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Artikel Tagged ‘Regensburger Stummfilmwoche’

Legende und Sozialkritik

11. August 2014 lweser Keine Kommentare

Fuhrmann des Todes / Körkarlen, Victor Sjöström, 106 Minuten, S 1921, viragiert, 35 mm; Live-Musik: Bertl Wenzl, Markus Stark & Rainer Hofmann;
bei der 32. Regensburger Stummfilmwoche 2014, Klostergarten der Minoritenkirche, Regensburg

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Was für ein Kontrast: nach Fritz Langs Kunstwelt im statisch inszenierten „Nibelungen“, konnte das Publikum am Samstag bei der Regensburger Stummfilmwoche mit „Fuhrmann des Todes“ ein realistisches Sozialdrama mit märchenhaften Zügen sehen. Sowohl inszenatorisch, als auch schauspielerisch wirkt der Film außerordentlich modern. Dabei ist der Film sogar etwas älter als Langs Nibelungenverfilmung. Der Film von Victor Sjöström entstand nach einer Novelle von Selma Lagerlöf von 1912, die wiederum auf einer bretonische Legende basiert. Den Auftrag erhielt er von der „schwedischen Vereinigung zur Bekämpfung von Tuberkulose“. Sjöström-Schüler Ingmar Bergmann sah den Fuhrmann des Todes / Körkarlen, als wichtigsten Film an.
Schwester Edith liegt in der Silvesternacht im Sterben und wünscht David Holm zu sehen. Bei ihm hat sie sich vor einem Jahr an Tuberkulose angesteckt, als er in ihrem Heim für Obdachlose nächtigte. Zum Abschied bat sie ihn, ihr in einem Jahr wissen zu lassen, ob ihr Beten für ihn Wirkung gezeigt hätte. Nun ist es also soweit und Edith schickt nach Holm. Doch dieser weist ihre Bitte brüsk ab, woraufhin es mit seinen Saufkumpanen zur Schlägerei und schließlich zu Holms Tod kommt. Der Fuhrmann des Todes kommt nicht nur um ihn zu holen, sondern um ihm sein Amt für das nächste Jahr zu übergeben. Denn laut einer Sage, von der bereits vorher in einer Rückblende berichtet wurde, muss immer jener, der als letzter im Jahr stirbt, dieses Amt ausführen. Holm weigert sich und der Fuhrmann, ebenfalls ein einstiger Saufkumpan Holms, geht mit ihm zurück in die Vergangenheit, als er ein glückliches Familienleben führte, besucht Schwester Edith und zeigt ihm schließlich seine Frau, die sich und ihre beiden Kinder soeben umbringen will. Endlich fleht Holm um eine Frist, um seine Frau und die Kinder zu retten. Sie wird ihm gewährt und alles wird gut – zumindest heute Nacht. Was morgen geschieht, zeigt der Film nicht mehr.
Dieses Ende, sowie die zahlreichen Rückblenden, erinnert stark an Charles Dickens Weihnachtsgeschichte von 1843 um den geizigen Ebenezer Scrooge, die übrigens bereits 1901 das erst Mal verfilmt wurde. Aus heutiger Sicht hat Sjöströms Film nur eine Schwäche: das Fehlen einer positiven Identitäsfigur, denn Schwester Edith und ihre Heilsarmee wirkt bigott und verbissen und können so für den Säufer David Holm nicht als Alternative gesehen werden.

Das extra für die diesjährige Stummfilmwoche zusammengeschlossene Trio aus Bertl Wenzl, Rainer J. Hofmann und Markus Stark begleiten den Film gefühlvoll und nur selten mit zu viel Pathos.

Das weitere Stummfilmwochenprogramm finden Sie hier:
www.kultur-ostbayern.de
www.filmgalerie.de

Siegfried in Art Deco

8. August 2014 lweser Keine Kommentare

Die Nibelungen. Siegfried, Regie: Fritz Lang, D 1922/1923, 144 Minuten, viragiert, Blu-ray; Live-Musik: Klaus Reichardt & Jan Kahlert (München); 32. Regensburger Stummfilmwoche 2014, Klostergarten der Minoritenkirche, Regensburg

In ein paar Tagen im August wird in Regensburg jedes Jahr einem alten Medium gehuldigt: dem Stummfilm. Eröffnet wurde die diesjährige und 32. Regensburger Stummfilmwoche mit dem ersten Teil von Fritz Langs Verfilmung der Nibelungensaga.
Als erstes fällt den Meisten wohl auf, dass der alte Bauer-Projektor nicht rattert. Die Kopie der Niebelungen kommt von Blu-ray. Drei Filme werden dieses Jahr so zu sehen sein. Alle drei Filme wurden aufwändig restauriert. Und nun ist die Versicherung der 35 mm Kopien (zumindest die beiden Niebelungenteile) unerschwinglich geworden. Bei Fantomas sieht es anderes aus. Dort gibt es wohl gar keine 35 mm Kopie mehr. Nina Gosslar von ZDF/Arte wird zur Rekonstruktion von Stummfilmen am 16. August vor der Fantomas-Vorführung mehr erzählen.

