Was bisher im Frisiersalon geschah…

2. September 2010 lweser Keine Kommentare

Donnerstag, 02. September 2010, 19.30 Uhr, Akademiesalon, Andreasstadel, Regensburg
Seltsames Zeugs: Unter der Lupe, Vortrag von Dr. med A. Michelson u.a. und Tanz mit Nylea Mata Castilla, Video von Blink and Remove, weitere Vorstellungen: 9., 16. und 23. September, jeweils 19.30 Uhr
www.kinos-im-andreasstadel.de | blinkandremove.net

Freitag, 03. September 2010, 16.00-21.00 Uhr, Galerie konstantin b., Am Brixener Hof, Rgbg
Metamorphosen familiärer Katastrophen - drei großformatige Leinwandarbeiten und ein Siebdruck in Regensburgs kleinster Galerie. Der Künstler ist anwesend. Der Künstler ist übrigens Erich Gohl. Die Ausstellung geht noch bis zum 17. September.

Freitag, 03. September 2010, 22.00 Uhr, Boiler Room, Vilshofener Str. 5, Regensburg
Der Lostclub hat wieder ein Zuhause gefunden, den Boiler Room. Ist zwar noch in Regensburg, aber ganz weit draußen… New Wave, Minimal, Disco- und Postpunk incl. interkultureller Szeneverständigung mit den DJs Marc Zimmermann und Ayli & Bally.
www.lostclub.de | www.myspace.com/boilerroom_regensburg

Samstag, 04. September 2010, 18.30 Uhr, LaufSteg36, Obere Bachgasse 15, Regensburg
Haarige Zeiten. Die Regensburger Autoren Angela Kreuz, Dieter Lohr und Rolf Stemmle haben sich mit dem Liedermacher Fredman Lill verabredet, um gegen alte Zöpfe, lange Bärte und Haarspaltereien anzulesen und anzusingen. Präsentiert werden tierische Gedichte, Short-Shorts, experimentelle Texte sowie Lieder gegen den Jammerwahnsinn auf Designer-Friseursesseln und unter der Trockenhaube (Originaltext). Eintritt 5 €, incl. Getränk & Spaß
www.dieterlohr.de | www.angelakreuzinfo.de | www.rolf-stemmle.de

Dienstag, 07. September 2010, 19.30 Uhr, Sigismundkapelle (Thon-Dittmer-Palais), Rgbg
Ausstellungseröffnung Florian Topernpong: Was bisher geschah - eine Archivöffnung. Spannend, spannend… läuft bis zum 30.09.2010, die Ausstellung. Und die Sigismundkapelle ist noch kleiner als konstantin b.
www.sigismundkapelle.de | www.derhundertsteaffe.de

Mittwoch 08. September 2010, 20.00 Uhr, hidden Location, in der Nähe von Nürnberg
Konzert von und mit Stanley Brinks & Freschard. live in your living room.
www.myspace.com/therealstanleybrinks | www.myspace.com/freschard

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Der Mann mit der Kamera und die Frau mit der Schere

1. September 2010 lweser Keine Kommentare

Freitag, 27. August 2010, 20.30 Uhr, 28. Regensburger Stummfilmwoche: Der Mann mit der Kamera (Tschelowek s kinoapparatom) von Dsiga Wertow (UdSSR 1929), musikalisch begleitet von Rainer J. Hofmann und Christoph Becker, Filmgalerie Leerer Beutel

Bei der Stummfilmwoche ist neben Film und Musik ein Drittes nicht wegzudenken: das Geräusch des Projektors. “DssssssDssssss…” raunt es durch die Nacht. Nach jenem Geräusch soll sich der bedeutende Dokumentarfilmregisseur und Filmtheoretiker benannt haben: Dsiga Wertow (Dziga Vertov). Sein bekanntester Film Der Mann mit der Kamera ist am Freitag vermutlich erstmals bei der Regensburger Stummfilmwoche zu sehen gewesen.

Tsiga Wertow - Der Mann mit der Kamera ist sein Bruder Michail Kaufmann

Tsiga Wertow - Der Mann mit der Kamera ist sein Bruder Michail Kaufman

Nach einem verregneten Vormittag riss am Spätnachmittag der Himmel auf und so wurde der Museumshof für die abendliche Veranstaltung vorbereitet. Dass jedoch eine halbe Stunde vor dem geplantem Vorstellungsbeginn der Himmel erneut seine Pforten öffnen würde, war nicht vorhersehbar. Unvorbereitet traf das Gewitter, gepaart mit einem ordentlichen Sturm, Veranstalter und Musiker. Gemeinsam mit den ersten Zuschauern wurde mit vereinten Kräften das Equipment gerettet und zur Filmgalerie geschleppt. Barfuss und mit durchnässten Kleidern spielten Rainer Hofmann und Christoph Becker, sein Kompagnon aus Heidelberg.

Dsiga Wertow geboren als Denis Arkadjewitsch Kaufman 1896 in Białystok, sah sich ganz im Geiste der Oktoberrevolution dazu verpflichtet, sein filmisches Schaffen in den Dienst des Aufbaus eines sowjetisch-sozialistischen Staates zu stellen. In diesem Sinne lehnte es jegliche Inszenierung und somit den Spielfilm an sich ab. Er sah im Dokumentarfilm ein “revolutionäres Potential”. Einzig Schnitt und Montage sah er als legitimes filmisches Mittel an. Selbst auf den Einsatz von Zwischentiteln verzichtete er ganz.

