Freitag, 27. August 2010, 20.30 Uhr, 28. Regensburger Stummfilmwoche: Der Mann mit der Kamera (Tschelowek s kinoapparatom) von Dsiga Wertow (UdSSR 1929), musikalisch begleitet von Rainer J. Hofmann und Christoph Becker, Filmgalerie Leerer Beutel
Bei der Stummfilmwoche ist neben Film und Musik ein Drittes nicht wegzudenken: das Geräusch des Projektors. “DssssssDssssss…” raunt es durch die Nacht. Nach jenem Geräusch soll sich der bedeutende Dokumentarfilmregisseur und Filmtheoretiker benannt haben: Dsiga Wertow (Dziga Vertov). Sein bekanntester Film Der Mann mit der Kamera ist am Freitag vermutlich erstmals bei der Regensburger Stummfilmwoche zu sehen gewesen.

Tsiga Wertow - Der Mann mit der Kamera ist sein Bruder Michail Kaufman
Nach einem verregneten Vormittag riss am Spätnachmittag der Himmel auf und so wurde der Museumshof für die abendliche Veranstaltung vorbereitet. Dass jedoch eine halbe Stunde vor dem geplantem Vorstellungsbeginn der Himmel erneut seine Pforten öffnen würde, war nicht vorhersehbar. Unvorbereitet traf das Gewitter, gepaart mit einem ordentlichen Sturm, Veranstalter und Musiker. Gemeinsam mit den ersten Zuschauern wurde mit vereinten Kräften das Equipment gerettet und zur Filmgalerie geschleppt. Barfuss und mit durchnässten Kleidern spielten Rainer Hofmann und Christoph Becker, sein Kompagnon aus Heidelberg.
Dsiga Wertow geboren als Denis Arkadjewitsch Kaufman 1896 in Białystok, sah sich ganz im Geiste der Oktoberrevolution dazu verpflichtet, sein filmisches Schaffen in den Dienst des Aufbaus eines sowjetisch-sozialistischen Staates zu stellen. In diesem Sinne lehnte es jegliche Inszenierung und somit den Spielfilm an sich ab. Er sah im Dokumentarfilm ein “revolutionäres Potential”. Einzig Schnitt und Montage sah er als legitimes filmisches Mittel an. Selbst auf den Einsatz von Zwischentiteln verzichtete er ganz.
Der Film ist seiner Zeit alleine deswegen weit voraus, weil Wertow darin die Entstehung des Filmes offen legt und somit dem Filmhandwerk an sich huldigt. Der Mann mit der Kamera ist Wertows Bruder, der Kameramann Michail Kaufman, die Frau mit der Schere ist seine Frau, die Cutterin Jelisaweta Swilowa. (Ein dritter Bruder, Boris Kaufman war Kameramann und Oscar-Preisträger in Hollywood.) So kann der Zuschauer die Entstehung des Filmes miterleben vom Dreh, über den Scheideraum bis hin zum fertigen Film.
Der Film besitzt auch eine gewisse Ähnlichkeiten mit Berlin - Symphonie einer Großstadt (D 1927). Die Stadt steht im Mittelpunkt, sowie ihre Bewegung, ihre Schnelligkeit durch Motorisierung und Mechanisierung. Gedreht wurde in Odessa, Kiew und Moskau. Auch der Mensch in dieser Stadt kommt vor. Dabei wird der Unterschied zwischen den Klassen deutlich sichtbar: Zum einen ist da der Arbeiter, der in der Fabrik oder im Bergbau sein Leben und seine Gesundheit riskiert. Auf der anderen Seite die feinen Damen, die mit schönen Hüten und Juwelen in Kutschen spazieren fahren. Das wirkt nun ganz und gar nicht, als sei es mit der sozialistischen Führung abgesprochen. Gut, die meisten Menschen lachen, so als seinen sie voller Hoffnung, aber jene Wahrheit dahinter können sie nicht verbergen. Auf der anderen Seite sind Freizeitbeschäftigungen, wie Rummel, Bierhallen und sportliche Betätigung zu sehen. Da wundert man sich schon über so einiges. Zum Beispiel, dass in der Sowjetunion der 20er Jahre Basketball gespielt wurde, oder man auf dem Jahrmarkt auf Schießscheiben in Form alter Frauen mit einem Hakenkreuz auf dem Kopftuch schießen konnte. Auch gab es schon Bauch-Weg-Geräte und freizügige Bademode. Ja, sogar Bikinis waren am Strand weit verbreitet! Manchmal sieht man auch, dass Wertow heimlich gefilmt hat, und dass ihm ziemlich egal war, ob er damit die Intimsphäre der abgebildeten Menschen verletzte. Zwar war das Medium Film zu diesem Zeitpunkt schon dreißig Jahre alt, aber ein Recht auf Persönlichkeitsschutz lag noch in weiter Ferne.
Der Film ist beeindruckend, ohne Frage, doch manchmal gehen mit Wertow ein bisschen die Pferde durch. Dann wirkt Der Mann mit der Kamera zerfahren und hektisch. Eine gute Musik könnte dem entgegenwirken. Viele namhafte Komponisten und Musiker haben sich schon an der Vertonung dieses Werkes versucht, darunter so illustre Namen wie Pierre Henry, Michael Nyman und The Cinematic Orchestra. Der Multiinstrumentalist Rainer J. Hofmann ist in Sachen Film-Scores schon lange bei der Stummfilmwoche dabei, und damit ein alter Hase in dem Metier. Für den heutigen Abend hatte er sich eine Filmmusik aus Samples und E-Piano ausgedacht - einfach und stringent. Soweit, so gut. Die meist aus Maschinengeräuschen erzeugten Loops passten wirklich ganz gut zum Film, ebenso wie die schlichten Klavierakkorde. Die eingestreuten “Störgeräusche” in Freejazz-Manier seines Kollegen Christoph Becker (an diversen Saxofonen und Cajón) waren dagegen ebenso uninspiriert wie störend, leider. Manchmal ist halt weniger doch tatsächlich mehr.
Schön, dass uns das Stummfilmwochen-Team um Nicole Litzel wieder solche Perlen der Filmgeschichte aus den Archiven geholt hat. Man merkt wie wichtig es ist, den Stummfilm als eigenständige Kunstform zu präsentieren. Mit Live-Musikbegleitung, ist das sogar ein doppeltes Vergnügen und ein wahres Kunsterlebnis der besonderen Art. Wir freuen uns auf die 29. Ausgabe.
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