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Artikel Tagged ‘Tschechien’

“Ächz, Seufz, Zack, Bumm?!? Literatur und Comics?!

29. Mai 2012 jneidh Keine Kommentare

Unter diesem Motto ist noch bis 30.09.2012 eine Ausstellung im Literaturhaus Oberpfalz in Sulzbach-Rosenberg zu sehen.

Der Comic scheint sich in den letzten Jahren mehr und mehr aus der Schmuddelecke wegzubewegen, in die ihn Pädagogik und bürgerliches Kulturverständnis eingentlich von Anbeginn seines Entstehens abgeschoben hatten. Die nicht nur für Comicfans interessante Ausstellung in den Räumlichkeiten des Literaturarchivs Sulzbach-Rosenberg zeigt, wie sich in den letzten Jahren der Comic den Weg in die Feuilletons erobert hat und auch renommierte große Verlage, die Bildgeschichten gerne in Form der Graphic Novel in ihr Programm aufnehmen und sie als Literatur deklarieren.

Alois Nebel, eine tschechische Graphic Novel, die Anfang des Jahres bei Voland & Quist erschien, ist ein aktuelles Beispiel, dem in der Ausstellung sogar ein eigener Raum gewidmet ist. Alois Nebel, der Fahrdienstleiter, der auf der einsamen Bahnstation im deutsch-tschechischen Grenzgebiet von den Schatten der Vergangenheit verfolgt wird, erzählt im Holzschnitt und mit allen Attributen des klassischen Comics mitteleuropäische Geschichte des 20. Jahrhunderts. Hier überschneiden sich Genres wie Comic, Roman und Sachinformation auch in ästhetisch einmaliger Weise.

In der Ausstellung sind u.a. Originalzeichnungen der beiden Autoren Jaromir 99 und Jaroslav Rudis zu sehen, sowie weiterreichende Informationen zum Hintergrund der Geschichte.

Jaromir99 - Comicautor und Sänger der Band Priessnitz

Jaromir99 - Comicautor und Sänger der Band Priessnitz

Die beiden Autoren waren übrigens zur Eröffnung der Ausstellung am 24.05.12 anwesend und traten hier auch mit Priessnitz (einer zur Zeit in Tschechien sehr angesagten Band - file under: Rockgitarre und Gesang und natürlich auf Tschechisch) auf. Zwischen den Songs gab es Geschichten rund um Alois Nebel und Informationen über Undergroundkultur in der Tschechoslowakei (vor 1989). Man konnte u.a. erfahren, dass sich die Autoren in die Psychiatrie einweisen ließen, um dem Militärdienst zu entgehen. Aus dieser Zeit stammt auch ein wichtiger Teil der Inspiration zum Comic.

Jaroslav Rudis und Kameramann

Jaroslav Rudis und Kameramann

Die Ausstellung hat aber auch sonst einiges zu bieten: So wird hier z.B. ein neu aufgefundenes Original von Wilhelm Busch gezeigt. Die Bildgeschichte “Der Kuchenteig” wurde vor einigen Jahren im Archiv des J.E. von Seidel-Verlages entdeckt und zeigt offenbar eine Vorstufe zu Max und Moritz mit dem gewohnt martialisch-pädagogischen Anspruch eines Wilhelm Busch.

Für mich als Fan besonders interessant ist auch der Ausstellungsbereich zum österreichischen Comiczeichner Nicolas Mahler, der mit seinen “Alten Meistern”, einer Comicadaption von Thomas Bernhards Roman, es tatsächlich fertig brachte, den Suhrkamp Verlag zu “knacken” und in dazu zu bringen, ein Comic in sein Programm aufzunhemen.

Die Ausstellung ist zu sehen im:

Literaturhaus Oberpfalz

Rosenberger Str. 9

92237 Sulzbach-Rosenberg

Telefon (09661) 8159590

online erreichbar unter:

info@literaturarchiv.de

www.literaturarchiv.de

Öffnungszeiten:

Dienstag bis Freitag 9-17 Uhr

(außer an Feiertagen)

Sonntag 14-17 Uhr

Buchtipp: Alois Nebel von Jarolav Rudis und Jaromir 99

22. Februar 2012 sgruen Keine Kommentare

Wenn der Nebel sich lichtet

(Sigrid Grün)