Der Film ist seiner Zeit alleine deswegen weit voraus, weil Wertow darin die Entstehung des Filmes offen legt und somit dem Filmhandwerk an sich huldigt. Der Mann mit der Kamera ist Wertows Bruder, der Kameramann Michail Kaufman, die Frau mit der Schere ist seine Frau, die Cutterin Jelisaweta Swilowa. (Ein dritter Bruder, Boris Kaufman war Kameramann und Oscar-Preisträger in Hollywood.) So kann der Zuschauer die Entstehung des Filmes miterleben vom Dreh, über den Scheideraum bis hin zum fertigen Film.

Der Film besitzt auch eine gewisse Ähnlichkeiten mit Berlin - Symphonie einer Großstadt (D 1927). Die Stadt steht im Mittelpunkt, sowie ihre Bewegung, ihre Schnelligkeit durch Motorisierung und Mechanisierung. Gedreht wurde in Odessa, Kiew und Moskau. Auch der Mensch in dieser Stadt kommt vor. Dabei wird der Unterschied zwischen den Klassen deutlich sichtbar: Zum einen ist da der Arbeiter, der in der Fabrik oder im Bergbau sein Leben und seine Gesundheit riskiert. Auf der anderen Seite die feinen Damen, die mit schönen Hüten und Juwelen in Kutschen spazieren fahren. Das wirkt nun ganz und gar nicht, als sei es mit der sozialistischen Führung abgesprochen. Gut, die meisten Menschen lachen, so als seinen sie voller Hoffnung, aber jene Wahrheit dahinter können sie nicht verbergen. Auf der anderen Seite sind Freizeitbeschäftigungen, wie Rummel, Bierhallen und sportliche Betätigung zu sehen. Da wundert man sich schon über so einiges. Zum Beispiel, dass in der Sowjetunion der 20er Jahre Basketball gespielt wurde, oder man auf dem Jahrmarkt auf Schießscheiben in Form alter Frauen mit einem Hakenkreuz auf dem Kopftuch schießen konnte. Auch gab es schon Bauch-Weg-Geräte und freizügige Bademode. Ja, sogar Bikinis waren am Strand weit verbreitet! Manchmal sieht man auch, dass Wertow heimlich gefilmt hat, und dass ihm ziemlich egal war, ob er damit die Intimsphäre der abgebildeten Menschen verletzte. Zwar war das Medium Film zu diesem Zeitpunkt schon dreißig Jahre alt, aber ein Recht auf Persönlichkeitsschutz lag noch in weiter Ferne.

Der Film ist beeindruckend, ohne Frage, doch manchmal gehen mit Wertow ein bisschen die Pferde durch. Dann wirkt Der Mann mit der Kamera zerfahren und hektisch. Eine gute Musik könnte dem entgegenwirken. Viele namhafte Komponisten und Musiker haben sich schon an der Vertonung dieses Werkes versucht, darunter so illustre Namen wie Pierre Henry, Michael Nyman und The Cinematic Orchestra. Der Multiinstrumentalist Rainer J. Hofmann ist in Sachen Film-Scores schon lange bei der Stummfilmwoche dabei, und damit ein alter Hase in dem Metier. Für den heutigen Abend hatte er sich eine Filmmusik aus Samples und E-Piano ausgedacht - einfach und stringent. Soweit, so gut. Die meist aus Maschinengeräuschen erzeugten Loops passten wirklich ganz gut zum Film, ebenso wie die schlichten Klavierakkorde. Die eingestreuten “Störgeräusche” in Freejazz-Manier seines Kollegen Christoph Becker (an diversen Saxofonen und Cajón) waren dagegen ebenso uninspiriert wie störend, leider. Manchmal ist halt weniger doch tatsächlich mehr.

Schön, dass uns das Stummfilmwochen-Team um Nicole Litzel wieder solche Perlen der Filmgeschichte aus den Archiven geholt hat. Man merkt wie wichtig es ist, den Stummfilm als eigenständige Kunstform zu präsentieren. Mit Live-Musikbegleitung, ist das sogar ein doppeltes Vergnügen und ein wahres Kunsterlebnis der besonderen Art. Wir freuen uns auf die 29. Ausgabe.

www.filmgalerie.de | www.musiker-hofmann.de

Cd-Tipp: J.S. Bach - Suiten No. 1,4,5 - Maxim Rysanov

1. September 2010 sgruen Keine Kommentare

“Bach zu spielen ist wie eine Beichte”

(Sigrid Grün)

Der 1978 in der Ukraine geborene Bratschist Maxim Rysanov verehrt Bach zutiefst und versucht doch, ihn sich als “einfachen Menschen” vorzustellen, als sei seine Musik “eben erst komponiert worden”. Bei dieser Aufnahme wurden die Cello-Suiten, die Bach vermutlich etwa um 1720 als Kapellmeister in Köthen komponierte, von Simon Rowland-Jones für die Viola arrangiert. Möglicherweise wurden die Suiten schon zu Lebzeiten Bachs auf der Viola gespielt, denn Bach mochte das Instrument sehr gerne.

Bachs Suiten haben lange Zeit ein Schattendasein geführt. Zu ihrer Entdeckung hat maßgeblich Pablo Casals beigetragen, der sich dazu folgendermaßen äußerte: “Man hatte diese Suiten für akademisches Zeug gehalten, für mechanischen Etüdenkram [...] - sie, die Poesie, Wärme und Raumgefühl förmlich ausstrahlen! Sie sind die Quintessenz von Bachs Schaffen, und Bach selbst ist die Quintessenz aller Musik.”

