Buch-Tipp: Buch über den Friedhof - von Samko Tale
Der Forrest Gump der Slowakei
(Sigrid Grün)
Vergangene Woche war die slowakische Autorin Daniela Kapitáňová zu Gast in Regensburg, um aus ihrem jüngsten Werk, dem Buch über den Friedhof zu lesen. Die 1956 in Komárno geborene Kapitáňová studierte in Prag Theaterregie und arbeitet derzeit als Literaturredakteurin in Bratislava. Das vorliegende Buch wurde in mehrere Sprachen übersetzt und es zählt zu den stärksten Werken der slowakischen Gegenwartsliteratur.
Samko Tále lebt in der slowakischen Kleinstadt Komárno, die nahe an der ungarischen Grenze liegt und verdient sein Geld mit dem Einsammeln von alten Pappen, die er an einen Altpapierhändler weiterverkauft. Samko ist 1,52 Meter groß und leidet an einer Krankheit, “bei der man nicht mehr wächst” - und am liebsten trinkt er Kefir.
Als der alte Gusto Rúhe ihm wahrsagt, dass er ein “Buch über den Friedhof” schreiben wird, macht sich Samko gleich ans Werk. Der erste Versuch gerät noch ziemlich kurz - nur eine Seite. Doch der Regen und ein reparaturbedürftiger Wagen lassen Samko noch einmal zum Schriftsteller werden: Es entsteht das zweite Buch über den Friedhof, in dem der kleine Mann den Kosmos Komárno vor unseren Augen entstehen lässt. In Kindermundmanier und völlig ungefiltert schildert Samko das Leben in der slowakischen Kleinstadt. Er nimmt absolut kein Blatt vor den Mund und spricht das aus, was keiner laut zu sagen wagt. In seiner naiv-kindlichen Erzählweise wirkt er zunächst ungeheuer putzig aber man erschrickt über die Inhalte, die der “Zurückgebliebene” vermittelt. Blanker Hass und Rassismus, Homophobie und Denunziantentum sind nur einige seiner negativen Charaktereigenschaften. Gleichzeitig beteuert Samko stets seine positiven Eigenschaften: Er ist arbeitsam und gut und alle schätzen ihn sehr. Neben antiziganistischen Parolen findet man gleich Beteuerungen kein Rassist zu sein: “Ich bin überhaupt nicht rassistisch, denn ich bin sehr gut. Das sieht man hinsichtlich darauf, dass ich mich, wenn im Fernsehen ein Film läuft, in dem jemand zu den Indianern rassistisch ist oder zu den Sklaven, sehr darüber ärgere, wie jemand so rassistisch sein kann, und wenn er hinsichtlich darauf bestraft wird, dann freu ich mich sehr. [...] Margita und Valent Anka sind auch nicht rassistisch, denn in Komárno gibt es keinerlei Indianer oder Sklaven. Kann aber sein, dass es in Bratislava welche gibt, und so weiß ich nicht, ob Ivana rassistisch ist.” (S. 112)
Die präzisen und schonungslosen Beschreibungen seiner Mitmenschen gehören ebenso zu Samko wie die völlig unreflektierte Verehrung der kommunistischen Partei. Selbst die eigenen Eltern werden ohne Rücksicht observiert. Zu groß ist die Angst, “reingerissen” zu werden.
Ähnlich wie Herta Müller entwirft die Autorin, Daniela Kapitáňová, die hier unter dem Pseudonym Samko Tále geschrieben hat, das ungeschönte Bild einer Kleinstadt - mit all den Abgründen, die sich auftun. Aber anders als bei Müller, lässt die slowakische Autorin nicht eine Figur, die zur Reflexion fähig ist berichten, sondern einen mental Retardierten, der exakt das wiedergibt, was in den Köpfen der Leute vorgeht. Allein diese Erzählstrategie ist ein großer Wurf und auch die Umsetzung überzeugt durch und durch.
Fazit: Das Buch über den Friedhof ist ein überragendes literarisches Werk, das eindrucksvoll aufzeigt, wie bodenlos menschliche Abgründe sein können. Trotz des Kindermundtons keine leichte Kost. Meine Empfehlung!
Samko Tále (Autor)
Buch über den Friedhof
www.wieser-verlag.com
195 Seiten