Eine abgelegene Eisenbahnstation im tschechoslowakisch-polnischen Grenzgebiet, Ende der achtziger Jahre: Alois Nebel, ein begeisterter Eisenbahner, ist hier Fahrdienstleiter. Eigentlich legt er seine Uniform nie ab und zwischen seinen Schichten liest er auf der Diensttoilette alte Fahrpläne und Kursbücher. Die Eisenbahn mit ihren klaren Regeln und Zeiten gibt ihm Sicherheit. Diese Sicherheit braucht er auch. Denn, immer wenn sich der Nebel um das alte Bahnhofsgebäude lichtet, tauchen die Geister der Vergangenheit hier auf. Dämonen des 20. Jahrhunderts, die per Bahn in den kleinen Ort einreisen. Einmal erscheint z.B. eine ganze Horde SS-Leute, die um Wasser bittet (allerdings in denkbar rüdem Ton), dann auch russische Soldaten auf der Jagd nach Deserteuren und schließlich Deutsche, die aus dem Land vertrieben wurden. Der Weg von Alois Nebel führt ihn jedenfalls in die Nervenheilanstalt, hier lernt er „den Stummen“ kennen, der es ihm schließlich möglich macht, auch zu seiner Vergangenheit Zugang zu finden und die Geister, die ihn heimsuchen zu bekämpfen. Die tschechische Graphic Novel kam ursprünglich in drei Teilen heraus – auf Deutsch ist sie jetzt in einem Band erhältlich.
„Alois Nebel“ schafft eine düstere, gleichzeitig aber auch lebendige, liebenswürdige Atmosphäre, die man einem solchen Genre, das vielleicht ein bisschen an den amerikanischen Film noir der 40er Jahre angelehnt ist, sonst eigentlich nicht zutraut. Das Buch verströmt einiges dieser ganz eigentümlichen Atmosphäre, die sich in Grenzregionen oft findet, man sieht sich ans Ende der Welt versetzt, gleichzeitig aber auch an einen Ort, an dem viele Menschen vorbeikommen und der für Geschichten gut ist. Von solchen Geschichten finden sich viele, die Zeit und Grenzen überschreiten in dieser Graphic Novel, die auch von den Bildern her einen besonderen Augenschmaus bietet. Die Scherenschnitte wirken sehr lebendig und stecken voller Andeutungen und Zeichen, auch sprachlich ist der Comic sehr gut gelungen, wobei man natürlich, wenn man tschechische Literatur ein bisschen kennt, vermuten kann, dass eine Übersetzung immer auch einiges an Sprachwitz einbüßen lässt. Mir hat die Lektüre der drei Teile von Alois Nebel (Weißbach / Hauptbahnhof / Das goldene Gebirge) sehr viel Spaß gemacht und ich freue mich schon auf die Verfilmung, die in Tschechien bereits viele Zuschauer in die Kinos gelockt hat.

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Jaroslav Rudiš (Text); Jaromír »Jaromir 99« Švejdík (Illustrationen)
Alois Nebel
www.voland-quist.de
360 Seiten

Buchtipp: Tatar mit Veilchen von Jaromir Konecny

29. Januar 2012 sgruen Keine Kommentare

Schwejk reloaded

(Sigrid Grün)

In manche Männer muss man sich unweigerlich verlieben. Jozef – mit Kosenamen Pepa genannt - ist so ein Mann. Er ist der lächelnde Held von Jaromir Konecnys jüngstem Roman, der den schönen Titel „Tatar mit Veilchen“ trägt.
Pepa ist dreißig, passionierter Alltagsphilosoph und lebt seit seiner Kindheit mit seiner Oma im schönen Hultschiner Ländchen. Eigentlich ist er Tscheche, aber weil er einen Großvater hat, der nicht nur Deutscher war, sondern auch noch Angehöriger der SS, halten ihn seine tschechischen Kneipenkumpels eher für einen Deutschen. Sein Leibgericht ist Tatar mit Topinky und dazu trinkt er natürlich am liebsten Bier. Seine Freundin Hanka träumt davon in dem verschlafenen nordmährischen Städtchen eine Boutique zu eröffnen und drägt Pepa deshalb dazu, nach Deutschland zu fahren und sich eine satte Entschädigung zu holen, die sie sich von dem toten SS-Opa verspricht. Auch Pepas Großmutter sähe es gerne, wenn ihr Enkel sich in das Heimatland ihres verstorbenen Mannes begeben würde. Zunächst zögert er, doch schließlich lässt er sich doch auf die Deutschlandreise ein. Er bekommt von der stolzen Großmutter 300 Euro und den SS-Ausweis des Großvaters in die Hand gedrückt und fährt mit dem Bus nach München. Dort erlebt er natürlich einen Kulturschock und lernt eine Menge dazu. In Deutschland befinden sich Klo und Bad in einem Raum, Kartoffelpuffer werden mit Apfelmus gegessen und nicht mit Knoblauch oder “Wurscht”, es gibt bettelnde Taoisten und Pimmelkatholiken, ausbeuterische Wirtinnen und Paula, eine Malerin, deren Haar nach Veilchen duftet und bei der Pepa schließlich als Au-pair-Mädchen unterkommt. Natürlich sorgt der ewig lächelnde Tscheche, dem der Schelm im Nacken sitzt, für eine Menge Veränderungen.