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Die Nibelungensaga gilt als urgermanischer Mythos. Dabei kommen die Nibelungen ebenso in der nordischen Sagenwelt vor und wurden sowohl im mittelhochdeutschen Nibelungenlied wie in der altnordischen Liederedda festgehalten. Beide Werke gehen vermutlich auf ältere Quellen zurück. Die Handlung wird auf das 4. und 5. nachchristliche Jahrhundert datiert.
Fritz Lang und seine Ehefrau die Drehbuchautorin Thea von Harbou bereiteten sich intensiv und monatelang auf die Dreharbeiten zur Nibelungenverfilmung vor. Eine Vorgehensweise, die zur damaligen Zeit nicht unbedingt üblich war, wie Nicole Litzl, Leiterin der Stummfilmwoche bei ihrer Einführung verriet. Der Film war der bis dahin aufwändigste und teuerste der Filmgeschichte. Laut einem Interview mit Fritz Lang, waren es vor allem diese beiden Filme die Goebbels 1933 dazu gebracht haben soll, Fritz Lang die Leitung des deutschen Film, natürlich im Sinne der neuen Machthaber, anzubieten. Lang emigrierte am gleichen Tag. Goebbels wollte ihn zum Staatsregisseur machen. Ein Amt das Leni Riefenstahl dann bereitwillig übernahm.
Die Nibelungen zeichnet sich vor allem durch seine Bildgewalt aus. Deutlich dem Art Deco verhaftet, sehr statisch inszeniert, schaupielerisch wenig überzeugende, lebt der Film hauptsächlich von seiner Opulenz und den Spezialeffekten. Schauspielerisch fällt nur Hanna Ralph als Brunhild positiv auf.

Die beiden Münchner Musiker Klaus Reichardt und Jan Kahlert begleiten den Film mittels diverser elektronischer Tasteninstrumente. Dabei bedienen sie sich beispielsweise wie bereits im letzen Jahr eines Trautoniums, den Nachbau des ersten Synthesizer, der 1930 entwickelt wurde, oder eines elektronischen Vibraphons. Dabei imaginierten sie zuweilen die Anwesenheit eines ganzen Orchesters. Dennoch ist die Instrumentierung nie überladen oder gar aufdringlich, sondern ganz dem Filmstoff angemessen: episch und eindringlich.

Das weitere Stummfilmwochenprogramm: www.filmgalerie.de

Stummfilmwoche

7. August 2014 lweser Keine Kommentare

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7. bis 16. August 2014, 20.30 Uhr, Klostergarten Minoritenkirche / Filmgalerie Leerer Beutel, Regensburg
32. Regensburger Stummfilmwoche. Statt in Bayreuth die Beine nach Karten in den Bauch stehen, lieber zur Stummfilmwoche. Auch da gibts diesmal deutsch Mythen und wie immer: gute Musik und natürlich gute Filme.
Donnerstag, 07. August: Die Niebelungen. Siegfried, Fritz Lang, D 1922/1923, 144 Minuten, viragiert, BluRay; Live-Musik: Klaus Reichardt & Jan Kahlert (München);
Wie schon im letzten Jahr bringen die zwei Münchner ein ganz besonderes Instrument mit: ein Trautonium entwickelt im Jahr 1930, mit dem z.B. Hitchcock in Den Vögeln eine unheimliche Atmosphäre erzeugte. Wer im letzten Jahr erlebt hat, wie die zwei Musiker Das Cabinet des Dr. Caligari vertonten, wird auch in diesm Jahr den Weg in den Garten des Museumscafes suchen.
Freitag, 08. August: Die Niebelungen II. Kriemhilds Rache, Fritz Lang, D 1923/1924, 126 Minuten, viragiert, BluRay; Live-Musik: Klaus Reichardt & Jan Kahlert (München)
Samstag, 09. August: Fuhrmann des Todes, Victor Sjöström, 106 Minuten, S 1921, Körkarlen, viragiert, 35 mm; Live-Musik: Bertl Wenzl, Markus Stark & Rainer Hofmann (R)
Sonntag, 10. August: Tabu, Friedrich Wilhelm Murnau, USA 1931, 83 Minuten, restaurierte Fassung, 35 mm, deutsche Zwischentitel; Live-Musik: Winfried Kraus (München);
Murnaus letzter Film. Er kam erst nach seim Tod in die Kinos. Gedreht z.T. mit Laienschauspielern auf Tahiti und Bora Bora entstand eine Liebesgeschicht mit dokumentarischen Zügen.
Eintritt: 12/10 €; Ausweichspielstatte bei schlechtem Wetter: Filmgalerie im Leeren Beutel

Wie schon 2012 verbindet die zwei verlängerten Stummfilmwochenenden ein moderner Stummfilm, der in der Filmgalerie zu sehen sein wird.
Montag-Mittwoch, 11.-13. August: Filmgalerie Leerer Beutel: Blancanieves/ Schneewittchen; Pablo Berger, E 2012, 104 Minuten, DCP Digitalkopie; hochgelobt und von Kritikern als bsser als The Artist bewertet.

