Sonne im Netz
Štefan Uher Slnko v sieti - Die Sonne im Netz (CS, 1962) bei den Slowakischen Filmtagen
Mein Kinoerlebnis mindestens des Jahrzehnts, wenn nicht meines bisherigen Lebens ist ein tschechoslowakischer Film aus dem Jahr 1962. Er teilt sich diesen “Titel” mit einem anderen tschechoslowakischen Film aus dem Jahr 1965. Gesehen habe ich beide Filme in der Filmgalerie in Regensburg. Den zweiten Perličky na dně (Perlen auf dem Meeresgrund) sah ich 2007 als Tschechien Gastland der Kurzfilmwoche war. Den ersten Slnko v sieti (Sonne im Netz) vorgestern bei den Slowakischen Filmtagen.
Sonne im Netz des slowakischen Regisseurs Štefan Uher war ein Beitrag des Nationalen Filmarchivs des slowakischen Filminstituts. Štefan Uher legte mit diesem Film den Grundstein zur tschechoslowakischen Neuen Welle (nova vlna).

Sonnenbaden über den Dächern von Bratislava
Fajolo und Bela leben in Bratislava, sie kommen sich näher, stoßen einander jedoch immer wieder weg. Sie stromern auf den Dächern der Wohnblocks umher und haben sich wenig zu sagen. Erst als Fajolo zur Erntebrigade nach Melenany aufs Land fahren muss, findet er zu Worten und zu tieferen Erkenntnissen. Der Gegensatz von Stadt und Land, Alter und Jugend sind grundlegende Motive des Filmes, ebenso wie die Blindheit der Mutter Belas. Ob man in diese Blindheit hinein bereits eine Regimekritik interpretieren kann, sei dahingestellt. „Gemeinsam sehen - Gemeinsam lügen“ ist jedenfalls das Motto Belas und ihres Bruders, wenn sie ihrer Mutter die Umgebung beschreiben.
Deutlich und metapherfrei tritt die Regimekritik hervor, als es um die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften und deren Misswirtschaft geht. Kein Wunder, dass dieser Film verboten wurde. Dass er dennoch, bis es dazu kam, auf einigen tschechoslowakischen und russischen Filmfestivals lief, verwundert da schon eher, weist aber darauf hin, dass es in der sozialistischen Ära der Republik eine Zeit gab, als noch freier mit politischen Äußerungen in der Kunst umgegangen wurde.
Der Film überzeugt auch durch die sehr realistischen Darstellungen des Alltags. So stellt er eine Jugendgeneration dar, die von technischen Vehikeln (Plakate, Radio, Fotoapparat, Mode und Musik) geprägt ist. Die Stadtszenen (Spiel- und Drehort ist Bratislava) wirken ungeheuer modern. Wenn z.B. Bela und Fajolo im Antennenmeer auf den Dächer sonnenbaden, dabei Radio hören, voneinander Fotos machen oder die Sonnenfinsternis beobachten. Ebenso modern wirkt die Filmmusik (Ilja Zeljenka). Sind da tatsächlich Synthesizer-Klänge zu hören? Schnitt und die Erzählstruktur wirken gleichfalls modern. Wenn Fajolo fotografiert ist ein Standbild zu sehen und man hört den Stream of Conciseness Fajolos als Off-Stimme. Im Gegensatz dazu steht das alte Fischerpaar auf dem Ponton (einem Holzsteg samt Hüttenfloß und Fischernetz auf einem Altwasser der Donau) oder die Landschaften von Melanany (gedreht in der Westslowakei nahe Nitra). Die beeindruckende Fotografie des Filmes ist dem Kameramann Stanislav Szomolányi zu verdanken. Im Netz des Fischers spiegelt sich die Sonne als Bela und Fajolo nach dessen Heimkehr gemeinsam dort sind. Am Ende ist der Donauarm ausgetrocknet, der Fischer tot, das Netz nicht mehr vorhanden, Fajolo und Bela getrennt. Bela und ihr Bruder wollen ihrer Mutter den Ponton zeigen und beschreiben ihr die Farbe der Donau und die Sonne im Netz.
Dass nur so wenige Regensburger die Gelegenheit (die sich sicher nicht so bald wieder bieten wird) diesen hervorragenden Film zu sehen, wahrgenommen haben, ist schade. Schade ist auch, dass es keine Einführung oder Filmgespräch zu dem hierzulande nahezu unbekannten Film gegeben hat. Dennoch, dass Slnko v sieti in Regensburg zu sehen war, beweist einmal mehr die immens wichtige und unermüdliche kulturelle und filmgeschichtliche Arbeit des Arbeitskreises Film. Danke!