Ich habe selten ein Buch gelesen, bei dem ich so oft laut lachen musste, wie hier. Jaromir Konecny, der bekannte und mehrfach preisgekrönte Autor aus der Bühnenliteraturszene, hat mit „Tatar mit Veilchen“ nicht nur eine äußerst komische Culture Clash Comedy geschrieben, sondern auch eine poetische und „schöntraurige“ Geschichte, die einen zum Nachdenken über das Leben in Deutschland und in unserem Nachbarland anregt. Den Schelm Pepa und seine Bier trinkenden Kumpels, die sich so ihre Gedanken zu allen möglichen Dingen machen, muss man einfach lieben. Der Humor ist derb, befreiend und nicht selten zutiefst weise – eine wunderbare Alternative zum platten Comedian-Gedussel, das man in Deutschland als „Humor“ vorgesetzt bekommt.
Zusätzlich zum Buch erhält man hier eine Cd, auf der Jaromir Konecny mit seinem zauberhaften tschechischen Akzent einige Kapitel aus dem Buch in gekürzter Fassung vorliest.
Unbedingt lesen und anhören!

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Jaromir Konecny (Autor)
Tatar mit Veilchen
www.voland-quist.de
192 Seiten und 42 Minuten auf Cd

Buchtipp: Theatertexte aus dem Ghetto Theresienstadt 1941-1945

11. Juli 2011 jneidh Keine Kommentare

Aus der “Als-ob”-Stadt

(Jan Neidhardt)

Theresienstadt, auf Tschechisch und heute Terezín, gelegen in Nordböhmen, ist eine Festung, die als Konzentrationslager zu trauriger Berühmtheit gelangt ist. Das Konzentrationslager wurde durch die deutschen Besatzer hier im Juni 1940 errichtet und diente zunächst als Lager für den Tschechischen Widerstand gegen die Nationalsozialisten. 1941 entstand hier das sogenannte Ghetto Theresienstadt als Lager für die jüdische Bevölkerung von Böhmen und Mähren. Das Ghetto war vorübergehend auch eine Art Vorzeigeeinrichtung, in der die Nazis zu  Propagandazwecken der Welt beweisen wollten, dass sie die Juden gut behandeln würden.

Das vorliegende Buch (herausgegeben von Lisa Peschel) beinhaltet Theatertexte, die im Ghetto Theresienstadt in den Jahren 1941-45 von jüdischen Gefangenen verfasst wurden. Sicher sind Theatertexte eine Sache, die man nicht in einem Konzentrationslager erwarten würde, aber so unglaublich es aus heutiger Sicht klingt: In Theresienstadt wurde unter widrigsten Bedingungen getextet und es wurden dramatische und kabarettistische Stücke zur Aufführung gebracht.  Das Buch versammelt eine kleine Auswahl der hier entstandenen Stücke, die inhaltlich und genremäßig zunächst sehr unterschiedlich zu sein scheinen. Interessant an der Sammlung ist auch, dass alle Stücke und erklärenden Texte zweisprachig auf Deutsch und auf Tschechisch im Buch vorhanden sind. Die Texte haben meist, und das kann vielleicht zunächst überraschen, einen sehr humorvollen Anklang, oft handelt es sich um auch um gereimte Verse, mit zahlreichen Sprüchen und Anspielungen versehen. -Deshalb muss eine Übersetzungsarbeit hier auch besonders schwierig gewesen sein. Man kann sich oft nur dem Sinngehalt (sei es auf Deutsch oder auf Tschechisch)  annähern.  Ich denke aber, sprachlich ist das Wunder der Übersetzung doch geglückt und es sind  gut lesbare und oft auch überaus witzige Texte entstanden, wobei sich manches aber einfach nicht übersetzen lässt, hier springen die gut recherchierten Anmerkungen und Erklärungen im jeweiligen Anhang hilfreich ein.