Donnerstag, 14. August: HAROLD LLOYD: Safety Last!, Fred Newmeyer, Sam Taylor, USA 1923, Ausgerechnet Wolkenkratzer!, 73 Minuten, restaurierte Fassung, 35 mm, englische Zwischentitel; Live-Musik: Aljoscha-Zimmermann-Ensemble (Violine & Piano, München)
Freitag, 15. August: The Pleasure Garden; 1925; Hitchcocks erste Regiearbeit; Alfred Hitchcock, 90 Minuten, UK 1925, Irrgarten der Leidenschaften, 35 mm (englische Zwischentitel); Live-Musik: Aljoscha-Zimmermann-Ensemble (Violine & Piano, München)
Samstag, 16. August: Fantomas, 1913/1914; Louis Feuillade, EPISODE 2: 61 Minuten + EPISODE 4: 59 Minuten,
F 1913/1914, BluRay (französische Zwischentitel mit deutschen Untertiteln); Musik: Rainer J. Hofmann
Einführung: Nina Gosslar (ZDF/Arte)
www.filmgalerie.de

Prinz Achmed lockte

15. August 2013 lweser Keine Kommentare

Die Abenteuer des Prinzen Achmed, Regie: Lotte Reiniger, D 1926, Live-Musik: Gebr. Teichmann / Leopold Hurt, 31. Regensburger Stummfilmwoche 2013, Klostergarten der Minoritenkirche, Regensburg

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Sind wir nicht alle ein bisschen Caligari?

9. August 2013 lweser Keine Kommentare

Das Cabinet des Dr. Caligari“, Regie: Robert Wiene, D 1919/20, Darsteller: Werner Krauß, Friedrich Feher, Conrad Veidt, Lil Dagover, u.A.; Live-Musik: Klaus Reichardt & Jan Kahlert (München), 31. Regensburger Stummfilmwoche 2013, Klostergarten der Minoritenkirche, Regensburg

Die Regensburger Stummfilmwoche, die sich in diesem Jahr ganz den frühen Filmen der Weimarer Republik verschrieben hat, eröffnete am Donnerstag mit dem Klassiker des Expressionistischen Kinos schlechthin, der gleichzeitig auch den Grundstein für dieses Genre darstellte: „Das Cabinet des Dr. Caligari“ von Robert Wiene aus dem Jahr 1919. Der Film, der ganz im Studio gedreht wurde, besticht vor allem durch seine Kulisse: eine bizarre Welt aus Licht und Schatten, verzerrte künstliche Gassen und Häuser. Hinzu kommt ein überzeichnetes Spiel der Schauspieler. Eine paranoide Traumwelt, in der auch gut Kafkas Geschichten spielen könnten. Die Handlung hingegen vermag zunächst nicht mit der Optik des Filmes mitzuhalten. Eine recht banale Geschichte um Cesare (Conrad Veidt) einen Somnambulen, den Dr. Caligari (Werner Krauß) auf Jahrmärkten zur Schau stellt und der willenlos des Nächtens zu Caligaris Mordwerkzeug wird. Caligari stellt sich später als Direktor eines Irrenhauses heraus und Cesare als sein Patient. Ein paar ungeschickte Rückblenden folgen. Erst mit der letzen Szene, wird eine neue Interpretationsebene geöffnet. Der Zuschauer wird damit überrumpelt und bleibt zunächst ratlos zurück. Der Film muss nach diesem Ende neu gedacht, im Ganzen neu betrachtet werden. Idee gelungen! Sigmund Freuds Einfluss auf die Handlung lässt sich nicht mehr leugnen.
Klaus Reichardt und Jan Kahlert unterstreichen mit ihrem elektronischen Soundtrack die düstere und bedrohliche Stimmung des Filmes. Mittels eines nachgebauten Trautoniums, ein analoger Vorläufer des Synthesizers aus den 30er Jahren, erzeugte Jan Kalhert jene Klänge, die wir spätestens seit Hitchcocks „Die Vögel“ mit Horror assoziieren.

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Wer “Das Cabinet des Dr. Caligari” gestern verpasst hat, kann ihn im nächsten Jahr bei der 64. Berlinale in einer restaurierten Fassung sehen. Der Film wurde übrigens 1933 von den Nationalsozialisten verboten und fand seine Aufnahme in der Ausstellung „Entartete Kunst“. Conrad Veidt musste ebenso wie Robert Wiene emigrieren. In Großbritannien spielte Conrad Veidt 1934 „Jud Süß“, eine Verfilmung des gleichnamigen Romans von Lion Feuchtwanger (nicht zu verwechseln mit dem Nazi-Propagandafilm gleichen Namens von Veit Harlan von 1940, in dem wiederum Werner Krauß zu sehen ist.) Eine seiner letzen Rollen war die des Majors Strasser in „Casablanca“. Die französische Postpunkband Marquis de Sade widmete Conrad Veidt 1978 einen Song. Für die Bandmitglieder muss Conrad Veidt als Cesare eine frühe Stilikone gewesen sein. Alle, die Conrad Veidt noch einmal sehen möchten, haben am morgigen Samstag bei der Summfilmwocher noch einmal die Gelegenheit dazu:

