Knochenmann

24. November 2009 lweser Keine Kommentare

Wolfgang Murnbergers Der Knochenmann auf DVD

Nachdem Josef Hader im Oktober gleich drei Tage hintereinander in Regensburg war, macht nun Wolf Haas auf seiner Lesereise Station in Regensburg (am 29.11.). Im Gepäck hat er, den neusten der Brenner-Krimis, die beide (Hader und Haas) und auch noch den dritten (Wolfgang Murnberger) miteinander verbindet.

Das Trio Haas-Hader-Murnberger verfilmte bisher drei der Haasschen Bestseller: Komm, süßer Tod (2000), Silentium! (2005) und zuletzt Der Knochenmann (2009). Das Drehbuch schrieben die drei (Schriftsteller, Hauptdarsteller und Regisseur) gemeinsam.

In 18 Wochen zog Der Knochenmann allein in Regensburg 10 000 Besucher in die Kinos. Nicht mitgerechnet die Aufführungen ein halbes Jahr später im Open-Air-Kino, die den Besucherrekord in der Freiluft-Saison aufstellten. Gründe genug den Film, der seit 25. September auf DVD zu erhalten ist, noch einmal vorzustellen:
Brenner (Hader), Ex-Bulle und Privatdetektiv, übernimmt für seinen Freund hässliche Jobs: er treibt fällige Raten, bzw. die Autos säumiger Kunden für eine Leasing-Firma ein. Der neue Auftrag führt ihn in das Wirtshaus Löschenkohl (bekannt für ihre Backhendl). Doch Horvath, der Mann den er dort finden soll, ist verschwunden. Wirt, wie Belegschaft scheinen etwas zu verheimlichen. Der Jung-Wirt will, dass Brenner herausfindet, wohin das Geld des Vaters verschwindet. Brenner bleibt - doch letztlich wegen Birgit (Birgit Minichmayr), der Schwiegertochter Löschenkohls, zu der er sich hingezogen fühlt. Beim Näherkommen, entdeckt er in der Kochenmehlmaschine einen menschlichen Finger.

Der Knochenmann hat im Gegensatz zu seinen beiden Vorgängern eine starke persönlichen Ebene. Brenners unnahbare und spröde Fassade blättert hier. Auch der alte Löschenkohl (Josef Bierbichler) scheint ihm, wie dem Zuschauer, im Grunde ganz sympathisch. Vielleicht weil beide doch recht ähnliche Charaktere sind: starr und eigensinnig - und beide sind verliebt. “Es wäre überhaupt nichts passiert, ohne die Liebe”.

Ein paar Details sind leider sehr effektheischend. So ist die Figur des Igors und des Bertis völlig überzeichnet, ebenso wie die absurde Annäherung Bertis und Horvaths. Trotz dessen ist der Film eine grandiose Mischung aus Komödie, Thriller und Krimi. Der gewohnte schwarze Humor, trägt neben der hervorragenden Besetzung zum Gelingen des Filmes bei. Der Film wird immer wieder mit  Fargo - Blutiger Schnee der Cohen-Brüdern verglichen. Dem kann man nicht ganz widersprechen.

Die DVD enthält einige aufschlussreiche und ergänzende Extras. Neben dem Making of und der entfallenen Szenen, eine Aufzeichnung der Pressekonferenz auf der Berlinale und Konzertausschnitte der Sofa Surfers, die den Soundtrack für den Film lieferten. Nicht zu vergessen ist das Rezept für Backhendl im Booklet.

knochenmanndvd1Der Knochenmann

Regie: Wolfgang Murnberger.

Nach dem gleichnamigen Roman von Wolf Haas.

Darsteller: Josef Hader, Josef Bierbichler, Birgit Minichmayr, Simon Schwarz, Stipe Erceg.

121 min, A 2009.
Majestic Filmverleih
VÖ: 25.09.2009

 

weitere Informationen unter:
www.knochenmann-derfilm.de

Hunger!

