“Verbrennungen” im Akademietheater Regensburg
Intensiv, berührend und zutiefst beeindruckend
(Sigrid Grün)
Wajdi Mouawads “Incendies” / “Verbrennungen” ist eines der beliebtesten zeitgenössischen Stücke. Seit der deutschsprachigen Erstaufführung im Jahr 2006 war Mouawads Familiendrama in sehr unterschiedlichen Inszenierungen zu sehen. Mal opulent, wie etwa im Burgtheater, mal auf nur vier Darsteller reduziert, wie zum Beispiel in Bochum. Das Regensburger Akademietheater zeigte von Mittwoch bis Freitag zum letzten Mal eine zutiefst beeindruckende Inszenierung mit den diesjährigen Absolventen der Akademie für Darstellende Kunst.
Das Thema beherrscht immer noch die Weltnachrichten. Derzeit ist insbesondere Syrien ein akuter Krisenherd. Die mediale Aufarbeitung des Nahostkonfliktes wird auch in Meike Fabians Inszenierung von “Verbrennungen” an den Anfang gestellt. Die Schauspieler tragen aktuelle Zeitungsmeldungen vor - jeweils mit Quellenangabe. Anhand dieser Meldungen wird aufgezeigt, wie sich die Geschichte des Konfliktes immer weiter fortsetzt. Stets lassen sich Zorn und Rache als Ursache von Gewalt ausmachen. Ein Gewaltexzess befeuert den nächsten.
Acht Akteure, fast alle - mit Ausnahme von Nawal (Ella Schulz) - in mehreren Rollen besetzt, ergründen das Trauma von Nawal und die Tragödie eines Landes. Vorbild ist der Libanon, in dem der Autor geboren wurde. Nach einer Kindheit in Beirut, floh die Familie schließlich vor dem Bürgerkrieg nach Paris. Später siedelte sie ins kanadische Montreal über, wo Mouawad heute noch lebt und arbeitet.
Jeanne (Anna Günther), die beherrschte Mathematikerin und Simon (Johannes Aichinger), der unbeherrschte Boxer, sind Zwillinge. Der Notar Hermile Lebel (Benjamin Oeser) eröffnet das Testament der Mutter Nawal. Sie hatte die letzten fünf Jahre ihres Lebens geschwiegen, einen Tag vor dem 16. Geburtstag der Zwillinge war sie verstummt. Ihrer Tochter Jeanne vermacht Nawal Marwan eine Jacke aus grünem Tuch, Simon ein rotes Heft. Und jeder der beiden erhält einen Auftrag. Jeanne soll ihren und Simons Vater finden und ihm einen Umschlag überreichen. Simon soll einen Bruder, von dem die Zwillinge nichts wussten, finden und ihm ebenfalls einen Umschlag übergeben. Zunächst reagieren die Hinterbliebenen ablehnend, insbesondere Simon weigert sich vehement, den letzten Willen seiner verstorbenen Mutter zu erfüllen. Doch Jeanne macht sich schon bald auf die Suche nach den Wurzeln ihrer Mutter und damit auch nach einem integralen Bestandteil ihrer eigenen Identität. Sie reist ins Heimatland von Nawal und erfährt Dinge, die sie zutiefst erschüttern. Während sie mit dem Walkman dem auf Kassetten gebannten Schweigen der Mutter lauscht, ergründet sie die Geschichte einer Frau, die eine ganz andere war, als ihre Kinder gedacht haben. Auch Simon reist schließlich mit dem Notar Hermile Lebele in den Nahen Osten. Und was er dort erfährt, ist eigentlich mehr, als er ertragen kann. Die Geschichte wird aber nicht nur aus der Perspektive von Jeanne und Simon erzählt, sondern setzt sich aus immer wieder auftauchenden Rückblenden zusammen, die sich zum Schluss zu einem großen Ganzen fügen. Erzählt wird die Geschichte von Nawal im Alter von 14-19 Jahren, mit 40 und mit 60 Jahren. Die junge Nawal verliebt sich in Wahab (János Kapitány) und bekommt einen Sohn, der ihr gleich nach der Geburt weggenommen wird. Nach dem Tod der Großmutter Nazira (Veronika Conrady) gibt sie ihr das Versprechen, lesen und schreiben zu lernen und dem ewigen Zorn, der von Generation zu Generation weitergetragen wird, ein Ende zu setzen. Nawal schafft es tatsächlich, das Dorf zu verlassen und kehrt als gebildete Frau zurück, die sich mit der gleichaltrigen Sawda (Hannah Baus) befreundet und sich mitten im grausamen Bürgerkrieg, der gerade wütet, auf die Suche nach ihrem Sohn macht. Von den Schrecken des Krieges, insbesondere von einem bestimmten Massaker schwer traumatisiert, setzt sie sich ein Ziel und stellt ihr Leben in den Dienst des Kampfes um ein Ende des Krieges. Schließlich landet sie in der “Hölle Kfar Rayat”. In diesem Gefängnis sitzt sie 10 Jahre und wird gefoltert. Und hier laufen auch über 20 Jahre später, als Jeanne und Simon sich auf die Suche nach den eigenen Wurzeln machen, alle Fäden zusammen…
Mouawads Stück ist viel mehr als eine Familiengeschichte, es ist der Versuch zu verstehen, wie sich menschliche Gewaltexzesse immer fortsetzen. Meike Fabian ist mit nur acht Darstellern eine behutsame und trotzdem ungeheuer intensive Inszenierung gelungen, die das Publikum zutiefst bewegt hat. Die Darsteller konnten durchweg überzeugen, schlüpften sie doch im Laufe des Stückes in insgesamt über 20 Rollen. Insbesondere die Leistungen von János Kapitány als Heckenschütze Nihad, Benjamin Oeser als Notar Hermile Lebel und natürlich Ella Schulz intensive Darstellung von Nawal sind hervorzuheben. Man kann der Regisseurin und den Darsteller zu dieser Inszenierung nur gratulieren und man wünscht sich noch viele weitere derart starke Stücke im jungen Regensburger Akademietheater.








