Schon Indian Summer im W1
SickSickSick & Pelzig @ W1 am 20.08.2010
Nach dem heutigen Abend geht das Team vom W1 für drei Wochen in den sicher wohl verdienten Urlaub. Und so wie es sich gehört, wird sich auch ordentlich verschiedet, und zwar mit einem schönen, lauten und energiegeladenen Konzert. SickSickSick und Pelzig wurden hierzu eingeladen. Keine schlechte Wahl! Etwas unglücklich jedoch, war der angesetzte Termin. Just an diesem Tag begann die neue Bundesligasaison mit dem Eröffnungsspiel Bayern gegen Wolfsburg und der Sommer war mit Temperaturen um die 30 Grad Celsius wieder erwacht. Zudem sickerte wenige Tage vor dem Konzert durch, dass SickSickSick ausfallen würden.

SickSickSick - barfuß, verschnupft und mit neuem Schlagzeuger
Alles Schnee von Gestern. SickSickSick waren wie durch wundersame Hand doch pünktlich zum Konzertbeginn anwesend, sogar mit neuem, fast minderjährigem Schlagzeuger Joni Stelzner. Auch ein leicht verschnupfter Gitarist Gurke konnte die Band nicht daran hindern heute auf der W1-Bühne zu stehen. Dass dieser tatsächlich noch echte Taschentücher, also welche aus Stoff, benutzt, sei hier nur als bemerkenswerte Notiz am Rande erwähnt.
Das einzigartige an SickSickSick ist zum einen die Art wie sie absolut altmodisch und doch zeitlos ihren klassischen Rock spielen, und zum anderen die nach wie vor unübliche Tatsache, dass eine Frau das Trio anführt. Heike Jörss grölt wie einst Joan Jett oder Cherie Currie bei den Runaways und ihr Bass klingt zusammen mit dem Spiel ihrer zwei Kollegen wie eine Mischung aus Stooges und Motörhead, nur ohne furchtbare Soli und Blues-Reverenz. Auf dämliche Balladen oder ähnlich tranigem Zeugs verzichtet die Band auch vollends ebenso wie auf peinliches Rocker-Posing. Gitarrist Jochen „Gurke“ Goricnik schmeißt seine Rock-Riffs mit leichter Hand hin, zeigt gerne mal das eine oder andere Kunststückchen, verfällt aber nie in prahlerischem Muckertum. Ja selbst das sonst übliche Haupthaarschütteln lässt Gurke, trotz seiner blonden Sammy-Hagar-Lockenpracht lieber sein.
So zaubern SickSickSick schlicht eine reine Rockessenz voller Kraft, die ausschließlich positive Energie ausstrahlt. Oder kurz: SickSickSick live zu hören ist garantiert immer gut.
Und als ob das nicht genug der Lobhudelei wäre, verweise ich gerne noch auf die sensationellen Klinik-Fetisch-Bandfotos (noch mit dem alten Drummer) auf ihrer Myspace-Seite (Link siehe unten). Gibt’s davon eigentlich auch Poster? Und wer hat die Bilder gemacht? Uwe Hark? Sachdienliche Hinweise sind erbeten.

Pelzig - Wie hat Bayern München gespielt?
Während ihre Kollegen von Slut zuletzt in beinahe hochkulturellen Gefilden (Drei Groschen Oper am Theater Ingolstadt, Tour mit Juli Zeh) von sich hören machte, war es um Pelzig ziemlich ruhig geworden. Knappe sechs Jahre sind es her seit dem letzten Album, etwas weniger seit ihrem letzten Auftritt in Regensburg. Es war endlich an der Zeit, auch hier ein Lebenszeichen abzugeben. Warum?
Weil, auch wenn es nur mäßigen Bekanntheitsgrad haben mag, das Ingolstädter Quartett zu den ganz Großen der Indie-Rock-Zunft gehört. Dass The Notwist und The Robocop Kraus, um mal zwei Band aus der bayerischern Provinz zu nennen, es selbst in den USA zu gewissem Ruhm geschafft haben, sei ihnen absolut gegönnt. Pelzig jedoch, hätten von ihrer musikalischen Qualität her mindestens die gleichen Ehren gebührt.
Egal, hier und jetzt ist das W1 und nicht die Hacienda oder das CBGB’s. Pelzig eröffnen ihr Konzert mit einem neuen Stück. “Are you really exhausted?” beginnt experimentell-ambientmäßig mit seltsamen Loops und Geräuschen vom Labtop, um nach gefühlt unendlicher Zeit in einem Pelzig-typischen Brachial-Sound zu explodieren. Kein schlechter Anfang!
Ein Glück, dass Pelzig ihrem Stil, ihrer Mischung aus ruhigen flächigen Sounds und treibendem Indie-Rock, im Großen und Ganzen treu geblieben sind. Christian Schallers Bass brummt meist immer noch staubtrocken und klingt als würden ein 200 Jahre alter hohler Baumstamm und eine Blechtonne gleichzeitig mitschwingen. Umwerfend, markerschütternd und Nerven zerreißend gleichzeitig, das ist Bass-Sound vom feinsten. Rainer Schaller hat alle Klang-Nuancen und Techniken einer Indie-Gitarre drauf. Er spielt sein Instrument immer präzise, immer klar und beherrscht gar die Kunst so wavig-schrill zu klingen, als hätte er seine Gitarre gerade Gang Of Fours Andy Gill entrissen. Während auch René Arbeithuber am Schlagzeug keine Wünsche offen ließ, schien es mir, dass Sänger Christian Schulmeyr an diesem Abend etwas gehemmt wirkte. Da er alleine schon durch seine physische Präsenz die Bühne dominiert, hätte er für mein Empfinden, etwas mehr, wie man so schön sagt, die Sau raus lassen können. Sein Gesang war mehr ein monotones Sprechen, was durchaus einen interessanten und reizvollen Ansatz hat. Ich hatte jedoch das Gefühl, dass er nicht ganz bei der Sache war, dass in seinem Hinterkopf die unbezahlte Telekomrechnung oder so was ähnliches rumschwirrt. Ich hätte mir einfach etwas mehr Verve in der Stimme gewünscht.
Dass dies dem gesamten Erscheinungsbild von Pelzig an diesen Abend keinen Abbruch tat, ist selbstredend. Auch die mittlerweile doch zahlreich erschienen Zuschauer waren der Meinung, ein wirklich tolles Konzert erlebt zu haben.
Wer die Band verpasst hat, kann sich einen Eindruck von Pelzig bei ihrer Restgeräusch-Session machen.
Übrigens: Der Mischer vom W1 muss eine Reinkarnation vom jungen Jaz Coleman sein. Wahnsinn!
www.pelzig-music.de | www.myspace.com/sicksicksickmusic | www.myspace.com/W1_regensburg