Maxim Rysanov schafft es bei dieser Einspielung, den Suiten frischen Wind einzuhauchen. Die Interpretation wirkt durchweg lebendig und kein bisschen etüdenhaft. Der Bratschist, der übrigens ein Instrument von Giuseppe Guadanini, das im Jahr 1780 gebaut wurde spielt, charakterisiert die russische Aufführungstradition im Hinblick auf Bach folgendermaßen: “In der Tradition der sowjetischen Schule sollte Bach eher schwer und getragen, sostenuto und mit viel Vibrato gespielt werden.”
Dass Rysanov sich von dieser eher “romantischen” Art Bach zu spielen entfernte, ist eine erfreuliche Entwicklung, von der man als Zuhörer nur profitieren kann.

Fazit: Eine lebendige, stimmige und wunderschöne Interpretation dieses Gesamtkunstwerkes!

Johann Sebastian Bach (Komponist); Maxim Rysanov (Viola)
Suites No. 1,4,5
www.KlassikCenterKassel.de
ca. 66 Minuten
Best.-Nr.: 7318599917832

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Buchtipp: Kulturwissenschaftliches Jahrbuch - Moderne

31. August 2010 sgruen Keine Kommentare

Migration und Moderne

(Sigrid Grün)

Migration ist ein grundlegendes Thema in der Gegenwartsgesellschaft. Das hohe Konfliktpotenzial und die Komplexität der Materie sorgen dafür, dass das Thema sowohl in der Gesellschaft als auch in der (Kultur)wissenschaft kontrovers diskutiert wird.
Die Beiträge im vorliegenden Band beschäftigen sich interdisziplinär mit Migrationsprozessen und Entwicklungen, die in diesem Bereich stattfinden. Im Mittelpunkt steht insbesondere die Darstellung des Themas Migration in der Literatur, im Film und in der Kunst. Welche Rolle der literarischen Darstellung von Migrationsprozessen in der Literatur zukommt, zeigt sich nicht zuletzt darin, dass Autoren, die sich damit auseinandersetzen in den letzten Jahren vielfach mit Preisen ausgezeichnet wurden. Eines der prominentesten Beispiele in jüngster Zeit ist mit Sicherheit die Nobelpreisträgerin des vergangen Jahres, Herta Müller. „Migration“ ist – neben den Erfahrungen mit der kommunistischen Diktatur in ihrem Heimatland Rumänien – eines der wichtigsten Themen, um die ihr Schreiben kreist. Gerade hier stellt sich die Frage: „Was ist Migrationsliteratur?“ Ist Müller überhaupt eine Migrantin? Gibt es so etwas wie Migranten im klassischen Sinne überhaupt? Diese und vielen weiteren Fragen werden in dem Beitrag „Migratorische Kultur-, Identitäts- und Literaturkonzepte. Hybridität und Metissage – Diaspora, Nomadismus und Kosmopolitismus“ von Helga Mitterbauer (Graz) aufgegriffen. Weitere Aufsätze beschäftigen sich z.B. mit den Themen Identität im Exil und in der Diaspora („Theoretische Ansätze subjektiver Religiosität dauerhaft exilierter jüdischer Autoren – Feuchtwanger, Wolfskehl, Canetti“ von Christoph Schmitt-Maaß), „nationale Identität in der niederländischen und deutschen Migrationsliteratur“ (Liesbeth Minnaard) oder mit Aspekten der postjugoslawischen Exilliteratur (Elena Messner).
Die Sektion zum Bereich „Migration“ stellt eindeutig „Migrationsliteratur“ in den Mittelpunkt, während die zweite Abteilung, „Moderne“ neben Literatur auch Kunst und Wissenschaftsgeschichte thematisieren.
Die dritte Sektion umfasst schließlich kulturwissenschaftliche Forschungsberichte, die sich u.a. musikalischen Identitäten von Jugendlichen in transkulturellen Kontexten (Lisa Gaupp, Hannover), MigrationsautorInnen in Frankreich 1981-2008 (Ursula Mathis-Moser, Innsbruck) oder dem Ramadan in Österreich (Valeria Heuberger) widmen.
Im letzten Abschnitt findet man schließlich Rezensionen von aktuellen Neuerscheinungen aus dem Bereich „Kulturwissenschaft“.

Fazit: Ein facettenreicher und interessanter Band zu den Theman „Migration“ und „Moderne“, wobei der Schwerpunkt auf dem Bereich Migrationsliteratur liegt. Für literatur- und kulturwissenschaftlich Interessierte sehr zu empfehlen!

Helga Mitterbauer; Katharina Scherke (Herausgeberinnen)
Moderne. Kulturwissenschaftliches Jahrbuch 2008/4. Migration
www.studienverlag.at
296 Seiten

“Der Geschmack der Liebe ist bitter”

30. August 2010 lweser Keine Kommentare

Salomé von Alla Nazimova (USA 1923) musikalisch begleitet vom Aljoscha Zimmermann-Ensemble, 28. Regensburger Stummfilmwoche, Donnerstag, 26. August 2010, Klostergarten der Minoritenkirche

Der vielleicht letzte schöne Sommerabend des Jahres, die wunderbar romantische Kulisse im Klostergarten der Minoritenkirche und eine Perle der Stummfilm-Ära vereinten sich am Donnerstag bei der Regensburger Stummfilmwoche. Dabei wird dem Stummfilmklassiker Salomé aus dem Jahre 1923 noch nicht lange Lob zuerkannt. Den Film ereilte nämlich das gleiche Schicksal wie seinem literarischen Vorbild. Oscar Wildes gleichnamige Tragödie (1891), wie auch die Illustrationen von Aubrey Beardsley (1893), wurden seinerzeit streng zensiert. Der Film geriet nach mäßigem Erfolg in Vergessenheit. Erst 1993 wurde er wieder entdeckt und restauriert.