23. September 2009 lweser Keine Kommentare

Knut Hamsun: Hunger, gelesen von Oskar Werner

Am 4. August 2009 wäre der der norwegische Nobelpreisträger Knut Hamsun 150 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass gibt Hörbuch Hamburg eine kleine Besonderheit heraus: Die Neuauflage einer Aufnahme des SWR einer gekürzten Lesung von Hunger aus dem Jahr 1961. Der Leser ist kein geringerer als der große, 1984 verstorbene Oskar Werner.

Hunger (norw.: Sult) erschien 1890. Der handlungsarme Roman ist geprägt von assoziativen Beobachtungen und Gedanken des Ich-Erzählers. Es handelt sich um einen anonymen, jungen und gebildeten Mann, der am Rande der Gesellschaft lebt. Er versucht dem Hungertod zu entkommen und läuft ständig Gefahr obdachlos zu werden. Er schafft es mehr schlecht, als recht, einzig durch die gelegentliche Veröffentlichung einiger seiner Artikel und das Versetzen seiner gesamten Habseligkeiten im Pfandhaus. Der Hunger beherrscht bald sein gesamtes Denken. Im Hunger entwickelt er Wahnvorstellungen und eine gesteigerte Beobachtungsgabe. Die Not bringt ihn immer wieder in moralische Zwickmühlen. So versetzt er seine Weste um einem Mann zu helfen, den er selbst beinah nach Geld gefragt hätte. Er stürzt sich auf die Kuchen einer armen Kuchenfrau, der er vor mehreren Tagen Geld geschenkt hatte, da er die Schuld es ungerecht erhalten zu haben, nicht ertragen konnte. Er lehnt jede ihm angebotene Hilfe aus Stolz ab. Wäre die gesamte Situation nicht so tragisch, würde er in seiner unangemessenen Eitelkeit lächerlich wirken.

Die Hörbuch-Version ist stark gekürzt. Dadurch wirkt die Erzählung dichter, verliert jedoch ein wenig seine psychologischen Feinheit. Oskar Werner ist die ideale Besetzung für die Rolle. Die gedämpfte, fast monotone Stimme, zwischen Resignation und Wahn und Werners typischer Wiener Zungenschlag prägen die Darstellung.

Die Doppel-CD ist in einem ansprechendem Digipak erschienen.

Fazit: Eine bedrückende, fesselnde und seltene Produktion, die durch ihre Wiederauflage der Vergessenheit entrissen wurde.

Und hier unser Ostbayern-Bezug: Unser jüngst nach Kopenhagen ausgewanderter Schinderwies-Label-Betreiber Archie Müller, heiratet in die Familie des Mannes ein, der 1966 Hunger verfilmte und dafür in Cannes für die Goldene Palme nominiert wurde: Henning Carlsen.

hunger

Knut Hamsun: Hunger
Gekürzte Lesung von Oskar Werner
Hörbuch Hamburg (2009)
2 Audio-CDs, 156min; 19,95 €

Buchtipp: “Und morgen bin ich dran” von Laurent Quintreau

7. August 2009 sgruen Keine Kommentare

Ideenfrühstück in Zeiten der Krise

(Sigrid Grün)

In Frankreich ist Marge brute ein Bestseller. Elf Manager eines internationalen Unternehmens sitzen beim Meeting. Zehn Abteilungsleiter und der Geschäftsführer. Im Rahmen dieses “Ideenfrühstücks” geben sich die vier Frauen und ihre sieben männlichen Kollegen einem Bewusstseinsstrom hin, der sämtliche Aufmerksamkeit vom Inhalt des Meetings zur Reflexion der eigenen Situation spült. Da wird viel geklagt und gejammert - über die schmerzhaften Hämorrhoiden und über die Probleme in der Ehe, über Zurückweisungen und über inkompetente Kollegen und natürlich über den schrecklichen Job, der einen in den Wahnsinn treibt. Panikattacken, Depressionen und überzogene sexuelle Fantasien sind typische Symptome der gestressten Managerkaste. Hier wird das zerrüttete Innenleben dieser Menschen nach außen gekehrt. An Dante Alighieris Göttliche Komödie angelehnt, wird der Weg von der Hölle übers Fegefeuer ins Paradies verfolgt.