Um noch einmal auf den besonderen Humor vieler Stücke zurückzukommen: z.B. “Ehrenbeleidigung”, ein Sketch von einem unbekannten Autor, über einen Mann, der u.a. den Auftrag hat “Knödel und Buchteln” an der Essensausgabe zu zählen, sich aber überhaupt keine Zahlen merken kann und dafür auf allerhand “mnemotechnische” Tricks zurückgreifen muss, ist teilweise rasend komisch erzählt und steht voller Verweise auf die deutsche Verwaltung und Bürokratie, die mit vielfältigen Nummerierungen auch zur Demütigung und Unterdrückung der Ghettobewohner beiträgt. Humor erscheint als eine Möglichkeit, sich ein Stück seiner Würde zu bewahren, vielleicht aber auch als Möglichkeit, das ganze Grauen überhaupt irgendwie zu verarbeiten, oder als Mittel sich selbst und die anderen wenigstens für ein paar Minuten aus der Situation heraus zu holen. Vieles was sich hier sehr lustig liest, lässt den Leser natürlich bei Bedenken des Hintergrunds mit einem sehr ambivalenten Gefühl zurück.

11 wenig bekannte bzw. ganz neu aufgefundene tschechische und deutschsprachige Theatertexte finden sich im Buch, die jeweils als sichtbar abgegrenzte, einzelne Texte erscheinen. Die Reihenfolge ist ohne einen inhaltlich sichtbaren Zusammenhang gewählt. Die Texte entstammen so unterschiedlichen Genres wie Sketch, Drama, Puppentheater, Liedern, Versen, Kabarett und Satire. Was vielleicht zunächst bunt gewürfelt erscheint, offenbart aber doch immer wieder eins: Wie Menschen, die oft völlig entwurzelt und von Mangel und Tod bedroht sind, versuchen eine Ausdrucksmöglichkeit ihrer Verzweiflung zu finden. Hier sieht man wiederum, dass dieses wohl oft über den Humor geschieht.
Die Texte, die hier versammelt sind, sind alle unveröffentlicht und in mühevoller Arbeit übersetzt und mit Hintergrundinformationen versehen worden. Die Zusammenarbeit mit Zeitzeugen und Nachfahren, sowie die Archivarbeit hat hier eine wichtige Rolle gespielt.

Ich fand an dem Projekt besonders spannend, die Möglichkeit den Menschen, die im Ghetto von Theresienstadt leben mussten und meist heute vergessen sind, zumindest einen Teil ihres Gesichts zurückzugeben. Auf der anderen Seite wird es auch möglich, einen Teil des Alltagslebens (so weit man unter diesen Bedingungen davon sprechen darf) zu rekonstruieren. Der künstlerische Aspekt sollte auch nicht zu kurz kommen, denn viele der Texte sind nicht nur deshalb interessant weil sie aus dem Ghetto stammen, sondern auch weil sie dem Leser darüber hinaus etwas mitteilen können. Viele Texte zeugen eben auch wie bereits angesprochen von einem herausragenden Humor und satirischen Talent.
Fotografien bieten einen Einblick in die Editionsarbeit, hier werden die Schriften gezeigt, wie sie der Herausgeberin vorlagen. Z.B. schwer leserliche Zeilen mit Schreibmaschine auf dünnes Pergamentpapier getippt. Andererseits sieht man fröhlich anmutende Plakate fürs Kabarett und Theater, die man so sicher nicht in einem Ghetto vermuten würde.

Besonders erschütternd und beeindruckend fand ich z.B. das Stück “Wir suchen ein Gespenst” von Hanuš Hachenburg. Der junge Autor dieses satirischen Puppenstücks war bei seiner Deportation erst 13 Jahre alt! Genaueres kann man über den Jungen, der wahrscheinlich 1944 in Auschwitz ermordet wurde, nicht herausfinden. Das Stück selbst zeigt eine besondere Begabung zur Satire und zu allegorischen Darstellung. Die Charakterisierung des Puppenstücks, die in dem editorischen Essay thematisiert wird, kann ich nur unterstreichen und hier wiedergeben: “Hachenburgs literarisches Experiment vibriert von Energie, schwarzem Humor und poetischer Tiefe.”, hier treten viele Figuren des traditionellen Puppentheaters auf, neben neuen Gestalten wie Polizist, Jude und Minister: “das kann man gewissermaßen als gesellschaftskritische Stichprobe auffassen.” (S.129). Hier werden die Gebeine alter Menschen als Rohstoff aufgefasst und selbst der Gevatter Tod leistet für den Diktator Sklavenarbeit. - Deutlicher kann man es wohl nicht sagen, als in diesem Puppentheaterstück aus dem Ghetto von Theresienstadt.

Lisa Peschel (Herausgeberin)
Divadelní texty z terezínského ghetta 1941-1945/ Theatertexte aus dem Ghetto Theresienstadt 1941-1945
www.akropolis.info
555 Seiten

Lohrbuchpräsentation heute im Goldenen Fass

11. November 2010 lweser Keine Kommentare

Hörbuch: “Wie eine Ratte nagt am Putz die Zeit. Literatur aus Mähren.”