salomenazimova

Salomé, der sich inhaltlich streng an Wildes Drama und optisch an Aubrey Beardsleys Illustrationen orientiert, zeichnet sich durch eine eigene, streng künstlerische Ästhetik und durch eine starke, formale und artifizielle Bildsprache im Geiste des Jugendstils aus. Dies gibt dem Film einen durchwegs künstlerischen aber auch einen künstlichen Anstrich. So besticht das Werk weniger durch eine ausgefeilte Geschichte oder Erzählstruktur, sondern mehr durch durchkomponierte Bilder und archetypische Charaktere - ein böser, altersgeiler König, eine Matronen-Königin, stramme Gardisten, junge fesche Pagen, ein weltentrücktes Opfer und Salomé als jungendlich ungestüme Femme Fatale.
Die Nazimova, während des Drehs schon über 40 Jahre alt und etablierter Star in Hollywood und am Broadway, spielt Dank ihrer knabenhaften Statur die junge Salomé glaubwürdig, als eine verwöhnte Göre, die sich ihrer sexuellen Reize bewusst, diese unbarmherzig einsetzt, um zu bekommen was sie will. Eigentlich eine immer noch zeitgemäße Interpretation.

Der hinreichend bekannte biblische Stoff wurde sowohl von Wilde, Beardsley als auch von Nazimova auf seine erotischen Aspekte fokussiert. Salomé, Tochter der Herodias, fordert als Belohnung für den Tanz der sieben Schleier (einziger Schwachpunkt des Filmes) von ihrem Stiefvater und Oheim Herodes, den Kopf Johannes des Täufers, aus Rache dafür, dass dieser ihr einen Kuss verweigert hat und ihren Reizen widerstand. Dies mag recht harmlos klingen, doch die Darstellung von “zweckfreier” Lust und Wilde’scher Dekadenz war im Hollywood der Zwanziger noch verpönt.

Nicht nur die erotischen, sondern auch die rein formalen Aspekte dieses Filmes scheinen zunächst veraltet. Doch durch seine extreme Künstlichkeit bekommt Salomé eine eigene Ästhetik, und lässt den Film weniger als Film erscheinen, denn als eine Art eigenes Kunstwerk, das kein Alter kennt. Anfangs kicherten noch einige Zuschauer über lustige Frisuren oder übertriebene Mimik, doch bald folgte das gesamte Publikum gebannt dem Geschehen auf der Leinwand. Ein Beweis, dass der Film auch nach 90 Jahren noch funktioniert.

Der Film wurde fast ausschließlich von Frauen gemacht. Regisseurin, Produzentin, Choreographin und Hauptdarstellerin Alla Nazimova, Drehbuchautorin, Kostüm- und Bühnenbildnerin Natacha Rambova traten jedoch beide unter männlichen Pseudonym, bzw. dem Namen des Ehemanns in Erscheinung. Das sagt einiges über die damalige Zeit aus. Ebenso verstörend waren wohl einst die Gerüchte, die Nazimova habe die gesamte Film-Crew aus Homosexuellen rekrutiert. Sie soll sogar für Statistenrollen Drags aus den Bars von Los Angeles engagiert haben. Ihr Ehemann Charles Bryant (der nominelle Regisseur), mit dem Sie in einer sogenannten Lavendelehe lebte, war ein glühender Liebhaber von Männern. Ihr selbst wird nicht nur eine Affäre mit ihrer Autorin, die auch Rudolph Valentinos Ehefrau war, nachgesagt, sondern dass sie in ihrer New Yorker Residenz Garden of Allah einen regelrechten Tempel des Lasters betreibe. Das jedes Gerücht ein Fünkchen Wahrheit enthält, ist einigen der Darsteller in Salomé deutlich anzumerken.

Die Musik von Sabrina Hausmann (Geige) und Mark Pogolski (Piano) nach der Partitur von Aljoscha Zimmermann unterstrich hervorragend den dramaturgischen Spannungsboden und die bedeutungsschwere Stimmung. Film und Musik wurden zu einer einzigartigen Einheit. Aljoscha Zimmermanns Tochter Sabrina Hausmann bedauerte, erstmals ohne ihren Vater auf der Regensburger Stummfilmwoche spielen zu müssen. Aljoscha Zimmermann starb im Dezember letzten Jahres. Laut Sabrina Hausmann begleiteten ihr Vater und sie “Salomé” nur ein einziges Mal.

www.filmgalerie.de | www.filmmusik-zimmermann.com

Slapstik im Stummfilm

29. August 2010 lweser Keine Kommentare

Zwei frühe Kurzfilme mit Max Linder und Wie sich der Kientopp rächt, 28. Regensburger Stummfilmwoche, musikalische Begleitung von Eberhard Geyer, Klostergarten des Historischen Museums

Eröffnet wurde die 28. Regensburger Stummfilmwoche am Mittwoch im Klostergarten der Minoritenkirche mit einem Kurzfilmprogramm und mit Das Eskimobaby von Walter Schmidthässler (D 1918) mit Asta Nielsen in der Hauptrolle. Begeleitet wurden die Filme vom Regensburger Pianisten Eberhard Geyer.

Stilbewußtsein bei der Stummfilmwoche. War da etwa der leibhaftige Max Linder an der Kasse?

Stilbewußt bei der Stummfilmwoche. War da etwa der leibhaftige Max Linder an der Kasse?

