Vorpremiere/Kino: Alexander Sukorow: Faust, RUS 2011, Wintergarten. Kino im Andeasstadel, Regensburg
Der russische Regisseur Alexander Sukorow, den die europäische Filmakademie zu einen der besten 100 Regisseure der Welt gewählt hat, widmete sich mit seinem neusten Film einem urdeutschen Stoff: Faust von Johann Wolfgang Goethe, diente ihm als frei interpretierbare Vorlage. Der Film ist nach Sonne (Hiroito), Stier (Lenin) und Moloch (Hitler) der letzte Teil seiner Tetralogie über Mythen und Mechanismen der Macht. Das Besondere: Sukorow, der selbst kein Deutsch spricht, drehte den Film auf Deutsch, zumeist mit deutschen und österreichischen Schauspielern. Dennoch wurde der Film (vom Berliner Synchron-Regisseur Stephan Hoffmann) nachsynchronisiert, wenngleich in der Regel von den Schauspielern selbst. Nur der russischstämmige, seit Mitte der 90er Jahre in Deutschland lebende Schauspieler, Tänzer und Theaterbetreiber Anton Adassinsky, der den Mephisto spielt und der isländischer Schauspieler Sigurdur Skulasson, der Fausts Vater mimte, wurden von Fremdschauspielern nachsynchronisiert. 2011 gewann Faust in Venedig den Goldenen Löwen.

Am Mittwoch feierte der Film im restlos ausverkauften Regensburger Wintergarten seine Vorpremiere. Grund dafür dürfte sein, dass der deutsche Verleih des Films seinen Sitz in Regensburger hat. Doch nicht Christian Meinke vom MFA+-Verleih, sondern Kinobetreiber Medard Kammermeier, fasste den Film am treffensten mit zwei Sätzen zusammen: „1. Vergessen Sie alles, was Sie über Faust wissen. 2. Erinnern sie sich an alles was Sie über Faust wissen - um es im Film wieder zu erkennen.“
Sukorows interpretiert Goethes Vorlage sehr frei. Selbst die spärlich eingestreuten Textzitate sind verändert, dem Original-Kontext entrissen und verkürzt. Damit, wie mit seinem ganzen Film, stürzt er Goethes Faust von seinem Thron und baut ihm gleichzeitig einen Neuen, der ab nun mit Sukorows Namen verknüpft ist. Das wiederum erinnert an Goethes berühmte Rede von „Prometheus“ an Zeus, das bekannteste Gedicht des Sturm und Drangs. Sukorows Faust ist weniger von Wissensdurst getrieben, denn von sexueller Begierde und physischem Hunger. Der eigentliche Pakt kommt erst recht spät und nebenbei zustande und wird von Faust erst einmal orthographisch korrigiert. Fausts Welt ist in erster Linie eine stinkende. Mephisto ist bei Sukorow ein Pfandleiher, ein Wucherer. Das Geld übernimmt, wenn man Faust in die Jetztzeit überträgt, die Rolle des Teufels. Das überzeugt sofort.
Visuell und akustisch ist Sukorows Faust verstörend. Das Format 1,37:1, das klassische Stummfilmformat, das heute längst aus dem aktuellen Kino verschwunden ist, ist vielleicht als Referenz an Friedrich Murnaus Faust-Verfilmung (1,33:1) aus dem Jahr 1926 zu betrachten. Interessanterweise kommt das antike Format diesen Monat gleich bei einem weitern Film in den deutschen Kinos zum Einsatz: in der französischen Stummfilmhommage The Artist. Der überfrachtete Ton, eine Mischung aus Athmo, Musik, innerem Monolog, Dialogen und Hindergrundsgespräche plättet den Zuschauer im Zusammenspiel mit der unruhigen Kamera doppelt. Für die Kamera zeichnet Amelie-Kammeramann Bruno Delbonnel verantwortlich. Einmal sind die Bilder verzerrt, mal grünlich oder gelblich mit Weichzeichner, mal überbelichtet, dann wieder mit reduzierter Sättigung und hohem Kontrast. Das mag manchmal ganz hübsch aussehen, wirkt aber willkürlich und kann beim ersten Sehen nicht in einen logischen Zusammenhang gebracht werden. Motivisch dringt Sukorow ein bisschen ins Phantastisch-, Märchenhafte. Da wimmelt es von Homunkuli, Gedärmen und Geistern, Toten und Tieren. Nichtsdestotrotz besitzt Sukorows Faust eine der schönsten Liebesakte der Filmgeschichte: Gretchen steht auf einem Fels im Wasser. Denkt sie an Selbstmord, an ihres Bruders Tod oder an Faust? Faust umfasst sie von hinten. Ihr Gesicht spiegelt Entzücken. Beide kippen nach vorn ins Wasser und verschwinden in seiner schwarzen Tiefe.
Letztlich ist die visuelle, akustische und motivische Überfrachtung vielleicht System, sicher fordert sie den Zuschauer, zuweilen überfordert sie aber auch. Nichtsdestotrotz handelt es sich bei Sukorows Faust vermutlich um die einzig relevante Verfilmung dieses Stoffes neben der Murnaus und der Švankmajers.
FAUST RUS 2011, 130 min
Regie: Aleksandr Sukorov,
Buch: Aleksandr Sukorov, Marina Koreneva, Yuri Arabov, Nach Johann Wolfgang von Goethe
Musik: Andrey Sigle, Kamera: Bruno Delbonnel
Darsteller: Johannes Zeiler, Anton Adassinsky, Isolda Dychauk, Georg Friedrich, Hanna Schygulla, Antje Lewald, Florian Brückner, Sigurður Skúlason, Andreas Schmidt, u.v.m.
ab Donnerstag, den 19. januar 2012 im Wintergarten-Kino, Andreasstadel
www.mfa-film.de | www.kinos-im-andreasstadel.de