Samstag 10.08.: „UNHEIMLICHE GESCHICHTEN“, Regie: Richard Oswald, D 1919; + Vorfilm
Live-Musik: Bertl Wenzl & Markus Stark

In der darauf folgenden Woche geht es weiter mit:
Mittwoch, 14.08.: „DIE ABENTEUER DES PRINZEN ACHMED“, Regie: Lotte Reiniger, D 1924; eine Anlehnung an die Lotte-Reininger-Hommage bei der letzten Regensburger Kurzfilmwoche
Live-Musik: Gebrüder Teichmann und Leopold Hurt
Eintritt: 15 Euro regulär, 13 Euro ermäßigt
Donnerstag, 15.08.: „DIE BERGKATZE“, Regie: Ernst Lubitsch, D 1921;
Live-Musik: Aljoscha-Zimmermann-Ensemble
Freitag 10.08.: „BERG DES SCHICKSALS“, Regie: Arnold Franck, D/CH 1924
Live-Musik: Rainer J. Homann
Samstag 11.08.: „FAUST “, Regie: F.W. Murnau, D 1926
Live-Musik: Aljoscha-Zimmermann-Ensemble

30 Jahre Regensburger Stummfilmwoche

5. August 2012 lweser Keine Kommentare

30. Regensburger Stummfilmwoche, Freitag 3. August 2012, Klostergarten der Minoritenkirche - Expertengespräch mit Nina Goslar (arte, ZDF) und Sabrina Zimmermann (Aljoscha-Zimmermann-Ensemble) und Nosferatu, Regie: F.W. Murnau, D 1921/22; musikalisch begleitet vom Aljoscha-Zimmermann-Ensemble

Zum dreißigsten Geburtstag der Regensburger Stummfilmwoche wollten die Organisatoren den treuen Zuschauern etwas Besonderes bieten. So luden sie am Freitag bei freiem Eintritt zu einem Expertengespräch ein. Nicole Litzel vom Organisationsteam der Stummfilmwoche befragte zuerst Nina Goslar, die bei arte und ZDF für Stummfilm verantwortliche Produzentin. Sie sprang spontan für den erkrankten Werner Sudendorf von der deutschen Kinemathek in Berlin ein. Während des Gesprächs kamen einige interessante Hintergrundinformationen zum Vorschein. Wussten Sie zum Beispiel, dass heute nur circa 10% der deutschen Stummfilme erhalten sind? Oder dass eine Nitrokopie, das damals übliche Filmmaterial, eine Haltbarkeit von ca. 100 Jahren hat, so dass die Filmrestauratoren im Moment also gegen die Zeit arbeiten. Ein wenig spezieller wurde es, als es um Musikfassungen ging. Die meisten Stummfilme hatten von Anfang an eine eigene Filmmusik. Zwar sind leider davon nur die wenigsten erhalten, ein populäres Beispiel für eine noch vorhandene Originalpartitur ist jedoch die zu Metropolis. Sie war lange der einzige Hinweis darauf, dass von der damaligen Film-Version ein gutes Stück fehlt. Da die Partitur außerdem über tausend Angaben zum Film beinhaltet, war in diesem Fall die Musik ein wichtiger Baustein zur Restaurierung des Filmes.
Originalpartituren oder auch nur die dafür nötigen Tantiemen aber, kosteten Geld, die sich kleinere Kinos nicht leisten konnten. Darum gab es eine Art Musik-Katalog, in dem verschieden Melodien einzelnen Situationen und Stimmungen von Filmen zugeordnet wurden. Herausgegeben hat sie Giuseppe Becce, der “Quasi-Urvater” der deutschen Filmmusik. Frau Goslar spielte einige Beispielmotive vor. Der Zuschauer/-hörer konnte versuchen zu erraten für welche Situation sie gedacht waren.

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Als Überleitung zu Nosferatu, dem Jubiläumsfilm des Abends und den das Aljoscha-Zimmermann-Ensemble musikalisch begleiten würde, interviewte Frau Goslar dann Sabrina Zimmermann (vormals Hausmann). Deren Vater, Aljoscha Zimmermann, der bekannteste zeitgenössischen Stummfilmkomponist, hinterließ ihr bei seinem Tod im Jahr 2009, über 400 Partituren. Allein acht Versionen habe er zu Noseferatu geschrieben. Auf jeder Notenblattseite gäbe es bei Zimmermann Synchronangaben. Zusätzlich spielt die Improvisation aber auch eine wichtige Rolle. Zimmermanns Filmmusik kann man als klassische, sehr dramatisch-emotionale Filmmusik bezeichnen. Bestens geeignet für den Horror-Film-Klassiker Nosferatu, zu dessen Inhalt man eigentlich nicht viel sagen muss.
Murnau griff unautorisiert auf Bram Storkers Roman Dracula zurück. In Folge dessen kam es zu Prozessen, die die Produktionsfirma in den Ruin trieb. Die Rechteinhaber forderten gar die Vernichtung sämtlicher Filmkopien. Glücklicherweise misslang dieses Unterfangen.