Zwei Kurzfilme aus dem Jahre 1909 mit dem großen französischen Komiker und Stummfilmpionier Max Linder, der vermutlich auch Regie bei diesen beiden Filmen führte, leiteten die Veranstaltungsreihe ein. Linder war der wohl erste Star der Kinogeschichte. Er kämpfte damals schon mit den Tücken moderner Technik und Situationskomik war, neben galanten Andeutungen, bereits sein Markenkennzeichen. So galt er vielen späteren Filmkomikern als Vorbild, auch Charlie Chaplin.
Dass der Humor seiner Filme heute nur noch bedingt funktioniert, ist klar. Er würde sich für Kinder eigenen, wäre nicht die sexuell geprägte Färbung. Jedoch muss man sich bewusst machen, dass diese Filme 100 Jahre alt sind, und zu einer Zeit entstanden, als die Moderne erst an der Tür der Weltgeschichte klopfte.
Der dritte Kurzfilm Wie sich der Kientopp rächt (von Gustav Traugold, D 1911/12) besitzt ebenfalls diese pikante Färbung. Auch hier sind Humor und Handlung schlicht gestrickt. Doch es wird uns zusätzlich ein Bild von den Anfängen des Kinos und die Schwierigkeiten vermittelt, auf die das neuen Medium stieß. Nicht alle standen ihm aufgeschlossen gegenüber. Es gab Gesellschaften, die der Kinematographie im Namen der guten Sitten den Kampf angesagt hatten. Der Film zeigt, wie sich die Filmemacher mit den Mitteln ihres Faches auf dem Argumentationsfelde ihrer Gegner (der Moral) wehren.
Bemerkenswert waren an diesem Film auch die Außenaufnahmen. Gedreht wurde offenbar an einem Ostseebad - alles stilecht mit Strandkörben, Seebrücke und Frauen in feschen Badeanzügen. Nur die Männer waren natürlich hochgeschlossen, im Maßanzug am Strand. Irgendwie auch kein Wunder, hatte man noch ein Portrait von Wilhelm II. im Salon hängen.

Eberhard Geyer improvisierte dazu beschwingt am Klavier, baute bekannte Schlager ein und unterstützte so den humorigen Ton und das flotte Tempo der Filme. Ein gelungener Auftakt!

Metropolis über alles

26. August 2010 ffranc Keine Kommentare

ab Donnerstag, 26. August 2010, 19.15 / 21.15 Uhr, Regina Kino, Holzgartenstr., Regensb.
Die Hummel, das sehenswerte Spielfilmdebut des Viechtachers Sebastian Stern läuft heute an. Hauptdarsteller sind Jürgen Tonkel (Wer-früher-stirbt-Berg-Dj, Paulanerwerbung) und Inka Friedrich (Sommer vorm Balkon). Der Film wurde übrigens in Deggendorf gedreht
www.diehummel.de | www.reginakino.de

bis Donnerstag, 26. August 2010, 20.30 Uhr, Cartoon, Café in der Mälze, Regensburg
Die Theatergruppe Das Provisorium inszeniert Roy Bar von Helmut Krausser durchaus passend an der Bar vom Cartoon.

Freitag, 27. August 2010, 20.30 Uhr, Hof des Museumscafés, Historisches Museum, Rgbg.
Stummfilmwoche: Der Mann mit der Kamera von Dziga Vertov (UdSSR, 1929), musikalisch begleitet von Rainer J. Hoffmann und Christoph Becker, Eintritt: 10/9 €
www.filmgalerie.de

Samstag, 28. August 2010, 20.30 Uhr, Minoritenkirche, Regensburg
Stummfilmwoche: Metropolis - rekonstruierte Urfassung (Fritz Lang, D 1927/2010, 146 min), Eine der ersten Aufführung nach der Rekonstruktion von einer 35mm Kopie. (Bei der Welturaufführung bei der Berlinale lief der Film noch von DVD), musikalisch begleitet vom Aljoscha-Zimmermann-Ensemble nach der Filmmusik von Aljoscha Zimmermann, Eine ziemlich einmalige Sache also!!! Eintritt: 12/11 €
www.filmgalerie.de

28.08. - 01.09. 2010, 20.00 Uhr, Filmgalerie, Leerer Beutel, Regensburg
Stummfilmwoche: When Silence sings- Wenn stumme Bilder singen (D 2005) Dokumentation der Tochter Irina Goldstein über ihren weltberühmten, in diesem Jahr verstorbenen Vater, den Stummfilmkomponisten Aljoscha Zimmermann, der über 400 Stummfilm-Partituren geschaffen hat.
www.filmgalerie.de

Samstag, 28. August 2010, 23.00 Uhr, Akademiesalon Kino im Andreasstadel, Regensburg
Bad Taste (Peter Jackson, Neuseeland 1987) innerhalb der Film-Reihe von Florian Scheuerer Hard Line - Kino Extrem ist diesmal Herr der Ringe-Regisseur Peter Jacksons Trash-Splatter-Klassiker zu sehen. Zutritt: ab 18 Jahren.
hardline.blog.de

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Schon Indian Summer im W1

25. August 2010 ffranc Keine Kommentare

SickSickSick & Pelzig @ W1 am 20.08.2010

Nach dem heutigen Abend geht das Team vom W1 für drei Wochen in den sicher wohl verdienten Urlaub. Und so wie es sich gehört, wird sich auch ordentlich verschiedet, und zwar mit einem schönen, lauten und energiegeladenen Konzert. SickSickSick und Pelzig wurden hierzu eingeladen. Keine schlechte Wahl! Etwas unglücklich jedoch, war der angesetzte Termin. Just an diesem Tag begann die neue Bundesligasaison mit dem Eröffnungsspiel Bayern gegen Wolfsburg und der Sommer war mit Temperaturen um die 30 Grad Celsius wieder erwacht. Zudem sickerte wenige Tage vor dem Konzert durch, dass SickSickSick ausfallen würden.