Nach der Hörbuchanthologie Das Leben ist zum Verrücktwerden schön. Böhmische Geschichte literarisch herausgegeben von Arthur Schnabl aus dem Jahr 2007, erscheint jetzt eine weitere Anthologie mit Literatur aus und über eine tschechische Region, diesmal aus Mähren. Wieder wurde sie von Arthur Schnabl zusammengestellt und herausgegeben, wieder erscheint sie im Regensburger Lohrbär-Verlag.

Mähren, der kleine Bruder Böhmens, wird oft übersehen. Dabei stammen nicht wenige berühmte Persönlichkeiten aus dem östlichen Drittel der tschechischen Republik. Kürzlich gab es zu diesem Thema auch eine Ausstellung in der Universitätsbibliothek Regensburg. Ferdinand Porsche und Sigmund Freund, sowie der Pionier der Vererbungslehre, der Augustinermönch Gregor Mendel stammen aus Mähren. Doch von ihnen gibt es keine Texte auf diesem “Sampler”. Und auch nicht von Milan Kundera, der wohl nicht wollte. Dafür können wir Texte von Marie von Ebner Eschenbach, die in Mähren geboren wurde, hören, von Robert Musil, der in Brün aufwuchs, von Peter Härtling, der in Olmütz zur Schule ging, von Jan Skácel, Joseph Roth, Hermann Ungar, Ota Filip, Erica Pedretti, Jiri Krachtovil und Rainer Kunze.

Lenka Hubácková und Arthur Schnabl lesen die Texte. Musikalisch werden sie von Sepp Frank mit Akkordeon und Bass unterstützt.

maehrenlohrHeute, Donnerstag, den 11. November 2010 um 20.00 Uhr wird im Goldenes Fass (Spiegelgasse) in Regensburg das Hörspiel präsentiert. Der Eintritt ist frei.

Wie eine Ratte nagt am Putz die Zeit. Literatur aus Mähren

Arthur Schnabel (Hrg.)

2 CD, 148 min, mit 8-seitigem Booklet

17,90 €

.
www.lohrbaerverlag.de | www.goldenes-fass-regensburg.de

In Böhmen und Mähren geboren - bei uns (un)bekannt?

9. Oktober 2010 sgruen Keine Kommentare

Ausstellung im Forum der Regensburger Universitätsbibliothek

(Sigrid Grün)

Dass Kafka und Rilke Prager sind, wissen viele - aber wer weiß schon, dass Karl Kraus und Sigmund Freud in Mähren geboren und sogar teilweise aufgewachsen sind?
Zwölf berühmte Persönlichkeiten, mit böhmischen oder mährischen Wurzeln hat Dr. Wolfgang Schwarz, Kulturreferent für die böhmischen Länder im Adalbert Stifter Verein, ausgewählt um zu zeigen, welche Wechselwirkungen zwischen Böhmen, Mähren und Deutschland geherrscht haben.
Dazu wurde eine kleine, feine, zweisprachige Ausstellung konzipiert, die gestern im Foyer der Zentralbibliothek (Uni Regensburg) eröffnet wurde.
Die Ausstellung gibt es eigentlich schon länger und sie war auch schon mehrere Male in Tschechien zu sehen. Doch Schwarz hat sowohl Ausstellung als auch Katalog erweitert: Von ursprünglich 10 Männern zu insgesamt 12 Persönlichkeiten. Marie von Ebner-Eschenbach und Bertha von Suttner kamen hinzu. Und so entstand eine abwechslungsreiche Ausstellung, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt und lediglich Persönlichkeiten aus dem 19. und 20. Jahrhundert umfasst.

Es geht um: Adalbert Stifter, Johann Gregor Mendel, Marie von Ebner-Eschenbach, Bertha von Suttner, Sigmund Freud, Gustav Mahler,  Karl Kraus, Rainer Maria Rilke, Ferdinand Porsche, Franz Kafka, Oskar Schindler und Otfried Preußler.
Der schön gestaltete Ausstellungskatalog ist in deutscher Sprache (Euro 5,-) und mit tschechischem Beiheft (insgesamt Euro 6,-) im Sekretariat des Bohemicums (P.T.-Gebäude der Universität, 1. Stock) erhältlich.

Die Ausstellung in der Zentralbibliothek ist noch bis zum 29. Oktober montags bis freitags von 8:00 bis 22:00 Uhr sowie samstags von 9:00 bis 18:00 Uhr zu sehen. Der Eintritt ist selbstverständlich frei.