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Seit Bestehen der Regensburger Stummfilmwoche erweist sich Nosferatu immer wieder als Publikumsmagnet. So auch diesmal. Schön, dass das Publikum neben vielen Stammgästen, auch aus überraschend vielen jungen Leuten bestand. Die Nachfrage war diesmal so groß, dass sogar mehrere dutzend Menschen abgewiesen werden mussten. Beeindruckend bleibt, wie souverän das kleine AKF-Team um Nicole Litzel und Dario Vidojković alle organisatorischen Herausforderungen löst: Aufbau, Kasse, Einlass, Technik, hier einen Zusatzstuhl oder leere Gläser für das Restaurant organisiert, dort schnell ein Interview gegeben und sich trotzdem herzlich um Musiker und Gäste gekümmert. Von der Organisation im Vorfeld (wie Filmauswahl, Filmkopien, Aufführungsrechte ect.) ganz zu schweigen!
Alles Gute, liebe Stummfilmwoche, für die nächsten 30 Jahre.

Bevor es am darauf folgenden Wochenende mit Trotzheirat, Orlacs Hände und Die drei Musketiere weiter geht, kann man bis dahin den diesjährigen Oscarabräumer The Artist (F/USA 2011) in der Filmgalerie ansehen. Eine schöne Idee mit dieser jungen Stummfilmhommage die zwei Stummfilmwochenenden zu verbinden.
Donnerstag 09.08.: Trotzheirat, Regie: Edgar Sedgwick/Buster Keaton, USA 1929
Live-Musik: Rainer J. Hoffmann
Freitag 10.08.: Orlacs Hände, Regie: Robert Wiene, A 1924
Live-Musik: Bertl Wenzl & Markus Stark
Samstag 11.08.: Die drei Musketiere, Regie: Fred Niblo, USA 1921
Live-Musik: Klaus Reichardt & Jan Kahlert
www.filmgalerie.de

„War das das Glück nach dem du dich sehntest?“

4. August 2012 lweser Keine Kommentare

Die Frau, nach der man sich sehnt, Regie: Kurt Bernhardt, D 1929; musikalisch begleitet vom Aljoscha-Zimmermann-Ensemble, 30. Regensburger Stummfilmwoche, Donnerstag, 2. August 2012, Klostergarten der Minoritenkirche

Eine laue Sommernacht, eine große Zuschauerzahl und erwartungsvolle Gesichter. Was kann man sich mehr wünschen, zumindest aus Sicht des AKF (Arbeitskreis Film), dem Veranstalter des vielleicht ältesten Stummfilmfestivals Deutschlands. Die 30. Regensburger Stummfilmwoche wird mit einem recht unbekannten Film eröffnet, der auch an den Tod Marlene Dietrichs erinnert, der sich 2012 zum zwanzigsten Mal jährt. In Die Frau, nach der man sich sehnt aus dem Jahr 1929 inszeniert Kurt Bernhardt die spätere Diva in ihrer ersten Hauptrolle auch erstmals als Femme Fatale.

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Industriellensohn Henri Leblanc (der Schwede Uno Henning) verfällt auf seiner Hochzeitsreise der routinierten Verführerin Stascha (Marlene Dietrich). Sie benutzt ihn, um sich ihres aktuellen Geliebten Dr. Karoff (Fritz Kortner) zu entledigen oder zumindest sich ihm zu entziehen. Mit Karoff verbindet sie ein dunkles Geheimnis - vermutlich verschwor sie sich zuvor mit ihm gegen einen dritten, wie jetzt mit Leblanc gegen Karoff. Eine überraschende Wandlung widerfährt im Laufe des Filmes Staschas Gesinnung. Liebt sie Leblanc letztlich wirklich und ist ihre Reue über den Mord an ihrem Mann etwa echt? Dass am Ende ein paar Fragen offen bleiben liegt vielleicht an den unglücklich gesetzten Zwischentiteln, vielleicht auch am schwachen Drehbuch. Der aufgebauschte Einstiegskonflikt einer halbherzigen Heirat zwischen den Kindern einer bankrotten und einer florierenden Unternehmerfamilie, wird angesichts des neuen Dreieckskonfliktes, ebenso wie die zuvor eingeführten Person einfach fallen gelassen.
Der späte Stummfilm, der wie Stummfilmwochenorganisatorin Nicole Litzel bei der Einführung erwähnte, vom technischen Standpunkt der Zeit, auch schon ein Tonfilm hätte sein können, wirkt sehr modern. Seine Spannung erhält der Film hauptsächlich durch den Schnitt. Es ist ein Film der Blicke. Ab dem Auftritt der Dietrich werden ständig Blicke gegeneinander geschnitten: Marlenes verführerischer Blick - Leblancs interessierter. Kortners lüstern-verlangender Blick – Marlenes verachtend-kühler. Leblancs zweifelnder - Marlenes verzweifelter Blick. Karloffs misstrauischer – Marlenes unschuldig-verletzter Blick. u.s.w. Beeindruckend wie sich Spannung und Konflikt allein durch diese Blicke darstellen lassen und ein Beweis des Potentials und er Leistung des Genres. Ein weiterer unverzichtbarer Beitrag zur Stimmungserzeugung ist natürlich die Musik. Das Aljoscha-Zimmermann-Ensemble, bestehend aus Sabrina Zimmermann (Geige) und Mark Pogolski (Piano) begleiteten nach der Partitur von Aljoscha Zimmermann den Film musikalisch und unterstützten damit die anfängliche Leichtigkeit und die später tragische Wendung.