SickSickSick - barfuß, verschnupft und mit neuem Schlagzeuger

SickSickSick - barfuß, verschnupft und mit neuem Schlagzeuger

Alles Schnee von Gestern. SickSickSick waren wie durch wundersame Hand doch pünktlich zum Konzertbeginn anwesend, sogar mit neuem, fast minderjährigem Schlagzeuger Joni Stelzner. Auch ein leicht verschnupfter Gitarist Gurke konnte die Band nicht daran hindern heute auf der W1-Bühne zu stehen. Dass dieser tatsächlich noch echte Taschentücher, also welche aus Stoff, benutzt, sei hier nur als bemerkenswerte Notiz am Rande erwähnt.
Das einzigartige an SickSickSick ist zum einen die Art wie sie absolut altmodisch und doch zeitlos ihren klassischen Rock spielen, und zum anderen die nach wie vor unübliche Tatsache, dass eine Frau das Trio anführt. Heike Jörss grölt wie einst Joan Jett oder Cherie Currie bei den Runaways und ihr Bass klingt zusammen mit dem Spiel ihrer zwei Kollegen wie eine Mischung aus Stooges und Motörhead, nur ohne furchtbare Soli und Blues-Reverenz. Auf dämliche Balladen oder ähnlich tranigem Zeugs verzichtet die Band auch vollends ebenso wie auf peinliches Rocker-Posing. Gitarrist Jochen „Gurke“ Goricnik schmeißt seine Rock-Riffs mit leichter Hand hin, zeigt gerne mal das eine oder andere Kunststückchen, verfällt aber nie in prahlerischem Muckertum. Ja selbst das sonst übliche Haupthaarschütteln lässt Gurke, trotz seiner blonden Sammy-Hagar-Lockenpracht lieber sein.
So zaubern SickSickSick schlicht eine reine Rockessenz voller Kraft, die ausschließlich positive Energie ausstrahlt. Oder kurz: SickSickSick live zu hören ist garantiert immer gut.
Und als ob das nicht genug der Lobhudelei wäre, verweise ich gerne noch auf die sensationellen Klinik-Fetisch-Bandfotos (noch mit dem alten Drummer) auf ihrer Myspace-Seite (Link siehe unten). Gibt’s davon eigentlich auch Poster? Und wer hat die Bilder gemacht? Uwe Hark? Sachdienliche Hinweise sind erbeten.

Pelzig - Wie hat Bayern München gespielt?

Pelzig - Wie hat Bayern München gespielt?

Während ihre Kollegen von Slut zuletzt in beinahe hochkulturellen Gefilden (Drei Groschen Oper am Theater Ingolstadt, Tour mit Juli Zeh) von sich hören machte, war es um Pelzig ziemlich ruhig geworden. Knappe sechs Jahre sind es her seit dem letzten Album, etwas weniger seit ihrem letzten Auftritt in Regensburg. Es war endlich an der Zeit, auch hier ein Lebenszeichen abzugeben. Warum?
Weil, auch wenn es nur mäßigen Bekanntheitsgrad haben mag, das Ingolstädter Quartett zu den ganz Großen der Indie-Rock-Zunft gehört. Dass The Notwist und The Robocop Kraus, um mal zwei Band aus der bayerischern Provinz zu nennen, es selbst in den USA zu gewissem Ruhm geschafft haben, sei ihnen absolut gegönnt. Pelzig jedoch, hätten von ihrer musikalischen Qualität her mindestens die gleichen Ehren gebührt.
Egal, hier und jetzt ist das W1 und nicht die Hacienda oder das CBGB’s. Pelzig eröffnen ihr Konzert mit einem neuen Stück. “Are you really exhausted?” beginnt experimentell-ambientmäßig mit seltsamen Loops und Geräuschen vom Labtop, um nach gefühlt unendlicher Zeit in einem Pelzig-typischen Brachial-Sound zu explodieren. Kein schlechter Anfang!
Ein Glück, dass Pelzig ihrem Stil, ihrer Mischung aus ruhigen flächigen Sounds und treibendem Indie-Rock, im Großen und Ganzen treu geblieben sind. Christian Schallers Bass brummt meist immer noch staubtrocken und klingt als würden ein 200 Jahre alter hohler Baumstamm und eine Blechtonne gleichzeitig mitschwingen. Umwerfend, markerschütternd und Nerven zerreißend gleichzeitig, das ist Bass-Sound vom feinsten. Rainer Schaller hat alle Klang-Nuancen und Techniken einer Indie-Gitarre drauf. Er spielt sein Instrument immer präzise, immer klar und beherrscht gar die Kunst so wavig-schrill zu klingen, als hätte er seine Gitarre gerade Gang Of Fours Andy Gill entrissen. Während auch René Arbeithuber am Schlagzeug keine Wünsche offen ließ, schien es mir, dass Sänger Christian Schulmeyr an diesem Abend etwas gehemmt wirkte. Da er alleine schon durch seine physische Präsenz die Bühne dominiert, hätte er für mein Empfinden, etwas mehr, wie man so schön sagt, die Sau raus lassen können. Sein Gesang war mehr ein monotones Sprechen, was durchaus einen interessanten und reizvollen Ansatz hat. Ich hatte jedoch das Gefühl, dass er nicht ganz bei der Sache war, dass in seinem Hinterkopf die unbezahlte Telekomrechnung oder so was ähnliches rumschwirrt. Ich hätte mir einfach etwas mehr Verve in der Stimme gewünscht.
Dass dies dem gesamten Erscheinungsbild von Pelzig an diesen Abend keinen Abbruch tat, ist selbstredend. Auch die mittlerweile doch zahlreich erschienen Zuschauer waren der Meinung, ein wirklich tolles Konzert erlebt zu haben.