Man merkt Quintreau an, dass er bereits mehrere Theaterstücke verfasst hat. Und morgen bin ich dran ist - ähnlich wie Urs Widmers Top Dogs - auch sehr gut als Bühnenstück denkbar. Der Stil wirkt ziemlich französisch und erinnert an Beigbeder - beide kommen auch aus der gleichen Branche.

Laurent Quintreau ist mit Und morgen bin ich dran. Das Meeting ein unverblümter Blick auf den harten Alltag von Topmanagern gelungen. Eine schöne Satire, die elf verschiedene Typen aufgreift, die so gar nicht zueinander zu passen scheinen und doch alle die gleichen allzu menschlichen Probleme haben.

Laurent Quintreau (Autor)
Und morgen bin ich dran. Das Meeting
Unionsverlag
184 Seiten für 16,90 Euro

Buchtipp: Love, Revolution und wie Kater Haohao nach Hollywood kam

27. Juli 2009 sgruen Keine Kommentare

Kids of Mao and Coke

(Sigrid Grün)

Peking im Juni 1989: Der junge Dawei ist Comiczeichner und bringt sein eigenes Comiczine heraus: “Kids of Mao & Coke”. Er hat sich in die Studentenführerin Kleine Kim verguckt und ist auch am 4. Juni 1989 auf der Suche nach ihr. Auf dem Tian’anmen Platz wird er Zeuge des Massakers, das die Regierung zur Niederschlagung der Studentenproteste angeordnet hat. Kleine Kim findet Dawei zwar nicht, dafür aber einen völlig verstörten Kater, den er mit nach Hause nimmt. “Haohao” (kleines Mäuschen) wird nicht nur Daweis Mitbewohner - immerhin kann das Tier sprechen! - sondern auch sein Sohn.
Dawei schlägt sich mehr schlecht als recht durch. Versucht sich in verschiedenen Jobs, gerät in Konflikt mit der Regierung (seine ganze Familie hat China bereits Richtung Westen verlassen) und lernt auch einige Frauen kennen…
Eines Tages landet er bei einer Pekinger Zeitung und soll fortan Artikel schönen. Er kann auf westliche Presseerzeugnisse zugreifen (zu Recherchezwecken) und das anspruchsvolle Kätzchen verguckt sich immer mehr in die Welt des schönen Scheins. Haohao fasst den Entschluss, nach Hollywood zu gehen, um Cartoonstar zu werden. Über eine Freundin Daweis schafft er es tatsächlich, muss sich anfangs allerdings mit ziemlich miesen Jobs durchschlagen und hat letztendlich doch noch Erfolg. Doch jeder Erfolg hat auch seine Schattenseiten. Diese werden offenbar, als Dawei in die USA reist, um seinen Kater zu besuchen. Amerika ist nicht nur das Land der unbegrenzten Möglichkeiten…

Li Dawei hat mit “Love, Revolution und wie Kater Haohao nach Hollywood kam” ein einzigartiges Buch geschrieben, das die “neue Generation” in China unglaublich gut porträtiert. Hier pulsiert das Leben im jungen China, hier werden der schöne Schein und der kurze Ruhm beschrieben, die so viele Menschen (und Katzen) locken. Das Lebensgefühl einer ganzen Generation wird wunderbar lebendig rübergebracht.
Der Autor hat mit diesem Buch einen Roman mit autobiographischen und fantastischen Elementen angereichert - herausgekommen ist mehr als nur eine unterhaltsame Geschichte. Als Leser erfährt man, wie sich (junge) Menschen im China der Neunziger gefühlt haben. Hier wird Geschichte lebendig und vor allem nicht tabuisiert.
Sprechende Tiere blicken in China übrigens auf eine lange Tradition zurück. Bereits im Mittelalter waren sie populär - und zwar bei weitem nicht nur bei Kindern!

