Lisa Genova: Die Gabe der Erinnerung und die Kunst des Vergessens. Wie unser Gedächtnis funktioniert

„Obwohl das Gedächtnis König ist, hat es auch etwas von einem Dummkopf“ – Lisa Genova erklärt, welche Rolle Erinnerung und Vergessen spielen

Lisa Genova studierte Biopsychologie und promovierte in Harvard in Neurowissenschaften. Bekanntheit erlangte sie vor allem durch ihren autobiographisch inspirierten Roman „Still Alice“ (dt.: „Mein Leben ohne Gestern“), der 2014 verfilmt und mit zahlreichen Preisen, u.a. dem Oscar und dem Golden Globe, ausgezeichnet wurde. In „Still Alice“ verarbeitet die Autorin die Geschichte ihrer Großmutter, die an Alzheimer erkrankt war. Die Themen Erinnern und Vergessen sind seit damals Schwerpunkte von Genovas Forschung. Nun hat sie mit „Die Gabe der Erinnerung und die Kunst des Vergessens“ (im Original: „Remember“) ein höchst unterhaltsames und spannendes Sachbuch geschrieben, in dem sie sehr verständlich erklärt, wie unser Gedächtnis funktioniert und wie wir mit Gedächtnisproblemen umgehen können.
Kaum eine andere Funktion unseres Gehirns ist so erstaunlich wie die Erinnerung. Wir haben bestimmte Vorstellungen davon entwickelt, wie sie funktioniert – aber viele dieser Annahmen sind falsch. Wenn wir etwa fest davon überzeugt sind, uns sehr genau an eine bestimmte Situation zu erinnern, täuschen wir uns oft massiv. Ich selbst wurde kürzlich Zeugin eines Kletterunfalls und verständigte den Notruf. Als ich danach befragt wurde, aus welcher Höhe die Person abgestürzt war, variierten die Aussagen der Augenzeugen – zwischen zwei und zehn Metern war fast alles dabei. Und jeder war sehr überzeugt davon, richtig zu liegen. Wie ist es möglich, dass Menschen, die Höhen eigentlich gut einschätzen können (es handelte sich ausschließlich um Kletterer) und alle die gleiche Situation beobachtet hatten, bereits nach wenigen Minuten derart unterschiedliche Angaben machen? Lisa Genova erzählt in ihrem Buch von einer Situation, in der das gleiche Phänomen wirksam wurde: Bei einer Konferenz, zu der sie beinahe zu spät gekommen wäre, fand sie nach ihrem Vortrag ihr Auto nicht mehr. Sie musste mehrere Stunden danach suchen. Warum? Weil sie in der Eile vergessen hatte, ihre Aufmerksamkeit auf den Parkplatz zu lenken, auf dem sie ihren Wagen stehen gelassen hatte. Die Kletterer hatten der Höhe, in der sich der Verunfallte befunden hatte, auch keine Aufmerksamkeit geschenkt. Sie wussten ja nicht, dass es eine Rolle spielen würde.
Wenn wir uns an etwas erinnern möchten, müssen wir der Sache also Aufmerksamkeit schenken. Darum erinnern wir uns auch an unseren ersten Kuss, aber nicht an den zehnten. Und deshalb können wir eine Münze – etwa 10 Cent – nicht genau beschreiben, obwohl wir täglich Umgang damit haben.
Lisa Genova erläutert auf verständliche Weise, wo im Gehirn Erinnerung gebildet wird und in welchen Schritten die Erzeugung einer Erinnerung stattfindet: Codierung, Konsolidierung, Speicherung und Abruf. Zudem erklärt sie den Unterschied zwischen normaler Vergesslichkeit – „Sie können sich nicht erinnern, wo Sie Ihren Jeep geparkt haben“ und Vergessen aufgrund von Alzheimer – „Sie erinnern sich nicht, dass Sie einen Jeep besitzen“ (17).
Was hilft unserem Gedächtnis noch auf die Sprünge? Unsere Vorstellungskraft, also Bilder und Orte. Im Gedächtnissport machen sich die Athlet:innen genau diese Gedächtnisstützen zu Nutze. Mit Techniken wie der Loci- und der Geschichtenmethode können sie schier unglaubliche Leistungen vollbringen, sich zum Beispiel über 100.000 Nachkommastellen der Kreiszahl Pi merken, wie der japanische Ingenieur Akira Haraguchi dies getan hat. Und das mit Ende 60!