Wer die Band verpasst hat, kann sich einen Eindruck von Pelzig bei ihrer Restgeräusch-Session machen.

Übrigens: Der Mischer vom W1 muss eine Reinkarnation vom jungen Jaz Coleman sein. Wahnsinn!

www.pelzig-music.de | www.myspace.com/sicksicksickmusic | www.myspace.com/W1

Und sie fliegen doch!

24. August 2010 lweser Keine Kommentare

Sebastian Stern: Die Hummel, Filmpremiere am 22. August 2010 im Regina-Kino in Regensburg, in Anwesenheit des Regisseurs Sebastian Stern und des Schauspielers Martin Wenzl

Hauptdarsteller Jürgen Tonkel (mit Flügel), Regisseur Sebastian Stern & Schauspieler Martin Wenzl

Jürgen Tonkel (mit Flügel), Regisseur Sebastian Stern und Schauspieler Martin Wenzl

Nach Stefan Betz (Grenzverkehr) und Lola Randl (Die Besucherin ), ist nun Sebastian Stern als dritter ehemaliger Teilnehmer des Regionalfensters der Regensburger Kurzfilmwoche mit einem ersten abendfüllenden Spielfilm in den Kinos zu sehen.

Sebastian Stern, Jahrgang 1979, aufgewachsen im niederbayrischen Viechtach, war 1998, 2000 und 2001 im Regionalfenster vertreten. Dies war sein erster Kontakt mit einem Publikum jenseits des eigenen Freundeskreises. Eine wichtige und schöne Erfahrung, die er nicht missen möchte. Die kreative Arbeit mit filmischen Mitteln, war es, die ihn von Anfang an reizte. Er war kein Cineast, der mit 16 schon alle Fassbinder-Filme gesehen hat (das verhinderte allein schon der begrenzte Zugang zu solchen Filmen in der niederbayrischen Provinz). Er wollte einfach mit Freunden drehen und selbst Filme machen. 2001 hatte er es dann an die HFF in München geschafft. 2004 war ein im Rahmen seines Studiums entstandener Film bei der Regensburger Kurzfilmwoche zu sehen, diesmal im Bayernfenster.

Erst 2010 sollte dann wieder ein Film von Sebastian Stern in einem Regensburger Kino laufen - diesmal besagter abendfüllender Spielfilm. Am Samstag präsentiert er seinen Filmhochschulabschlussfilm Die Hummel, der gleichzeitig sein Kino-Debut ist, im Regina Lichtspieltheater. Er brachte, statt wie angekündigt seinen Hauptdarsteller Jürgen Tonkel, “Dahoam is dahoam”-Darsteller Martin Wenzl zur Verstärkung mit. Martin Wenzl tritt in einer kleinen Rolle in Die Hummel auf, stand Sebastian Stern jedoch als Berater und Freund während der gesamten Zeit bei.

Seine Festivalpremiere hatte der Film im Juni beim Münchner Filmfest. Damals hatte der Film bereits einen Verleih. Der offizielle Kinostart ist am 26. August. Doch vorab stellt Sebastian Stern seinen Film persönlich in ausgewählten ostbayrischen Städten vor. Am Vortag lief der Film in Deggendorf vor 400 Besuchern im ausverkauften Kino. Ganz so viel Zuschauer waren es in Regensburg dann doch nicht. Aber schließlich wurde der Film ja auch nicht in Regensburg gedreht. An 22 Tagen im September 2009 hat Stern seinen Film in Deggendorf gedreht. Viele Deggendorfer sind Statisten oder haben sogar kleine Sprechrollen in die Hummel.

Der Filmtitel, wird in einer Dialogszene aufgelöst. Dort werden seine recht behäbigen und erfolglosen Protagonisten mit Hummeln verglichen. Nach wissenschaftlichen Erkenntnissen können Hummeln nicht fliegen, weil sie einen viel zu massigen Körperbau und zu kleine Flügel haben. Die Hummeln wissen es aber nicht und so fliegen sie dennoch.

Aber nun endlich zum Inhalt: Kosmetikvertreter Pit Handlos (Jürgen Tonkel) ist ein Selfmademan. Doch sein Erfolg ist in Wahrheit auf Pump und nur von kurzer Dauer. Zuerst werden seine Möbel gepfändet, dann verliert er seine Wohnung, bis er sein Auto abgeben muss, kann es nicht mehr lange dauern. Auch mit seinen sozialen Beziehungen steht es nicht zum Besten. Er und sein Sohn sind sich fremd. Seinen Kundenstamm versucht er aus ehemaligen Freundinnen zusammenzustellen. Er heuchelt Interesse, trifft sich mit ihnen zum Rendezvous und packt dann den Verkaufs-Koffer auf den Tisch. Aber ist seine Jugendliebe Christiane (Inka Friedrich) nicht doch zu schade für diese fiesen Tricks? Als er unter einem Vorwand bei seinem Sohn Flo (Michael Kranz) und dessen Gothic-Freundin Moni (Stefanie Reinsperger), einzieht, wirft auch dieser ihm seine Verlogenheit vor.