“Love, Revolution und wie Kater Haohao nach Hollywood kam” ist eine wunderbare Lektüre, die mit Comics versetzt, vor allem auch jüngere Leser anspricht. Die Sprache ist gut verständlich, die Handlung stets spannend, die Botschaft weise.
Mehr kann man sich eigentlich nicht wünschen!

Li Dawei (Autor)
Love, Revolution und wie Kater Haohao nach Hollywood kam
Knaus Verlag
320 Seiten für 19,95 Euro

Im Erinnern begegnen

9. Juli 2009 lweser Keine Kommentare

Das Rainerbuch. Lou Andreas Salomé - Rainer Maria Rilke.

Rainer Maria Rilke und Lou Andreas Salomé verband eine Liebesbeziehung, eine tiefe Freundschaft, die Leidenschaft zur Kunst, Literatur und Psychoanalyse und vieles. das man nicht in einfachen Worten fassen kann.

Lou Andreas-Salome (1861-1937) war Intellektuelle, Autorin und Psychoanalytikerin, die engen Kontakte zu zahlreichen berühmten bildenden Künstlern, Schriftstellern und Psychoanalytikern pflegte. Nicht wenige von ihnen verliebten sich in die selbstbewusste, weltgewandte Frau. Neben Nietzsche auch Rainer Maria Rilke (1875-1926). Doch Rilkes Werben erhörte sie. Beide reisten viel; durch Europa, Russland und Nordafrika. Sie lernten z.B. Rodin, Paula Becker, Otto Modersohn, Leo Tolstoi, Max Reinhardt, Gerhard Hauptmann, Frank Wedekind, Marie von Ebner Eschenbach und Sigmund Freud kennen. Die Psychoanalyse beeinflusst beide stark. Doch selbst Lou rät Rilke von einer Psychotherapie ab, da er für eine erfolgreiche Therapie das Schreiben beenden müsse. Zwei Jahre nach ihrer Trennung (beide sind übrigens verheiratet) wendet er sich in einem Brief “in der Stunde höchster Not” wieder an sie. Am Ende ist sie ihm beste Freundin, Mutterersatz und Therapeutin.

1927, ein halbes Jahr nach seinem Tod beginnt Lou Andreas-Salomé mit der Arbeit an ihrer Rilke-Biographie. Sie nennt sie Das Rainerbuch. Sie sucht Rilke in ihrer Erinnerung, seinen Briefen und Dichtungen.

Salomés Arbeit zeichnet sich durch eine psychologische Herangehensweise aus. Sie sucht Rilkes Seelenzustände aus seinem Werk herauszuschälen. Es entsteht eine Art Zwiegespräch zwischen beiden. Und so wird darin auch ihre Beziehung wiedergespiegelt. Lou Andreas-Salomés Grundthese zum Verständnis von Rilkes Seelenleben, wie zu seinem Werk, scheint die, dass sein “Hinweis auf das Sterbliche” in seiner Poesie “nicht den Tod, sondern das Leben” meinte. Sie will aufräumen mit dem grundlegendenden Missverständnis. die seine Poesie in eine falsche Romantik rückte.

Katrin Neuhäuser spricht die “reife, lebenserfahrene, in sich ruhende Lou Andreas-Salomé”. Die eingeflochtenen Zitate aus Rilkes Werken und Briefen werden von Rainer Süßmilch meist in einem flüsternd, raunenden Ton gesprochen. Untermalt wird der düstere, weniger der musikalische Charakter der Rilkeschen Äußerungen durch “atonale Musiksequenzen”.