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Nebenbei: Das Drehbuch von Ladislaus Vajda (der Vater von Ladislao Vajda, dem Regisseur von Es geschah am helllichten Tag) basiert übrigens auf einen Roman von Kafka-Freund und -Verleger Max Brod. Regisseur Kurt Bernhard machte später als Curtis Bernhardt in Hollywood Karriere. Außerdem gibt es in Eine Frau, von der man sprich die wahrscheinlich erste Drive In-Szene der Filmgeschichte.

Dass es nach der Pause wie aus Kübeln zu Regnen begann, tat der Stimmung an diesen Abend übrigens keinen Abbruch. Zwar bot die Ausweichspielstätte, die Filmgalerie im Leeeren Beutel, in die man nach dem Wettereinbruch gemeinschaftlich umzog, nicht für alle Besucher einen Sitzplatz, aber man rückte zusammen, gab Sitzkissen herum und machte es sich auf dem Fußboden oder Fensterbrettern gemütlich. Fast so wie im Hörsaal - nur schöner.

Die Frau, nach der man sich sehnt, D 1929
Regie: Kurt Bernhardt, Drehbuch: Ladislaus Vajda nach Max Brod, Kamera: Curt Courant + Hans Scheib
Darsteller: Marlene Dietrich, Fritz Kortner, Uno Henning, Oskar Sima, Frieda Richard

Marlene zur Eröffnung der 30. Stummfilmwoche

2. August 2012 lweser Keine Kommentare

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02. - 11. August 2012, 20.45 Uhr, Hof des Museumscafés, Dachauplatz, Regensburg
30. Regensburger Stummfilmwoche- Stummfilme mit Live-Musik
Zur Eröffnung am heutigen Donnerstag: Die Frau, nach der man sich sehnt mit Marlene Dietrich und Fritz Kortner unter der Regie von Kurt Bernhardt, der anschließend als Curtis Bernhardt in Hollywood berühmt wurde.
Die Live-Musik kommt vom Aljoscha-Zimmermann-Ensemble (Sabrina Zimmermann, Violine • Mark Pogolski, Piano) aus München.

Bei Regen finden alle Vorführungen in der Filmgalerie im Leeren Beutel
www.filmgalerie.de

2.-11. August 2012, 20.45 Uhr, Klosterhof des Historischen Museums (Museumscafé), Regensburg
30. Regensburger Stummfilmwoche. Ein Jubiläum, das sich sehen lassen kann. Wir gratulieren!
Donnerstag, 02.08.: „Die Frau nach der man sich sehnt“, Regie: Kurt Bernhardt, D 1929;
Live-Musik: Aljoscha-Zimmermann-Ensemble
Freitag 03.08. / 19.00 Uhr, Gala-Abend zum 30 jährigen Jubiläum mit Vorträgen zweier Stummfilmexperten: „Von Nosfaratu zu The Artist“ Werner Sudendorf (Stiftung Deutsch Cinematek) und „Musik im Stummfilm“ Sabrina Zimmermann (Aljoscha-Zimmermann-Ensemble)
Werner Sudendorf musste krankheitsbedingt absagen, stattdessen wird Nina Goslar, die für Stummfilm zuständige Expertin von ARTE/ZDF seinen Platz einnehmen.
20.45 Uhr:„Nosferatu“, Regie: F.W. Murnau, D 1921
Live-Musik: Aljoscha-Zimmermann-Ensemble
Samstag 04.08.: „Engelein“, Regie: Urban Gad, D 1913; + Vorfilm
Live-Musik: Rainer J. Homann

Bevor es am darauf folgenden Wochenende mit „Trotzheirat“, „Orlacs Hände“ und „Die drei Musketiere“ weiter geht, kann man bis dahin die Stummfilmhommage und den diesjährigen Oscarabräumer The Artist (F/USA 2011) in der Filmgalerie ansehen. Eine schöne Idee damit die zwei Stummfilmwochenenden zu verbinden.
Donnerstag, 09.08.: Trotzheirat“, Regie: Edgar Sedgwick/Buster Keaton, USA 1929
Live-Musik: Rainer J. Hoffmann
Freitag 10.08.: „Orlacs Hände“, Regie: Robert Wiene, A 1924
Live-Musik: Bertl Wenzl & Markus Stark
Samstag 11.08.: Die drei Musketiere“, Regie: Fred Niblo, USA 1921
Live-Musik: Klaus Reichardt & Jan Kahlert
www.filmgalerie.de