Sterns Ausgangspunkt war es den Umgang mit Scheitern darzustellen zu wollen. Grade in Kleinstädten habe er oft beobachtet, dass es Menschen wichtiger ist, den Schein aufrecht zuhalten, als Scheitern einzugestehen. Ein großes Thema für einen jungen Menschen. Doch Stern gelingt es die Thematik glaubhaft zu vermitteln ohne besserwisserisch oder ironisch daherzukommen und ohne seine Figuren bloßzustellen. Die einfache Filmsprache Sterns vermittelt Aufrichtigkeit und gibt den Figuren Platz zu Entfaltung. Zusammen mit den reduzierten Dialogen erinnert das tatsächlich manchmal ein bisschen an Kaurismäki. Natürlich profitiert der Film auch von seinen Schauspielern - den großen wie den kleinen. Klar sind Jürgen Tonkel und Inka Friedrich großartig, aber auch die kleinen Rollen sind sehr passend besetzt. Besonders gelungen sind Pits Sohn Flo und dessen Freundin Moni, sowie Pits Freund Herrmann (Gerhard Wittmann), der sich beim Kundenbesuch in die abwesende Mutter zweier Mädchen verlieb. Sterns Charaktere sind echt. Die meisten von uns hatte irgendwann einmal einen Nachbarn wie Pit oder Freunde wie Flo und Moni.
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Buchtipp: Patriotismus 2.0

23. August 2010 sgruen Keine Kommentare

Essay über den neuen Patriotismus

(Sigrid Grün)

Der Begriff Patriotismus hat keinen sehr guten Ruf, vor allem dann nicht, wenn er im Zusammenhang mit Deutschland genannt wird. Da fallen einem gleich Begriffe wie “Hurra-Patriotismus”, “Chauvinismus” und “Nationalismus” ein und schnell steht der Patriotismus, zumal der “neue” in einer Ecke, in die er eigentlich nicht gehört - soweit der Autor. Der habilitierte (natürlich über Patriotismus) Politikwissenschaftler Volker Kronenberg klärt im vorliegenden Essay darüber auf, was Patriotismus ist - und was eben nicht. Er erklärt, was den Patriotismus vom Nationalismus unterscheidet und erörtert die Genese des Patriotismus-Begriffes. Dabei geht er 220 Jahre (und bisweilen noch viel weiter) zurück - zur Französischen Revolution - und erläutert den Patriotismus 1.0, also den “traditionellen” Patriotismus. Die Probleme mit dem “schwierigen Vaterland” nach 1945 werden ebenso ausführlich thematisiert, wie die “geeinte Republik”.
Schließlich geht Kronenberg auf den “neuen”, den “Patriotismus 2.0″ (analog zum web 2.0) ein, der spätestens seit der Fußball-WM 2006 “in” ist. Junge Menschen mit bundesdeutsch geschminkten Gesichtern, Autofähnchen, schwarz-rot-goldne Vuvuzelas - diese Bilder waren auch anlässlich der WM 2010 wieder gegenwärtig. In Deutschland hat sich ein Patriotismus entwickelt, der in den 1980er Jahren noch völlig undenkbar gewesen wäre, so Kronenberg. Ein moderner, zeitgemäßer Patriotismus, den die Nation auch braucht, denn er ist nicht zuletzt ein “Wirtschaftsfaktor”, “Sozialkapital”.
Aber wie emotional attraktiv ist Deutschland wirklich? Volker Kronenberg legt die Ergebnisse zahlreicher Studien vor, die bestätigen: “Ziemlich attraktiv!” - im Westen mehr als im Osten. Diesem neuen Trend geht der Politikwissenschaftler auf den Grund. Doch der emotionale Aspekt steht eigentlich nicht im Vordergrund.

Patriotismus, so Kronenberg, “meint über eine rein emotionale Verbundenheit zur Heimat, zur Region oder eben zum Vaterland hinaus ein sozialpolitisches Verhalten, in dem nicht die eigenen, die individuellen Interessen oder die einiger weniger Mitglieder einer politischen Gemeinschaft handlungsleitend sind, sondern das Wohl aller Mitglieder”.
Insofern ist Patriotismus also eigentlich eine gesellschaftliche Notwendigkeit, die mehr mit Werten, als mit wehenden Fahnen zu tun hat.
In der öffentlichen Debatte wird aber im Zusammenhang mit dem neuen Patriotismus trotzdem immer wieder in dieses Horn gestoßen.

Wie hat sich die neue Form des Patriotismus entwickelt? Welche Rolle kommt dem Patriotismus innerhalb Europas zu? Welche Rolle spielt die Globalisierung? Und was ist eigentlich mit dem heißen Eisen “deutsche Auslandseinsätze am Hindukusch”?
Kronenberg nimmt den Leser mit auf eine politikwissenschaftliche Parforce-Tour. Fast keine Frage den Patriotismus betreffend bleibt offen. Oder?
Politikwissenschaftliche Betrachtungen haben es leider so an sich, oft in der Theorie stecken zu bleiben. Obwohl Statistiken und Umfrageergebnisse bemüht werden, fehlen hier die Menschen. Und so wirkt der Essay etwas “blutleer”.
Dass eine politikwissenschaftliche Habilitationsschrift weitgehend am Schreibtisch entsteht ist klar. Aber ein Essay hätte vielleicht die Möglichkeit geboten, dem Patriotismus 2.0 “in situ” auf die Spur zu kommen.
Dann wäre man vielleicht auch zu dem Ergebnis gekommen, dass kein Hahn mehr nach den Fähnchen und Vuvuzelas kräht, weil man nicht mehr an jeder Tankstelle eine Tröte in schwarz-rot-gold geschenkt bekommt, wenn man für über 50,- Euro tankt. Und dann könnte man vielleicht auch dem rein kommerziellen Wert des Patriotismus nachspüren.

Fazit: Ein anregender Essay für politikwissenschaftlich Interessierte (man sollte mit dem Jargon vertraut sein), der aufschlussreiche Impulse zu einer Diskussion des umstrittenen Begriffes liefern kann.

Volker Kronenberg (Autor)
Patriotismus 2.0. Gemeinwohl und Bürgersinn in der Bundesrepublik Deutschland
www.olzog-verlag.de
144 Seiten

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