Buchtipp: Tschechien von Hans Dieter Zimmermann

4. Oktober 2010 sgruen Keine Kommentare

Über Geschichte, Politik, Gesellschaft und Kultur unseres Nachbarlandes

(Sigrid Grün)

Die Kenntnisse über tschechische Geschichte und Kultur sind in Deutschland allenfalls rudimentär. Ja, Böhmen, soviel weiß man. K&K-Monarchie. Und zur Kultur fällt einem sicher die goldene Stadt Prag ein. Literatur: Kafka. Vielleicht Rilke, wegen Prag.

Eine gut lesbare Einführung in Geschichte und Kultur unseres Nachbarlandes bietet der emeritierte Professor für Literaturwissenschaft an der TU Berlin und Herausgeber der 33-bändigen Tschechischen Bibliothek, Hans-Dieter Zimmermann.

Der Autor nimmt den Leser mit auf eine kurzweilige Reise durch die Geschichte Tschechiens. Es sind vor allem die Entwicklungen der Beziehung zum deutschen Nachbarn, die im Mittelpunkt stehen - immerhin heißt die Reihe auch “Die Deutschen und ihre Nachbarn”. Auch tschechische Persönlichkeiten werden ausführlich vorgestellt, denn sie sind für das Selbstverständnis der Tschechen von großer Bedeutung: František Palacký, Libuše, der heilige Wenzel, König Přemysl Otokar II, natürlich Kaiser Karl IV., Jan Hus und Tomáš Garrigue Masaryk.

In grau hinterlegten Kästen werden wichtige Stichworte, Personen und Ereignisse aufgegriffen. Einige s-w-Fotografien zeigen Gebäude, Gemälde oder Porträts wichtiger Tschechen. Eine Karte des Landes am Anfang, eine Karte, die das Land innerhalb Europas verortet am Ende des Buches - mehr Abbildungen benötigt man als Leser auch nicht.

Zu bemängeln sind allenfalls etwas zu unkritische Formulierungen. Man hat das Gefühl, dass der Autor stellenweise etwas konfliktscheu ist. Auch “Tschechien heute” kommt zu kurz. Das Buch bleibt im Großen und Ganzen etwas zu sehr an der Oberfläche. Allerdings richtet es sich auch eher an den interessierten Laien, der sich kurz und bündig über die Geschichte und Kultur unseres Nachbarlandes informieren möchte.

Fazit: Zimmermanns Buch ist eine kurzweilige Einführung in die tschechische Geschichte und Kultur. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Hans Dieter Zimmermann (Autor)
Die Deutschen und ihre Nachbarn: Tschechien
www.chbeck.de
192 Seiten

Buchtipp: Laufen

17. August 2010 sgruen Keine Kommentare

Das Leben der tschechischen Lokomotive

(Sigrid Grün)

Emil Zatopek (1922-2000) ist einer der bekanntesten Tschechen des 20. Jahrhunderts. Der französische Autor Jean Echenoz hat nun einen kleinen aber feinen Roman über das Leben des legendären Läufers, der Sport eigenen Angaben zufolge eigentlich gehasst haben soll, verfasst.
Dabei erzählt er ebenso knapp wie poetisch vom sagenhaften Aufstieg des Ausnahmesportlers, der einen Sieg nach dem anderen errang - nicht ohne sein Markenzeichen: schmerzvoll verzerrte Gesichtszüge an den Tag zu legen. Echenoz lässt die Läuferlegende auf Seite 54 sagen: “Ich hab nicht genug Talent, um gleichzeitig zu laufen und zu lächeln.”
Zatopeks unrunder Laufstil hat weltweit für Aufsehen gesorgt und die Menschen in den Stadien zu Begeisterungsstürmen hingerissen. Der größte Triumph, drei Goldmedaillen bei den Olympischen Spielen in Helsinki 1953, lässt Zatopek schließlich endgültig zur Legende werden. Die Siege scheinen kein Ende zu nehmen, sogar als Emil Zatopek selbst schon gar nicht mehr wirklich an sich glaubt. Der Abstieg erfolgt langsam. Zwischen den Niederlagen schafft es der zähe Tscheche immer wieder, einen Sieg zu erringen. Bis zu seinem Zusammenbruch bei einem Marathon in Australien. Er beendet seine Karriere als aktiver Läufer - und kann doch nicht aufhören zu trainieren.
Dieses Läuferleben spielt sich vor dem Hintergrund der politischen Entwicklungen in der Tschechoslowakei ab. Das Leben Zatopeks war stets geprägt von den Launen der Machthaber. Sein Posten beim Militär, die Erlaubnis ins Ausland zu reisen, Aussagen in der Presse - all dies wurde von den Kommunisten gelenkt, die Läuferlegende intrumentalisiert. Während seiner stärksten Phase durfte er zeitweise nur im “Ostblock” laufen, Aussagen zu westlichen Ländern wurden in der Presse verfälscht wiedergegeben, was oft den Zorn der jeweiligen Regierungen nach sich zog, seine Beförderung beim Militär war von Erfolg und Verhalten gegenüber den Machthabern abhängig. 1968 ändert seine Stellungnahme zum Prager Frühling das Leben Zatopeks vollständig. Er äußerte sich kritisch zum Verhalten der Sowjets und wird sofort aus der Partei entlassen, verliert seinen Posten beim Militär und wird in die Uranminen von Jachymov “zwangsversetzt”. Sechs Jahre lang wird er von seiner Frau, der Speerwerferin Dana, getrennt. Dann seine Rückkehr nach Prag: Als Müllmann soll er die Demütigung erfahren, die ihm in den Augen der Machthaber gebührt. Doch das Vorhaben scheitert. Zatopek wird der gefeiertste Müllmann der Welt, von den Menschen in den Straßen bejubelt, wir er schließlich erneut versetzt, nachdem er eine infame Selbstkritik unterschreiben musste. Er landet schließlich im Kellergeschoss des Sport-Informationszentrums.
“Gut, Archivar also, ich habe es gewiss nicht anders verdient”, lässt Echenoz Zatopek schließlich sagen. Und damit unterstreicht er wieder das, was er während der ganzen Erzählung betont hat: Den genügsamen Läufer, der so manches über sich ergehen lässt, ohne zu murren, denn er kennt nur ein Ziel: Laufen!