Lou Andreas-Salomés Rilke-Biographie wird derzeit nirgends verlegt und ist nur noch antiquarisch zu erhalt. Mit der Herausgabe als gekürzte Hörspielbearbeitung hat der Kaleidophon-Verlag sie tatsächlich der “Vergessenheit entrissen und dem ungleichen Paar eine Stimme gegeben”. Das Hörstück ist in einem ansprechenden Digipak herausgegeben. Ein 12seitiges Booklet mit einer Vielzahl von Informationen und Photos ergänzt das Hörbuch.

Dieses Hörstück ist eine gelungene Umsetzung der persönlichen, literarischen, literaturwissenschaftlichen, psychoanalytischen und mittlerweile selbst historischen Auseinandersetzung mit dem großen Dichter, der jedoch als Mensch und Freund mit empfindlicher Seele sichtbar wird.

rainerbuch

Das Rainerbuch. Lou Andreas Salomé - Rainer Maria Rilke.
Kaleidophon-Verlag 2009
1 Audio CD, 78min, 14,95 €

www.Kaleidophon-Verlag.com

Judith Hermann bleibt nicht stehen und sich dennoch treu.

4. Juli 2009 lweser Keine Kommentare

Judith Hermann: Alice

Wir werden mit Judith Hermann und ihren Protagonisten älter. Ihre ”Helden” gewinnen mit jedem ihrer Bücher an Reife. Die Probleme verlagern sich. Wo in Sommerhaus später die “Helden” nur sich selbst und dem Jetzt verpflichtet waren, wurde in Nichts als Gespenster auch an Perspektiven gedacht. In ihrem neusten Buch Alice ist es der Tod, der das Leben bestimmt.

Wieder ist es die Form kurzer Erzählungen, die Hermann wählt. Nur diesmal ist die Protagonistin in allen fünf Erzählungen die selbe Person: Alice eben. Aber muss denn wirklich jeder Andere, jeder Mann, sterben? Selbst der Rumäne, sieht ”auf eine beunruhigende Art abgemagert” aus. Natürlich wird der Mensch, je älter er wird, immer mehr mit Verlusten konfrontiert. Aber in so geballter Form… im heutigen Deutschland…? Vielleicht hätte Judith Hermann besser daran getan wieder verschiedene Protagonisten für die Erzählungen zu wählen. Aber gut, dass ist Kleinkrämerei. Die einzelnen Geschichten tragen den gewohnten lakonischen Judith Hermann Sound. Der Ton wirkt sogar noch knapper. Die Sätze noch kürzer. Ellipsen. Zum Teil sind es nur noch Aufzählungen, Wortgruppen, einzelne Worte. Mal wirkt der Rhythmus fast meditativ, dann wechselt er wieder.

Wie geht man um mit dem Verlust eines nahen Menschen? Alice verliert sich im Betrachten von Gegenständen und Handlungsabläufen. Das Aufschneiden einer Melone, ein blauer Mantel, ein Mandelhörnchen in einer Jackentasche. Die Gegenstände sind mit Erinnerungen behaftet, die wiederholt werden. Oder sie lösen Assoziationen aus. Bis ins kleinste Detail werden die jeweiligen Miniatur-Ausschnitte des Alltags beobachtet. Als könnte man damit vergessen, verhindern? Nein, kann man nicht. Aber es kann dennoch helfen mit dem Verlust Fertigzuwerden. Es kann auch ein Zettel sein, auf dem Richard, als er noch lebte “Komme gleich wieder” geschrieben hatte. Oder der indischer Koch von nebenan, “Schließlich auch ein Zauberer” , der indem er seiner alltäglichen Arbeit nachgeht etwas tröstendes hat, einfach weil er da ist und nicht nachfragt.

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Mit Alice bleibt Judith Hermann nicht stehen und sich dennoch treu.

Judith Hermann laß aus Alice am 27. Mai 2009 bei Bücher-Pustet in Straubing.

Judith Hermann: Alice
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main (2009)
188 Seiten, 18,95 Euro