Freitag, 03. August 2012, 20.00 Uhr, Turmtheater Regensburg
Theater/Premiere: „Zwei wie Bonnie und Clyde“ mit Oliver Severin und Bettina Schönenberg, Regie: Till Rickelt; Eintritt: 18 €;
Weiter Vorstellungen: 3./4./5./9./10./12./16./17./18./19./23./24./25./26./30./31. August, 1./2./6./7./8./9. September
www.regensburgerturmtheater.de

3./4. August 2012, Schirling
Labertalfestival
Nachdem in diesem Jahr das Agratamagatha-Festival ausgefällt, sind wir um so glücklicher, dass es noch das Labertalfestival gibt.
www.labertalfestival.de

03.-05. August 2012, Klosterkirche, Adlersberg
Stimmwercktage 2012
www.stimmwerck.de

Samstag, 04. August 2012, 11.00-17.00 Uhr, Fechthof (beim Haidplatz), Regensburg
Tag des Buches

29. Regensburger Stummfilmwoche

11. August 2011 lweser Keine Kommentare

12./13./14. August, 20.30 Uhr, Klosterhof des historischen Museums, Regensburg
29. Regensburger Stummfilmwoche
diesmal zweigeteilt: an diesem Wochenende mit US-amerikanischen, phantomoper_webam nächsten mit deutschen Stummfilmen.

Freitag: Das Zeichen des Zorros (1920) von Fred Niblo mit Douglas Fairbanks Sr.,
Live-Musik: Daniel Kottenschulte am Piano (Köln)

Samstag: Das Phantom der Oper (1925) von Rupert Julian, Lon Chaney,
Live-Musik: Bertl Wenzl (Regensburg) & Markus Stark

Sonntag: Show People (1928) von King Vidor,
Live-Musik: Rainer J. Hofmann (Regensburg)

bei schlechtem Wetter in der Filmgalerie im Leeren Beutel, Eintritt: 10/9€
www.filmgalerie.de

Dienstag/Mittwoch, 16./17. August 2011, 19.45 Uhr, Akademiesalon. Kino im Andreasstadel, Regensburg,
weiter in der Francois Truffaut – Reihe mit Die Frau trug schwarz (F 1967) mit Jeanne Moreau
Dienstag in der deutschen Fassung, Mittwoch im Original mit deutschen Untertiteln!
www.kinos-im-andreasstadel.de

18./19./20. August, 20.30 Uhr, Klosterhof des historischen Museums, Regensburg
29. Regensburger Stummfilmwoche
hamlet_web am letzten Wochenende mit amerikanischen an diesem mit europäischen Stummfilmen

Donnerstag: Friedrich Murnaus Schloß Vogelöd (1921),
Live-Musik: Aljoscha Zimmermann Ensemble

Freitag: Hamlet (1920/21), von Svend Gnade, Heinz Schall,
Live-Musik: Rainer J. Hofmann (Regensburg)

Samstag: Die Puppe (1919), und Ich möchte kein Mann sein (1918) zwei Kurzfilmen von Ernst Lubitsch,
Live-Musik: Aljoscha Zimmermann Ensemble

bei schlechtem Wetter in der Filmgalerie im Leeren Beutel, Eintritt: 10/9€
www.filmgalerie.de

Der Mann mit der Kamera und die Frau mit der Schere

1. September 2010 lweser Keine Kommentare

Freitag, 27. August 2010, 20.30 Uhr, 28. Regensburger Stummfilmwoche: Der Mann mit der Kamera (Tschelowek s kinoapparatom) von Dsiga Wertow (UdSSR 1929), musikalisch begleitet von Rainer J. Hofmann und Christoph Becker, Filmgalerie Leerer Beutel

Bei der Stummfilmwoche ist neben Film und Musik ein Drittes nicht wegzudenken: das Geräusch des Projektors. “DssssssDssssss…” raunt es durch die Nacht. Nach jenem Geräusch soll sich der bedeutende Dokumentarfilmregisseur und Filmtheoretiker benannt haben: Dsiga Wertow (Dziga Vertov). Sein bekanntester Film Der Mann mit der Kamera ist am Freitag vermutlich erstmals bei der Regensburger Stummfilmwoche zu sehen gewesen.

Tsiga Wertow - Der Mann mit der Kamera ist sein Bruder Michail Kaufmann

Tsiga Wertow - Der Mann mit der Kamera ist sein Bruder Michail Kaufman

Nach einem verregneten Vormittag riss am Spätnachmittag der Himmel auf und so wurde der Museumshof für die abendliche Veranstaltung vorbereitet. Dass jedoch eine halbe Stunde vor dem geplantem Vorstellungsbeginn der Himmel erneut seine Pforten öffnen würde, war nicht vorhersehbar. Unvorbereitet traf das Gewitter, gepaart mit einem ordentlichen Sturm, Veranstalter und Musiker. Gemeinsam mit den ersten Zuschauern wurde mit vereinten Kräften das Equipment gerettet und zur Filmgalerie geschleppt. Barfuss und mit durchnässten Kleidern spielten Rainer Hofmann und Christoph Becker, sein Kompagnon aus Heidelberg.

