Aus der “Als-ob”-Stadt
(Jan Neidhardt)
Theresienstadt, auf Tschechisch und heute Terezín, gelegen in Nordböhmen, ist eine Festung, die als Konzentrationslager zu trauriger Berühmtheit gelangt ist. Das Konzentrationslager wurde durch die deutschen Besatzer hier im Juni 1940 errichtet und diente zunächst als Lager für den Tschechischen Widerstand gegen die Nationalsozialisten. 1941 entstand hier das sogenannte Ghetto Theresienstadt als Lager für die jüdische Bevölkerung von Böhmen und Mähren. Das Ghetto war vorübergehend auch eine Art Vorzeigeeinrichtung, in der die Nazis zu Propagandazwecken der Welt beweisen wollten, dass sie die Juden gut behandeln würden.
Das vorliegende Buch (herausgegeben von Lisa Peschel) beinhaltet Theatertexte, die im Ghetto Theresienstadt in den Jahren 1941-45 von jüdischen Gefangenen verfasst wurden. Sicher sind Theatertexte eine Sache, die man nicht in einem Konzentrationslager erwarten würde, aber so unglaublich es aus heutiger Sicht klingt: In Theresienstadt wurde unter widrigsten Bedingungen getextet und es wurden dramatische und kabarettistische Stücke zur Aufführung gebracht. Das Buch versammelt eine kleine Auswahl der hier entstandenen Stücke, die inhaltlich und genremäßig zunächst sehr unterschiedlich zu sein scheinen. Interessant an der Sammlung ist auch, dass alle Stücke und erklärenden Texte zweisprachig auf Deutsch und auf Tschechisch im Buch vorhanden sind. Die Texte haben meist, und das kann vielleicht zunächst überraschen, einen sehr humorvollen Anklang, oft handelt es sich um auch um gereimte Verse, mit zahlreichen Sprüchen und Anspielungen versehen. -Deshalb muss eine Übersetzungsarbeit hier auch besonders schwierig gewesen sein. Man kann sich oft nur dem Sinngehalt (sei es auf Deutsch oder auf Tschechisch) annähern. Ich denke aber, sprachlich ist das Wunder der Übersetzung doch geglückt und es sind gut lesbare und oft auch überaus witzige Texte entstanden, wobei sich manches aber einfach nicht übersetzen lässt, hier springen die gut recherchierten Anmerkungen und Erklärungen im jeweiligen Anhang hilfreich ein.
Um noch einmal auf den besonderen Humor vieler Stücke zurückzukommen: z.B. “Ehrenbeleidigung”, ein Sketch von einem unbekannten Autor, über einen Mann, der u.a. den Auftrag hat “Knödel und Buchteln” an der Essensausgabe zu zählen, sich aber überhaupt keine Zahlen merken kann und dafür auf allerhand “mnemotechnische” Tricks zurückgreifen muss, ist teilweise rasend komisch erzählt und steht voller Verweise auf die deutsche Verwaltung und Bürokratie, die mit vielfältigen Nummerierungen auch zur Demütigung und Unterdrückung der Ghettobewohner beiträgt. Humor erscheint als eine Möglichkeit, sich ein Stück seiner Würde zu bewahren, vielleicht aber auch als Möglichkeit, das ganze Grauen überhaupt irgendwie zu verarbeiten, oder als Mittel sich selbst und die anderen wenigstens für ein paar Minuten aus der Situation heraus zu holen. Vieles was sich hier sehr lustig liest, lässt den Leser natürlich bei Bedenken des Hintergrunds mit einem sehr ambivalenten Gefühl zurück.
11 wenig bekannte bzw. ganz neu aufgefundene tschechische und deutschsprachige Theatertexte finden sich im Buch, die jeweils als sichtbar abgegrenzte, einzelne Texte erscheinen. Die Reihenfolge ist ohne einen inhaltlich sichtbaren Zusammenhang gewählt. Die Texte entstammen so unterschiedlichen Genres wie Sketch, Drama, Puppentheater, Liedern, Versen, Kabarett und Satire. Was vielleicht zunächst bunt gewürfelt erscheint, offenbart aber doch immer wieder eins: Wie Menschen, die oft völlig entwurzelt und von Mangel und Tod bedroht sind, versuchen eine Ausdrucksmöglichkeit ihrer Verzweiflung zu finden. Hier sieht man wiederum, dass dieses wohl oft über den Humor geschieht.
Die Texte, die hier versammelt sind, sind alle unveröffentlicht und in mühevoller Arbeit übersetzt und mit Hintergrundinformationen versehen worden. Die Zusammenarbeit mit Zeitzeugen und Nachfahren, sowie die Archivarbeit hat hier eine wichtige Rolle gespielt.
Ich fand an dem Projekt besonders spannend, die Möglichkeit den Menschen, die im Ghetto von Theresienstadt leben mussten und meist heute vergessen sind, zumindest einen Teil ihres Gesichts zurückzugeben. Auf der anderen Seite wird es auch möglich, einen Teil des Alltagslebens (so weit man unter diesen Bedingungen davon sprechen darf) zu rekonstruieren. Der künstlerische Aspekt sollte auch nicht zu kurz kommen, denn viele der Texte sind nicht nur deshalb interessant weil sie aus dem Ghetto stammen, sondern auch weil sie dem Leser darüber hinaus etwas mitteilen können. Viele Texte zeugen eben auch wie bereits angesprochen von einem herausragenden Humor und satirischen Talent.
Fotografien bieten einen Einblick in die Editionsarbeit, hier werden die Schriften gezeigt, wie sie der Herausgeberin vorlagen. Z.B. schwer leserliche Zeilen mit Schreibmaschine auf dünnes Pergamentpapier getippt. Andererseits sieht man fröhlich anmutende Plakate fürs Kabarett und Theater, die man so sicher nicht in einem Ghetto vermuten würde.
Besonders erschütternd und beeindruckend fand ich z.B. das Stück “Wir suchen ein Gespenst” von Hanuš Hachenburg. Der junge Autor dieses satirischen Puppenstücks war bei seiner Deportation erst 13 Jahre alt! Genaueres kann man über den Jungen, der wahrscheinlich 1944 in Auschwitz ermordet wurde, nicht herausfinden. Das Stück selbst zeigt eine besondere Begabung zur Satire und zu allegorischen Darstellung. Die Charakterisierung des Puppenstücks, die in dem editorischen Essay thematisiert wird, kann ich nur unterstreichen und hier wiedergeben: “Hachenburgs literarisches Experiment vibriert von Energie, schwarzem Humor und poetischer Tiefe.”, hier treten viele Figuren des traditionellen Puppentheaters auf, neben neuen Gestalten wie Polizist, Jude und Minister: “das kann man gewissermaßen als gesellschaftskritische Stichprobe auffassen.” (S.129). Hier werden die Gebeine alter Menschen als Rohstoff aufgefasst und selbst der Gevatter Tod leistet für den Diktator Sklavenarbeit. - Deutlicher kann man es wohl nicht sagen, als in diesem Puppentheaterstück aus dem Ghetto von Theresienstadt.
Lisa Peschel (Herausgeberin)
Divadelní texty z terezínského ghetta 1941-1945/ Theatertexte aus dem Ghetto Theresienstadt 1941-1945
www.akropolis.info
555 Seiten