In einigen Fällen können wir uns auch kognitive Verzerrungen wie die Überlegenheitsillusion zu Nutze machen. Wir sind dazu in der Lage, uns Details deutlich besser zu merken, wenn sie etwas mit uns zu tun haben. Wann wir zuletzt den Abwasch gemacht haben, wissen wir sehr genau, wann unser Partner es getan hat, vergessen wir aber schnell. Auch emotional aufgeladene Erfahrungen werden eher konsolidiert und vor dem Vergessen gerettet. Gleichförmigkeit bedeutet allerdings so gut wie immer, dass wir etwas vergessen – außer, wir gehören zu den wenigen Menschen mit dem hyperthymestischen Syndrom. Betroffene können sich an jeden Tag ihres Lebens ganz genau erinnern. Die Autorin erzählt auch von Marilu Henner, einer Schauspielerin, die mit dieser außergewöhnlichen Fähigkeit sehr gut umgehen kann, während andere daran schier verzweifeln, denn auch das Vergessen ist eine Fähigkeit, die eine wichtige Rolle spielt. Solomon Schwereschewski, in Fachpublikationen als „S., der Mann, der nicht vergessen konnte“ (159) bekannt geworden, litt unter seiner Fähigkeit extrem. Er fühlte sich stark belastet, weil er Belangloses nicht von Bedeutsamem filtern konnte. Lisa Genova erklärt: „Das Vergessen ist ziemlich wichtig; es hilft uns, tagtäglich unsere Aufgaben zu erfüllen. Wir profitieren davon, alle überflüssigen, unwichtigen, störenden oder gar schmerzlichen Erinnerungen loszuwerden, die uns vielleicht ablenken oder veranlassen, Fehler zu machen oder in Schwermut zu versinken.“ (160) Wenn wir uns jeden Parkplatz merken würden, auf dem wir unser Auto jemals abgestellt haben, könnten wir den aktuellen Parkplatz nur schwer herausfiltern.
Zudem ist die Erinnerung sehr ungenau und lässt sich auch allzu leicht manipulieren. Selbst geringe sprachliche Unterschiede können unser Gedächtnis beeinflussen. Probanden, denen Aufnahmen von zwei aufeinanderprallenden Autos gezeigt worden waren, wurden Fragen gestellt, die inhaltlich zwar identisch, aber unterschiedlich formuliert worden waren: „Wie schnell fuhren Ihrer Meinung nach die Autos, als sie gegeneinanderprallten? Wie schnell fuhren Ihrer Meinung nach die Autos, als sie zusammenstießen? Wie schnell fuhren Ihrer Meinung nach die Autos, als sie kollidierten? Wie schnell fuhren Ihrer Meinung nach die Autos, als sie aufeinandertrafen? Wie schnell fuhren Ihrer Meinung nach die Autos, als sie sich berührten?“ Die unterschiedlichen Verben führten dazu, dass die Schätzungen der Geschwindigkeit 16 km/h auseinander lagen. Wie zuverlässig Zeugenaussagen sind, kann man sich in diesem Zusammenhang wohl denken.
Gedächtnisfehler sind völlig üblich und kein Grund zur Sorge. Auch das sogenannte „Zungenspitzenphänomen“, das wir als sehr quälend erleben können, wird thematisiert. Diese Blockade tritt ein, wenn die Nervenzellen, die die Verbindung zu der gesuchten Information herstellen sollen, nur schwach aktiviert werden. Dann fällt uns zum Beispiel der erste Buchstabe ein, aber wir kommen nicht drauf, was danach kommt. In solchen Fällen rät Lisa Genova, ruhig auf Google zurückzugreifen. Es ist keine Schande, dem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen. Wenn wir schlecht sehen, versuchen wir das Problem schließlich auch mit Hilfe einer Brille zu lösen.
Die Autorin unternimmt eine höchst unterhaltsame Reise durch die Welt der Erinnerung und des Vergessens. Wir lernen etwas über unser Muskelgedächtnis, über das prospektive Gedächtnis, das dafür zuständig ist, uns an Dinge, die wir noch tun müssen, zu erinnern – und oft versagt -, über Gedächtnis und Alter und über Alzheimer, jene Krankheit, die uns auf tragische Weise die Erinnerung raubt. Zudem gibt Genova zahlreiche Tipps, wie wir unser Gedächtnis verbessern können. Vor allem aber plädiert sie für einen gesunden Umgang mit Erinnern und Vergessen. In vielen Punkten haben wir nämlich überzogene Erwartungen, denen wir gar nicht gerecht werden können.
Ich habe bereits mehrere Bücher zum Thema Gedächtnis gelesen, aber keines war so unterhaltsam und vor allem so menschlich wie das von Lisa Genova. Ihr geht es nicht nur um Optimierung, sondern darum, uns selbst etwas besser kennenzulernen und damit dann umzugehen. Es ist hilfreich und entlastend, zu wissen, dass es ganz normal ist, wenn das Gedächtnis mal nicht so funktioniert, wie wir uns das wünschen würden.
Ich kann Lisa Genovas Sachbuch allen ans Herz legen, die mehr über das menschliche Gehirn und den alltäglichen Umgang damit wissen möchten.

Lisa Genova: Die Gabe der Erinnerung und die Kunst des Vergessens. Wie unser Gedächtnis funktioniert
www.ullstein-buchverlage.de
272 Seiten
erschienen am 27. September 2021

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