Jean Echenoz (Autor)
Laufen
www.berlin-verlag.de
128 Seiten

Buchtipp: Tschechisch fürs Leben

11. Juli 2010 sgruen Keine Kommentare

Am Alltag orientiertes Tschechisch für Fortgeschrittene

(Sigrid Grün)

Es gibt eine recht beachtliche Auswahl an Tschechisch-Lehrwerken für Anfänger. Fortgeschrittene Tschechisch-Lernende müssen schon länger suchen. Das Buch Čeština pro život (Tschechisch fürs Leben - Czech for Life) ist ein Glücksgriff, wenn man auf der Suche nach einem Lehrbuch auf B2-Niveau ist. Es orientiert sich am Alltag in Tschechien und bietet Texte, die absolut auf der Höhe der Zeit sind.

Die Landeskunde spielt eine wichtige Rolle und die Bedürfnisse von Menschen, die tatsächlich in Tschechien leben und/ oder arbeiten möchten. Die Auswahl der Themen ist sehr breit und gelungen. Thematisiert werden Familie, Essen und Trinken, Einkauf, Orientierung (in einer fremden Stadt), Fahrzeuge, Ferien, Jahreslauf, Tagesablauf, Freizeit, Feiern, beim Arzt, Wohnen, Mode und Menschen, Arbeit und bekanntes und unbekanntes Tschechien.

Zunächst wird in einführenden Fragen geklärt, welche Leitfragen im Vordergrund stehen werden, z.B. “Wie orientiert man sich in einer fremden Stadt?” o.ä. Diese Fragen bieten eine wunderbare Diskussionsgrundlage im Kurs. Anschließend folgt ein Text - oft ein Dialog. Schließlich findet der Lernende Fragen zum Text, Übungen, Hörverstehenstests, Konversationsübungen usw. Am Ende eines jeden Kapitels steht ein Vokabelteil mit neuen Wörtern (Tschechisch, Englisch, Deutsch).
Das Buch ist vollständig in tschechischer Sprache verfasst (abgesehen vom Vokabelteil).
Am Ende findet man die Texte von der Cd (Hörverstehen), einen Schlüssel zu den Übungen, wichtige Wendungen und Sätze (nach Lektionen sortiert und jeweils mit Übersetzung) sowie einen kleinen Grammatikanhang.
Die beiden Audio-Cds sind hervorragend gemacht. Die Sprecherstimmen sind angenehm, die Texte werden klar und verständlich gesprochen, klingen aber trotzdem absolut natürlich (keine künstliche Verlangsamung des Sprechens o.ä.)
Auch die Gestaltung ist sehr gelungen. Die einzelnen Kapitel sind farblich jeweils voneinander abgesetzt. Zahlreiche Zeichungen und v.a. Farbfotografien lockern den Textteil auf.

Das Buch ist für fortgeschrittene Lernende absolut empfehlenswert. Auch wenn man noch nicht die komplette Grammatik beherrscht, kann man teilweise damit arbeiten, denn es geht v.a. um Inhalte. Das Buch ist also auch für Intensivkurse (wenn man schon über solide Grundkenntnisse im Tschechischen verfügt) geeignet. Das Buch erhielt im Jahr 2006 sogar einen Preis - und zwar im Wettbewerb “Das schönste tschechische Buch” in der Sparte Lehrbuch. Zu Recht, denn es ist sowohl didaktisch als auch inhaltlich einzigartig.