Dsiga Wertow geboren als Denis Arkadjewitsch Kaufman 1896 in Białystok, sah sich ganz im Geiste der Oktoberrevolution dazu verpflichtet, sein filmisches Schaffen in den Dienst des Aufbaus eines sowjetisch-sozialistischen Staates zu stellen. In diesem Sinne lehnte es jegliche Inszenierung und somit den Spielfilm an sich ab. Er sah im Dokumentarfilm ein “revolutionäres Potential”. Einzig Schnitt und Montage sah er als legitimes filmisches Mittel an. Selbst auf den Einsatz von Zwischentiteln verzichtete er ganz.

Der Film ist seiner Zeit alleine deswegen weit voraus, weil Wertow darin die Entstehung des Filmes offen legt und somit dem Filmhandwerk an sich huldigt. Der Mann mit der Kamera ist Wertows Bruder, der Kameramann Michail Kaufman, die Frau mit der Schere ist seine Frau, die Cutterin Jelisaweta Swilowa. (Ein dritter Bruder, Boris Kaufman war Kameramann und Oscar-Preisträger in Hollywood.) So kann der Zuschauer die Entstehung des Filmes miterleben vom Dreh, über den Scheideraum bis hin zum fertigen Film.

Der Film besitzt auch eine gewisse Ähnlichkeiten mit Berlin - Symphonie einer Großstadt (D 1927). Die Stadt steht im Mittelpunkt, sowie ihre Bewegung, ihre Schnelligkeit durch Motorisierung und Mechanisierung. Gedreht wurde in Odessa, Kiew und Moskau. Auch der Mensch in dieser Stadt kommt vor. Dabei wird der Unterschied zwischen den Klassen deutlich sichtbar: Zum einem ist da der Arbeiter, der in der Fabrik oder im Bergbau sein Leben und seine Gesundheit riskiert. Auf der anderen Seite die feinen Damen, die mit schönen Hüten und Juwelen in Kutschen spazieren fahren. Das wirkt nun ganz und gar nicht, als sei es mit der sozialistischen Führung abgesprochen. Gut, die meisten Menschen lachen, so als seinen sie voller Hoffnung, aber jene Wahrheit dahinter können sie nicht verbergen. Weiterhin sind Freizeitbeschäftigungen, wie Rummel, Bierhallen und sportliche Betätigung zu sehen. Da wundert man sich schon über so einiges. Zum Beispiel, dass in der Sowjetunion der 20er Jahre Basketball gespielt wurde, oder man auf dem Jahrmarkt auf Schießscheiben in Form alter Frauen mit einem Hakenkreuz auf dem Kopftuch schießen konnte. Auch gab es schon Bauch-Weg-Geräte und freizügige Bademode. Ja, sogar Bikinis waren am Strand weit verbreitet! Manchmal sieht man auch, dass Wertow heimlich gefilmt hat, und dass ihm ziemlich egal war, ob er damit die Intimsphäre der abgebildeten Menschen verletzte. Zwar war das Medium Film zu diesem Zeitpunkt schon dreißig Jahre alt, aber ein Recht auf Persönlichkeitsschutz lag noch in weiter Ferne.

Der Film ist beeindruckend, ohne Frage, doch manchmal gehen mit Wertow ein bisschen die Pferde durch. Dann wirkt Der Mann mit der Kamera zerfahren und hektisch. Eine gute Musik könnte dem entgegenwirken. Viele namhafte Komponisten und Musiker haben sich schon an der Vertonung dieses Werkes versucht, darunter so illustre Namen wie Pierre Henry, Michael Nyman und The Cinematic Orchestra. Der Multiinstrumentalist Rainer J. Hofmann ist in Sachen Film-Scores schon lange bei der Stummfilmwoche dabei, und damit ein alter Hase in dem Metier. Für den heutigen Abend hatte er sich eine Filmmusik aus Samples und E-Piano ausgedacht - einfach und stringent. Soweit, so gut. Die meist aus Maschinengeräuschen erzeugten Loops passten wirklich ganz gut zum Film, ebenso wie die schlichten Klavierakkorde. Die eingestreuten “Störgeräusche” in Freejazz-Manier seines Kollegen Christoph Becker (an diversen Saxofonen und Cajón) waren dagegen ebenso uninspiriert wie störend, leider. Manchmal ist halt weniger doch tatsächlich mehr.

Schön, dass uns das Stummfilmwochen-Team um Nicole Litzel wieder solche Perlen der Filmgeschichte aus den Archiven geholt hat. Man merkt wie wichtig es ist, den Stummfilm als eigenständige Kunstform zu präsentieren. Mit Live-Musikbegleitung, ist das sogar ein doppeltes Vergnügen und ein wahres Kunsterlebnis der besonderen Art. Wir freuen uns auf die 29. Ausgabe.

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