Alena Nekovářová (Autorin)
Čeština pro život / Czech for Life / Tschechisch fürs Leben
www.akropolis.info
Lehrbuch mit 2 Cds, 264 Seiten, 140 Minuten

Buch-Tipp: Tschechisch Schritt für Schritt

4. Mai 2010 sgruen Keine Kommentare

So einfach ist Tschechisch!

Sigrid Grün

Manchmal sind es schon Lehrbücher, die von einer Sprache abschrecken. Und in einigen wenigen Fällen geschieht genau das Gegenteil. Tschechisch Schritt für Schritt ist so ein Glücksfall, denn man bekommt sofort Lust auf die schöne Sprache unseres Nachbarlandes.
In Tschechien selbst wird das Lehrwerk für Studenten und andere Lernende gebraucht, die über keinerlei Vorkenntnisse verfügen. Meistens wird die englischsprachige Version, NEW Czech Step by Step eingesetzt und Tschechisch Schritt für Schritt wird in gemischten Kursen auch häufig parallel verwendet.

Was ist das Besondere an diesem Lehrbuch? Es vermittelt auf unterhaltsame und einfach nachvollziehbare Weise die wichtigsten grammatischen Prinzipien, zahlreiche Vokabeln und Wendungen und ist dabei ganz am Alltag orientiert.
Methodisch ist das Buch auf dem neuesten Stand. Und grundlegende didaktische Prinzipien, wie z.B. die Anordnung des Lehrstoffes in Blöcken, die farbige Hervorhebung des grammatischen Geschlechts u.v.m., werden durchgehend verwirklicht.
Themen sind u.a. “Im Supermarkt”, “Familie”, “Tagesablauf”, “Orientierung”, “Im Restaurant”, “Berühmte Menschen”, “Anzeigen in der Zeitung”, “Freizeit”, “Der menschliche Körper”, “Reisen”, “Kochen”, “Hausarbeiten”, “Nach dem Weg fragen”, “Lebenslauf”, “Was wäre, wenn…”, “Wetter”, “Telefonieren und Briefe schreiben”, “Kleidung”, “Liebe, Ehe, Scheidung” sowie “Aufforderungen”.
In kurzen Texten, die sich auf das Wesentliche konzentrieren, wird in das jeweilige Thema eingeführt. Merkkästen und witzige Illustrationen verdeutlichen den Stoff anschaulich und zahlreiche Übungen ermöglichen eine Festigung der erworbenen Kenntnisse. Selbstverständlich findet man im Anhang einen Schlüssel zu den Übungen. Deshalb - und insbesondere aufgrund des ausgeklügelten didaktischen Konzeptes - ist das Lehrwerk auch hervorragend für Autodidakten geeignet. Ein weiterer Pluspunkt, der eine wichtige Rolle spielt, sind die vielfältigen Zusatzmaterialien, die verfügbar (üblicherweise im Komplettpaket) sind. Eine Audio-Cd hilft bei der Aussprache, die tschechische Grammatik auf einen Blick (eine beidseitig bedruckte, laminierte DIN A 3-Seite) bietet eine knappe und hervorragende Übersicht über wichtige grammatische Prinzipien und das Arbeitsbuch hält eine große Auswahl ergänzender und vertiefender Übungen bereit.
Im Anhang des Lehrbuches findet sich ein ausführlicher Grammatikteil. Auch Sprachgeschichte und tschechische Geschichte werden interessant und unterhaltsam aufgegriffen. Ein besonderes Thema ist die tschechische Umgangssprache, die sich bisweilen erheblich von der Schriftsprache unterscheidet.

Sowohl die Dialoge als auch die Illustrationen sind lebendig und witzig. Da gibt es beispielsweise den jungen Mann, der ganz wild nach den Frauen ist - egal was da kommt. Und es gibt die witzigen Collagefiguren, die dazu beitragen, dass Inhalte besser behalten werden können.

Fazit: Tschechisch Schritt für Schritt führt den Lernenden in 20 Schritten zur Stufe B1 des europäischen Referenzrahmens. Aufgrund des didaktischen Konzeptes und der witzigen Aufmachung ist es ein Lehrwerk, das man sowohl Autodidakten, als auch Tschechisch-Lehrenden rundum empfehlen kann!

Lída Holá (Autorin)
Tschechisch Schritt für Schritt
www.akropolis.info
Lehrbuch mit Cd, Grammatikübersicht, Arbeitsbuch